*) Deduct. u. Induct. Logik, Buch VI. Cap. 4. §. 2. (tJebers. v. Schiel.)
6* 84 Buch I. Die Psychologie als Wissenschaft.
Verdacht aussetzen, selbst in gleicher Weise hypothetisch zu sein. Aus demselben Grunde, wesshalb es uns gut schien, möglichst von allen metaphysischen Theorien Umgang zu nehmen, wird es also zweckmässig sein, auch von den Hypothesen zum Behuf physiologischer Erklärung abzusehen. Dass Hartley dies nicht gethan, war, wie J. St. Mill in seiner Vorrede zur Analyse der Phänomene des menschlichen Geistes bemerkt, ein wesentlicher Grund, warum sein genialer Versuch lange Zeit nicht die verdiente Berücksichtigung fand.
Viertes Capitel.
Fortsetzung der Untersnchnngen über die Methode der Psychologie. Ungenauer Charakter ihrer höchsten Gesetze. Dednction nnd Yerification.
§. 1. Die höchsten Gesetze, auf welche wir heutigen Tages, und wohl auch lange noch, die Erscheinungen psychischer Succession zurückfuhren können, sind, wie wir sahen, bloss empirische Gesetze. Noch mehr! sie sind auch Gesetze von einem gewissen unbestimmten, inexacten Charakter. Und dies hat, wie wir bereits in Kürze gezeigt haben, zum Theil in dem Vorigen seinen Grund; zum Theil aber ist die Ungenauigkeit Folge eines anderen Umstandes.
Kant hat seiner Zeit der Psychologie die Befähigung abgesprochen, jemals zum Range einer erklärenden Wissenschaft und einer Wissenschaft im eigentlichen Sinne sich ^u erheben. Der wesentlichste Grund, der ihn dabei bestinunte, war der, dass die Mathematik auf psychische Phänomene nicht anwendbar sei, da diese zwar einen zeitlichen Verlauf, aber keine räumliche Ausdehnung hätten ^).
Wundt in seiner „Physiologischen Psychologie" sucht diesen Einwand zu entkräften. „Es ist", sagt er hier, „nicht richtig, dass das innere Geschehen nur eine Dimension, die ^) Metaph. Anfangsgründe der Naturwissenschaft. Vorrede.
g(} Buch I. Die Psychologie als Wissenschaft.
Zeit, hat. Wäre dies der Fall, so würde allerdings von einer mathematischen Darstellung nicht die Kede sein können, weil eine solche immer mindestens zwei Dimensionen, d. h. zwei Veränderliche, die dem Grössenbegriflf subsumirt werden können, verlangt. Nun sind aber unsere Empfindungen, Vorstellungen, Gefühle intensive Grössen, welche sich in der Zeit an einander reihen. Das innere Geschehen hat also jedenfalls zwei Dimensionen, womit die allgemeine Möglichkeit, dasselbe in mathematischer Form darzustellen, gegeben ist^)." Wundt zeigt sich also darin mit Kant einverstanden, dass, wenn die psychischen Erscheinungen keine andere continuirliche Grösse als die zeitliche Ausdehnung hätten, der wissenschaftliche Charakter der Psychologie eine bedeutende Einbusse erfahren würde. Nur der Umstand, dass in der Intensität der psychischen Phänomene eine zweite Art stetiger Grösse, die Wundt etwas uneigentlich eine zweite Dimension nennt, gefunden wird, macht, wie es scheint, nach ihm die Psychologie als exacte Wissenschaft möglich.
Leider fürchte ich, dass das Gegentheil der Fall ist. Jener Einwand von Kant würde mir wenig Bedenken machen. Denn einmal scheint mir immer noch Gelegenheit zur Anwendung der Mathematik zu bleiben, so lange nur etwas da ist, was gezählt werdeti kann. Wenn gar keine Unterschiede der Intensität und des Grades stattfänden, so wäre es eine Sache der Mathematik, zu entscheiden, ob eine Idee durch Association hervorgerufen würde, wenn drei Umstände dafür, zwei dagegen wirkten. Und dann scheint mir die Mathematik zur exacten Behandlung aller Wissenschaft nur darum nöthig, weil wir nun einmal thatsächlich in jedem Gebiet auf Grössen stossen. Würde es ein Gebiet geben, worin nichts der Art vorkäme, so wären dafür exacte Feststellungen möglich auch ohne Mathematik. Beständen auf dem Gebiete der psychischen Erscheinungen keine Intensitäten, so wäre der Fall ähnlich, wie wenn allen Erscheinungen eine gleiche und invariabele Intensität zukäme, von der man füglich I Capitel 4. Ungenauigkeit der höchsten Gesetze. 87 gänzlich absehen könnte. Offenbar wären alle Bestimmungen der Psychologie dann nicht weniger exact als jetzt, und nur ihre Aufgabe wäre wesentlich vereinfacht und erleichtert. Nun aber bestehen thatsächlich jene Unterschiede der Intensität in Vorstellungen und Aflfecten; und an sie knüpft sich die Nothwendigkeit mathematischer Messung: wenn anders die Gesetze der Psychologie jene Bestimmtheit und Genauigkeit wieder erlangen sollen, die ihnen, wenn keine Intensität, oder wenigstens kein Unterschied der Intensität ihrer Phänomene bestände, zukommen würden.
§.2. Herbart war es, der zuerst das Bedürfniss solcher Messungen betonte; und das Verdienst, welches er ) sich dadurch erwarb, ist ebenso allgemein anerkannt, als das gänzliche Misslingen seines Versuches, wirklich Maassbestimmungen zu finden. Die Willkürlichkeit der letzten Principien, die er seiner mathematischen Psychologie zu Grunde legt, kann durch das consequente sich-Binden an die strengen Gesetze der Mathematik bei der Ableitung der Folgerungen nicht wieder gut gemacht werden. Und so zeigt es sich denn, dass für die Erklärung der psychischen Phänomene, wie die Erfahrung sie zeigt, auf diesem Wege nicht das Geringste gewonnen wird. Keinerlei Voraussagung lässt sich auf sie gründen; ja dem, was man nach ihnen am Sichersten erwarten müsste, widerspricht das, was man thatsächlich eintreten sieht.
Später hat, nach dem Vorgange von E. H. Weber,> Fechner in seiner „Psychophysik" einen neuen Versuch gemacht, der auf die Messung der Intensität psychischer Phänomene abzielte. Fechner vermied den Fehler Herbart's. Er wollte nicht anders als an der Hand der Erfahrung ein grundlegendes Gesetz für die Messung finden. Und ähnlich wie man den zeitlichen Verlauf psychischer Phänomene schon lange an physischen Phänomenen, an regelmässigen örtlichen Veränderungen gemessen hatte, suchte er auch für ihre Intensität nach einem physischen Maasse. Als ein solches bot sich ihm für die Stärke der Empfindung die Stärke n w ff > Buch I. Die Psychologie als Wissenschaft.
des äusseren, die Empfindung verursachenden Eindruckes; und das von ihm so genannte „Weber'sche oder psychophysische Grundgesetz" bestimmte für alle Sinne, wenigstens innerhalb gewisser Grenzen, die eine von beiden als Function der anderen.
Ich habe schon früher (Gapitel 1 §. 1) auf ein nicht unwichtiges Versehen hingewiesen, welches bei dieser Bestimmung untergelaufen sein möchte. Man hatte gefunden, dass der Zuwachs des physischen Reizes, der einen eben merklichen Zuwachs in der Stärke der Empfindung hervorbringt, zu der Grösse des Reizes, zu welchem er hinzukommt, immer im gleichen Verhältnisse steht. Nun nahm man als einleuchtend an, dass jeder eben merkliche Zuwachs der Empfindung als gleich zu betrachten sei. Und so kam man zu dem Gesetze, dass die Intensität der Empfindung um gleiche Grössen zunehme, wenn der relative Zuwachs des physischen Reizes der gleiche sei. In Wahrheit ist es aber keineswegs von vorn herein einleuchtend, dass jeder eben merkliche Zuwachs der Empfindung gleich, sondern nur, dass er gleich merklich ist: und es bleibt zu untersuchen, welches Grössenverhältniss zwischen gleich merklichen Zuwächsen der Empfindung bestehe. Diese Untersuchung führt zu dem Ergebnisse, dass jeder Zuwachs der Empfindung gleich merklich ist, welcher zu der Intensität der Empfindung, zu welcher er hinzukommt, in gleichem Verhältnisse steht. Denn auch bei anderen Veränderungen der Phänomene gilt dieses Gesetz. So ist z. B. die Zunahme eines Zolles um eine Linie ungleich merklicher als die Zunahme eines Fusses um dieselbe Grösse, wenn man nicht etwa beim Vergleiche beide Strecken aufeinanderlegt; denn dann allerdings macht die Länge der Strecke, welche den Zusatz erfährt, keinen Unterschied, indem nur noch die beiden Ueberschüsse in Betracht kommen. In anderen Fällen dagegen findet die Vergleichung vermöge des Gedächtnisses statt, das die Erscheinungen um so leichter miteinander verwechselt, je mehr sie einander ähnlich sind. Leichter- Verwechseln besagt aber nichts Anderes ala schwerer - Unterscheiden, d. h. den Unter- Capitel 4. Ungenauigkeit der höchsten Gesetze. 89 schied der einen von der anderen weniger leicht bemerken. Nun ist offenbar der um eine Linie verlängerte Fuss dem Fuss ähnlicher, als der um eine Linie verlängerte Zoll dem Zoll, und nur bei einem verhältnissmässig gleichen Zuwachs des Fusses, also bei einem Zoll Zuwachs, würde die sjiätere der früheren Erscheinung in demselben Grade unähnlich, nur dann also der Unterschied zwischen beiden gleich merklich sein. Ganz dasselbe muss aber jederzeit bei der Vergleichung zweier aufeinanderfolgender Erscheinungen statthaben, die, im Uebrigen gleich, der Intensität nach von einander verschieden sind. Das Gedächtniss vermittelt ja auch hier. Nur wenn die beiden Erscheinungen in gleichem Grade einander unähnlich sind, wird also ihre Verschiedenheit in gleicher Weise auffallen. Mit anderen Worten: Ihr Unterschied wird nur dann gleich merklich sein, wenn das Verhältniss des Zuwachses zu der zuvor gegebenen Intensität dasselbe ist.
Wir haben also die beiden Gesetze: 1) Wenn der relative Zuwachs des physischen Eeizes der gleiche ist, so nimmt die Empfindung um gleich merkliche Grössen zu.
2) Wenn die Empfindung um gleich merkliche Grössen zunimmt, so ist der relative Zuwachs der Empfindung der gleiche.
Hieraus folgt: 3) Wenn der relative Zuwachs des physischen Reizes der gleiche ist, so ist der relative Zuwachs der Empfindung der gleiche. Mit andern Worten: W e n n d i e die Stärke des physischen Reizes um ein Gleichvielfaches wächst, so wächst auch die Intensität der Empfindung um ein Gleichvielfaches.
Dies widerspricht nicht mehr dem, was der gemeine Menschenverstand und mit ihm auch Herbart von vom herein angenommen hatte: „In der Region, wo die Fundamente der Psychologie liegen,...wird man ganz einfach sagen, dass zwei Lichter doppelt so stark leuchten als eines; dass drei 90 Buch I. Die Psychologie als Wissenschaft.
Saiten auf einer Taste dreimal so stark tönen als eine; " u. s. w. (V, S. 358.) Aber andererseits ist diese Behauptung auch noch nicht bewiesen. Unser Gesetz verlangt nicht, dass, so oft der Reiz um ein Gleichvielfaches wächst, die Empfindung um dasselbe Gleichvielfache wächst; es würde ihm gentigen, wenn, so oft der Reiz um die Hälfte, die Empfindung um ein Dritttheil sich steigerte. Auch kann es sich bei ihm, wie bei dem Weber'schen, nur um eine Gültigkeit innerhalb gewisser Grenzen handeln. Darum bleibt es ein unbestreitbar grosses Verdienst, wenn Weber und Fechner das Urtheil des gemeinen Verstandes als Vorurtheil verwarfen und uns zu einem sicheren Nachweis den Weg zeigten: obwohl, wenn ich nicht irre, sie sich zu früh am Ziele glaubten, und so in ihrer Correctur der ursprünglichen Vermuthung zunächst nur eine unrichtige Bestimmung an die Stelle einer möglicher Weise richtigen setzten. Die Ergänzung, die ich der Untersuchung beifügte, auch wenn sie allgemeine Zustimmung finden sollte, ändert nichts daran, dass das ausschliessliche Verdienst der Arbeit den beiden grossen Forschern zugehört. Und ich brauche auch kaum zu bemerken, dass die Feststellung des Verhältnisses zwischen dem Wachsthum der Reize und einem fortwährend gleich merklichen Wachsthum der Empfindungen in sich selbst von hoher Bedeutung ist.
Mag man nun aber den Versuch von Weber und Fechner in der von mir angegebenen Weise berichtigen, oder auch ohne dies für richtig und abgeschlossen halten: jedenfalls kann auch er nicht zu dem von uns gewünschten Ziele führen.
Einmal beschränkt sich die Möglichkeit der Messung von Intensitäten nach der von ihnen angegebenen Methode gänzlich auf solche Phänomene, welche durch äussere Reizung der Sinnesorgane hervorgebracht sind. Für alle psychischen Phänomene, welche in physischen Vorgängen im Inneren des Organismus ihren Grund haben, oder durch andere psychische Phänomene hervorgerufen werden, fehlt uns also nach wie vor ein Maass der Intensität. Dazu gehören aber Capitel 4. Ungenau igkeit der höchsten Gesetze. 91 die allermeisten und allerwichtigsten Erscheinungen. So die ganze Classe der Begierden und der Bewegungen des Willens; ferner Ueberzeugungen und Meinungen der mannigfachsten Art, und ein weites Reich von Phantasievorstellungen. Es bleiben unter allen psychischen Phänomenen einzig und allein die Empfindungen, und diese nicht alle, als messbar übrig.
Aber noch mehr! Die Empfindungen selbst hängen nicht allein von der Stärke des äusseren Reizes, sie hängen auch von psychischen Bedingungen, wie z. B. von dem Grade der Aufin erksamkeit, ab. Es wird also nothwendig sein, diesen Einfluss zu eliminiren, meinethalben indem man den Fall der höchsten und vollsten Aufmerksamkeit voraussetzt. Dann aber ergibt sich, wenn nicht anderes Inconvenientes, zum Mindesten eine neue und bedeutende Beschränkung.
Endlich könnte einer sagen, dass, wenn man sich recht klar mache, was denn eigentlich nach Fechner's Methode gemessen werde, nicht sowohl ein psychisches als ein physisches Phänomen als Gegenstand der Messung sich herausstelle. Oder was ist denn dasjenige, was wir physische Phänomene nennen, wenn dazu nicht die Farben, die Töne, die Wärme und Kälte u. s. f. gehören, die uns in unserer Empfindung erscheinen? — Misst man also, wie Fechner es gethan, die Intensitäten von Farben, Tönen u. s. f., so misst man die Intensitäten physischer Phänomene. Die Farbe ist nicht das Sehen, der Ton ist nicht das Hören, die Wärme ist nicht das Empfinden der Wärme. — Man wird liierauf erwidern, das Sehen, wenn es nicht die Farbe sei, entspreche doch in seiner Intensität der Intensität der Farbe, die dem Sehenden erscheine; und in ähnlicher Weise seien die anderen Empfindungen den physischen Phänomenen, welche in ihnen vorgestellt werden, der Intensität nach gleichzusetzen. So sei denn mit der Stärke des physischen die des psychischen Phänomens zugleich bestimmt. Ich will nicht leugnen, dass sich dieses so verhalte, obgleich es, wie wir später hören werden, Psychologen gibt, die zwischen der Intensität des Vorgestellten und der Intensität des Vorstellens unterscheiden; ich gebe 92 Buch I. Die Psychologie als Wissenschaft.
darum meinestheils zu, dass, wenn für das physische, auch für das psychische Phänomen, worin das physische vorgestellt wird, nach Fechner's Methode eine Maassbestimmung gefunden werden kann: doch scheint es mir nöthig, die neue Beschränkung hinzuzufügen, dass das psychische Phänomen nur nach einer Seite hin, nämlich in seiner Beziehung zum primären Object, seiner Intensität nach gemessen wird; denn wir werden sehen, dass es noch andere Seiten hat und nicht in dieser Beziehung sich erschöpft.
Aus allen diesen Gründen scheint es mir demnach offenbar, dass durch Fechner's bewunderungswürdigen Versuch der Messung psychischer Intensitäten, nicht oder doch nur zu einem verschwindend kleinen Theile dem besprochenen Mangel abgeholfen werden kann.
Man wird jetzt erkennen, mit welchem Rechte ich zuvor erklärte, dass ich leider, im Gegensatze zu Wundt, in dem Bestehen der von ihm sogenannten zweiten Dimension der psychischen Erscheinungen keineswegs etwas erblicken könne, was die wissenschaftliche Exactheit der Psychologie ermögliche, sondeni etwas, was sie stark benachtheilige und vor der Hand gänzlich unmögüch mache. Denn, wo Fechner's Mittel uns verlässt, da verlässt uns, bis jetzt wenigstens, jede Möglichkeit, die Intensität psychischer Erscheinungen anders als nach einem vagen Mehr oder Minder vergleichend zu bestimmen.
Das also sind die zwei Gründe, welche eine präcise Fassung der ^iöchsten Gesetze psychischer Succession hindern: einmal, dass sie nur empirische Gesetze sind, abhängig von dem veränderlichen Einflüsse unerforschter physiologischer Processe; dann, dass die Intensität der psychischen Erscheinungen, welche wesentlich mit maassgebend ist, bis jetzt einer genauen Messung nicht unterworfen werden kann. Für Anwendung der Mathematik wird dabei immer Raum bleiben; Uefert uns doch auch die Statistik Zahlenangaben, und ein statistisches Verfahren wird in dem Maasse an Ausdehnung gewinnen, als die Gesetze an Bestimmtheit verhören, und nur aus durchschnittlichen Verhältnissen die constante Capitel 4 Deduction und Verification, 93 Mitbetheiligung einer Ursache zu entnehmen ist. So bewährt sich die Mathematik als die unentbehrliche Gehülfin aller Wissenschaften auf allen Stufen der Exactheit und in allen Unterschieden der Verhältnisse.
§. 3. Obwohl unsere psychische Induction nicht bis zu den eigentlichen Grundgesetzen vordringen kann, so erreicht sie doch Gesetze von einer sehr umfassenden Allgemeinheit, Es wird darum möglich sein, aus ihnen wieder speciellere Gesetze abzuleiten. So können wir am Besten für complicirtere psychische Phänomene Gesetze gewinnen, indem wir das Verhalten, welches der Naturforscher in verwickeiteren Fällen, und darum namentlich auch der Physiologe einzuhalten pflegt, uns zum Vorbilde nehmen. Wie aber dieser sich nicht damit begnügt, das Gesetz für die complicirte Erscheinung aus höheren Gesetzen abgeleitet zu haben, sondern auch Sorge trägt, das abgeleitete durch directe Induction aus der Erfahrung zu verificiren: so wird auch der Psychologe für das Gesetz, welches er deductiv gefunden, auf inductivem Wege eine Bestätigung suchen müssen. Ja bei ihm erscheint eine solche Verification ganz besonders geboten, weil, wie wir sahen, die höheren Gesetze, aus welchen er deducirt, in Bezug auf Präcision oft Vieles zu wünschen übrig lassen. Schon der Hinweis auf einzelne hervorragende Fälle ist bei solcher Lage der Dinge eine willkommene Bekräftigung, namentlich da, wo keine anderen entgegenstehen, welche zu widersprechen scheinen. Ist dies der Fall, so wird ein Nachweis durch überwiegende Zahlen die verlangte Probe liefern. So wird denn die Psychologie reich an Beispielen sein, die der deductiven Methode auf empirischem Gebiete und den drei Stadien, welche die Logiker für sie unterschieden haben, zu einer vorzüglichen Erläuterung dienen: Induction der allgemeineren Gesetze; Deduction des besonderen; und Verification desselben durch Erfahrungsthatsachen.
So wenig hienach die Psychologie bei der Feststellung der Gesetze für complicirtere Phänomene des Nachweises durch directe Erfahrung entbehren kann: so wenig wird sie auch 94 Buch I. Die Psychologie als Wissenschaft.
andererseits einen solchen als genügend betrachten dürfen. Nicht bloss das wissenschaftliche Interesse, die Vielheit der Thatsachen möglichst aus einer Einheit zu begreifen, verlangt, das Zurückgehen auf die höchsten für uns erreichbaren Principien: die Ableitung, wie sie eine vollere Einsicht gibt, gewährt auch eine grössere Sicherheit; denn wie anderwärts, so sind auch hier die allgemeineren Gesetze die zuverlässigeren. Fehlt den allgemeineren Gesetzen die letzte Schärfe und Genauigkeit, so wird dies bei den besonderen. noch viel mehr der Fall sein. Kann man die allgemeineren nur in der Art fassen, dass man angibt, was gewöhnlich eintrete, indem man für Ausnahmen eine Stelle freilässt: so werden bei den besonderen die Ausnahmen sich mehren. Und natürlich; denn was bei jenen der wesentlichste Grund mangelnder Präcision ist, das ist derselbe Umstand, der bei den besonderen in noch vorzüglicherem Maasse sich gegeben findet; sie haben ja noch weniger Anspruch darauf als Grundgesetze betrachtet zu werden. Gleichwie die Entdeckung der höchsten Grundgesetze sowohl von unseren jetzigen höchsten psychischen Gesetzen als auch von ihren Ausnahmen und Schranken ßechenschajft geben würde: so wird oft die Ableitung der specielleren Gesetze aus ihnen zugleich die Gesetze selbst und ihre Ausnahmen erklären und die Fälle der Ausnahme genauer bestimmen.
Doch Eines wenigstens ist zulässig: wir können das Verhältniss zwischen Ableitung und bestätigender Induction verkehren; denn es macht offenbar keinen Unterschied, weder in Rücksicht auf den Einblick, noch auf die Sicherheit, die wir gewinnen: ob wir ein Gesetz, nachdem wir es deducirt haben, durch Induction verificiren; oder ob wir es durch Induction finden und es dann im Hinblicke auf die allgemeineren Gesetze erklären. Wir vertauschen dann die sogenannte deductive Methode des Naturforschers mit derjenigen, welche man die umgekehrte deductive Methode genannt hat. Auch den Namen der historischen Methode hat man ihr beigelegt^), weil sie sich vorzügUch zur Auffindung >) Vgl. J. St. MiU, Ded. u. Induct. Logik, Buch VI. Cap. 10.
Capitel 4. Deduction und Verification. 95 der Gesetze der Geschichte eignet. Comte fand auf diesem Wege die Gesetze, die er seinem merkwürdigen Versuche einer Philosophie der Geschichte zu Grunde gelegt hat.
Diese sogenannte historische Methode ist auch ausserhalb der Geschichte auf psychischem Gebiete oft mit grösserem Vortheile als die gewöhnhche deductive Methode anwendbar. Die vorbereitende directe Induction zeigt der Ableitung Weg und Richtung. Die Erfahrung des gemeinen Lebens hat sich bereits oft zu solchen niederen empirischen Gesetzen erhoben und sie selbst in die Form von Sprüchwörtem gekleidet. „Jung gewohnt, alt gethan", „aller Anfang ist schwer", „neue Besen kehren gut", „Abwechselung gefällt*' und dergleichen mehr — sind Ausdrücke für solche empirische Generalisationen. Und so bleibt denn nur noch die Erklärung, Verification und schärfere Begrenzung durch Unterordnung unter die allgemeineren und einfacheren Gesetze, von denen das Volk nichts weiss, als Aufgabe des Psychologen übrig. Einen etwas verwandten Versuch hat bekanntlich Pascal in einer seiner Pensees gemacht.
§. 4. Auch bei der Untersuchung über die Unsterblichkeit wird das Verfahren ein deductives sein, und die Deduction auf allgemeine Thatsachen sich stützen, die in früheren Erörterungen inductiv festgestellt wurden. Die Forschung, die hier sich um die Frage bewegt, welche zu allen Zeiten das lebhafteste Interesse hervorgerufen hat, wird oiBfenbar einen in mancher Beziehung neuen Charakter annehmen müssen. Sie wird einerseits nicht umhin können, auf einige Gesetze der Metaphysik, mehr als es sonst eine phänomenale Psychologie thut, Rücksicht zu nehmen; und andererseits wird auch von den Ergebnissen der Physiologie hier mehr noch als in den früheren Untersuchungen Anwendung zu machen sein. Denn die Frage nach der Möglichkeit eines Fortbestandes des psychischen Lebens bei der Auflösung des leiblichen Organismus, ist eigentlich eine psychophysische Frage; nur eine von denen, die nach unserer früheren Auseinandersetzung, wegen des Uebergewichts psychischer Be- 96 Buch I. Die Psychologie als Wissenschaft.
trachtungen, der Psychologie, nicht der Physiologie zuzuweisen sind. Ob es uns freilich möglich sein wird, durch Induction auf psychischem Gebiete allgemeine Thatsachen zu finden, welqhe für eine Deduction zur Entscheidung der Unsterblichkeitsfrage die Prämissen liefern; ob wir nicht genöthigt sein werden, so tief in die Metaphysik einzugehen, dass der sichere Pfad in unbestimmten, haltlosen Träumereien sich verliert; ob nicht auch die Thatsachen, welche wir der Physiologie zu entlehnen haben, bei dem jetzigen Zustande dieser, Wissenschaft, auf allzuwenig Vertrauen Anspruch machen können: — das sind Fragen, die wohl nicht mit Unrecht aufgeworfen werden dürften, über die aber hier zu entscheiden nicht des Ortes ist. Auch im Uebrigen wollen wir auf die Methode, die bei der Untersuchung dieses Punktes zu befolgen sein wird, hier nicht weiter eingehen. Wie jede frühere Wissenschaft in ihrer Entwickelung für die Methode der späteren Winke gibt: so kann auch oft bei ein und derselben Wissenschaft die Entwickelung des früheren Theiles über die Weise der Behandlung des späteren Aufschlüsse gewähren. Und diese Untersuchung ist ja der Natur der Sache nach diejenige, der in der Reihe der psychologischen Erörterungen jedenfalls am Besten die letzte Stelle angewiesen wird.
Nur Eines sei, da es von vom herein offenbar ist, auch jetzt schon bemerkt; nämlich, dass eine Verification durch directe Erfahrung bei der Unsterblichkeitsfrage jedenfalls nicht stattfinden kann. Hier scheint also eine gefährliche Lücke zu bleiben. Doch an die Stelle der directen Erfahmng kann vielleicht eine indirecte treten, insofern zahlreiche Erfahrungserscheinungen unter Voraussetzung der Unsterblichkeit besser als ohne sie begreiflich werden. In ähnlicher Weise sind es ja auch nur indirecte Fingerzeige, welche die Erscheinungen an fallenden Körpern für die Drehung der Erde um ihre Axe geben.
Indem wir unsere Erörteiimgen über die Methode der Psychologie abschliessen, fügen wir eine letzte, allgemeinere Bemerkung bei. Sie bezieht sich auf ein Mittel, welches Capitel 4. Deduction und Verification.
zwar auch anderwärts, insbesondere aber auf psychologischem Gebiete, häufig die Forschung vorbereitet und erleichtert. Ich meine das Mittel, das Aristoteles so gerne anzuwenden pflegte, die Zusammenstellung der „Aporien". Sie zeigt die verschiedenen denkbaren Annahmen sowie für jede von ihnen die ihr eigenthümlichen Schwierigkeiten und gibt insbesondere über die widerstreitenden Ansichten, sei es einzelner bedeutender Männer, sei es der Massen eine dialektisch kritische Uebersicht. Auch J. St. Mill hat noch in seinem letzten Aufsatze über Grote's Aristotle, den er wenige Monate vor seinem Tode in der „Fortnightly Review" veröffentlichte, die Vorzüge dieser Voruntersuchung in einsichtsvoller Weise gewürdigt. Ich glaube, es ist einleuchtend, warum gerade der Psychologe aus den sich bekämpfenden Meinungen Anderer mehr noch als ein Forscher auf anderem Gebiete Gewinn ziehen kann. Jeder dieser Meinungen liegt, wenn auch vielleicht einseitig * berücksichtigt oder irrig beurtheilt, irgend welche Wahrheit, irgend welche Erfahrung als Anhalt zu Grunde. Und wo es sich um psychische Erscheinungen handelt, hat jeder Einzelne seine besonderen Wahrnehmungen, die keinem Anderen in gleicher Weise zugänglich sind.
Brentano, Psychologie. I.
VON DEN PSYCHISCHEN PHAENOMENEN IM ALLGEMEINEN.
Von dem Unterschiede der psychischen nnd physischen Phänomene.
§. 1. Die gesammte Welt unserer Erscheinungen zerfällt in zwei grosse Classen, in die Classe der physischen und in die der psychischen Phänomene. Wir haben von diesem Unterschiede schon früher gesprochen, da wir den Begriff der Psychologie feststellten, und wiederum sind wir bei der Untersuchung über die Methode darauf zurückgekommen. Aber dennoch ist das Gesagte nicht genügend; was damals nur flüchtig angedeutet wurde, müssen wir jetzt fester und genauer bestimmen.
Dies scheint um so mehr geboten, als hinsichtlich der Abgrenzung beider Gebiete weder Einigkeit noch volle Klarheit erzielt sind. Wir sahen bereits gelegentlich, wie physische Phänomene, welche in der Phantasie erscheinen, für psychische gehalten wurden. Es gibt aber noch viele andere Fälle von Vermengung. Und selbst bedeutende Psychologen dürften schwer gegen den Vorwurf, dass sie sich selbst widersprechen, zu rechtfertigen sein ^). Manchmal stösst man ') So gelingt es mir wenigstens nicht, die verschiedenen Bestimmungen mit einander in Einklang zu bringen, die A. Bain in einem seiner neuesten psychologischen Werke, Mental Science, Lond. 3. edit-1872, in dieser Hinsicht gegeben hat. S. 120 No. 59 sagt er, die psychische Wissenschaft (Science of Mind, die er auch Subject Science 102 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
auf Aeusserungen wie die, dass Empfindung und Phantasie sich dadurch unterscheiden, dass die eine in Folge eines physischen Phänomens entstehe, während die andere, nach den Gesetzen der Association, durch ein psychisches Phänomen hervorgerufen werde. Dabei geben dieselben Psychologen aber zu, dass dasjenige, was in der Empfindung erscheine, der einwirkenden Ursache nicht entsprechend sei. Und somit stellt sich heraus, dass, was sie physische Erscheinungen nennen, uns in Wahrheit nicht erscheint, ja dass wir gar keine Vorstellung davon haben; gewiss eine merkwürdige Art, den Namen Phänomen zu missbrauchen! Bei solcher Lage der Dinge können wir nicht umhin, uns noch etwas eingehender mit der Frage zu beschäftigen.- §. 2. Die Erklärung, die wir anstreben, ist nicht eine Definition nach den herkömmlichen Kegeln der Logiker. Diese haben in letzter Zeit mehrfach eine vorurtheilslose Kritik erfahren, und dem, was ihnen zum Vorwurfe gesagt wurde, wäre noch manches weitere Wort beizufügen. Das, worauf wir ausgehen, ist die Verdeutlichung der beiden