SigPhi · Georg Simmel

Philosophie des Geldes

German

Page 26 of 58

Könnens ihm ein sublimiertes Machtgefühl gerade vor seinem Ausgegebenwerden Zuwachsen läßt — der »fruchtbare Moment« ist in ihm gleichsam zum Stehen gekommen —, ist der Geiz eine Gestaltung des Willens zur Macht, und zwar, den Charakter des Geldes als des absoluten Mittels beleuchtend, so, daß die Macht wirklich nur Macht bleibt und sich nicht in ihre Ausübungen und deren Genuß umsetzt. Dies ist ein wichtiges Erklärungsmoment für den Geiz des hohen Lebensalters. Gewiß ist diese Tendenz als Fürsorge für die nächste Generation zweckmäßig — so wenig dieses Motiv gerade dem Geiz¬ hals bewußt zu sein pflegt, der vielmehr, je älter er wird, um so weniger an die Trennung von seinen Schätzen denken mag. Subjektiv ist vielmehr wohl der Umstand wesentlich, daß im Alter einerseits die sinnlichen Seiten des Lebens ihren Reiz oder die Möglichkeit des Genossenwerdens verlieren, andrerseits die Ideale durch Ent¬ täuschungen und Mangel an Schwung ihre erregende Kraft einbüßen; so bleibt als letztes Willensziel und Lebensreiz oft nur noch die Macht übrig, die sich zum Teil in der Neigung des Alters, zu tyranni¬ sieren, offenbart, und darin, daß Personen höherer Stellungen im Alter oft eine krankhafte Sucht nach »Einfluß« zeigen; zum Teil aber im Geize, für den eben dieselbe abstrakte »Macht« sich im Geldbesitz verkörpert. Ich halte es für einen Irrtum, wenn man sich jeden Geizi¬ gen mit der Ausmalung aller ihm zur Verfügung stehenden Genüsse, all der reizvollen Verwendungsmöglichkeiten des Geldes beschäftigt denkt. Die reinste Form des Geizes ist vielmehr die, in der der Wille wirklich nicht über das Geld hinausgeht, es auch nicht einmal in spielenden Gedanken als Mittel für anderes behandelt, sondern die Macht, die es gerade als nicht ausgegebenes repräsentiert, als defini¬ tiven und absolut befriedigenden Wert empfindet. Für den Geizigen liegen alle sonstigen Güter in der Peripherie des Daseins und von jedem derselben führt ein eindeutig gerichteter Radius seinem Zen¬ trum, dem Gelde zu, und es hieße das ganze spezifische Lust- und Machtgefühl verkennen, wenn man diese Richtung umdrehen und sie von ihrem Endpunkt auch nur innerlich wieder auf die Peripherie zurückleiten wollte. Denn indem die Macht, die in jenem Zentrum ruht, in das Genießen konkreter Dinge umgesetzt würde, ginge sie als Macht verloren. Unser Wesen ist auf die Zweiheit von Herrschen und Dienen angelegt, und wir schaffen uns Beziehungen und Gebilde, die beiden einander ergänzenden Trieben in mannigfaltigsten Mischungen genugtun. Im Gegensatz zu der Macht, die das Geld verleiht, erscheint das Unwürdige des Geizes von einem Dichter des 15. Jahrhunderts erschöpfend ausgedrückt: wer dem Geld dient, der sei »seines Knechtes Knecht«. Tatsächlich enthält der Geiz, indem er uns vor einem gleichgültigen Mittel wie vor einem höchsten Zwecke knien läßt, die sublimierteste, man könnte sagen: karikierte Form inneren Unterworfenseins, wie ihn auf der anderen Seite das subli¬ mierteste Machtgefühl trägt. Das Geld zeigt auch hier sein Wesen, unseren antagonistischen Strebungen ein gleichmäßig entschiedenstes und reinstes Sichdarstellen zu gewähren. In ihm hat sich der Geist das Gebilde der größten Spannweite geschaffen, das, gleichsam als reine Energie wirkend, die Pole jenes um so weiter auseinander treibt, je einheitlicher d. h., als bloßes Geld, jede Sonderbestimmtheit ablehnend — es sich selbst darstellt.

Es ist nun für die Herrschaft, die das Geld über die allgemeine Denkart gewonnen hat, sehr bezeichnend, daß man eine Reihe von Erscheinungen als Geiz — im Sinne des Geldgeizes — zu bezeichnen pflegt, die in Wirklichkeit das genaue Gegenteil desselben sind. Es handelt sich um die Menschen, die ein abgebranntes Streichholz nochmals benutzen, leere Briefseiten sorgfältig abreißen, kein Stück¬ chen Bindfaden wegwerfen und auf jede verlorene Stecknadel eine Muhe des Suchens verwenden. Man nennt solche Personen geizig weil man sich gewöhnt hat, den Geldpreis der Dinge ganz unbefangen als ihren Wert anzusehen. Tatsächlich aber denken sie nicht an den Geldwert jener Objekte, die Stärke ihres Gefühls gilt gerade dem sachlichen Wert derselben, auf den ihr Geldwert gar keine irgend proportionierte Hinweisung gibt. Wenigstens in sehr vielen Fällen sind es durchaus nicht die Bruchteile eines Pfennigs, um deren Rettung es sich für jene Sparsamen handelt; gerade sie sind von der Rücksicht auf das Geld, durch das die Objekte ohne weiteres wieder beschaffbar sind, oft genug unabhängig und werten eben bloß die Sache selbst. In diese Kategorie gehören auch die sonderbaren aber nicht allzu seltenen Menschen, die ohne Bedenken hundert Mark aber nur mit wahrer Selbstüberwindung einen Bogen Papier aus ihrem Schreibvorrat oder ähnliches verschenken. Hier liegt also das direkte Gegenteil des Geizes vor: dem Geizigen sind die Dinge gerade gleichgültig außer insoweit sie Geldwert darstellen —, weil das Geld sie ihres Endzweckcharakters beraubt hat, während’ das Ver¬ halten jener ganz sinnlos wäre, wenn es durch den Geldwert der Dinge bestimmt wäre; freilich kann es durch das völlige Außeracht¬ lassen desselben auch wieder unvernünftig werden. Sie vergessen über den Zweck das Mittel, das ihn jederzeit wieder erreichbar macht, während der Geizige über das Mittel den Zweck vergißt, der jenem allein Bedeutung gibt. Es begegnen ferner Erscheinungen, die, in der äußeren Form mit jenen sachlichen Sparsamkeiten überein¬ stimmend, durch ihre innere Diskrepanz gegen sie den teleologischen Charakter des Geldes weiter klären helfen. Viele »sparsame« Men¬ schen halten darauf, daß alles, was einmal bezahlt ist, auch konsu¬ miert werde. Und zwar keineswegs nur dann, wenn damit eine anderenfalls erforderliche Ausgabe erspart würde, sondern Luxus -genüssen gegenüber, von denen man sich inzwischen überzeugt hat, daß sie keine Genüsse sind; der Zweck ist nun einmal verfehlt, aber um diese Verfehlung zu realisieren, bringt man ein weiteres Opfer; denn der Typus dieser Erscheinungen ist: »Lieber den Magen ver¬ renkt als dem Wirt einen Kreuzer geschenkt.« Daß eine sparsame Mutter von ihren Kindern damit geneckt wurde, sie nähme die Medizinreste, die nach Krankheiten in der Familie unverbraucht ge¬ blieben waren, um sie nicht umkommen zu lassen, — zeichnet nur die Karikatur eines von vielen Menschen sehr ernsthaft betriebenen Verfahrens. Die Konsumtion des Gegenstandes ist nach der Voraus¬ setzung indifferent oder schlimmer als indifferent; ihr Motiv kann also nicht sein, daß der Gegenstand nicht umkommen soll; denn er ist umgekommen, indem die Genußseite seiner, die seine Bedeutung für das Subjekt bildete, in Wegfall gekommen ist. Es wird in Wirk¬ lichkeit also gar nicht derjenige Gegenstand konsumiert, auf den die Absicht gerichtet war, sondern ein anderer, dem die motivierende Eigenschaft gerade fehlt. Das Motiv kann demnach nur dies sein, daß mit der Konsumierung wenigstens die Geldaufwendung ihr Äquivalent gefunden hat. Das Geld ist so zu seinem nächsten Zwecke gekommen, und damit ist eine Beruhigung des Gefühls und ein Höhe¬ punkt der teleologischen Reihe erreicht, neben der die Verfehlung ihres subjektiven Endzwecks, als eine Sache für sich und jene Be¬ friedigung nicht herabsetzend, steht. Diese banale und inhaltlich un¬ interessante Erscheinung offenbart so eine ganz eigenartige teleo¬ logische Konstellation des Geldwertes. Obgleich sie nicht an sehr erheblichen Objekten hervorzutreten pflegt und deshalb etwas Klein¬ bürgerliches und Unscheinbares hat, ist sie doch vielleicht der ex¬ tremste Ausdruck für die Überwucherung der wirklichen Endzwecke durch die Mittelinstanz des Geldes; denn es fällt hierbei nicht nur, wie auch beim Geize, der eigentliche Sinn alles Wirtschaftens weg, sondern auch noch der Reiz der Macht und der Möglichkeiten, der bei jenem den zu nichts verwendeten Geldbesitz schmückte: das Ob¬ jekt, aus dem alles, was irgendwie Sinn und Zweck seiner Kon¬ sumtion sein könnte, hinweggefallen ist, wird unter Unbequemlich¬ keiten und Schädlichkeiten konsumiert, bloß weil das dafür ausgegebene Geld ihm einen absoluten Wert verliehen hat. Der Zweck¬ prozeß ist hier also nicht nur an der Geldinstanz erstarrt, sondern er wird noch darüber hinaus sozusagen rückläufig und pervers, indem die an sich nicht-zweckmäßige Wertung durch direkt unzweck¬ mäßiges Verfahren realisiert wird.

Die Stellung des Geldes, insoweit sie seinen Charakter über das bloße Mittlertum hinaus zu einem selbständigen Interesse steigert, will ich nun noch nach zwei negativen Instanzen hin verfolgen. Die Verschwendung ist nach mehr als einer Richtung dem Geize ver¬ wandter als die Entgegengesetztheit ihrer Erscheinungen zu verraten scheint. Es ist hier zu bemerken, daß in Zeiten naturaler Wirtschaft die geizige Konservierung der Werte mit deren Natur, mit der sehr begrenzten Aufhebbarkeit der landwirtschaftlichen Produkte, nicht vereinbar ist. Wo daher deren Umsetzung in das unbegrenzt auf¬ hebbare Geld nicht tunlich oder wenigstens nicht selbstverständlich ist, findet man selten ein eigentlich geiziges Aufhäufen derselben; wo Bodenprodukte unmittelbar gewonnen und konsumiert werden, besteht meistens eine gewisse Liberalität, besonders etwa Gästen und Bedürftigen gegenüber, wie sie das zum Sammeln viel mehr einiadende Geld weniger nahe legt; so daß Petrus Martyr die Kakao¬ sacke rühmt, die den alten Mexikanern als Geld dienten, weil sie nicht lange aufgehäuft und verborgen aufbewahrt werden konnten und also.,elIJerJ gestalteten. Ganz entsprechend beschränken naturale Verhältnisse die Möglichkeit und den Reiz der Verschwendung. Die verschwenderische Konsumtion und leichtsinnige Vergeudung inner¬ halb derselben haben doch, abgesehen von sinnloser Zerstörung, an der Aufnahmefähigkeit des eigenen und fremder Subjekte ihre Grenze. Die Hauptsache aber ist, daß die Verschwendung des Geldes überhaupt emen ganz anderen Sinn, eine ganz neue Nuance gegen¬ über der Verschwendung konkreter Gegenstände enthält: die letztere bedeutet, daß der Wert für die vernünftigen Zweckreihen des Individuums schlechthin vernichtet ist, die erstere, daß er in unzweck¬ mäßiger Weise in andere Werte umgesetzt ist. Der Typus des Ver¬ schwenders in der Geldwirtschaft und derjenige, der allein eine geldphilosophisch bedeutsame Erscheinung bietet, ist nicht jemand, der das Geld in natura sinnlos verschenkt, sondern der es zu sinnlosen zw seinen Verhältnissen nicht angemessenen Käufen verwendet. Die Lust am Verschwenden, die genau von der Lust etwa an dem fluchtigen Genuß der Gegenstände, an dem damit verbundenen rotzentum, an dem anregenden Wechsel zwischen Erwerb und Ver¬ brauch der Objekte zu unterscheiden ist, die vielmehr die reine Funktion des Verschwenden^ ohne Rücksicht auf ihren substanziellen Inhalt und ihre Begleiterscheinungen betrifft — heftet sich also an den Moment des Geldausgebens für irgendwelche Gegenstände; der Reiz dieses Momentes überdeckt beim Verschwender die sachgemäße Schätzung des Geldes einerseits, der Gegenstände andrerseits. Hier¬ mit wird die Stellung des Verschwenders der Zweckreihe gegenüber deutlich bezeichnet. Wenn das Endglied derselben der Genuß aus dem Besitz des Objekts ist, so ist ihre erste uns hier wesentliche Mittelstufe, daß man das Geld besitze, die zweite, daß man es für den Gegenstand ausgebe. Für den Geizigen nun wächst jene erste zu einem für sich lustvollen Selbstzweck aus, für den Verschwender die zweite. Das Geld ist für ihn kaum weniger wesentlich als für jenen, nur nicht in der Form des Habens, sondern in der des Aus¬ gebens. Sein Wertgefühl baut sich in dem Augenblick des Über¬ ganges des Geldes in andere Wertformen an und zwar mit solcher Intensität, daß er sich den Genuß dieses Augenblicks um den Preis erkauft, alle definitiveren Werte damit zu vergeuden.

Es ist deshalb sehr deutlich zu beobachten, daß die Gleich¬ gültigkeit gegen den Geldwert, der das Wesen und den Reiz der Verschwendung ausmacht, dies eben doch nur dadurch kann, daß dieser Wert als etwas Empfundenes und Geschätztes vorausgesetzt wird. Denn offenbar würde das Wegwerfen des Indifferenten selbst etwas ganz Indifferentes sein. Für die wahnsinnigen Verschwen¬ dungen des ancien rögime ist der folgende Fall typisch: als der Prinz Conti einen 4 — 5000 Fr. werten Diamanten, den er einer Dame ge¬ schickt hatte, von ihr zurückerhielt, ließ er denselben zerstoßen und benutzte ihn als Streusand für ein Billett, das er der Dame über die Angelegenheit schrieb. Dieser Erzählung fügt Taine die Bemerkung über die damalige Anschauungsweise hinzu: on est d’autant plus un homme du monde que Ton est moins un homme d’argent. Allein hierin lag doch eine Selbsttäuschung. Denn gerade das bewußte und betonte negative Verhalten zum Gelde hat, wie durch einen dialekti¬ schen Prozeß, das gegenteilige zur Grundlage, aus der allein jenem irgendein Sinn und Reiz kommen kann. Dasselbe ist auch bei jenen, in Großstädten hier und da bestehenden Geschäften der Fall, die gegenüber den durch Billigkeit wirkenden, gerade umgekehrt mit einer gewissen prahlerischen Selbstgefälligkeit betonen, daß sie die höchsten Preise haben. Sie sprechen damit die Anwartschaft auf das beste Publikum aus, das nicht nach dem Preise fragt. Nun ist aber das Bemerkenswerte dabei, daß sie nicht sowohl die Hauptsache — die Sache — akzentuieren, sondern dieses negative Korrelat, daß es auf den Preis nicht ankommt, und dadurch unbewußterweise doch wieder den Geldpunkt, wenn auch mit umgekehrtem Vorzeichen, in den Vordergrund des Interesses rücken. Wegen ihrer engen Be¬ ziehung zum Gelde gewinnt die Verschwendungssucht so leicht einen ungeheueren Beschleunigungszuwachs und raubt dem davon Befallenen alle vernünftigen Maßstäbe: weil die Regulierung fehlt, die durch das Maß der Aufnahmefähigkeit konkreten Objekten gegenüber gegeben ist.

Das ist die genau gleiche Maßlosigkeit, die die geizige Geldgier charakterisiert: die bloße Möglichkeit, die sie statt des Genusses der Wirklichkeiten sucht, geht an und für sich ins Unendliche und findet nicht wie dieser, äußere und innere Gründe ihrer Einschrän¬ kung. Wo der Habsucht die ganz positiven, von außen kommenden Fixierungen und Haltpunkte fehlen, pflegt sie sich ganz formlos und mit wachsender Heftigkeit zu ergießen. Das ist der Grund der be¬ sonderen Maßlosigkeit und Erbitterung von Erbschaftsstreitig¬ keiten. Weil hier keine Arbeit oder sachlich begründete Abmessung den Anspruch des Einzelnen festlegt, ist a priori keiner geneigt, den Anspruch des anderen anzuerkennen, so daß dem eignen jede Hem¬ mung fehlt und jeder Eingriff in denselben als ein ganz besonders grundloses Unrecht empfunden wird. Diese innere Beziehungslosigkeit zwischen dem Wunsche und irgendeinem Maße seines Objekts die bei der Erbschaftsstreitigkeit aus der personalen Struktur des Erb Verhältnisses hervorgeht, entstammt bei der Geldgier der Struktur des Objekts. Sehr bezeichnend scheint mir für die Prinzipienlosig¬ keit, der diese letztere Raum gibt und die die Ansprüche gar keinen Grund zu ihrer Beschränkung finden läßt, ein Braunschweiger Münzaufstand von 1499. Die Obrigkeit wollte, daß künftig allein die gute Münze gelten sollte, neben der bisher die schlechte bestanden hatte.

Und nun revoltierten dieselben Menschen, welche für ihre Produkte und auf ihre Löhne nur gute Pfennige nehmen wollten, in gewalt¬ tätiger Weise, weil man ihre Zahlungen in schlechter Münze nicht mehr akzeptierte! Gerade dies häufige Nebeneinander von guter und schlechter Münze gibt der inneren Maßlosigkeit der Geldsucht - der gegenüber auch die intensivsten sonstigen Leidenschaften immer etwas psychologisch Lokalisiertes haben - die reichsten Möglich¬ keiten. Sogar aus China wissen wir von Revolutionen, weil die Re¬ gierung in schlechtem Gelde zahlte, ihre Steuern aber in gutem ein¬ forderte. Ich möchte rein hypothetisch annehmen, daß diese Tendenz zur Maßlosigkeit, die in dem bloßen Geldinteresse als solchem liegt, auch die verborgene Wurzel der eigentümlichen, an den Börsen fest¬ gestellten Erscheinung bildet: daß die kleinen Getreidespekulanten, die Outsiders, fast ausnahmslos ä la hausse gehen. Ich glaube daß die logisch zwar unleugbare, für die Praxis aber ganz irrelevante Tatsache: daß der Gewinn bei der Baissespekulation überhaupt eine Grenze hat, bei der Hausse aber nicht — den psychologischen An¬ reiz für diese Seite bewirkt. Während die großen Getreidespekulanten, für die die wirkliche Lieferung des Objekts in Frage kommt, die Chancen nach beiden Seiten hin berechnen, ist der reinen Geld¬ spekulation, wie das Differenzgeschäft sie darstellt, die Richtung adäquat, die formell ins Grenzenlose geht. Eben diese Richtung, die die innere Bewegungsform des Geldinteresses ausmacht, liegt als das Schema der folgenden Tatsache noch näher. Die deutsche Landwirtschaft hat in der Periode von 1830 — 80 dauernd steigende Erträge geliefert. Dadurch entstand die Vorstellung, dies sei ein ins Unendliche gehender Prozeß; so daß die Güter nicht mehr nach dem Preise gekauft wurden, der dem momentanen Ertrage, sondern der dem künftig zu erwartenden, nach der bisher be¬ obachteten Proportion gesteigerten entsprach — der Grund der jetzigen Notlage der Landwirtschaft. Es ist die Geldform des Er¬ trages, die die Wertvorstellung so auf die schiefe Ebene lockt; wo er nur als »Gebrauchswert«, nur seinem unmittelbaren konkreten Quantum nach in Frage kommt, findet die Idee seiner Steigerung eher eine besonnene Grenze, während die Möglichkeit und Anti¬ zipation des Geldwertes ins Unendliche geht. Hierauf gründet sich das Wesen von Geiz und Verschwendung, weil sie beide prinzipiell die Wertbemessung ablehnen, die allein der Zweckreihe Halt und Grenze gewähren kann, nämlich die an dem abschließenden Genüsse der Objekte. Indem der eigentliche Verschwender — der nicht mit dem Epikureer und dem bloß Leichtsinnigen zu verwechseln ist, so sehr in der individuellen Erscheinung all diese Elemente sich mischen mögen — gegen das Objekt, wenn es einmal in seinem Besitz ist, gleichgültig wird, ist sein Genießen mit dem Fluche behaftet, nie Rast und Dauer zu finden; der Augenblick seines Eintritts enthält zugleich seine Aufhebung in sich, das Leben hat hier dieselbe dä¬ monische Formel wie das des Geizigen: daß jeder erreichte Moment den Durst nach seiner Steigerung weckt, der aber nie gelöscht werden kann; denn die ganze Bewegung sucht die Bef riedigung, wie sie aus einem Endzweck fließt, innerhalb einer Kategorie, die sich ja von vornherein den Zweck versagt und sich auf das Mittel und den vor¬ definitiven Moment beschränkt hat. Der Geizige ist der abstraktere von beiden; sein Zweckbewußtsein macht in noch größerer Distanz vor dem Endzweck halt; der Verschwender geht immerhin noch näher an die Dinge heran, er verläßt die auf das rationelle Ziel ge¬ richtete Bewegung an einer späteren Station, um sich an ihr, als sei sie selbst das Endziel, anzubauen. Einerseits diese formale Gleich¬ heit bei vollständiger Entgegengesetztheit des sichtbaren Erfolges, andrerseits das Fehlen eines regulierenden substanziellen Zweckes, das bei der gleichmäßigen Sinnlosigkeit beider Tendenzen ein launen- 17 Simmel, Philosophie des Geldes.

haftes Spiel zwischen ihnen nahe legt — erklärt es, daß Geiz und Verschwendung sich oft an derselben Persönlichkeit finden, sei es in Verteilung auf verschiedene Interessenprovinzen, sei es' in Zu¬ sammenhang mit wechselnden Lebensstimmungen; Kontraktion und Expansion derselben drücken sich in Geiz und Verschwendung, wie in derselben, nur jedesmal mit anderem Vorzeichen versehenen Be¬ wegung aus.

Beiderlei Bedeutungen des Geldes für unseren Willen gehen auf le Synthese zweier Bestimmungen zurück, die sich im Geld voll¬ zieht. So dringlich und allgemein nämlich auch Nahrung und Kleiung begehrt werden, so ist das Verlangen nach ihnen doch naturgemaß begrenzt; gerade von dem Notwendigen und deshalb zunächst, f gr°Bten Intensität Begehrten kann es genug geben. Der Bedarf nach Luxusgütern ist dagegen unserer Natur nach unbegrenzt • das Angebot wird hier niemals die Nachfrage übersteigen; z. ß’ also haben die Edelmetalle, insoweit sie Schmuckmaterial sind, eine mär ^ nK nC af theit dCr Verwendun£> die die Folge ihrer pri-^erflusstgkett Je näher die Werte an dem Lebenszen, rum stehen je mehr sie Bedingung der unmittelbaren Selbsterhaltung, ’? ° starker lst zwar ihr unmittelbares Begehrtwerden, aber srplln bfegren2!er 1St eben dieses “ quantitativer Hinsicht, desto eher daee/enmtn T gegenÜber an einen Sättigungspunkt. Umgekehrt H Jtng ’.J WeJteJ sieu von Jener Primären Dringlichkeit abstehen, Bedürfnr^'H Be^ehrtheit Maß an einem natürlichen Bedürfnis, und jedes gewährte Quantum läßt dieselbe ziemlich un¬ verändert fortleben. Zwischen diesen Polen also bewegt sich die Intensirr361^ Sie sind entweder von unmittelbarer Luxushi" 3fber danndoch naturgemäß begrenzt - oder sie sind Luxusbedurfmsse, die für die mangelnde Notwendigkeit eine grenzen - Magbchkeit lhrer Expansion eintauschen. Während nun die Mehrzahl der Kulturgüter sich in einer gewissen Mischung dies Extreme bewegt, so daß der Annäherung an das eine die Entfernung vom andern entspricht, vereinigt das Geld die Höhepunkte beider" Denn indem es sowohl die unentbehrlichsten wie die entbehrlichsten DrinJlthkeV HSSevZUi befnedigen dient> «««eilt es der intensiven Dringlichkeit des Verlangens seine extensive Unbegrenztheit zu Es .rag, an sich selbst die Struktur des Luxusbedürte™ fadem e jede Begehrungsgrenze ablehnt - die nur durch die Beziehungen bestimmter Quantitäten zu unserer Aufnahmefähigkeit möglich WarKea ’ aber es braucht diese Schrankenlosigkeit des Begehrens nicht durch jenen Abstand von dem unmittelbaren Bedürfen auszu¬ gleichen, wie es die Edelmetalle als Schmuckmaterial müssen da es C\ das Korrelat auch der unmittelbarsten Lebensnotdurft geworden ist. Geiz und Verschwendung stellen diesen merkwürdig kombinierten Begehrungscharakter des Geldes gleichsam abgelöst dar, es ist für sie in sein reines Begehrtwerden aufgegangen; sie zeigen nach der schlimmen Seite hin, was wir auch nach der guten am Geld be¬ obachten: daß es den Durchmesser des Kreises erweitert, in dem unsere antagonistischen psychischen Bewegungen schwingen. Nur daß der Geiz in gleichsam substanzieller Erstarrung zeigt, was die Verschwendung in der Form des Fließens und der Expansion offenbart.

Nach einer anderen Dimension hin, als die Verschwendung es tut, steht der Geldgier und dem Geize eine zweite negative Er¬ scheinung gegenüber: die Armut als definitiver Wert, als für sich befriedigender Lebenszweck. Das Auswachsen eines Gliedes der Zweckreihe zu absoluter Bedeutung hat sich hier in eine ganz andere Richtung derselben verpflanzt, als beim Geiz und der Verschwendung; denn während diese bei den Mitteln zu Endzwecken stehen blieben, verharrt die Armut bei dem Ausbleiben der Mittel oder rückt in den hinter dem Endzweck liegenden Teil, insoweit sie sich als der Erfolg abgelaufener Zweckreihen einstellt. Ähnlich wie jene beiden tritt Armut in ihrer reinsten und spezifischen Erscheinung nur bei irgendeinem Maße von Geld Wirtschaft auf. In naturalen Verhält¬ nissen, die noch nicht geldwirtschaftlich bestimmt sind, so lange also die Bodenprodukte noch nicht als bloße Waren, d. h. unmittel¬ bar als Geldwerte figurieren, kommt es nicht so leicht zu absoluter Bedürftigkeit Einzelner: noch bis in die letzte Zeit hinein hat man sich in Rußland gerühmt, daß die wenig geldwirtschaftlich ent¬ wickelten Bezirke daselbst keine persönliche Armut kennten. Als allgemeine Erscheinung liegt das nicht nur an der leichteren Zu¬ gängigkeit des unmittelbar Nötigen, zu dem es nicht erst der Be¬ schaffung des Geldmittels bedarf, sondern auch daran, daß die humanen und sympathischen Gefühle der Armut gegenüber in jenen Verhältnissen leichter erweckt werden, als wenn das, was dem Armen fehlt und womit man ihm helfen soll, gar nicht das ihm unmittelbar Nötige ist. Das Mitgefühl hat in reinen Geldverhältnissen erst einen Umweg zu machen, ehe es auf den Punkt seines eigentlichen Inter¬ esses kommt. Auf diesem Umwege erlahmt es oft. Dem entspricht es, daß gerade praktisch hilfreiche und mitleidige Menschen dem Armen lieber mit Nahrung und Kleidung als mit Geld zu Hilfe kommen. Sobald die Armut als sittliches Ideal auftaucht, ist es des¬ halb auch der Besitz an Geld, den sie als die schlimmste Versuchung, als das eigentliche Übel verabscheut.

Wo das Heil der Seele als Endzweck empfunden wird da er¬ scheint zu ihm die Armut in manchen Doktrinen als ein ganz posi¬ tives und unerläßliches Mittel, das sich aus dieser Stellung dann zu der Würde eines durch sich selbst bedeutungsvollen und gültigen Wertes erhebt. Das kann auf verschiedenen Staffeln der Zweck -reihen und von verschiedenen Motiven aus geschehen. Zunächst wird die bloße Gleichgültigkeit gegen alles irdische Genießen und Interessiertsein dahin führen. Von der Seele, die zum Höchsten auf¬ strebt, fallt dieser Ballast wie von selbst ab, ohne daß es eines be¬ sonders darauf gerichteten Willens bedürfte. So mögen sich vielfach die ersten Christen verhalten haben: nicht direkt feindselig und aggressiv den Gütern der Sichtbarkeit gegenüber, sondern einfach o ne Beziehung zu ihnen, wie zu Dingen, für deren Wahrnehmung man kein Organ besitzt. Deshalb ist der - äußerst sporadische -Kommunismus des Urchristentums den Bestrebungen des modernen Kommunismus im tiefsten Wesen entgegengesetzt: jener aus der Gleichgültigkeit gegen die irdischen Güter, dieser gerade der allerstarksten Wertung derselben entsprungen. Eine Mischform beider hegt auch zeitlich zwischen ihnen: die sozialistisch-revolutionären Bewegungen am Ende des Mittelalters waren zwar durchaus begehrlicher Natur, aber doch wurden sie teilweise von asketischen Strö-Sf"; mJt lhr«n Ideal völliger Bedürfnislosigkeit, genährt. In Hinsicht auf das Geld freilich müssen diese letzteren aus dem bloßen Sn vCr mttenellen Interessen herabsteigen und entschiedenere f°Tn annehmen’ da man auf dem Wege auch zum Unentbehrlichsten ihm immerwährend begegnet und da der Erwerb semer mehr Aufmerksamkeit und Willensbeschäftigung fordert, als ie daraufhin erfolgende Beschaffung des Unterhaltes selbst. Wer gegen diesen so abgestumpft sein sollte, daß er wie jener Kirchenva er Wagenschmiere für Butter aß, ohne es zu merken, kann den- Will, für den Erwerb auch der bescheidensten Summe sein Bewußt¬ sein nicht in derselben Weise ablenken lassen. Deshalb wird wo gerade dem Gelde gegenüber leicht in wirklichen Haß überctZ' u mik\ ZWeitenS’ der wucherische Charakter des Geldes noch entschiedener ein. Weil es in jedem Augenblick zur Verwendung bereit ist, ist es der schlimmste Fallstrick der schwachen Stunden, und da es alles zu beschaffen dient, so bietet es der Seele das ihr jeweilig Verführerischste dar; und alles dies ist von um so “ erer Gefährlichkeit, als das Geld, so lange es wirklich bloß als Geld in unseren Händen ist, das indifferenteste und unschuldigste n Ding von der Welt ist. So wird es für asketische Empfindungsweisen das richtige Symbol des Teufels, der uns in der Maske der Harm¬ losigkeit und Unbefangenheit verführt; so daß dem Teufel wie dem Gelde gegenüber die einzige Sicherung im absoluten Fernhalten liegt, in der Ablehnung jeglicher Beziehung, wie ungefährlich sie auch scheine. In der frühesten Gemeinde Buddhas ist dies zum prinzipiellen Ausdruck gekommen. Der Mönch, der in die Gemeinde eintritt, gibt eben damit seinen Besitz überhaupt auf, wie er seine Familienbeziehungen und seine Gattin aufgibt, und darf, gelegent¬ liche Ausnahmen abgerechnet, nichts weiteres als die kleinen Gegen¬ stände des täglichen Bedarfs besitzen, und auch diese eigentlich nur, wenn sie ihm als Almosen zufließen. Wie fundamental diese Be¬ stimmung war, zeigt der Name, mit dem sich die Mönche bezeichneten: die Gemeinde der Bettler. Indem sie täglich erbettelten — und nicht einmal durch ausgesprochene Bitten, sondern das Almosen still¬ schweigend erwartend — was sie täglich bedurften, war die Bindung an jegliches Eigentum soweit gelöst, wie es überhaupt möglich war.

Wie es bei gewissen arabischen Nomadenstämmen durch Gesetz ver¬ boten war, Getreide zu säen, ein Haus zu bauen und ähnliches, da¬ mit keine Verführung zur Seßhaftigkeit den Einzelnen den Lebens¬ bedingungen des Stammes untreu mache, so galt dasselbe in inner¬ licher Wendung von den buddhistischen Mönchen. Sie, die sich den Vögeln vergleichen, die nichts mit sich tragen, als die Flügel, wohin sie auch fliegen, dürfen kein Ackerland, kein Vieh, keine Sklaven zum Geschenk nehmen. Am strengsten aber ist dies Verbot in bezug auf Gold und Silber. Der Wohltäter, der den Mönchen ein Geld¬ geschenk zugedacht hat, darf es nicht ihnen geben, sondern einem Handwerker oder Händler, der dann den Mönchen dafür die Na¬ turalien liefert, die sie annehmen dürfen. Hat aber dennoch ein Bruder Gold oder Silber angenommen, so muß er vor der Gemeinde Buße tun und das Geld wird, wenn ein gutgesonnener Laie in der Nähe ist, diesem zum Einkauf von Lebensmitteln gegeben; selbst darf kein Mönch dies besorgen. Ist aber keiner gleich zur Hand, so wird das Geld einem Mönche zum Fortwerfen überliefert, und zwar einem, »der frei ist von Begehren, frei ist von Haß, frei von Verblendung« — und der so die Garantie gibt, daß er es auch wirk¬ lich wegwirft. Hier ist — wenn auch mit der eigentümlichen anämi¬ schen Gedämpftheit dieser gleichsam in einem Gedanken erstarrten Seelen — das Geld zu einem Gegenstand der Furcht und des Ab¬ scheus, die Armut zu einem eifersüchtig gehüteten Besitz, zu einem kostbaren Stück in dem Wertinventar dieses, aller Mannigfaltigkeit und Interessiertheit der Welt abgewandten Daseins geworden. Im