SigPhi · Gustav Theodor Fechner

Elemente der Psychophysik, Band 2

German

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meist eine künstliche Unterstützung der Aufmerksamkeit dazu, um die ein- zelnen Elemente der zusammengesetzten Empfindung von einander zu schei- *) Pogg. XCIX. 502. ”*) Pogg. CVIU. 282.

u den, eben so wie es z.B. besondere Beobachtungsmethoden erfodert, um sich zu überzeugen, dass die Anschauung der Körperlichkeit eines betrach- teten Gegenstandes auf der Verschmelzung zweier verschiedener Bilder des- selben in Beiden Augen beruhe.« Dazu theilt Helmholtz (S. 287) die Be- schreibung eines Instrumentes mit, welches auch den ganz Ungeübten in den Stand setzt, die Obertöne jedes musikalischen Tones herauszuhören, »was bisher — sagt er — eine Aufgabe war, die nur durch andauernde Uebung und mit grosser Anstrengung der Aufmerksamkeit gelöst werden konnte. « 40) Indess Lichtempfindungen und Schallempfindungen in der, von gleichem physischen Umstande (der Schwingungs - Am- plitude) abhängigen, Stärke eine gemeinsame psychische Seite haben, ist dagegen die, nicht minder von gleichem physischen Umstande (der Schwingungszahl) abhängige, Farbe und Tonhöhe bei beiden psychisch unvergleichbar und ertheilt eben hiedurch beiden Empfindungen den qualitativ verschiedenen Grundcha- rakter, den wir bei denselben anzuerkennen haben. Abgesehen von dem unmittelbaren Gefühle der Verschiedenheit sind folgende Verhältnisse in dieser Hinsicht bei beiden verschieden.

14) Bei Tönen steigt mit der Schwingungszahl die Höhe con- tinuirlich und nur in Beziehung zu einander zeigen sie den eigen- thümlichen Eindruck der Terz, Quarte, Quinte, Octave u. s. f. Bei Farben zeigt sich mit steigender Schwingungszahl nichts der continuirlich wachsenden Höhenempfindung Entsprechendes, son- dern ein Wechsel charakteristischer Eindrücke, Roth, Gelb, Blau, die an die Schwingungszahl selbst, nicht erst an Verhältnisse der- selben geknüpft sind und wovon sich kein Analogon im Tonreiche findet, als etwa im Klange, der aber hier nur an Mitschwingungen höherer Ordnung hängt*). Umgekehrt zeigt der Eindruck, wel- chen das Contrastverhältniss der Farben zu einander macht, keine Analogie zu dem Verhältnisse der Terz, Quarte, Quinte, Octave u. s. w. im Reiche der Töne.

Moser, in einer Abhandlung »Ueber den Process des Sehens und die Wirkung des Lichtes auf alle Körper« in Pogg. Ann. LVI. 477, worin die Wirkungen des Lichtes auf die Netzhaut mit den daguerreotypischen Licht- wirkungen, nicht sowohl identificirt, als verglichen werden, äussert sich *) »Die musikalische Klangfarbe hängt nur ab von der Anwesenheit und Stärke der Nebentöne, die in dem Klange enthalten sind, nicht von ihren Phasenunterschieden« (Helmholtz in Pogg. CVIII. S. 289). Doch werden ei- nige Beschränkungen hiezu angeführt. - Fechner, Elemente der Psychophysik. II. 18 a Sa AU (p. 192) wie folgt: »die Farben machen, so zu sagen, einen vollständigen, nicht mit einander zu verwechselnden, Eindruck, die verschiedenen Töne bewirken einen solchen nicht. Allerdings verwechselt man nicht gerade sehr hohe und sehr tiefe Töne, aber desto leichter geschieht das von einem ge- wöhnlichen Ohre bei etwas näher liegenden Tönen, und jedesfalls gehört ein besonders feines und musikalisch gebildetes Ohr dazu, einen Ton der übli- chen Bezeichnung nach angeben zu können, während das Auge bei der Be- stimmung der Farben eine Schwierigkeit solcher Art gar nicht kennt. Viel eher könnte man geneigt sein, die Höhe oder Tiefe eines Tones mit der In- tensität einer bestimmten Farbe, und dagegen die verschiedenen Farben mit dem Klange des Tones zusammenzustellen. Mir sind wenig Menschen vorgekommen, die auf Befragen das Letztere nicht bestätigt hätten.« 42) Die periodische Wiederkehr desselben Farbeneindruckes bei steigender Schwingungszahl, welche durch das Violet und Roth an beiden Enden des Spectrum angedeutet wird, kann abgesehen davon, dass die Annäherung zum ersten Eindrucke schon nach dem Intervalle einer Quinte eintritt, und dass diese Annäherung sich bei dem Fortschritte zum Octavenintervalle vielmehr wieder vermindert als vermehrt (was den S. 268 angegebenen Grund ha- ben kann), nur uneigentlich mit der periodischen Wiederkehr verglichen werden, welche das Octavenintervall bei Tönen darbie- tet. Denn bei diesem liegen alle Töne mit Zwischenzahlen der Schwingung auch für das Gefühl zwischen Grundton und Octave; es wird also ein wirklicher Abstand zwischen Grundton und Octave für das Gefühl dadurch begründet, wogegen die Farben zwischen den beiden Gränzen des Spectrum für das Gefühl nicht zwischen Roth und Violet zu liegen scheinen und noch weniger zwischen Roth und Roth liegen würden, falls diess die dem Inter- valle der Octave entsprechenden Farben wären. Es fehlt also bei Farben für das Intervall der Octave das progressive Element, was bei Tönen stattfindet.

43) Für den Vergleich aller Farben liegt der Empfindung als gemeinsamer Ausgangspunct das Weiss, die zusammengesetzteste Farbe, unter, sofern alle Farben als Abweichungen davon in ver- schiedener Richtung betrachtet werden können, wogegen die Em- pfindung als Ausgangspunct für den Vergleich aller Töne nur einen einfachen Ton als Grundton brauchbar findet.

14) Die Differenzen der Tonhöhen sind schon ohne Rücksicht auf ein physisches Mass auf rein psychischem Wege durch Bezie- hung auf eine gemeinsame Masseinheit, das Octavenintervall, unter einander vergleichbar; die Farbendifferenzen tragen keine Be- ziehung auf einen solchen Massstab für die Empfindung in sich.

45) Der Unterschied von Tonhöhen erscheint bei gleichem Verhältnisse der zugehörigen Schwingungszahlen gleich gross in den höheren und niederen Theilen der Tonskala, nicht so der Un- terschied der Farben in den verschiedenen Theilen der Farben- skala, wie der von Helmholtz*) auf Esselbach’s Messungen gestützte Vergleich lehrt, wovon Th. I. S. 175 die Rede war, und welchen man auch nach der Tabelle S. 241 selbst anstellen kann. Mit anderen Worten, das Weber’sche Gesetz gilt für Tonhöhen, aber nicht für Farben nach ihrer Abhängigkeit von der Schwin- gungszahl.

Hiezu noch folgende Erläuterungen von Helmholtz in Pogg. XCIV. 47.

»In dem breiten Raume vom Ende des Roth bis zur Linie C ändert sich der Ton des Rothen kaum merklich, eben so wenig der Ton des Violeten von der Linie G bis nach } hin. Auch in Orange und Blau ändert sich der Ton langsam, aber doch schon viel merkbarer. An der Gränze von Gelb und Grün einerseits und Blau und Grün andererseits sind dagegen die Ueber- gänge so schnell, dass sie ganz zu fehlen scheinen, wenn man ein reines Spectrum ohne starke Vergrösserung betrachtet, und hier vielmehr Grün unmittelbar an röthliches Orange und Himmelblau anzustossen scheint. Man erstaunt über den ausserordentlichen Reichthum prachtvoller Farbentöne, welchen diese Gegenden des Spectrum entfalten, wenn man durch eine der beiden Spalten des von mir construirten Schirmes einfaches Licht dieser Theile gehen lässt und den Spalt dann langsam verschiebt. « 16) Ohne Rücksicht auf die entsprechende physische Abhän- gigkeit würden wir keineswegs geneigt sein, das Roth des Spectrum den tieferen, das Blau und Violet den höheren Tönen zu verglei- chen, sondern eher umgekehrt, ungeachtet das Roth wie die tiefen Töne langsameren, das Violet und Blau wie die hohen Töne schnel- leren Schwingungen entspricht.

Grailich**) glaubt den lebhaften Eindruck des Roth daher ableiten zu können, dass wegen der langsameren Schwingungen die Theilchen länger aus der Ruhelage verrückt bleiben, was eine stärkere Reizung bewirke, wo- gegen sich meines Erachtens doch sehr viel einwenden lässt.

17) Der ästhetische Eindruck der Farbenzusammenstellungen richtet sich nach ganz anderen Verhältnissen als der der Töne. Wenn man alle Töne einer Octave in zwei Theile theilt und jede *) Berichte der Berl. Akad. 4855. S. 760. **, Sitzungsber. der Wien. Akad. 1854. XIII. S. 258.

beider Hälften zusammen anschlägt, so hat man physisch, aber kei- neswegs psychisch das Analogon zweier Complementärfarben, die sich zu Weiss ergänzen. Indess die Farben jede für sich wohlgefällig sind und eine wohlgefällige Zusammensetzung geben, findet bei den Tönen Missklang statt.

Der mehrfach gemachte Versuch, eine Farbenharmonie auf Grund ei- ner Analogie mit der Tonharmonie zu begründen, die nicht besteht, scheint mir daher von vorn herein vergeblich. j 48) Durch Zusammensetzung einfacher Farben lässt sich eine Farbe herstellen, welche wiederum einen untrennbar einfachen Eindruck macht, in welchem die componirenden Eindrücke auf- gehoben sind. Wenn wir hingegen einfache Töne zusammensetzen, so entsteht zwar im Tartinischen Tone auch ein resultirender ein- facher Eindruck, welcher dem eines einfachen Tones gleicht; aber die componirenden Eindrücke bestehen dabei zugleich mit fort.

19) Bei Farben lässt sich ein, der Mischung aller Farben, dem Weiss, entsprechender Eindruck sehon durch zwei einfache Com- plementärfarben erzeugen; nicht so ein Geräusch durch Verbin- dung zweier einfacher Töne.

Nach Helmholtz Versuchen*) und Grassmann’s theoretischen Er- örterungen **) giebt es zu jedem einfachen homogenen Farbenstrale einen anderen homogenen complementären Stral, der mit ihm gemischt reines Weiss liefert. Folgendes die von Helmholtz gegebene Tabelle über die Wellenlängen der zu einander gehörigen Complementärfarben, in Millionteln eines Pariser Zolles.

Im Violet mussten, seiner Lichtschwäche wegen, die äussersten Stralen von der Wellenlänge 4600 ab alle zusammengefasst werden. Für Grün, welches in der Tabelle nicht vorkommt, ist die Complementärfarbe in den ultravio- leten Stralen zu suchen.

Das Verhältnissder Wellenlängen complementärer Componenten schwankt *, Pogg. XCIV. 4.

zwischen dem derQuarte und der kleinen Terz; am kleinsten ist es für Gold- gelb und Blau. — Merk würdig ist die Vertheilung der complementären Far- ben im Spectrum. Während das Goldgelb ziemlich weit vom äussersten Roth absteht, liegen ihre complementären Farben Grünlichblau und Cyan- blau dicht neben einander; während das äusserste Violet und das Indigo ei- nen breiten Raum im Spectrum einnehmen, finden sich ihre Complemente grünliches Gelb und reines Gelb nur in ganz schmalen Streifen; diess hängt mit den unter 45) bemerkten Verhältnissen zusammen.

Zwei complementäre Farben gehen im Allgemeinen nicht in gleicher Lichtstärke in Weiss ein. Um das Verhältniss auszumitteln, mass Helm- holtz, nachdem das Weiss in möglichster Vollkommenheit hergestellt war, die Breite des Spaltes, durch welchen die hellere Farbe drang, verringerte diese Breite dann so weit, bis ein vor das Feld gehaltenes Stäbchen zwei gleich dunkle farbige Schatten entwarf und mass die Breite dann aufs Neue. Die beiden Breiten gaben annähernd das Verhältniss der Helligkeit beider Componenten im Weiss. Die Resultate fielen übrigens, wie.diess nach den S. 476 angeführten Thatsachen über das abgeänderte Helligkeitsverhältniss von Pigmenten bei verschieden starker Beleuchtung zu erwarten war, bei ungleicher absoluter Lichtstärke verschieden aus. Bei geringerer Lichtstärke treten die brechbareren Farben relativ ins Uebergewicht. Die folgenden Zahlen haben daher nur die Bedeutung approximativer Mittelwerthe.

bei starkem bei schwachem Bezüglich des aus den einfachen Complementärfarben Roth und Grün- blau zusammengesetzten Weiss bemerkt Helmholtz, das Auge sei sehr empfindlich für Beimischungen von sehr kleinen Mengen der einfachen Farbe zu dem Weiss. Wenn man das aus beiden gemischte Weiss nicht ziemlich lichtschwach macht, behält es immer ein fleckiges und veränderliches An- sehen. »Dann veränderte sich auch die Mischfarbe etwas mit dem Orte der Netzhaut, der ihr Bild empfieng. Schon Purkinje hat darauf aufmerksam gemacht, dass die Seitentheile der Netzhaut eine andere Empfindlichkeit für Farben haben, als die Stelle des directen Sehens der gelbe Fleck. Hatte ich — sagt Helmholtz — Roth und Grünblau so verbunden, dass das von ih- nen gemeinschaftlich beleuchtete Feld so gut als möglich weiss erschien, und eher das Roth überwog, so wurde es sogleich entschieden grün, wenn ich einen neben dem hellen Felde liegenden Punct des Papieres fixirte. Das- selbe war der Fall, wenn ich das Auge so nahe heranbrachte, dass das Feld der Mischfarbe einen sehr grossen Theil des Gesichtsfeldes bedeckte, also ausser dem gelben Flecke auch viele andere Theile der Netzhaut das Bild aufnahmen. Bei diesem Versuche kann die Farbenzerstreuung bei der Bre- chung im Auge in der Mitte eines so grossen Feldes keinen Einfluss haben. « 19) Der charakteristische Eindruck der Farben verschwindet Be Wu immer mehr und nähert sich dem Weiss, wenn man die von der Amplitude der Schwingungen abhängige Stärke derselben ver- mehrt, oder sie einer anhaltenden Betrachtung unterwirft, umge- kehrt kann Weiss durch anhaltende Betrachtung farbig werden, wogegen der Eindruck der Tonhöhen nichts Entsprechendes zeigt.

Auf den Einfluss der Stärke bezügliche Erfahrungen an Farben machte. ıch bei meinen Versuchen über die Nachbilder *).

»Lüässt man das (in ein finsteres Zimmer durch ein Loch im Laden ein- gelassene) Sonnenlicht durch ein farbiges Glas auf die gegenüberstehende Wand eines finsteren Zimmers fallen, so zeigt es sich bekanntlich deutlich von der Farbe des Glases. Nicht so, wenn man direct durch ein farbiges Glas in die Sonne blickt. Welches Glas man auch anwenden mag, so er- scheint doch das Sonnenbild nur wenig gefärbt, fast weiss oder gelb und höchstens in schwachem Grade nuancirt es sich durch die Farbe des Glases. Mit solchem, zwar intensiven, aber nur schwach farbigen Lichte erscheint dann auch in der Regel die erste Phase des Nachbildes, obschon sie anderen Male auch gleich anfangs deutlicher die Farbe des Glases an sich trägt. « Entsprechende Erfahrungen an Spectrumfarben, die durch ein Prisma erzeugt sind, hat Helmholtz in seiner Abhandlung gegen Brewster**) bekannt gemacht und dabei manche nähere Bestimmungen gegeben. Er er- klärt es für Thatsache, dass bei blendender Helligkeit alle Farben weiss zu werden oder sich dem zu nähern scheinen, was am leichtesten mit Violet, am schwersten mit Roth gelingt. Violet geht schon bei einem sehr erträg- lichen Grade von Helligkeit durch ein bläuliches Grauweiss in Weiss, Blau bei einem etwas höheren durch Blauweiss in Weiss über. Ebenso nähert sich Grau bei wachsender Helligkeit durch Grüngelb, und Gelb durch Gelb- weiss einem blendenden Weiss. Roth wird bei seinem höchsten Glanze nur hellgelb. Man sieht diese Aenderungen eben so an reinen, isolirten Farben des Sonnenspectrum, wie an den zusammengesetzteren der farbigen Gläser. Vergleiche auch hiezu die S. 269 mitgetheilten Angaben desselben in Pogg. XCIV. 13.

Dass Farben durch anhaltende Betrachtung unscheinbarer werden, mithin der Farbeneindruck derselben mehr und mehr erlischt, ist bekannt. Besonders interessant und instructiv in dieser Hinsicht ist folgende Ver- suchsform, welche Moser (Pogg. LVI. 494) nach Brewster***) dafür anführt.

»Am entschiedensten dafür spricht ein interessantes Experiment, wel- ches man Brewster verdankt, und welches sich leicht genug bestätigen lässt. Man betrachte das Spectrum einer Lichtflamme durch das Prisma an- haltend, so verschwindet zuerst das Roth und Grün und etwas vom Blau, sieht man immer weiter, ohne das Auge zu verrücken, dann verschwindet **) Pogg. Ann. LXXXVT. 504 fl. *»*) Die Originalangaben von Brewster sind mir nicht bekannt.

Ba. — a ru u re Be sogar das Gelb, geht in Weiss über, so dass man statt der prismatischen Farben nur ein gleichmässig weisses, lüngliches Bild der Flamme erblickt.

Wie gesagt, dieser merkwürdige Versuch gelingt ohne alle Schwierigkeit, und, wie ich beobachtet habe, am schnellsten, wenn man das obere Augen- lid mit der Hand fixirt und am Herunterschlagen hindert. Hat man das weisse Bild nach etwa 4 Minute erreicht und lässt man das Augenlid fallen, indem man das Auge sogleich wieder öffnet, so erscheint für einen Moment das Spectrum mit seinen Farben, um dann rasch wieder dem weissen Lichte Platz zu machen.« Moser stellt diesen Versuch damit zusammen, dass auch bei den sonst von einander abweichenden daguerreotypischen Wirkungen der verschiede- nen Farbenstralen »eine gleichmässige Wirkung aller Farben, das Gelb und Grün mit eingeschlossen, auf dasSilberjodid sicher in einem Falle statt- findet, wenn sie nämlich anhaltend wirken, indem sie dann das Jodid dahin bringen, die Quecksilberdämpfe zu condensiren und es bei weiter fortgesetz- ter Einwirkung schwärzen,« Das allmälige Verblassen der Farben bei anhaltender Betrachtung ist um so merkwürdiger, als umgekehrt Weiss durch anhaltende Betrachtung farbig wird.

In dieser Beziehung erinnere ich hier an folgende, von mir selbst ge- machte Beobachtungen *®).

»Der dunkle Schleier, mit dem sich ein auf schwarzem Grunde ange- schautes weisses Papier allmälig überzieht, ist nicht rein grau, sondern klingt durch verschiedene Farben ab. Besonders deutlich stellt sich das Phänomen dar, wenn man den Versuch in directem Sonnenlichte vornimmt. Richte ich, nachdem ich die Augen eine Zeit lang geschlossen gehalten, um die Nachwirkung früherer Eindrücke zu beseitigen, dieselben auf das weisse, im Sonnenscheine auf schwarzem Papiere liegende Feld, so kann ich in den ersten Momenten, vermöge einer Art Blendung, überhaupt kein sicheres Ur- theil über das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein einer Färbung fällen; doch scheint sich mir in der That eine solche erst nach einiger Zeit zu ent- wickeln. Bald nämlich färbt sich das Papier entschieden gelb, dann blau- grau oder blau, ohne dass ich, bei oftmaligen Versuchen, eine Ueber- gangsstufe durch Grün hätte wahrnehmen können, endlich rothviolet oder roth. Die gelbe Phase ist die kürzeste; die blaue dauert oft ziemlich ‘lange, ehe sie in die folgende übergeht. Nach der rothen oder rothvioleten habe ich keine weitere wahrnehmen können; obschon ich den Versuch bis zu grosser Anstrengung des Auges fortgesetzt habe. Auch im verbreiteten Tageslichte habe ich die angegebene Succession der Färbungen oft wahrge- nommen, obschon einmal mit grösserer Entschiedenheit, als das andere Mal; die beiden letzten Färbungen erkannte ich hier in der Regel leichter, als die erste gelbe. Die rothviolete oder rothe Tinte der letzten Phase sieht man häufig, besonders im verbreiteten Tageslichte, mit Grün melirt, und bei nä- herer Betrachtung findet sich, dass diess die schattigen Stellen des Papieres sind, welche von den kleinen Unebenheiten desselben abhängen. « Szokalski*) hat eine entsprechende Beobachtung gemacht, indem er sagt: »Wir legen ein viereckiges Stück weisses Papier auf einen schwarzen Grund, erleuchten das Ganze durch ein weisses Licht und richten unsere "Blicke aufmerksam auf das Viereck, indem wir eine solche Stellung einneh- men, dass das Licht nicht direct unsere Augen trifft. Wenn wir auf diese Weise das Papier einige Secunden unverwandten Blickes betrachtet haben, wird es eine gelbe Farbe, und wenn wir den Versuch weiter fortsetzen, nach und nach eine grünliche, hierauf eine blaue Farbe annehmen und zu- letzt ganz aufhören, sichtbar zu sein.« Diese unabhängig von der meinigen gewonnene Erfahrung scheint mir in Betreff ihrer wesentlichen Uebereinstimmung im Farbenwandel mit der meinigen um so beachtenswerther, als sich dieselbe Uebereinstimmung zwi- schen Szokalski und mir nicht in der Weise, wie das Nachbild von Weiss abklingt, findet, worüber ich hier in kein weiteres Detail eingehe. Doch führt er eine Zwischenstufe von Grün auf ‚ die ich nicht bemerken konnte, und die Erscheinung ist bei ihm nicht bis zur letzten, der rothen, Phase ge- diehen.

20) Der Eindruck der Farben lässt im Auge den Eindruck der Gomplementärfarben nach und führt solchen in der Nachbarschaft mit; wovon sich nichts Entsprechendes im Gebiete der Töne findet.

21) Farben, die auf correspondirende Stellen beider Netz- häute treffen, vermögen unter geeigneten Massnahmen den Ein- druck derselben Mischfarbe zu geben (Complementärfarben z. B. sich zu Weiss zusammenzusetzen), als wenn sie auf einer identi- schen Stelle zusammentreffen, wogegen Töne, die gesondert in beide Ohren eintreten (nach Dove's Erfahrungen **) nicht ver- mögen, denselben Combinationston zu geben, welcher entsteht, wenn sie vor demselben Ohre erzeugt werden.

»Von zwei, eine reine Quinte gebenden, Stimmgabeln wurde die eine vor das rechte Ohr gehalten, die andere vor das linke. Der als tiefere Octave aus der Combination beider Schwingungssysteme entstehende Tartini’sche Ton wurde nicht gehört, aber sehr deutlich, wenn beide Gabeln vor dem- selben Ohre standen. « Man hat bestritten, dass sich Complementärfarben auf correspondiren- den Netzhautstellen zum Eindrucke von Weiss combiniren können, undin der That überwiegt leicht abwechselnd bald der Eindruck der einen, bald der anderen der componirenden Farben, was die Erscheinungen des sog. Wettstreites giebt. Inzwischen ist die Combinirbarkeit zu Weiss namentlich *) Ueber die Empfindungen der Farben. S, 44. **) Pogg. CVII. 653.

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durch die Erfahrungen von Dove*), Foucauld und Regnault**) und meine eigenen unter geeigneten Massnahmen ausser Zweifel gesetzt, und eben so vermögen sich andere als Complemenlärfarben auf correspondirenden Stellen zur reinen Mischfarbe zu verbinden, wenn man den Wettstreit auszu- schliessen vermag oder sich derselbe beruhigt hat. ***) 22) Wir sind nicht eben so im Stande, willkührlich ein Dop- pelthören als ein Doppeltsehen zu erzeugen. _ 23) Wenn der Schall in ein Ohr allein oder stärker als in das andere dringt, so vermögen wir sehr wohl zu unterscheiden, welches beider Ohren das allein oder vorzugsweise affıcirte ist; hingegen vermögen wir nicht zu unterscheiden, von welchem bei- der Augen ein Object gesehen wird.

Eine Zusammenstellung der hieher gehörigen Thatsachen und Verhältnisse habe ich in meiner Abhandlung » Ueber einige Ver- hältnisse des binocularen Sehens« in der Abhandl. der sächs. Soc. math.-phys. Cl. Bd. V. S. 545 fl. gegeben.

c) Annahmen, welche nöthig scheinen, die vorigen Puncte der Uebereinstimmung und Verschiedenheit zu erklären.

Es ist die Aufgabe gestellt worden, das psychisch Ueberein- stimmende und Verschiedene der Licht- und Schallempfindung mit dem physisch Uebereinstimmenden in Beziehung zu setzen, und die Psychophysik kann sich dieser Aufgabe nicht entziehen. Aber nur die äusseren physischen Verhältnisse sind unserer Be- obachtung unmittelbar zugänglich und konnten demnach auch nur im Vorigen berücksichtigt werden; eine genügende psycho- physische Theorie aber wird schliesslich auf die inneren Verhält- nisse zurückzugehen haben, und das Princip dieses Rückganges wird nur das sein können, dass wir von einer Seite her nach den äusseren physischen Verhältnissen, von denen die inneren ab- hängen, von anderer Seite her nach den Empfindungsverhältnis- sen, die von den inneren physischen Verhältnissen abhängen, auf diese selbst schliessen; und was von einer Seite her unbe- *) Berl. Monatsber. 1844. S. 251 oder Pogg. LXXI. 441. *#*) Vgl. Völckers in Müller’s Arch. 4838. S. 64; Prevost in Pogg. LXII. 1844. S. 566; A. Seebeck in Pogg. LXVII. 4846. S. 455; Brücke in Pogg. XC. 1853. S. 606; Dove in Pogg. CI, 8.147.

kannt und unsicher bleibt, von der anderen Seite her zu ergänzen suchen.

So lange diese Ergänzung noch Lücken oder Zweifel lässt, bleibt das, was wir so erschliessen, nur Hypothese, und wir stehen in dieser Hinsicht hier überall noch mehr oder weniger auf dem Standpunkt der Hypothese; es kann aber doch nützlich sein, vor Erlangung der Gewissheit das Wahrscheinlichste aufzu- suchen, indem der Weg zur Gewissheit in diesem Gebiete überall nur durch die Prüfung des Wahrscheinlichsten gehen kann, und eine scharfe Gränze zwischen wahrscheinlichster Hypothese und Gewissheit hier überall nicht zu ziehen sein wird. Diesen Weg, das Wahre zu finden, verwerfen, heisst darauf verzichten, es hier zu finden.

Auch ist es nicht das psychophysische Interesse allein, was zu gewissen Voraussetzungen über die Natur der psychophysischen Thätigkeiten hindrängt, welcheunseren Empfindungen unterliegen, sondern hiemit zugleich ein physikalisches und physiologisches; und selbst die exactesten Forscher haben sich, wie man aus un- ten folgenden Anführungen ersehen kann, veranlasst gefunden, die Beobachtung in diesem Gebiete durch nothwendig erschei- nende Hypothesen zu ergänzen.

Aus diesem Gesichtspuncte stelle ich nun auch im Folgenden einige, theils schon früher von Anderen als nothwendig erachtete, theils durch die eigene Untersuchung der Sachverhältnisse mir nothwendig erscheinende Hypothesen zum Zwecke der weiteren Prüfung auf. Die Zahl derselben, es sind deren fünf, darf nicht erschrecken, denn die vier letzten sind blos nähere Bestimmungen der ersten, der Grundhypothese, welche durch einen Nexus von Thatsachen zusammengehalten werden, so dass sie sich nicht so- wohl aufeinander, als gemeinsam auf diesen Nexus stützen. Keine ist noch so sicher, dass sie Anerkennung erzwingen könnte; doch ist auch keine leichthin nach einer einzelnen Betrachtung aufge- stellt.

Die erste, die fundamentale, Hypothese ist die, dass die Thätigkeiten in unserem Nervensysteme, welche durch den Licht- und Schallreiz ausgelöst werden, und von welchen die Licht- und Schallempfindung functionell abhängt, nicht minder als der \ Reiz selbst auch unter der Form von Schwingungsbewegungen \ zu denken sind.

a Zur Rechtfertigung dieser Hypothese ist zuvörderst darauf hinzuweisen, dass eine Vorstellung über die Natur der Bewegun- gen, an welche sich unsere Empfindungen knüpfen, als Unterlage aller weiteren Untersuchung nöthig ist, so dass es sich nur darum handeln kann, die aufzustellen, welche den Thatsachen und dem Bedürfniss der Erklärung am besten entspricht. Nun sind der Licht- und Schallreiz oscillirend, und da weder ein theoretischer noch Erfahrungsgrund vorliegt, Zwischenmittel der Uebertragung anzunehmen, wodurch auch wohl eine schwingende Bewegung in eine progressive umgesetzt werden kann, so wird schon von dieser Seite die oscillirende Natur der, unserer Licht- und Schall- empfindung unterliegenden, Bewegungen wahrscheinlich. Selbst wenn man die durch Licht- und Schallreiz erweckten Verände- rungen als chemische fassen will, wie sie wohl sein könnten, oder womit sie wenigstens verbunden sein könnten, werden diese in letzter Instanz auf Veränderungen in den Molecularverhältnissen zu reduciren sein, welche, sofern sie durch Schwingungen ange- regt und unterhalten werden, kaum anders als selbst unter Form von Schwingungsbewegungen gedacht werden können; wobei es fur die meisten Fragen vorerst dahin gestellt bleiben kann, in wie- fern diese vielmehr auf die wägbaren oder unwägbaren Theile des Nerven zu beziehen sind. Unstreitig können nach den Kraft- beziehungen zwischen den wägbaren und unwägbaren Theilchen beider Bewegungen überhaupt nur in einem gewissen Zusammenhange erfolgen, wobei sich doch unter Umständen die wägbaren Theilchen als relativ feste Centra gegen die unwägbaren ver- halten könnten.

Was von einer Seite her als wahrscheinlich erscheint, er- scheint von der anderen Seite her als nothwendig, sofern es über- haupt nicht möglich sein würde, mit Verhältnissen einer progres- siven Bewegung die Verhältnisse der Empfindungen in functio- nelle Beziehung zu setzen, wohl aber mit Verhältnissen e'ner 0s- cillirenden Bewegung, wie das 32. Kapitel gezeigt hat. Uebrigens ist die Hypothese mit Fleiss von vorn herein so allgemein gehalten, um Auelyden Bedürfnissen dessen, was es im Besonderen zu 4 / vas/ repräsentiren gilt und die Thatsachen im Besonderen fodern, noch die verschiedensten näheren Bestimmungen zuzulassen.

Auch haben die gründlichsten Forscher, soweit sie über- haupt auf die Natur der, durch den Licht- und Schallreiz in unseren Nerven auszulösenden Bewegungen Bezug genommen, was bei physikalischen und physiologischen Fragen mitunter nicht umgangen werden kann, sich stets zu derselben Hypothese be- kannt, und sind zum Theil schon auf nähere Bestimmungen der- selben eingegangen.

Besonders bemerkenswerth ist, dass selbst Newton, ungeachtet er die ganze objective Lichtlehre nach dem Emissionssysteme darstellte, sich veranlasst fand, an Schwingungen in den Nerven als Unterlage der Lichtem- pfindung zu denken, wobei er nur den Ausdruck Frage (Quaestio) für un- seren Ausdruck Hypothese braucht; indem er (Optica, lib. III) sagt: »Quaestio,. 42, Annon radii luminis, incidendo in fundum oculi, ex- citant vibrationes quasdam in (unica retina, quae quidem vibrationes, pro- pagatae inde per solidas nervorum oplicorum fibras in cerebrum usque, sensum ibi videndi excitent? Nam, quandoquidem corpora densa conser- vant calorem suum diulius, et ut quodque corpus densissimum est, ita calo- rem suum diulissime conservat; ulique vibrationes parlium suarum natura sunt durabili, adeoque propagari possunt in longinqua usque spalia per so- lidas materiae uniformis ac densae fibras, ad transmiltendos in cerebrum vi- delicet molus sensuum omnium organis impressos...Quaestio 43. Annon radii diversorum generum vibrationes excitant diversa magnitudine; quae scilicet vibrationes,. pro sua cujusque magnitu- dine, sensus diversorum excitent colorum;; simili fere ratione, ac vibrationes aöris, pro sua itidem ipsarum diversa magnitudine, sensus sonorum excitant diversorum? Et nominalim, annon radii maxime refrangibiles, vibrationes excitant brevissimas, ad sensum movendum coloris violacei saturi; radii minime refrangibiles, vibrationes longissimas, ad sensum coloris rubri sa- turi; et radii generum omnium intermediorum, vibraliones comparate inter- medias, ad sensum colorum diversorum intermediorum excitandum?

Quaestio 44. Annon fieri potest, ut harmonia et discordia colorum oriatur e proportionibus vibrationum propagatarum per nervorum oplicorum fibras in cerebrum; similiter ac harmonia et discordia sonorum orilur e proporlionibus vibrationum aeris? Sunt enim alii colores, si juxta se invi- cem positi simul inspiciuntur, oculis grati, ut auri et indici, alii autem mi- nus grali.« Grailich, in s. Abhandl. über d. Theorie der gemischten Farben XII. sagt: pP: 247. »Jede der einzelnen Bewegungen (des Aethers) trifft endlich ein Nervenelement, dem wir mit demselben Rechte transversale Schwingungen zuschreiben dürfen, wie dem Aetherpuncte selbst; es wäre in der That schwer einzusehen, warum in dem Seh-Apparate die übertragenen Bewe- gungen anderer Art sein sollten, als in dem die Bewegung bis dahin vermit- telnden Medium etc.« Und p. 259: »Die Entscheidung konnte aus dem Cal- cul nicht gezogen werden, und ich musste auf den Act des Sehens zurück- gehen. Es scheint aber, dass, sobald man annimmt, die Bewegung des Aethers theile sich den Nervenelementen mit und versetze diese in eine ähnliche schwingende Bewegung, es auch mit Nothwendigkeit folge u.s. w.« Die Aufstellang und Gestaltung der Hypothese durch W. Herschel, Melloni und A. Seebeck ist schon $. 262 ff. mitgetheilt worden, Von vorn herein könnte man freilich bezweifeln, dass sich mit dieser Hypothese der Bedingung, die Verhältnisse der Em- pfindung physisch zu repräsentiren, überhaupt genügen lassen wird, falls man die. Aufgabe in der Allgemeinheit fasst, die ihr der Natur der Sache nach zukommt. Denn man scheint von vorn- herein verzweifeln zu müssen, mit den Verhältnissen der Ueber- einstimmung zwischen den Empfindungsgebieten von Licht und Schall auch die der Verschiedenheit repräsentiren zu können, welche wir besprochen haben. Was steht uns bei Schwingungen überhaupt zu Gebote, wovon sich Verschiedenheiten der Empfin- dung functionell abhängig machen liessen, als Verschiedenheiten in der Natur des schwingenden Mediums, Verschiedenheiten in der Schwingungsamplitude, Schwingungsdauer und Schwingungs- form; aber können auch hievon so fundamentale Unterschiede ab- hängig gemacht werden, als zwischen Gesichts- und Gehörsem- pfindung bestehen? Wenn Aether- und Lichtschwingungen ganz verschiedenen Medien angehören, und wenn schon denkbar wäre, dass jene sich nur dem Unwägbaren, diese dem Wägbaren im Nerv mittheilen, so würde es doch misslich sein, Verschiedenheiten der Materie eine derartige Qualitas occulta beizulegen, dass Verschie- denheiten der Empfindung daran hängen könnten, sofern nicht verschiedene Bewegungsweisen daran hängen. Wenn die Ampli- tude und Schwingungsdauer der Lichtschwingungen ungeheuer viel kleiner als die der Luftschwingungen ist, und nicht unwahrscheinlich etwas Entsprechendes bei den dadurch in den Nerven angeregten Schwingungen stattfindet, fruchtet diess doch nichts, den Grund-Unterschied in der Qualität beider Empfindungen zu erklären. Denn durch Verkleinerung der Amplitude und Schwin- gungsdauer bei Tönen, Farben ändert sich immer nur die Stärke und Höhe der Tonempfindung, Helligkeit und Qualität der Farben- empfindung, aber es bleibt Tonempfindung, Farbenempfindung, und zeigt sich nicht die mindeste Tendenz zum Uebergange zwischen beiden. Was endlich die Form anlangt, so können Lichtschwin- gungen äusserlich geradlinig, eirculär, elliptisch sein, es bleiben Lichtschwingungen. Eben so können Schallschwingungen äus-