SigPhi · Georg Simmel

Philosophie des Geldes

German

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mannigfachen Graden auftretender —, ist freilich zur Auflösung be¬ stimmt, aber eben damit auch wieder zur Versöhnung: der Sinn jener Distanzierung ist, daß sie überwunden werde. Die Sehnsucht, Be¬ mühung, Aufopferung, die sich zwischen uns und die Dinge schieben, sind es doch, die sie uns zuführen sollen. Distanzierung und An¬ näherung sind auch im Praktischen Wechselbegriffe, jedes das andere voraussetzend und beide die Seiten der Beziehung zu den Dingen bildend, die wir, subjektiv, unser Begehren, objektiv, ihren Wert nennen. Den genossenen Gegenstand freilich müssen wir von uns entfernen, um ihn wieder zu begehren; dem fernen gegenüber aber ist dies Begehren die erste Stufe der Annäherung, die erste ideelle Beziehung zu ihm. Diese Doppelbedeutung des Begehrens: daß es nur bei einer Distanz gegen die Dinge entstehen kann, die es eben zu überwinden strebt, daß es aber doch irgendein Nahesein zwischen den Dingen und uns schon voraussetzt, damit die vorhandene Distanz überhaupt empfunden werde - hat Plato in dem schönen Worte ausgesprochen, daß die Liebe ein mittlerer Zustand zwischen Haben und Nichthaben sei. Die Notwendigkeit des Opfers, die Erfahrung, daß das Begehren nicht umsonst gestillt wird, ist nur die Verschärfung oder Potenzierung dieses Verhältnisses: sie bringt uns die Entfernung zwischen unserem gegenwärtigen Ich und dem Genuß der Dinge zum eindringlichsten Bewußtsein; aber eben dadurch, daß sie uns auf den Weg zu ihrer Überwindung führt. Diese innere Entwicklung zu dem gleichzeitigen Wachstum von Distanz und Annäherung tritt deutlich auch als historischer Differenzierungsprozeß auf. Die Kultur bewirkt eine Vergrößerung des Interessenkreises, d. h., daß die Peri¬ pherie, in der die Gegenstände des Interesses sich befinden, immer weiter von dem Zentrum, d. h. dem Ich, abrückt. Diese Entfernung ist aber nur durch eine gleichzeitige Annäherung möglich. Wenn für den modernen Menschen Objekte, Personen und Vorgänge, die hundert oder tausend Meilen von ihm entfernt sind, vitale Bedeutung besitzen, so müssen sie ihm zunächst näher gebracht sein als dem Naturmenschen, für den dergleichen überhaupt nicht existiert; daher stehen sie für diesen überhaupt noch jenseits der positiven Bestim¬ mungen: Nähe und Entfernung. Beides pflegt sich erst in Wechsel¬ wirkung aus jenem Indifferenzzustand heraus zu entwickeln. Der moderne Mensch muß ganz anders arbeiten, ganz andere Bemühungs¬ intensitäten hingeben als der Naturmensch, d. h. der Abstand zwischen ihm und den Gegenständen seines Wollens ist außerordent¬ lich viel weiter, viel härtere Bedingungen stehen zwischen beiden; aber dafür ist das Quantum dessen, was er sich ideell, durch sein Be¬ gehren, und real, durch seine Arbeitsopfer, nahe bringt, ein unendlich viel größeres. Der Kulturprozeß — eben der, der die subjektiven Zustände des Triebes und Genießens in die Wertung der Objekte überführt — treibt die Elemente unseres Doppelverhältnisses von Nähe und Entfernung den Dingen gegenüber immer schärfer aus¬ einander.

Die subjektiven Vorgänge des Triebes und des Genießens ob¬ jektivieren sich im Werte, d. h. aus den objektiven Verhältnissen er¬ wachsen uns Hemmnisse, Entbehrungen, Forderungen irgendwelcher »Preise«, durch die überhaupt erst die Ursache oder der Sachgehalt von Trieb und Genuß von uns ab rückt und damit in ein und dem¬ selben Akt uns zum eigentlichen »Objekt« und zum Wert wird. So ist die begrifflich-radikale Frage nach Subjektivität oder Objektivität des Wertes überhaupt falsch gestellt. Insbesondere wird ihre Ent¬ scheidung im Sinne der Subjektivität höchst mißverständlich darauf gegründet, daß kein Gegenstand es zu durchgängiger Allgemeinheit des Wertmaßes bringen kann, sondern dieses von Ort zu Ort, von Person zu Person, ja von Stunde zu Stunde wechselt. Hier liegt die Verwechslung zwischen Subjektivität und Individualität des Wertes vor. Daß ich zu genießen begehre oder genieße, ist freilich insofern etwas bloß Subjektives, als darin an und für sich keinerlei Bewußt¬ seins- oder Interessenakzent für den Gegenstand als solchen enthalten ist. Nun aber tritt als ein ganz neuer Prozeß, der der Wertung ein: der Willens- und Gefühlsinhalt erhält die Form des Objekts. Dieses steht nun dem Subjekt mit einem Maße von Selbständigkeit gegen¬ über, sich ihm gewährend oder versagend, an seinen Gewinn Forde¬ rungen knüpfend, durch die ursprüngliche Willkür seiner Wahl in eine gesetzliche Ordnung gehoben, in der es durchaus notwendige Schicksale und Bedingtheiten erfährt. Daß die Inhalte, die diese Objektivitätsform annehmen, nicht für alle Subjekte dieselben sind, ist hierfür ganz irrelevant. Angenommen, die ganze Menschheit voll¬ zöge die genau gleiche Wertung, so würde dieser damit keinerlei Maß von »Objektivität« über dasjenige hinaus Zuwachsen, das sie auch schon in einem ganz individuellen Falle besitzt; denn indem ein Inhalt überhaupt gewertet wird, statt bloß als Triebbefriedigung, als Genuß zu funktionieren, steht er in einer objektiven Distanz von uns, die durch die sachlichen Bestimmtheiten von Hemmnissen und not¬ wendigen Kämpfen, von Gewinn und Verlust, von Abwägungen und Preisen festgelegt ist. Der Grund, aus dem immer wieder die schiefe Frage nach Objektivität oder Subjektivität des Wertes gestellt wird, ist der: daß wir in dem ausgebildeten empirischen Zustande eine unabsehliche Zahl von Objekten vorfinden, die aus rein vorstellungs¬ mäßigen Ursachen zu solchen geworden sind. Steht aber erst einmal ein fertiges Objekt in unserem Bewußtsein, so scheint freilich der ihm zuwachsende Wert ausschließlich auf der Seite des Subjektes zu liegen; der erste Aspekt, von dem ich ausging, die Einstellung der Inhalte in die Reihen des Seins und des Wertes, scheint mit ihrer Aufteilung in Objektivität und Subjektivität einfach synonym zu sein.

Allem man bedenkt dabei nicht, daß das Objekt des Willens als ein solches etwas anderes ist als das Objekt des Vorstellens. Mögen beide noch so sehr an der gleichen Stelle der Raum-, Zeit- und Qualitätsreihen stehen: der begehrte Gegenstand steht uns ganz anders gegenüber, bedeutet uns etwas ganz anderes als der vorgestellte. Ich er¬ innere an die Analogie der Liebe. Der Mensch, den wir lieben, ist gar nicht dasselbe Gebilde wie derjenige, den wir erkenntnismäßig vorstellen. Damit meine ich nicht Verschiebungen oder Fälschungen die etwa der Affekt in das Erkenntnisbild bringt. Denn dies verbleibt och immer auf dem Gebiet der Vorstellung und innerhalb der intel¬ lektuellen Kategorien, wie sich auch ihr Inhalt modifiziere. Es ist aber eine vom Grund her andere Art, in der der geliebte Mensch für uns Objekt ist, als der intellektuell vorgestellte, er bedeutet, trotz aller logischen Identität für uns etwas anderes, ungefähr, wie der Marmor der Venus von Milo für den Kristallographen etwas anderes bedeutet als für den Ästhetiker. So kann ein Seinselement, gewissen Bestimmt¬ heiten nach als »eines und dasselbe« rekognosziert, uns auf die ganz verschiedenen Weisen: des Vorstellens und des Begehrens, zum Objekt werden. Innerhalb jeder dieser Kategorien hat die Gegenüber¬ stellung von Subjekt und Objekt andere Veranlassungen und andere Wirkungen, so daß es nur zu Verwirrungen führt, wenn man die prak¬ tische Beziehung zwischen dem Menschen und seinen Objekten vor diejenige Art der Alternative zwischen Subjektivität und Objektivität stellt, die nur auf dem Gebiet der intellektuellen Vorstellung gelten kann. Denn wenn der Wert eines Gegenstandes auch nicht in dem¬ selben Sinne objektiv ist wie seine Farbe oder seine Schwere, so ist er darum noch keineswegs in dem dieser Objektivität entsprechen¬ den Sinne subjektiv; eine solche Subjektivität kommt vielmehr etwa einer Färbung zu, die durch Sinnestäuschung entspringt, oder irgend¬ einer Qualität des Dinges, die ein fehlerhafter Schluß ihm beilegt, oder einem Sein, dessen Realität uns ein Aberglaube suggeriert. Das praktische Verhältnis zu den Dingen dagegen erzeugt eine ganz andere Art von Objektivität: dadurch, daß die Umstände der Wirk¬ lichkeit den Inhalt des Begehrens und Genießens von diesem sub¬ jektiven Geschehen selbst abdrängen und damit für sie die eigen¬ tümliche Kategorie erzeugen, die wir ihren Wert nennen.

Innerhalb der Wirtschaft nun verläuft dieser Prozeß so, daß der Inhalt des Opfers oder Verzichtes, der sich zwischen den Menschen und den Gegenstand seines Begehrens stellt, zugleich der Gegenstand des Begehrens eines anderen ist: der erste muß auf einen Besitz oder Genuß verzichten, den der andere begehrt, tun diesen zum Ver¬ zicht auf das von ihm Besessene, aber von jenem Begehrte zu bewegen. Ich werde zeigen, daß auch die Wirtschaft des isolierten Eigen¬ produzenten sich auf dieselbe Formel reduzieren läßt. Es ver¬ schlingen sich also zwei Wertbildungen ineinander, es muß ein Wert eingesetzt werden, um einen Wert zu gewinnen. Dadurch verläuft die Erscheinung so, als ob die Dinge sich ihren Wert gegenseitig be¬ stimmten. Denn indem sie gegeneinander ausgetauscht werden, ge¬ winnt jeder die praktische Verwirklichung und das Maß seines Wertes an dem anderen. Dies ist die entschiedenste Folge und Ausdruck der Distanzierung der Gegenstände vom Subjekt. Solange sie diesem unmittelbar nahe sind, solange nicht Differenziertheit der Be¬ gehrungen, Seltenheit des Vorkommens, Schwierigkeiten und Wider¬ stände der Erlangung sie von dem Subjekte fortschieben, sind sie ihm sozusagen Begehrung und Genuß, aber noch nicht Gegenstand von beidem. Der angedeutete Prozeß, mit dem sie dies werden, vollendet sich dadurch, daß der distanzierende und zugleich die Distanz über¬ windende Gegenstand eigens zu diesem Zwecke hergestellt wird.

Damit wird die reinste wirtschaftliche Objektivität, die Lösung des Gegenstandes aus der subjektiven Beziehung zur Persönlichkeit ge¬ wonnen; und indem diese Herstellung für einen anderen geschieht, der die entsprechende für jenen vornimmt, treten die Gegenstände in gegenseitige objektive Relation. Die Form, die der Wert im Tausch annimmt, reiht ihn in jene beschriebene Kategorie jenseits des strengen Sinnes von Subjektivität und Objektivität ein; im Tausch wird der Wert übersubjektiv, überindividuell, ohne doch eine sach¬ liche Qualität und Wirklichkeit an dem Dinge selbst zu werden i er tritt als die, gleichsam über die immanente Sachlichkeit des Dinges hinausreichende Forderung desselben auf, nur gegen einen ent¬ sprechenden Gegenwert fortgegeben, nur für einen solchen erworben zu werden. Das Ich, wenngleich die allgemeine Quelle der Werte überhaupt, tritt so weit von seinen Geschöpfen zurück, daß sie nun ihre Bedeutungen aneinander, ohne jedesmaliges Zurückbeziehen auf das Ich, messen können. Dieses rein sachliche Verhältnis der Werte untereinander, das sich im Tausche vollzieht und von ihm getragen wird, hat aber seinen Zweck ersichtlich in dem schließlichen sub¬ jektiven Genuß derselben, d. h. darin, daß eine größere Anzahl und Intensität derselben uns nahe gebracht wird, als es ohne diese Hin¬ gabe und objektive Ausgleichung des Tauschverkehrs möglich wäre Wie man von dem göttlichen Prinzip gesagt hat, daß es, nachdem es die Elemente der Welt mit ihren Kräften versehen habe, zurück -getreten sei und sie dem gegenseitigen Spiele dieser Kräfte über¬ lassen habe, so daß wir nun von einer objektiven, ihren eigenen Re¬ lationen und Gesetzen folgenden Welt sprechen können; wie aber die göttliche Macht dieses Aus-sich-heraussetzen des Weltprozesses als das geeignetste Mittel erwählt hat, ihre Zwecke mit der Welt am vollständigsten zu erreichen: so bekleiden wir innerhalb der Wirt¬ schaft die Dinge mit einem Wertquantum wie mit einer eigenen Qualität ihrer und überlassen sie dann den Austauschbewegungen, einem durch jene Quanten objektiv bestimmten Mechanismus, einer Gegenseitigkeit unpersönlicher Wertwirkungen — aus der sie ver¬ mehrt und intensiver genießbar in ihren Endzweck, der ihr Aus¬ gangspunkt war: das Fühlen der Subjekte, zurückkehren. Hiermit ist die Richtung der Wertbildung begründet und begonnen, in der sich die Wirtschaft vollzieht, und deren Konsequenzen den Sinn des Geldes tragen. Ihrer Ausführung haben wir uns nun zuzuwenden.

II.

Die technische Form für den wirtschaftlichen Verkehr schafft ein Reich von Werten, das mehr oder weniger vollständig von seinem subjektiv-personalen Unterbau gelöst ist. So sehr der Einzelne kauft, weil e r den Gegenstand schätzt und zu konsumieren wünscht, so druckt er dieses Begehren wirksam doch nur mit und an einem Gegenstände aus, den er für jenen in den Tausch gibt; damit wächst der subjektive Vorgang, in dessen Differenzierung und aufwachsender Spannung zwischen Funktion und Inhalt dieser zu einem »Wert« wird, zu einem sachlichen, überpersönlichen Verhältnis zwischen Gegen¬ ständen aus. Die Personen, die durch ihre Wünsche und Schätzungen zu dem Vollzüge bald dieses, bald jenes Tausches angeregt werden, realisieren damit für ihr Bewußtsein nur Wertverhältnisse, deren In¬ halt schon in den Dingen selbst liegt: das Quantum des einen Objekts entspricht an Wert dem bestimmten Quantum des anderen Objekts und diese Proportion steht als etwas objektiv Angemessenes und gleichsam Gesetzliches jenen persönlichen Motiven — von denen sie ausgeht, und in denen sie endet — ebenso gegenüber, wie wir es ent¬ sprechend an den objektiven Werten sittlicher und anderer Gebiete wahrnehmen. So würde sich wenigstens die Erscheinung einer voll¬ kommen ausgebildeten Wirtschaft darbieten. In dieser zirkulieren die Gegenstände nach Normen und Maßen, die in jedem gegebenen Augenblick festgestellt sind, und mit denen sie dem Einzelnen als em objektives Reich gegenüberstehen; er kann an diesem teilhaben oder nicht teilhaben, wenn er es aber will, so kann er es nur als Träger oder Ausführender dieser ihm jenseitigen Bestimmtheiten.

Die Wirtschaft strebt einer - nirgends völlig unwirklichen und nir¬ gends völlig verwirklichten - Ausbildungsstufe zu, in der sich die Dinge ihre Wertmaße wie durch einen selbsttätigen Mechanismus gegenseitig bestimmen - unbeschadet der Frage, wieviel subjektives uhlen dieser Mechanismus als seine Vorbedingung oder als sein Material in sich aufgenommen hat. Aber eben dadurch, daß für den Gegenstand ein anderer hingegeben wird, gewinnt sein Wert all die Sichtbarkeit und Greifbarkeit, der er überhaupt zugängig ist Die Ci Gegenscitigkcn des Sichaufwiegens, vermöge deren jedes Objekt des Wirtschaftens seinen Wert in einem anderen Gegenstände ausdrückt hebt beide aus ihrer bloßen Gefühlsbedeutung heraus: die Relativität’ der Wertbestimmung bedeutet ihre Objektivierung. Die Grund¬ beziehung zum Menschen, in dessen Gefühlsleben sich freilich alle Wertungsprozesse abspielen, ist hierbei vorausgesetzt, sie ist in die inge sozusagen hineingewachsen, und mit ihr ausgerüstet treten sie m jene gegenseitige Abwägung ein, die nicht die Folge ihres wirt¬ schaftlichen Wertes, sondern schon dessen Träger oder Inhalt ist Die Tatsache des wirtschaftlichen Tausches also löst die Dinge von dem Eingeschmolzensein in die bloße Subjektivität der Subjekte und laßt sie, indem sie ihre wirtschaftliche Funktion in ihnen selbst investiert sich gegenseitig bestimmen. Den praktisch wirksamen Wert verleiht dem Gegenstand nicht sein Begehrtwerden allein, son¬ dern das Begehrtwerden eines anderen. Ihn charakterisiert nicht die eziehung auf das empfindende Subjekt, sondern daß es zu dieser Beziehung erst um den Preis eines Opfers gelangt, während von der anderen Seite gesehen dieses Opfer als zu genießender Wert, jener selbst aber als Opfer erscheint. Dadurch bekommen die Objekte eine Gegenseitigkeit des Sichaufwiegens, die den Wert in ganz besonderer eise als eine ihnen selbst objektiv innewohnende Eigenschaft erscheinen läßt. Indem um den Gegenstand gehandelt wird — das bedeutet doch, daß das Opfer, das er darstellt, fixiert wird — er¬ scheint seine Bedeutung für beide Kontrahenten vielmehr wie etwas außerhalb dieser letzteren selbst Stehendes, als wenn der Einzelne ihn nur m seiner Beziehung zu sich selbst empfände; und wir werden nachher sehen, wie auch die isolierte Wirtschaft, indem sie den Wirtschaftenden den Anforderungen der Natur gegenüberstellt, ihm die gleiche Notwendigkeit des Opfers für den Gewinn des Objektes auf¬ erlegt, so daß auch hier das gleiche Verhältnis, das nur den einen Träger gewechselt hat, den Gegenstand mit derselben selbständigen von seinen eigenen objektiven Bedingungen abhängigen Bedeutung ausstatten kann. Die Begehrung und das Gefühl des Subjektes steht freihch als die treibende Kraft hinter alledem, aber aus ihr an und.ur sich konnte diese Wertform nicht hervorgehen, die vielmehr nur dem Sichaufwiegen der Objekte untereinander zukommt. Die Wirt¬ schaft leitet den Strom der Wertungen durch die Form des Tausches hindurch, gleichsam ein Zwischenreich schaffend zwischen den Be¬ gehrungen, aus denen alle Bewegung der Menschenwelt quillt, und der Befriedigung des Genusses, in der sie mündet. Das Spezifische der Wirtschaft als einer besonderen Verkehrs- und Verhaltungsform besteht wenn man einen paradoxen Ausdruck nicht scheut — nicht sowohl darin, daß sie Werte austauscht, als daß sie Werte aus¬ tauscht. Freilich liegt die Bedeutung, die die Dinge in und mit dem Tausch gewinnen, nie ganz isoliert neben ihrer subjektiv-unmittelbaren, über die Beziehung ursprünglich entscheidenden; vielmehr gehört beides zusammen, wie Form und Inhalt zusammengehören.

Allein der objektive und oft genug auch das Bewußtsein des Ein¬ zelnen beherrschende Vorgang abstrahiert sozusagen davon, daß es Werte sind, die sein Material bilden, und gewinnt sein eigenstes Wesen an der Gleichheit derselben — ungefähr, wie die Geometrie ihre Aufgaben nur an den Größenverhältnissen der Dinge findet, ohne die Substanzen einzubeziehen, an denen allein doch jene Verhältnisse real bestehen. Daß so nicht nur die Betrachtung der Wirtschaft, sondern die Wirtschaft selbst sozusagen in einer realen Abstraktion aus der umfassenden Wirklichkeit der Wertungsvorgänge besteht, ist nicht so verwunderlich, wie es zuerst scheint, sobald man sich klar¬ macht, wie ausgedehnt das menschliche Tun innerhalb jeder seeli¬ schen Provinz mit Abstraktionen rechnet. Die Kräfte, Beziehungen, Qualitäten der Dinge — zu denen insoweit auch unser eigenes Wesen gehört — bilden objektiv ein einheitliches Ineinander, das erst von unseren hinzutretenden Interessen und um von uns bearbeitet zu werden, in eine Vielheit selbständiger Reihen oder Motive gespalten wird. So untersucht jede Wissenschaft Erscheinungen, die erst unter dem von ihr gestellten Gesichtspunkte eine in sich geschlossene Ein¬ heitlichkeit und reinliche Abgrenzung gegen die Probleme anderer Wissenschaften haben, während die Wirklichkeit sich um diese Grenzlinien nicht kümmert, sondern jeder Abschnitt der Welt ein Konglomerat von Aufgaben für die mannigfaltigsten Wissenschaften darstellt. Ebenso schneidet unsere Praxis aus der äußeren oder inneren Komplexität der Dinge einseitige Reihen heraus und schafft erst so die großen Interessensysteme der Kultur. Dasselbe tritt an Betätigungen des Gefühls hervor. Wo wir religiös oder sozial emp¬ finden, wo wir melancholisch oder weltfreudig gestimmt sind, da sind es immer Abstraktionen aus dem Wirklichkeitsganzen, die' uns als Gegenstände unseres Gefühls erfüllen — sei es, daß unsere Reaktionsfähigkeit aus den dargebotenen Eindrücken nur diejenigen ergreift, die unter diesen oder jenen gemeinsamen Interessenbegriff gehören; sei es, daß sie von sich aus jeden Gegenstand mit einer Färbung versieht, deren in dem Gegenstand selbst gelegene Be¬ rechtigung sich in dessen Ganzheit mit den Begründungen anderer Färbungen zu einer objektiv ungeschiedenen Einheit verwebt. So ist auch dies eine der Formeln, in die man das Verhältnis des Men¬ schen zur Welt fassen kann: daß aus der absoluten Einheit und dem Ineinanderverwachsensein der Dinge, in dem jedes das andere trägt und alle zu gleichen Rechten bestehen, unsere Praxis nicht weniger als unsere Theorie unablässig einzelne Elemente abstrahiert, um sie zu relativen Einheiten und Ganzheiten zusammenzuschließen. Wir haben, außer in ganz allgemeinen Gefühlen, keine Beziehung zu der Totalität des Seins: erst indem wir von den Bedürfnissen unseres Denkens und Handelns aus fortwährende Abstraktionen aus den Er¬ scheinungen ziehen und diese mit der relativen Selbständigkeit eines bloß inneren Zusammenhanges ausstatten, die die Kontinuität der Weltbewegungen dem objektiven Sein jener verweigert, gewinnen wir ein in seinen Einzelheiten bestimmtes Verhältnis zur Welt. So ist das wirtschaftliche System allerdings auf eine Abstraktion ge¬ gründet, auf das Gegenseitigkeitsverhältnis des Tausches, die Balance zwischen Opfer und Gewinn, während es in dem wirklichen Prozeß, in dem es sich vollzieht, mit seinem Fundamente und seinem Er¬ gebnis: den Begehrungen und den Genüssen, untrennbar ver¬ schmolzen ist. Aber diese Existenzform unterscheidet es nicht von den sonstigen Gebieten, in die wir die Gesamtheit der Erscheinungen zu den Zwecken unserer Interessen zerlegen.

Das Entscheidende für die Objektivität des wirtschaftlichen Wertes, die das Wirtschaftsgebiet als selbständiges abgrenzt, ist das prinzipielle Hinausgehen seiner Gültigkeit über das Einzelsubjekt. Dadurch, daß für den Gegenstand ein anderer gegeben werden muß, zeigt sich, daß derselbe nicht nur für mich, sondern auch an sich, d. h. auch für einen anderen etwas wert ist. An der wirtschaftlichen Form der Werte findet die Gleichung: Objektivität = Gültigkeit für Sub¬ jekte überhaupt — eine ihrer deutlichsten Rechtfertigungen. Durch die Äquivalenz, die überhaupt erst gelegentlich des Tausches ein Be¬ wußtsein und Interesse erwirbt, wächst dem Wert der spezifische Charakterzug der Objektivität zu. Denn nun mag jedes der Elemente nur personaler Art oder nur subjektiv wertvoll sein — daß sie ein¬ ander gleich sind, ist ein objektives, in keinem dieser Elemente für sich und doch nicht außerhalb beider liegendes Moment. Der Tausch setzt eine objektive Messung subjektiver Wertschätzungen voraus, aber nicht im Sinne zeitlichen Vorangehens, sondern so, daß beides in einem Akte besteht.

Man muß sich hier klarmachen, daß die Mehrzahl der Be¬ ziehungen von Menschen untereinander als Tausch gelten kann; er ist die zugleich reinste und gesteigertste Wechselwirkung, die ihrer¬ seits das menschliche Leben ausmacht, sobald es einen Stoff und In¬ halt gewinnen will. Zunächst wird schon oft übersehen, wie vieles, das auf den ersten Blick eine bloß einseitig ausgeübte Wirkung ist, 3 Simmel, Philosophie’ des Geldes.

tatsächlich Wechselwirkung einschließt: der Redner scheint der Versammlung, der Lehrer der Klasse, der Journalist seinem Publi¬ kum gegenüber der allein Führende und Beeinflussende zu sein; tat¬ sächlich empfindet jeder in solcher Situation die bestimmende und lenkende Rückwirkung der scheinbar bloß passiven Masse; für politische Parteien gilt allenthalben das Wort: »ich bin ihr Führer, also muß ich ihnen folgen«; ja, ein hervorragender Hypnotiseur hat neulich betont, daß bei der hypnotischen Suggestion — offenbar doch dem entschiedensten Falle reiner Aktivität von der einen, unbedingter Beeinflußtheit von der anderen Seite — eine schwer beschreibliche Wirkung des Hypnotisierten auf den Hypnotiseur stattfände, ohne die der Effekt nicht erreicht würde. Jede Wechselwirkung aber ist als ein Tausch zu betrachten: jede Unterhaltung, jede Liebe (auch wo sie mit andersartigen Gefühlen erwidert wird), jedes Spiel, jedes Sichanblicken. Und wenn der Unterschied zu bestehen scheint, daß man in der Wechselwirkung gibt, was man selbst nicht hat, im Tausch aber nur, was man hat — so hält dies doch nicht stand. Denn ein¬ mal, was man in der Wechselwirkung ausübt, kann immer nur die eigene Energie, die Hingabe eigener Substanz sein; und umgekehrt, der Tausch geschieht nicht um den Gegenstand, den der andere vor¬ her hatte, sondern um den eigenen Gefühlsreflex, den der andere vorher nicht hatte; denn der Sinn des Tausches: daß die Wertsumme des Nachher größer sei als die des Vorher — bedeutet doch, daß jeder dem anderen mehr gibt, als er selbst besessen hat. Freilich ist Wechselwirkung der weitere, Tausch der engere Begriff; allein in menschlichen Verhältnissen tritt die erstere ganz überwiegend in Formen auf, die sie als Tausch anzusehen gestatten. Unser natür¬ liches Schicksal, das jeden Tag aus einer Kontinuität von Gewinn und Verlust, Zufließen und Abströmen der Lebensinhalte zusammen¬ setzt, wird im Tausch vergeistigt, indem nun das eine für das andere mit Bewußtsein gesetzt wird. Derselbe geistig -synthetische Prozeß, der überhaupt aus dem Nebeneinander der Dinge ein Mit- und Für¬ einander schafft; dasselbe Ich, das, die sinnlichen Gegebenheiten innerlich durchströmend, ihnen die Form seiner eigenen Einheit ein¬ baut — hat mit dem Tausch jenen naturgegebenen Rhythmus unserer Existenz ergriffen und seine Elemente zu einer sinnvollen Verbunden¬ heit organisiert. Und zwar wird gerade dem Tausch wirtschaftlicher Werte die Färbung des Opfers am wenigsten erspart bleiben. Wo wir Liebe um Liebe tauschen, wüßten wir mit der darin offenbarten inneren Energie sonst nichts anzufangen; indem wir sie hingeben, opfern wir — von äußeren Betätigungsfolgen abgesehen —