SigPhi · Immanuel Kant

Kritik der reinen Vernunft (1781, ed. A) (German)

German

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Der gewöhnliche Probierstein: ob etwas blosse Ueberredung, oder wenigstens subiective Ueberzeugung, d. i. festes Glauben sey, was iemand behauptet, ist das Wetten. Oefters spricht iemand seine Sätze mit so zuversichtlichem und unlenkbarem Trotze aus, daß er alle Besorgniß des Irrthums gänzlich abgelegt zu haben scheint. Eine Wette macht ihn stutzig. Bisweilen zeigt sich: daß er zwar Ueberredung genug, die auf einen Ducaten an Werth geschäzt werden kan, aber nicht auf zehn, besitze. Denn, den ersten wagt er noch wol, aber bey zehnen wird er | allererst inne, was er vorher nicht bemerkte, daß es nemlich doch wol möglich sey, er habe sich geirrt. Wenn man sich in Gedanken vorstellt: man solle worauf das Glück des ganzen Lebens verwetten, so schwindet unser triumphirendes Urtheil gar sehr, wir werden überaus schüchtern und entdecken so allererst, daß unser Glaube so weit nicht zulange. So hat der pragmatische Glaube nur einen Grad, der nach Verschiedenheit des Interesse, das dabey im Spiele ist, groß oder auch klein seyn kan.

Weil aber, ob wir gleich in Beziehung auf ein Obiect gar nichts unternehmen können, also das Vorwahrhalten blos theoretisch ist, wir doch in vielen Fällen eine Unternehmung in Gedanken fassen und uns einbilden können, zu welcher wir hinreichende Gründe zu haben vermeinen, wenn es ein Mittel gäbe, die Gewißheit der Sache auszumachen, so giebt es in blos theoretischen Urtheilen ein Analogon von practischen, auf deren Vorwahrhaltung das Wort Glauben paßt, und den wir den doctrinalen Glauben nennen können. Wenn es möglich wäre, durch irgend eine Erfahrung auszumachen, so möchte ich wol alles das Meinige darauf verwetten: daß es wenigstens in irgend einem von den Planeten, die wir sehen, Einwohner gebe. Daher sage ich, ist es nicht blos Meinung, sondern ein starker Glaube (auf dessen Richtigkeit ich schon viele Vortheile des Lebens wagen würde), daß es auch Bewohner anderer Welten gebe.

Nun müssen wir gestehen: daß die Lehre vom Daseyn Gottes zum doctrinalen Glauben gehöre. Denn, ob ich gleich in Ansehung der theoretischen Weltkentniß nichts zu verfügen habe, was diesen Gedanken, als Bedingung meiner Erklärungen der Erscheinungen der Welt, nothwendig voraussetze, sondern vielmehr verbunden bin, meiner Vernunft mich so zu bedienen, als ob alles blos Natur sey, so ist doch die zweckmässige Einheit eine so grosse Bedingung der Anwendung der Vernunft auf Natur, daß ich, da mir überdem Erfahrung reichlich davon Beispiele darbietet, sie gar nicht vorbey gehen kan. Zu dieser Einheit aber kenne ich keine andere Bedingung, die sie mir zum Leitfaden der Naturforschung machte, als wenn ich voraussetze: daß eine höchste Intelligenz alles nach den weisesten Zwecken so geordnet habe. Folglich ist es eine Bedingung einer zwar zufälligen, aber doch nicht unerheblichen Absicht, nemlich, um eine Leitung in der Nachforschung der Natur zu haben, einen weisen Welturheber vorauszusetzen. Der Ausgang meiner Versuche bestätigt auch so oft die Brauchbarkeit dieser Voraussetzung und nichts kan auf entscheidende Art dawider angeführt werden; daß ich viel zu wenig sage, wenn ich mein Vorwahrhalten blos ein Meinen nennen wolte, sondern es kan selbst in diesem theoretischen Verhältnisse gesagt werden: daß ich festiglich einen Gott glaube, aber alsdenn ist dieser Glaube in strenger Bedeutung dennoch nicht practisch, sondern muß ein doctrinaler Glaube genant werden, den die | Theologie der Natur (Physicotheologie) nothwendig allerwerts bewirken muß. In Ansehung eben derselben Weisheit, in Rücksicht auf die vortrefliche Ausstattung der menschlichen Natur und die derselben so schlecht angemessene Kürze des Lebens, kan eben so wol gnugsamer Grund zu einem doctrinalen Glauben des künftigen Lebens der menschlichen Seele angetroffen werden.

Der Ausdruck des Glaubens ist in solchen Fällen ein Ausdruck der Bescheidenheit in obiectiver Absicht, aber doch zugleich der Festigkeit des Zutrauens in subiectiver. Wenn ich das blos theoretische Vorwahrhalten hier auch nur Hypothese nennen wolte, die ich anzunehmen berechtigt wäre, so würde ich mich dadurch schon anheischig machen, mehr, von der Beschaffenheit einer Weltursache und einer andern Welt, Begriff zu haben, als ich wirklich aufzeigen kan; denn was ich auch nur als Hypothese annehme, davon muß ich wenigstens seinen Eigenschaften nach so viel kennen: daß ich nicht seinen Begriff, sondern nur sein Daseyn erdichten darf. Das Wort Glauben aber geht nur auf die Leitung, die mir eine Idee giebt, und den subiectiven Einfluß auf die Beförderung meiner Vernunfthandlungen, die mich an derselben festhält, ob ich gleich von ihr nicht im Stande bin, in speculativer Absicht Rechenschaft zu geben.

Aber der blos doctrinale Glaube hat etwas wanckendes in sich; man wird oft durch Schwierigkeiten, die sich in der Speculation vorfinden, aus demselben gesezt, | ob man zwar unausbleiblich dazu immer wiederum zurückkehrt. Ganz anders ist es mit dem moralischen Glauben bewandt. Denn da ist es schlechterdings nothwendig: daß etwas geschehen muß, nemlich, daß ich dem sittlichen Gesetze in allen Stücken Folge leiste. Der Zweck ist hier unumgänglich festgestellt und es ist nur eine einzige Bedingung nach aller meiner Einsicht möglich, unter welcher dieser Zweck mit allen gesamten Zwecken zusammenhängt und dadurch practische Gültigkeit habe, nemlich, daß ein Gott und eine künftige Welt sey: ich weis auch ganz gewiß, daß niemand andere Bedingungen kenne, die auf dieselbe Einheit der Zwecke unter dem moralischen Gesetze führe. Da aber also die sittliche Vorschrift zugleich meine Maxime ist (wie denn die Vernunft gebietet, daß sie es seyn soll), so werde ich unausbleiblich ein Daseyn Gottes und ein künftiges Leben glauben und bin sicher: daß diesen Glauben nichts wanckend machen könne, weil dadurch meine sittliche Grundsätze selbst umgestürzt werden würden, denen ich nicht entsagen kan, ohne in meinen eigenen Augen verabscheuungswürdig zu seyn.

Auf solche Weise bleibt uns nach Vereitelung aller ehrsüchtigen Absichten einer, über die Gränzen aller Erfahrung hinaus, herumschweifenden Vernunft noch genug übrig: daß wir damit in practischer Absicht zufrieden zu seyn Ursache haben. Zwar wird freilich sich niemand rühmen können: er wisse, daß ein Gott und daß ein künftig | Leben sey; denn, wenn er das weis, so ist er gerade der Mann, den ich längst gesucht habe. Alles Wissen, (wenn es einen Gegenstand der blossen Vernunft betrift) kan man mittheilen, und ich würde also auch hoffen können, durch seine Belehrung mein Wissen in so bewundrungswürdigem Maasse ausgedehnt zu sehen. Nein, die Ueberzeugung ist nicht logische, sondern moralische Gewißheit und, da sie auf subiectiven Gründen (der moralischen Gesinnung) beruht, so muß ich nicht einmal sagen: es ist moralisch gewiß, daß ein Gott sey etc. sondern, ich bin moralischgewiß etc. Das heißt: der Glaube an einen Gott und eine andere Welt ist mit meiner moralischen Gesinnung so verwebt, daß, so wenig ich Gefahr laufe, die erstere einzubüssen, eben so wenig besorge ich, daß mir der zweite iemals entrissen werden könne..

Das einzige Bedenkliche, das sich hiebey findet, ist, daß sich dieser Vernunftglaube auf die Voraussetzung moralischer Gesinnungen gründet. Gehn wir davon ab und nehmen einen, der in Ansehung sittlicher Gesetze gänzlich gleichgültig wäre, so wird die Frage, welche die Vernunft aufwirft, blos eine Aufgabe vor die Speculation und kan alsdenn zwar noch mit starken Gründen aus der Analogie, aber nicht mit solchen, denen sich die hartnäckigste Zweifelsucht ergeben müßte, unterstüzt werden. Es ist aber | kein Mensch bey diesen Fragen frey von allem Interesse. Denn, ob er gleich von dem moralischen, durch den Mangel guter Gesinnungen, getrent seyn möchte: so bleibt doch auch in diesem Falle genug übrig, um zu machen, daß er ein göttliches Daseyn und eine Zukunft fürchte. Denn hiezu wird nicht mehr erfodert, als daß er wenigstens keine Gewißheit vorschützen könne, daß kein solches Wesen und kein künftig Leben anzutreffen sey, wozu, weil es durch blosse Vernunft, mithin apodictisch bewiesen werden müßte, er die Unmöglichkeit von beiden darzuthun haben würde, welches gewiß kein vernünftiger Mensch übernehmen kan. Das würde ein negativer Glaube seyn, der zwar nicht Moralität und gute Gesinnungen, aber doch das Analogon derselben bewirken, nemlich den Ausbruch der Bösen mächtig zurückhalten könte..

Ist das aber alles, wird man sagen, was reine Vernunft ausrichtet, indem sie über die Gränzen der Erfahrung hinaus Aussichten eröfnet? nichts mehr, als zwey Glaubensartikel? so viel hätte auch wol der gemeine Verstand, | ohne darüber die Philosophen zu Rathe zu ziehen, ausrichten können! Ich will hier nicht das Verdienst rühmen, das Philosophie durch die mühsame Bestrebung ihrer Critik um die menschliche Vernunft habe, gesezt, es solte auch beim Ausgange blos negativ befunden werden; denn davon wird in dem folgenden Abschnitte noch etwas vorkommen. Aber verlangt ihr denn: daß ein Erkentniß, welches alle Menschen angeht, den gemeinen Verstand übersteigen und euch nur von Philosophen entdekt werden solle? Eben das, was ihr tadelt, ist die beste Bestätigung von der Richtigkeit der bisherigen Behauptungen, da es das, was man anfangs nicht vorher sehen konte, entdekt, nemlich, daß die Natur, in dem, was Menschen ohne Unterschied angelegen ist, keiner parteyischen Austheilung ihrer Gaben zu beschuldigen sey und die höchste Philosophie in Ansehung der wesentlichen Zwecke der menschlichen Natur, es nicht weiter bringen könne, als die Leitung, welche sie auch dem gemeinsten Verstande hat angedeihen lassen.

Der Transscendentalen Methodenlehre Drittes Hauptstück.

Die Architectonik der reinen Vernunft.

Ich verstehe unter einer Architectonik die Kunst der Systeme. Weil die systematische Einheit dasienige ist, was gemeine Erkentniß allererst zur Wissenschaft, d. i. aus einem blossen Aggregat derselben ein System macht, so ist Architectonik: die Lehre des scientifischen in unserer Erkentniß überhaupt und sie gehört also nothwendig zur Methodenlehre.

Unter der Regierung der Vernunft dürfen unsere Erkentnisse überhaupt keine Rhapsodie, sondern sie müssen ein System ausmachen, in welchem sie allein die wesentlichen Zwecke derselben unterstützen und befördern können. Ich verstehe aber unter einem Systeme die Einheit der mannigfaltigen Erkentnisse unter einer Idee. Diese ist der Vernunftbegriff von der Form eines Ganzen, so fern durch denselben der Umfang des Mannigfaltigen so wol, als die Stelle der Theile unter einander a priori bestimt wird. Der scientifische Vernunftbegriff enthält also den Zweck und die Form des Ganzen, das mit demselben congruirt. Die Einheit des Zwecks, worauf sich alle Theile und in der Idee desselben auch untereinander beziehen, macht, daß ein ieder Theil bey der Kentniß der übrigen vermißt | werden kan und keine zufällige Hinzusetzung, oder unbestimte Grösse der Vollkommenheit, die nicht ihre a priori bestimte Gränzen habe, statt findet. Das Ganze ist also gegliedert (articulatio) und nicht gehäuft (coacervatio); es kan zwar innerlich (per intus susceptionem), aber nicht äusserlich (per appositionem) wachsen, wie ein thierischer Cörper, dessen Wachsthum kein Glied hinzusezt, sondern, ohne Veränderung der Proportion, ein iedes zu seinen Zwecken stärker und tüchtiger macht..

Die Idee bedarf zur Ausführung ein Schema, d. i. eine a priori aus dem Princip des Zwecks bestimte wesentliche Mannigfaltigkeit und Ordnung der Theile. Das Schema, welches nicht nach einer Idee, d. i. aus dem Hauptzwecke der Vernunft, sondern empirisch, nach zufällig sich darbietenden Absichten (deren Menge man nicht voraus wissen kan), entworfen wird, giebt technische, dasienige aber, was nur zu Folge einer Idee entspringt (wo die Vernunft die Zwecke a priori aufgiebt und nicht empirisch erwartet), gründet architectonische Einheit. Nicht technisch, wegen der Aehnlichkeit des Mannigfaltigen, oder des zufälligen Gebrauchs der Erkentniß in concreto zu allerley beliebigen äusseren Zwecken, sondern architectonisch, um der Verwandschaft willen und der Ableitung von einem einigen obersten und inneren Zwecke, der das ganze allererst möglich macht, kan dasienige entspringen, was wir Wissenschaft nennen, dessen Schema den Umriß (monogramma) und die Eintheilung des Ganzen in Glieder, | der Idee gemäß, d. i. a priori enthalten und dieses von allen anderen sicher und nach Principien unterscheiden muß.

Niemand versucht es, eine Wissenschaft zu Stande zu bringen, ohne daß ihm eine Idee zum Grunde liege. Allein, in der Ausarbeitung derselben entspricht das Schema, ia so gar die Definition, die er gleich zu Anfange von seiner Wissenschaft giebt, sehr selten seiner Idee; denn diese liegt, wie ein Keim, in der Vernunft, in welchem alle Theile noch sehr eingewickelt und kaum der microscopischen Beobachtung kennbar, verborgen liegen. Um deswillen muß man Wissenschaften, weil sie doch alle aus dem Gesichtspuncte eines gewissen allgemeinen Interesse ausgedacht werden, nicht nach der Beschreibung, die der Urheber derselben davon giebt, sondern nach der Idee, welche man aus der natürlichen Einheit der Theile, die er zusammengebracht hat, in der Vernunft selbst gegründet findet, erklären und bestimmen. Denn da wird sich finden: daß der Urheber und oft noch seine späteste Nachfolger um eine Idee herumirren, die sie sich selbst nicht haben deutlich machen und daher den eigenthümlichen Inhalt, die Articulation (systematische Einheit) und Gränzen der Wissenschaft nicht bestimmen können.

Es ist schlimm: daß nur allererst, nachdem wir lange Zeit, nach Anweisung einer in uns versteckt liegenden Idee, rhapsodistisch viele dahin sich beziehende Erkentnisse, als Bauzeug, gesammelt, ia gar lange Zeiten hindurch sie | technisch zusammengesezt haben, es uns denn allererst möglich ist, die Idee in hellerem Lichte zu erblicken und ein Ganzes nach den Zwecken der Vernunft architectonisch zu entwerfen. Die Systeme scheinen, wie Gewürme, durch eine generatio equivoca, aus dem blossen Zusammenfluß von aufgesammelten Begriffen, anfangs verstümmelt, mit der Zeit vollständig, gebildet worden zu seyn, ob sie gleich alle insgesamt ihr Schema, als den ursprünglichen Keim, in der sich blos auswickelnden Vernunft hatten und darum, nicht allein ein iedes vor sich nach einer Idee gegliedert, sondern noch dazu alle unter einander in einem System menschlicher Erkentniß wiederum als Glieder eines Ganzen zweckmässig vereinigt seyn und eine Architectonik alles menschlichen Wissens erlauben, die ieziger Zeit, da schon so viel Stoff gesammelt ist, oder aus Ruinen eingefallener alter Gebäude genommen werden kan, nicht allein möglich, sondern nicht einmal so gar schwer seyn würde. Wir begnügen uns hier mit der Vollendung unseres Geschäftes, nemlich, lediglich die Architectonik aller Erkentniß aus reiner Vernunft zu entwerfen und fangen nur von dem Puncte an, wo sich die allgemeine Wurzel unserer Erkentnißkraft theilt und zwey Stämme auswirft, deren einer Vernunft ist. Ich verstehe hier aber unter Vernunft das ganze obere Erkentnißvermögen und setze also das rationale dem empirischen entgegen..

Wenn ich von allem Inhalte der Erkentniß, obiectiv betrachtet, abstrahire, so ist alles Erkentniß, subiectiv | entweder historisch oder rational. Die historische Erkentniß ist cognitio ex datis, die rationale aber cognitio ex principiis. Eine Erkentniß mag ursprünglich gegeben seyn, woher sie wolle, so ist sie doch bey dem, der sie besizt, historisch, wenn er nur in dem Grade und so viel erkent, als ihm anderwerts gegeben worden, es mag dieses ihm nun durch unmittelbare Erfahrung oder Erzählung, oder auch Belehrung (allgemeiner Erkentnisse) gegeben seyn. Daher hat der, welcher ein System der Philosophie z. B. das wolfische, eigentlich gelernt hat, ob er gleich alle Grundsätze, Erklärungen und Beweise, zusamt der Eintheilung des ganzen Lehrgebäudes im Kopf hätte und alles an den Fingern abzählen könte, doch keine andere als vollständige historische Erkentniß der wolfischen Philosophie; er weis und urtheilt nur so viel, als ihm gegeben war. Streitet ihm eine Definition, so weis er nicht, wo er eine andere hernehmen soll. Er bildete sich nach fremder Vernunft, aber das nachbildende Vermögen ist nicht das erzeugende, d. i. das Erkentniß entsprang bey ihm nicht aus Vernunft und, ob es gleich, obiectiv, allerdings ein Vernunfterkentniß war, so ist es doch, subiectiv blos historisch. Er hat gut gefaßt und behalten, d. i. gelernet und ist ein Gipsabdruck von einem lebenden Menschen. Vernunfterkentnisse, die es obiectiv sind, (d. i. zu anfangs nur aus der eigenen Vernunft des Menschen entspringen können) dürfen nur denn allein auch subiectiv diesen Nahmen führen, wenn sie aus allgemeinen | Quellen der Vernunft, woraus auch die Critik, ia selbst die Verwerfung des Gelerneten entspringen kan, d. i. aus Principien geschöpft worden..

Alle Vernunfterkentniß ist nun entweder die aus Begriffen, oder aus der Construction der Begriffe, die erstere heißt philosophisch, die zweite mathematisch. Von dem inneren Unterschiede beider habe ich schon im ersten Hauptstücke gehandelt. Ein Erkentniß demnach kan obiectiv philosophisch seyn und ist doch subiectiv historisch, wie bey den meisten Lehrlingen und bey allen, die über die Schule niemals hinaussehen und zeitlebens Lehrlinge bleiben. Es ist aber doch sonderbar: daß das mathematische Erkentniß, so wie man es erlernet hat, doch auch subiectiv für Vernunfterkentniß gelten kan, und ein solcher Unterschied bey ihm nicht so, wie bey dem philosophischen statt findet. Die Ursache ist, weil die Erkentnißquellen, aus denen der Lehrer allein schöpfen kan, nirgend anders als in den wesentlichen und ächten Principien der Vernunft liegen und mithin von dem Lehrlinge nirgend anders hergenommen, noch etwa gestritten werden können, und dieses zwar darum, weil der Gebrauch der Vernunft hier nur in concreto, obzwar dennoch a priori, nemlich an der reinen und, eben deswegen, fehlerfreien Anschauung geschieht und alle Täuschung und Irrthum ausschließt. Man kan also unter allen Vernunftwissenschaften (a priori) nur allein Mathematik, niemals aber Philosophie (es sey denn historisch), sondern, was die Vernunft betrift, höchstens nur philosophiren lernen.

Das System aller philosophischen Erkentniß ist nun Philosophie. Man muß sie obiectiv nehmen, wenn man darunter das Urbild der Beurtheilung aller Versuche zu philosophiren versteht, welche iede subiective Philosophie zu beurtheilen dienen soll, deren Gebäude oft so mannigfaltig und so veränderlich ist. Auf diese Weise ist Philosophie eine blosse Idee von einer möglichen Wissenschaft, die nirgend in concreto gegeben ist, welcher man sich aber auf mancherley Wegen zu nähern sucht, so lange, bis der einzige, sehr durch Sinnlichkeit verwachsene Fußsteig entdeckt wird, und das bisher verfehlte Nachbild, so weit als es Menschen vergönnet ist, dem Urbilde gleich zu machen gelinget. Bis dahin kan man keine Philosophie lernen; denn, wo ist sie, wer hat sie im Besitze und woran läßt sie sich erkennen? Man kan nur philosophiren lernen, d. i. das Talent der Vernunft in der Befolgung ihrer allgemeinen Principien an gewissen vorhandenen Versuchen üben, doch immer mit Vorbehalt des Rechts der Vernunft, iene selbst in ihren Quellen zu untersuchen und zu bestätigen, oder zu verwerfen.

Bis dahin ist aber der Begriff von Philosophie nur ein Schulbegriff, nemlich von einem System der Erkentniß, die nur als Wissenschaft gesucht wird, ohne etwas mehr als die systematische Einheit dieses Wissens, mithin die logische Vollkommenheit der Erkentniß zum Zwecke zu haben. Es giebt aber noch einen Weltbegriff, (conceptus cosmicus) der dieser Benennung iederzeit zum Grunde gelegen hat, vornemlich, wenn man ihn gleichsam | personificirte und in dem Ideal des Philosophen sich als ein Urbild vorstellte. In dieser Absicht ist Philosophie die Wissenschaft von der Beziehung aller Erkentniß auf die wesentliche Zwecke der menschlichen Vernunft (teleologia rationis humanae) und der Philosoph ist nicht ein Vernunftkünstler, sondern der Gesezgeber der menschlichen Vernunft. In solcher Bedeutung wäre es sehr ruhmredig, sich selbst einen Philosoph zu nennen und sich anzumassen, dem Urbilde, das nur in der Idee liegt, gleichgekommen zu seyn..

Der Mathematiker, der Naturkündiger, der Logiker sind, so vortreflich die erstere auch überhaupt im Vernunfterkentnisse, die zweite besonders im philosophischen Erkentnisse Fortgang haben mögen, doch nur Vernunftkünstler. Es giebt noch einen Lehrer im Ideal, der alle diese ansezt, sie als Werkzeuge nuzt, um die wesentliche Zwecke der menschlichen Vernunft zu befördern. Diesen allein müßten wir den Philosoph nennen; aber, da er selbst doch nirgend, die Idee aber seiner Gesezgebung allenthalben in ieder Menschenvernunft angetroffen wird, so wollen wir uns lediglich an der lezteren halten und näher bestimmen, was Philosophie, nach diesem Weltbegriffe, vor | systematische Einheit aus dem Standpuncte der Zwecke vorschreibe. Wesentliche Zwecke sind darum noch nicht die höchsten, deren (bey vollkommener systematischer Einheit der Vernunft) nur ein einziger seyn kan. Daher sind sie entweder der Endzweck, oder subalterne Zwecke, die zu ienem als Mittel nothwendig gehören. Der erstere ist kein anderer, als die ganze Bestimmung des Menschen und die Philosophie über dieselbe heißt Moral. Um dieses Vorzugs willen, den die Moralphilosophie vor aller anderen Vernunftbewerbung hat, verstand man auch bey den Alten unter dem Nahmen des Philosophen iederzeit zugleich und vorzüglich den Moralist und selbst macht der äussere Schein der Selbstbeherrschung durch Vernunft, daß man iemanden noch iezt, bey seinem eingeschränkten Wissen, nach einer gewissen Analogie, Philosoph nent.

Die Gesezgebung der menschlichen Vernunft (Philosophie) hat nun zwey Gegenstände: Natur und Freiheit und enthält also sowol das Naturgesetz, als auch das Sittengesetz, anfangs in zwei besondern, zulezt aber in einem einzigen philosophischen System. Die Philosophie der Natur geht auf alles, was da ist, die der Sitten nur auf das, was da seyn soll.

Alle Philosophie aber ist entweder Erkentniß aus reiner Vernunft, oder Vernunfterkentniß aus empirischen Principien. Die erstere heißt reine, die zweite empirische Philosophie.

Die Philosophie der reinen Vernunft ist nun entweder Propädevtik (Vorübung), welche das Vermögen der Vernunft in Ansehung aller reinen Erkentniß a priori untersucht und heißt Critik, oder zweitens das System der reinen Vernunft (Wissenschaft), die ganze (wahre sowol als scheinbare) philosophische Erkentniß aus reiner Vernunft im systematischen Zusammenhange, und heißt Metaphysik; wiewol dieser Nahme auch der ganzen reinen Philosophie mit Inbegriff der Critik gegeben werden kan, um, sowol die Untersuchung alles dessen, was iemals a priori erkant werden kan, als auch die Darstellung desienigen, was ein System reiner philosophischen Erkentnisse dieser Art ausmacht, von allem empirischen aber, imgleichen dem mathematischen Vernunftgebrauche unterschieden ist, zusammen zu fassen.. Die Metaphysik theilet sich in die, des speculativen und practischen Gebrauchs der reinen Vernunft und ist also entweder Metaphysik der Natur, oder Metaphysik der Sitten. Jene enthält alle reine Vernunftprincipien aus blossen Begriffen (mithin mit Ausschliessung der Mathematik) von dem theoretischen Erkentnisse aller Dinge, diese die Principien, welche das Thun und Lassen a priori bestimmen und nothwendig machen. Nun ist die Moralität die einzige Gesetzmässigkeit der Handlungen, die völlig a priori aus Principien, abgeleitet werden kan. Daher ist die Metaphysik der Sitten eigentlich die reine Moral, in welcher keine Anthropologie (keine empirische Bedingung) zum Grunde gelegt wird. Die Metaphysik der speculativen Vernunft ist nun das, was man im engeren Verstande Metaphysik zu nennen pflegt; so fern aber reine Sittenlehre doch gleichwol zu dem besonderen Stamme menschlicher und zwar philosophischer Erkentniß aus reiner Vernunft gehöret, so wollen wir ihr iene Benennung erhalten, obgleich wir sie, als zu unserm Zwecke iezt nicht gehörig, hier bey Seite setzen..

Es ist von der äussersten Erheblichkeit, Erkentnisse, die ihrer Gattung und Ursprunge nach von andern unterschieden sind, zu isoliren und sorgfältig zu verhüten, daß sie nicht mit andern, mit welchen sie im Gebrauche gewöhnlich verbunden sind, in ein Gemische zusammenfliessen. Was Chemiker beim Scheiden der Materien, was Mathematiker in ihrer reinen Grössenlehre thun, das liegt noch weit mehr dem Philosophen ob, damit er den Antheil, den eine besondere Art der Erkentniß am herumschweifenden Verstandesgebrauch hat, ihren eigenen Werth und Einfluß sicher bestimmen könne. Daher hat die menschliche Vernunft seitdem, daß sie gedacht, oder vielmehr nachgedacht hat, niemals einer Metaphysik entbehren, aber gleichwol sie nicht, genugsam geläutert von allem Fremdartigen, darstellen können. Die Idee einer solchen Wissenschaft ist eben so alt, als speculative Menschenvernunft und welche Vernunft speculirt nicht, es mag nun auf scholastische, oder populäre Art geschehen? Man muß indessen gestehen: daß die Unterscheidung der zwey | Elemente unserer Erkentniß, deren die einen völlig a priori in unserer Gewalt sind, die anderen nur a posteriori aus der Erfahrung genommen werden können, selbst bey Denkern von Gewerbe, nur sehr undeutlich blieb, und daher niemals die Gränzbestimmung einer besondern Art von Erkentniß, mithin nicht die ächte Idee einer Wissenschaft, die so lange und so sehr die menschliche Vernunft beschäftigt hat, zu Stande bringen konte. Wenn man sagte: Metaphysik ist die Wissenschaft von den ersten Principien der menschlichen Erkentniß, so bemerkte man dadurch nicht eine ganz besondere Art, sondern nur einen Rang in Ansehung der Allgemeinheit, dadurch sie also vom Empirischen nicht kentlich unterschieden werden konte; denn auch unter empirischen Principien sind einige allgemeiner, und darum höher als andere und, in der Reihe einer solchen Unterordnung, (da man das, was völlig a priori, von dem, was nur a posteriori erkant wird, nicht unterscheidet), wo soll man den Abschnitt machen, der den ersten Theil und die obersten Glieder von dem lezten und den untergeordneten unterschiede? Was würde man dazu sagen, wenn die Zeitrechnung die Epochen der Welt nur so bezeichnen könte, daß sie sie in die erste Jahrhunderte und in die darauf folgende eintheilete. Gehöret das fünfte, das zehnte etc. Jahrhundert auch zu den ersten? würde man fragen; eben so frage ich: gehört der Begriff des Ausgedehnten zur Metaphysik? ihr antwortet, ia! ey, aber auch der des Cörpers? ia! und der des flüssigen Cörpers? ihr | werdet stutzig, denn, wenn es so weiter fortgeht, so wird alles in die Metaphysik gehören. Hieraus sieht man: daß der blosse Grad der Unterordnung (das Besondere unter dem Allgemeinen) keine Gränzen einer Wissenschaft bestimmen könne, sondern in unserem Falle die gänzliche Ungleichartigkeit und Verschiedenheit des Ursprungs. Was aber die Grundidee der Metaphysik noch auf einer anderen Seite verdunkelte, war, daß sie als Erkentniß a priori mit der Mathematik eine gewisse Gleichartigkeit zeigt, die zwar, was den Ursprung a priori betrift, sie einander verwandt, was aber die Erkentnißart aus Begriffen bey iener, in Vergleichung mit der Art, blos durch Construction der Begriffe a priori zu urtheilen, bey dieser, mithin den Unterschied einer philosophischen Erkentniß von der mathematischen anlangt, so zeigt sich eine so entschiedene Ungleichartigkeit, die man zwar iederzeit gleichsam fühlete, niemals aber auf deutliche Criterien bringen konte. Dadurch ist es nun geschehen, daß, da Philosophen selbst in der Entwickelung der Idee ihrer Wissenschaft fehleten, die Bearbeitung derselben keinen bestimten Zweck und keine sichere Richtschnur haben konte und sie, bey einem so willkührlich gemachten Entwurfe, unwissend in dem Wege, den sie zu nehmen hätten, und iederzeit unter sich streitig, über die Entdeckungen, die ein ieder auf dem seinigen gemacht haben wolte, ihre Wissenschaft zuerst bey andern und endlich sogar bey sich selbst in Verachtung brachten..

Alle reine Erkentniß a priori macht also, vermöge dem besondern Erkentnißvermögen, darin es allein seinen Sitz haben kan, eine besondere Einheit aus und Metaphysik ist dieienige Philosophie, welche iene Erkentniß in dieser systematischen Einheit darstellen soll. Der speculative Theil derselben, der sich diesen Nahmen vorzüglich zugeeignet hat, nemlich die, welche wir Metaphysik der Natur nennen und alles, so fern es ist, (nicht das, was seyn soll) aus Begriffen a priori erwägt, wird nun auf folgende Art eingetheilt.. Die im engeren Verstande so genante Metaphysik besteht aus der Transscendentalphilosophie und der Physiologie der reinen Vernunft. Die erstere betrachtet nur den Verstand und Vernunft selbst in einem System aller Begriffe und Grundsätze, die sich auf Gegenstände überhaupt beziehen, ohne Obiecte anzunehmen, die gegeben wären (Ontologia), die zweite betrachtet Natur, d. i. den Inbegriff gegebener Gegenstände, (sie mögen nun den Sinnen, oder, wenn man will, einer andern Art von Anschauung gegeben seyn), und ist also Physiologie (obgleich nur rationalis). Nun ist aber der Gebrauch der Vernunft in dieser rationalen Naturbetrachtung entweder physisch, oder hyperphysisch, oder besser, entweder immanent oder transscendent. Der erstere geht auf die Natur, so weit als ihre Erkentniß in der Erfahrung (in concreto) kan angewandt werden, der zweite auf dieienige Verknüpfung der Gegenstände der Erfahrung, welche alle Erfahrung übersteigt.

Diese transscendente Physiologie hat daher entweder eine innere Verknüpfung, oder äussere, die aber beide über mögliche Erfahrung hinaus gehen, zu ihrem Gegenstande; iene ist die Physiologie der gesamten Natur, d. i. die transscendentale Welterkentniß, diese des Zusammenhanges der gesamten Natur mit einem Wesen über der Natur, d. i. die transscendentale Gotteserkentniß. Die immanente Physiologie betrachtet dagegen Natur, als den Inbegriff aller Gegenstände der Sinne, mithin, so wie sie uns gegeben ist, aber nur nach Bedingungen a priori, unter denen sie uns überhaupt gegeben werden kan. Es sind aber nur zweierley Gegenstände derselben. 1. Die der äusseren Sinne, mithin, der Inbegriff derselben, die körperliche Natur. 2. Der Gegenstand des inneren Sinnes, die Seele, und, nach den Grundbegriffen derselben überhaupt, die denkende Natur. Die Metaphysik der körperlichen Natur heißt Physik, aber, weil sie nur die Principien ihrer Erkentniß a priori enthalten soll, rationale Physik. Die Metaphysik der denkenden Natur heißt Psychologie und, aus der eben angeführten Ursache, ist hier nur die rationale Erkentniß derselben zu verstehen.