SigPhi · Gustav Theodor Fechner

Elemente der Psychophysik, Band 2

German

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Diess allgemein gesprochen; aber besondere Auffassungen können freilich dazu nöthigen. Das Herbart’sche System könnte vielleicht noch stehen, trotzdem, dass die Ansicht vom einfachen Seelensitze fällt, sollte es sonst bestandfähig sein; weil es nicht an diese Ansicht streng gebunden sein mag, wenn sich gleich ihr Urheber daran gebunden hat; anders aber scheint es mit dem Lotze’schen Systeme. Denn Lotze*) identihieirt die einfachen Seelenwesen mit den einfachsten Elementen der Körperwelt, als welche innerlich die Seelenerscheinungen zu geben vermögen, indess sie nach aussen nur physische Erscheinungen vermitteln; und unsere Seele selbst ist blos ein seinem Wesen nach gleichar- tiges, seiner Stellung und inneren Entwickelung nach bevorzugtes Atom inmitten des Systemes der an sich ihm ebenbürtigen gleich seelischen Körperatome **). Hier wird die Ansicht vom einfachen Seelensitze eine nothwendige, da zuzugestehen ist, dass ein einfaches Atom für sich allein nicht Kraft haben kann, auf merk- bare Strecken einen Zusammenhang ausgedehnter merkbarer Be- wegungen zu unterhalten, wonach (bei Ausschluss mystischer Ver- mittelungen) nur das Princip des auf Molecularwirkung rückführ- **) Wie mir gesagt worden, hat Drosbach in den Schriften »die Har- monie der Ergebnisse der Naturforschung mit den Foderungen des mensch- lichen Gemüthes« und »die Genesis des Bewusstseins nach atomistischen Principien« unabhängig von Lotze eine ähnliche Ansicht aufgestellt; doch kenne ich diese Schriften nicht aus eigener Ansicht.

< baren Stosses an die Nachbaratome und von Seiten der Nachbar- atome her übrig bleibt, den Zusammenhang zwischen der Seele und ihrem Körper zu vermitteln.

Die Ansicht Lotze’s über die Natur der Seelen und ihre Be- ziehung zur Körperwelt ist unstreitig philosophisch möglich; aber. es stehen ihr so viele andere philosophische Ansichten darüber entgegen, dass die Entscheidung zwischen ihnen erst zu suchen, ehe eine Entscheidung danach zu fällen ist. Ich glaube selbst, dass man, um weder bei einer Halbheit noch Einseitigkeit stehen zu bleiben, noch in der Orientirung über die Wirklichkeit zu einer unfasslichen Hinterwirklichkeit zurückzugehen, in letzter Instanz nur zwischen den zwei fundamental entgegengesetzten Ansichten zu wählen hat, entweder die ganze Seelenwelt der Zerspaltung der daran geknüpften Körperwelt gemäss bis in das Letzte in Lotze's Sinne zu spalten und wieder durch etwas, was geistähnlich, doch nicht Geist ist, zu verkitten, oder die ganze Welt in unserem Sinne von vorn herein einheitlich durch einen Geist zu verknüpfen und zu gliedern. Die eine wie die andere dieser Ansichten kann con- sequent in sich entwickelt, mit unseren allgemeinsten Interessen in Bezug gesetzt werden *); man kann sich in die eine und die andere so hineinleben, dass sie ganz natürlich, die gegentheilige ganz unnatürlich scheint. Woher soll dann die Entscheidung kommen?

Ich glaube, es wird hier sein, wie es in der Physik mit der Undulations- und Emissionstheorie gewesen: jede hat sich conse- quent in sich zu einer vollständigen Theorie entwickelt; jede hat ihre Vertreter gehabt, noch jüngst stand Biot für die eine, indess Fresnel für die andere; woher ist endlich die Entscheidung doch gekommen? Daher, dass die Foderungen, welche beide Theorieen an die Erfahrung stellten, in gewissen Puncten auseinanderwichen, in wenigen, jedoch fundamentalen; und die Erfahrung hat der ei- nen Recht gegeben. Solche Puncte aber scheinen mir bezüglich des Streites, um den es sich hier handelt, in denen vorzuliegen, welche sich auf die Frage nach der Einfachheit oder Ausdehnung des Seelensitzes beziehen, und ich halte es für einen günstigen Umstand, dass sich hier einmal die so seltene Möglichkeit zeigt, *) Es ist von Lotze in seinem Mikrokosmus, von mir in meiner Schrift Zend-Avesta versucht worden.

Fechner, Elemente der Psychophysik, II. 27 zwischen philosophischen Systemen durch Thatsachen zu ent- scheiden.

Der Hauptvortheil der monadologischen Systeme, wozu das Lotze’sche gehört, möchte darin liegen, dass es ihnen am leich- testen fällt, die Unzerstörbarkeit der Seele zu behaupten, indem die Einfachheit der Monade kein Zerfallen erlaubt. Nun können einfache Mittelpuncte, Schwerpuncte zwar nicht zerfallen, aber doch verschwinden, wenn das, wozu sie gehören, zerfällt; und insofern schiene diese Sicherstellung doch nur scheinbar, aber in- dem jene Systeme eine Selbständigkeit der Monaden oder einfachen Wesen postuliren oder durch das einfache Atom hypostasiren, er- scheint auch die Unsterblichkeit der Seele auf die einfachste Weise gesichert. Nach Erfahrung zwar kann die Seele trotz ihrer voraus- gesetzten Selbstbestandfähigkeit nur unter besonderen Bedingun- gen der Leiblichkeit thätig und wach sein, und hiemit kehrt im Grunde für die monadologische Ansicht die ganze Schwierigkeit jeder anderen Ansicht wieder, wie es nun möglich werde, nach dem Tode das ohne Leib zu leisten, was sie im Leben nur mit ei- nem Leibe leisten konnte, oder wo sie einen neuen Leib finden könne. Jedoch die nächstliegende Schwierigkeit ist einfach über- wunden.

Aber die einfachsten Wege sind nicht immer die trifiigsten und die erste und einfachste Befriedigung nicht immer die zuläng- lichste. So unzerstörbar ein Punct ist, so unzerstörbar ist der Zu- sammenhang des Ganzen und die causale Auseinanderfolge in dem Ganzen, dessen Theil unser System ist. Und wenn unsere Seele schon im Diesseits nicht von einem Puncte, sondern von einem sich stets ändernden und wechselnden und bis zu gewissen Grän- zen wachsenden Theile des ganzen Zusammenhanges getragen wird, so kann sie im Jenseits auch von einem anderen und weite- ren Kreise dieses unzerstörbaren Zusammenhanges getragen wer- den. Aber ich habe anderwärts hierüber genug gesagi*) und es ist hier nicht der Ort, mehr darüber zu sagen.

Mag die monadologische Ansicht hier den Vortheil der ein- facheren, wenn auch nicht zulänglicheren, Antwort auf eine schwere Frage behalten, so fällt ihr dagegen um so schwerer die Antwort auf eine andere schwere Frage. Wenn jeder Geist in einem Puncte sitzt, sitzt auch der göttliche in einem Puncte? und sitzt aller Geist in Puncten, was bindet die Welt, den Zusammen- hang der Puncte? Die Ansicht vom ausgedehnten Seelensitze der endlichen Geister braucht sich selbst nur consequent zu bleiben, um zur Ansicht eines allgegenwärtigen bewussten Gottes zu wer- den, und in ihm das Band aller Dinge zu sehen. Die monadologi- sche Ansicht kann es nicht wagen, ohne ein fabelhaftes Ansehen zu gewinnen, Gott an einen Punct unter anderen Puncten zu knü- pfen, und so kehrt ihr nur die gesteigerte Aufgabe an den Scharf- sinn wieder, die Ansicht dieses fabelhaften Aussehens zu entklei- den, Gott dennoch oder irgendwie ein Substitut für Gott zu finden und sich leidlich dadurch mit dem religiösen Glauben abzufinden, oder die ganze Frage in's Dunkel und in den Hintergrund zu schieben.

Die monadologischen Vorstellungsweisen von Leibnitz und Herbart will ich hier nicht reproduciren;; ersterer hat sein Band der Dinge und der Wesen in der prästabilirten Harmonie; letzterer hat kein eigentliches Band der Dinge. Ä / Lotze sucht das Bedürfniss eines allgemeinen Bandes der Dinge (Mikr. 1. 413 ff. II. 45 ff.) durch die Ansicht einer »unendlichen Substanz« oder ei- nes »substanziellen Unendlichen« zu erfüllen, in dessen Wesen alle Gesetze, aller Causalzusammenhang der Dinge mit diesen selbst begriffen sind, und welches in den einzelnen Erscheinungen und Dingen seinem Wesen nach überall voll gegenwärtig sei; aber doch dieses Wesen in keinem voll kund gebe. »Was (p. 448) jedes einzelne Element leistet, das vermag es nicht, so- fern es dieses Einzelne ist, sondern nur, sofern es diess Einzelne als Erschei- nung dieses Allgemeinen ist.« Man kann versucht sein, diese unendliche Substanz für Gott zu halten, und, wenn ich nicht irre, muss sie oder die Idee des Guten, welche für Lotze das letzte Princip ihres Wirkens und Webens ist, Gottes Stelle vertreten; obwohl es eine empfindliche Lücke bleibt, die doch vielleicht im letzten erst noch zu erwartenden Theile seines Werkes ausgefüllt werden wird, dass er sich nie klar darüber ausspricht. Wenn er mancher Orten (Il. p. 424.432, 435) der unendlichen Substanz Willen, Ab- sichten beizulegen scheint, solche sich selbst Gesetze geben lässt, so fin- det man anderwärts (Mikr. 1. 448) das Wesen der unendlichen Substanz ausdrücklich nur mit dem Wesen der Seele verglichen, doch nicht iden- tifieirt; auch könnte diess ohne Abbruch der Consequenz nicht wohl gesche- ‚hen. Nun scheint mir aber, wenn ich einmal so vielfach genöthigt bin, das Wesen der unendlichen Substanz als Bandes aller Puncte mit dem bewussten Seelenwesen zu vergleichen, die Consequenz zu fodern, dass man umgekehrt die Natur des Seelenwesens jenem Vergleiche mit der unendlichen Substanz gemäss vorstelle, d. h. sie nicht an einen Punct binde, sondern als Band der Puncte fasse, und dann natürlich umgekehrt das Band der Dinge nicht als bewusstlose Substanz mit dem Wesen des bewussten Geistes blos zu vergleichen, sondern wirklich demselben gemäss vorzustellen, So scheint mir auch hier die Ansicht nothgedrungen halb auf den Weg ein- zugehen, den sie nur ganz zu gehen hätte, um sich consequent zu bleiben, hiemit aber freilich aufzuheben.

Gesetzt nach Allem, der Scharfsinn feierte den Triumph der Ueberwindung aller Schwierigkeiten, welche der Ansicht vom ein- fachen Seelensitze Seitens der Erfahrung entgegenstehen, die Kunst der Darstellung vermöchte die ganze Schwierigkeit zu beschwich- tigen oder zu verheblen, die sich einer befriedigenden oder nur möglichen Fassung göttlichen allgegenwärtigen ‚bewussten Daseins bei dieser Ansicht entgegensetzt, was aber wäre für die Psycho- physik damit gewonnen? nur die Ueberwindung eines Berges von Schwierigkeiten, um in eine für sie dunkle Sackgasse zu gelangen und beim nächsten Schritte an die Wand zu stossen; indess die Ansicht vom ausgedehnten Sitze der endlichen Geister, mit der Ansicht vom ausgedehntesten Sitze des unendlichen Geistes in Rückhalt, in ein offenes und fruchtbares Feld erfahrungsmässiger Untersuchung tritt, wo der Scharfsinn auch Aufgaben findet, aber | Aufgaben, deren Lösung wirklich vorwärts führt, In der That kann auf den ganzen Gang, den wir im Folgen- den gehen werden, Seitens der Ansicht vom einfachen Seelen- sitze von vorn herein gar nicht einmal eingegangen werden; viel- mehr nur einfach gesagt werden: hier ist nicht mehr zu gehen. Aber wenn wir doch wirklich an der Hand unserer Ansicht gehen, mit Erfolg und Aussicht weiterer Erfolge gehen können, warum sollten wir nicht gehen?

Demgemäss wird dem Folgenden die Ansicht vom ausgedelın- ten Seelensitze zu Grunde gelegt werden.

Man kann es vielleicht befremdend finden, dass ich in voriger Auseinandersetzung vielmehr auf Lotze, als auf Herbart Bezug genommen. Herbart's Ansicht ist mir nicht so fremd, dass es nicht eingänglicher hätte geschehen können *); aber ich hielt es nicht am Platze. Denn Herbart's einfache Wesen sind hyper- physische oder hinterphysische, sein intelligibler Raum ist es nicht minder, das Verhältniss desselben zu dem wirklichen Raume hat er selbst für seine erklärtesten Anhänger nicht zu einer in sich *) Das wesentlichste hieher Gehörige findet sich in s. Lehrb. d. Psychol., sämmtl. Werke. Th. V. 444 und Th. VI. 390 f.

_ widerspruchslosen Klarheit zu erheben vermocht, wonach die ganze Frage nach dem Orte der Seele einen unklaren Hintergrund behält; auf die anatomischen und physiologischen Schwierigkeiten der Frage geht er nicht ein, und ein Streit mit seiner Metaphysik ist natürlich keine Sache dieser Schrift. Hiegegen bietet Lotze's Ansicht und Darstellungsweise seiner Ansicht von vorn herein klare und bestimmte gegensätzliche Gesichtspuncte gegen die Ge- sichtspuncte dieser Schrift, welche direct in das Erfahrungsgebiet eingreifen, und ohne Verweisung auf eine erst zu studirende Me- taphysik, wie sie von Herbart an die Physiologen gerichtet wird (Werke V. 144), eine Auseinandersetzung mit ihm gestatten. Uebri- gens hat die Lotze’sche Ansicht, abgesehen von der bestimmten physischen Hypostasirung der Seelen und dem Bande durch das substantiell Unendliche, was freilich wichtige und nach anderer Seite hin folgenreiche Unterschiede sind, bezüglich des Verhältnis- ses der Seele zum Körper alle wesentlichen Züge mit der Her- bart'schen Ansicht völlig gemein, und das Meiste, was gegen Lotze’s Auffassung geltend gemacht ist, würde sich nicht minder gegen Herbart’s geltend machen lassen.

d) Frage nach der Erstreckung des ausgedehnten Seelensitzes, Nach Feststellung, dass der Seelensitz im engeren Sinne nicht als ein einfacher anzusehen sei, tritt die zweite Hauptfrage auf, wie weit sich seine Ausdehnung erstrecke, ob blos auf das Gehirn und wie weit im Gehirne?

Ein grosses Material von Thatsachen liegt vor, was mit dieser Frage in Beziehung gesetzt werden kann, namentlich in den Ver- suchen an geköpften Thieren. Ich halte es jedoch für bedenklich, auf eine ausführlichere Zusammenstellung und Discussion dieses Materiales hier einzugehen, um zuletzt mit dem Geständnisse zu schliessen, dass bisher kaum etwas mehr mit Sicherheit daraus hervorgeht, als dass nach Massgabe als die Organisations- und Seelenstufe der Thiere sich vereinfacht, die verhältnissmässige Ausdehnung des engeren Seelensitzes wächst, und dass nicht das ganze Nervensystem, respectiv Gehirn gleich bedeutungsvoll für die Seelenfunctionen ist, ohne dass sich, bisher irgendwie scharfe Gränzbestimmungen ziehen lassen. Nach hinreichend bekannten kan.

kan.

Erfahrungen *) dürften Wenige geneigt sein, enthaupteten Insecten Empfindung abzusprechen;; und bei Thieren, wo kein Gebirn vor- handen ist, kann selbstverständlich auch die Empfindung nicht daran geknüpft werden. Die Hauptfrage aber, die noch dem Streite unterliegt, dreht sich um die Wirbelthiere, und in dieser Bezie- hung halte ich es am räthlichsten, die Discussion der Thatsachen und den Streit um ihre Auslegung vorerst noch denen zu überlas- sen, die diese Thatsachen herbeischaffen, d. i. den Physiologen, bis sie sich entweder mehr geeignet zeigen, der Psychophysik Auf- klärung zu gewähren, oder die Psychophysik mehr geeignet sein wird, solche zu leisten. Nur einige allgemeine, wenn auch nicht neue, kritische Gesichtspuncte mögen hier Platz finden.

Die Deutung aller Zeichen, welche für das Dasein von Em- pfindung und Willkühr in enthaupteten Thieren zu sprechen schei- nen, erfodert grosse Vorsicht, und behält stets eine gewisse Un- sicherheit, in Betracht der Möglichkeit, dieselben auch als Folgen einer organischen Einrichtung oder eines Mechanismus anzusehen, der, so lange das Gehirn da ist, mit dessen Empfindung und Will- kühr in Beziehung tritt, aber nach Wegfall des Gehirnes sein Spiel in Folge äusserer oder innerer Anregungen auch noch ohne Em- | pfindung und Willkühr in ähnlicher Weise vollzieht. | Weder vermag eine scheinbare Freiwilligkeit der Bewegungen, noch die Zweckmässigkeit und zweckmässige Abänderung dersel- ben nach Massgabe der Verschiedenheit einwirkender Reize, wor- auf man hauptsächlich sein Augenmerk gerichtet hat, sichere Zei- chen von Empfindung und Willkühr zu gewähren; denn, wenn scheinbar freiwillige Bewegungen in geköpften Thieren ohne Ein- wirkung äusserer Reize entstehen, so ist, abgesehen davon, dass öfters der Reiz der Luft auf den verwundeten Theil solche erzeu- gen kann, auch die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass die in Folge eines organischen Lebensrestes noch fortgehenden und durch die Verwundung selbst hervorgerufenen inneren unzuberechnenden Veränderungen als innere Reize die betreffenden Bewegungen aus- lösen, die dann den Bewegungen des ganzen Thieres sehr ähnlich sein können, weil noch der ganze frühere Bewegungsapparat fort- besteht, ohne dass sie nothwendig mit Empfindung und empfun- *) Treviranus Biol. V. 439. Desselben Erscheinungen und Gesetze des org. Lebens II. 492. Froriep's Tagesber. 4852. Febr. Nr. 467.

Be.

denem Triebe in Beziehung. stehen. Die Zweckmässigkeit und zweckmässige Abänderung der Bewegungen nach Umständen aber kann, soweit sie noch vorhanden ist, in der zweckmässigen Ein- richtung des Organismus selbst begründet sein, indem schon man- che unserer zusammengesetzten Maschinen ihr Spiel von selbst zweckmässig nach Umständen abändern, die zweckmässige Ein- richtung der so viel complicirteren Organismen aber in dieser Hin- sicht unstreitig viel weiter geht.

Was hienach den Einen als Zeichen von Willkühr oder Em- pfindung gilt, gilt den Anderen nur als Spiel eines Mechanismus, sei es eines einfachen Reflexmechanismus oder eines noch compli- cirteren Mechanismus, der im unversehrten Thiere mit dem be- wussten Gehirne in Beziehung steht, davon Einfluss erfährt und darauf Einfluss äussert. Fällt das Gehirn weg, so kann das Spiel gemäss den einmal vorhandenen Einrichtungen dazu noch eine Zeit lang fort gehen, oder sich unter dem Einflusse von Reizen, die den Einfluss des Gehirnes ersetzen, erneuen, ohne aber ferner mit Bewusstsein in Beziehung zu stehen. Die Zeichen der Willkühr sind dann nur scheinbar. Der etwaige Schein der Freiheit hängt an der Unberechenbarkeit, wie zufällige äussere und innere Reize in den complieirten Mechanismus eingreifen, der Schein der Ab- sicht, sich gegen Reize zweckmässig zu stellen und zu benehmen, Schädlichkeiten zu beseitigen und zu vermeiden, an der Zweck- mässigkeit, mit welcher der Mechanismus für den Angriff gewöhn- licher Reize und dieAbwehr gewöhnlicher Schädlichkeiten vorweg eingerichtet ist. Gewöhnung und Uebung im Leben kann selbst viel beitragen, den Mechanismus einzurichten und den nachheri- gen Schein seines absichtlichen Gebrauches zu vermehren.

Inzwischen kann die Gesetzlichkeit, mit welcher Bewegungen in enthaupteten Thieren erfolgen, und die Zurückführbarkeit der- selben auf Reflexphänomene (deren Begriff von Verschiedenen in sehr verschiedener Weite gefasst wird), auch nicht sicher gegen damit associirte Empfindung beweisen, insofern theils eine nach- weisliche Gesetzlichkeit und Zurückführbarkeit auf Reflexmecha- nismus nicht überall besteht, theils kein Hinderniss ist, dass sich Empfindung und psychischer Trieb eben so gesetzlich an Reflex- actionen nach der Enthauptung als vor der Enthauptung knüpfen. Allerdings erfolgen nach Unterbrechung der Leitung vom Rücken- marke zum Gehirne durch Schnitte oder pathologische Zerstörungen noch Bewegungen in den vom Rückenmarke mit Nerven ver- sorgten Theilen nach den Gesetzen der Reflexaction, ohne dass das Hauptbewusstsein,, was mit dem Gehirne in Beziehung steht, etwas davon empfindet; aber man setzt das zu Beweisende voraus, wenn man annimmt, dass nicht in dem Theile, dessen Continuität mit dem Gehirne unterbrochen ist, noch Empfindung für sich ent- stehen und sich eben so gut an die Reflexactionen knüpfen könne, als es bei Dasein des Gehirnes der Fall, da zumal die Phänomene der theilbaren Thiere lehren, dass eine psychische Einheit durch Trennung des Organismus, an den sie geknüpft ist, zwei getrennte Einheiten geben kann, deren keine empfindet, was die andere em- pfindet. Hiemit verlieren die Erfahrungen und Gesichtspuncte, auf welche die Gegner der Empfindung in enthaupteten Thieren sich hauptsächlich stützen, ihre Beweiskraft.

Endlich sind noch zwei Hauptgesichtspuncte als von grosser Wichtigkeit hervorzuheben. Erstens. Wenn selbst erweisbar sein sollte, dass sich an ein vom Gehirne abgetrenntes Rückenmark keine Empfindung und kein psychischer Trieb mehr zu knüpfen vermag, so würde damit doch noch nicht im Geringsten erwiesen sein, dass es, so lange es mit dem Gebirne in Verbindung steht, nicht Antheil an dessen psychischer Function, d.h. an den Bewegungen, welche mit den psychischen Functionen in unmittelbarem Verhält- nisse der Wechselbedingtheit stehen, hat, indem sein Zusammen- hang mit dem Gehirne nöthig, aber auch hinreichend sein könnte, ihm diesen Antheil zu verleihen. Da wir einmal anerkennen müs- sen, dass der engere Seelensitz ein ausgedehnter ist, so ist damit jedenfalls auch die principielle Möglichkeit seiner Mitausdehnung auf das Rückenmark gegeben, so lange diess in Verbindung mit dem Hauptsitze dieser Bewegungen ist, ohne dass dasselbe auch für sich fähig zu sein braucht, solche Bewegungen zu erzeugen oder in sich fortzuerhalten.

Auch sogar jeder Theil des Gehirnes, wenn er vom übrigen abgetrennt ist, vermag nichts mehr für die psychische Function zu leisten, indess er im Zusammenhange mit den übrigen dazu bei- trägt, und man würde consequenterweise eben so jedem Theile des Gehirnes als dem Rückenmarke den Antheil an den psychi- schen Functionen absprechen müssen, wenn man Versuche an Stücken, die vom Uebrigen abgetrennt sind, als massgebend für das, was sie im Zusammenhange zu den Functionen des Ganzen beitragen, halten wollte. Im Principe des organischen Zusammen- hanges liegt vielmehr, dass, wie jeder Theil im Zusammenhange des Ganzen zu dessen Functionen beiträgt, so auch durch diesen Zusammenhang in seinen Functionen gestützt und gehalten oder selbst erst dazu befähigt werde. Hienach kann man behaupten, dass Versuche an enthaupteten Thieren, sollten sie auch Andeu- tungen über das, was ein abgetrenntes Rückenmark zu leisten oder nicht zu leisten im Stande ist, gewähren können, gar keine Beweiskraft haben für das, was es im Zusammenhange mit dem Gehirne zu den psychischen Functionen beiträgt.

Zweitens. Eben so wenig kann der Umstand, dass man die psychischen Functionen des Gehirnes ungestört fortbestehen sieht, wenn eine Unterbrechung zwischen Gehirn und Rückenmark eingetreten ist, wovon mehrfache pathologische Erfahrungen an Menschen und physiologische an Thieren vorliegen, beweisen, dass das Rückenmark an den psychischen Functionen des Gehirnes nicht mit Antheil nehme, so lange es damit in Verbindung ist, indem derselbe Beweisgrund eben so consequenterweise wieder gegen den Mitantheil jedes Theiles des Gebirnes selbst an den psychischen Functionen geltend gemacht werden müsste, da nach früher angeführten Versuchen sogar eine ganze Gehirnhemisphäre entfernt werden kann, ohne dass die psychischen Functionen des rückbleibenden Gehirnes gestört erscheinen. Vielmehr liegt in dem Principe der solidarischen Vertretung, welches im Organismus gültig ist, begründet, dass selbst der Verlust der wesentlichsten Theile für die psychischen Functionen nicht gespürt wird, so lange noch Mittel zu ihrer Vertretung da sind, ohne dass sie desshalb müssig sind, so lange sie da sind.

Hienach scheint mir auch durch die bekannte Thatsache, dass nach Amputation von Gliedmassen noch das Gefühl des Besitzes derselben vorhanden ist, und selbst scheinbar noch Schmerzen in denselben gefühlt werden, keineswegs streng erwiesen, dass nicht, so lange diese Gliedmassen vorhanden sind, die psychophysischen Thätigkeiten, auf welchen jene Gefühle beruhen, sich in den Nerv hinein erstrecken und zu jenen Gefühlen solidarisch beitragen.

Die Frage, ob der engere Seelensitz, anstatt sich auf das ganze Gehirn bei Wirbelthieren zu erstrecken, nicht auf einen besonde- ren Theil desselben einzuschränken sei, leidet an gleichen Schwie- rigkeiten, als die Frage, ob er sich nicht mindestens bei manchen Thieren darüber hinaus erstreckt; so dass eben so wenig bis jetzt eine bestimmte Entscheidung stattgefunden hat. Nur das haben, wie schon Eingangs bemerkt, physiologische Versuche entschie- den, dass nicht alle Theile des Gehirnes von gleicher Bedeutung für die Seelenfunctionen sind, indem z. B. nur mit Entfernung des grossen, aber nicht des kleinen Gehirnes die Seelenthätigkei- ten überhaupt leiden *), indess das Vermögen bestimmter Sinnes- empfindungen an die Integrität der Centraltbeile geknüpft ist, in welche die Sinnesnerven einmünden. Die Weise, wie Gall die Anknüpfung der Seelenthätigkeiten an bestimmte Hirntheile dar- gestellt hat, kann weder durch Erfahrung noch aprioristische Betrachtungen als hinreichend begründet angesehen werden.

e) Resumö und Schluss.

Das Vorige zusammengefasst, kann man durch erfahrungs- mässige Thatsachen und Gesichtspuncte als wohl begründet an- sehen: 4) Dass die Erhaltung der Seele im diesseitigen Leben nicht auf der Erhaltung eines besonderen Punctes oder kleinsten Kör- pertheiles, sondern auf dem solidarischen Zusammenwirken aller Theile und Thätigkeiten des Körpers in wechselseitiger Ergänzung und mit der bis zu gewissen Gränzen reichenden Möglichkeit wech- selseitiger Vertretung beruhe, dass demnach der hierauf bezogene weitere Sitz der Seele im ganzen Körper zu suchen sei.

2) Dass die körperlichen Thätigkeiten, von welchen Empfin- dung und bewusste psychische Thätigkeiten überhaupt abhängen, nicht erst durch Anstoss an einen bestimmten Punct des Körpers solche erwecken, sondern während ihres Vorganges in einer be- stimmten Ausdehnung solche mitführen, dass demnach der bier- auf bezogene engere Seelensitz in einer gewissen Ausdehnung im Körper zu suchen sei.

3) Dass nach Massgabe als die Organisations- und Seelenstufe einfacher ist, die verhältnissmässige Ausdehnung des engeren Seelensitzes wächst.

*) Vergl. über die Bezugslosigkeit des kleinen Gehirnes zu den bewussten Seelenthätigkeiten insbesondere die neuen Untersuchungen von Wagnerin den götting. gel. Anz. 4860. Nachr. Nr. 4.

& 4) Dass nicht alle Theile des Gehirnes gleiche Bedeutung für die Seelenfunctionen haben.

Hingegen ist über die Fragen, ob er in Geschöpfen, die ein Gehirn haben, den Wirbelthieren namentlich, allein darin zu suchen sei, ob und wie weit er sich etwa über das Gehirn hinaus und im Gehirne selbst erstrecke, nichts entschieden, indem jedem daher entnommenen Grunde und jeder Schwierigkeit nach einer Seite Gegengründe und Ablehnungen der Schwierigkeit von der Gegenseite entgegengesetzt werden können. Noch weniger ist phi- losophischerseits eine Entscheidung in dieser Hinsicht gegeben, so dass schliesslich die Ansicht darüber Glaubenssache eines Jeden bleibt, die nach dem Zusammenhange seiner übrigen Ansichten zu stellen ist.

Nach dem Zusammenhange unserer eigenen Ansichten und mit Rücksicht auf die Erörterungen der folgenden Kapitel erscheint uns selbst Folgendes als das Wahrscheinlichste.

Der Ort der körperlichen Thätigkeiten, mit denen bewusste Seelenthätigkeiten in functioneller Abhängigkeit verknüpft sind, oder kurz der engere Seelensitz ist nicht nur durch die Reihe der verschiedenen Geschöpfe, sondern auch in demselben Geschöpfe kein fest umschriebener, indem, je nachdem diese oder jene Sphäre der Sinnesthätigkeit oder auch höheren geistigen Thätigkeit in An- spruch genommen ist, der Hauptherd der Bewegungen, welche dem Bewusstsein unterliegen, kurz psychophysischen Thätigkeit oberhalb der Schwelle, seine Stelle und Ausdehnung wechselt. Zu jeder Zeit wird es eine Stelle im Nervensysteme, wo ein solches vorhanden ist, respectiv Gehirn, geben, wo diese Thätigkeit am stärksten ist, und hier kann man den jeweiligen Hauptsitz der Seele oder Seelensitz im engsten Sinne suchen. Von diesem Puncte aus werden die Bewegungen mit abnehmender Stärke durch den ganzen Tract nervöser Fasern im Gehirne, Rückenmarke, Nerven gehen, der damit in Verbindung steht, und in soweit sie über ei- nen gewissen Grad der Stärke, die Schwelle reichen, auch bei- tragen, das Bewusstsein über die Schwelle zu heben; was nach Umständen bis zu verschiedener Weite sein mag. Ob nun Rücken- mark und Nerv auch nach Abtrennung vom Gehirne noch psychi- sche Functionen vermitteln können, wird darauf ankommen, ob sie nachher noch psychophysische Bewegungen von hinreichender Stärke, um die Schwelle zu übersteigen, erzeugen können, was ebenfalls nach Umständen verschieden sein mag, und nach den bisherigen Versuchen nicht sicher entscheidbar ist.

-_ XXXVIN. Uebertragung des Weber'schen Gesetzes und der Thatsache der Schwelle in die innere Psychophysik.

Indem ich mit vorigem Kapitel der Besprechung allgemeiner Vorfragen genug gethan zu haben glaube, wende ich mich zu dem, was ich nach dem hier eingeschlagenen Gange als den eigentlichen Eingang in die innere Psychophysik von dem im 36. Kapitel be- zeichneten Puncte aus betrachte.

Die gesetzliche Beziehung zwischen Reiz und Empfindung setzt besprochenermassen eine solche zwischen Reiz und psycho- physischer Thätigkeit einerseits, zwischen psychophysischer Thä- tigkeit und Empfindung anderseits voraus.

Insofern es nun bei Feststellung derselben gilt, von Grössen- beziehungen der psychophysischen Thätigkeit zu sprechen, wer- den wir, um die innere Psychophysik im Zusammenhange mit der äusseren und mit der exacten Bewegungslehre zu erhalten, die psychophysische Thätigkeit mit demselben Massstabe gemessen zu denken haben, mit dem wir die körperliche Thätigkeit, von der sie von Aussen angeregt wird, oder den Reiz, sofern er als Thä- tigkeit fassbar ist, messen, d. i. durch die lebendige Kraft, worin noch gar nicht eingeschlossen liegt, dass sie so gemessen der leben- digen Kraft des Reizes proportional zu- und abnehme, was viel- mehr erst zu untersuchen ist, ob und wiefern es der Fall ist. In der That hindert allgemein gesprochen nichts, dass zwei Grössen mit derselben Elle gemessen werden, und doch weder gleich gross sind, noch einander proportional wachsen und abnehmen, wenn sie schon eine Function von einander sind. Die Anwendung der- selben Elle hat blos den formellen Vortheil, sich leichter und ohne Reduction über die factischen Verhältnisse beider verstehen zu können.

Die Hauptfrage, um die es sich zunächst zu handeln hat, ist nun folgende: Ist das Weber'sche Gesetz, nach welchem die Empfindungs- zuwüchse constant sind, wenn die relativen Reizzuwüchse con- stant sind, und die Thatsache der Schwelle, wonach die Empfin- dung erst bei einem gewissen endlichen Reizwerthe einen merklichen Werth erlangt, für die innere Psychophysik in eine Bezie- hung zwischen der Empfindung zur psychophysischen Thätigkeit zu übersetzen der Art, dass man den Reiz und seinen Zuwachs durch proportionale Werthe psychophysischer Thätigkeit vertreten denkt, oder nicht vielmehr in eine Beziehung zwischen der psy- chophysischen Thätigkeit zum Reize der Art, dass man die Em- pfindung und ihren Zuwachs durch proportionale Werthe psycho- physischer Thätigkeit vertreten denkt. Mit anderen Worten: hängt die Empfindung von der psychophysischen Thätigkeit oder hängt die psychophysische Thätigkeit vom Reize im Sinne der Funda- mentalformel und Massformel ab, wonach erstenfalls die absoluten Zuwüchse der psychophysischen Thätigkeit denen des Reizes, zwei- tenfalls die der Empfindung denen der psychophysischen Thätig- keit proportional gehen müssten.

Schon ein sehr allgemeiner Gesichtspunct ist hinreichend, die Entscheidung zu Gunsten der ersten Annahme fällen zu lassen. Nach der wesentlichen Verschiedenheit zwischen physischem und psychischem Gebiete ist eine Abhängigkeit zwischen psychischer und physischer Thätigkeit im Sinne der Fundamentalformel und Massformel sehr wohl denkbar, wogegen eine solche Abhängigkeit zwischen zwei körperlichen Thätigkeiten, wie sie einerseits durch die Reizwirkung, anderseits durch die psychophysische Thätigkeit repräsentirt wird, im Sinne der physikalischen und physiologi- schen Gesetze nicht denkbar ist.

Auf der anderen Seite ist es die einfachste und natürlichste Voraussetzung, die wir im Sinne dieser Gesetze stellen können, dass die Zuwüchse der im Seh- und Hörnerven durch den Licht- und Schallreiz angeregten Thätigkeiten den Zuwüchsen des Reizes proportional gehen, so lange das Organ nicht leidet. Weiter aber ist die Proportionalität nicht in Anspruch zu nehmen, weil das Weber’sche Gesetz nicht weiter gilt.