unserer Gefühle nicht zu einer Wertrangierung der Dinge, ins¬ besondere nicht zu einer beständigen oder allgemein gültigen. Der Welt der bloßen Begriffe, der sachlichen Qualitäten und Bestim¬ mungen stehen die großen Kategorien des Seins und des Wertes gegenüber, allumfassende Formen, die ihr Material aus jener Welt der reinen Inhalte entnehmen. Beiden ist der Charakter der Funda¬ mentalität gemeinsam, d. h. die Unmöglichkeit, aufeinander oder auf einfachere Elemente zurückgeführt zu werden. Deshalb ist unmittel¬ bar das Sein irgendwelchen Dinges nie logisch erweisbar; vielmehr, das Sein ist eine ursprüngliche Form unseres Vorstellens, die emp¬ funden, erlebt, geglaubt, aber nicht dem, der sie noch nicht kennte, deduziert werden kann. Hat sie erst einmal einen einzelnen Inhalt ergriffen, durch eine jenseits des Logischen liegende Tat, so nehmen die logischen Zusammenhänge sie auf und tragen sie, soweit sie selbst reichen. So können wir freilich in der Regel sagen, weshalb wir eine bestimmte Wirklichkeit annehmen: weil wir nämlich eine andere bereits angenommen haben, deren Bestimmtheiten mit jener inhalt¬ lich verbunden sind. Die Wirklichkeit der ersten jedoch ist nur durch eine gleiche Zurückschiebung auf eine noch fundamentalere zu er¬ weisen. Dieser Regreß aber muß ein letztes Glied haben, dessen Sein nur durch das unmittelbare Gefühl einer Überzeugung, Bejahung, Anerkennung oder richtiger: als ein solches Gefühl gegeben ist.
Genau so verhält sich der Wert den Objekten gegenüber. Alle Be¬ weise für den Wert eines solchen bedeuten nur die Nötigung, den für irgendein Objekt bereits vorausgesetzten und jetzt augenblicklich fraglosen Wert auch einem anderen, jetzt fraglichen Objekt zuzu¬ erkennen. Auf welche Motive hin wir dies tun, ist später festzustellen; hier nur, daß, was wir durch Wertbeweise einsehen, immer nur die Überleitung eines bestehenden Wertes auf neue Objekte ist, dagegen weder das Wesen des Wertes selbst noch der Grund, weshalb er ur¬ sprünglich an denjenigen Gegenstand geheftet wurde, der ihn nach¬ her auf andere ausstrahlt.
Gibt es erst einmal einen Wert, so sind die Wege seiner Ver¬ wirklichung, ist seine Weiterentwicklung verstandesmäßig zu be¬ greifen, denn nun folgt sie — mindestens abschnittsweise — der Struktur der Wirklichkeitsinhalte. Daß es ihn aber gibt, ist ein Urphänomen. Alle Deduktionen des Wertes machen nur die Be¬ dingungen kenntlich, auf die hin er sich, schließlich ganz unvermittelt, einstellt, ohne doch aus ihnen hergestellt zu werden — wie alle theo¬ retischen Beweise nur die Bedingungen bereiten können, auf die hin jenes Gefühl der Bejahung oder des Daseins eintritt. So wenig man zu sagen wüßte, was denn das Sein eigentlich sei, so wenig kann r man diese Frage dem Wert gegenüber beantworten. Und gerade in¬ dem sie so das formal gleiche Verhältnis zu den Dingen haben, sind sie einander so fremd wie bei Spinoza das Denken und die Aus¬ dehnung: weil diese beiden ebendasselbe, die absolute Substanz, ausdrücken, jedes aber auf seine Weise und für sich vollständig, kann nie eines in das andere übergreifen. Sie berühren sich nirgends, weil sie die Begriffe der Dinge nach völlig Verschiedenem fragen. Aber mit diesem berührungslosen Nebeneinander von Wirklichkeit und Wert ist die Welt keineswegs in eine sterile Zweiheit zerrissen, bei der sich das Einheitsbedürfnis des Geistes niemals beruhigen würde — selbst wenn es sein Schicksal und die Formel seines Suchens wäre, sich von der Vielheit zur Einheit und von der Einheit zur Vielheit abschlußlos zu bewegen. Oberhalb von Wert und Wirklichkeit liegt, was ihnen ge¬ meinsam ist: die Inhalte, das, was Plato schließlich mit den „Ideen“ gemeint hat, das Bezeichenbare, Qualitative, in Begriffe zu Fassende an der Wirklichkeit und in unseren Wertungen, das, was gleichmäßig in die eine wie in die andere Ordnung eintreten kann. Unterhalb aber dieser beiden liegt das, dem sie beide gemeinsam sind: die Seele, die das eine wie das andere in ihre geheimnisvolle Einheit aufnimmt oder aus ihr erzeugt. Die Wirklichkeit und der Wert sind gleichsam zwei verschiedene Sprachen, in denen die logisch zusammenhängenden, in ideeller Einheit gültigen Inhalte der Welt, das, was man ihr „Was“ ge¬ nannt hat, sich der einheitlichen Seele verständlich machen — oder auch die Sprachen, in denen die Seele das reine, an sich noch jenseits dieses Gegensatzes stehende Bild dieser Inhalte ausdrücken kann.
Und vielleicht werden diese beiden Zusammenfassungen ihrer, die er¬ kennende und die wertende, noch einmal von einer metaphysischen Einheit umfaßt, für die die Sprache kein Wort hat, es sei denn in reli¬ giösen Symbolen. Vielleicht gibt es einen Weltgrund, von dem aus ge¬ sehen die Fremdheiten und Divergenzen, die wir zwischen der Wirk¬ lichkeit und dem Wert empfinden, nicht mehr bestehen, wo beide Reihen sich als eine einzige enthüllen — sei es, daß diese Einheit über¬ haupt von jenen Kategorien nicht berührt wird, in erhabener Indiffe¬ renz über ihnen steht, sei es, daß sie eine durchweg harmonische, an allen Punkten gleichartige Verflechtung beider bedeutet, die nur von unserer Auffassungsweise wie von einem fehlerhaften Sehapparat aus¬ einandergezogen, zu Bruchstücken und Gegenrichtungen verzerrt wird.
Den Charakter des Wertes nun, wie er sich zuvor in seinem Kon¬ trast gegen die Wirklichkeit herausstellte, pflegt man als seine Sub¬ jektivität zu bezeichnen. Indem ein und derselbe Gegenstand in einer Seele den höchsten, in einer anderen den niedrigsten Grad des Wertes besitzen kann, und umgekehrt die allseitige und äußerste Verschieden¬ heit der Objekte sich mit der Gleichheit ihres Wertes verträgt, so scheint als Grund der Wertung nur das Subjekt mit seinen normalen oder ausnahmsweisen, dauernden oder wechselnden Stimmungen und Reaktionsweisen übrigzubleiben. Es bedarf kaum der Erwähnung, daß diese Subjektivität nichts mit jener zu tun hat, der man die Ge¬ samtheit der Welt, da sie »meine Vorstellung« ist, anheimgegeben hat. Denn die Subjektivität, die vom Werte ausgesagt wird, stellt ihn in den Gegensatz zu den fertigen, gegebenen Objekten, völlig gleich¬ gültig dagegen, auf welche Weise diese selbst zustande gekommen sind. Anders ausgedrückt: das Subjekt, das alle Objekte umfaßt, ist ein anderes als dasjenige, das sich ihnen gegenüberstellt, die Sub¬ jektivität, die der Wert mit allen Objekten teilt, kommt dabei gar nicht in Frage. Auch kann seine Subjektivität nicht den Sinn der Willkür haben: all jene Unabhängigkeit vom Wirklichen bedeutet nicht, daß der Wille ihn mit ungebundener oder launenhafter Freiheit da und dorthin verteilen könnte. Das Bewußtsein findet ihn vielmehr als eine Tatsache vor, an der es unmittelbar so wenig ändern kann wie an den Wirklichkeiten. Nach Ausschluß dieser Bedeutungen bleibt der Subjektivität des Wertes zunächst nur die negative: daß der Wert nicht in demselben Sinne an den Objekten selbst haftet wie die Farbe oder die Temperatur; denn diese, obgleich von unseren Sinnesbeschaffenheiten bestimmt, werden doch von einem Gefühle unmittelbarer Abhängigkeit von dem Objekt begleitet — einem Ge¬ fühle, auf das uns dem Werte gegenüber die eingesehene Gleich¬ gültigkeit zwischen der Wirklichkeits- und der Wertreihe leicht ver¬ zichten lehrt. Allein wesentlicher und fruchtbarer als diese Bestim¬ mung sind diejenigen Fälle, in denen die psychologischen Tatsachen sie dennoch zu dementieren scheinen.
In welchem empirischen oder transzendentalen Sinne man auch von »Dingen« im Unterschied vom Subjekte sprechen möge — eine »Eigenschaft« ihrer ist der Wert in keinem Fall, sondern ein im Subjekt verbleibendes Urteil über sie. Allein weder der tiefere Sinn und Inhalt des Wertbegriffs, noch seine Bedeutung innerhalb des individuellen Seelenlebens, noch die praktisch-sozialen, an ihn ge¬ knüpften Ereignisse und Gestaltungen sind mit seiner Zuweisung an das »Subjekt« irgend zulänglich begriffen. Die Wege zu diesem Be¬ greifen liegen in einer Schicht, von der aus gesehen jene Subjektivität als etwas bloß Vorläufiges und eigentlich nicht sehr Wesentliches erscheint.
Die Scheidung zwischen Subjekt und Objekt ist keine so radikale, wie die durchaus legitimierte Aufteilung ebenso der praktischen wie der wissenschaftlichen Welt über diese Kategorien glauben macht. Das seelische Leben beginnt vielmehr mit einem Indifferenzzustand, in dem das Ich und seine Objekte noch ungeschieden ruhen, in dem Eindrücke oder Vorstellungen das Bewußtsein erfüllen, ohne daß der Träger dieser Inhalte sich von diesen selbst schon getrennt hätte. Daß in dem aktuell bestimmten, momentan wirklichen Zustand ein Sub¬ jekt, das ihn hat, von dem Inhalt, den er hat, zu unterscheiden ist, das ist erst ein sekundäres Bewußtsein, eine nachträgliche Zerlegung.
Die Entwicklung führt offenbar pari passu dahin, daß der Mensch zu sich selbst Ich sagt, und daß er für sich seiende Objekte außerhalb dieses Ich anerkennt. Wenn die Metaphysik manchmal meint, daß das transzendente Wesen des Seins absolut einheitlich wäre, jenseits des Gegensatzes Subjekt-Objekt, so findet dies sein psychologisches Pendant an dem einfachen, primitiven Erfülltsein mit einem Vor¬ stellungsinhalt, wie es an dem Kinde, das noch nicht von sich als Ich spricht, und in rudimentärer Art vielleicht das ganze Leben hindurch zu beobachten ist. Diese Einheit, aus der sich die Kategorien Subjekt und Objekt erst aneinander und durch einen noch zu erörternden Prozeß entwickeln, erscheint uns nur deshalb als eine subjektive, weil wir an sie mit dem erst nachher ausgebildeten Begriff der Ob¬ jektivität herantreten, und weil wir für derartige Einheiten keinen rechten Ausdruck haben, sondern sie nach einem der einseitigen Ele¬ mente zu benennen pflegen, als deren Zusammenwirken sie in der nachträglichen Analyse erscheinen. So hat man behauptet, alles Handeln wäre seinem absoluten Wesen nach schlechthin egoistisch, während der Egoismus doch erst innerhalb des Handelns und im Gegensatz zu dem ihm korrelativen Altruismus einen verständlichen Inhalt hat; so hat der Pantheismus die Allheit des Seins Gott genannt, von dem man doch einen positiven Begriff nur in seinem Sichabheben von allem Empirischen gewinnen kann. Diese evolutionistische Be¬ ziehung zwischen Subjekt und Objekt wiederholt sich schließlich im größten Maßstab: die Geisteswelt des klassischen Altertums unter¬ scheidet sich von der Neuzeit im wesentlichen dadurch, daß erst die letztere es auf der einen Seite zu der völligen Tiefe und Schärfe des Ichbegriffes gebracht hat — wie er sich zu der dem Altertum un¬ bekannten Bedeutung des Freiheitsproblems aufgegipfelt hat —, auf der anderen zu der Selbständigkeit und Stärke des Objektbegriffes, wie er in der Vorstellung der undurchb rechlichen Naturgesetzlichkeit ausgedrückt ist. Das Altertum war dem Indifferenzzustande, in dem Inhalte schlechthin, ohne zerlegende Projizierung auf Subjekt und Objekt vorgestellt werden, noch nicht so weit entrückt wie die späteren Epochen.
Diese auseinanderzweigende Entwicklung scheint auf ihren beiden Seiten von demselben, aber wie in verschiedenen Schichten wirkenden Motiv getragen zu sein. Denn das Bewußtsein, ein Subjekt zu sein, ist selbst schon eine Objektivierung. Hier liegt das Urphänomen der Persönlichkeitsform des Geistes; daß wir uns selbst betrachten, kennen, beurteilen können, wie irgendeinen »Gegenstand«, daß wir das als Einheit empfundene Ich dennoch in ein vorstellendes Ich-Subjekt und ein vorgestelltes Ich-Objekt zerlegen, ohne daß es darum seine Einheit verliert, ja, an diesem inneren Gegenspiel sich seiner Einheit eigentlich erst bewußt werdend — das ist die funda¬ mentale Leistung unseres Geistes, die seine gesamte Gestaltung be¬ stimmt. Das gegenseitige Sichfordern von Subjekt und Objekt ist hier wie in einen Punkt zusammengerückt, es hat das Subjekt selbst ergriffen, dem sonst die ganze Welt als Objekt gegenübersteht. So hat der Mensch, sobald er sich seiner selbst bewußt wird, zu sich selbst Ich sagt, die grundlegende Form seines Verhältnisses zur Welt, seiner Aufnahme der Welt realisiert. Vor ihr aber, sowohl dem Sinne nach, wie der seelischen Entwicklung nach, liegt das einfache Vor¬ stellen eines Inhalts, das nicht nach Subjekt und Objekt fragt, das noch nicht zwischen sie aufgeteilt ist. Und von der anderen Seite her gesehen: dieser Inhalt selbst, als logisches, begriffliches Gebilde, steht nicht weniger jenseits der Entscheidung zwischen subjektiver und objektiver Realität. Wir können jeden beliebigen Gegenstand rein seinen Bestimmungen und ihrem Zusammenhänge nach denken, ohne im geringsten danach zu fragen, ob dieser ideelle Komplex von Qualitäten auch als objektive Existenz gegeben sei oder sein könne.
Freilich, indem ein solcher reiner Sachgehalt gedacht wird, ist er eine Vorstellung und insofern ein subjektives Gebilde. Allein das Sub¬ jektive ist hier nur der dynamische Akt des Vorstellens, die Funktion, die jenen Inhalt aufnimmt; er selbst wird gerade als etwas von diesem Vorgestelltwerden Unabhängiges gedacht. Unser Geist hat die merk¬ würdige Fähigkeit, Inhalte als von ihrem Gedachtwerden unabhängig zu denken — eine primäre, keiner weiteren Reduktion fähige Eigen¬ schaft seiner; solche Inhalte haben ihre begrifflichen oder sachlichen Bestimmtheiten und Zusammenhänge, die zwar vorgestellt werden können, aber darin nicht aufgehen, sondern gelten, gleichviel, ob sie von meinem Vorstellen auf genommen werden oder nicht — gleich¬ viel auch, ob sie von der objektiven Realität aufgenommen werden oder nicht: der Inhalt eines Vorstellens fällt mit dem Vorstellen des Inhalts nicht zusammen. So wenig jenes primitive, undifferenzierte Vorstellen, das schlechthin nur im Bewußtwerden eines Inhaltes be¬ steht, als subjektiv bezeichnet werden darf, weil es in den Gegensatz: Subjekt-Objekt überhaupt noch nicht eingetaucht ist, so wenig ist dieser reine Inhalt der Dinge oder Vorstellungen etwas Objektives, sondern von dieser differentiellen Form ebenso frei wie von ihrem Gegensatz und erst bereit, sich in der einen oder der anderen darzu¬ stellen. Subjekt und Objekt werden in demselben Akte geboren, logisch, indem der rein begriffliche, ideelle Sachgehalt einmal als Inhalt des Vorstellens, ein anderes Mal als Inhalt der objektiven Wirk¬ lichkeit gegeben wird — psychologisch, indem das noch ichlose, Person und Sache im Indifferenzzustande enthaltende Vorstellen in sich auseinandertritt und zwischen dem Ich und seinem Gegenstand eine Distanz entsteht, durch die jedes von beiden erst sein vom anderen sich abhebendes Wesen erhält.
Dieser Prozeß nun, der schließlich unser intellektuelles Weltbild zustande bringt, vollzieht sich auch innerhalb der willensmäßigen Praxis. Auch hier umfaßt die Scheidung in das begehrende, ge¬ nießende, wertende Subjekt und das als Wert beurteilte Objekt weder die ganzen seelischen Zustände noch die gesamte sachliche Systematik des praktischen Gebietes. Insoweit der Mensch irgendeinen Gegen¬ stand nur genießt, liegt ein in sich völlig einheitlicher Aktus vor. Wir haben in solchem Augenblick eine Empfindung, die weder ein Be¬ wußtsein eines uns gegenüberstehenden Objektes als solchen, noch ein Bewußtsein eines Ich enthält, das von seinem momentanen Zu¬ stande gesondert wäre. Hier begegnen sich Erscheinungen der tiefsten und der höchsten Art. Der rohe Trieb, insbesondere der von unpersönlich -genereller Natur, will sich an einem Gegenstände nur selbst los werden, es kommt ihm nur auf seine Befriedigung an, gleich¬ viel, wodurch sie gewonnen sei; das Bewußtsein wird ausschließlich von dem Genuß erfüllt, ohne sich seinem Träger auf der einen Seite, seinem Gegenstand auf der anderen mit getrennten Akzentuierungen zuzuwenden. Andrerseits zeigt der ganz gesteigerte ästhetische Genuß dieselbe Form. Auch hier »vergessen wir uns selbst«, aber wir emp¬ finden auch das Kunstwerk nicht mehr als etwas uns Gegenüber¬ stehendes, weil die Seele völlig mit ihm verschmolzen ist, es ebenso in sich eingezogen, wie sie sich ihm hingegeben hat. Hier wie dort wird der psychologische Zustand von dem Gegensatz zwischen Sub¬ jekt und Objekt noch nicht oder nicht mehr berührt, aus seiner un¬ befangenen Einheit löst erst ein neu einsetzender Bewußtseinsprozeß jene Kategorien aus und betrachtet nun erst den reinen Inhaltsgenuß einerseits als den Zustand eines dem Objekt gegenüberstehenden Subjekts, andrerseits als die Wirkung eines von dem Subjekt un¬ abhängigen Objekts. Diese Spannung, die die naiv-praktische Ein¬ heit von Subjekt und Objekt auseinandertreibt und beides — eines am anderen — erst für das Bewußtsein erzeugt, wird zunächst durch die bloße Tatsache des Begehrens hergestellt. Indem wir begehren, was wir noch nicht haben und genießen, tritt dessen Inhalt uns gegenüber. In dem ausgebildeten empirischen Leben steht zwar der fertige Gegenstand vor uns und wird daraufhin erst begehrt — schon, weil außer den Ereignissen des Wollens viele andere, theo¬ retische und gefühlsmäßige, zu der Objektwerdung der seelischen Inhalte wirken; allein innerhalb der praktischen Welt für sich allein, auf ihre innere Ordnung und ihre Begreiflichkeit hin angesehen, sind die Entstehung des Objekts als solchen und sein Begehrtwerden durch das Subjekt Korrelatbegriffe, sind die beiden Seiten des Differenzierungsprozesses, der die unmittelbare Einheit des Genu߬ prozesses spaltet. Man hat behauptet, daß unsere Vorstellung von objektiver Realität aus dem Widerstand entspränge, den wir, ins¬ besondere vermittelst des Tastsinnes, seitens der Dinge erfahren.
Dies ist ohne weiteres auf das praktische Problem zu übertragen. Wir begehren die Dinge erst jenseits ihrer unbedingten Hingabe an un¬ seren Gebrauch und Genuß, d. h. indem sie eben diesem irgendeinen Widerstand entgegensetzen; der Inhalt wird Gegenstand, sobald er uns entgegensteht, und zwar nicht nur in seiner empfundenen Un¬ durchdringlichkeit, sondern in der Distanz des Nochnichtgenießens, deren subjektive Seite das Begehren ist. Wie Kant einmal sagt: die Möglichkeit der Erfahrung ist die Möglichkeit der Gegenstände der Erfahrung — weil Erfahrungen machen heißt: daß unser Bewußt¬ sein die Sinnesempfindungen zu Gegenständen bildet — so ist die Möglichkeit des Begehrens die Möglichkeit der Gegenstände des Be¬ gehrens. Das so zustande gekommene Objekt, charakterisiert durch den Abstand vom Subjekt, den dessen Begehrung ebenso feststellt wie zu überwinden sucht — heißt uns ein Wert. Der Augenblick des Genusses selbst, in dem Subjekt und Objekt ihre Gegensätze ver¬ löschen, konsumiert gleichsam den Wert; er entsteht erst wieder in der Trennung vom Subjekt, als Gegenüber, als Objekt. Die trivialen Erfahrungen: daß wir viele Besitztümer erst dann recht als Werte schätzen, wenn wir sie verloren haben; daß die bloße Versagtheit eines begehrten Dinges es oft mit einem Werte ausstattet, dem sein erlangter Genuß nur in sehr geringem Maße entspricht; daß die Entferntheit von den Gegenständen unserer Genüsse — in jedem unmittelbaren und übertragenen Sinne der Entfernung — sie in ver¬ klärtem Lichte und gesteigerten Reizen zeigt — alles dies sind Ab¬ kömmlinge, Modifikationen, Mischungsformen der grundlegenden Tatsache, daß der Wert nicht in der ungebrochenen Einheit des Ge¬ nußmomentes entspringt, sondern indem dessen Inhalt sich als Objekt von dem Subjekt löst und ihm als jetzt erst Begehrtes gegenüber¬ tritt, das zu gewinnen es der Überwindung von Abständen, Hemm¬ nissen, Schwierigkeiten bedarf. Um die obige Analogie wieder aufzu¬ nehmen: im letzten Grunde vielleicht drängten sich nicht die Reali¬ täten durch die Widerstände, die sie uns leisten, in unser Bewußtsein, sondern diejenigen Vorstellungen, an welche Widerstandsempfin¬ dungen und Hemmungsgefühle geknüpft wären, hießen uns die ob¬ jektiv realen, von uns unabhängig außerhalb unser befindlichen. So ist es nicht deshalb schwierig, die Dinge zu erlangen, weil sie wert¬ voll sind, sondern wir nennen diejenigen wertvoll, die unserer Be¬ gehrung, sie zu erlangen, Hemmnisse entgegensetzen. Indem dies Be¬ gehren sich gleichsam an ihnen bricht oder zur Stauung kommt, er¬ wächst ihnen eine Bedeutsamkeit, zu deren Anerkennung der un¬ gehemmte Wille sich niemals veranlaßt gesehen hätte.
Der Wert, der so gleichzeitig mit dem begehrenden Ich und als sein Korrelat in einem und demselben Differenzierungsprozeß auftritt, untersteht darüber hinaus einer weiteren Kategorie; es ist die¬ selbe, die auch für das auf dem Wege des theoretischen Vorstellens gewonnene Objekt galt. Dort hatte sich ergeben, daß die Inhalte, die einerseits in der objektiven Welt realisiert sind, andrerseits als subjektive Vorstellungen in uns leben, jenseits dieser beiden eine eigentümliche ideelle Dignität besitzen. Der Begriff des Dreiecks oder der des Organismus, die Kausalität oder das Gravitationsgesetz haben einen logischen Sinn, eine Gültigkeit ihrer inneren Struktur, mit der sie zwar ihre Verwirklichungen im Raume und im Bewußt¬ sein bestimmen, die aber, auch wenn es zu solchen niemals käme, unter die nicht weiter auflösbare Kategorie des Gültigen oder Be¬ deutsamen gehören und sich von fantastischen oder widerspruchs¬ vollen Begriffsgebilden unbedingt unterscheiden würden, denen sie doch in bezug auf physische oder psychische Nichtrealität völlig gleichstünden. Analog nun, mit den durch die Gebietsänderung be¬ dingten Modifikationen, verhält sich der Wert, der den Objekten des subjektiven Begehrens zuwächst. Wie wir gewisse Sätze als wahr vorstellen, mit dem begleitenden Bewußtsein, daß ihre Wahrheit von diesem Vorgestelltwerden unabhängig ist — so empfinden wir Dingen, Menschen, Ereignissen gegenüber, daß sie nicht nur von uns als wertvoll empfunden werden, sondern wertvoll wären, auch wenn nie¬ mand sie schätzte. Das einfachste Beispiel ist der Wert, den wir der Gesinnung der Menschen zusprechen, der sittlichen, vornehmen, kraftvollen, schönen. Ob solche inneren Beschaffenheiten sich je in Taten äußern, die die Anerkennung ihres Wertes ermöglichen oder erzwingen, ja, ob ihr Träger selbst mit dem Gefühl eigenen Wertes über sie reflektiert, erscheint uns nicht nur für die Tatsache ihres Wertes gleichgültig, sondern diese Gleichgültigkeit gegen ihr An¬ erkannt- und Bewußtwerden macht gerade die bezeichnende Färbung dieser Werte aus. Und weiter: die intellektuelle Energie und die Tatsache, daß sie die geheimsten Kräfte und Ordnungen der Natur in das Licht des Bewußtseins hebt; die Gewalt und der Rhythmus der Gefühle, die in dem engen Raum der individuellen Seele doch aller Außenwelt mit unendlicher Bedeutsamkeit überlegen sind, selbst wenn die pessimistische Behauptung von dem Übermaß des Leidens richtig ist; daß jenseits des Menschen die Natur überhaupt sich in der Zuverlässigkeit fester Normen bewegt, daß die Vielheit ihrer Ge¬ staltungen dennoch einer tiefen Einheit des Ganzen Raum gibt, daß ihr Mechanismus sich weder der Deutung nach Ideen entzieht, noch sich weigert, Schönheit und Anmut zu erzeugen — auf alles dies hin stellen wir vor: die Welt sei eben wertvoll, gleichviel, ob diese Werte von einem Bewußtsein empfunden werden oder nicht. Und dies geht hinunter bis zu dem ökonomischen Wertquantum, das wir einem Objekt des Tausch Verkehrs zusprechen, auch wenn niemand etwa den entsprechenden Preis zu bewilligen bereit ist, ja, wenn es überhaupt unbegehrt und unverkäuflich bleibt. Auch nach dieser Richtung hin macht sich die fundamentale Fähigkeit des Geistes geltend: sich den Inhalten, die er in sich vorstellt, zugleich gegenüberzustellen, sie vorzustellen, als wären sie von diesem Vorgestelltwerden unabhängig.
Gewiß ist jeder Wert, den wir fühlen, insoweit eben ein Gefühl: allein, was wir mit diesem Gefühl meinen, ist ein an und für sich bedeut¬ samer Inhalt, der von dem Gefühl zwar psychologisch realisiert wird, aber mit ihm nicht identisch ist und sich mit ihm nicht erschöpft. Ersichtlich stellt sich diese Kategorie jenseits der Streitfrage nach der Subjektivität oder Objektivität des Wertes, weil sie die Korrelativität zum Subjekt ablehnt, ohne die ein »Objekt« nicht möglich ist; sie ist vielmehr ein Drittes, Ideelles, das zwar in jene Zweiheit eingeht, aber nicht in ihr aufgeht. Entsprechend dem praktischen Charakter ihres Gebietes, hat sie eine besondere Beziehungsform zum Subjekt zur Verfügung, das der Reserviertheit des nur abstrakt »gültigen« Inhaltes unserer theoretischen Vorstellungen abgeht. Diese Form ist als Forderung oder Anspruch zu bezeichnen. Der Wert, den an irgendeinem Dinge, einer Person, einem Verhältnis, einem Geschehnis haftet, verlangt es, anerkannt zu werden. Dieses Verlangen ist natürlich als Ereignis nur in uns, den Subjekten, anzu¬ treffen; allein, indem wir ihm nachkommen, empfinden wir, daß wir damit nicht einfach einer von uns selbst an uns selbst gestellten Forderung genügen — ebensowenig freilich eine Bestimmtheit des Objekts nachzeichnen. Die Bedeutung irgendeines körperhaften Sym¬ bols, uns zu religiösen Gefühlen zu erregen; die sittliche Forderung einer bestimmten Lebenslage, sie zu revolutionieren oder bestehen zu lassen, sie weiterzuentwickeln oder zurückzubilden; die pflicht¬ artige Empfindung, großen Ereignissen gegenüber nicht gleich¬ gültig zu bleiben, sondern unsere Innerlichkeit auf sie reagieren zu lassen; das Recht des Anschaulichen, nicht einfach hingenommen, sondern in die Zusammenhänge ästhetischer Würdigung eingestellt zu werden — alles dies sind Ansprüche, die zwar ausschließlich inner¬ halb des Ich empfunden oder verwirklicht werden, ohne in den Ob¬ jekten selbst ein Gegenbild oder sachlichen Ansatzpunkt zu finden, die aber, als Ansprüche, in dem Ich so wenig unterzubringen sind wie in den Gegenständen, die sie betreffen. Von der natürlichen Sach¬ lichkeit aus gesehen, mag solcher Anspruch als subjektiv erscheinen, von dem Subjekte aus als etwas Objektives; in Wirklichkeit ist es eine dritte, aus jenen nicht zusammensetzbare Kategorie, gleichsam etwas zwischen uns und den Dingen. Ich sagte, daß der Wert der Dinge zu jenen Inhaltsgebilden gehörte, die wir, indem wir sie vor¬ stellen, zugleich als etwas innerhalb dieses Vorgestelltwerdens den¬ noch Selbständiges empfinden, als etwas von der Funktion, durch die es in uns lebt. Gelöstes; dieses »Vorstellen« ist nun in dem Falle, wo ein Wert seinen Inhalt bildet, genauer angesehen, eben eine Emp¬ findung von Anspruch, jene »Funktion« ist eine Forderung, die als solche nicht außerhalb unser existiert, aber ihrem Inhalt nach den¬ noch aus einem ideellen Reiche stammt, das nicht in uns liegt, das auch nicht den Objekten der Wertschätzung als eine Qualität ihrer anhaftet; es besteht vielmehr in der Bedeutung, die sie durch ihre Stellung in den Ordnungen jenes ideellen Reiches für uns als Sub¬ jekte besitzen. Dieser Wert, den wir als von seinem Anerkanntwerden unabhängig denken, ist eine metaphysische Kategorie; als solche steht er ebenso jenseits des Dualismus von Subjekt und Objekt, wie das unmittelbare Genießen diesseits desselben gestanden hatte. Das letztere ist die konkrete Einheit, auf die jene differentiellen Kate¬ gorien noch nicht angewendet sind, das erstere die abstrakte oder ideelle Einheit, in deren fürsichseiender Bedeutung er wieder ver¬ schwunden ist — wie in dem allbefassenden Bewußtseinszusammen¬ hang, den Fichte das Ich nennt, der Gegensatz des empirischen Ich und des empirischen Nicht-Ich verschwunden ist. Wie der Genuß in dem Moment der völligen Verschmelzung der Funktion mit ihrem Inhalt nicht als subjektiv zu bezeichnen ist, weil kein gegenüber¬ stehendes Objekt den