Franklin schrieb darüber, diese Scheine seien in Wirklichkeit ge¬ münztes Land. Entsprechend ist bei uns von konservativer Seite hervorgehoben worden, daß die Hypothekengesetzgebung der letzten Jahrzehnte auf eine Verflüssigung des Grundbesitzes hinarbeite und diesen in eine Art Papiergeld verwandle, das man in beliebig vielen Anteilsscheinen weggeben könne; so daß, wie auch Waldeck sich ausdrückte, der Grundbesitz nur dazusein scheine, um subhastiert zu werden. Bezeichnend genug mobilisiert das moderne Leben seine Inhalte auch im äußerlichsten Sinne und an manchen Punkten außer¬ halb der allbekannten. Das Mittelalter und noch die Renaissance hatte das, was uns jetzt »Mobilien« in engster Bedeutung sind, wenig im Gebrauch. Schränke, Kredenzen, Sitzbänke waren in die Täfe¬ lung eingebaut, Tische und Stühle so schwer, daß sie oft unbeweg lieh waren, die kleinen, hin und her zu schiebenden Einrichtungs¬ gegenstände fehlten fast ganz. Seitdem erst sind die Möbel gleich¬ sam mobil geworden wie das Kapital. Und endlich exemplifiziere ich diese Macht der geldwirtschaftlichen Bewegung, die übrigen Lebensinhalte ihrem Tempo zu unterwerfen, an einer Rechts¬ bestimmung. Es ist ein alter juristischer Grundsatz, daß ein Gegen¬ stand, der seinem rechtmäßigen Eigentümer entfremdet worden ist, diesem unter allen Umständen zurückgegeben werden muß, selbst wemi der augenblickliche Besitzer ihn ehrlich erworben hat. Nur in bezug auf Geld gilt dies nicht: nach römischem wie nach modernen Rechten darf eine gestohlene Geldsumme, sobald sie von einer dritten Person gutgläubig erworben ist, dieser nicht wieder zugunsten des Bestohlenen abgenommen werden. Ersichtlich wird diese Ausnahme durch die Praxis des Geschäftsverkehrs gefordert, der ohne dieselbe außerordentlich erschwert, beunruhigt, unterbrochen sein würde. Nun hat man aber neuerdings diesen Erlaß der Restitution auch auf alle übrigen Objekte ausgedehnt, soweit sie im Bereich des Handels¬ gesetzbuches stehen. Das bedeutet also: die Zirkulationsbeschleuni¬ gung im Warenverkehr nähert jede Ware dem Charakter des bloßen Geldes an, läßt sie nur als Geldwert funktionieren und unterwirft sie deshalb nur den Bestimmungen, welche das Geld zum Zweck der Leichtigkeit seines Verkehrs fordern mußl — Wenn man den Beitrag zur Bestimmung des Lebenstempos charakterisieren will, den das Geld durch seinen eigenen Charakter und abgesehen von seinen zuerst besprochenen technischen Folgen liefert, so könnte man es mit folgender Überlegung. Die genauere Analyse des Beharrungs- und Veränderungsbegriffes zeigt einen doppelten Gegensatz in der Art, wie er sich verwirklicht. Sehen wir die Welt auf ihre Substanz hin an, so münden wir leicht auf der Idee eines «V xai näv, eines unveränderlichen Seins, das durch den Ausschluß jeder Vermehrung oder Verminderung den Dingen den Charakter eines absoluten Beharrens erteilt. Sieht man andrerseits auf die Formung dieser Substanz, so ist in ihr die Beharrung abso¬ lut aufgehoben, unaufhörlich setzt sich eine Form in die andere um und die.Welt bietet das Schauspiel eines Perpetuum mobile. Dies ist der kosmologische, oft genug ins Metaphysische hinaus gedeutete Doppelaspekt des Seienden. Innerhalb einer tiefer gelegenen Empirie indes verteilt sich der Gegensatz zwischen Beharrung und Bewegung in anderer Weise. Wenn wir nämlich das Weltbild, wie es sich un¬ mittelbar darbietet, betrachten, so sind es gerade gewisse Formen, die eine Zeit hindurch beharren, während die realen Elemente, die sie zusammensetzen, in fortwährender Bewegung befindlich sind. So beharrt der Regenbogen bei fortwährender Lageveränderung der Wasserteilchen, die organische Form bei stetem Austausch der sie erbauenden Stoffe, ja, an jedem unorganischen Ding, das eine Weile als solches besteht, beharrt doch nur das Verhältnis und die Wechsel¬ wirkung seiner kleinsten Teile, während diese selbst in unaufhör¬ lichen molekularen Bewegungen, unserem Auge entzogen, begriffen sind. Hier ist also die Realität selbst in rastlosem Flusse, und wäh¬ rend wir diesen, sozusagen wegen mangelnder Sehschärfe, nicht un¬ mittelbar konstatieren können, verfestigen sich die Formen und Kon¬ stellationen der Bewegungen zu der Erscheinung des dauernden Objektes.
Neben diesen beiden Gegensätzen in der Anwendung des Be¬ harrungs- und Bewegungsbegriffes auf die vorgestellte Welt steht ein dritter. Die Beharrung kann nämlich einen Sinn haben, der sie jenseits jeder noch so ausgedehnten Zeitdauer stellt. Der einfachste.
aber für uns hier zureichende Fall derselben ist das Naturgesetz. Die Gültigkeit des Naturgesetzes beruht darin, daß aus einer gewissen Konstellation von Elementen eine bestimmte Wirkung sachlich not¬ wendig erfolgt. Diese Notwendigkeit ist also ganz unabhängig da¬ von, wann ihre Bedingungen sich in der Wirklichkeit etwa ein¬ stellen; einmal oder millionenmal, jetzt oder in hunderttausend Jahren; die Gültigkeit des Gesetzes ist eine ewige im Sinne der Zeitlosigkeit; es schließt seinem Wesen und Begriffe nach jegliche Veränderung oder Bewegung von sich aus. Dafür ist es hier un¬ wesentlich, daß wir keinem einzelnen Naturgesetz diese unbedingte Gültigkeit mit unbedingter Sicherheit zusprechen dürfen: und zwar nicht nur wegen der unvermeidlichen Korrigierbarkeit unseres Erkennens überhaupt, das die oft wiederholte, aber zufällige Kombi¬ nation der Erscheinungen durch kein unfehlbares Kriterium von dem wirklichen gesetzlichen Zusammenhang unterscheiden kann; son¬ dern vor allem, weil jedes Naturgesetz doch nur für eine bestimmte geistige Verfassung gilt, während für eine andere eine abweichende Formulierung desselben Sachverhaltes Wahrheit bedeuten würde.
Da nun aber der menschliche Geist einer, wie auch langsamen und unmerkbaren Entwicklung unterliegt, so kann es kein, in einem ge¬ gebenen Augenblick gültiges Gesetz geben, das der Umwandlung im Laufe der Zeiten entzogen wäre. Allein dieser Wechsel betrifft nur den jeweils erkennbaren Inhalt der Naturgesetzlichkeit, nicht den Sinn und Begriff derselben; die Idee des Gesetzes, die über jeder ein¬ zelnen ihrer unvollkommenen Verwirklichungen steht, aus der diese aber doch ihr ganzes Recht und Bedeutung ziehen — beruht in jenem Jenseits aller Bewegung, jenem Gelten, das von allen Gegebenheiten, weil sie veränderlich sind, unabhängig ist. Zu dieser eigentümlichen absoluten Form des Beharrens muß es ein Seitenstück in einer ent¬ sprechenden Form der Bewegung geben. Wie sich das Beharren über jede noch so weite Zeitstrecke hinaus steigern läßt, bis in der ewigen Gültigkeit des Naturgesetzes oder der mathematischen For¬ mel jede Beziehung auf einen bestimmten Zeitmoment schlechthin ausgelöscht ist c so läßt sich die Veränderung und Bewegung als eine so absolute denken, daß überhaupt ein bestimmtes Zeitmaß der¬ selben nicht mehr besteht; geht alle Bewegung zwischen einem Hier und einem Dort vor sich, so ist bei dieser absoluten Veränderung — der species aeternitatis mit umgekehrtem Vorzeichen — das Hier vollkommen verschwunden. Haben jene zeitlosen Objekte ihre Gültig¬ keit in der Form des Beharrens, so diese in der Form des Übergangs, der Nicht -Dauer. Es ist mir nun kein Zweifel, daß auch dieses Gegen¬ satzpaar weit genug ist, um ein Weltbild darein zu fassen. Wenn man, einerseits, alle Gesetze kennte, die die Wirklichkeit beherrschen, so würde diese letztere durch den Komplex jener tatsächlich auf ihren absoluten Gehalt, ihre zeitlos ewige Bedeutung zurückgeführt sein — wenngleich sich die Wirklichkeit selbst daraus noch nicht konstruieren ließe, weil das Gesetz als solches, seinem ideellen Inhalt nach, sich gegen jeden einzelnen Fall seiner Verwirklichung ganz gleichgültig verhält. Gerade weil aber der Inhalt der Wirklichkeit restlos in den Gesetzen aufgeht, die unaufhörlich Wirkungen aus Ursachen hervor¬ treiben und, was soeben Wirkung war, im gleichen Augenblick schon als Ursache wirken lassen — gerade deshalb kann man nun, andrer¬ seits, die Wirklichkeit, die konkrete, historische, erfahrbare Er¬ scheinung der Welt in jenem absoluten Flusse erblicken, auf den Heraklits symbolische Äußerungen hindeuten. Bringt man das Welt¬ bild auf diesen Gegensatz, so ist alles überhaupt Dauernde, über den Moment Hinausweisende aus der Wirklichkeit herausgezogen und in jenem ideellen Reich der bloßen Gesetze gesammelt; in der Wirk¬ lichkeit selbst dauern die Dinge überhaupt keine Zeit, durch die Rast¬ losigkeit, mit der sie sich in jedem Moment der Anwendung eines Gesetzes darbieten, wird jede Form schon im Augenblick ihres Ent¬ stehens wieder aufgelöst, sie lebt sozusagen nur in ihrem Zerstört¬ werden, jede Verfestigung ihrer zu dauernden — wenn auch noch so kurz dauernden — Dingen ist eine unvollkommene Auffassung, die den Bewegungen der Wirklichkeit nicht in deren eigenem Tempo zu folgen vermag. So ist es das schlechthin Dauernde und das schlecht¬ hin Nicht-Dauernde, in die und deren Einheit das Ganze des Seins ohne Rest aufgeht.
Für den absoluten Bewegungscharakter der Welt nun gibt es sicher kein deutlicheres Symbol als das Geld. Die Bedeutung des Geldes liegt darin, daß es fortgegeben wird; sobald es ruht, ist es nicht mehr Geld seinem spezifischen Wert und Bedeutung nach. Die Wirkung, die es unter Umständen im ruhenden Zustand ausübt, be¬ steht in einer Antizipation seiner Weiterbewegung. Es ist nichts als der Träger einer Bewegung, in dem eben alles, was nicht Bewegung ist, völlig ausgelöscht ist, es ist sozusagen actus purus; es lebt in kontinuierlicher Selbstentäußerung aus jedem gegebenen Punkt her¬ aus und bildet so den Gegenpol und die direkte Verneinung jedes Fürsichseins.
Aber vielleicht bietet es jener entgegengesetzten Art, die Wirk¬ lichkeit zu formulieren, sich nicht weniger als Symbol dar. Das ein¬ zelne Geldquantum freilich ist seinem Wesen nach in unablässiger Bewegung; aber gerade nur, weil der von ihm dargestellte Wert sich zu den einzelnen Wertgegenständen verhält, wie das allgemeine Gesetz zu den konkreten Gestaltungen, in denen es sich verwirklicht. Wenn das Gesetz, selbst jenseits aller Bewegungen stehend, doch deren Form und Grund darstellt, so ist der abstrakte Vermögenswert, der nicht in Einzelwerte auseinandergegangen ist und als dessen Träger das Geld subsistiert, gleichsam die Seele und Bestimmung der wirtschaftlichen Bewegungen. Während es als greifbare Einzel¬ heit das flüchtigste Ding der äußerlich-praktischen Welt ist, ist es seinem Inhalte nach das beständigste, es steht als der Indifferenzund Ausgleichungspunkt zwischen all ihren sonstigen Inhalten, sein ideeller Sinn ist, wie der des Gesetzes, allen Dingen ihr Maß zu geben, ohne sich selbst an ihnen zu messen, ein Sinn, dessen totale Realisierung freilich erst einer unendlichen Entwicklung gelänge.
Es drückt das Verhältnis aus, das zwischen den wirtschaftlichen Gütern besteht und bleibt der Strömung dieser gegenüber so stabil, wie eine Zahlenproportion es gegenüber den vielfachen und wechseln¬ den Gegenständen tut, deren Verhältnis sie angibt, und wie die For¬ mel des Gravitationsgesetzes gegenüber den Materienmassen und ihren unendlich mannigfaltigen Bewegungen. Wie der allgemeine Begriff, in seiner logischen Gültigkeit von der Zahl und Modifikation seiner Verwirklichungen unabhängig, sozusagen das Gesetz eben dieser angibt, so ist das Geld — d. h. derjenige innere Sinn, durch den das einzelne Metall- oder Papierstück zum Gelde wird — der Allgemeinbegriff der Dinge, insofern sie wirtschaftlich sind. Sie brauchen nicht wirtschaftlich zu sein; wenn sie es aber sollen, so können sie es nur so, daß sie sich dem Gesetz des Wert-Werdens fügen, das im Gelde verdichtet ist.
Die Beobachtung, daß dieses eine Gebilde an jenen beiden Grundformen, die Wirklichkeit auszudrücken, gleichmäßig teil hat, gibt auf ihren Zusammenhang Anweisung: ihr Sinn ist tatsächlich ein relativer, d. h. jede findet ihre logische und psychologische Mög¬ lichkeit, die Welt zu deuten, an der anderen. Nur weil die Realität sich in absoluter Bewegtheit befindet, hat es einen Sinn, ihr gegenüber das ideelle System zeitlos gültiger Gesetzlichkeiten zu behaupten; umgekehrt: nur weil diese bestehen, ist jener Strom des Daseins über¬ haupt bezeichenbar und greifbar, statt in ein unqualifizierbares Chaos auseinanderzufallen. Die allgemeine Relativität der Welt, auf den ersten Blick nur auf der einen Seite (dieses Gegensatzes heimisch, zieht in Wirklichkeit auch die andere in sich ein und zeigt sich als Herrscherin, wo sie eben nur Partei zu sein schien — wie das Geld über seine Bedeutung als einzelner Wirtschaftswert die höhere baut: den abstrakten Wirtschaftswert überhaupt darzustellen, und beide Funktionen in unlösliche Korrelation, in der keine die erste ist, ver¬ schlingt.
Indem hier nun ein Gebilde der historischen Welt das sachliche Verhalten der Dinge symbolisiert, stiftet es zwischen jener und diesem eine besondere Verbindung. Je mehr das Leben der Gesellschaft ein geldwirtschaftliches wird, desto wirksamer und deutlicher prägt sich in dem bewußten Leben der relativistische Charakter des Seins aus, da das Geld nichts anderes ist, als die in einem Sondergebilde ver¬ körperte Relativität der wirtschaftlichen Gegenstände, die ihren Wert bedeutet. Und wie die absolutistische Weltansicht eine bestimmte intellektuelle Entwicklungsstufe darstellte, in Korrelation mit der entsprechenden praktischen, ökonomischen, gefühlsmäßigen Ge¬ staltung der menschlichen Dinge, — so scheint die relativistische das augenblickliche Anpassungsverhältnis unseres Intellekts auszu¬ drücken oder, vielleicht richtiger: zu sein, bestätigt durch das Gegen¬ bild des sozialen und des subjektiven Lebens, das in dem Gelde ebenso den real wirksamen Träger wie das abspiegelnde Symbol seiner For¬ men und Bewegungen gefunden hat.
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