In der Tat findet man als erste Äusserung dieser Unerfahrenheit und ihres herabsetzenden Rückschlags auf die Psyche eine ungeheure Steigerung der Neugierde und Wissbegierde, und um doch eine Richtung seines Lebens zu finden, gerät das Kind unter den Zwang einer Leit- linie, die es treibt, so zu handeln, als ob es alles wissen müsste. Macht es die Erfahrung von der Superiorität des männlichen Prinzips in unserer Gesellschaft, so wird das Leitbild vermännlicht, insbesondere, wenn ihm der Mann, der Vater als der Wissende erscheint!).
Zu besonderen Charakterzügen, die in der Neurose deutlicher werden, kommt es bei kleinen Mädchen, die sich solcher Art bemühen, die männliche Leitlinie zu halten. Das Gefühl der Verkürztheit überwiegt bei ihnen, ebenso bei Knaben, die sich für weiblich halten, dermassen, dass sie nur Sinn und Interesse dafür haben, Beweise für diese Verkürzung zu sammeln und ihre Aggression gegen die Umgebung zu steigern. Bilder von Kastration, von Verweiblichung, von Verwand- lungen in einen Mann, von männlichen Formen des Lebens tauchen bei der Analyse als Wegweiser in der neurotischen Psyche auf, deuten auf die Sucht nach Manngleichheit und lassen in späterem Formenwandel der Leitlinien die männliche Fiktion immer wieder auftauchen. Die typische psychische Attitüde dieser Nervösen ist regelmässig so, als ob sie einen Verlust erlitten hätten, oder als ob sie mit grosser Vorsicht einem Ver- lust ausweichen müssten. E. H. Meyer berichtet in den „Indogermani- *) Siehe Hedwig Sc hulhof, lndividualpsychologie und Frauenfrage. Verlag E. Reinhardt, München.
III. Kapitel. Die verstärkte Fiktion als leitende Idee in der Neurose. 57 sehen Mythen" (I. S. 16): „Nach dem Atharva Veda verzehren die Gand- harven (phallische Dämonen) den Knaben die Hoden und verwandeln dadurch die Knaben in Mädchen." Solcher und ähnlicher Gestalt scheinen in der Kindheit die Vorstellungen vieler Nervöser über die Ent- stehung beider Geschlechter gewesen zu sein, als von Gedanken über eine erlittene Verkürzung, die sich in einem sexuellen Bilde der Verweiblichung darstellt. Die nächste psychische Folge ist dann in der Regel die verschärfte Aggression gegen die Eltern, denen die Schuld an dieser Verkürzung zugeschrieben wird, und ein intensives Suchen nach der Parität.
Flies s, Halban, Weininger, Steinach und vor ihnen unter an- deren Schopenhauer und Krafft-Ebing fundieren den psychischen Hermaphroditismus auf der Anwesenheit von hypothetischer männlicher und weiblicher Substanz in einem Individuum. Unsere Auffassung setzt bloss den Gegensatz in der Wertschätzung des Männlichen und Weiblichen voraus, wie er tatsächlich besteht, rechnet mit der allgemeinen Ver- breitung des gegensätzlichen, bildlichen Apperzeptionsschemas: „Männ- lich-Weiblich" und folgert aus dem Zwang des neurotisch verstärkten und erhöhten Persönlichkeitsideals den leicht auffindbaren männlichen Einschlag. Letzterer bedingt auch die Unterstreichung des Gefühls der eigenen Minderwertigkeit durch die Fassung in einem Bi'de, das der weiblichen Rolle angehört, um mit den Regungen, Bereitschaften und Charakterzügen des männlichen Protestes dagegen zu reagieren. Eine Reihe der letzten Arbeiten aus der Freud sehen Schule haben die von mir veröffentlichten Befunde aufgegriffen. Die weitere Verfolgung führt unwiderruflich zur Erkenntnis der Unhaltbarkeit der Libidotheorie, zur Beseitigung der sexuellen Ätiologie und zum Verständnis des neu- rotischen Sexualverhaltens als einer Fiktion1].
Ist uns so der männliche Protest als Kunstgriff der Psyche klar geworden, mittelst dessen sie zur vollen Sicherung ge- langen, sich mit der leitenden Persönlichkeitsidee zur Deckung bringen will, so erübrigt es noch, die Formverwandlung dieser Leitlinie ins Auge zu fassen, wie sie jedesmal eintritt, wenn sich in ihr Widersprüche geltend machen und den Zweck des neurotischen Strebens, das Oben- seinwollen, gefährden. Dieser Fall tritt ein, wenn die Wirklichkeit mit einer starken Herabsetzung des Persönlichkeitsgefühls droht. Der Nervöse wird sogar in diesem Falle prinzipieller an seiner „Idee" festhalten als der Normale. Je weiter er aber in die sichernde Neurose eingesponnen ist, um so eher wird er, auf Erinnerungen und Memento gestützt, den Schaden antizipierend, neue neurotische Umwege konstruieren, weitere neurotische Sicherungen anbringen, die für ein vorliegendes Problem weder ein Fiat noch eine Negation enthalten, vielmehr beide zugleich. Es wird sich sein psychisch -hermaphroditischer Charakter auch darin geltend machen, dass er zurückweicht, sich unterwirft, in seinem Sinne „weiblich" wird, während sein Streben gleichzeitig weiterhin ein Vordringen, Herrschsucht, Männlichkeit aufweist, mit dem Ergebnis, dass er nichts vorwärts bringt, da er für jeden Schritt nach vorne einen nach rückwärts macht, dieses Verhalten zuweilen sogar pantomimisch ausdrückt. Ebenso kann die Furcht vor Blamage, vor Strafe, vor Schande, kurz vor dem „Unten" seine geradlinigen männlichen Züge l) Siehe Oswald Schwarz, Wiener klin. Wochenschr. 1922.
58 III. Kapitel. Die verstärkte Fiktion als leitende Idee in der Neurose.
verwandeln. Die Konstruktion von neurotischen Schuldgefühlen, von „er- erbten" Verbrecherinstinkten, von Roheit, Grausamkeit und Egoismus schafft schreckende Spuren in gleicher Weise wie das neurotisch zum Ausdruck gebrachte Gefühl der Schüchternheit, Feigheit, Unbeholfen- heit, Dummheit und Faulheit. Das^ schlimme, unerziehbare Kind, die Flegeljahre und manche Formen der Psychose, 'häufig das Vorstadium der „entwickelten Neurose" zeigen uns den männlichen Protest in hoher, geradliniger Ausbildung. Die Darbietungen sind geradezu getragen von der zum Selbstzweck gewordenen Welle des männlichen Protestes, der voll und ganz die Stelle der verstärkten leitenden Fiktion vertritt.
Unsere theoretische Darstellung von der neurotischen Psyche wäre unvollständig, wenn sie nicht auch auf das Wesen und die Be- deutung des Traumes einginge. Ich kann an dieser Stelle keine abgerundete, geschweige eine vollständige Traumtheorie vorführen. Aber ich bin aus mehreren Gründen genötigt, alle Beobachtungen und Be- funde mitzuteilen, die meine Traumuntersuchungen des praktischen Teils dieser Arbeit ermöglicht haben. Im Laufe einer langjährigen Beob- achtung des Traumlebens gesunder und kranker Personen bin ich zu folgenden Ergebnissen gelangt1): 1. Der Traum ist eine skizzenhafte Spiegelung von psychischen Attitüden und deutet für den Untersucher die charakteristische Art an, wie der Träumer zu einem bevorstehenden Problem Stellung nimmt. Er deckt sich deswegen mit der Form der fiktiven Leitlinie, gibt immer nur Versuche des Vorausdenkens, probeweise Vorbereitungen einer Aggressionsstellung, kann daher mit grossem Vorteil zum Ver- ständnis dieser individuellen Vorbereitungen, der Bereitschaften und der leitenden Fiktion verwendet werden.
2. In gleicher Weise treten, mehr oder weniger abstrakt, die Ein- stellungen des Träumers zur Mitwelt und somit auch seine Charakter- züge2) und deren neurotische Abbiegungen zutage. Die Abstraktion im Traumdenken ist durch die Sicherungstendenz erzwungen, die ein Problem durch Vereinfachung und Zurückführung auf ein einfacheres, kindlicher gelegenes zu lösen sucht, und dies ganz wie das Denken überhaupt, nur vertiefter, mittelst des tendenziösen Gedächtnisses bewerkstelligt, in bildlicher, analogischer Weise, durch halluzinatorische Erweckung von Erinnerungen schreckender oder aneifernder Art. Die Absperrung von der Wirklichkeit durch den Schlaf unterstützt das abstraktere Denken im Traume, da die Korrektur durch den Schlaf der Sinnesorgane zum grössten Teil ausgeschlossen ist. Dieser Umstand sowie der Mangel einer bewussten Zwecksetzung im Traumdenken verschulden die Un- verständlichkeit des Trauminhalts für den Träumer; der Traum erhält überhaupt erst einen Sinn wenn man ihn als ein Symbol des Lebens nimmt, als eine Analogie, ein „Als ob", für welches die Deutung erst die reale Bewegungslinie einzusetzen hat.
3. Diese noch zu erweisenden Tatsachen sowie die Ausdrucksform des Traumes in einem „Als ob" („Mir war, als ob") zeigen uns das Wesen des Traumes als einer Fiktion, in der sich die Vor- *) Siehe Ausführliches in „Theorie und Praxis der Individualpsychologie" 1. c.
2) Schon G. Chr. Lichtenberg schreibt: „Wenn Leute ihre Träume auf- richtig erzählen wollten, da Hesse sich der Charakter eher daraus erraten als aus dem Gesicht".
III. Kapitel. Die verstärkte Fiktion als leitende Idee in der Neurose. 59 versuche und Proben verdeutlichen, durch welche die Vorsicht zur Be- herrschung einer Situation in der Zukunft gelangen will. Bei den Träumen nervöser Personen wird man deshalb deutlicher als bei andern die neurotische, nach dem Prinzip einer starken Gegensätzlichkeit arbeitende Apperzeptionsweise, das betonte Minderwertigkeitsgefühl und die leitende Persönlichkeitsidee beobachten oder im Zusammenhang mit ihrem Seelenleben erraten können. Häufig finden sich in ihnen, gegen- über dem sichtbaren Eifer am Tage, die nächtlichen Bedenken; wie Penelope trennt der Patient des Nachts auf, was er am Tage gewebt.
4. Der Zug der neurotisch verstärkten Leitidee wird sich in den Träumen der Nervösen regelmässig äussern, zumeist im Bilde des Strebens nach „Oben" oder des männlichen Protestes. Die weibliche oder „untere" Operationsbasis ist immer angedeutet.
5. Wiederholte Träume ähnlichen Inhalts und erinnerte Kindheits- träume zeigen die fiktive Leitlinie am deutlichsten. Denn sie bauen sich auf einem fertigen oder als brauchbar befundenen Schema auf, das durch das neurotische Endziel errichtet und festgehalten wird. Die mehrfachen Träume einer Nacht weisen auf den Versuch einer mehr- fachen Lösung hin und kennzeichnen das Gefühl einer stärkeren Un- sicherheit. Die sogenannte „Traumzensur" (Freud), derzufolge die Verdeckung oder Verschleierung eines Sachverhalts durch Entstellung bezweckt wird, erweist sich als die Wirkung der Sicherungstendenz, die den Formen wandel der Fiktion in der Neurose wie im Traume intendiert, und in entsprechender Entfernung dem Widerspruch gegen die männ- lichere Leitlinie durch einen Umweg zu entgehen sucht. Andere „Ent- stellungen" liegen im Wesen des abstrakteren Traumdenkens und in seinem Charakter als einer blossen Spiegelung.
6. Die Symbolik und der Kunstgriff der Analogie im Traume sind formalinhaltliche Ausstrahlungen dynamischer Affektverstärkungen, ihre künstlerischen Wortbilder sozusagen. Sie sind der psychische Überbau über einem Junktim zwischen psychischer Situation und einem tendenziös, meist fälschlich, — sophistisch herangezogenen Memento, das die von der „Idee" geforderte Resonanz beibringen muss. Der Vorzug meiner rationellen Traumdeutung besteht auch darin, dass wir in die Lage kommen, dem Träumer seine Tendenz und seine im Traume meist deut- licher Fälschungskunststücke nachzuweisen, durch die er sich auf seiner Linie zu halten versucht.
Die von Freud behauptete Erfüllung von infantilen Wünschen und der Regression im Traume löst sich also auf in einen Versuch des Vorausdenkens, um zur Sicherung zu gelangen, wobei tendenziös gruppierte Erinnerungen, keineswegs die übidinösen oder sexuellen Wünsche der Kindheit als Memento zu Hilfe genommen werden, ein psychischer Kunstgriff, der auch das logische Denken beherrscht. Das Wesen der Neurose sowie ihrer Träume und ihres Wahns bieten als einzig Unterscheidendes von der Norm die durch die verstärkte Fiktion verstärkte Tendenz zur Auswahl der wirksam ge- machten Erinnerungen, kurz gesagt: die neurotische Per- spektive. — Der Neurotiker leidet nicht an Reminiszenzen, sondern er macht sie. Dementsprechend muss zum Verständnis des Traums und der Neurose eine dynamische Betrachtungsweise ge- fordert werden.
60 III. Kapitel. Die verstärkte Fiktion als leitende Idee in der Neurose.
Ist einmal der zur Orientierung und zur Sicherheit des Handelns unbedingt nötige Vergleichspunkt, das Ziel, gefunden, der um so höher eingestellt wird, je drückender und länger das Gefühl der Minderwertigkeit auf dem Kinde gelastet hat, so muss er aus obigen Ursachen, aus dem Zwang des Vergleichens and des kindlichen Ausrichtens stabilisiert, hypostasiert, für heilig, göttlich erklärt werden. Auf der einen Seite stehen die realen Bedingungen und Bewegungen des Subjekts, auf der anderen als kompensierende Folge des Minderwertigkeitsgefühls der Gott, die leitende Idee, bildlich apperzipiert in einer Person, in einem Geschehen. Dieser letztere ideelle Punkt wirkt nun so, als ob ihm alle rich- tende Kraft gegeben wäre. So entsteht erst aus dem orga- nischen, objektiven Leben, dem Reflex — oder Instinkt — oder Triebleben das, was wir Seelenleben, Psyche nennen.
Jeder Schritt des Kindes richtet sich in diesem System und wird von ihm gerichtet. Es ist ein fortwährendes Abwägen, Tasten, Vor- bereiten, Bereitschaftenstellen und Messen am Ideal, was das Kind in seiner Entwicklung vorwärts bringt. Es misst sich am Manne ebenso wie an der Frau, wobei die „Gegensätzlichkeit" der Geschlechter aber- mals eine Hilfslinie ergibt und eine psychische Ausrichtung nach einer entgegengesetzten, in gewissem Sinne feindlichen, ausweichenden Linie, der männlichen, erzwingt. Beim neurotisch disponierten Kinde bringt die durch das Unsicherheitsgefühl gesteigerte kompensatorische Siche- rungstendenz unter Anspannung der Aufmerksamkeit die abstrakt — neurotisch vertieften Richtungslinien zum überspannten Ziel des männ- lichen Protestes zuwege. Und die schärfer gefasste Gegensätz- lichkeit der Geschlechter schafft früher und eindring- licher die vorbereitenden Stellungen zum anderen Ge- schlecht, um so mehr, wenn, wie beim Neurotiker, die aus- schliessliche männliche Wertung des Ideals auf sein Minderwertigkeitsgefühl reflektiert und dieses als weib- lich erscheinen lässt.
Die Grundlage der Familienerziehung bringt es mit sich, dass die ersten Versuche, zu einem Persönlichkeitsideal zu gelangen, Entlehnungen von Zügen der höchstgewerteten Familienpersönlichkeit, zumeist des Vaters, vorstellen. Neurotisch disponierte Kinder, die in der Gegen- überstellung des Vaters eine Verstärkung ihres Minderwertigkeitsgefühles empfinden, treffen alsbald Vorbereitungen und konstruieren Kampf- bereitschaften, als ob sie den Vater überflügeln müssten. In diesen vorbereitenden Versuchen liegt auch die Einstellung zum anderen Ge- schlecht, soferne der Intellekt des Kindes nicht bezüglich seiner eigenen Geschlechtsrolle fehlgreift, und viele seiner für die Zukunft bestimmten Bereitschaften werden anticipando in spielerischer Weise1) gegenüber Familiengliedern des anderen Geschlechts wachend oder halluzinatorisch, im Traume, probeweise geübt.
Dass dem Knaben dabei die Mutter als Frau in gewissem Sinne ein Muster abgibt, ist, wie bekannt, von Nietzsche hervorgehoben worden. Dabei ist die Grenze, die sich das Kind setzt, Sache einer Erprobung durch das Kind. Seine Wünsche sind, im Falle es neurotisch disponiert ist, masslos. Unzufrieden durch die übergrosse Distanz zu seinem Persönlichkeitsideal, kommt es gelegentlich auch zu Sexualwünschen l) Siehe „Zur Lehre vom Widerstand" in „Praxis und Theorie" 1. c.
III. Kapitel. Die verstärkte Fiktion als leitende Idee in der Neurose. 61 in bezug auf die Mutter, ein Beweis, wie grenzenlos angespannt der Wille zur Macht ist. Eine Fixierung einer Sexualbeziehung aber muss andere Gründe haben als einmal gehegte Wünsche im Bereiche einer gewissen Masslosigkeit. Das Begehren des Knaben greift auch auf andere -weib- liche Personen seiner Umgebung. Das Bild ist dann wieder wie bezüglich der Perversion. „Die Mutter besitzen wollen" wird zum Zeichen seiner Unzufriedenheit, zum Symbol seiner Masslosigkeit, seines Trotzes und seiner Furcht vor anderen Frauen, seines Mangels an Gemeinschaftsgefühl. Nun kann im späteren Leben eine „Fixierung" an die Mutter aus ähnlichen Konstel- lationen eintreten, immer auch, weil ihm die Fixierung an die Mutter als Sicherung gegen die Erotik erscheint, nicht aber weil der Wunsch ehedem libidinös war. Denn es ist gleichgültig, welcher Art die reale Beziehung zur Mutter war, — die Psyche des Nervösen wird sie stets in irgend einer Art zur Sicherung vor dem Eingehen in die Gemein- schaft verwenden.
Das Gefühl der Verkürztzeit hindert die Anschlussfreudigkeit des Nervösen, seinen Kontakt mit der Gesellschaft. Es bringt ihn ständig in die Stimmung des Nehmenwollens, stört so seine Unbefangenheit und Zufriedenheit und drängt ihn dazu mehr an sich zu denken als an die andern. Deshalb ist es ihm nicht gegeben, Freude um sich zu verbreiten. Er bringt es höchstens soweit, Gnaden auszuteilen.
Es ist ein häufiger und charakteristischer Befund, dass sich an Körperstellen, die von Natur aus minderwertig sind, eine feinere Sen- sibilität entwickelt, deren Erregung zuweilen den Charakter des Lust- vollen annimmt. Ich habe diese Erscheinung in der „Studie über Organminderwertigkeit" (1907, Wien und Berlin) beschrieben und führe sie auf kompensatorische Einrichtungen zurück, die bei den Vorfahren des Individuums im Kampfe um ihre Erhaltung bei Gefährdung des betreffenden Organs oder Organteiles in Gang gekommen sind. Diese kompensatorischen, nunmehr höherwertigen Anteile eines minder- wertigen Organs, — minderwertig, nachdem es in der Aszendenz zu Schaden gekommen war, — sind eigentlich Schutzvorrichtungen in gewissem Sinne, wenngleich sie sich häufig nicht bewähren. Da aber ihre Technik eine andere geworden ist, mit der annähernd normaler Organe nicht mehr gleichen Schritt hält, so werden auch die psychischen Erscheinungsweisen, die sich an dieses Organ knüpfen, auffällig und aus der Norm herausfallen. Es handelt sich um die gleiche, wenngleich minutiösere Variation auf der Grundlage der Minderwertigkeit, die ich in der Biologie zur Erklärung der Variation, der Verfeinerung und des Verfalls der Organe herangezogen habe1).
Auf diese Weise hat sich z. B. im Bereiche des Nahrungsorgans der geschmack empfindende Apparat als Sicherungsapparat herausgebildet, ebenso aber auch der lustempfindende Apparat, der nunmehr die Kon- tinuität der Ernährung und die richtige Auswahl der Speisen garan- tieren muss. Die Variation gegenüber der Ähnenreihe kommt durch „Kompensationstendenzen" zustande, die im KeimstofT eingeleitet werden.
*) So wird auch die Wertigkeit eines Organs im „Strome des Lebens" zum Symbol, in dem sich Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft und fiktives Endziel, — ganz wie im Chaiakter oder im nervösen Symptom, — abspiegeln. — Der Gedanke des „Symbolischen in der Gestalt" ist nicht neu, er findet sich bei Porta, Gall und Carus. Derzeit wandelt Kretschmer diese Wege.
62 III. Kapitel. Die verstärkte Fiktion als leitende Idee in der Neurose.
„Die Konjunktur (im weiteren Sinne: das Milieu) beherrscht das Keim- plasma", und so erklärt sich die prompte einheitliche Reaktion, — Minder- wertigkeit -f- kompensatorischer Sicherung — ■ durch Veränderung der Lebensbedingungen im weitesten Sinne, das heisst: alle Lebe- wesen einer einheitlichen Spezies variieren bei der gleichen Änderung ihrer Lebensweise in der gleichen Richtung. Für die menschliche Ge- sellschaft muss man den Gesichtspunkt festhalten, dass — mehr als im Tier- und Pflanzenreich — die Beanspruchungen an die Einzelindividuen quantitativ und qualitativ verschieden sind, so dass ihre Organminder- wertigkeiten und deren kompensatorische Sicherungen innerhalb einer beträchtlichen Breite differieren. Und diese Variationen wären noch auffälliger1), wenn sich nicht mit so starkem Übergewicht die mensch- liche Psyche als hauptsächlichstes Sicherungsorgan in den Kreis der Korrelationen und Kompensationen eingeschoben hätte. Nun- mehr treten die massgeblichsten Sicherungstendenzen nicht mehr als Organ Varianten, sondern in erster Linie als psychische Eigenarten hervor. Immerhin bleibt ein genügend nachweisbarer Zusammenhang bestehen, und wir können aus Organvarianten, Stigmen und Degenerationszeichen derselben auf vermehrte kompensa- torische Einrichtungen des Gehirns und ausgebreitete Sicherungstendenzen in der Psyche seh Hessen. Ist doch das Wesen und die Tendenz aller psychischen Vorgänge von Versuchen des Vorbauens und von Vorbereitungen zur Mehrwertigkeit voll, so dass man sich der Anschauung nicht verschliessen kann, Seele, Geist, Vernunft, Verstand sind für uns Abstraktionen jener wirksamen Linien, auf denen der Mensch über seine Körperfühlsphäre hinausgreift, seine Grenzen erweitern will, um sich eines Stückes der Welt zu be- mächtigen und sich vor drohenden Gefahren zu sichern. Die Mangel- haftigkeit der selbsttätigen Organe, hinaufgezaubert auf die sicheren Wege des Erkennens, Yerstehens, Voraussehens!
Im Tierreich noch ersetzt zum Teil ein feingearbeiteter, technischer Apparat, was dem Menschen die Erkenntnis leistet. Die feine Witterung des Hundes wird überflüssig oder dienstbar gemacht; was an Giftpflanzen der Geschmacksapparat weidender Rinder vermeiden lässt, davor sichert den Menschen sein verstehendes Auge. Aber die gleiche Tendenz ist es und bleibt ewig bestehen, den Kampf der Vorfahren um die Erhaltung ihres Lebens durch feiner abgestufte, variierte Organe sowie durch ver- feinerte Kunstgriffe der Psyche zu erleichtern.
Und so ist es uns gestattet, derlei empfindlichere, periphere Apparate, ihre besondere Physiognomie und Mimik als Zeichen eines angegriffenen Organes, als verräterische Spuren einer überkommenen Organminderwertigkeit anzu- sehen. Dies gilt auch für die besondere Ausbildung der Geschmacks- empfindung beim Menschen, für die grössere Reizempfindlichkeit der *) Die psychische Sicherung beim Menschen mit ihren Bereitschaften und Charakteren ähnelt so sehr den sichernden Variationen im Tierreich, dass die Phantasie der Kinder, der Nervösen, der Dichter, ja auch die Sprache oft diese Analogie benützt, um gleichnisweise eine psychische Geberde, eine Bereitschaft, einen Charakterzug durch das Sinnbild eines Tieres verständlich zu machen, in Wappen zum Beispiel, in dichterischen Gleichnissen, in Fabeln und Parabeln. Siehe auch Erckmann-Chatrian, „Der berühmte Doktor Matthieu", Goethes Reinecke Fuchs, Gemälde und Karikaturen.
III. Kapitel. Die verstärkte Fiktion als leitende Idee in der Neurose. 63 Lippen- und Mundschleimhaut, zu der sich meist eine grössere An- sprechbarkeit des Gaumens, des Schlundes, meist auch des Magens und des Verdauungstraktes gesellt. Physiognomisch stellt sich dies Bild des minderwertigen Mundes dar in der Form beweglicherer, feinerer, oft vergrösserter Lippen, in meist leichten Deformationen der Lippen, der Zunge (lingua scrotalis Schmidt), des Gaumens, zu denen sich oft Degenerationszeichen an diesen Teilen, vergrösserte Tonsillen oder der ganze Status lymphaticus gesellen. Zuweilen freilich bleibt bei aller Minderwertigkeit eine Höherbildung im Sinne der Kompensationstendenz aus, und es fehlt selbst die Hyperästhesie. Recht häufig sind Reflex- anomalien; gesteigerter Rachenreflex, aber auch Herabsetzung desselben gehören zu demselben Bilde. An Kinderfehlern beobachtet man: grössere Inanspruchnahme der Mundpartien, Berührungen des Mundes, Daumen- lutschen, Neigung alles in den Mund zu stecken, Erbrechen. Dabei meist gutes Gedeihen, sofern dies durch andere gleichzeitige Organ- minderwertigkeiten nicht gehindert wird.
Aber das Übel, die Entbehrung, Verwöhnung und die Schmerzen, die von der Wiege an den minderwertigen Ernährungstrakt begleiten, erwecken gleichzeitig ein Gefühl der Minderwertigkeit, Verkürztheit und Unsicherheit und drängen das konstitutionell disponierte Kind auf den Weg der Kunstgriffe. Das stärker und überstark ausgebaute, frühreife Persönlichkeitsideal schliesst auch fiktive Ziele überreicher Befriedigungen in sich, denen die Wirklichkeit nie gerecht werden kann. Die Aufmerksamkeit solcher Kinder ist nach Art einer Zwangsidee auf alle Ernährungsprobleme und deren Sublim ierungen (Nietzsche) gerichtet. Die Entbehrung eines Lecker- bissens löst bei ihnen ganz andere Affekte und Handlungen aus, als wir erwarten. Ihr Sinn geht nach der Küche, ihr Spiel und ihre infantile Berufswahl setzt sich aus ihren Bereitschaften für Nahrungs- erwerb in Phantasien fort, Koch oder Zuckerbäcker zu werden. Die Bedeutung des Geldes als Machtfaktor dämmert ihnen früher und un- geheuerlicher auf, ebenso der Sinn für Geiz und Sparsamkeit. Stereotypien und Pedanterien beim Essen finden sich oft, prinzipielle Massnahmen wie: das Beste zuerst oder zuletzt zum Munde zu führen; die Ungeduldigen bevorzugen erstere Praktik, die Vorsichtigeren und Sparsamen letztere. Idiosynkrasien gegen Speisen, Nahrungsverweigerung, hastiges Schlingen und Unfähigkeit zum Schlucken werden oft als Trotzgebärde festgehalten und zeigen die Verwendung des Ernährungsproblems zur Aggression gegen die Eltern. Abgesehen von organischen Erkrankungen des minderwertigen Ernährungsapparates im späteren Leben, von denen ich bei diesem Typus auf Ulcus ventriculi, Appendizitis, Karzinom, Diabetes, Leber- und Gallenerkrankungen auf- merksam gemacht habe, zeigt sich in der Neurose die stärkere Beteili- gung, das Mitschwingen und die häufigere Verwendung funktio- neller Störungen des Magendarm traktes. Seine intimere Beziehung zur Psyche spiegelt sich in vielen neurotischen und psycho- tischen Symptomen wieder. Einem speziellen Kunstgriff dieser Art glaube ich auf der Spur zu sein, ohne eine abschliessende An- schauung vorlegen zu können. Eine Anzahl neurotischer Symptome wie Erythrophobie, neurotische Obstipation und Kolik, Asthma, wahr- scheinlich auch Schwindel, Erbrechen, Kopfschmerz, Migräne stehen in einem mir noch nicht ganz aufgeklärten Zusammenhang mit willkür- 64 III. Kapitel. Die verstärkte Fiktion als leitende Idee in der Neurose.
lichem, aber unbewusstem Zusammenspiel von Anuskontraktion („Krampf der Autoren, „Spasmus des Sigma"? Holzknecht, Singer) und Aktionen der Bauchpresse, symbolischer Akte, einer Bauchsprache, die unter der Herrschaft der verstärkten Fiktion zustande kommen. Zwangserröten und hysterische Ohnmacht scheinen regelmässig durch Zusammenwirken von Glottisschluss und Bauchpresse eingeleitet zu sein.
Den Erwerbssinn dieses Typus, seine Gier nach Geld und Macht fand ich auffallend im Vordergrund und als wesentlichen Ein- schlag im Persönlichkeitsideal.
Praktischer Teil, Adler, Hervöser Charakter. 3. Aufl.
1. Kapitel.
Geiz. — Misstrauen, — Neid. — Grausamkeit. — Herabsetzende Kritik des Nervösen. — Neurotische Apperzeption. — Alters- neurosen. — Formen- und Intensitätswandel der Fiktion. — Organjargon.
Ich will zuerst von Charakterzügen sprechen, die sich mit gewisser Regelmässigkeit bei allen Nervösen nachweisen lassen, und die in der Weise zum Ausdruck kommen, dass der Patient mit grosser Gier, direkt oder auf Umwegen, bewusst oder unbewusst, durch zweckmäßiges Denken und Handeln oder durch das Arrangement von Symptomen nach vermehrtem Besitz, nach Vergrösserung seiner Macht und seines Einflusses, nach Herabsetzung anderer Personen und Verkürzung der- selben strebt. Meist linden sich alle diese Formen des Eigennutzes beisammen und erst nach besserer Einsicht erkennt man das gewaltige Überwiegen der Umwege, durch die der Patient sich und seine Um- gebung täuscht. Er täuscht auch die Wissenschaft. Denn während er beispielsweise den Uneigennützigen spielt, findet man in seinen Anfällen, in seiner Neurose, zugleich aber in dem durch letztere erzielten End- effekt die verstärkte Gier wieder, von der wir eingangs gesprochen haben; er erweckt so den Eindruck eines Doppel-Ichs, an Spaltung des Bewusst- seins Leidenden, und während ein fiktiver Endzweck ihn stärker als den Gesunden das Schema des Geizes, des Neides, der Herrschsucht, der Bosheit, der Rechthaberei, der Gefall- sucht auf verborgenen Wegen einhalten lässt, darf er offen, — auch aus Gefallsucht, — den Wohltäter und Gönner, den Friedensstifter und uneigennützigen Heiligen spielen. Nicht ohne dass dieses Spiel ge- wöhnlich zum Unheil ausschlägt, etwa wie Gregor Werles Wahrheits- fanatismus in Ibsens „Wildente". Man kann die Sucht des Neurotikers, alles haben zu wollen, nicht stark genug ansetzen, seine Gier, der erste sein zu wollen, unmöglich übertrieben darstellen, — wenn auch die offen zutage liegenden Charakterzüge das widersprechendste Bild dazu liefern. Was den Patienten wirklich treibt, ist das eindeutigste Verlangen nach ausschliesslicher Macht, und da sein Persönlichkeits- gefühl an vielen seiner Mittel Anstoss nimmt, auch die Macht anderer seinen Triumph hindern könnte, verschliesst er die Augen, verbirgt er die verwehrten Charakterzüge vor sich und den anderen, und als ver- ständnisvoller Kenner feindseliger Regungen und deren Unbeliebtheit lässt er sich im Tageslicht, in seinen,.bewussten Regungen" von dem Ideal der Tugend leiten. Dabei verrät sich sein verstärkter Aggressions- trieb dennoch, und zwar im Traume, in unbeherrschten Handlungen, in