SigPhi · Georg Simmel

Philosophie des Geldes

German

Page 6 of 58

Denn es ist nicht nur sicher, daß das Begehren an und für sich über¬ haupt keinen Wert begründen könnte, wenn es nicht auf Hindernisse stieße: wenn jedes Begehren seine Befriedigung kampflos und rest¬ los fände, so würde nicht nur ein wirtschaftlicher Wertverkehr nie entstanden sein, — sondern das Begehren selbst wäre nie zu einer erheblichen Höhe gestiegen, wenn es sich ohne weiteres befriedigen könnte. Erst der Aufschub der Befriedigung durch das Hindernis die Besorgnis, das Objekt könne einem entgehen, die Spannung des Ringens darum, bringt die Summierung der Begehrungsmomente zu¬ stande: die Intensität des Wollens und die Kontinuität des Erwerbens Wenn aber selbst die höchste Kraft des Begehrens rein von innen her entstanden wäre, so würde man — wie unzähligemal hervorgehoben ist — dem Objekt, das es befriedigt, doch keinen Wert zusprechen wenn es uns in unbegrenzter Fülle zuflösse. Wichtig wäre für uns dann freilich das ganze Genus, dessen Dasein uns die Befriedigung unserer Wünsche verbürgt, nicht aber dasjenige Teilquantum, dessen wir uns tatsächlich bemächtigen, weil dieses ebenso mühelos durch ein anderes ersetzt werden könnte; wobei aber auch jene Gesamtheit ein Wertbewußtsein nur von dem Gedanken ihres möglichen Fehlens aus gewänne. Unser Bewußtsein würde in diesem Falle einfach von dem Rhythmus der subjektiven Begehrungen und Befriedigungen er¬ füllt sein, ohne an das vermittelnde Objekt eine Aufmerksamkeit zu knüpfen. Das Bedürfen einerseits, der Genuß andrerseits für sich allein enthalten weder den Wert noch die Wirtschaft in sich. Beides ver¬ wirklicht sich gleichzeitig erst durch den Tausch zwischen zwei Sub¬ jekten, von denen jedes dem anderen einen Verzicht zur Bedingung des Befriedigungsgefühles macht, bzw. durch dessen Seitenstück in der solipsistischen Wirtschaft. Durch den Austausch, also die Wirt¬ schaft, entstehen zugleich die Werte der Wirtschaft, weil er der Träger oder Produzent der Distanz zwischen dem Subjekt und dem Objekt ist, die den subjektiven Gefühlszustand in die objektive Wer¬ tung überführt. Ich führte schon oben Kants Zusammenfassung seiner Erkenntnislehre an: die Bedingungen der Erfahrung seien zugleich die Bedingungen der Gegenstände der Erfahrung — womit er meinte, daß der Prozeß, den wir Erfahrung nennen, und die Vorstellungen, die dessen Inhalte oder Gegenstände bilden, ebendenselben Gesetzen des Verstandes unterliegen. Die Gegenstände können deshalb in unsere Erfahrung eingehen, von uns erfahren werden, weil sie Vor¬ stellungen in uns sind, und die gleiche Kraft, die die Erfahrung bildet und bestimmt, sich in der Bildung jener äußert. In demselben Sinne können wir hier sagen: die Möglichkeit der Wirtschaft ist zugleich die Möglichkeit der Gegenstände der Wirtschaft. Eben der Vorgang zwischen zwei Eigentümern von Objekten (Substanzen, Arbeits¬ kräften, Rechten, Mitteilbarkeiten jeder Art), der sie in die »Wirt¬ schaft« genannte Beziehung bringt, nämlich die — wechselseitige — Hingabe, hebt zugleich jedes dieser Objekte erst in die Kategorie des Wertes. Der Schwierigkeit, die von seiten der Logik drohte: daß die Werte doch erst dasein, als Werte dasein müßten, um in die Form und Bewegung der Wirtschaft einzutreten, ist nun abgeholfen, und zwar durch die eingesehene Bedeutung jenes psychischen Verhält¬ nisses, das wir als die Distanz zwischen uns und den Dingen bezeichneten; denn dieses differenziert den ursprünglichen subjektiven Gefühlszustand in das die Gefühle erst antizipierende, begehrende Subjekt und das ihm gegenüberstehende, nun in sich den Wert ent¬ haltende Objekt — während die Distanz ihrerseits auf dem Gebiete der Wirtschaft durch den Tausch, d. h. durch die zweiseitige Be¬ wirkung von Schranken, Hemmung, Verzicht hergestellt wird. Die Werte der Wirtschaft erzeugen sich also in derselben Gegenseitig¬ keit und Relativität, in der die Wirtschaftlichkeit der Werte besteht. — Der Tausch ist nicht die Addition zweier Prozesse des Gebens und Empfangens, sondern ein neues Drittes, das entsteht, indem jeder von beiden Prozessen in absolutem Zugleich Ursache und Wirkung des anderen ist. Dadurch wird aus dem Wert, den die Notwendigkeit des Verzichtes dem Objekt verleiht, der wirtschaftliche Wert. Er¬ wächst der Wert im allgemeinen in dem Intervall, das Hemmnisse, Verzichte, Opfer zwischen den Willen und seine Befriedigung schieben, so braucht, wenn der Tauschprozeß in jener wechselseitigen Bedingtheit des Nehmens und des Gebens besteht, kein Wertungs¬ prozeß vorangegangen zu sein, der dieses Objekt allein für dieses Subjekt allein zu einem Wert machte. Sondern das hierzu Erforder¬ liche vollzieht sich eo ipso in dem Tauschakt. In der empirischen Wirtschaft pflegen die Dinge natürlich längst mit dem Wertzeichen versehen zu sein, wenn sie in den Tausch eintreten. Was hier ge¬ meint ist, ist nur der innere, sozusagen systematische Sinn des Wertund Tauschbegriffes, der in den historischen Erscheinungen nur rudi¬ mentär lebt oder als ihre ideelle Bedeutung, nicht die Form, in der sie als wirkliche leben, sondern die sie in der Projektion auf die Ebene des sachlich-logischen, nicht des historisch-genetischen Verständnisses zeigen.

Diese Überführung des wirtschaftlichen Wertbegriffes aus dem Charakter isolierender Sübstantialität in den lebendigen Prozeß der Relation läßt sich weiterhin auf Grund derjenigen Momente er¬ läutern, die man als die Konstituenten des Wertes anzusehen pflegt: Brauchbarkeit und Seltenheit. Die Brauchbarkeit erscheint hier als die erste, in der Verfassung der wirtschaftenden Subjekte begründete Bedingung, unter der allein ein Objekt für die Wirtschaft überhaupt in Frage stehen kann. Damit es zu einer konkreten Höhe des einzelnen Wertes komme, muß zu ihr die Seltenheit treten, als eine Bestimmt¬ heit der Objektreihe selbst. Will man die Wirtschaftswerte durch Nachfrage und Angebot fixieren lassen, so entspräche die Nachfrage der Brauchbarkeit, das Angebot dem Seltenheitsmoment. Denn die Brauchbarkeit würde entscheiden, ob wir dem Gegenstände über¬ haupt nachfragen, die Seltenheit, welchen Preis wir dafür zu be¬ willigen gezwungen sind. Die Brauchbarkeit tritt als der absolute Bestandteil der wirtschaftlichen Werte auf, als derjenige, dessen Große bestimmt sein muß, damit er nun mit dieser in die Bewegung des wirtschaftlichen Austausches eintrete. Die Seltenheit muß°man zwar von vornherein als ein bloß relatives Moment zugeben, da sie ausschließlich das — quantitative — Verhältnis bedeute, in dem das fragliche Objekt zu der vorhandenen Gesamtheit von seines¬ gleichen steht, das qualitative Wesen des Objekts also überhaupt nicht berühre. Die Brauchbarkeit aber scheint vor aller Wirtschaft allem Vergleiche, aller Beziehung zu anderen Objekten zu bestehen und, als das substantielle Moment der Wirtschaft, deren Bewegungen von sich abhängig zu machen.

Der Umstand, dessen Wirksamkeit hiermit umschrieben ist, wird nun vor allen Dingen durch den Begriff der Brauchbarkeit (oder utzlichkeit) nicht richtig bezeichnet. Was man in Wirklichkeit meint, ist die Begehrtheit des Objekts. Alle Brauchbarkeit ist nämlich nicht imstande, zu wirtschaftlichen Operationen mit dem egenstande zu veranlassen, wenn sie nicht Begehrtheit desselben zur Folge hat. Und tatsächlich hat sie das nicht immer. Irgendein »Wünschen« mag mit jeder Vorstellung uns nützlicher Dinge mit¬ klingen, das wirkliche Begehren aber, das wirtschaftliche Bedeutung at und unsere Praxis einleitet, bleibt auch solchen gegenüber aus wenn lange Armut, konstitutionelle Trägheit, Ableitung auf andere Interessengebiete, Gleichgültigkeit des Gefühls gegen den theoretisch anerkannten Nutzen, eingesehene Unmöglichkeit des Erlangens und andere positive und negative Momente dem entgegenwirken. Andrer¬ seits werden mancherlei Dinge von uns begehrt und also wirtschaft¬ lich gewertet, die man ohne willkürliche Dehnung des Sprach¬ gebrauchs nicht als nützlich oder brauchbar bezeichnen kann: will man aber diese zulassend alles wirtschaftlich Begehrte unter den Be¬ griff der Brauchbarkeit bringen, so ist es dennoch logisch erforderlich da andrerseits nicht alles Brauchbare auch begehrt wird —, als das definitiv entscheidende Moment für die wirtschaftliche Bewegung die Begehrtheit der Objekte anzusetzen. Aber dasselbe ist selbst nach dieser Korrektur keineswegs ein absolutes, der Relativität der Wer¬ tung sich entziehendes. Es kommt nämlich erstens, wie wir früher gesehen haben, das Begehren selbst nicht zu bewußter Bestimmtheit, wenn sich nicht Hemmnisse, Schwierigkeiten, Opfer zwischen das Objekt und das Subjekt stellen: wir begehren erst wirklich, wo der Genuß des Gegenstandes sich an Zwischeninstanzen mißt, wo minde¬ stens der Preis der Geduld, des Aufgebens anderen Strebens oder Genießens uns den Gegenstand in die Distanz rücken, deren Über¬ windenwollen das Begehren seiner ist. Sein wirtschaftlicher Wert nun, zweitens, der sich auf Grund seiner Begehrtheit erhebt, kann als Steigerung oder Sublimierung der schon im Begehren gelegenen Relativität gelten. Denn zum praktischen, d. h. in die Bewegung der Wirtschaft eingehenden Werte wird der begehrte Gegenstand nur dadurch, daß seine Begehrtheit mit der eines anderen verglichen wird und dadurch überhaupt ein Maß gewinnt. Erst wenn ein zweites Objekt da ist, von dem ich mir klar bin, daß ich es für das erste oder das erste für jenes hingeben will, hat jedes von beiden einen angebbaren wirtschaftlichen Wert. Es gibt für die Praxis so wenig ursprünglich einen Einzelwert, wie es für das Bewußtsein ursprünglich die Eins gibt. Von verschiedenen Seiten ist hervorgehoben worden, daß die Zwei älter ist als die Eins. Die Stücke eines zerbrochenen Stockes fordern ein Wort für Mehrzahl, der ganze ist »Stock« schlechthin, und ihn als »einen« Stock zu bezeichnen, liegt erst Ver¬ anlassung vor, wenn etwa zwei Stöcke in irgendeiner Beziehung in Frage kommen. So führt das bloße Begehren eines Objektes noch nicht dazu, daß dieses einen wirtschaftlichen Wert hat — denn es findet in sich allein nicht das hierfür erforderliche Maß: erst die Vergleichung der Begehrungen, d. h. die Tauschbarkeit ihrer Objekte, fixiert jedes derselben als einen seiner Höhe nach bestimmten, also wirtschaftlichen Wert. Hätten wir nicht die Kategorie der Gleich¬ heit zur Verfügung — eine jener fundamentalen, aus den unmittel¬ baren Einzelheiten das Weltbild gestaltenden, die sich aber zu psycho¬ logischer Wirklichkeit erst allmählich entwickeln — so würde keine noch so große »Brauchbarkeit« und »Seltenheit« einen wirtschaft¬ lichen Verkehr erzeugt haben. Daß zwei Objekte gleich begehrens¬ wert oder wertvoll sind, kann man mangels eines äußeren Maßstabes doch nur so feststellen, daß man beide in Wirklichkeit oder in Ge¬ danken gegeneinander auswechselt, ohne einen Unterschied des — so¬ zusagen abstrakten Wert ge fühl es zu bemerken. Ja, ursprünglich dürfte diese Austauschbarkeit nicht die Wertgleichheit als eine irgendwie objektive Bestimmtheit der Dinge selbst angezeigt haben, sondern die Gleichheit nichts als der Name für die Austauschbarkeit sein. — Die Intensität des Begehrens braucht an und für sich noch keine steigernde Wirkung auf den wirtschaftlichen Wert des Objekts zu haben; denn da dieser nur im Tausch zum Ausdruck kommt, so kann das Begehren ihn nur insoweit bestimmen, als es den Tausch modifiziert. Wenn ich auch einen Gegenstand sehr heftig begehre, so ist damit sein Gegenwert im Tausche noch nicht bestimmt Denn entweder habe ich den Gegenstand noch nicht: so wird mein Be¬ gehren, wenn ich es nicht äußere, auf die Forderung des jetzigen In¬ habers keinen Einfluß üben, er wird vielmehr nur nach dem Maße seines eigenen Interesses an dem Gegenstand oder des durchschnitt¬ lichen fordern; oder, ich selbst habe den Gegenstand — so wird meine Forderung entweder so hoch werden, daß der Gegenstand über¬ haupt aus dem Tauschverkehr ausscheidet, also insoweit kein wirt¬ schaftlicher Wert mehr ist, oder sie wird sich auf das Maß des Inter¬ esses herabstimmen müssen, das ein Reflektant an dem Gegenstände nimmt. Das Entscheidende ist also dies: daß der wirtschaftliche praktisch wirksame Wert niemals ein Wert überhaupt, sondern seinem Wesen und Begriff nach eine bestimmte Wertquantität ist • daß diese Quantität überhaupt nur durch die Messung zweier Be- FomTHteTteMaiieinander zustande kommen kann; daß die Form, m der diese Messung innerhalb der Wirtschaft geschieht, die Sir aUrheS VOn?pfer Und Gewüln ist> daß mithin der wirt- Beh^hrthPhGegenSKanid niC^’ WiC CS oberflächlich scheint, an seiner fWehrth > Cm abM0lmeSuWertm0ment besitzt> rudern daß diese Begehrtheit ausschließlich als Fundament oder Material eines Wert auswkkt g " “ Austausches d^ Gegenstand einen Die Relativität des Wertes - derzufolge die gegebenen gefühls¬ erregenden begehrten Dinge erst in der Gegenseitigkeit des Hingabeund Tauschprozesses zu Werten werden - scheint zu der Konsequenz u drangen, daß der Wert nichts anderes sei als der Preis, und daß zwischen beiden keine Höhenunterschiede bestehen können, so daß das häufige Auseinanderfallen beider die Theorie widerlegen würde.

lese behauptet allerdings: daß es zunächst zu einem Werte über¬ haupt niemals gekommen wäre, wenn sich nicht die allgemeine Er¬ scheinung, die wir Preis nennen, eingestellt hätte. Daß eine Sache rein Ökonomisch etwas wert ist, bedeutet, daß sie mir etwas wert ist d. h. daß ich bereit bin, etwas für sie hinzugeben. Alle seine prakti¬ schen Wirksamkeiten kann ein Wert als solcher nur entfalten, indem er anderen äquivalent, d. h. indem er tauschbar ist. Äquivalenz und Tauschbarkeit sind Wechselbegriffe, beide drücken denselben Sach¬ verhalt in verschiedenen Formen, gleichsam in der Ruhelage und in der Bewegung, aus. Was in aller Welt kann uns bewegen, über das naiv subjektive Genießen der Dinge hinaus ihnen noch die eigen¬ tümliche Bedeutsamkeit, die wir ihren Wert nennen, zuzusprechen?

Ihrer Seltenheit an und für sich kann das nicht gelingen. Denn wenn diese einfach als Tatsache bestünde und nicht in irgendeiner Weise durch uns modifizierbar wäre — was sie doch nicht nur durch die produktive Arbeit, sondern auch durch den Besitzwechsel ist —, so wurden wir sie als eine natürliche und wegen der mangelnden Unter¬ schiede vielleicht gar nicht bewußte Bestimmtheit des äußeren Kos¬ mos hinnehmen, die den Dingen keine Betonung über ihre inhalt¬ lichen Qualitäten hinaus verschafft. Diese quillt erst daraus, daß für die Dinge etwas bezahlt werden muß: die Geduld des Wartens, die Mühe des Suchens, die Aufwendung der Arbeitskraft, der Verzicht auf anderweitig Begehrenswürdiges. Ohne Preis also — Preis zunächst in dieser weiteren Bedeutung — kommt es zu keinem Wert. In sehr naiver Weise drückt ein Glaube gewisser Südseeinsulaner dieses Ge¬ fühl aus: wenn man den Arzt nicht bezahle, so schlage die Kur nicht an, die er verordnet hat. Daß von zwei Objekten das eine wertvoller 4 Simmel, Philosophie des Geldes.

ist als das andere, stellt sich sowohl innerlich wie äußerlich nur so dar, daß ein Subjekt wohl dieses für jenes, aber nicht umgekehrt hin¬ zugeben bereit ist. In der noch nicht vielgliedrig komplizierten Praxis kann der höhere oder geringere Wert nur Folge oder Ausdruck dieses unmittelbaren praktischen Willens zum Tausche sein. Und wenn wir sagen, wir tauschten die Dinge gegeneinander aus, weil sie gleich wertvoll sind, so ist das nur jene häufige begrifflich -sprachhche Um¬ kehrung, mit der wir so oft jemanden zu lieben glauben, weil er be¬ stimmte Eigenschaften besäße — während wir ihm diese Eigenschaft nur geliehen haben, weil wir ihn lieben, oder mit der wir sittliche Imperative aus religiösen Dogmen herleiten, während wir in Wirklich¬ keit an diese glauben, weil jene in uns lebendig sind.

Der Preis fällt seinem begrifflichen Wesen nach mit dem ökono¬ misch objektiven Werte zusammen; ohne ihn würde es überhaupt nicht gelingen, die Grenzlinie, die den letzteren von dem subjektiven Genuß des Gegenstandes scheidet, zu ziehen. Der Ausdruck nämlich, daß der Tausch Wertgleichheit voraussetze, ist vom Standpunkt der kontrahierenden Subjekte aus nicht zutreffend. A und B mögen ihre Besitztümer <x und ß untereinander eintauschen, da die beiden gleich viel wert sind. Allein A hätte keine Veranlassung, sein a fortzugeben, wenn er wirklich nur den für ihn gleich großen Wert ß dafür erhielte, ß muß für ihn ein größeres Wertquantum als das, was er bisher ana besessen hat, bedeuten; und ebenso muß B bei dem Tausche mehr gewinnen als einbüßen, um auf ihn einzutreten. Wenn für A also ß wertvoller ist als a, für B dagegen « wertvoller als ß, so gleicht sich dies objektiv, vom Standpunkt eines Beobachters, freilich aus. Allein diese Wertgleichheit besteht nicht für den Kontrahenten, der mehr empfängt, als er fortgibt. Wenn dieser dennoch überzeugt ist, mit dem anderen nach Recht und Billigkeit gehandelt und Gleichwertiges ausgetauscht zu haben, so ist dies für A so auszudrücken: objektiv zwar habe er an B Gleiches für Gleiches geliefert, der Preis (a) sei das Äquivalent für den Gegenstand (ß), aber subjektiv sei der Wert von ß freilich für ihn größer als der von a. Nun ist aber das Wertgefühl, das A an ß knüpft, doch in sich eine Einheit und in ihm selbst der Teilstrich nicht mehr wahrnehmbar, der das objektive Wertquantum gegen seine subjektive Zugabe abgrenzte. Ausschließlich also die Tatsache, daß das Objekt ausgetauscht wird, d. h. ein Preis ist und einen Preis kostet, zieht diese Grenze, bestimmt innerhalb seines sub¬ jektiven Wertquantums den Teil, mit dem es als objektiver Gegen¬ wert in den Verkehr eintritt.

Eine andere Beobachtung belehrt uns nicht weniger, daß der Tausch keineswegs von einer vorangehenden Vorstellung objektiver Wertgleichheit bedingt ist. Sieht man nämlich zu, wie das Kind, der impulsive, und, allem Anschein nach, auch der primitive Mensch tauscht — so geben diese irgendein beliebiges Besitztum für einen Gegenstand hin, den sie gerade augenblicklich heftig begehren, gleichviel, ob die allgemeine Schätzung oder sie selbst bei ruhigem Überlegen den Preis viel zu hoch finden. Dies widerspricht der Aus¬ machung, daß jeder Tausch für das Bewußtsein des Subjekts ein vorteilhafter sein müsse, eben deshalb nicht, weil diese ganze Aktion subjektiv noch jenseits der Frage nach Gleichheit oder Un¬ gleichheit der Tauschobjekte steht. Es ist eine jener rationalisti¬ schen Selbstverständlichkeiten, die so ganz unpsychologisch sind: daß jedem Tausch eine Abwägung zwischen Opfer und Gewinn vor¬ ausgegangen sei und mindestens zu einer Gleichsetzung beider ge¬ führt haben müsse. Dazu gehört eine Objektivität gegenüber dem eigenen Begehren, die jene angedeuteten Seelenverfassungen gar nicht aufbringen. Der unausgebildete oder befangene Geist tritt von der momentanen Aufgipfelung seiner Interessen nicht so weit zurück, um einen Vergleich anzustellen, er will eben im Augenblick nur das eine, und die Hingabe des anderen wirkt deshalb gar nicht als Abzug von der ersehnten Befriedigung, also gar nicht als Preis. Angesichts der Besinnungslosigkeit, mit der kindliche, unerfahrene, ungestüme Wesen das gerade Begehrte »um jeden Preis« sich aneignen, scheint es mir vielmehr wahrscheinlich, daß das Gleichheitsurteil erst der Erfahrungserfolg soundso vieler, ohne jede Abwägung vollbrachter Besitzwechsel ist. Das ganz einseitige, den Geist ganz okkupierende Begehren muß sich erst durch den Besitz beruhigt haben, um über¬ haupt andere Objekte zur Vergleichung mit diesem zuzulassen. Der ungeheure Abstand der Betonung, der in dem ungeschulten und un¬ beherrschten Geist zwischen seinem momentanen Interesse und allen anderen Vorstellungen und Schätzungen besteht, veranlaßt den Tausch, bevor es noch zu einem Urteil über den Wert — d. h. über das Verhältnis verschiedener Begehrungsquanten zueinander — ge¬ kommen ist. Daß bei ausgebildeten Wertbegriffen und leidlicher Selbstbeherrschung das Urteil über Wertgleichheit dem Tausch vor¬ angeht, darf über die Wahrscheinlichkeit nicht täuschen, daß hier wie so oft das rationale Verhältnis sich erst aus dem psychologisch umgekehrt verlaufenden entwickelt hat (auch innerhalb der Provinz der Seele ist 7tpö<; das letzte, was «pöcret das erste ist), und daß der aus rein subjektiven Impulsen entstandene Besitzwechsel uns dann erst über den relativen Wert der Dinge belehrt hat.

Ist so der Wert gleichsam der Epigone des Preises, so scheint es ein identischer Satz, daß ihre Höhen die gleichen sein müssen.

i Ich beziehe mich hier auf die obige Feststellung: daß in jedem indivi¬ duellen Falle kein Kontrahent einen Preis zahlt, der ihm unter den gegebenen Umständen für das Erworbene zu hoch ist. Wenn in dem Chamissoschen Gedichte der Räuber mit vorgehaltener Pistole den Angefallenen zwingt, ihm Uhr und Ringe für drei Batzen zu ver¬ kaufen, so ist diesem unter solchen Umständen — da er nämlich nur so sein Leben retten kann — das Eingetauschte wirklich den Preis wert; niemand würde für einen Hungerlohn arbeiten, wenn er nicht in der Lage, in der er sich tatsächlich befindet, diesen Lohn eben dem Nichtarbeiten vorzöge. Der Schein des Paradoxen an der Be¬ hauptung von der Äquivalenz von Wert und Preis in jedem indivi¬ duellen Falle entsteht nur daher, daß in diesen gewisse Vorstellungen von anderweitigen Äquivalenzen von Wert und Preis hineingebracht werden. Die relative Stabilität der Verhältnisse, von denen die Mehr¬ zahl der Tauschhandlungen bestimmt werden, andrerseits die Ana¬ logien, die auch das noch schwankende Wertverhältnis nach der Norm bereits bestehender fixieren, bewirken die Vorstellungen: für ein bestimmtes Objekt gehöre sich eben dies und jenes bestimmte andere Objekt seinem Wert nach als Tauschäquivalent, diese beiden bzw. diese Kreise von Objekten hätten gleiche Wertgröße, und wenn innormale Umstände uns dies Objekt mit darüber oder darunter ge¬ legenen Gegenwerten austauschen ließen, so fielen eben Wert und Preis auseinander — obgleich sie tatsächlich in jedem einzelnen Falle unter Berücksichtigung seiner Umstände zusammenfallen. Man ver¬ gesse doch nicht, daß die objektive und gerechte Äquivalenz von Wert und Preis, die wir zur Norm der tatsächlichen und singulären machen, auch nur unter ganz bestimmten historischen und technischen Bedingungen gilt und mit der Änderung derselben sofort auseinander¬ fällt. Zwischen der Norm selbst und den Fällen, die sie als ab¬ weichende oder als adäquate charakterisiert, besteht hier also gar kein genereller, sondern sozusagen nur ein numerischer Unterschied — ungefähr wie man von einem außergewöhnlich hoch- oder außer¬ gewöhnlich tiefstehenden Individuum sagt, es sei eigentlich gar kein Mensch mehr; während doch dieser Begriff des Menschen nur ein Durchschnitt ist, der seinen normativen Charakter in dem Augen¬ blick verlieren würde, in dem die Majorität der Menschen zu der einen oder der anderen jener Verfassungen herauf- oder herunter¬ stiege, welche dann als die allein »menschliche« gälte. Dies einzu¬ sehen fordert freilich eine energische Befreiung von eingewurzelten und praktisch durchaus berechtigten Wertvorstellungen. Diese näm¬ lich liegen bei irgend entwickelteren Verhältnissen in zwei Schichten übereinander: die eine gebildet aus den Traditionen des Gesellschaftskreises, der Majorität der Erfahrungen, den als rein logisch er¬ scheinenden Forderungen; die andere aus den individuellen Kon¬ stellationen, den Ansprüchen des Augenblicks, dem Zwange der zu¬ fälligen Umgebung. Gegenüber dem schnellen Wechsel innerhalb der letzteren Schicht verbirgt sich unserer Wahrnehmung die lang¬ same Evolution der ersteren und ihre Bildung aus der Sublimierung jener, und sie erscheint als das sachlich Gerechtfertigte, als der Ausdruck einer objektiven Proportion. Wo nun bei einem Tausch zwar unter den gegebenen Umständen die Wertgefühle von Opfer und Gewinn sich mindestens gleichstehen — denn sonst würde kein Subjekt, das überhaupt vergleicht, ihn vollziehen — dieselben aber, an jenen generellen Festsetzungen gemessen, eine Diskrepanz er¬ geben, da spricht man von einem Auseinanderfallen von Wert jund Preis. Am entschiedensten tritt dies unter den beiden — übrigens fast immer vereinigten — Voraussetzungen auf, daß eine einzige Wert¬ qualität als der wirtschaftliche Wert schlechthin gilt und zwei Ob¬ jekte also nur insofern als wertgleich anerkannt werden, als das gleiche Quantum jenes Fundamentalwertes in ihnen steckt; und daß zweitens eine bestimmte Proportion zwischen zwei Werten als die sein -sollende mit dem Akzente einer nicht nur objektiven, sondern auch moralischen Forderung auftritt. Die Vorstellung z. B., daß das eigentliche Wertmoment in allen Werten die in ihnen vergegenständ¬ lichte, gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit sei, ist nach beiden Richtungen hin benutzt worden und gibt so einen — direkter oder indirekter anwendbaren — Maßstab, der den Wert in wechselnden Plus- und Minusdifferenzen gegen den Preis pendeln macht. Allein zunächst läßt die Tatsache jenes einheitlichen Wertmaßstabes ganz dahingestellt, wieso denn die Arbeitskraft zu einem Werte ge¬ worden sei. Sie wäre es schwerlich, wenn sie nicht, an verschiedenem Materiale sich betätigend und verschiedene Produkte schaffend, da¬ durch die Möglichkeit des Tausches ergeben hätte, oder wenn ihre Ausübung nicht als ein Opfer empfunden worden wäre, das man für den Gewinn ihres Ergebnisses bringt. Auch die Arbeitskraft wird erst durch die Möglichkeit und Wirklichkeit des Tausches in die Wertkategorie eingestellt, ganz unbeschadet des Umstandes, daß sie nachher innerhalb dieser den Maßstab für deren übrige Inhalte ab¬ geben mag. Sei die Arbeitskraft also auch der Inhalt jedes Wertes, seine Form als Wert erhält er erst dadurch, daß sie in die Relation von Opfer und Gewinn oder Preis und Wert (hier im engeren Sinne) eingeht. In den Fällen des Auseinandertretens von Preis und Wert gäbe nach dieser Theorie der eine Kontrahent ein Quantum unmittel¬ barer vergegenständlichter Arbeitskraft gegen ein geringeres Quantum ebenderselben hin, mit welchem indes andere — keine Arbeits¬ kraft darstellenden — Umstände derart verbunden sind, daß er den¬ noch den Tausch vollzieht, z. B. Befriedigung eines unaufschieblichen Bedürfnisses, Liebhaberei, Betrug, Monopole und ähnliches. Im weiteren und subjektiven Sinne bleibt also auch hier die Äquivalenz von Wert und Gegenwert bestehen, während die einheitliche Norm Arbeitskraft, die ihre Diskrepanz ermöglicht, sich auch ihrer¬ seits nicht der Genesis ihres Wertcharakters aus dem Tausch entzieht.