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l »Ti A \ \ * r PSYCHOLOGIE VOM ~" EMPIRISCHEN STANDPUNKTE VON D«- FRANZ BRENTANO, ZWHI BAENDBN.
ERSTER BAND.
^iti LEIPZIG VERLAG VON DDNCKER & HÜMBLOT.
Das Becht der üebersetznng wie alle anderen Bechte yorbehalten.
Die Yexlagshandlang.
Vorwort.
Die Aufschrift, die ich meinem Werke gegeben, kennzeichnet dasselbe nach Gegenstand und Methode. Mein Standpunkt in der Psychologie ist der empirische; die Erfahrung allein gilt mir als Lehrmeisterin: aber mit Anderen theile ich die Ueberzeugung, dass eine gewisse ideale Anschauung mit einem solchen Standpunkte wohl vereinbar ist. Näher wird sich die Weise, wie ich die Methode der Psychologie auffasse, in dem ersten der sechs Bücher zu erkennen geben, in welche das Werk zerfällt. Dieses Buch bespricht die Psychologie als Wissenschaft, das nächste die psychischen Phänomene im Allgemeinen; und ihnen werden der Eeihe nach folgen ein Buch, welches die Eigenthümlichkeiten und Gesetze der Vorstellungen, ein anderes, welches die der ürtheile und wieder eines, welches die der Gemüthsbewegungen und des Willens im Besonderen untersucht. Das letzte Buch endlich soll von der Verbindung unseres psychischen mit unserem physischen Organismus handeln, und dort werden wir uns auch mit der Frage beschäftigen, ob ein Fortbestand des psychischen Lebens nach dem Zerfalle des Leibes denkbar sei.
,H So umfasst der Plan des Werkes die verschiedenen -i Hauptgebiete der Psychologie sämmtlich.
r Seine Absicht ist aber nicht die, ein Compendium der Psychologie zu sein, obwohl es Klarheit und Fasslichkeit auch fttr einen weiteren Kreis derjenigen, die sich für philosophische ■i I } VI Vorwort.
Forschungen interessiren, anstrebt. Es verweilt oft bei der einzelnen Frage mit nicht geringer Ausführlichkeit und ist nicht so sehr auf Vollständigkeit im Ausbau als auf Sicherheit in der Grundlage bedacht. Dabei mag es geschehen, dass Manchem meine Sorgfalt übertrieben und lästig scheint. Aber ich höre diesen Vorwurf lieber als den, dass ich meine Behauptungen nicht genug zu rechtfertigen mich bemüht habe. Nicht sowohl Vielheit und Allseitigkeit in den Lehrsätzen als Einheit in der Ueberzeugung ist was auf psychischem Gebiet uns zunächst Noth thut. Wir müssen hier das zu gewinnen trachten, was die Mathematik, Physik, Chemie und Physiologie, die eine früher, die andere später, schon erreicht haben; einen Kern allgemein anerkannter Wahrheit, an welchen dann bald, durch das Zusammenwirken vieler Kräfte, von allen Seiten her neue Krystalle anschiessen werden. An die Stelle der Psychologieen müssen wir eine Psychologie zu setzen suchen.
Auch eine specifisch nationale Psychologie — und wenn es sogar eine deutsche wäre — darf es so wenig geben, als es eine specifisch deutsche Wahrheit gibt. Und darum habe ich in meinem Werke die hervorragenden Leistungen der modernen englischen Philosophen nicht minder als die der deutschen berücksichtigt.
Durch Compromisse freilich nach den verschiedenen Seiten hin wäre der Wissenschaft schlecht gedient. Sie würden der Einheit und U.ebereinstimmung der Lehrenden die Einheit und Einheitlichkeit der Lehre in sich selbst zum Opfer bringen. Auch hat nie etwas Anderes mehr als der Eklekticismus zu einer Zersplitterung der philosophischen Ansichten geführt.
Wie auf dem Gebiete der Politik, so ist auf dem der Wissenschaft eine Einigung ohne Krieg kaum durchführbar; nur soll es sich freiüch bei den wissenschaftlichen Kämpfen am Allerwenigsten darum handeln, dass die Meinung dieses oder jenes Forschers, sondern nur darum, dass die Wahrheit siege. Keine Herrschbegier, sondern das Verlangen nach gemeinsamer Unterordnung unter die eine Wahrheit soll Vorwort. VII I Vorwort. VII I dazu treiben. Wenn ich darum rücksichtslos darauf ausging die Ansichten Anderer zu widerlegen und zu beseitigen, wo immer ich sie als irrig zu erkennen glaubte: so werde ich es doch auch gerne und dankbar annehmen, wenn ich statt dessen meinerseits von ihnen eine Berichtigung erfahre. Wenn man aber findet, dass gerade die angesehensten Forscher, wie Mill und Bain, Fechner, Lotze, Helmholtz und andere in diesen oder den noch folgenden Untersuchungen häufiger oder nachdrücklicher bekämpft werden: so möge man darin nicht ein Streben erkennen, ihr Verdienst herabzusetzen, oder die Macht ihrer Einwirkung zu schwächen; im Gegentheile ist es ein Zeichen, dass, wie Andere, auch ich ihren Einfluss in besonderem Maasse erfahren habe und, nicht bloss wo ich ihre Lehre annahm, sondern auch da wo ich zur Bestreitung ihrer Ansicht geführt wurde, mich durch sie gefördert fühlte. Wie ich, so wünschte ich darum, dass auch Andere aus der eingehenden Prüfung derselben Gewinn ziehen möchten.
Manchmal allerdings wird sich meine Polemik gegen Meinungen wenden, denen ich in sich selbst kein so hohes Interesse zugestehen kann. Und was mich dazu trieb, auch auf sie weitläufiger einzugehen, waren nur eine ungebührliche Verbreitung und ein beklagenswerther Einfluss, welchen sie gegenwärtig auf ein Publicum gewonnen haben, das in Sachen der Psychologie weniger noch als anderwärts auf wissenschaftliche Strenge Anspruch zu machen gelernt hat.
Mehr als einmal wird man finden, dass ich bisher unerhörte Behauptungen aufstellte. Doch wird man, glaube ich, in jedem Falle sich auch leicht überzeugen, dass Neuerungssucht nicht im Geringsten dabei betheiligt war. Im Gegentheile wich ich nur ungern, aber durch die überwiegende und, für mich wenigstens, überwältigende Macht der Gründe genöthigt, hin und wieder in solcher Weise von allen hergebrachten Auffassungen ab. Indessen wird man selbst da, wo ich am Meisten als Neuerer auftrete, gewöhnlich bei näherer Betrachtung erkennen, dass meine Ansicht, wenigstens von der einen oder anderen Seite her, schon angebahnt war. Ich habe nicht unterlassen, auf solche Vorbereitungen hinzuweisen, VIII Vorwort.
und auch dann, wenn sich meine Anschauung ohne jeden Zusamjnenhang mit einer früheren, ihr ähnlichen entwickelt hatte, versäumte ich nicht dieser Erwähnung zu thun, weil es mir nicht darauf ankam, als der Erfinder einer neuen, sondern als der Vertreter einer wahren und gesicherten Lehre zu erscheinen.
Wenn sich uns aber die seitherigen Annahmen zuweilen nur als die Anbahnung einer richtigeren Lehre erweisen werden: so kann, was ich gebe, natürlich auch nicht mehr sein, als eine schwache Vorbereitung künftiger Leistungen von grösserer Vollkommenheit. Eine Philosophie, die sich in unseren Tagen für einen Augenblick 4as Ansehen eines Abschlusses aller Wissenschaft zu geben wusste, wurde sehr bald, nicht als unübertrefflich, wohl aber als unverbesserlich erkannt. Jede wissenschaftliche Lehre, die keine weitere Entfaltung zu vollkommenerem Leben zulässt, ist ein todtgeborenes Kind. Die Psychologie aber insbesondere ist gegenwärtig in einem Zustande, bei welchem diejenigen eine geringere Kenntniss von ihr verrathen, welche viel in ihr zu wissen behaupten, als jene, welche mit Sokrates bekennen: „ich weiss nur Eines; nämlich — dass ich nichts weiss."
Doch die Wahrheit liegt in keinem der Extreme. Es sind Anfänge einer wissenschaftlichen Psychologie vorhanden, unscheinbar in sich selbst, aber sichere Zeichen für die Möglichkeit einer volleren Entwickelung, die, wenn auch späten Geschlechtern, einst reiche Früchte bringen wird.
Aschaffenburg, am 7. März 1874.
INHALTSVEEZEICHNISS.
Erstes^ einleitendes Buch.
Von der Psychologie als Wissenschaft.
Seite.
Erstes CapiteL lieber Begriff und Aufgabe der psychischen Wissenschaft 3 §. 1. Definition der Psychologie als der Wissenschaft von der Seele 4 §. 2. Definition der Psychologie als der Wissenschaft von den psychischen Phänomenen 10 §. 3. Eigenthümlicher Werth der Psychologie 24 Zweites Capitel. Ueber die Methode der Psychologie, insbesondere die Erfahrung, welche für sie . die Grundlage bildet 34 §. 1. Besonderes Interesse, welches sich an die Betrachtung der Methode der Psychologie knüpft 34 §. 2. Die innere Wahrnehmung als Quelle psychologischer Erfahrung. Sie darf nicht mit innerer Beobachtung verwechselt werden ' 35 §. 3. Betrachtung früherer psychischer Phänomene im Gedächtnisse 42 §. 4. Indirecte Erkenntniss fremder psychischer Phänomene aus ihren Aeusserungen 45 §. 5. Studium eines Seelenlebens, das einfacher ab das unserige ist 49 §. 6. Betrachtung krankhaften Seelenlebens 51 §. 7. Studium hervorragender Thatsachen im Leben Einzelner wie in dem der Völker 52 ^ Drittes CapiteL Fortsetzung der Untersuchungen über i die Methode der Psychologie. Von der Ini duction der höchsten psychischen Gesetze. 55 §.1. Die inductive Feststellung der allgemeinsten Eigenthüm-' lichkeiten setzt nicht die Erkenntniss der mittleren Gesetze voraus 55 §. 2. Unentbehrlichkeit einer Bestimmung der Grundclassen der psychischen Erscheinungen. Umstände, die sie möglich machen und er leichtem 55 §. 3. Eine der ersten und allgemein wichtigsten Untersuchungen ist die über die psychischen Elemente 57 / X Inhaltsverzeichniss.
Seite.
§. 4. Die höchsten Gesetze der Succession psychischer Phänomene, zu welchen die Induction aus innerer Erfahrung führt, sind streng genommen empirische Gesetze...58 §. 5. lieber den Versuch von Horwicz, die Psychologie auf Physiologie zu gründen 60 §. 6. Ueber die Gründe, um derentwillen Maudsley die Erforschung der psychischen Phänomene nur auf physiologischem Wege für möglich hält 68 §. 7. Ob es bei dem gegenwärtigen Stande der Physiologie räthlich sei, auf Grund ihrer Data eine Bückführung der Succession psychischer Phänomene auf eigentliche Grundgesetze anzustreben? 82 Viertes CapiteL Fortsetzung der Untersuchungen über die Methode der Psychologie. Ungenauigkeit ihrer höchsten Gesetze. Deduction und Verification 85 §. 1. Ohne die Messung der Intensität der psychischen Phänomene können exacte Gesetze ihrer Aufeinanderfolge nicht gefunden werden 85 §. 2. Ueber die Versuche von Herbart und Fechner Maassbestimmungen dafür zu finden 87 §. 3. Von der Ableitung besonderer Gesetze der Aufeinanderfolge psychischer Erscheinungen mittels der deductiven und der sogenannten umgekehrten deductiven Methode 93 §. 4. Von dem Verfahren, welches bei der Untersuchung über die Unsterblichkeit einzuhalten ist 95 Zweites Buch. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
Erstes CapiteL Von dem Unterschiede der psychischen und physischen Phänomene 101 § 1. Nothwendigkeit eingehenderer Untersuchung der Frage.. 101 §. 2. Erläuterung des Unterschiedes di:^rch Beispiele...102 §. 3. Die psychischen Phänomene sind Vorstellungen oder haben Vorstellungen zur Grundlage 104 §. 4. Bestimmung der psychischen Phänomene durch-den Mangel der AusdehnuDg. Widerspruch, der sich gegen diese Bestimmung erhebt 111 §. 5. Charakteristisch für die psyohischen Phänomene, ist die Beziehung auf ein Object 115 §. 6. Psychische Phänomene können nur durch inneres Bewusstsein wahrgenommen werden; für physische ist nur äussere Wahrnehmung möglich US Inhaltsverzeichniss. XI Seite.
§. 7. Physische Phänomene können nur phänomenal, psychische auch in Wirklichkeit existix-en.120 §. 8. Ob, und in welchem Sinne etwa, es richtig sei, dass von psychischen Phänomenen immer nur eines nach dem anderen, von physischen viele zugleich bestehen...122 §. 9. Rückblick auf die Begriffsbestimmungen der physischen und psychischen Wissenschaft 126 Zweites CapiteL. Vom inneren Bewusstsein 131 §. 1. In welchem Sinne wir uns des Wortes „Bewusstsein" bedienen 131 §. 2. Gibt es ein unbewusstes Bewusstsein? Uneinigkeit der Philosophen. Scheinbare Unmöglichkeit, die Frage zu entscheiden 1 33 §. 3. Vier Wege, auf welchen der Nachweis eines unbewussten Bewusstseins versucht werden kann 137 §. 4; Versuche durch Schluss von der Wirkung auf die Ursache die Existenz eines unbewussten Bewusstseins darzuthun und ihr Misslingen 138 §. 5. Versuche durch Schluss von der Ursache auf die Wirkung dasselbe zu erreichen. Auch sie erweisen sich als ungenügend.151 §. 6. Versuch, welcher sicli auf ein functionelles Verhältniss zwischen dem bewussten psychischen Phänomene und dem darauf bezüglichen Bewusstsein stützt. So weit ein solches erkennbar ist, spricht es vielmehr gegen die Annahme. 156 §. 7. Versuch, welcher sich darauf stützt, dass die Annahme, jedes psychische Phänomen sei Object eines psychischen Phänomens, zu einer unendlichen Verwickelung führe. 159 §. 8. Vorstellung und Vorstellung von der Vorstellung sind in ein und demselben Acte gegeben 166 ^ §. 9. Warum keine innere Beobachtung möglich sei, und warum die Annahme, jedes psychische Phänomen sei bewusst, zu keiner unendlichen Verwickelung führe...168 §. 10. Bestätigung des Gesagten durch das übereinstimmende Zeugniss verschiedener Psychologen 170 §. 11. Warum man gemeiniglich glaubt, die begleitende Vorstellung sei mit der begleiteten von gleicher Intensität. 1 74 §. 12. Einwand, der sich auf die Wahrnehmung des Nichthörens stützt, und Lösung des Einwandes 176 §. 13. Es gibt keine unbewusste psychische. Thätigkeit...178 Drittes Capitel. Weitere BetrachtungenliBTr das innere Bewusstsein 181 §. 1. Mit den psychischen Acten ist oft ein darauf bezügliches Urtheil verbunden. 182 * Xn Inhaltsverzeichniss.
Seite.
§. 2. Die begleitende innere Erkenntniss ist in dem begleiteten Acte selbst beschlossen..: 182 §. 3. Das begleitende innere Ürtheil zeigt nicht eine Zasammensetzang aus Subject und Prädicat. 185 §. 4. Jeder psychische Act wird innerlich wahrgenommen.. 187 §. 5. Häufig besteht in uns ausser der Vorstellung und Erkenntniss noch eine dritte Art von Bewusstsein des psychischen Actes, ein Gefühl, das sich auf ihn bezieht und ebenfalls in ihm selbst enthalten ist 188 §. 6. Auch diese Art des inneren Bewusstseins begleitet ausnahmslos alle unsere psychischen Thätigkeiten...193 §. 7. Rückblick auf die Ergebnisse der beiden letzten Capitei 202 Viertes CapiteL Von der Einheit des Bewusstseins.. 204 §. 1. Stellung der Frage...'. 204 §. 2. Unsere gleichzeitigen psychischen Thätigkeiten gehören sämmtlich zu 6iner realen Einheit 206 §. 3. VTas besagt die Einheit des Bewusstseins, und was besagt ^ sie nicht? 214 §. 4. Die Eiuwände von C. Ludwig und A. Lange gegen die Einheit des Bewusstseins und gegen den Beweis, der uns dieser Thatsachen versichert 22 1 Fttnftes Capitei. üeb^rblick über die vorzüglichsten Versuche einer Classification der psychischen Phänomene 233 §. 1. Platon's Unterscheidung eines begierlichen, zornmüthigen und vernünftigen Seelentheiles 233 §. 2. Die (rrundeintheilungen der psychischen Phänomene bei , Aristoteles 236 §. 3. Nachwirkung der Aristotelischen Classificationen. Wolff.
Hume. Reid. Brown 238 §. 4. Die Dfeitheilung in Vorstellung, Gefühl und Begehren. Tetens. Mendelssohn. Kant. Hamilton. Lotze. Welches war das eigentlich maassgebende Princip?...239 §. 5. Annahme der drei Glieder der Eintheilung von Seiten der §. 6. Die Eintheilungen von Bain 252 §. 7. Bückblick auf die zum Behuf einer Grundeintheilung angewandten Principien 255 Sechstes Capitei./ Eintheilung der Seelenthätigkeiten in Vorstellungen, Urtheile und Phänomene der Liebe und des Hasses 256 §. 1. Verwerfung der Grundeintheilungen, die nicht aus dem Studium der psychischen Erscheinungen hervorgehen. 256 Inhal tsverzeichniss. XIII Seite.
§. 2. Eine Grundeintheilung, welche die verBcbiedene Weise der Beziehung zum immanenten Objecte zum Principe nimmt, ist gegenwärtig jeder anderen vorzuziehen 257 §. 3. Die drei natürlichen Grundclassen sind: Vorstellungen, Urtheile und Phänomene der Liebe und des Hasses 260 §. 4. Welches Verfahren zur Bechtfeii;igung und Begründung dieser Eintheilung einzuschlagen sei 263 Siebentes Capitel. Vorstellung und Urtbeil zwei verschiedene Grundclassen 266 §. ]. Zeugniss der inneren Erfahrung 266 §. 2. Der Unterschied zwischen Vorstellung und Urtbeil ist ein Unterschied in den Thätigkeiten selbst 267 §. 3. Er ist kein Unterschied der Intensität 270 §. 4. Er ist kein Unterschied des Inhaltes 271 §. 5. Es ist nicht richtig, dass die Verbi;idung von Subject und Prädicat oder eine andere derartige Combination zum Wesen des Urtheils gehört. Dies zeigt erstens die Betrachtung des affirmativen und negativen Existentialsatzes; 276 §. 6. zweitens bestätigt es sich im Hinblicke auf die Wahrnehmungen, und insbesondere auf die Bedingungen der ersten Wahrnehmungen; 277 §. 7. drittens ergibt es sich aus der Bückführbar keit aller Aussagen auf Existentialsätze 279 §. 8. Es bleibt hienach nichts übrig als die Eigenthümlichkeit des Urtheils in der besonderen Beziehungsweise auf seinen Inhalt zu erkennen ' 289 §. 9. Alle Eigenthümlichkeiten, die anderwärts den fundamentalen Unterschied in der Weise der Beziehung zum Gegenstande kennzeichnen, finden sich auch in unserem Falle 290 §. 10. Rückblick auf die dreifache Weise der Begründung.. 295 §. 11. Die irrige Auffassung des Verhältnisses von Vorstellung und Urtbeil wurde dadurch veranlasst, dass in jedem Acte - des Bewusstseins eine Erkenntniss beschlossen ist.. 295 §. 12. Dazu kamen sprachliche Gründe der Täuschung: einmal die gemeinsame Bezeichnung als Denken; 298 §.13. dann der Ausdruck in Sätzen 299 §. 14. Polgen der Verkennung der Natur des Urtheils für die Metaphysik, 300 §. 16. für die Psychologie 305 Achtes Capitel. Einheit der Grundclasse für Gefühl und Willen 306 i XIV Inhaltsverzeichniss.
Seite §. 1. Die innere Erfahrung lehrt die Einheit der Grundclasse für Gefühl und Willen; einmal, indem sie uns mittlere Zustände zeigt, durch welche zwischen ihnen ein allmäliger, continuirlicher Uebergang gebildet wird;.. 306 §, 2. dann, indem sie uns den übereinstimmenden Charakter ihrer Beziehungen auf den Inhalt erkennen lässt...31J §. 3. Nachweis, dass jedes Wollen und Begehren auf etwas als gut oder schlecht gerichtet ist. Die Philosophen aller Zeiten sind darin einig...314 §. 4. Nachweis, dass hinsichtlich der Gefühle dasselbe gilt. 3 Iß §. 5. Charakter der Classenunterschiede innerhalb des Gebietes von Gefühl und Willen: Definirbarkeit mit Hülfe der zu Grunde liegenden Phänomene; 323 §. 6. untergeordnete Verschiedenheiten der Beziehungsweise zum Objecte 326 §. 7. Keine von den Eigenthümlichkeiten, welche in anderen Fällen die fundamentale Verschiedenheit in der Weise der Beziehung zum Gegenstande kennzeichnen, charakterisirt den Unterschied von Gefühl und Willen...328 .§. 8. Rückblick auf die vorangegangene dreifache Erörterung. 333 §. 9. Die vornehmsten Ursachen, welche die Täuscjiung über 'das Verhältniss von Gefühl und Willen veranlassten, waren folgende: Erstens die besondere Vereinigung des inneren Bewusstseins mit seinem Objecte war leicht mit einer besonderen Weise des Bewusstseins zu verwechseln 334 §. 10. Zweitens setzt das Wollen eine aus dem Vermögen der Liebe unableitbare Fähigkeit des Wirkens voraus.. 336 §.11. Dazu kam ein sprachlicher Anlass: die ungeeignete Bezeichnung der gemeinsamen Classe mit dem Namen Begehren 339 §. 12. Auch förderte die Verkennung des Verhältnisses von Vorstellung und Urtheil die Täuschung über jenes von Gefühl und Willen. Beziehung der drei Ideen des Schönen, Wahren und Guten zu den drei Grundclassen...340 INeantes Capitel. Vergleich der drei Grundclassen mit dem dreifachen Phänomen des inneren Bewusstseins. Bestimmung ihrer natürlichen Ordnung 346 §., 1. Je eiaes der drei Momente des inneren Bewusstseins entspricht einer der drei Classen der psychischen Phänomene. 346 §. 2. Die natürliche Ordnung der drei Grundclassen ist diese: erstens Vorstellung, zweitens Urtheil, drittens Liebe. 348 I* I» il PSYCHOLOGIE ERSTER BAND.
VON DER PSYCHOLOGIE ALS WISSENSCHAFT» Brentano, Psychologie. I.
Erstes Capitel.
lieber Begriff nnd Aufgabe der psychischen Wissenschaft.
Was im Anfang, wohlbekannt und offenbar, für das Verborgne die Erklärung schien, und was später, vor Anderem geheimnissvoll, Staunen und Wissbegier erweckte; woran die grossen Denker des Alterthums am Meisten mit Eifer sich abmühten, und worüber Eintracht und Klarheit noch heute am Wenigsten erzielt sind: das sind die Erscheinungen, die auch ich wieder forschend betrachtete, und von deren Eigenthümlichkeiten und Gesetzen ich hier, in allgemeinen Zügen, ein berichtigtes Bild zu geben suche. Kein Zweig des Wissens hat geringere Früchte für Natur und Leben getragen, und keiner ist, von welchem wesentUchere Bedürfnisse ihre Befriedigung hoffen. Kein Theil ist — die Metaphysik allein ausgenommen —, auf welchen die Mehrzahl mit grösserer Verrichtung zu blicken pflegt, und keiner doch ist, welcher von Einzelnen so hoch und werth gehalten wird. Ja das gesammte Reich der Wahrheit würde Manchem arm und verächtlich scheinen, wenn es nicht auch dieses Gebiet mitzuumfassen bestimmt wäre; und alles andere Wissen glaubt er vorzüglich darum ehren zu sollen, weil es zu diesem Wissen die Wege bahnt. Andere Wissenschaften sind in der That der Unterbau; diese gleicht dem krönenden Abschlüsse. Alle bereiten sie vor; von allen hängt sie ab. Aber auf alle soll sie 4 Buch I. Die Psychologie als Wissenschaft auch wieder ihrerseits die kräftigste Rückwirkung üben. Das ganze Leben der Menschheit soll sie erneuern; den Fortschritt beschleunigen und sichern. Und wenn sie darum einerseits wie die Zinne am thurmartigen Gebäude der Wissenschaft erscheint, so hat sie andererseits die Aufgabe, Grundlage der Gesellschaft und ihrer edelsten Güter, und somit auch Grundlage aller Bestrebungen der Forscher zu werden.
§. 1. Der Namen Psychologie besagt: Wissenschaft von der Seele. Wirklich gab Aristoteles, der zuerst die Wissenschaft gliederte und besondere Zweige in besonderen Schriften darlegte, einem seiner Werke die Ueberschrift: ^bqI ipvxrjg. Er verstand unter Seele die Natur oder, wie er sich mit Vorliebe ausdrückte, die Form, die erste Wirklichkeit,, die erste Vollendung^) eines Lebendigen. Lebendig aber nannte er das, was sich nährt, wächst und zeugt, und empfindend und denkend sich bethätigt, oder auch nur zu irgend einer von diesen Leistungen fähig ist. Weit davon entfernt, einer Pflanze Bewusstsein zuzuschreiben, erklärte er doch auch das Pflanzenreich für lebendig und beseelt. Und so behandelt denn das älteste psychologische Werk nach Feststellung des Begriffs der Seele die allgemeinsten Eigenthümlichkeiten, die sowohl in Bezug auf die vegetativen wie in Bezug auf die sensitiven und intellectiven Bethätigungen den Dingen, die an diesen Thöil haben, zukommen.
Das war der Kreis der Fragen, den die Psychologie ursprünglich umschloss. Später hat sich ihr Gebiet wesentlich verengt. Von den vegetativen- Thätigkeiten sprach der Psychologe nicht mehr. Das ganze Reich der Pflanzen, wenn anders hier das Bewusstsein fehlt, gehörte nicht mehr in die Grenzen seiner Forschung, und auch das Reich der animaUschen Wesen, so weit diese, wie Pflanze und unorganischer Körper,. Gegenstand äusserer Wahrnehmung sind, lag ihm ausserhalb seiner Sphäre. Dies galt auch da noch, wo solche Erscheinun- *) Die, griechischen Ausdrücke sind: yrcr/f, fxogtfi^t nqmri Mgyua, Capitel 1. Begriff und Aufgabe. 5 gen in nächste Beziehung zum sensitiven Leben treten, wie dies bei dem System der Nerven und Muskeln der Fall ist. Nicht der Psychologe, der Physiologe >yar es, dem von nun an die Untersuchung darüber zufiel.
Die Beschränkung war keine willkürliche. Im Gegentheil, sie erscheint als eine offenbare Berichtigung, geboten durch die Natur der Sache selbst. Denn nur dann sind ja die Grenzlinien der Wissenschaften richtig gezogen ^ und nur dann ist ihre Eintheilung dem Fortschritte der Erkenntniss dienlich, wenn das Verwandtere verbunden, das minder Verwandte getrennt wurde. Und verwandt in vorzüglichem Maasse «ind die Erscheinungen des Bewusstseins. Dieselbe Weise der Wahrnehmung gibt uns von ihnen allen Kenntniss, und höhere und niedere sind duixh zahlreiche Analogien einander nahe gerückt. Was aber die äussere Wahrnehmung uns von den lebenden Wesen zeigt, das sehen wir, wie von einer andern Seite, so auch in einer ganz anderen Gestalt, und die allgemeinen Thatsachen, welche wir hier finden, sind theils dieselben, theils ähnliche Gesetze wie die, welche wir die unorganische Natur beherrschen sehen.
Man könnte auch nicht ohne Grund sagen, dass Aristoteles selbst bereits eine Andeutung der neueren und berichtigten Umgrenzung der Psychologie gegeben habe. Und wer ihn kennt, der weiss, wie häufig sich bei ihm mit der- Darlegung einer minder vorgeschrittenen Lehre solche Ansätze zu. einer abweichenden und richtigeren Anschauung verbinden. Sowohl seine Metaphysik als auch seine Logik und Ethik liefern dafür Belege. Im dritten Buche von der Seele also, da wo er von der willkürlichen Bewegung handelt, entschlägt er sich der Forschung nach den vermittelnden Organen zwischen dem Begehren und dem Gliede auf dessen Bewegung das Begehren gerichtet ist. Denn diese aufzusuchen, sagt er, indem er ganz wie ein moderner Psychologe spricht, sei nicht Sache dessen, der über die Seele, sondern dessen, der über den Leib forsche^). Doch dies nur ganz im Vorübergehen, 6 Buch I. Die Psychologie als Wissenschaft.
um vielleicht den einen oder andern der begeisterte» Anhänger^ die Aristoteles auch noch in unsern Tagen zählt, leichter zu überzeugen.
Wir sahen, wie das Gebiet der Psychologie sich enger zusammenzog. Gleichzeitig aber verengte sich der Begrifif des Lebens, oder, wenn nicht dieser — denn gerade die Männer der Wissenschaft gebrauchen das Wort noch meist in dem alten,, weiten Sinne —, so doch jedenfalls der Begriff der Seele in ziemlich analoger Weise.
Unter Seele versteht nämlich der neuere Sprachgebrauch den substantiellen Träger von Vorstellungen und andern Eigenschaften, welche ebenso wie die Vorstellungen nur durch innere Erfahrung unmittelbar wahrnehmbar sind, und für welche Vorstellungen die Grundlage bilden; also den sub-. stantiellen Träger einer Empfindung z. B., einer Phantasie, • eines Gedächtnissactes, eines Actes von Hoffnung oder Furcht^ von Begierde oder Abscheu pflegt man Seele zu nennen.
Auch wir gebrauchen den Namen Seele in diesem Sinne, Und es scheint darum nichts im Wege zu stehen, wenn wir, trotz der veränderten Fassung, den Begriff der Psychologie auch heute noch mit den gleichen Worten wie einst Aristoteles bestimmen, indem wir sagen, sie sei die Wissenschaft von der Seele. Aehnlich wie die Naturwissenschaft, welche die Eigenthümlichkeiten und Gesetze der Körper, auf die unsere äussere Erfahrung sich bezieht, zu erforschen hat, erscheint dann sie als die Wissenschaft, welche die Eigenthümlichkeiten und Gesetze der Seele kennen lehrt, die wir in uns selbst unmittelbar durch innere Erfahrung finden und durch Analogie auch in Andern erschliessen.
So scheinen bei dieser Fassung die beiden genannten Wissenszweige das Gebiet der allgemeinen Erfahrungswissenschaften gänzlich unter sich zu theilen und in scharfer Grenze sich von einander zu sondern.
Dennoch ist das Erste wenigstens nicht der Fall. Es gibtThatsachen, welche auf dem Gebiete der äussern und innern Erfahrung in gleicher Weise nachweisbar sind. Und diese umfassenderen Gesetze werden, gerade wegen ihres weiten Capitel 1. BegrifP und Aufgabe. 7 Umfanges, weder dem Gegenstande der Naturwissenschaft noch dem der Psychologie eigenthümlich sein. Indem sie mit gleichem Rechte der einen wie der andern Wissenschaft zugehören, zeigt es sich, dass sie vielmehr zu keiner von beiden zu rechnen sind. Auch sind sie zahlreich und bedeutend genug, um filr sich einen besondern Zweig der Forschung zu beschäftigen, und dieser Zweig ist es, den wir als Metaphysik von Naturwissenschaft und psychischer Wissenschaft zu unterscheiden haben.
Aber auch die Sonderung der beiden minder allgemeinen unter den drei grossen Wissensgebieten ist keine vollständige. Wie anderwärts, wo zwei Wissenschaften sich berühren, so kann es auch hier an Grenzfragen zwischen Natur- und psychischer Wissenschaft nicht fehlen. Denn die Thatsachen^ welche der Physiologe, und diejenigen, welche der Psychologe betrachtet, stehen, bei aller Verschiedenheit des Charakters, doch in der innigsten Wechselbeziehung. Zu ein und derselben Gruppe finden wir physische und psychische Eigenschaften verbunden. Und nicht bloss werden physische Zustände von physischen, psychische von psychischen hervorgerufen, sondern auch physische haben psychische und psychische physische zur Folge.
Manche haben eine eigene Wissenschaft untei-schieden, welche sich mit diesen Fragen zu beschäftigen habe. So insbesondere Fechner, welcher dieses Gebiet des Wissens Psychophysik und das von ihm dafür aufgestellte, berühmt gewordene Grundgesetz das „psycho - physische Grundgesetz" genannt hat. Andere haben der minder glücklichen Bezeichnung „physiologische Psychologie" den Vorzug gegeben^).
Hiedurch wäre den Grenzstreitigkeiten zwischen Psycho- *) So neuerdings Wundt in dem bedeutenden Werke: Grundzüge der Physiologischen Psychologie, Leipzig 1873. Wenn auch nicht hier, 80 könnte doch anderwärts der Ausdruck in der Art missverstanden werden, dass man „physiologisch*' auf xiie Methode bezöge. Denn wir werden bald hören, wie Manche die gesammte Psychologie auf physiologische Untersuchungen gründen wollten. (Vgl. auch Hagen, Psychol. Studicij, Braunsdiweig 1847. S. 7.)
8 Buch I. Die Psychologie als Wissenschaft. {' logie und Physiologie ein Ende gemacht. Aber würden nicht neue und zahlreichere zwischen Psychologie und Psychophysik einerseits, und Psychophysik und Physiologie andererseits an die Stelle treten? — Oder ist es nicht offenbar Sache des Psychologen, die ersten Elemente der psychischen Erscheinungen zu bestimmen? — und doch wird auch dem Psychophysiker ihre Erforschung zufallen, denn physische Reize sind es, welche die Empfindungen hervorrufen. Und ist es nicht Aufgabe des Physiologen, die Erscheinungen der willkürlich erregten wie der Reflexbewegungen rückwärts hinauf an fortlaufender Kette bis zum Ursprünge hin zu verfolgen? — und doch wird auch der Psychophysiker die erste physische Folge der psychischen Ursache zu suchen haben.