SigPhi · Georg Simmel

Philosophie des Geldes

German

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von der Arbeitsteilung getragen, so ist sie auch ein Abkömmling der Geldwirtschaft. Und zwar einmal, weil die Zerlegung der Produktion in sehr viele Teilleistungen eine mit absoluter Genauigkeit und Zu¬ verlässigkeit funktionierende Organisation fordert, wie sie, seit dem Aufhören der Sklavenarbeit, nur bei Geldentlohnung der Arbeiter herstellbar ist. Jede anders vermittelte Beziehung zwischen Unter¬ nehmer und Arbeiter würde unberechenbarere Elemente enthalten, teils weil naturales Entgelt nicht so einfach beschaffbar und genau bestimmbar ist, teils weil nur das reine Geldverhältnis den bloß sach¬ lichen und automatischen Charakter hat, ohne den sehr differenzierte und komplizierte Organisationen nicht auskommen. Und dann, weil der wesentliche Entstehungsgrund des Geldes überhaupt in dem Maße wirksamer wird, in dem die Produktion sich mehr spezialisiert.

Denn es handelt sich doch im wirtschaftlichen Verkehr darum, daß der eine fortgibt, was der andere begehrt, wenn dieser andere dem ersteren dasselbe tut. Jene Sittenregel: den Menschen zu tun, wo¬ von man wünscht, daß sie es einem tun — findet das umfassendste Beispiel ihrer formalen Verwirklichung an der Wirtschaft. Wenn nun ein Produzent für den Gegenstand A, den er in Tausch geben will, auch einen Abnehmer bereit findet, so wird der Gegenstand B, den dieser letztere dagegen zu geben imstande ist, jenem häufig gar nicht erwünscht sein. Daß so die Verschiedenheit der Begehrungen zwischen zwei Personen nicht immer mit der Verschiedenheit der Produkte zusammenfällt, die sie beide anzubieten haben, fordert be¬ kanntlich die Einschiebung eines Tauschmittels; so daß, wenn die Besitzer von A und von B sich nicht über unmittelbaren Tausch einigen können, der erstere sein A gegen Geld fortgibt, für das er sich nun das ihm erwünschte C verschaffen kann, während der Be¬ sitzer von B das Geld für den Kauf von A dadurch beschafft, daß er mit seinem B einem Dritten gegenüber ebenso verfährt. Da es also die Verschiedenheit der Produkte, bzw. der auf sie gerichteten Begehrungen ist, um derentwillen es überhaupt zum Geld kommt, so wird seine Rolle ersichtlich um so größer und unentbehrlicher werden, je verschiedenartigere Gegenstände der Verkehr einschließt; oder, von der anderen Seite gesehen: zu einer erheblichen Spezifikation der Leistungen kann es überhaupt erst kommen, wenn man nicht mehr auf unmittelbaren Austausch angewiesen ist. Die Chance, daß der Abnehmer eines Produkts seinerseits gerade ein Objekt anzubieten habe, das jenem Produzenten genehm ist, sinkt in dem Maße, in dem die Spezifizierung der Produkte und die der menschlichen Wünsche steigt. Es ist nach dieser Richtung hin also gar kein neu eintretendes Moment, das die moderne Differenzierung an die Alleinherrschaft des Geldes knüpft; Sondern die Verbindung zwischen beiden Kultur¬ werten findet schon in der Tiefe ihrer Wurzeln statt, und daß die Verhältnisse der Spezialisation, die ich schilderte, durch ihre Wechsel¬ wirkung mit der Geldwirtschaft eine völlige historische Einheit mit ihr bilden das ist nur die graduelle Steigerung einer mit dem Wesen beider gegebenen Synthese.

Durch diese Vermittlung hindurch knüpft sich also der Stil des Lebens, insoweit er von dem Verhältnis zwischen objektiver und sub¬ jektiver Kultur abhängig ist, an den Geldverkehr. Und zwar wird hierbei das Wesen des letzteren völlig durch den Umstand enthüllt, daß er sowohl das Übergewicht des objektiven Geistes über den sub¬ jektiven, wie auch die Reserve, imabhängige Steigerung und Eigen¬ entwicklung des letzteren trägt. W a s die Kultur der Dinge zu einer so überlegenen Macht gegenüber der der Einzelpersonen werden läßt, das ist die Einheit und autonome Geschlossenheit, zu der jene in der Neuzeit aufgewachsen ist. Die Produktion, mit ihrer Technik und ihren Ergebnissen, erscheint wie ein Kosmos mit festen, sozu¬ sagen logischen Bestimmtheiten und Entwicklungen, der dem Indi¬ viduum gegenübersteht, wie das Schicksal es der Unstätheit und Un¬ regelmäßigkeit unseres Willens tut. Dieses formale Sich-selbstgehören, dieser innere Zwang, der die Kulturinhalte zu einem Gegen¬ bild des Naturzusammenhanges einigt, wird erst durch das Geld wirklich: das Geld funktioniert einerseits als das Gelenksystem dieses Organismus; es macht seine Elemente gegeneinander verschiebbar, stellt ein Verhältnis gegenseitiger Abhängigkeit und Fortsetzbarkeit aller Impulse zwischen ihnen her. Es ist andrerseits dem Blute zu vergleichen, dessen kontinuierliche Strömung alle Verästelungen der Glieder durchdringt, und, alle gleichmäßig ernährend, die Einheit ihrer Funktionen trägt. Und was das zweite betrifft: so ermöglicht das Geld, indem es zwischen den Menschen und die Dinge tritt, jenem eine sozusagen abstrakte Existenz, ein Freisein von unmittelbaren Rücksichten auf die Dinge und von unmittelbarer Beziehung zu ihnen, ohne das es zu gewissen Entwicklungschancen unserer Innerlichkeit nicht käme; wenn der moderne Mensch unter günstigen Umständen eine Reserve des Subjektiven, eine Heimlichkeit und Abgeschlossen¬ heit des persönlichsten Seins — hier nicht im sozialen, sondern in einem tieferen, metaphysischen Sinn — erringt, die etwas von dem religiösen Lebensstil früherer Zeiten ersetzt, so wird das dadurch be¬ dingt, daß das Geld uns in immer steigendem Maße die unmittelbaren Berührungen mit den Dingen erspart, während es uns doch zugleich ihre Beherrschung und die Auswahl des uns Zusagenden unendlich erleichtert.

Und deshalb mögen diese Gegenrichtungen, da sie nun einmal eingeschlagen sind, auch einem Ideal absolut reinlicher Scheidung zustreben: in dem aller Sachgehalt des Lebens immer sachlicher und unpersönlicher wird, damit der nicht zu verdinglichende Rest des¬ selben um so persönlicher, ein um so unbestreitbareres Eigen des Ich werde. Ein bezeichnender Einzelfall dieser Bewegung ist die Schreib¬ maschine; das Schreiben, ein äußerlich -sachliches Tun, das doch in jedem Fall eine charakteristisch -individuelle Form trägt, wirft diese letztere mm zugunsten mechanischer Gleichförmigkeit ab. Damit ist aber nach der anderen Seite hin das Doppelte erreicht: einmal wirkt nun das Geschriebene seinem reinen Inhalte nach, ohne aus seiner Anschaulichkeit Unterstützung oder Störung zu ziehen, und dann ent¬ fällt der Verrat des Persönlichsten, den die Handschrift so oft begeht, und zwar vermöge der äußerlichsten und gleichgültigsten Mit¬ teilungen nicht weniger als bei den intimsten. So sozialisierend also auch alle derartigen Mechanisierungen wirken, so steigern sie doch das verbleibende Privateigentum des geistigen Ich zu um so eifer¬ süchtigerer Ausschließlichkeit. Freilich ist diese Vertreibung der subjektiven Seelenhaftigkeit aus allem Äußerlichen dem ästhetischen Lebensideal ebenso feindlich, wie sie dem der reinen Innerlichkeit günstig sein kann — eine Kombination, die ebenso die Verzweiflung rein ästhetisch gestimmter Persönlichkeiten an der Gegenwart er¬ klärt, wie die leise Spannung, die zwischen derartigen Seelen und solchen, die nur auf das innere Heil gerichtet sind, jetzt in gleichsam unterirdischeren Formen — ganz anderen als zur Zeit Savonarolas — aufwächst. Indem das Geld ebenso Symbol wie Ursache der Vergleichgültigung und Veräußerlichung alles dessen ist, was sich überhaupt vergleichgültigen und veräußerlichen läßt, wird es doch auch zum Torhüter des Innerlichsten, das sich nun in eigensten Grenzen ausbauen kann.

Inwieweit dies nun freilich zu jener Verfeinerung, Besonderheit und Verinnerlichung des Subjekts führt, oder ob es umgekehrt die unterworfenen Objekte gerade durch die Leichtigkeit ihrer Erlangung zu Herrschern über den Menschen werden läßt — das hängt nicht mehr vom Gelde, sondern eben vom Menschen ab. Die Geldwirt¬ schaft zeigt sich auch hier in ihrer formalen Beziehung zu sozialisti¬ schen Zuständen; denn was von diesen erwartet wird: die Erlösung von dem individuellen Kampf ums Dasein, die Sicherung der niedrigeren und die leichte Zugängigkeit der höheren Wirtschafts -werte dürfte gleichfalls die differenzierende Wirkung üben, daß ein gewisser Bruchteil der Gesellschaft sich in eine bisher unerhörte und von allen Gedanken an das Irdische entfernteste Höhe der Geistigkeit erhebt, während ein anderer Bruchteil gerade in einen ebenso unerhörten praktischen Materialismus versänke.

Im großen und ganzen wird das Geld wohl am wirksamsten an denjenigen Seiten unseres Lebens, deren Stil durch das Übergewicht der objektiven Kultur über die subjektive bestimmt wird. Daß es aber auch den umgekehrten Fall zu stützen sich nicht weigert, das stellt Art und Umfang seiner historischen Macht in das hellste Licht. Man könnte es höchstens nach mancher Richtung hin der Sprache vergleichen, die sich ebenfalls den divergentesten Richtungen des Denkens und Fühlens unterstützend, verdeutlichend, herausarbeitend leiht. Es gehört zu jenen Gewalten, deren Eigenart gerade in dem Mangel an Eigenart besteht, die aber dennoch das Leben sehr ver¬ schieden färben können, weil das bloß Formale, Funktionelle, Quanti¬ tative, das ihre Seinsart ist, auf qualitativ bestimmte Lebensinhalte und -richtungen trifft und diese zur weiteren Zeugung qualitativ neuer Bildungen bestimmt. Seine Bedeutung für den Stil des Lebens wird dadurch, daß es beiden möglichen Verhältnissen zwischen dem objektiven und dem subjektiven Geist zur Steigerung und Reife hilft, nicht aufgehoben, sondern gesteigert, nicht widerlegt, sondern er¬ wiesen.

III.

Man macht sich selten klar, in welchem Umfang unsere Vor¬ stellungen von den seelischen Prozessen bloß symbolische Bedeutung besitzen. Die primitive Not des Lebens hat uns gezwungen, die räum¬ liche Außenwelt zum ersten Objekt unserer Aufmerksamkeit zu machen; für ihre Inhalte und Verhältnisse gelten deshalb zunächst die Begriffe, durch die wir ein beobachtetes Dasein außerhalb des beobachtenden Subjekts vorstellen; sie ist der Typus des Objekts überhaupt und ihren Formen muß sich jede Vorstellung fügen, die für uns Objekt werden soll. Diese Forderung ergreift die Seele selbst, die sich zum Gegenstand ihrer eigenen Beobachtung macht. Vorher allerdings scheint sich noch die Beobachtung des Du einzustellen, ersichtlich das dringendste Erfordernis des Gemeinschaftslebens und der individuellen Selbstbehauptung. Allein da wir die Seele des Anderen niemals unmittelbar beobachten können, da er unserer Wahr¬ nehmung niemals mehr, als Eindrücke äußerer Sinne gewährt, so ist alle psychologische Kenntnis seiner ausschließlich eine Hinein¬ deutung von Bewußtseinsvorgängen, die wir in unserer Seele wahr¬ nehmen und auf jenen übertragen, wenn physische Eindrücke von ihm her uns dazu anregen — so wenig diese Übertragung, ausschlie߬ lich für ihren Zielpunkt interessiert, sich von ihrem Ausgangspunkt Rechenschaft ablegen mag. Sobald die Seele sich selbst zum Objekt ihres Vorstellens macht, kann sie es nur unter dem Bilde räumlicher Vorgänge. Wenn wir von Vorstellungen sprechen und ihrer Ver¬ bindung, von ihrem Aufsteigen in das Bewußtsein und ihrem Sinken unter die Schwelle desselben, von inneren Neigungen und Wider¬ ständen, von der Stimmung mit ihren Erhebungen und Tiefständen, so ist jeder dieser und unzähliger Ausdrücke des gleichen Gebietes er¬ sichtlich äußerlichen Wahrnehmbarkeiten entnommen. Wir mögen davon durchdrungen sein, daß die Gesetzlichkeit unseres Seelenlebens völlig anderen Wesens ist, als die eines äußeren Mechanismus — vor allem, weil jenem die feste Umschriebenheit und sichere Wiedererkennbarkeit der einzelnen Elemente fehlt — so stellen wir uns doch unvermeidlich die »Vorstellungen« als eine Art Wesen vor, die mit¬ einander in die mechanischen Beziehungen des Verbindens und Trennens, des Hebens und Herabdrückens treten. Wir sind dabei überzeugt — und die Praxis gibt uns recht —, daß diese, nach dem Typus anschaulicher Vorgänge geschehende Deutung des Inneren die Wirklichkeit dieses letzteren gültig vertritt, gerade wie dem Astro¬ nomen die Rechnung auf dem Papiere die Bewegungen der Gestirne so erfolgreich repräsentiert, daß das Resultat jener durchaus das Bild darstellt, das von dem Resultat der realen Kräfte bewahrheitet wird.

Dieses Verhältnis aber wird nun auch rückläufig gültig, als Deu¬ tung des äußeren Geschehens nach den Inhalten des Innenlebens. Ich meine hier nicht, daß ja auch jenes von vornherein nur eine Welt von Vorstellungen ist, sondern, nachdem einmal auf dieser oder einer anderen erkenntnistheoretischen Basis ein relatives Außen einem relativen Innern gegenübergestellt ist, dienen die spezifischen Er¬ scheinungen des letzteren dazu, das erstere zu einem verständlichen Bilde zu gestalten. So kommt wohl der einheitliche Gegenstand aus der Summe seiner Eigenschaften, die allein er uns doch darbietet, nur so zustande, daß wir ihm die Einheitsform unseres Ich leihen, an der wir im tiefsten erfahren, wie eine Fülle von Bestimmungen und Schicksalen an einer beharrenden Einheit haften kann. Nicht anders dürfte es sich, wie man oft betont hat, mit der Kraft und der Ursächlichkeit äußerer Dinge verhalten: die Gefühle der physisch¬ psychischen Spannung, des Impulses, der Willenshandlung projizieren wir in die Dinge hinein, und wenn wir hinter ihre unmittelbare Wahr¬ nehmbarkeit jene deutenden Kategorien setzen, so orientieren wir uns eben in ihnen nach den Gefühlserfahrungen unserer Innerlichkeit.

Und so stößt man vielleicht, sobald man unter jener ersten Symbolisierung des Innern durch das Körperhafte eine tiefere Schicht aufgräbt, auf den entgegengesetzten Zusammenhang. Wenn wir einen seelischen Vorgang als Verbindung von Vorstellungen bezeichnen, so war dies allerdings eine Erkenntnis seiner nach räumlichen Kate¬ gorien; aber diese Kategorie der Verbindung selbst hat vielleicht ihren Sinn und ihre Bedeutung in einem bloß innerlichen, gar nicht anschaulichen Vorgang. Was wir als in der Außenwelt verbunden, d. h. doch, irgendwie vereinheitlicht und ineinander seiend, be¬ zeichnen, bleibt doch in der Außenwelt ewig nebeneinander, und mit seinem Verbundensein meinen wir etwas, was nur aus unserem Inneren, allem Äußeren unvergleichbar, in die Dinge hineingefühlt werden kann: jenes also das Symbol für das, was uns an diesen nicht festzustellen und unmittelbar überhaupt nicht auszudrücken ist. So besteht ein Relativismus, gleichsam ein unendlicher Prozeß zwischen dem Inneren und dem Äußeren: eines, als das Symbol des anderen, dieses zur Vorstellbarkeit und Darstellbarkeit bringend, keines das erste, keines das zweite, sondern in ihrem Aufeinander-Angewiesensein die Einheit ihres, d. h. unseres Wesens verwirklichend.

Dieser gegenseitigen symbolisierenden Deutung sind die seeli¬ schen und die körperhaften Daseinsinhalte um so unbedenklicher zu¬ gängig, je einfacher sie sind. Bei den einfachen Prozessen der Ver¬ bindung, Verschmelzung, Reproduktion der Vorstellungen können wir noch einigermaßen die Idee einer allgemeinen Formgesetzlichkeit festhalten, die der inneren wie der äußeren Welt ein analoges Ver¬ halten vorschreibt und so die eine zur Stellvertretung der anderen geeignet macht. Bei komplizierteren und eigenartigeren seelischen Gebilden wird die Bezeichnung nach Analogien der räumlichen An¬ schaulichkeit immer diffiziler; immer dringender ist sie auf die An¬ wendbarkeit in einer Vielheit von Fällen angewiesen, um nicht zufällig und spielerisch zu erscheinen und um eine feste, wenn auch nur sym¬ bolische Beziehung zu der seelischen Wirklichkeit zu besitzen. Und von sich selbst ausgehend wird diese letztere den Weg in die Dinge, deren Sinn und Bedeutung nach sich interpretierend, um so schwerer und unsicherer finden, je spezieller oder zusammengesetzter die Vor¬ gänge auf beiden Seiten sind; denn um so unwahrscheinlicher und schwerer herausfühlbar wird jene geheimnisvolle Formgleichheit innerer und äußerer Erscheinungen, die der Seele eine Brücke von den einen in die anderen baut. — Hiermit sollen Erwägungen ein¬ geleitet werden, die eine Reihe mannigfaltiger innerer Kulturerschei¬ nungen zusammenfassen und dadurch, daß diese alle die Deutung nach je einer und derselben anschaulichen Analogie gestatten, ein¬ leuchtend machen sollen, daß sie alle einem und demselben Stil des Lebens angehören.

Eines der häufigsten Bilder, unter denen man sich die Organi¬ sation der Lebensinhalte deutlich zu machen pflegt, ist ihre An¬ ordnung zu einem Kreise, in dessen Zentrum das eigentliche Ich steht. Es gibt einen Modus des Verhältnisses zwischen diesem Ich und den Dingen, Menschen, Ideen, Interessen, den wir nur als Distanz zwischen beiden bezeichnen können. Was uns zum Objekt wird, das kann, inhaltlich ungeändert bleibend, nahe an das Zentrum heran- oder bis zur Peripherie unseres Blick- und Interessenkreises abrücken; aber dies bewirkt nicht etwa, daß unser inneres Verhältnis zu diesem Objekt sich ändere, sondern umgekehrt, wir können ge¬ wisse Verhältnisse des Ich zu seinen Inhalten nur durch das anschauliche Symbol einer bestimmten oder sich ändernden Distanz zwischen beiden bezeichnen. Es ist von vornherein schon ein sym¬ bolischer Ausdruck für einen an sich unsagbaren Sachverhalt, wenn wir unser inneres Dasein in ein zentrales Ich und darumgelagerte Inhalte scheiden; und angesichts der ungeheueren Unterschiede der sinnlich -äußerlichen Eindrücke von den Dingen je nach ihrem Ab¬ stand von unseren Organen — Unterschiede, nicht nur der Deutlich¬ keit, sondern der Qualität und des ganzen Charakters der emfangenen Bilder — liegt es nahe, jene Symbolisierung dahin auszu¬ dehnen, daß die Verschiedenheit auch der innerlichsten Verhältnisse zu den Dingen als Verschiedenheit der Distanz zu ihnen gedeutet werde.

Von den Erscheinungen, die von hier aus gesehen eine einheit¬ liche Reihe bilden, hebe ich zunächst die künstlerischen hervor. Die innere Bedeutsamkeit der Kunststile läßt sich als eine Folge der verschiedenen Distanz auslegen, die sie zwischen uns und den Dingen herstellen. Alle Kunst verändert die Blickweite, in die wir uns ur¬ sprünglich und natürlich zu der Wirklichkeit stellen. Sie bringt sie uns einerseits näher, zu ihrem eigentlichen und innersten Sinn setzt sie uns in ein unmittelbareres Verhältnis, hinter der kühlen Fremdheit der Außenwelt verrät sie uns die Beseeltheit des Seins, durch die es uns verwandt und verständlich ist. Daneben aber stiftet jede Kunst eine Entfernung von der Unmittelbarkeit der Dinge, sie läßt die Konkretheit der Reize zurücktreten und spannt einen Schleier zwischen uns und sie, gleich dem feinen bläulichen Duft, der sich um ferne Berge legt. An beide Seiten dieses Gegensatzes knüpfen sich gleich starke Reize; die Spannung zwischen ihnen, ihre Verteilung auf die Mannigfaltigkeit der Ansprüche an das Kunstwerk, gibt jedem Kunststil sein eigenes Gepräge. Ja, die bloße Tatsache des Stiles ist an sich schon einer der bedeutsamsten Fälle von Distanzierung.

Der Stil in der Äußerung unserer inneren Vorgänge besagt, daß diese nicht mehr unmittelbar hervorsprudeln, sondern in dem Augen¬ blick ihres Offenbarwerdens ein Gewand umtun. Der Stil, als gene¬ relle Formung des Individuellen, ist für dieses eine Hülle, die eine Schranke und Distanzierung gegen den anderen, der die Äußerung aufnimmt, errichtet. Diesem Lebensprinzip aller Kunst: uns den Dingen dadurch näher zu bringen, daß sie uns in eine Distanz von ihnen stellt — entzieht sich auch die naturalistische Kunst nicht, deren Sinn doch ausschließlich auf Überwindung der Distanz zwischen uns und der Wirklichkeit gerichtet scheint. Denn nur eine Selbst¬ täuschung kann den Naturalismus verkennen lassen, daß auch er ein Stil ist, d. h. daß auch er die Unmittelbarkeit des Eindrucks von ganz bestimmten Voraussetzungen und Forderungen her gliedert und um¬ bildet — unwiderleglich durch die kunstgeschichtliche Entwicklung bewiesen, in der alles das, was eine Epoche für das wörtlich treue und genau realistische Bild der Wirklichkeit hielt, durch eine spätere als vorurteilsvoll und verfälscht erkannt worden ist, während sie aun erst die Dinge, wie sie wirklich sind, darstelle. Der künst¬ lerische Realismus verfällt demselben Fehler wie der wissenschaft¬ liche, wenn er meint, ohne ein Apriori auszukommen, ohne eine Form, die, aus den Anlagen und Bedürfnissen unserer Natur quellend, der sinnlichen Wirklichkeit Gewandung oder Umgestaltung Zuwachsen läßt. Diese Umformung, die sie auf dem Wege in unser Bewußtsein erleidet, ist zwar eine Schranke zwischen uns und ihrem unmittel¬ baren Sein, aber zugleich die Bedingung, sie vorzustellen und darzu¬ stellen. Ja, in gewissem Sinn mag der Naturalismus eine ganz be¬ sondere Distanzierung den Dingen gegenüber bewirken, wenn wir nämlich auf die Vorliebe achten, mit der er seine Gegenstände im allertäglichsten Leben, im Niedrigen und Banalen sucht. Denn da er eben zweifellos auch eine Stilisierung ist, so wird diese für ein feineres Empfinden — das im Kunstwerk die Kunst und nicht seinen, auch auf beliebig andere Weise darstellbaren Gegenstand sieht — um so fühlbarer, an je näherem, roherem, irdischerem Materiale sie sich vollzieht.

Im ganzen nun geht das ästhetische Interesse der letzten Zeit auf Vergrößerung der durch das Kunstwerden der Dinge geschaffenen Distanz gegen sie. Ich erinnere an den ungeheueren Reiz, den zeitlich und räumlich weit entfernte Kunststile für das Kunstgefühl der Gegenwart besitzen. Das Entfernte erregt sehr viele, lebhaft auf- und abschwingende Vorstellungen und genügt damit unserem vielseitigen Anregungsbedürfnis; doch klingt jede dieser fremden und fernen Vorstellungen wegen ihrer Beziehungslosigkeit zu unseren persön¬ lichsten und unmittelbaren Interessen nur leise an und mutet deshalb geschwächten Nerven nur eine behagliche Anregung zu. Was wir den »historischen Geist« in unserer Zeit nennen, ist vielleicht nicht nur eine begünstigende Veranlassung dieser Erscheinung, sondern quillt mit ihr aus der gleichen Ursache. Und wechselwirkend macht er, mit der Fülle der inneren Beziehungen, die er uns zu räumlich und zeitlich weit abstehenden Interessen gewährt, uns immer empfind¬ licher gegen die Chocs und Wirrnisse, die uns aüs der unmittelbaren Nähe und Berührung mit Menschen und Dingen kommen. Die Flucht in das Nicht-Gegenwärtige wird erleichtert, verlustloser, gewisser¬ maßen legitimiert, wenn sie zu der Vorstellung und dem Genuß kon¬ kreter Wirklichkeiten führt — die aber eben weit entfernte, nur ganz mittelbar zu fühlende sind. Daher nun auch der jetzt so lebhaft emp¬ fundene Reiz des Fragmentes, der bloßen Andeutung, des Aphoris¬ mus, des Symbols, der unentwickelten Kunststile. Alle diese For¬ men, die in allen Künsten heimisch sind, stellen uns in eine Distanz von dem Ganzen und Vollen der Dinge, sie sprechen zu uns »wie aus der Feme«, die Wirklichkeit gibt sich in ihnen nicht mit gerader Sicherheit, sondern mit gleich zurückgezogenen Fingerspitzen. Das äußerste Raffinement unseres literarischen Stiles vermeidet die direkte Bezeichnung der Objekte, streift mit dem Worte nur eine abgelegene Ecke ihrer, faßt statt der Dinge nur die Schleier, die um die Dinge sind. Am entschiedensten beweisen wohl die symbolisti¬ schen Neigungen in bildenden und redenden Künsten eben dieses.

Hier wird die Distanz, die die Kunst schon als solche zwischen uns und die Dinge stellt, noch um eine Station erweitert, indem die Vor¬ stellungen, die den Inhalt des schließlich zu erregenden Seelenvor¬ ganges bilden, in dem Kunstwerke selbst überhaupt kein sinnliches Gegenbild mehr haben, sondern erst durch Wahrnehmbarkeiten ganz anderen Inhaltes zum Anklingen gebracht werden. In alledem zeigt sich ein Zug des Empfindens wirksam, dessen pathologische Aus¬ artung die sogenannte »Berührungsangst« ist: die Furcht, in allzu nahe Berührung mit den Objekten zu kommen, ein Resultat der Hyperästhesie, der jede unmittelbare und energische Berührung ein Schmerz ist. Daher äußert sich auch die Feinsinnigkeit, Geistigkeit, differenzierte Empfindlichkeit so überwiegend vieler moderner Men¬ schen im negativen Geschmack, d. h. in der leichten Verletzbarkeit durch Nicht -Zusagendes, in dem bestimmten Ausschließen des Un¬ sympathischen, in der Repulsion durch Vieles, ja oft durch das Meiste des gebotenen Kreises von Reizen, während der positive Ge¬ schmack, das energische Ja-Sagen, das freudige und rückhaltlose Ergreifen des Gefallenden, kurz die aktiv aneignenden Energien große Fehlbeträge auf weisen.

Es erstreckt sich aber jene innere Tendenz, die wir unter dem Symbol der Distanz betrachten, weit über das ästhetische Gebiet hinaus. So muß der philosophische Materialismus, der die Wirk¬ lichkeit unmittelbar zu fassen glaubte, auch heute wieder vor subjektivistischen oder neu-kantischen Theorien zurückweichen, die die Dinge erst durch das Medium der Seele brechen oder destillieren lassen, ehe sie sie zu Erkenntnissen werden lassen. Der Subjektivis¬ mus der neueren Zeit hat dasselbe Grundmotiv, von dem uns die Kunst getragen schien: ein innigeres und wahreres Verhältnis zu den Dingen dadurch zu gewinnen, daß wir, uns in uns selbst zurück¬ ziehend, von ihnen abrücken, oder die immer bestehende Distanz gegen sie nun bewußt anerkennen. Und wenn dieser Subjektivismus unvermeidlicher Weise mit dem stärkeren Selbstbewußtsein unserer Innerlichkeit diese auch häufiger betonen und besprechen läßt, so ist doch andrerseits mit ihm eine neue, tiefere, bewußtere Scham verbunden, eine zarte Scheu, das Letzte auszusprechen oder auch einem Verhältnis die naturalistische Form zu geben, die sein innerstes Fundament fortwährend sichtbar machte. Und auf weiteren wissen¬ schaftlichen Gebieten: innerhalb der ethischen Überlegungen tritt die platte Nützlichkeit als Wertmaßstab des Wollens immer weiter zurück, man sieht, daß dieser Charakter des Handelns eben nur dessen Beziehung zu dem Allernächstliegenden betrifft und daß es deshalb seine eigentümliche Direktive, die es über seine bloße Tech¬ nik als Mittel heraushebe, von höher aufblickenden, oft religiösen, der sinnlichen Unmittelbarkeit kaum verwandten Prinzipien erhalten muß. Endlich: über der spezialistischen Detailarbeit erhebt sich von allen Seiten her der Ruf nach Zusammenfassung und Verallgemeine¬ rung, also nach einer überschauenden Distanz von allen konkreten Einzelheiten, nach einem Fernbild, in dem alle Unruhe des Nahe¬ wirkenden aufgehoben und das bisher nur Greifbare nun auch begreif¬ bar würde.

Diese Tendenz würde vielleicht nicht so wirksam und merkbar sein, wenn ihr nicht die entgegengesetzte zur Seite ginge. Das geistige Verhältnis zur Welt, das die moderne Wissenschaft stiftet, ist tat¬ sächlich nach beiden Seiten hin auszudeuten. Gewiß sind schon allein durch Mikroskop und Teleskop imendliche Distanzen zwischen uns und den Dingen überwunden worden; aber sie sind doch für das Be¬ wußtsein erst in dem Augenblick entstanden, in dem es sie auch über¬ wand. Nimmt man hinzu, daß jedes gelöste Rätsel mehr als ein neues auf gibt und das Näher-Herankommen an die Dinge uns sehr oft erst zeigt, wie fern sie uns noch sind — so muß man sagen: die Zeiten der Mythologie, der ganz allgemeinen und oberflächlichen Kennt¬ nisse, der Anthropomorphisierung der Natur lassen in subjektiver Hinsicht, nach der Seite des Gefühls und des, wie immer irrigen, Glaubens, eine geringere Distanz zwischen Menschen und Dingen bestehen, als die jetzige. Alle raffinierten Methoden, durch die wir in das Innere der Natur eindringen, ersetzen doch nur sehr langsam und stückweise ihre innig vertraute Nähe, die die Götter Griechen¬ lands, die Deutung der Welt nach menschlichen Impulsen und Ge¬ fühlen, die Lenkung ihrer durch einen persönlich eingreifenden Gott, ihre teleologische Einstellung auf das Wohl des Menschen, der Seele gewährt haben. Wir können das also zunächst so bezeichnen, daß die Entwicklung auf eine Überwindung der Distanz in relativ äußerlicher Hinsicht, auf eine Vergrößerung derselben in innerlicher Hinsicht ginge. Hier kann das Recht dieses symbolischen Ausdrucks sich wieder an seiner Anwendbarkeit auf einen ganz anderenlnhalt zeigen. Die Ver¬ hältnisse des modernen Menschen zu seinen Umgebungen entwickeln sich im ganzen so, daß er seinen nächsten Kreisen ferner rückt, um sich den ferneren mehr zu nähern. Die wachsende Lockerung des Familienzusammenhanges, das Gefühl unerträglicher Enge im Ge¬ bundensein an den nächsten Kreis, dem gegenüber Hingebung oft ebenso tragisch verläuft wie Befreiung, die steigende Betonung der Individualität, die sich gerade von der unmittelbaren Umgebung am schärfsten abhebt — diese ganze Distanzierung geht Hand in Hand mit der Knüpfung von Beziehungen zu dem Fernsten, mit dem Interessiert-sein für weit Entlegenes, mit der Gedankengemeinschaft mit Kreisen, deren Verbindungen alle räumliche Nähe ersetzen. Das Ge¬ samtbild aus alledem bedeutet doch ein Distanznehmen in den eigent¬ lich innerlichen Beziehungen, ein Distanzverringern in den mehr äußerlichen. Wie die kulturelle Entwicklung bewirkt, daß das früher unbewußt und instinktiv Geschehende später mit klarer Rechenschaft und zerlegendem Bewußtsein geschieht, während andrerseits vieles, wozu es sonst angespannter Aufmerksamkeit und bewußter Mühe bedurfte, zu mechanischer Gewöhnung und instinktmäßiger Selbst¬ verständlichkeit wird — so wird hier, entsprechend, das Entfernteste näher, um den Preis, die Distanz zum Näheren zu erweitern.

Der Umfang und die Intensität der Rolle, die das Geld in diesem Doppelprozeß spielt, ist zunächst als Überwindung der Distanz sichtbar. Es bedarf keiner Ausführung, daß allein die Übersetzung der Werte in die Geldform jene Interessenverknüpfungen ermöglicht, die nach dem räumlichen Abstand der Interessenten überhaupt nicht mehr fragen; erst durch sie kann, um ein Beispiel aus hunderten zu nennen, ein deutscher Kapitalist, aber auch ein deutscher Arbeiter an einem spanischen Ministerwechsel, an dem Ertrage afrikanischer Goldfelder, an dem Ausgange einer südamerikanischen Revolution real beteiligt sein. Bedeutsamer aber erscheint mir das Geld als Träger der entgegengesetzten Tendenz. Jene Lockerung des Fa¬ milienzusammenhanges geht doch von der wirtschaftlichen Sonder¬ interessiertheit der einzelnen Mitglieder aus, die nur in der Geld¬ wirtschaft möglich ist. Sie bewirkt vor allem, daß die Existenz auf die ganz individuelle Begabung gestellt werden kann; denn nur die Geldform des Äquivalents gestattet die Verwertung sehr speziali¬ sierter Leistungen, die ohne diese Umsetzung in einen allgemeinen Wert kaum zu gegenseitigem Austausch gelangen könnten. Indem sie nun weiter auch die individuelle Anknüpfung nach außen erleichtert, den Eintritt in fremde Kreise, die nur nach der geldwerten Leistung oder dem Geldbeitrag ihrer Mitglieder fragen, — formt sie die Familie zum äußersten Gegensatz der Struktur, die der mehr kollektive Besitz, insbesondere als Grundeigentum, ihr verlieh.

Dieser schuf eine Solidarität der Interessen, die sich soziologisch als eine Kontinuität im Zusammenhang der Familienmitglieder darstellte, während die Geldwirtschaft diesen eine gegenseitige Distanzierung ermöglicht, ja sogar aufdrängt. Über das Familienleben hinaus ruhen gewisse weitere Formen des modernen Daseins gerade auf der Distan¬ zierung durch den Geldverkehr. Denn er legt eine Barriere zwischen die Personen, indem immer nur der eine von zwei Kontrahenten das bekommt, was er eigentlich will, was seine spezifischen Empfin¬ dungen auslöst, während der andere, der zunächst nur Geld be¬ kommen hat, eben jenes erst bei einem Dritten suchen muß. Daß jeder von beiden mit einer ganz anderen Art von Interesse an die Transaktion herangeht, fügt dem Antagonismus, den schon die Ent¬ gegengesetztheit der Interessen von vornherein bewirkt, eine neue Fremdheit hinzu. In demselben Sinne wirkt die früher behandelte Tatsache, daß das Geld eine durchgängige Objektivierung des Ver¬ kehrs mit sich bringt, ein Ausschalten aller personalen Färbung und Richtung — im Verein mit der anderen, daß die Zahl der auf Geld gestellten Verhältnisse stetig zunimmt und die Bedeutung des Men¬ schen für den Menschen mehr