SigPhi · Alfred Adler

Über den nervösen Charakter

German

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Seit einigen Jahren setzte eine Zwangsidee ein, die unsere Auf- fassung von der Neurose klar widerspiegelt. Patientin glaubt, sie habe durch die Masturbation einen nach vorne ragenden Teil des Genitales, der in ihrer Beschreibung wie ein Penis erscheint, verloren. Nun sei sie gänzlich unbrauchbar für die Ehe geworden, denn sie könnte es nicht überleben, wenn ihr Mann von ihrem Laster erführe. Die Sicherung scheint dadurch eine überaus gelungene, und man sieht deutlich, wie sie ihr fiktives, männliches Leitbild als Ideal zu ihrer realen Weiblichkeit in Gegensatz bringt, letztere unter- streicht und als minderwertig empfindet, gerade durch diesen Kunstgriff aber sich vor einer weiblichen Rolle in der Wirklichkeit sichert.

Unter den Hilfslinien der Charakterzüge mussten insbesondere Ehr- geiz und Entwertungstendenz hervortreten, ersterer in der Familie, in ihrer Kunst und den Freundinnen gegenüber, letztere in dem spärlichen Verkehr, den sie mit Männern pflegte. Immerhin halfen ihr auch diese beiden Charaktere sich jeder gesellschaftlichen Beziehung zu entschlagen und sich ganz auf die Familie zu beschränken, eine fast regelmäßige Erscheinung bei Mädchen, die in ihrem männlichen Protest die Furcht vor dem Mann entwickeln.

Sogar diese Sicherung, so stark sie auch erscheinen mag, konnte dem Persönlichkeitsideal unserer Patientin auf die Dauer nicht genügen. Ihre Freundinnen verliessen sie, um zu heiraten, und als sich auch die jüngere Schwester verlobte, war ihre Leitlinie unhaltbar geworden, weil der Ehrgeiz auch nach der „Herrschaft über den Mann" strebte. Prinzipiell, wie nervöse, in ihrer Unsicherheit verstärkte Mädchen meistens tun, entschied sie: der Erstbeste! Sie ging auf einen Masken- ball und lernte dort einen ehrenwerten Mann kennen, der nach kurzer Bekanntschaft ihr Gatte werden wollte. Auf einem Ausflug gab sie sich ihm hin, weil sie, wie sie erzählte, bei einer Berührung befürchtete, er könnte den Defekt und damit ihre Schmach erkennen. Und lieber wollte sie alles andere über sich ergehen lassen. Als der Mann später freundlich in sie drang, sie möge ihm offen sagen, ob er ihr erster Liebhaber gewesen sei, und warum sie sich so kalt benommen habe, stürzte sie den wohlmeinenden Mann mit der lügenhaften Er- klärung aus allen Himmeln: sie habe schon einem anderen Mann an- gehört. Daraufhin löste der Mann die Beziehung.

Es ist leicht auszurechnen, was nun folgte. Die Patientin, die ständig über einen anderen Verlust, den ihrer Männlichkeit trauerte, sah sich abermals verkürzt und um ihren neuen männlichen Triumph gebracht. Sie widerrief ihre Lüge, versuchte mir später zu erklären, dass sie, um den Mann zu quälen und ihn für die ihr beigebrachte „Niederlage" zu bestrafen, zu entwerten, um seinen Triumph zu bringen, so gesprochen habe. Sie teilte ihm diesen Sachverhalt auch mit, aber er zog sich gänzlich zurück, grossenteils aus Furcht vor weiteren Dis- harmonien in einer Ehe mit diesem nervösen Mädchen. Daraufhin ent- brannte unsere Patientin ganz in Liebe für ihn, machte ihn zu ihrem Gott, verbrachte die Nächte schlaflos mit Gedanken an ihn und schwur es sich zu, nur diesen oder keinen zum Manne zu nehmen. Damit drückte sie aber deutlich aus, dass sie keinen nehmen werde, denn dieser Eine war nach aller menschlichen Voraussicht ihr für immer verloren. So war sie schliesslich durch diverse Kunstgriffe ihrer Neurose wieder zu ihrer alten Leitlinie zurückgekehrt, hatte ein fiktives Ideal 108 II. Kapitel. Neurotische Grenzerweiterung durch Askese, Liebe usw.

gewonnen, die weibliche Rolle aber bis zur Zeit ihrer Behandlung zurück- gewiesen.

Im Falle der psychotherapeutischen Behandlung ist ein besonderes Augenmerk darauf zu richten, dass'man nicht selbst das Opfer der blind arbeitenden Entwertungstendenz des Patienten werde, dessen Krankheitszustand regelmässig dazu benützt wird, den Psycho- therapeuten um seine Geltung zu bringen. Der Patient kann dies in seinen gewohnten Bahnen, nur schärfer nuancierend, indem er Symptome verstärkt, neu auftauchen lässt, gespannte Beziehungen, häufig auch Liebes- und Freundschaftssituationen herzustellen versucht, stets aber mit der durch sein neurotisches Ziel, den männlichen Protest, geleiteten Absicht, des Arztes Herr zu werden, ihn herabzusetzen, in eine „weib- liche" Rolle zu bringen, seine Geltung zu vernichten. Die takti- schen und pädagogischen Kunstgriffe, die man nötig hat, diesen Kampf des Patienten gegen den Arzt abzuschwächen, verständlich zu machen, um daran das ganze neurotische Verhalten des Patienten in seinem übrigen Leben zu demonstrieren, werden zum Hauptfaktor der Heilung. Man unterschätze aber auch den stillen Protest des Nervösen nicht, erwarte ihn bis zum Ende der Behandlung, insbesondere aber gegen Ende, hebe ihn mit ruhiger, objektiver Haltung hervor, als die selbst- verständliche Aggression und Machtpolitik des Patienten, die identisch ist mit seiner Neurose, indem sie die nervösen Bereitschaften und Charakterzüge schafft. Über Freuds Hypothese von der Liebesübertragung soll später noch gesprochen werden. Sie ist nichts anderes als ein Kunstgriff des Patienten um dem Arzt die sachliche Überlegenheit zu rauben. Auch Bezzola und andere haben die Umwege geschildert, auf denen nervöse Patienten den Arzt verkleinern wollen. Immer ist es die männliche Leitlinie, die dabei zum Vorschein kommt und dem Patienten die Überlegenheit sichern soll. Die naheliegendste Art, seinen Aggressionstrieb zu bestätigen, findet der Nervöse stets im Festhalten an seinen Symptomen, weil diese selbst einen Teil seines Aggressionstriebes darstellen. Ein Ausschnitt aus der Krankengeschichte einer Patientin kurz vor Beendigung der Behandlung zeigt in der Art eines feindlichen Vorstosses diese gegen den Arzt ge- richtete Entwertung als eine der psychischen Bereitschaften ihres männ- lichen Protestes. Die Patientin stand wegen Angstzuständen und nächt- lichen Aufschreiens in Behandlung, war virgo und zählte 36 Jahre. Ich will die Aufrollung dieses neurotischen Bildes an folgendem Traum beginnen: „Ich liege zu Ihren Füssen und greife mit der Hand nach oben, nach dem Stoff Ihres seidenen Kleides. Sie machen eine laszive Geberde. Darauf sage ich lächelnd: Sie sind auch nicht besser als die anderen Männer! Nickend bestätigen Sie es."

Wer in Anlehnung an Freuds Traumdeutung das sexuelle Wunschmotiv in den Vordergrund stellte, wird um eine Deutung nicht verlegen sein; die Forderung nach einer sexuellen Grundlage des Traumes wäre nicht allzuschwer zu erfüllen. Auch könnte man sich leicht die Genugtuung verschaffen, wie die Patientin es vorher schon getan, aus ihrer Kinderzeit eine Erinnerung hervorzuholen, wo sie in ähnlicher Weise um den Vater geworben hat: ihre neurotische Sicherungstendenz hat ja schon lange alle warnenden Erlebnisse in übertriebener II. Kapitel. Neurotische Grenzerweiterung durch Askese, Liebe usw. 109 Sorgfalt gesammelt, um gegen eine Wiederholung „anaphylaktisch" vor- zubauen. Ja, man würde leicht die Zustimmung der Patientin finden, das Auftauchen gleichgerichteter Erinnerungen und gegenwärtiger Erlebnisse als ihren eigentlichen „verdrängten" Willensimpuls zu buchen. Denn ihre neurotische Psyche sucht solche Übertreibungen oder auch reale Erinnerungen und macht sie zur Operations- basis, indem sie die Überzeugung von der Minderwertigkeit des Patienten, von seiner Schuld, von seinem Laster, von seiner allzugrossen Weiblichkeit festigt, um mit grösserer Vehemenz die Überlegenheit, die Männlichkeit zu verfechten und die Vorsicht zu vergrössern. Dieser verstärkte männliche Protest aber, der aus der fehlerhaften, vor- sorglichen Perspektive des Patienten erfliesst, kann natürlich die Neurose bloss verstärken. Die Zerstörung dieser Perspektive erst, der neurotischen Apperzeptionsgrundlage, und die Absperrung der fiktiven Zuflüsse zum männlichen Protest, zuletzt das geweckte Verständnis für den Aberglauben an eine abstrakte Leitlinie und an deren Vergött- lichung sind die Hebel, die zur Beseitigung der Neurose in Aktion gesetzt werden müssen.

Unsere Patientin hatte um die Zeit dieses Traumes eine Liaison mit einem verheirateten Mann begonnen. Als dieser in sie drängte, und sie während einer Badereise seiner Frau in seine Wohnung lud, hatte sie allerlei Bedenken, in denen ich sie wesentlich bestärkte. Nichtsdestoweniger hielt sie die Beziehung aufrecht und spielte mit dem Feuer, weil ihr, wie sie sagte, das ungeduldige Zappeln des Mannes Spass machte. Nebenbei war ihre Handlungsweise als feind- seliger Akt gegen ihre Angehörigen und gegen mich, den bedächtigen Warner, gerichtet. Ihre eigene Auffassung Hesse sich als billiger Vorwand deuten. Aber die Vorgeschichte der Patientin, ihr Verhalten während ihrer 20jährigen Krankheit und während der Behandlung zeigten deutlich, dass sie im stärksten männlichen Protest stand, dass sie wohl die Unterwerfung des Mannes verlangen konnte, eine weibliche Rolle aber ängstlich und erschreckt, — ihr Leiden bestand in Angstzuständen und nächtlichem, erschrecktem Aufschreien, — zurück- weisen musste. Der Kernpunkt ihres psychischen Verhaltens bestand in der Furcht vor dem Manne, dem sie sich nicht gewachsen glaubte, eine Furcht, die sie durch ihr eigenes männliches Auf- treten und durch Erniedrigung der Männer zu kompensieren suchte.

Nun könnten wir uns an die Deutung des Traumes wagen. Sie übertreibt ihre psychische Abhängigkeit von mir und festigt diese Über- zeugung durch das für diesen Zweck ausgezeichnete Mittel der Ein- kleidung in ein Traumbild. „Als ob ich zu Ihren Füssen läge." Dieses „Unten sein" wird zur Operationsbasis genommen, und wir dürfen mit Recht erwarten, dass der Konstruktion einer fiktiven weib- lichen Rolle der männliche Aufschwung folgt, wie sich in jedem Traume zeigen lässt. Sie greift mit der Hand nach Oben. Die Fortsetzung ergibt meine Entmannung, die Umwandlung in eine Frau: ich trage ein seidenes Kleid. Der gleiche psychische Mechanismus der Entwertung webt in dem übrigen Teil des Traumes. Ich habe die Patientin gewarnt, — im Traume mache ich die laszive Geberde, deren sich der Bewerber schuldig gemacht hat, das heisst, ich stehe auf der 110 II. Kapitel. Neurotische Grenzerweiterung durch Askese, Liebe usw.

gleichen Stufe, ich bin „auch nicht besser als die anderen Männer"1). Dazu muss ich im Traume noch schweigen und eine zustimmende Geste machen. Der Gegengedanke, ich könnte besser sein, ist der Patientin unerträglich, von ihm, der mir eine Art Überlegenheit gibt, geht die vorbauende, sichernde, nach'der neurotischen Perspektive gebaute Traumfiktion aus. Die Patientin* fühlt sich nur sicher, wenn prinzipiell alle Männer gleich schlecht sind. Dann ist sie auf ihrer alten Leitlinie und fühlt sich überlegen. In ihrem Lachen spiegelt sich ihre Überlegenheit, ebenso in meinem Schweigen. Es ist ein wesent- licher Faktor meiner Traumdeutung, dem Patienten nachzuweisen, wie er fälscht und Argumente aus der Luft greift. Nicht anders wie im wachen Zustand.

Bemerkenswert ist der Umstand, dass sie diese erste gefährlichere Liaison mit einem verheirateten Manne begann. Man kann in allen ähnlichen Fällen eine solche Beziehung als Sicherung vor der Ehe, meist auch vor Geschlechtsverkehr nachweisen. Die männ- liche Leitlinie bleibt gewahrt, aber die Realität macht sich durch den Einschlag weiblicher Regungen und Empfindungen geltend; es ist, wie ich des öfteren ausgeführt habe, ein männlicher Protest mit weiblichen Mitteln, der uns an die Tatsachen des psychi- schen Hermaphroditismus erinnert. Letzter Linie kommt auch die Überlegenheit über die Ehefrau im Dreieck zur Geltung, was in allen analogen Fällen die treibende Kraft ungemein verstärkt.

Wenn wir nun im Sinne einer vergleichenden Psychologie vorgehen und die Bestandteile der apperzipierenden Grundlage dieser Patientin zu bewusstem Ausdruck bringen wollen, indem wir uns die Frage vorlegen: woher hat die Patientin diese Bereitschaft, die psychische Vorbereitung, den Mann durch das weibliche Mittel ihrer Liebesregung zu entmannen, damit gleichzeitig ihr männliches Persönlichkeitsgefühl zu heben und eine Frau zu überflügeln?, so lautet die Antwort: aus ihrer Beziehung zu Vater und Mutter. Dort hat sie die Vor- bereitung bekommen, sich dem Vater als konkretem Leitbild liebend und schätzend zu nähern, hat ihn beherrschen gelernt und hat sich so der Mutter überlegen gezeigt. Abstrahiert man von dem männ- lichen Protest des neurotischen Kindes und analogisiert man selbst, wie es der Nervöse häufig tut, diese Geschehnisse in einem sexuellen Schema, so erhält man den „Inzestkomplex". Man kann nun, wie ich in früheren Arbeiten gezeigt habe, aus dem „Inzestkomplex" wieder herausziehen, was die männliche Leitlinie in ihn hineingetragen hat, nämlich die Sicherung des Persönlichkeitsgefühls unter dem Titel einer Liebesbedingung. In der psychoanalytischen Literatur taucht immer wieder die Behauptung auf, die Libido des Nervösen sei am Vater, an der Mutter fixiert, weshalb er ähnliche Bedingungen, eigentlich den geliebten Teil der Eltern suche. Die einzige wirkliche Liebes- bedingung schafft bei Nervösen der „Wille zur Macht und zum Schein". Und diesen Leitpunkt sucht der Nervöse mit aller Vorsicht, aber un- abänderlich, mit all seinen wohlausgebildeten, vorbauenden Bereitschaften, die von der Sicherungstendenz starr und mit ausschliesslicher Geltung 2) Generalisierung ist ein regelmässig anzutreffender Kunstgriff des Nervösen, der ja immer nach der „sicheren", fiktiven Leitlinie hascht. Ohne Generali?ierung fiele seine Weltanschauung und die aus ihr stammende, nervöse, prinzipielle Haltung angesichts der Vielgestaltigkeit des Lebens in sich zusammen.

IL Kapitel. Neurotische Grenzerweiterung durch Askese, Liebe usw. 111 geschaffen wurden und jeder Abänderung widerstreben. Die Bedeutung der Liebesbedingungen ist keine andere wie die der Sicherung des Persönlichkeitsgefühls, wobei die ausschliessende Wirkung desselben noch deutlicher verrät, dass die treibende Kraft im männlichen Protest zu suchen ist, der auch schon den Schein der Inzestkonstellation geschaffen hat. Wo, wie in manchen Fällen, die Fixierung an einem der Eltern- teile deutlich sichtbar wird, ist sie zweckdienlich1) konstruiert, arrangiert, um der Entscheidung vor anderen Partnern, vor der Liebe und Ehe auszuweichen. Denn meist hat der Nervöse die Liebes- und Ehebereitschaft als mit seinem männlichen Endziel un- verträglich zerstört oder unausgebaut gelassen.

Die ursprünglichste der Dreiecksituationen aber, die „Inzestsituation", löst sich bei näherer Betrachtung in eine durch den „Grössenwahn des Kindes" erzwungene asexuelle Affäre auf, die bereits alle neurotischen Charaktere des disponierten Kindes, seinen Neid, seinen Trotz, seine Unersättlichkeit, seine Frühreife, seine Herrschsucht und seinen Mangel an Gemeinschaftsgefühl aufweist. Die Triebfeder zur Festhaltung geeigneter Erinnerungen, zu den Erinnerungsfälschungen und Übertreibungen der Er- innerungsspuren ist durch die Furcht vor einer Niederlage im Leben gegeben. Und wo wirklich der Sexualtrieb sich bemerkbar gemacht hat, wo die Inzestmöglichkeit für das Kind gegeben war, wird die Erinnerung als schreckende Spur, als Memento aufbewahrt. Was die neurotische Psyche lenkt, sind nicht Erinnerungen, Reminiszensen, sondern das fiktive männliche Endziel, welches die Nutzanwendungen zu seinen Gun- sten in Form von Bereitschaften und Charakterzügen gezogen hat. Es macht kaum eine Änderung aus, wenn diese Reminiszenzen durch das Persönlichkeitsgefühl „verdrängt", ins Unbewusste gestossen wurden, wenn nur die mit ihnen gleichlaufende Haltung geblieben ist; in jedem Falle steht der neurotische Charakter und die sonstigen psychischen Gesten mit ihrem unbewussten Mechanismus gegen die Einordnung in die Gemeinschaft.

So war es auch im Falle unserer Patientin. Sie konnte beispiels- weise angeben, dass sie immer den Vater auf ihre Seite bringen wollte, dass sie dies auch durch sorgfältiges Eingehen auf seine Gedankengänge und Wünsche erreicht habe. Von der Mutter ihn loszureissen war ihr nicht schwer gefallen. Mit 14 Jahren begann sie seinen Küssen aus- zuweichen, weil sie ein unheimliches, erotisches Gefühl dabei empfunden hatte. Zum Verständnis dieses Arrangements füge ich bei, dass Patientin seit ihrem 12. Lebensjahre deutliche Zeichen der Neurose aufwies. Ihre damalige Situation lässt uns den Sinn dieser Sicherung, — durch Kon- struktion erotischer Bereitschaften, — verstehen. Sie war immer ein ungeberdiges, knabenhaftes Geschöpf gewesen, das damals bereits die Macht des Sexualtriebs empfinden gelernt hatte und seit längerer Zeit masturbierte. Um diese Zeit begannen auch Nachstellungen von Seiten der Männer, gegen die sie mit starker Angst reagierte. Seit einigen Jahren war bereits die Sicherungstendenz soweit hervorgetreten, dass Patientin die Angstbereitschaft verstärkt hatte, die aus ursprüng- lichen realen Angstempfindungen aufgebaut war, und nun konnte sie auf eine Befürchtung einer Herabsetzung im Sinne einer weiblichen Rolle, ]) Entsprechend dem Lebensplan, dem Finale 112 IL Kapitel. Neurotische Grenzerweiterung durch Askese, Liebe usw.

mit Vorsicht jeden Anlass wahrnehmend, halluzinatorisch einen Zustand von Angst bei sich auslösen, ihn sozusagen eskomptieren, wie er etwa der Eventualität einer Gravidität entsprochen hätte. Diese Antizipation und halluzinatorische Erweckung von Sen- sationen, die einer für die Zukunft befürchteten Niederlage entsprechen, sind das Werk der vorbauenden Sicherungstendenz und machen, wie ich bereits hervorgehoben habe1), das Wesen der Hypochondrie, der Phobie und zahlreicher neurasthenischer sowie hysterischer Symptome aus. Ich will hier nur kurz anführen, dass auch das Wesen des Wahnes auf einer ähnlichen dogmatischen, antizipierten Darstellung einer Befürchtung oder eines Wunsches beruht, welche die Sicherungs- tendenz zu besserer Beglaubigung in einer Phase grosser Unsicherheit, in stärkerer Anlehnung an die fiktive Leitlinie zum Schutze des Persön- lichkeitsgefühls bietet. Indem unsere Patientin mit ihrem Angstzustand einen möglichen, zu erwartenden Prestigeverlust vorausahnte und halluzinatorisch festhielt, fand sie sich am besten davor gesichert. Zuweilen brauchte die halluzinatorische Erregung eine weitere Ver- stärkung: da kam Patientin zur sichernden Zwangsvorstellung, sie habe ein neugeborenes Kind getötet. In der Analyse zeigte sich diese Angst vor dem Manne, gelegentlich in Platzangst ausartend, an Ermahnungen der Mutter geknüpft. Dies bedeutet, dass Patientin aus ihren Er- innerungen sogar die Worte der stets bekämpften Mutter herausgriff, so ferne diese sich zur Sicherung eigneten2).

In diese vorbereitenden Akte fiel ein Ereignis, das den über- stürzten Ausbau der sichernden Bereitschaften drohend forderte: eine ihrer Kousinen brachte ein uneheliches Kind zur Welt, worüber in der gutbürgerlichen Familie die grösste Empörung zum Aus- druck kam, insbesondere als sich der Verführer aus dem Staube machte. — Unser wachsendes Verständnis für die Entwickelung dieses Mädchens lässt uns verstehen, warum dieses Ereignis den Ausbau der Neurose beschleunigen musste, und wieso es kam, dass den Worten der gering geachteten Mutter eine höhere Wertung zuteil wurde. Patientin war seit früher Kindheit ein wildes, ungebärdiges Mädchen von grosser körperlicher Kraft gewesen, das mit Vorliebe Knabenspiele spielte und jede weibliche Regung mit äusserster Unlust verpönte. Es ist ihr noch erinnerlich, mit welcher Heftigkeit sie Puppenspiele und weibliche Handarbeiten von sich wies. Die Persönlichkeit des Vaters überragte die der Mutter in auffallendem Masse. Eine un- verheiratete Tante, die bei der Familie unserer Patientin wohnte, erfreute sich eines durchaus männlichen Gebarens, zeigte einen Bartwuchs und hatte eine Männerstimme. An diese stark und immer wieder auftretenden Erinnerungen reihte sich eine, die aus späterer Zeit stammte und mit der die Patientin beherrschenden Tendenz aus der Kindheit, — ein Mann 2) Nebenbei sollte die Mutter mit ihren apodiktischen Drohungen auch nicht recht haben, sollte Schlechtes angerichtet haben. Einer meiner Patienten wuide als Kind stets von der Schule abgeholt. Wie viele Kinder empfand er diese Bevormundung als Herabsetzung. Als eines Tages die Begleiterin ausblieb, wartete er 5 Stunden beim Schulgebäude, bis ihn die erschreckten Eltern fanden. Ähnlich desavouierte der kleine Nietzsche seine Erzieher, da er in strömendem Regen Schritt für Schritt nach Hause spazierte und auf den Vorhalt der geängstigten Mutter ant- wortete: man habe ihn gelehrt, dass brave Kinder sittsam nach Hause gehen mtissten, ohne zu laufen und zu toben. — II. Kapitel. Neurotische Gronzerweiterung durch Askese, Liebe usw. 113 werden zu wollen, — erst die nötige Resonanz schuf, die Erinnerung, wie sich eine langjährige Schulkollegin, — ein Pseudo- hermaphrodit, — in einen Mann verwandelte. Diese und ähn- liche Mitteilungen, ein besonderes Interesse für Hermaphroditismus z. B., genügt nach meiner Erfahrung zur vorläufigen Feststellung, dass derartige Patienten den Schein ihrer Weiblichkeit, — ob sie nun weiblichen oder männlichen Geschlechts sind, — abzustreifen wünschen, dass sie sich männliche Charaktere beilegen wollen, als ob sie an ihre Verwand- lungsfähigkeit fest glaubten, und dass sie unausgesetzt Versuche unternehmen, in die höher gewertete männliche Rolle vorzurücken. Unter diesen Versuchen, — corriger la fortune, — interessieren uns insbesondere zwei: die Herstellung des neurotischen Charakters und der neurotischen Bereitschaften in Form der Neurose und ihrer Symptome.

Als einen nicht seltenen Charakterzug solcher Patientinnen möchte ich anführen, dass sie eine Neigung zur Entblössung und Frivo- lität zeigen, und zwar in der Kindheit oder im späteren Leben, im Traum, in der Phantasie oder im neurotischen Anfall, wo sie sich die Kleider vom Leibe reissen, in der Psychose, wo sie sich entkleiden, als ob sie der weiblich gewerteten Schamhaftigkeit entraten könnten. Man sieht aus diesen Fällen, wie eine Perversion, die des Exhibitionismus, nicht aus einer „angeborenen sexuellen Konstitution" erwächst, sondern dass die das Persönlichkeitsgefühl sichernde Neurose Minderwertigkeitsgefühle zu unterdrücken, zu verdrängen bestrebt ist, weil in ihr das heftige Begehren zum Ausdruck kommt, ein ganzer Mann, höherwertig sein zu wollen. Der sexuelle Jargon ist dabei bloss eine Ausdrucksweise, ein „Als-Ob", der sexuelle Gedanken- oder Tat- sacheninhalt nur ein Symbol des Lebensplanes. Auch die weibliche, übertriebene Schamhaftigkeit solcher Patienten ist ein Kunst- griff in der entgegengesetzten Richtung, um über den Mangel der Männ- lichkeit hinwegzutäuschen1). Die Schamlosigkeit steht in solchen Fällen an Stelle der gewünschten Männlichkeit, ist männlicher Protest, auf- fälligere Schamhaftigkeit zeigt regelmässig auf peinliche Gedankengänge der Resignation und löst deshalb Protesterregungen männlicher Art aus, welche die Linien des Ehrgeizes, des Obenseinwollens, des Alleshabenwollens, des Trotzes usw. namhaft verstärken. In der weiteren Entwickelung der Neurose kann sich die Eroberungslust und Überwältigungswünsche sowie die Entwertungstendenz gegen andere auch in Form von feindseligen Kastrationsphanthasien und deren Rationalisierungen geltend machen. Neigungen, den Partner wehrlos zu machen, den Beweis der Überlegenheit zu empfinden, was regelmässig den tragenden Gehalt des Exhibitionismus ausmacht, finden sich oft. Zuweilen kann man Mangel an Nettigkeit und Indezenz bei Mädchen als Spur der zutage tretenden Fiktion verstehen: ich will ein Mann sein! Fort von der Frauenrolle!

') Adler, Männliche Einstellung bei weiblichen Neurotikern (Venustraum), in „Praxis und Theorie der Jndividualpsychologie" 1. c. — In den nun eintretenden „männlichen" Ersatzleistungen liegt, über sie hinausweisend, das Gefühl von deren Ünzulänglichheit zutage. Bei schweren Neurosen und Psychosen (Melancholie, Dementia praecox und Paranoia) treibt die gefühlte Hoffnungslosigkeit, der mangelnde Glaube an die Sieghaftigkeit des egozentrischen Ich zur Revolte gegen das ganze Leben und gegen die Gemeinschaft. Ebenso im Falle des Selbstmords.

Adler, Nervöser Charakter. 3. Aufl. 8 114 IL Kapitel. Neurotische Grenzerweiternng durch Askese, Liebe usw.

Alle diese Charakterzüge, so gegensätzlich sie sich zuweilen geber- deten, waren in gleicher Richtung für den fiktiven Endzweck dieser Patientin tätig. Es war nicht schwer, als Vorbedingung ihrer männ- lichen Einstellung ein Stadium der Unsicherheit in ihrer frühen Kind- heit aufzufinden, wo sie in mangelhafter Einsicht, aber geleitet durch den krankhaften Einschlag und ihren kompensierenden Ehrgeiz die Hoffnung nährte, sich dereinst in einen Mann zu verwandeln. Dieses Endziel, sich aus dem hermaphroditischen Zustand (D es soir) zu einem Manne zu entwickeln, lässt sich leicht überblicken, wenn man ihr knaben- haftes Gebaren als die Vorbereitung für ihre fiktive Erwar- tung versteht. Hierher gehört auch ihre Neigung Knabenkleider an- zuziehen, eine Erscheinung, die, wie bei den Transvestiten Hir Seh- felds, aus der eben geschilderten psychischen Dynamik erfliesst. Be- sonders deutlich wurde ihr Leitbild in ihren kindlichen Phantasien und Tagträumen. In Anlehnung an Märchen und Mythen (Zwerg Nase, 1001 Nacht usw.) sah sie die mannigfachsten Verwandlungen mit sich vorgehen, glaubte sich bisweilen in eine Nixe oder in eine Meerjungfrau verwandelt, bei der, — als für den besonderen Sinn bezeichnend, — ein Fischschwanz die untere Körperhälfte beschloss. Zu dieser Zeit stellte sich auch im Zusammenhange damit ein deutlicheres neurotisches Symptom ein. Sie konnte gelegentlich nicht gehen, als ob sie statt der Beine einen Fischschwanz hätte. Auch ein sich anschliessender Schuh- fetischismus deutet in die männliche Richtung und entwickelte sich derart, dass sie grosse Schuhe, wir können sagen: männliche Schuhe tragen musste, weil sie sonst Fussschmerzen bekam. Aus Ovids Meta- morphosen, die sie in ihrer Lesewut frühzeitig in die Hände bekam, entlehnte sie ein anderes Bild und Hess es noch während der Behand- lung in ihren Träumen auftauchen: wie sie sich derart verwandelte, dass der Unterkörper in einen festwurzelnden Stamm auslief. In dieser und ähnlicher Weise gab sie sich die Antwort auf die Frage nach ihrer zu- künftigen Geschlechtsrolle1), deren Umwandlang sie nicht ihrer Kraft, sondern wie alle lebensfeigen Neurotiker einem Wunder, einem Zauber verdanken wollte.

Es wird uns in diesen und ähnlichen Fällen nicht überraschen, zu erfahren, dass auch ihre Stellung zum Weibe von ihrem männlichen End- ziel beeinflusst wurde. In ihren Vorbereitungen für die Zukunft musste auch die Liebes- und Geschlechtsbeziehung ihren Platz haben, und so finden wir unsere Patientin denn auch bald als den ideell männlichen Beschützer einer jungen, zarten Schwester. Des weiteren kamen ins- besondere sadistische Akte gegen kleine Mädchen und Dienstmädchen, aber auch gegen zarte, weiblich geartete Knaben vor. So finden wir in der männlichen Leitlinie der Patientin eine Verschränkung von sekun- dären Zügen, unterstützende Hilfslinien der Homosexualität2) und des (männlichen) Sadismus, deren Arrangement sich aus dem Aus- bau der männlichen Bereitschaftsstellung ergab, und die als einzig mög- licher Ersatz männlicher Sexualität von ihrer neurotischen, tendenziösen *) In einer der Metamorphosen Ovids verlangt übrigens eine Nymphe von Apoll als Liebeslohn die Umwandlung in einen Mann.

2) Moll hat die häufige Verbindung von Homosexualität und Exhibitionismus mit grossem Scharfblick hervorgehoben. Unsere Darlegung weist den inneren Zu- sammenhang nach. Beide Perversionsneigungen sind Ausdrucksformen des männ- lichen Protestes bei unsicheren Männern.

Tl. KapiteT. Neurotische Grenzerweiterung durch Askese, Liebe usw. 115 Apperzeption aus den Eindrücken des Lebens mit zureichendem Grunde ausgewählt wurden. Auch diese beiden Perversionen sind, wie noch auszuführen sein wird, Umwege und neurotische Kunstgriffe, sekundäre Leitlinien, die aus dem übertriebenen männ- lichen Protest erwachsen. Die Frage nach einer konstitutionellen Grundlage der Perversionen ist ganz irrelevant, da die sichernde, ihr Material tendenziös wählende Neurose an die harmlosesten Be- ziehungen anknüpfen kann, ihnen gleichzeitig Masse und Geltung verleiht, die ins Ungemessene gehen können, soweit als die Neurose es braucht, indem sie dieselben aufpeitscht und ihnen die höchsten Werte verleiht.