Aber man kann weiter meinen, dass der Geist aus eigenem Quelle der körperlichen Thätigkeit die für seinen Gang oder doch die kraftvolle Erhaltung seines Ganges erfoderliche lebendige Kraft zuwachsen lassen, d.h. die lebendige Kraft in der Welt ab- solut vermehren könne, ohne dass die lebendige Kraft anderwärts oder die potenzielle Kraft des Körpers selbst sich desshalb zu ver- mindern brauche, also wider das Gesetz der Erhaltung der Kraft, welches eine allgemeine Abwägung aller vorhandenen lebendigen und potenziellen Kraft in dieser Hinsicht fodert, kurz, dass er ein Erzeuger ganz neuer lebendiger Kraft im Körper sei.
Ziehen wir einige Thatsachen in Betracht, die mit der Erläu- terung zugleich einen Anhalt zur Entscheidung dieser Frage geben.
Spiel und Verbrauch der lebendigen Kraft im Gehirne zu psychophysischen und in anderen Theilen zu nicht psychophysi- schen Thätigkeiten bestehen im gewöhnlichen Gange des Lebens thatsächlich zugleich und mit einander. Wir können denken und dabei noch Anderes mit unseren körperlichen Organen treiben, und thun es in der Regel. Jetzt aber soll die Kraft des Denkens gesteigert werden. Sofort sehen wir, wie es, statt lebendige Kraft aus eigenem Quelle zur Verstärkung der psychophysischen Thätigm) wi | 38 m) wi | 38 keit, die es zu seiner eigenen Verstärkung braucht, schaffen zu können, solche anderen körperlichen Thätigkeiten raubt, und ohnedem sich nicht verstärken kann. Noch eben war Jemand in einer starken körperlichen Arbeit begriffen, da kommt ihm ein Gedanke, der ihn mehr als gewöhnlich beschäftigt, sofort sinken die Arme und bleiben hängen, so lange der Gedanke und mithin die psychophysische Thätigkeit desselben innerlich stark arbeitet, um ihre äussere Arbeit von Neuem zu beginnen, wenn diese in- nere nachlässt. Wo war die lebendige Kraft der Armbewegungen auf einmal hin? Sie diente, die Bewegungen im Kopfe anzufachen.
So wie ein intensiver Gedanke nothwendig jede äussere Kör- perleistung unterbricht, unterbricht umgekehrt ein Sprung jeden Gedankengang. Die lebendige Kraft, welche der Sprung der Beine braucht, entgeht dem Gange der psychophysischen Bewegungen, die das Denken braucht; und der Geist hat weder die Macht, trotz des Verlustes den Gang wie früher fortzusetzen, noch den Verlust aus eigener Machtvollkommenheit zu ersetzen.
Wir können die lebendige Kraft, die für die Willkühr dispo- nibel ist, zwar theilen, aber sie hat zu jeder Zeit ihr Maximum, und das kann für eine Art der Beschäftigung nur stattfinden nach Massgabe, als die anderen ruhen. Ganz eben so, wie wir, um möglichste Kraft in einem Arme zu verwenden, den anderen ru- hen lassen müssen, müssen wir alle Theile des Körpers ruhen lassen, um möglichste Kraft im Kopfe zu verwenden, und umge- kehrt die Thätigkeit im Kopfe möglichst ruhen lassen, um mög- lichst kraftvolle Bewegungen mit den Gliedmassen auszuführen. Und so sehen wir den tief Nachdenkenden so still wie möglich sitzen, und Jemand, der läuft, Lasten hebt, nie zugleich in tiefen Gedanken. Es widerspricht sich, geht nicht.
Selbst unwillkührliche Functionen, wie die Verdauung, ste- hen bis zu gewissen Gränzen in einem Verhältnisse der Abwägung und des Austausches der lebendigen Kraft mit derjenigen, die das Denken braucht. Obwohl nach einer heilsamen Einrichtung, de- ren Thatsache wir hier nur anzuerkennen, nicht zu erklären haben, der Mensch weder im Stande ist, den unwillkührlichen Functionen durch das Denken so viel lebendige Kraft zu rauben, dass der regelrechte Gang der organischen Maschine dadurch ins Stocken geräth, noch umgekehrt durch anderweite Funetionen Ka.
39 dem Denken so viel Kraft zu rauben, um dasselbe ganz in Still- stand zu versetzen, Das Denken ist ein Beispiel; was aber in dieser Beziehung von dem Denken gilt, gilt von jeder geistigen Thätigkeit. Intensive Gefühle, Leidenschaften, sinnliche Anschauungen verhalten sich in. angegebener Hinsicht ganz eben so wie das intensive Denken; nur dass die psychophysische Thätigkeit mancher dieser geistigen Vorgänge durch die organische Einrichtung mit gewissen äusseren Thätigkeiten in natürlichem Nexus steht, die dann mit jener ge- meinsam zu steigen und zu fallen pflegen, indess sie zugleich in Antagonismus zu den übrigen treten. Von diesem Associations- prineipe körperlicher Thätigkeiten wird unten weiter die Rede sein.
Dasselbe Verhältniss als zwischen den psychophysischen und nicht psychophysischen Thätigkeiten findet auch zwischen den einzelnen Gebieten der psychophysischen Thätigkeiten statt. In eine äussere Anschauung ganz versunken sein und zugleich tief nachdenken, geht nicht. Zugleich aufmerksam sehen und hören, geht nicht. Um schärfer auf etwas zu refleetiren, müssen wir von Anderem mehr abstrahiren; und wie sich die Aufmerksamkeit theilt, schwächt sie sich für das Einzelne. Hier könnte man aller- dings ein Spiel rein psychologischer Gesetze sehen, wenn diese Thatsachen allein ständen. Aber sie hängen zu sehr mit den vori- gen zusammen, um nicht darin zugleich eine Ausdehnung des Ge- setzes der Erhaltung der Kraft auf das rein psychophysische Spiel zu sehen. Das Denken braucht zu seiner Verstärkung nicht den nicht psychophysischen Thätigkeiten lebendige Kraft zu _ wenn es anderen im Gange befindlichen psychophysischen Thätig- keiten solche entziehen kann. Damit wird das Bestehen der psy- chologischen Gesetze nicht geleugnet oder solche auf physische redueirt; es wird nur behauptet, dass die Gesetze des Ganges der geistigen und körperlichen Thätigkeiten nicht minder eng zusam- menhängen, als beide selbst zusammenhängen; und diess hat nichts Befremdendes, sondern das Gegentheil würde befremdend sein.
Je nach dem Nexus, in dem die Theile stehen, können manche nur in einem gewissen Zusammenhange oder einer gewissen Folge überhaupt, und manche leichter in diesem als in jenem in Thätig- keit treten, und manche Thätigkeiten überhaupt nur, oder leich- ter, durch einen gegebenen Zusammenhang von Theilen, als durch 40 einzelne vollzogen werden, ein Prineip, was mit dem vorigen in- sofern in Conflict kommt, als die Vertheilung der lebendigen Kraft zwischen den zur Thätigkeit zusammenwirkenden Theilen dann von einer Seite die Leistung der einzelnen schwächt, welche der Zusammenhang von anderer Seite erst möglich macht oder födert. Durch die Rücksicht auf dieses Princip erklären sich eine Menge scheinbarer Widersprüche mit dem vorigen Prineipe, wo man Thä- tigkeiten, anstatt sich durch ihre respective Steigerung wechsel- seitig beschränken, vielmehr mit einander steigen und sinken, und sich gemeinsam in der Höhe halten, einander mitziehen und nachziehen sieht. Im Spiele der Maschinen finden wir das ganz Entsprechende wieder; und es ist also hier nichts den Gesetzen der Erhaltung der Kraft Zuwiderlaufendes zu sehen.
In unserem Organismus können solche Verbindungen durch Gewöhnung, Uebung theils befestigt, theils neu gebildet oder ge- löst werden, und mit der wachsenden Uebung, Theile isolirt in Thätigkeit zu setzen, wächst die Möglichkeit, sie in kraftvollere Thätigkeit zu setzen. Auch diess Prineip greift, wie leicht weiter auszuführen, im Zusammenhange durch das Gebiet der psycho- physischen und nicht psychophysischen Thätigkeiten durch.
Und so steht die Erzeugung wie Verwendung der lebendigen Kraft der psychophysischen Thätigkeit in uns, soweit wir es ir- gends beobachten und einen Schluss auf Beobachtung gründen - können, überall unter einem gemeinsamen Gesetze mit der lebendigen Kraft der nicht psychophysischen Thätigkeiten in uns und ausser uns, und so frei der Geist sein mag, er kann nichts wider diess Gesetz, sondern Alles nur auf Grund dieses Gesetzes. Doch wie sind Thatsachen folgender Art zu deuten? a Plötzlich sehen wir jetzt einen Menschen in Folge rein geisti- ger Aufregung eine gewaltige körperliche oder geistige Leistung — vollziehen, nachdem er nur eben gleichgültig und ruhig dasass, also weder in psychophysischen noch nicht psychophysischen Thä- tigkeiten sich ein Vorrath grosser lebendiger Kraft vorhanden zeigte. Wo kommt die lebendige Kraft dazu auf einmal her? Und diese F starke Thätigkeit kann unter dem Einflusse eines starken Willens auch wohl länger fortgesetzt werden. Wo ist der nachhaltige Quell dieser Kraft zu suchen, wenn es nicht der Wille selber ist? i M Aber was das Erste anlangt, so können wir eine plötzliche Kraftanstrengung in gewisser Richtung nur vollziehen, indem wir r MH die vorher zerstreute und eben darum nirgends stark wirkende Kraft in einer Richtung plötzlich concentriren und selbst die der unwillkührlichen Functionen dazu mit in Anspruch nehmen. Und wenn wir unter dem Einflusse eines starken Willens selbst anhal- tende ungewöhnliche Leistungen zu vollziehen vermögen, die wir öhne diesen Willen nicht zu vollziehen vermöchten, so erfolgt doch die Erzeugung und der Verbrauch der dazu erfoderlichen leben- digen Kraft weder wider das Gesetz der Erhaltung der Kraft, noch durch die rein geistige Macht des Willens.
In der That finden wir, dass jede willkührliche Kraftanstren- gung uns um so mehr auch körperlich erschöpft, d. h. das Ver- mögen der ferneren Kraftäusserung um so mehr abnimmt, je stär- ker und länger sie fortgesetzt wird, was beweist, dass die will- kührliche Entwickelung lebendiger Kraft in unserem Körper so gut nur auf Kosten potenzieller Kraft, das ist der Kraft, die es noch zu erzeugen möglich ist, also nach dem Gesetze der Erhaltung der Kraft, geschehen kann, als die Entwickelung lebendiger Kraft in Gebieten, wo kein Wille Platz greift. Es wird also nicht bestrit- ten, dass unter dem Einflusse des freien Willens wirklich leben- dige Kraft entstehen kann, die ohnedem nicht entstanden wäre, aber eben nur auf Kosten potenzieller Kraft, d.i. aus dem Quelle, aus dem sie sonst entsteht, wenn kein Wille mitwirkt. Unstreitig lag im Willen, oder psychophysisch ausgedrückt, den Thätigkei- ten, die selbst dem Willen unterliegen, ein Anlass, dass der Um- satz der potenziellen Kraft in lebendige erfolgte und Dauer ge- “wann; nur der Wille aus sich selbst kann die lebendige Kraft nicht ohne die sonst allgemein gültigen Bedingungen dazu schaffen.
Die lebendige Kraft unseres Organismus ist überhaupt je nach ‘dem veränderlichen Zustande der Ernährung, der Gesundheit, Wachen und Schlaf, in einem Auf- und Abschwanken begriffen, wodurch sie im Ganzen hoch steigen und tief sinken kann; scheint aber unter normalen Verhältnissen keiner plötzlichen starken Abünderungen im Ganzen, sondern nur plötzlicher anderer Ver- theilung fähig, welche theils durch Reize, theils durch willkühr- liche Richtung der Aufmerksamkeit oder Verlegung der Thätig- keitssphäre bewirkt wird. Der Idealist kann auch die Wirkung der Reize auf einen geistigen Grund, der Materialist die der Will- kühr und Aufmerksamkeit auf einen materiellen zurückführen; wir nehmen aber hier die Thatsachen,, wie sie sich der Beobach- Ergelufen a 42 tung unmittelbar darstellen, welcher bald die materielle, bald die geistige Seite oder Erscheinungsweise des Grundes der abgeän- derten Vertheilungsweise entgegentritt.
Es ist in gewissem Sinne wie bei einer Dampfmaschine, von der ein zusammengesetztes Triebwerk abhängt. Je nach dem Zu- stande der Heizung kann ihre lebendige Kraft hoch steigen oder tief sinken; aber im normalen Gange kann weder das Eine noch das Andere plötzlich eintreten; wohl aber kann dadurch, dass man hier ein Ventil willkührlich auf- oder zumacht, bald dieser, bald jener Theil der Maschine neu in Gang kommen und dafür ein anderer in Ruhe übergehen. Es ist nur der Unterschied, dass bei unserer organischen Maschine der Maschinist nicht ausser-, son- dern innerhalb derselben sitzt. Nun kann unstreitig in starken körperlichen Anstrengungen wirklich in gleicher Zeit mehr leben- dige Kraft auf Kosten potenzieller Kraft entwickelt werden, als beim Ruhezustande des Körpers; denn woher sonst die schnellere Erschöpfung und das Bedürfniss grösseren Ersatzes; aber es ist dann nicht sowohl der Wille, welcher diese Kraft in einem belie- bigen Momente aus geistigem Grunde entwickelt, als die dadurch eingeleitete Steigerung des chemischen Ernährungsprocesses. Bei raschem Laufen athmen wir auch rascher, läuft das Blut rascher, * und das hat denselben Erfolg, als wenn wir den Zug in dem Heiz- apparate einer Dampfmaschine steigern, und dadurch rascher ein gegebenes Quantum wirksamer lebendiger Kraft auf Kosten der potenziellen Kraft des Heizmaterials entwickeln. Ist die organische Maschine nicht recht im Stande oder schlecht versorgt, so dass» jene chemischen Processe nicht wirksam von Statten gehen, so vermag der kräftigste Wille Nichts.
Ich sage mit Vorigem nicht, dass die lebendige Kraft im Kör- per sich wirklich wie der Dampf in einer Dampfmaschine vertheilt; sondern nur, dass das Gesetz der Erhaltung der Kraft zu entspre- chenden Erfolgen führt.
Der letzte Quell der lebendigen Kraftentwickelung in unserem Körper liegt nach Allem, was wir vermuthen dürfen, im Ernäh- rungsprocesse, und indem jeder Theil seinen Ernährungsprocess in sich hat, hat er auch einen Quell lebendiger Kraft in sich. Aber die Erfahrung beweist von anderer Seite durch Thatsachen der Art, wie wir sie hier geltend gemacht, dass dieser Process im ganzen Organismus in solidarischem Zusammenhange erfolgt, so 43 43 dass nicht nur kein Theil sich für sich zu ernähren vermöchte, sondern auch quantitative Verhältnisse der Abwägung zwischen den Ernährungsprocessen der verschiedenen Theile eintreten, welche im Sinne des Gesetzes der Erhaltung der Kraft sind. Auch erklärt der Umstand, dass der Ernährungsprocess aller Theile un- ter dem Einflusse des Blutlaufes und der Nerventhätigkeit steht, welche einen Zusammenhang durch den Organismus begründen, leicht diesen allgemeinen Nexus des Ernährungsprocesses aller Theile. Ungeachtet daher weder die lebendige Kraft, noch ein be- sonderer Träger derselben, wie der Dampf in der Dampfmaschine, wirklich unmittelbar zwischen den verschiedenen Theilen über- fliesst, sich vertheilt, durch Reize, Aufmerksamkeit, Willen da- und dorthin gelockt wird, werden wir doch immer der Kürze hal- ber uns des Ausdruckes Vertheilung der lebendigen Kraft und entsprechender bildlicher Ausdrücke bedienen dürfen, nachdem wir die triftige Vorstellung unterzulegen wissen.
Das Specielle aller dieser Verhältnisse ist noch wenig aufge- klärt; das Allgemeine aber liegt ziemlich klar und oflen in dem hier ausgesprochenen Sinne vor; und die gegebenen allgemeinen Andeutungen können für jetzt genügen; eine weitere Ausführung derselben aber würde theils ins Unsichere führen, theils hier am Eingange nicht am Orte sein.
Die lebendige Kraft, die zum Holzhacken verwandt wird, und die lebendige Kraft, die zum Denken, das ist zu den unterliegen- den psychophysischen Processen verwandt wird, sind nach Vori- gem quantitativ nicht nur vergleichbar, sondern selbst in einander umsetzbar, und hiemit beide Leistungen selbst nach körperlicher Seite durch einen gemeinsamen Massstab messbar. So gut ein ge- wisses Quantum lebendiger Kraft dazu gehört, ein Scheit Holz zu spalten, eine gegebene Last bis zu gegebener Höhe zu heben, so gut ein gewisses Quantum, einen Gedanken mit gegebener Inten- sität zu denken; und jeneKraft kann sich in diese wandeln. Diess ist keine Verunehrung des Denkens; seine Würde hängt an der Weise, der Richtung, den Zielen seines Ganges, nicht an dem Masse oder der Unmessbarkeit der körperlichen Bewegung, die es zu seinem Gange braucht; wie die Entdeckungsreise des Colum- bus dadurch nicht an Werth und Bedeutung verliert, dass die lebendige Kraft des Schiffes, das ihn trug, so gut messbar war, als die eines zufällig geworfenen Steines oder des Windes, und 44 44 selbst die eine in die andere umsetzbar. Das Körperliche em- pfängt überhaupt Werth oder Unwerth von dem Geistigen, was damit in Beziehung steht, und kann eben desshalb solchen dem Geistigen weder geben noch nehmen. Gewiss ist, dass ein stiller Gefühls- und Gedankengang grossen Werth haben, und sich doch an so schwache Bewegungen knüpfen kann, dass eine ganz werthlose oder gar keine erhebliche äussere körperliche Leistung damit zu vollziehen wäre, wenn sie in solche umgesetzt ‘werden sollte; aber eben so gewiss bleibt, dass, wenn das Gefühls- und Gedankenleben zu grösserer Intensität gedeihen soll, die unterlie- genden körperlichen Bewegungen lebendiger von Statten gehen müssen.
Dabei ist der Abhängigkeitsbezug, in welchem die Intensität der geistigen Thätigkeit von der Grösse der ihr unterliegenden körperlichen steht, nicht minder in umgekehrter Richtung geltend zu machen. So wenig ein Gedanke mit einer gegebenen Intensität gedacht werden kann, ohne dass eine gegebene lebendige Kraft der unterliegenden Bewegung entwickelt wird, so wenig kann sich solche entwickeln, ohne dass der Gedanke mit dieser Intensität gedacht wird. Nicht, dass zu jeder lebendigen Kraft gegebener Grösse auch ein Gedanke von gegebener Intensität gehörte, wohl aber zur lebendigen Kraft eines derartigen körperlichen Ganges, der einen Gedankengang zu tragen vermag. Nun steht es jedem frei, mit uns den Grund jeder einzelnen gedankenvollen Bewegungin- der Welt in einer rückliegenden oder allgemeineren und schliesslich den Grund aller Bewegungen der Welt in einem Systeme von Bewe- gungen zu suchen, was eine höchste und letzte Gedankeneinheit und einen höchsten und letzten Willen trägt, und nur mit solchen bestehen kann; nur dass wir uns hier eben so wenig auf Glaubens- sachen als ein Werthmass einzulassen haben. er Auch ist mit Fleiss hier jedes Eingehen auf einen Streit über Willensfreiheit vermieden, und eben so ungehörig würde man ihn hierher ziehen, als hier vermissen. Vielmehr ist durch den aus- drücklichen Hinweis, dass die allgemeinen Gesetze der lebendig: Kraft die freie Verfügung über dieselbe eben auch nur aus; allgemeinem Gesichtspuncte beschränken, der Freiheit jedes Recht zugestanden, was ihr die Wirklichkeit zugesteht. Weder kann das Gesetz vorschreiben, ob und wie wir potenzielle Kraft in lebendige umsetzen, noch ob und in welcher Richtung solche übertragen a.
45 werden soll. In dieser Hinsicht bleibt der Wille völlig frei, soweit es sich um die Schranken, die diess Gesetz zieht, handelt. Inwie- fern es aber noch andere Schranken giebt, ist wieder unsere Aufgabe hier nicht, zu untersuchen, und eine Antwort auf die letzte Frage in dieser Hinsicht überschreitet die Gränzen unserer Untersuchung überhaupt.
VI. Massprineip der Empfindlichkeit.
‚Selbst bei gleicher Anbringungsweise kann ein- und derselbe Reiz von einem Subjecte oder Organe stärker oder schwächer empfunden werden, als von einem anderen, oder von demselben Subjecte oder Organe zu einer Zeit stärker oder schwächer, als zu einer anderen; umgekehrt Reize verschiedener Grösse nach Umständen gleich stark empfunden werden. Hienach messen wir dem Subjecte oder Organe respectiv zur einen und anderen Zeit eine grössere oder geringere Empfindlichkeit bei.
Wo die Sinnesorgane gelähmt sind, werden auch die stärk- sten Reize nicht mehr empfunden; die Empfindlichkeit dafür ist null; bei manchen erregten Zuständen des Auges oder Ohres da- gegen ruft selbst noch der schwächste Licht- oder Schallreiz eine lebhafte, wohl gar lästige Empfindung hervor; die Empfindlich- keit dafür ist ungeheuer gesteigert. Dazwischen giebt es alle Zwi- schengrade der Empfindlichkeit. Es liegt hienach hinreichender Anlass vor, Grade derselben zu unterscheiden und zu vergleichen; aber es fragt sich, wie es auf genaue Weise, wie es wirklich mes- ‚send geschehen kann.
Hiebei kommt Folgendes in Betracht. Allgemein liegt das Mass einer Grösse darin, dass bestimmt werde, wie vielmal eine, als Einheit zu Grunde gelegte, Grösse derselben Art darin ent- halten sei. In diesem Sinne hat die Empfindlichkeit als abstractes Vermögen so wenig ein Mass, als die abstracte Kraft. Aber anstatt sie selbst zu messen, kann man etwas dazu Bezügliches, davon Ahhängiges, messen, was nach ihrem Begriffe mit ihr ab- und zunimmt, und womit sie umgekehrt nach ihrem Begriffe ab- und “ zunimmt, und so ein indirectes Mass derselben gewinnen, im sel- ben Sinne, als es auch bei der Kraft der Fall ist. Anstatt diese selbst zu messen, messen wir die dazu bezüglichen, davon abhän- gigen, Geschwindigkeiten, welche gleichen Massen, oder die Mas- . , 46 sen, denen gleiche Geschwindigkeiten eingepflanzt werden. Und so können wir auch entweder die Grösse der Empfindung zu mes- sen versuchen, welche durch gleich grosse Reize erzeugt wird, oder die Grösse der Reize, welche eine gleich grosse Empfindung hervorrufen, und erstenfalls sagen, die Empfindlichkeit ist doppelt so gross, wenn derselbe Reiz eine doppelt so grosse Empfindung hervorruft; letzterenfalls, sie ist doppelt so gross, wenn ein halb so grosser Reiz eine gleich grosse Empfindung hervorruft.
Jedoch der erste Weg ist ungangbar, weil wir noch kein Mass der Empfindung haben, und, wie später zu zeigen, ein solches selbst erst auf das anders begründete Mass der Empfindlichkeit zu stützen ist. Dagegen hindert nichts, sich an den zweiten zu hal- ten. Die Grösse der Reize ist genauen Massen zugänglich, und die Gleichheit der Empfindung können wir unter erfoderlichem Mass- nahmen, von denen künftig ausführlicher die Rede sein wird, wohl constatiren. Demnach setzen wir die Empfindlichkeit für Reize der Grösse der Reize, die eine gleich starke, oder allgemei- ner, um extensive Empfindungen mit zu begreifen, eine gleich grosse Empfindung erwecken, umgekehrt proportional, mit einem kurzen Ausdrucke reciprok.
Man kann zugeben, dass es zuletzt nur eine Sache der Defi- nition ist, dass wir die Empfindlichkeit gerade doppelt so gross nennen, wenn der halbe Reiz dieselbe Empfindung erweckt. Wäre die Empfindlichkeit etwas an sich Messbares, so stände diese Frei- heit nicht offen, sondern das Verhältniss müsste durch Erfahrung oder Schlüsse constatirt werden. Diess ist aber nicht der Fall; die Erklärung darüber ist willkührlich, und die einfachstmög- liche und welche die einfachste Verwendung gestattet, vorzu- ziehen. i j So gefasst wird uns diess Mass eine Hülfe sein, und hat auch gar keine andere Bedeutung, als uns im Gebiete thatsächlicher Verhältnisse zwischen Reiz und Empfindung zu orientiren und ihre Verknüpfung durch Rechnung möglich zu machen, ohne über die Grösse des abstracten Empfindungsvermögens das Geringste aus- sagen zu können und zu sollen. Gewiss bleibt immer, dass bei einem Subjecte, zu einer Zeit, ein doppelt so grosser Reiz dazu ge- hört, um gleich stark in die Empfindung zu fallen, als bei einem anderen Subjecte, zu einer anderen Zeit. Statt diess mit vielen Worten zu sagen, drücken wir es kurz mit den wenigen aus, es n #7 finde im einen Falle eine halb so grosse Empfindlichkeit für den Reiz statt, als im anderen Falle. Jede andere Masszahl bedeutet ein anderes factisches Verhältniss in dieser Hinsicht und soll nichts anderes als ein solches bezeichnen.
Die Stärke oder Lebhaftigkeit der körperlichen Thätigkeiten, welche der Reiz in uns erweckt, und wovon die Empfindung un- mittelbar abhängt, kurz der psychophysischen Thätigkeiten, kommt bei diesem, der äusseren Psychophysik angehörigen, Masse nicht in Anschlag. Die Frage, ob diese Thätigkeiten der Stärke der Reize proportional sind oder nicht, ist für seinen Begriff und seine An- wendung gleichgültig; denn als Mass der Empfindlichkeit für Reize geht es eben auch nur auf ein Verhältniss der Empfindung zu die- sen, nicht zu den dadurch ausgelösten Thätigkeiten; und jene Frage ist zwar zu erheben, aber selbst nur auf Grund von That- sachen, die dieses Mass schon voraussetzen, zu entscheiden.
Noch ist wichtig, folgenden Fehlschluss zu vermeiden. Wenn bei doppelt so grosser Empfindlichkeit für einen Reiz der halbe Reiz hinreicht, eine gleich grosse Empfindung auszulösen, so folgt daraus doch nicht, dass derselbe Reiz dann eine doppelt so grosse Empfin- dung auslöse. Zuvörderst können wir hierüber nicht urtheilen, so lange wir noch kein Mass der Empfindung haben, und später, wenn wir es haben werden, wird sich zeigen, dass dieses Verhältniss kei- neswegs besteht.
Von der Empfindlichkeit für Reize gilt es, die Empfindlichkeit für Reizabänderungen, Reizunterschiede, zu unterscheiden. Das Mass derselben aber unterliegt entsprechenden Gesichtspuncten, nur dass die Reizabänderung, der Reizunterschied, an die Stelle des Reizes dabei tritt.
In der That, so wie ein gleich grosser, doppelt oder dreimal so grosser Reiz erfodert werden kann, um eine gleich grosse Em- pfindung zu erwecken, kann auch eine gleiche, doppelt oder drei- mal so grosse Abänderung einesReizes, oder ein gleicher, dop- pelt oder dreimal so grosser Unterschied zweier Reize erfodert werden, um eine gleich grosse Abänderung der Empfindung, oder einen gleich grossen Unterschied zweier Empfindungen zu erwecken. Hiebei kann die Abänderung eines Reizes als Reiz- unterschied in der Zeitfolge mit dem Unterschiede gleichzeitig auf- tretender Reize unter gemeinsamen Gesichtspunct und Namen A 48 A 48 gefasst werden; wie im Folgenden im Allgemeinen geschehen soll, ohne damit sagen zu wollen, dass es gleichgültig sei, ob man die Componenten eines Unterschiedes simultan oder successiv auflasse. Unter Componenten des Unterschiedes verstehen wir hier wie in der Folge die Reize, zwischen welchen der Unterschied besteht, der sich in der Empfindung geltend macht. Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man geneigt sein, das Mass der Empfindlichkeit für Reize und das für ReisunterscE "auf einander reducirbar zu halten. Sind zwei Töne von verschie- ] dener physischer Stärke gegeben, so kann man sich einen dritten “denken, dessen Stärke dem Unterschiede der Stärke jener beiden gleich ist, und man könnte nun z. B. meinen, der schwächstmög- liche Ton, der noch für sich gehört er kann, und der schwächstmögliche Unterschied, der noch zwischen zwei Tönen erkannt werden kann, haben allgemein dieselbe Grösse. Aber diess ist factisch untriftig. Vielmehr lehren schon beiläufige Er- fabrungen und später wird genauer bewiesen werden, dass der Unterschied zweier physischen Töne, Lichter u. s. w. um so mehr betragen muss, um noch erkennbar zu sein, je grösser die abso- lute Stärke derselben ist, indess die absolute Stärke, die man noch 'eben wahrnehmen kann, dieselbe bleibt.
Diess macht allerdings nöthig, die Empfindlichkeit und das Empfindlichkeitsmass für Reize und Reizunterschiede zu unter- scheiden.
Insofern derselbe Reizunterschied mehr oder weniger leicht erkannt wird, je nachdem er zwischen kleinen oder grossen Rei- zen besteht, und überhaupt es, späteren Untersuchungen zufolge, betrefis der Grösse des Empfindungsunterschiedes, den ein Reiz- unterschied giebt, auf dessen Verhältniss zu den Reizen oder damit gesetzte Verhältniss der Reize zu einander wesentlich an- kommt, ist die Unterschiedsempfindlichkeit nicht blos veränder- lich nach dem Zustande der Individuen, sondern auch nach der Grösse der Reize, im Allgemeinen geringer bei grossen, als klei- R nen. Die Ermittelung des Gesetzes, nach welchem die Unterschied: empfindlichkeit von der Grösse der Reize abhängt, d.h. nach wel- chem die Grösse des Unterschiedes der Reize sich mit der Grösse e der Reize ändern muss, um noch gleich deutlich in die Empfin- - dung zu fallen, ist eine der wichtigsten und (olapggiobeten Aufga- ben der äusseren Psychophysik.
49 Des Näheren nun wird sich durch die folgenden Untersuchun- gen in verschiedenen Sinnesgebieten herausstellen, dass, wenig- stens innerhalb gewisser Gränzen, ein Unterschied zwischen ge- gebenen Reizen immer gleich merklich für die Empfindung bleibt, wenn er in demselben Verhältnisse als seine Componenten zu- oder abnimmt, mithin, wenn der relative Reizunterschied und, was damit zusammenhängt, wenn das Verhältniss der Reize sich gleich bleibt, wie sich auch die absolute Grösse des Reizunterschiedes und der Reize ändere.
Unter relativem Reizunterschiede wird überhaupt der Unterschied der Reize im Verhältnisse zurSumme, oder zum Mittel, oder zum einen der Reize verstanden, was hier gleichgültig ist, sofern mit der Constanz des einen Verhältnisses die Constanz des anderen von selbst gegeben ist. Nicht minder hängt das Gleich- bleiben des relativen Reizunterschiedes und des Reizverhältnisses stets solidarisch zusammen, so dass es auch gleichgültig ist, ob man sich auf die Constanz des einen oder anderen bezieht.
Wenn z. B. die Componenten 5 und 3 sich beide verdoppeln, bleibt zugleich das Verhältniss beider r und der relative Unterschied beider ungeändert, sei es, dass man Iefatoren als 5 = ri oder als = = ” 2 oder als =.; er fasse, indem er nach der Verdoppelung respectiv * —— % w wird, 2. Brüche mit den vorigen übereinkommen.
Hingegen, wenn sich das Reızverhältniss ändert, ändert sich zwar der relative Reizunterschied stets in gleicher Richtung mit und umgekehrt, aber nicht proportional damit. Denn, wenn z. B. das Verhältniss - zwischen den Componenten 5 und 3 dadurch in 4 übergeht, dass die Componente 5 sich ohne die Componente 3 ändert, so geht der relative Reizunterschied ei — in — = _ oder aus — in — über, welches eine Aenderung statt im Verhältnisse von 5:6 vielmehr von 3:4 ist.
So weit nun das Gesetz besteht, dass der Unterschied gleich merklich bleibt, wenn er in demselben Verhältnisse als seine Com- ponenten zu- oder abnimmt, mithin der relative Reizunterschied und das Reizverhältniss sich gleich bleiben, wird man zu sagen haben, dass die Unterschiedsempfindlichkeit mit der Grösse der Fechner, Elemente der Psychophysik. 4 We f 50 Reize im umgekehrten Verhältnisse stehe, sofern bei doppelter Reizgrösse ein doppelt so grosser Unterschied nöthig ist, densel- ben Empfindungsunterschied zu erzeugen.
Es kann jedoch hienach zweckmässig erscheinen, die Em- pfindlichkeit für Unterschiede gleichals verhältnissmässige zu fassen, d. h. sie gleich zu setzen, nicht sofern derselbe absolute, sondern sofern derselbe relative Reizunterschied oder sofern das- selbe Reizverhältniss denselben Empfindungsunterschied hervor- ruft und sie reciprok zu setzen dem einen oder dem anderen. Ob das Eine oder Andere, ist wieder nur eine Sache der Defini- tion und hat auf die Resultate der Anwendungen des Empfindlich— keitsmasses keinen Einfluss, wenn man nur eben das Mass der Definition gemäss verwendet. Es wird sich aber später im ge- sammten Zusammenhange aus formellen Gründen als zweckmässi— ger zeigen, die Empfindlichkeit für Unterschiede, sofern sie als verhältnissmässige gefasst werden soll, bei ihren Abänderungen vielmehr durch den reciproken Werth des Reizverhältnisses, als den des relativen Reizunterschiedes, bei welchem ein gleicher Empfindungsunterschied entsteht, als gemessen anzu- sehen; wogegen das Gleichbleiben der verhältnissmässigen Empfindlichkeit immer eben sowohl auf die Constanz des rela- tiven Reizunterschiedes als Reizverhältnisses bezogen werden kann, Das Vorige zusammengefasst haben wir eine doppelte Unter- scheidung bezüglich der Empfindlichkeit zu machen. Wir haben zu unterscheiden; A) die Empfindlichkeit für absolute Reizwerthe und für Reizunterschiede, kurz absolute Empfindlichkeit und Unterschiedsempfindlichkeit, von denen die erste durch den reciproken Werth der absoluten Reizgrössen gemessen wird, welche eine Empfindung derselben Grösse hervorrufen, die zweite aber, je nachdem man sie versteht, auf eine der folgenden beiden Weisen gemessen wird. Wir haben 2) die Unterschieds- empfindlichkeit zu unterscheiden in eine absolute und in eine verhältnissmässige oder relative Unterschiedsem- pfindlichkeit, je nachdem der reciproke Werth des absoluten Unterschiedes oder der des Verhältnisses der Reizgrössen als Mass- stab dient. Die erste werden wir gewöhnlich die einfache Unterschiedsempfindlichkeit, die letzte die relative nennen.
51 Diese Unterscheidungen können jetzt noch minutiös und als müssige Eintheilungen erscheinen. Es wird sich aber später zei- gen, dass sie dieses keinesweges sind; vielmehr hängt an dieser Unterscheidung die Klarheit in der Auffassung der wichtigsten factischen Verhältnisse, und hängt am bisherigen Mangel einer klaren Unterscheidung derselben zum Theile die Unklarheit, welche seither noch in der Lehre von der Reizbarkeit ge- herrscht hat.
Im Allgemeinen sagt nämlich der Name Empfindlichkeit nichts Anderes, als was man sonst auch mit dem Namen Reizbarkeit, Erregbarkeit, Sensibilität bezeichnet; nur dass diese Na- men allgemeiner, nicht blos bezüglich der Hervorrufung von Em- pfindungen, sondern auch Bewegungen durch äussere oder innere Reize gebraucht werden. Insofern aber schliesslich auch alle Em- pfindungen an inneren Bewegungen hängen, könnte man auch den Begriff der Empfindlichkeit statt auf die Empfindung auf die ihr unterliegende psychophysische Bewegung beziehen, und also z. B. von der absoluten Empfindlichkeit sagen, sie sei gleich gross, dop- pelt oder dreimal so gross, je nachdem ein gleich, halb oder dop- pelt grosser äusserer oder innerer Reiz dazu gehört, die gleiche psychophysische Bewegung hervorzurufen; nur dass diese Begriffs- stellung nicht praktisch ist, weil die psychophysische Bewegung der Beobachtung nicht zugänglich ist.