äußerlich nachweisbaren Gerechtigkeit stellt.
Denn die Behauptung, der Wert aller wertvollen Objekte bestehe in der Arbeit, die sie gekostet haben, genügt für diesen Zweck noch nicht. Damit könnte sich nämlich noch immer die qualitative Ver¬ schiedenheit der Arbeit vereinigen, derart, daß ein geringeres Quan¬ tum höherer Arbeit einen gleichen oder höheren Wert bildete, wie ein erhebliches von niederer Arbeit. Hierdurch aber wäre eine ganz andere als die beabsichtigte Wertskala eingeführt. Die entscheiden¬ den Eigenschaften der Feinheit, Geistigkeit, Schwierigkeit würden zwar auch dann immer noch mit und an der Arbeit produziert, reali¬ sierten sich nur als Attribute ihrer; allein das Wertmoment ruhte nun doch nicht mehr auf der Arbeit als Arbeit, sondern auf der nach einem ganz selbständigen Prinzip aufgebauten Ordnung der Quali¬ täten, für die die Arbeit als solche, die das Allgemeine aller Arbeits¬ qualitäten ist, nur der für sich noch irrelevante Träger wäre. Damit wäre die Arbeitstheorie in dasselbe Dilemma gebracht, dem die moral¬ philosophische Lehre unterlegen ist, daß die Produktion von Glücks¬ gefühlen der alsolute ethische Wert sei. Ist nämlich die Handlung wirklich in dem Maße sittlich, in dem sie Glück zur Folge hat, so bedeutet es eine Durchbrechung des Prinzips und die Einführung neuer definitiver Wertmomente, wenn das reinere, geistigere, vor¬ nehmere Glück als das wertvollere gepriesen wird. Denn dann wäre der Fall möglich, daß ein solches Glück, wenngleich quantitativ, d. h. als bloßes Glück, geringer als ein niedriges, sinnliches, selbsti¬ sches, dennoch diesem gegenüber das sittlich erstrebenswertere wäre. Die ethische Glückseligkeitstheorie ist deshalb nur dann konsequent, wenn alle ethischen Unterschiede sinnlichen und geistigen, epi¬ kureischen und asketischen, egoistischen und mitfühlenden Glückes im letzten Grunde, alle Begleit- und Folgeerscheinungen eingerechnet, bloße Maßunterschiede einer und derselben, qualitativ immer gleichen Glücksart sind. Ebenso muß die konsequente Arbeitstheorie es durchführen können, daß alle die unzweideutig empfundenen und nicht wegzudisputierenden Wertunterschiede zwischen zwei Leistun¬ gen, die als Arbeit extensiv und intensiv gleich erscheinen, im letzten Grunde nur bedeuten, daß in der einen mehr Arbeit verdichtet ist, als in der anderen, daß nur der erste und flüchtige Blick sie für gleiche Arbeitsquanten hält, der tiefer dringende aber ein tatsächliches Mehr oder Weniger von Arbeit als den Grund ihres Mehr oder Weniger von Wert entdeckt.
Tatsächlich ist diese Deutung nicht so unzulänglich, wie sie zu¬ erst scheint. Man muß nur den Begriff der Arbeit weit genug fassen. Betrachtet man die Arbeit zunächst in der Beschränkung auf ihren individuellen Träger, so liegt auf der Hand, daß in jedem irgend »höheren« Arbeitsprodukt keineswegs nur diejenige Arbeitssumme investiert ist, die unmittelbar auf eben diese Leistung verwendet worden ist. Die ganzen vorhergegangenen Mühen vielmehr, ohne die die jetzige, relativ leichtere Herstellung unmöglich wäre, müssen in sie, als für sie erforderliche Arbeit, pro rata eingerechnet werden. Gewiß ist die »Arbeit« des Musikvirtuosen an einem Konzertabend oft im Verhältnis zu ihrer ökonomischen und idealen Einschätzung eine geringe; ganz anders aber steht es, wenn man die Mühen und die Dauer der Vorbereitung als Bedingung der unmittelbaren Leistung dem Arbeitsquantum derselben hinzurechnet. Und so be¬ deutet auch in unzähligen anderen Fällen höhere Arbeit eine Form von mehr Arbeit; nur daß diese nicht in der sinnlichen Wahrnehm¬ barkeit momentaner Anstrengung, sondern in der Kondensation und Aufspeicherung vorangegangener und die jetzige Leistung bedingen¬ der Anstrengungen gelegen ist: in der spielenden Leichtigkeit, mit der der Meister seine Aufgaben löst, kann unendlich viel mehr Arbeitsmühe verkörpert sein, als in dem Schweiß, den der Stümper schon um eines sehr viel niederen Ergebnisses willen vergießen muß. Nun aber kann diese Deutung der Qualitätsunterschiede der Arbeit als quantitativer sich über die bloß persönlichen Vorbedingungen hinauserstrecken. Denn diese reichen offenbar nicht aus, um die¬ jenigen Eigenschaften der Arbeit in der angegebenen Weise zu redu¬ zieren, die ihre Höhe durch eine angeborene Begabung oder durch die Gunst dargebotener objektiver Vorbedingungen gewinnen. Hier muß man sich einer Vererbungshypothese bedienen, die freilich hier wie überall, wo sie insbesondere erworbene Eigenschaften einbezieht, nur eine ganz allgemeine Denkmöglichkeit darbietet. Wollen wir die verbreitete Erklärung des Instinkts akzeptieren, daß er aus den aufgehäuften Erfahrungen der Vorfahren besteht, die zu bestimmten zweckmäßigen Nerven- und Muskelkoordinationen geführt haben und in dieser Form den Nachkommen vererbt sind, derart, daß bei diesen die zweckmäßige Bewegung auf den entsprechenden Nerven¬ reiz hin rein mechanisch und ohne eigener Erfahrung und Einübung zu bedürfen, erfolgt — wenn wir dies akzeptieren wollen, so kann man die angeborene spezielle Begabung als einen besonders günsti¬ gen Fall des Instinkts betrachten. Nämlich als denjenigen, in dem die Summierung solcher physisch verdichteten Erfahrungen ganz be¬ sonders entschieden nach einer Richtung hin und in einer solchen Lagerung der Elemente erfolgt ist, daß schon der leisesten Anregung ein fruchtbares Spiel bedeutsamer und zweckmäßiger Funktionen antwortet. Daß das Genie so viel weniger zu lernen braucht, wie der gewöhnliche Mensch zu der gleichartigen Leistung, daß es Dinge weiß, die es nicht erfahren hat — dieses Wunder scheint auf eine ausnahmsweise reiche und leicht ansprechende Koordination ver¬ erbter Energien hinzuweisen. Wenn man die hiermit angedeutete Vererbungsreihe weit genug zurückgliedert und sich klar macht, daß alle Erfahrungen und Fertigkeiten innerhalb derselben nur durch wirkliches Arbeiten und Ausüben gewonnen und weitergebildet werden konnten, so erscheint auch die individuelle Besonderheit der genialen Leistung als das kondensierte Resultat der Arbeit von Generationen. Der besonders »begabte« Mensch wäre demnach der¬ jenige, in dem ein Maximum von Arbeit seiner Vorfahren in latenter und zur Weiterverwertung disponierter Form aufgehäuft ist; so daß der höhere Wert, den die Arbeit eines solchen durch ihre Qualität besitzt, im letzten Grunde auch auf ein quantitatives Mehr von Arbeit zurückgeht, das er freilich nicht persönlich zu leisten brauchte, sondern dem er nur durch die Eigenart seiner Organisation das Weiterwirken ermöglicht. Die Leistung wäre dann, die gleiche aktuelle Arbeitsmühe der Subjekte vorausgesetzt, in dem Maße eine verschieden hohe, in dem die Struktur ihres psychisch -physischen Systems eine verschieden große und mit verschiedener Leichtigkeit wirkende Summe erarbeiteter Erfahrungen und Geschicklichkeiten der Vorfahren in sich birgt. Und wenn man die Wertgröße der Leistungen, statt durch das Quantum der erforderlichen Arbeit, in der gleichen Tendenz durch die zu ihrer Herstellung »gesellschaft¬ lich notwendige Arbeitszeit« ausgedrückt hat, so entzieht sich auch dies nicht der gleichen Deutung: der höhere Wert der durch be¬ sondere Begabung getragenen Leistungen bedeutete dann, daß die Gesellschaft immer eine gewisse längere Zeit hindurch leben und wirken muß, ehe sie wieder ein Genie hervorbringt; sie braucht den längeren Zeitraum, der den Wert der Leistung bedingt, in diesem Falle nicht zu deren unmittelbarer Produktion, sondern zur Pro¬ duktion der — eben nur in relativ längeren Zwischenräumen auftretenden — Produzenten solcher Leistungen.
Die gleiche Reduktion kann auch in objektiver Wendung er¬ folgen. Die Höherwertung des Arbeitsergebnisses bei gleicher sub¬ jektiver Anstrengung findet nicht nur als Erfolg eines persönlichen Talentes statt; sondern es gibt bestimmte Kategorien von Arbeiten, die von vornherein einen höheren Wert als andere repräsentieren, so daß die einzelne Leistung innerhalb jener weder größere Mühe noch größere Begabung als die innerhalb anderer zu enthalten braucht, um dennoch einen höheren Rang einzunehmen. Wir wissen sehr wohl, daß unzählige Arbeiten in den »höheren Berufen« an das Subjekt keinerlei höhere Ansprüche stellen, als solche in den »niederen«; daß die Arbeiter in Bergwerken und Fabriken oft eine Umsicht, Entsagungsfähigkeit, Todesverachtung besitzen müssen, die den subjektiven Wert ihrer Leistung weit über den vieler Be¬ amten- oder Gelehrtenberufe erhebt; daß die Leistung eines Akro¬ baten oder Jongleurs genau dieselbe Geduld, Geschicklichkeit und Begabung fordert, wie die manches Klaviervirtuosen, der seine manu¬ elle F ertigkeit durch keinen Beisatz seelischer Vertiefung adelt. Und doch pflegt nicht nur die eine Kategorie von Arbeiten der anderen gegenüber tatsächlich viel höher entlohnt zu werden, sondern auch ein sozial vorurteilsloses Schätzungsgefühl wird in vielen Fällen den¬ selben Weg gehen. Bei vollem Bewußtsein der gleichen oder höheren subjektiven Arbeit, die das eine Produkt erfordert, wird man dem anderen dennoch einen höheren Rang und Wert zusprechen, so daß es hier wenigstens scheint, als ob andere Momente als die des Arbeits¬ maßes seine Schätzung bestimmten. Doch ist dieser Schein nicht unüberwindlich. Man kann nämlich die Arbeitsleistungen höherer Kulturen in eine Stufenreihe von dem Gesichtspunkt aus einstellen, welches Quantum Arbeit bereits in den objektiven, technischen Vor¬ bedingungen aufgehäuft ist, auf Grund deren die einzelne Arbeit überhaupt möglich ist. Damit es überhaupt höhere Stellungen in einer Beamtenhierarchie gebe, muß erstens eine unübersehbare Arbeit in der Verwaltung und der allgemeinen Kultur bereits geleistet sein, deren Geist und Ergebnis sich zu der Möglichkeit und Notwendigkeit solcher Stellungen verdichtet; und zweitens setzt jede einzelne Tätigkeit höherer Funktionäre die Vorarbeit vieler subalterner vor¬ aus, die sich in ihr konzentrieren; so daß die Qualität solcher Arbeit wirklich nur durch ein sehr hohes Quantum schon vollbrachter und in sic eingehender Arbeit zustande kommt. Ja, gegenüber der »unqualifizierten« beruht alle qualifizierte Arbeit als solche keineswegs nur auf der höheren Ausbildung des Arbeiters, sondern ebenso auch auf der höheren und komplizierteren Struktur der objektiven Ar* beitsbedingungen, des Materials und der historisch-technischen Or¬ ganisation. Damit auch der mittelmäßigste Klavierspieler möglich sei, bedarf es einer so alten und breiten Tradition, eines so unüber¬ sehbaren überindividuellen Bestandes technischer und artistischer Arbeitsprodukte, daß allerdings diese in ihr gesammelten Schätze seine Arbeit weit über die vielleicht subjektiv viel erheblichere des Seiltänzers oder Taschenspielers erheben. Und so im allgemeinen: was wir als die höheren Leistungen schätzen, nur nach der Kategorie des Berufes und ohne daß personale Momente ihre Höhe bewirkten, das sind diejenigen, die in dem Aufbau der Kultur die relativ ab¬ schließenden, am meisten von langer Hand vorbereiteten sind, die ein Maximum von Arbeit Vor- und Mitlebender als ihre technische Bedingung in sich aufnehmen — so ungerecht es auch sei, aus diesem, durch ganz überpersönliche Ursachen entstandenen Wert der ob¬ jektiven Arbeitsleistung eine besonders hohe Entlohnung oder Schätzung für den zufälligen Träger derselben herzuleiten. Auch wird dieser Maßstab selbstverständlich nicht genau innegehalten.
Wertungen von Leistungen und Produkten, die durch ihn begründet sind, werden auf andere, dieses Rechtsgrundes entbehrende, über¬ tragen: sei es wegen äußerlich -formeller Ähnlichkeit, sei es wegen historischer Verknüpfung mit jenen, sei es, weil die Inhaber der be¬ treffenden Berufe eine aus anderer Quelle fließende, soziale Macht zur Steigerung ihrer Schätzung benutzen. Ohne solche, aus der Kom¬ plikation des historischen Lebens folgende Zufälligkeiten abzu¬ rechnen, läßt sich aber überhaupt kein einziger prinzipieller Zu¬ sammenhang in sozialen Dingen behaupten. Im großen und ganzen kann, wie mir scheint, die Deutung aufrechterhalten werden: daß die verschiedene Wertung der Leistungsqualitäten, bei Gleichheit der subjektiven Arbeitsmühe, dennoch der Verschiedenheit der Arbeits¬ quanten entspricht, die in vermittelter Form in den betreffenden 30 Simmel, Philosophie des Geldes.
Leistungen enthalten sind. So erst wäre der Gewinn für die theo¬ retische Vereinheitlichung der ökonomischen Werte, auf den die Arbeitstheorie ausging, in vorläufige Sicherheit gebracht.
Damit ist aber nur der allgemeine Begriff der Arbeit maßgebend geworden und die Theorie beruht insoweit auf einer sehr künstlichen Abstraktion. Man könnte ihr vorwerfen, sie baue sich auf dem typi¬ schen Irrtum auf, daß die Arbeit zunächst und fundamental Arbeit überhaupt wäre, und dann erst, gewissermaßen als Bestimmungen zweiten Grades, ihre spezifischen Eigenschaften dazu träten, um sie zu dieser bestimmten zu machen. Als ob diejenigen Eigenschaften, auf die hin wir ein Handeln als Arbeit überhaupt bezeichnen, nicht mit seinen übrigen Bestimmungen eine vollkommene Einheit bildeten, als ob jene Scheidung und Rangordnung nicht auf einem ganz will¬ kürlich gesetzten Grenzstrich beruhte! Gerade als ob der Mensch erst Mensch überhaupt wäre, und dann, in realer Scheidung davon, erst das bestimmte Individuum! Freilich ist auch dieser Irrtum be¬ gangen und zur Grundlage sozialer Theorien gemacht worden. Der Arbeitsbegriff, mit dem die ganze vorhergehende Erörterung rechnet, ist eigentlich nur negativ bestimmt: als dasjenige, was übrigbleibt, wenn man von allen Arten des Arbeitens alles wegläßt, was sie von¬ einander unterscheidet. Allein, was hier tatsächlich übrigbleibt, ent¬ spricht keineswegs, wie eine verlockende Analogie nahelegen könnte, dem physikalischen Begriff der Energie, die, in quantitativer Un¬ veränderlichkeit, bald als Wärme, bald als Elektrizität, bald als mechanische Bewegung auftreten kann; hier ist allerdings ein mathe¬ matischer Ausdruck möglich, der das Gemeinsame aller dieser spezi¬ fischen Erscheinungen und sie als Äußerungen dieser einen Grund¬ tatsache darstellt. Menschliche Arbeit aber, ganz im allgemeinen, gestattet keine derartig abstrakte, aber doch bestimmte Formulierung.
Die Behauptung, daß alle Arbeit schlechthin Arbeit und nichts anderes wäre, bedeutet, als Grundlage für die Gleichwertigkeit der¬ selben, etwas genau so Ungreifbares, abstrakt Leeres, wie jene Theorie: jeder Mensch sei eben Mensch und deshalb seien alle gleich¬ wertig und zu den gleichen Rechten und Pflichten qualifiziert. Soll der Begriff der Arbeit also, dem in seiner bisher angenommenen Allgemeinheit mehr ein dunkles Gefühl als ein fester Inhalt seine Bedeutung geben konnte, eine solche wirklich erhalten, so bedarf es einer näheren Präzision des realen Vorganges, den man unter ihm verstehen kann.
Als dieses letzte, konkrete Element ist, worauf ich jetzt zurück¬ komme, die Muskelarbeit behauptet worden; und wir fragen nach dem Rechte dieser Behauptung, nachdem wir ihren Beweis aus der Kostenlos! gkeit der geistigen Arbeit oben in seiner Gültigkeit be¬ schränkt haben. Ich will nun von vornherein gestehen: ich halte es nicht für schlechthin ausgeschlossen, daß einmal das mechanische Äquivalent auch der psychischen Tätigkeit gefunden werde. Freilich, die Bedeutung ihres Inhaltes, seine sachlich bestimmte Stelle in den logischen, ethischen, ästhetischen Zusammenhängen steht ab¬ solut jenseits aller physischen Bewegungen, ungefähr wie die Be¬ deutung eines Wortes jenseits seines physiologisch - akustischen Sprachlautes steht. Aber die Kraft, die der Organismus für das Denken dieses Inhaltes als Gehirnvorgang aufwenden muß, ist prin¬ zipiell ebenso berechenbar wie die für eine Muskelleistung erforder¬ liche. Sollte dies eines Tages gelingen, so könnte man allerdings das Kraftmaß einer bestimmten Muskelleistung zur Maßeinheit machen, nach der auch der psychische Kraftverbrauch bestimmt wird, und die psychische Arbeit wäre nach dem, was daran wirklich Arbeit ist, auf gleichem Fuße mit der Muskelarbeit zu behandeln, ihre Produkte würden in eine bloß quantitative Wertabwägung mit denen der letzteren eintreten. Dies ist natürlich eine wissenschaftliche Utopie, die nur dartun kann, daß die Reduktion aller wirtschaftlich anrechen¬ baren Arbeit auf Muskelarbeit selbst für einen keineswegs dogma¬ tisch-materialistischen Standpunkt nicht den prinzipiellen Widersinn zu enthalten braucht, mit dem der Dualismus von Geistigkeit und Körperlichkeit diesen Versuch zu schlagen schien.
In etwas konkretererWeise scheint sich die folgende Vorstellung dem gleichen Ziele zu nähern. Ich gehe davon aus, daß unsere Unterhaltsmittel durch physische Arbeit produziert werden. Zwar ist keine Arbeit rein physisch, jede Handarbeit wird erst durch das irgendwie wirkende Bewußtsein zu einer zweckmäßigen Leistung, so daß auch diejenige, die der höheren geistigen Arbeit ihre Be¬ dingungen bereitet, selbst schon einen Beisatz seelischer Art enthält. Allein diese psychische Leistung des Handarbeiters wird doch ihrer¬ seits erst wieder durch Unterhaltsmittel ermöglicht; und zwar werden, je niedriger der Arbeiter steht, d. h. je geringfügiger das seelische Element seiner Arbeit im Verhältnis zu der Muskelleistung ist, auch seine Unterhaltsmittel (im weitesten Sinne) durch Arbeit von wesent¬ lich physischem Charakter hergestellt werden — mit einer der modernsten Zeit angehörigen und im letzten Kapitel zu behandelnden Ausnahme. Da sich dies Verhältnis nun an je zwei Arbeiterkategorien wiederholt, so ergibt dies eine unendliche Reihe, aus welcher die psychische Arbeit zwar nie verschwinden kann, in der sie aber immer weiter zurückgeschoben wird. So ruhen die Unterhaltsmittel auch der höchsten Arbeiterkategorien auf einer Reihe von Arbeiten, in denen der psychische Beisatz jedes Gliedes durch ein Glied von rein physischem Wert getragen wird, so daß jener sich auf der letzten Stufe dem Grenzwert Null nähert. Es läßt sich also denken, daß prinzipiell alle äußeren Bedingungen der geistigen Arbeit in Muskel¬ arbeitsgrößen ausdrückbar sind. Könnte man nun die alte Theorie vom Kostenwert gelten lassen, so würde der Wert der geistigen Arbeit, insofern er den Kosten ihrer Produktion gleich ist, dem Werte gewisser Muskelleistungen gleich sein. Und nun wäre diese Theorie vielleicht in einer Modifikation haltbar: der Wert eines Produkts ist zwar nicht seinen Kosten gleichzusetzen, wohl aber könnten sich die Werte zweier Produkte zueinander verhalten, wie die ihrer Ent¬ stehungsbedingungen. Eine Psyche, durch Unterhaltsmittel ernährt und angeregt, wird Produkte hergeben, die den Wert jener von ihr verbrauchten Bedingungen um ein Vielfaches übersteigen mögen; darum könnte aber doch das Wertverhältnis je zweier Bedingungs¬ komplexe gleich dem je zweier Produkte sein — wie die Werte zweier Bodenerzeugnisse, von denen jedes ein Vielfaches seines Samens ist, sich so verhalten können wie die Werte der Samen zueinander; denn der werterhöhende Faktor könnte, für den Durchschnitt der Men¬ schen, eine Konstante sein. Wenn alle diese Voraussetzungen zu¬ träfen, so wäre damit die Reduktion der geistigen Arbeiten auf physi¬ sche in dem Sinne vollbracht, daß man zwar nicht die absolute, aber die relative Wertbedeutung jeder der ersteren durch bestimmte Ver¬ hältnisse der letzteren ausdrücken könnte.
Nun erscheint aber der Gedanke, daß die Werthöhen der geistigen Leistung sich proportional den Werten der Unterhalts¬ mittel verhalten sollten, völlig paradox, ja unsinnig. Dennoch lohnt es, die Punkte aufzusuchen, in denen sich die Wirklichkeit ihm wenigstens nähert, weil diese tief in die inneren und kulturellen Be¬ ziehungen geistiger Werte zu ihren wirtschaftlichen Bedingungen und Äquivalenten hinabreichen. Wir haben uns wohl vorzustellen, daß im Gehirn, als dem Gipfelpunkt der organischen Entwicklung, ein sehr großes Maß von Spannkräften aufgespeichert liegt. Das Gehirn ist offenbar imstande, eine große Kraftsumme abzugeben, woraus sich unter anderem die erstaunliche Leistungsfähigkeit schwacher Muskeln erklärt, die sie auf psychische Reize hin entfalten können. Auch die große Erschöpfung des ganzen Organismus nach geistigen Arbeiten oder Alterationen weist darauf hin, daß die psychische Tätigkeit, von der Seite ihres physischen Korrelats her angesehen, sehr viel organische Kraft verbraucht. Der Ersatz dieser Kraft ist nun nicht nur durch ein bloßes Mehr derjenigen Unterhaltsmittel, die der Muskelarbeiter braucht, zu erzielen: denn die Aufnahme - fähigkeit des Körpers ist in Hinsicht auf das Quantum von Er¬ nährung ziemlich eng begrenzt und bei überwiegend geistiger Arbeit eher herunter- als heraufgesetzt. Deshalb kann der Kraftersatz ebenso wie die erforderliche nervöse Anregung bei geistiger Arbeit in der Regel nur durch eine Konzentrierung, Verfeinerung, indivi¬ duelle Angepaßtheit des Lebensunterhaltes und der allgemeinen Lebensbedingungen geleistet werden. Zwei kulturhistorisch bedeut¬ same Momente werden hier wichtig. Unsere täglichen Nahrungs¬ mittel sind in einer Periode erwählt und ausgebildet worden, in der die übrigen Lebensbedingungen von den heutigen der intellektuellen Stände sehr abwichen, in der Muskelarbeit und frische Luft gegen¬ über der Nervenanspannung und der sitzenden Lebensweise domi¬ nierten. Die zahllosen, direkten und indirekten Verdauungskrank¬ heiten einerseits, das hastige Suchen nach konzentrierten und leicht assimilierbaren Nährmitteln andrerseits verkünden, daß die An¬ passung zwischen unserer körperlichen Verfassung und unseren Nahrungsstoffen in weitem Umfang unterbrochen ist. Aus dieser ganz allgemeinen Beobachtung ist ersichtlich, mit wie großem Rechte für Menschen sehr differenzierter Berufe auch differenzierte Er¬ nährung gefordert wird, und daß es nicht nur Sache der Zungen¬ kultur, sondern der Volksgesundheit ist, dem höchstentwickelten Arbeiter die Mittel zu einer übernormalen, verfeinerten und durch persönliche Ansprüche bestimmten Ernährung zu gewähren. Wesent¬ licher aber und zugleich verborgener ist der Umstand, daß die geistige Arbeit ihre Vorbedingungen weit mehr in die Gesamtheit des Lebens hin erstreckt und von einer viel weiteren Peripherie mittelbarer Be¬ ziehungen umgeben ist, als die körperliche. Die Umsetzung der körperlichen Kraft in Arbeit kann sozusagen unmittelbar geschehen, während die geistigen Spannkräfte ihre volle Arbeit im allgemeinen nur leisten können, wenn, weit über ihr unmittelbar-aktuelles Milieu hinaus, das ganze komplizierte System der körperlich -geistigen Stimmungen, Eindrücke, Anregungen sich in einer bestimmten Organisiertheit, Tönung, Proportion von Ruhe und Bewegtheit befindet.
Selbst unter denjenigen, die Geistes- und Muskelarbeit prinzipiell nivellieren wollen, ist es deshalb schon ein trivialer Satz, daß die höhere Entlohnung des geistigen Arbeiters durch die physiologischen Bedingungen seiner Tätigkeit gerechtfertigt werde.
In diesem Zusammenhang wird verständlich, daß der moderne geistige Mensch so viel mehr von seinem Milieu abhängig zu sein scheint, als der frühere Mensch, und zwar nicht in dem Sinn, daß er bildsamer, qualitativ bestimmbarer ist, sondern gerade so, daß die Entwicklung seiner spezifischen Kräfte, seiner innerlichen Produktivität, seiner persönlichen Eigenart nicht ohne besonders günstige, ihm individuell angepaßte Lebensbedingungen möglich ist. Die un¬ glaublich bescheidenen Verhältnisse, unter denen früher oft ein höchstes geistiges Leben sich entfaltete, wären für die überwiegende Mehrzahl der heutigen geistigen Arbeiter von vornherein erdrückend, diese würden in ihnen nicht die Begünstigungen und Anregungen finden, die sie — manchmal jeder anders als der andere — gerade für ihre individuelle Produktion brauchen. Das kann jedem Epi¬ kureismus völlig fern liegen, und geht, als reale Bedingung der Leistung, vielleicht einerseits aus der gewachsenen Reizbarkeit und Schwäche des Nervensystems, andrerseits aus der zugespitzten Individualisiertheit hervor, die auf jene einfachen, d. h. typisch -generellen Lebensreize nicht reagieren kann, sondern sich nur auf entsprechend individualisierte hin entfaltet. Wenn die neueste Zeit die historische Milieu-Theorie aufs entschiedenste durchgeführt hat, so dürften wohl auch hier reale Verhältnisse durch ihre Exaggerierung eines Ele¬ mentes uns den Blick für dessen Wirksamkeit auch auf Stufen seiner geringeren Entwicklung geöffnet haben — gerade wie die in Wirk¬ lichkeit gestiegene Bedeutung der Massen im 19. Jahrhundert erst die Veranlassung geworden ist, sich ihrer Bedeutung auch in allen früheren Epochen wissenschaftlich bewußt zu werden. Insoweit diese Verhältnisse gelten, besteht also wirklich eine gewisse Proportion zwischen den Werten, die wir konsumieren, und denen, die wir produ¬ zieren, d. h. die letzteren, als geistige Leistungen, sind Funktionen der Muskelleistungen, die in den ersteren investiert sind.
Allein diese mögliche Reduktion geistiger auf Muskelarbeitswerte findet von verschiedenen Seiten her eine sehr frühe Grenze. Jene Proportion ist nämlich zunächst nicht umkehrbar. Zu be¬ stimmten Leistungen gehören allerdings sehr erhebliche personale Aufwendungen, aber diese ihrerseits erzeugen keineswegs überall jene Leistungen: der Unbegabte, in noch so günstige und verfeinerte Lebensbedingungen versetzt, wird dennoch niemals dasjenige leisten, wozu ebendieselben den Begabten anregen. Die Reihe der Produkte könnte also nur dann eine stetige Funktion der Reihe der Aufwen¬ dungen sein, wenn die letzteren genau im Verhältnis der natürlichen personalen Begabungen erfolgten. Allein das Unmögliche selbst an¬ genommen, daß die letzteren sich exakt feststellen ließen und eine ideale Anpassung, nach dieser Feststellung die Unterhaltsmittel ge¬ nau bemessend, die Leistungshöhen zum Index der letzteren machen wollte, so würde dies Unternehmen seine Grenze immer an der Un¬ gleichmäßigkeit der Unterhaltsbedingungen finden, die selbst zwischen den zu gleichen Leistungen qualifizierten Persönlichkeiten