SigPhi · Georg Simmel

Philosophie des Geldes

German

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durchaus geschieden, während die Identität, die die ideellen Inhalte beider zeigen, wiederum mit der realen Verursachung überhaupt nichts zu tun hat.

Von tieferer Bedeutung für die jetzige Aufgabe ist die andere Differenz, durch die sich das triebhafte und das vom Zweck geleitete Woben gegeneinander charakterisieren. Sobald unser Handeln nur kausal (im engeren Sinne) bestimmt wird, ist der ganze Vorgang mit der Umsetzung der drängenden Energien in subjektive Bewegung beendet, das Gefühl der Spannung, des Getriebenwerdens ist gehoben, sobald die Aktion als Folge des Triebes eingetreten ist. Der Trieb lebt sich mit der ihm natürlichen Fortsetzung in Bewegung voll¬ ständig aus, so daß der gesamte Vorgang innerhalb des Subjekts beschlossen bleibt. Ganz anders verläuft der Prozeß, der durch das Bewußtsein des Zweckes geleitet ist. Dieser geht zunächst auf einen bestimmten objektiven Erfolg des Tuns und erreicht seinen Abschluß durch die Reaktion dieses auf das Subjekt bzw. des Subjekts auf ihn. Die prinzipielle Bedeutung des Zweckhandelns liegt also in der Wechselwirkung, die es zwischen dem Subjekt und Objekt stiftet. Indem schon die bloße Tatsache unserer Existenz uns in diese Wechselwirkung verwebt, hebt das zweckbestimmte Handeln sie in die Innerlichkeit des Geistes. Durch eben dies stellt sich unser Ver¬ hältnis zur Welt gleichsam als eine Kurve dar, die vom Subjekt aus auf das Objekt geht, es in sich einbezieht und wieder zum Subjekt zu.vückkehrt. Und während freilich jede zufällige und mechanische Berührung mit den Dingen äußerlich dasselbe Schema zeigt, wird es als Zweckhandeln von der Einheit des Bewußtseins durchströmt und zusammengehalten. Als Naturwesen betrachtet sind wir in fort¬ währender Wechselwirkung mit dem natürlichen Dasein um uns her¬ um, aber in völliger Koordination mit diesem; erst im Zweckhandeln differenziert sich das Ich als Persönlichkeit von den Naturelementen außerhalb (und innerhalb) seiner. Oder, anders angesehen: erst auf der Grundlage solcher Scheidung eines persönlich wollenden Geistes und der rein kausal betrachteten Natur ist jene Einheit höherer Stufe zwischen beiden möglich, die sich in der Zweckkurve ausdrückt.

Dieses prinzipielle Verhältnis wiederholt sich, mit gewissen Abschwächungen, an dem Unterschied, den man zwischen der Arbeit des Kulturmenschen und des Naturmenschen zu finden meint: jene gehe regelmäßig und methodisch, diese unregelmäßig und stoßweise vor sich; das heißt, die erstere fordere eine willenshafte Überwindung der Widerstände, die unser Organismus der Arbeit entgegensetze, während die andere nur die Auslösung der in den psychischen Zentren angehäuften Nervenkraft sei.

Das ist nun nicht so gemeint, als ob der eigentliche Zweck jedes Zweckhandelns im handelnden Subjekt selbst liegen müßte, als ob der Grund, um dessentwillen irgendein Objektives verwirklicht wird, immer in dem Gefühle bestünde, das es rückwirkend in uns erregt.

Wenn dies in den eigentlich egoistischen Handlungen stattfindet, stehen daneben doch unzählige, in denen jene Inhaltsgleichheit zwischen Motiv und Erfolg nur den Erfolg im Sinne des Objekts, des äußer-subjektiven Geschehens betrifft; unzählige Male nimmt die innere Energie, aus der unser Handeln hervorgeht, ihrer Bewußt¬ seinsseite nach nur ihren sachlichen Erfolg in sich auf und läßt die auf uns selbst zurückkehrende Weiterwirkung desselben ganz außer¬ halb des teleologischen Prozesses. Zwar, wenn nicht der Erfolg unseres Tuns schließlich ein Gefühl in uns auslöste, so würde von seiner Vorstellung nicht die bewegende Kraft ausgehen, die ihn zu verwirklichen strebt. Allein dieses unentbehrliche Endglied des Han¬ delns ist darum noch nicht sein Endzweck; unser teleologisch be¬ stimmtes Wollen macht vielmehr sehr oft an seinem sachlichen Erfolge halt und fragt bewußt nicht über diesen hinaus. Suchen wir also die Formel des Zweckprozesses in seinem Gegensatz zu dem kausal-triebhaften — wobei dahingestellt bleibt, ob dieser Gegen¬ satz etwa nur ein solcher der Betrachtungsweise, sozusagen ein methodologischer ist — so ist es die, daß das Zweckhandeln die be¬ wußte Verflechtung unserer subjektiven Energien mit einem objek¬ tiven Dasein bedeutet, und daß diese Verflechtung in einem doppelten Ausgreifen der Wirklichkeit in das Subjekt hinein besteht: einmal in der Antizipation ihres Inhaltes in der Form der subjektiven Ab¬ sicht und zweitens in der Rückwirksamkeit ihrer Realisierung in der Form eines subjektiven Gefühls. Aus diesen Bestimmungen ent¬ wickelt sich die Rolle des Zweckes im Lebenssystem.

Es geht zunächst daraus hervor, daß sogenannte unmittelbare Zwecke einen Widerspruch gegen den Begriff des Zweckes selbst be¬ deuten Wenn der Zweck eine Modifikation innerhalb des objektiven Sems bedeutet, so kann dieselbe doch nur durch ein Tun realisiert werden, welches die innere Zwecksetzung mit dem ihr äußeren Da¬ sein vermittelt; unser Handeln ist die Brücke, über welche der Zweckinhah aus seiner psychischen Form in die Wirklichkeitsform übergeht. Der Zweck ist seinem Wesen nach an die Tatsache des Mittels gebunden. Hierdurch unterscheidet er sich einerseits vom bloßen Mechanismus - und seinem psychischen Korrelat, dem Trieb in dem die Energien jedes Momentes sich in dem unmittelbar folgen¬ den vollständig entladen, ohne über diesen hinaus auf einen nächsten zu weisen; welcher nächste vielmehr nur von dem unmittelbar vorhergehenden ressortiert. Die Formel des Zweckes ist dreigliedrig, die es Mechanismus nur zweigliedrig. Andrerseits unterscheidet sich ?enifeneHanHrf Angewieusensein auf das auch von dem- K handeln, das man sich als das göttliche denken mag. Für die Macht eines Gottes kann unmöglich ein zeitliches oder sachliches Intervall zwischen dem Willensgedanken und seiner Verwirklichung bestehen. Das menschliche Handeln, zwischen diese beiden Momente eingeschoben, ist nichts als das überwinden von Hemmungen die ur einen Gott nicht bestehen können; wenn wir ihn nicht narh a Büde irdischer Unvollkommenheit denken, so muß sein Wille um mittelbar als solcher schon Realität des Gewollten sein. Von einem Endzweck den Gott mit der Welt hätte, kann man nur in einem sehr modifmerten Sinne reden, nämlich als dem zeitlich letzten Zu stand, der ihre Schicksale abschließt. Verhielte sich aber fZ J göttlichen Ratschluß jener zu diesen vorhergehenden, wie sich ein menschlicher Zweck zu seinen Mitteln verhält: nämlich als das allein Wertvolle und Gewollte - so wäre nicht abzusehen, weshaTb G0« ihn nicht unmittelbar und mit Übergehung jener wertlosen und hemmenden Zwischenstadien sollte herbeigeführt haben; denn er be¬ darf doch nicht der technischen Mittel, wie wir, die wir der selb¬ ständigen Welt mit sehr beschränkten, auf Kompromisse mit ihren Hemmungen und auf Allmählichkeit des Durchsetzens angewiesenen Kräften gegenüberstehen. Oder anders ausgedrückt: für Gott kann es keinen Zweck geben, weil es für ihn keine Mittel gibt.

Aus dieser Gegenüberstellung wird die eigentliche Bedeutung des oben Betonten ersichtlich, daß der Zweckprozeß eine Wechselwirkung zwischen dem persönlich wollenden Ich und der ihm äußeren Natur bedeutet. Der Mechanismus, der zwischen dem Willen und seiner Befriedigung steht, ist einerseits Verbindung, andrerseits aber auch Trennung beider. Er bedeutet die Unmöglichkeit für den Willen, aus sich selbst heraus zu seiner Befriedigung zu gelangen, er stellt die Hemmung dar, die er überwindet. Zweckmäßigkeit ist also ihrem Wesen nach ein relativer Begriff, weil sie immer das an sich Zweck -fremde voraussetzt, in dessen Umformung sie besteht. Wenn es dieser letzteren nicht bedürfte, der Wille vielmehr als solcher schon seine Erfüllung in sich trüge, so käme es gar nicht zu einer Zwecksetzung.

Das eigene Tun, in das der zweckbestimmte Wille sich fortsetzt, ist der erste Fall, an dem wir dieses Doppelcharakters des Mittels inne werden: an ihm fühlen wir ganz nahe den Widerstand des außer¬ seelischen Seins unser selbst und die dirigierende Energie, die ihn überwindet — eines am anderen bewußtwerdend und sein spezifisches Wesen gewinnend. Wenn nun das Tun den äußeren Gegenstand des Zweckes nicht unmittelbar erzeugen kann, sondern dazu erst ein anderes äußeres Ereignis einleiten muß, das seinerseits das er¬ wünschte Resultat bewirkt, so ist das dazwischengeschobene Ge¬ schehen unserem eigenen Handeln hier wesensgleich: beides ist gleichmäßig Mechanismus, aber beides auch gleichmäßig vom Geist zum Geiste führender Mechanismus; beides setzt sich kontinuier¬ lich aneinander an, um die Kurve zu bilden, deren Anfangs- und Endpunkte in der Seele liegen; die durchschnittliche Gliederzahl dieser Kurve innerhalb eines bestimmten Lebensstiles zeigt nun die Kenntnis und Beherrschung der Natur wie die Weite und Ver¬ feinerung der Lebensführung an. Und hier setzen die gesellschaft¬ lichen Komplikationen an, die in der Schaffung des Geldes gipfeln.

Zunächst ist folgender Zusammenhang klar. Wenn ein Zweck D erreicht und dazu eine Kette mechanischer Vorgänge ABC produziert werden soll, derart, daß B durch A, C durch B und D erst durch C veranlaßt wird, so ist diese in ihrem Inhalt und ihrer Richtung durch D bestimmte Reihe von der Erkenntnis des Kausalzusammenhanges zwischen ihren Gliedern abhängig. Wenn ich nicht schon wüßte, daß C imstande ist, D hervorzurufen, B ebenso C usw., so würde ich mit meinem Verlangen nach D ganz hilflos dastehen. Nie¬ mals kann also eine teleologische Kette erwachsen, ohne daß die um¬ gekehrt gerichteten, kausalen Verbindungen ihrer Glieder bekannt wären. Der Zweck vergilt dies, indem er gewöhnlich seinerseits die psychologische Anregung gibt, überhaupt nach kausalen Zusammen¬ hängen zu forschen. Die teleologische Kette findet also ihre inhalt¬ liche, logische Möglichkeit in der kausalen, diese aber ihr Interesse, d. h. ihre regelmäßige psychologische Möglichkeit in dem Wollen eines Zwecks. Die so bezeichnete Wechselwirkung, die, ganz all¬ gemein gesprochen, das Verhältnis von Theorie und Praxis bedeutet, hat ersichtlich zur Folge, daß die Vertiefung des kausalen Bewußt¬ seins mit der des teleologischen Hand in Hand geht. Die Länge der Zweckreihen hängt von der Länge der Kausalreihen ab; und andrer¬ seits, der Besitz der Mittel erzeugt unzählige Male nicht nur die Verwirklichung, sondern erst den Gedanken des Zwecks.

Um diese Verwebung des natürlichen und des geistigen Seins in ihrer Bedeutung einzusehen, muß man sich das scheinbar Selbst¬ verständliche vor Augen halten, daß wir mit vielgliedrigen Reihen von Mitteln mehr und wesentlichere Zwecke erreichen können als mit kurzen. Der primitive Mensch, dessen Kenntnis der natürlichen Ur¬ sächlichkeiten sehr beschränkt ist, ist dadurch in seinen Zweck¬ setzungen ebenso beschränkt. Die Zweckkurve wird bei ihm als Mittelglieder kaum mehr als das eigene physische Tun und die un¬ mittelbare Einwirkung auf je ein Objekt enthalten; wenn nun von diesem nicht die erhoffte Rückwirkung auf ihn erfolgt, so wird die Einschiebung einer magischen Instanz, von der er durch irgendein Beeinflussen die Bewirkung des gewünschten Erfolges erhofft, doch weniger als Verlängerung der teleologischen Reihe, denn als Beweis für die Untunlichkeit derselben erscheinen. Wo jene kurze Reihe also nicht ausreicht, wird er entweder auf den Wunsch verzichten, oder, unendlich häufiger, ihn überhaupt nicht ausbilden. Die Verlängerung der Reihe bedeutet, daß das Subjekt die Kräfte der Objekte in steigendem Maße für sich arbeiten läßt. Je mehr die primitiven Be¬ dürfnisse schon befriedigt sind, desto mehr Glieder pflegt die teleo¬ logische Reihe zu fordern, und erst einer sehr verfeinerten Kausal¬ erkenntnis gelingt dann manchmal die Reduktion der Gliederzahl, indem sie unmittelbarere Zusammenhänge, kürzere Wege innerhalb der natürlichen Ordnung der Dinge entdeckt. Dies kann sich bis zu einer Umkehrung des natürlichen Verhältnisses steigern: in relativ primitiven Zeiten werden die einfachen Lebensbedürfnisse noch durch einfache Zweckreihen beschafft, während es für die höheren und differenzierten vielgliedriger Umwege bedarf; die vorgeschrittene technische Kultur dagegen pflegt gerade für die letzteren relativ ein¬ fachere, direktere Herstellungsarten zu besitzen, wogegen die Ge¬ winnung der fundamentalen Erfordernisse des Lebens auf immer größere Schwierigkeiten stößt, die durch immer kompliziertere Mittel überwunden werden müssen. Die Kulturentwicklung geht, mit einem Wort, auf Verlängerung der teleologischen Reihen für das sachlich Naheliegende und Verkürzung derselben für das sachlich Fern¬ liegende. Und hier tritt der äußerst wichtige Begriff des Werk¬ zeugs in unsere Erwägung des Zweckhandelns ein. Die primäre Form jener teleologischen Kurve ist doch die, daß unser Tun ein äußeres Objekt zu Reaktionen veranlaßt, die, gemäß der eigenen Natur desselben verlaufend, an den Punkt der erwünschten Ein¬ wirkung auf uns gelangen. Das Werkzeug bedeutet nun die Ein¬ schiebung einer Instanz zwischen dem Subjekt und diesem Objekt, die nicht nur zeitlich -räumlich, sondern auch inhaltlich eine Mittel¬ stellung zwischen ihnen einnimmt. Denn es ist einerseits zwar ein äußeres Objekt von bloß mechanischer Wirksamkeit, andrerseits aber auch eins, auf das nicht nur, sondern mit dem — wie mit der Hand — gewirkt wird. Das Werkzeug ist das potenzierte Mittel, denn seine Form und sein Dasein ist schon durch den Zweck bestimmt, wäh¬ rend bei dem primären teleologischen Prozeß die natürlichen Existenzen erst nachträglich in den Dienst des Zweckes gestellt wer¬ den. Wer einen Samen in die Erde steckt, um später die Frucht des Gewächses zu genießen, statt sich mit der wild wachsenden zu be¬ gnügen, handelt teleologisch, aber die Erscheinung des Zweckes mündet an der Grenze seiner Hand; wenn aber bei dieser Gelegen¬ heit Hacke und Spaten verwendet werden, so ist der Punkt, von dem an die natürlichen Prozesse sich selbst überlassen sind, weiter hinausgeschoben, das subjektiv bestimmte Moment ist dem objek¬ tiven gegenüber verlängert. Mit dem Werkzeug fügen wir der Zweck -reihe allerdings ein neues Glied freiwillig zu, damit aber nur be¬ weisend, daß keineswegs jeder Weg in dem Maße der kürzere ist, in dem er der gerade ist. Das Werkzeug ist der Typus dessen, was man in der Außenwelt unser Geschöpf nennen könnte, indem es, gleichsam an dem einen Ende, ganz von unseren Kräften geformt wird und am anderen ganz in unsere Zwecke eingeht; gerade dadurch, daß es selbst nicht Zweck ist, fehlt ihm jene relative Selbständigkeit, die der Zweck besitzt, sei es, daß er uns als absoluter Wert an sich selbst gelte, sei es, daß wir von ihm eine Wirkung auf uns erwarten: es ist das absolute Mittel. Das Werkzeug-Prinzip ist nun keineswegs nur an Physischem wirksam. Vielmehr dort, wo das Interesse nicht unmittel¬ bar der materiellen Produktion gilt, sondern geistige Bedingungen und Seiten derselben oder überhaupt immaterielle Geschehnisse in Frage stehen, gewinnt das Werkzeug eigentlich eine noch reinere Form, insofern es nun wirklich ganz das Geschöpf unseres Willens ist und sich nicht mit der Besonderheit und inneren Zweckfremdheit einer Materie abzufinden hat. Den ausgeprägtesten Typus bilden hier viel¬ leicht die sozialen Institutionen, durch deren Benutzung der Einzelne Zwecke erreichen kann, zu denen sein bloß persönliches Können nie¬ mals zureichen würde. Ganz abgesehen von dem Allerallgemeinsten: daß das Teilhaben am Staat durch den äußeren Schutz, den er ge¬ währt, überhaupt die Bedingung für die Mehrzahl individueller Zweckhandlungen ist — so verschaffen etwa die besonderen Ein¬ richtungen des Zivilrechts dem Wollen des Einzelnen Realisierungs¬ möglichkeiten, die ihm sonst völlig versagt blieben. Indem sein Wille den Umweg über die Rechtsform des Vertrags, des Testaments, der Adoption usw. einschlägt, benutzt er ein von der Allgemeinheit her¬ gestelltes Werkzeug, das seine eigene Kraft vervielfältigt, ihre Wirkungslinien verlängert, ihre Resultate sichert. Aus den Wechsel¬ wirkungen der vielen entstehen, indem das Zufällige sich gegenseitig abschleift und die Gleichmäßigkeit der Interessen eine Summierung der Beiträge gestattet, objektive Einrichtungen, die gleichsam die Zentralstation für unzählige teleologische Kurven der Individuen bil¬ den und diesen ein völlig zweckmäßiges Werkzeug für die Er¬ streckung derselben auf sonst Unerreichbares bieten. So verhält es sich auch mit dem kirchlichen Kultus: er ist ein von der Gesamtheit der Kirche bereitetes, die für dieselbe typischen Empfindungen objek¬ tivierendes Werkzeug — gewiß ein Umweg für die innen und oben gelegenen Endziele der Religiosität, aber der Umweg über ein Werk¬ zeug, das, im Unterschiede von allen materiellen Werkzeugen, sein ganzes Wesen darin hat, bloß Werkzeug zu jenen Zielen zu sein die das Individuum für sich allein, d. h. auf direktem Wege, nicht glaubt gewinnen zu können.

Und damit ist endlich der Punkt erreicht, an dem das Geld in den Verwebungen der Zwecke seinen Platz findet. Ich muß mit All¬ bekanntem beginnen. Beruht aller wirtschaftliche Verkehr darauf, daß ich etwas haben will, was sich zur Zeit im Besitze eines anderen befindet, und daß er es mir überläßt, wenn ich ihm dafür etwas über¬ lasse, was ich besitze und er haben will: so liegt auf der Hand, daß das letztgenannte Glied dieses zweiseitigen Prozesses sich nicht immer einstellen wird, wenn das erste auftaucht; unzähligemal werde ich den Gegenstand a begehren, der sich im Besitz von A befindet, während der Gegenstand oder die Leistung b, die ich gern dafür hingäbe, für A völlig reizlos ist; oder aber, die gegenseitig angebotenen Güter werden wohl beiderseitig begehrt, allein über die Quanta, in denen sie sich gegenseitig entsprechen, läßt sich durch unmittelbares Aneinanderhalten eine Einigung nicht erzielen. Deshalb ist es für die höchstmögliche Erreichung unserer Zwecke von größtem Werte, daß ein Mittelglied in die Kette der Zwecke eingefügt werde, in welches ich b jederzeit umsetzen und das sich seinerseits ebenso in a umsetzen kann — ungefähr wie jede beliebige Kraft, des fallenden Wassers, der erhitzten Gase, der windgetriebenen Mühlenflügel, wenn sie in die Dynamomaschine geleitet ist, mittels dieser in jede beliebige Kraftform umgesetzt werden kann. Wie meine Gedanken die Form der allgemein verstandenen Sprache annehmen müssen, um auf diesem Umwege meine praktischen Zwecke zu fördern, so muß mein Tun oder Haben in die Form des Geldwertes eingehen, um meinem weiter¬ gehenden Wollen zu dienen. Das Geld ist die reinste Form des Werk¬ zeugs, und zwar von der oben bezeichneten Art: es ist eine Institution, in die der einzelne sein Tun oder Haben einmünden läßt, um durch diesen Durchgangspunkt hindurch Ziele zu erreichen, die seiner auf sie direkt gerichteten Bemühung unzugängig wären. Die Tatsache, daß jedermann unmittelbar mit ihm arbeitet, läßt seinen Werkzeug¬ charakter noch deutlicher hervortreten, als es in den vorhin erwähnten Typen geschieht — obgleich das Geld ja sein Wesen und seine Wirk¬ samkeit nicht in dem Stück, das ich in der Hand habe, erschöpft, sondern dieselben an der sozialen Organisation und den übersubjek¬ tiven Normen hat, die es, über seine materielle Begrenztheit, Gering'-fügigkeit und Starrheit hinaus, eben zum Werkzeug unbegrenzt mannigfaltiger und weitreichender Zwecke werden lassen. Für die Gebilde des Staates und des Kultus war bezeichnend, daß sie, aus¬ schließlich aus geistigen Kräften gebildet und zu keinem Kompro¬ miß mit der Eigengesetzlichkeit äußerer Materie gezwungen, ihren Zweck in der Ganzheit ihres Wesens restlos ausdrückten. Aber sie stehen dabei ihren spezifischen Zwecken so nahe, daß sie eigent¬ lich schon in sie hinab reichen, und daß das Gefühl sich oft gegen ihre Werkzeugsqualität — nach der sie an sich selbst wertlose, durch den dahinterstehenden Willen jedesmal erst zu belebende Mittel wären — sträubt und sie für sittliche Endwerte erklärt. Das Geld steht einer solchen Verdunkelung seines Mittelscharakters sehr fern.

Im Unterschied gegen jene Institutionen hat es inhaltlich gar keine Beziehungen zu dem einzelnen Zweck, zu dessen Erlangung es uns verhilft. Es steht völlig indifferent über den Objekten, da es von ihnen noch durch das Moment des Tausches geschieden ist: denn was das Geld als Ganzes vermittelt, das ist ja nicht der Besitz des Objekts, sondern der Austausch der Objekte untereinander. Das Geld in seinen vollkommenen Formen ist das absolute Mittel, indem es einerseits völlige teleologische Bestimmtheit besitzt und jede aus anders gearteten Reihen stammende abweist, andrerseits sich aber auch dem Zweck gegenüber auf das reine Mittel- und Werkzeugsein beschränkt, durch keinen Einzelzweck in seinem Wesen präjudiziert wird und sich der Zweckreihe als völlig indifferenter Durch¬ gangspunkt darbietet. Es ist vieüeicht der entschiedenste Beweis und Ausdruck dafür, daß der Mensch das »werkzeugmachende« Tier ist, was freilich damit zusammenhängt, daß er das »zwecksetzende« Tier ist. Die Idee des Mittels bezeichnet überhaupt die Weltstellung des Menschen: er ist nicht wie das Tier an den Mechanismus des Trieb¬ lebens und die Unmittelbarkeit von Wollen und Genießen gebunden, er hat aber auch nicht die unmittelbare Macht — wie wir sie an einem Gotte denken —, daß sein Wille schon an und für sich Ver¬ wirklichung des Gewollten sei. Er steht in der Mitte zwischen beiden, indem er zwar weit über den Augenblick hinaus wollen, aber dieses Wollen nur auf dem Umweg über eine gegliederte teleologische Reihe verwirklichen kann. Wenn für Plato die Liebe ein mittlerer Zustand zwischen Haben und Nicht-Haben ist, so ist sie in der subjektiven Innerlichkeit dasselbe, was das Mittel im Objektiven und Äußerlichen ist. Und wie für den Menschen, den immer strebenden, nie¬ mals dauernd befriedigten, immer erst werdenden, die Liebe in jenem Sinne der eigentlich menschliche Zustand ist, so ist nach der anderen Seite hin das Mittel und seine gesteigerte Form, das Werkzeug, das Symbol des Typus Mensch: es zeigt oder enthält die ganze Größe des menschlichen Willens, zugleich aber die Form, die ihn begrenzt Die praktische Notwendigkeit, den Zweck um eine dazwischen ge¬ stellte Mittelreihe weit von uns abzurücken, hat vielleicht die ganze Vorstellung der Zukunft erst hervorgebracht — wie die Fähigkeit des Gedächtnisses die Vergangenheit — und damit dem Lebensgefühl des Menschen seine Form: auf der Wasserscheide zwischen Ver¬ gangenheit und Zukunft zu stehen, seine Ausdehnung und seine Be- ®C.hr1a1nk“n^ Segeben- Im Geld aber hat das Mittel seine reinste Wirklichkeit erhalten, es ist dasjenige konkrete Mittel, das sich mit dem abstrakten Begriffe desselben ohne Abzug deckt- es ist das Mittel schlechthin. Und darin, daß es als solches die praktische Stellung des Menschen — den man, mit etwas paradoxer Kürze, das indirekte Wesen nennen könnte - zu seinen Willensinhalten, seine Macht und Ohnmacht ihnen gegenüber verkörpert, aufgipfelt, subli¬ miert — darin liegt die ungeheure Bedeutung des Geldes für das Verständnis der Grundmotive des Lebens. Nach dieser, von ihm zu der Ganzheit des Lebens hingehenden Richtung betrachte ich es aber hier nur so weit, als dieselbe die umgekehrte, die vorläufig unser Zweck ist, gangbar macht: das Wesen des Geldes aus den inneren und äußeren Verhältnissen zu erkennen, die in ihm ihren Ausdruck, ihr Mittel oder ihre Folge gewinnen. Von den Bestimmungen, zu denen sich die bisherige Feststellung seiner entfaltet, schließe ich eine sogleich hier an, weil sie mit besonderer Unmittelbarkeit zeigt, in wie praktische Wirklichkeiten sich jener abstrakte Charakter des Geldes umsetzt.

Ich habe oben erwähnt, daß keineswegs immer nur ein bereits feststehender Zweck die Vorstellung und Beschaffung der Mittel be¬ dingt, daß vielmehr die Verfügung über Substanzen und Kräfte uns oft genug erst dazu anregt, uns gewisse, durch sie vermittelbare Zwecke zu setzen: nachdem der Zweck den Gedanken des Mittels geschaffen hat, schafft das Mittel den Gedanken des Zweckes. In dem Werkzeug, das ich als die gesteigertste Art des Mittels be¬ zeichnte, wird dies Verhältnis in eine zwar oft modifizierte, aber dafür gleichsam chronische Form übergeführt. Während das Mittel in seiner gewöhnlichen und einfachen Gestalt sich an der Realisierung des Zweckes völlig ausgelebt hat, seine Kraft und sein Interesse als Mittel nach geleistetem Dienste einbüßt, ist es das Wesen des Werk¬ zeugs, über seine einzelne Anwendung hinaus zu beharren, oder: zu einer im voraus überhaupt nicht feststellbaren Anzahl von Diensten berufen zu sein. Dies gilt nicht nur für tausend Fälle der täglichen Praxis, wofür es keines Beispiels bedarf, sondern auch in sehr kompli¬ zierten; wie oft sind militärische Organisationen, ausschließlich zu Werkzeugen äußerer Machtentfaltung bestimmt, in den Dienst inner¬ politischer Zwecke der Dynastie gestellt worden, die denen ihres Ursprungs völlig entgegengesetzt waren; vor allem: wie oft wächst ein Verhältnis zwischen Menschen, das zu bestimmten Einzelzwecken gestiftet wurde, zum Träger sehr viel weitergehender, ganz anders charakterisierter Inhalte aus; so daß man wohl sagen kann, jede dauernde Organisation zwischen Menschen — familiärer, wirtschaft¬ licher, religiöser, politischer, geselliger Art — hat die Tendenz, sich Zwecke anzubilden, zu denen sie von vornherein nicht bestimmt war.

Nim liegt einerseits auf der Hand, daß ein Werkzeug — ceteris paribus — um so bedeutsamer und wertvoller sein wird, zu einer je größeren Anzahl von Zwecken es eventuell dienen kann, ein je größerer Kreis von Möglichkeiten seine Wirklichkeit umgibt; andrer¬ seits, daß das Werkzeug in eben demselben Maß an sich indifferenter, farbloser, allem einzelnen gegenüber objektiver werden und in weiterer Distanz von jedem besonderen Zweckinhalt stehen muß. Indem das Geld als das Mittel schlechthin die letztere Bedingung in vollkommenem Maße erfüllt, gewinnt es aus dem ersteren Gesichts¬ punkt eine sehr gesteigerte Wichtigkeit. Man kann das zunächst so formulieren, daß der Wert des einzelnen Geldquantums über den Wert jedes einzelnen bestimmten Gegenstandes hinausragt, der dafür einzu¬ tauschen ist: denn es gewährt die Chance, statt dieses Gegenstandes irgendeinen andern aus einem unbegrenzt großen Kreise zu wählen. Freilich kann es schließlich nur für einen verwandt werden; aber die Möglichkeit der Wahl ist ein Vorteil, der im Werte des Geldes eskomptiert werden muß. Indem das Geld überhaupt keine Beziehung zu irgendeinem einzelnen Zweck hat, gewinnt es eine solche zu der Gesamtheit der Zwecke. Es ist dasjenige Werkzeug, in dem die Mög¬ lichkeit der nicht vorausgesehenen Verwendungen auf ihr Maximum gekommen ist und das dadurch den maximalen, auf diese Weise über¬ haupt erreichbaren Wert gewonnen hat. Die bloße Möglichkeit unbegrenzter Verwendung, die das Geld wegen des absoluten Mangels an eigenem Inhalt nicht sowohl hat als ist, spricht sich positiv darin aus, daß es nicht ruhen mag, sondern wie von sich aus fortwährend zum Verwendetwerden drängt. Wie für wortarme Sprachen, z. B.