SigPhi · Kurt Koffka

Die Grundlagen der psychischen Entwicklung

German

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»Mutter setz mich auf den Stuhl«, »Mutter hilf mir« usw.'' Eine Änderung tritt^ wieder nach den Beobachtungen von Stern, eio, wenn es dem Kinde aufgeht, daß jedes Ding einen Namen hat^ ein Prozeß, den wir erst am Schluß des Kapitels behandeln wollen, Dann kommt eigentlich erst das Substanz-Stadium zustande» augen- scheinlich infolge der Nenn-Funktion, vorher muß. es anders ge- wesen sein, hier waren ganze Aktions-Zusammenhänge von Gegen- ständen und Personen gegeben, ohne daß natürlich damals das dinghafte und das wirkende in klarer Struktur geschieden gewesen wären. Die erste Ordnungs-Struktur ist dann wohl sicher die dinghafte, und so behalten wohl auch die drei Stufen von Stern ihre Berechtigung, nur setzen sie nicht am „unreflektierten Chaoa'' ein, sondern an einer Form der Gegebenheit, die zwar primitiver aber doch schon strukturiert ist, und in welcher Wirkung wie Ding beide enthalten sind.

Man muß aber auch nicht denken, daß das Ding für das junge Kind schon genau das gleiche bedeutet, wie für uns. Es ist vielmehr anzunehmen, daß Ding und Wirkung noch nicht so getrennt sind wie in unserem Denken. Die Mutter, das ist nicht nur die „so aus- sehende^, oder „so seiende *', sondern vor allem die „dies tuende'^, die „helfende", oder „strafende^, und so wird auch im Substanz- Stadium diese Wirkungs-Seite der Dinge nicht verschwinden. Dafür spricht schon die Tatsache, daß sehr früh schon uns recht schwierig erscheinende Kausal* Zusammenhänge erkannt werden, wobei natür. lieh Kausalität für das Kind wieder etwas anderes ist als für uns. Beispiele dafür: ein Mädchen von 1;9 schimpft Wind und Hegen aus, als ihm und der Mutter die Haare verwirrt und die Häade naß geworden waren (SuUy), und „die sonne macht die fingerte blutig^ sagt ein 2; 7 alter Knabe, als er die Finger gegen die Sonne gehalten hatte (Scupin). Ebensowenig, wie wir bei der Ditig> Struktur das Gebiet der Wahrnehmung verlassen haben, ebensowenig tim wir es hier. Es schiene mir schlechthin fatal, hier zu sagen: wahrgenommen ist nur der Wind einerseits, die Nässe andererseits^ oder im andern Beispiel das rot-Aussehen der Finger und die Soane, der Zusammenhang wäre dazugedacht. Nein, die Wirkung ist, wenn wir vom Standpunkt des Kindes aus beschreiben, genau so eine Tat- sache der Wahrnehmung wie die Dinge und ihre Eigenschaften. Freilich ist gerade die Kausalität-Kategorie eine Struktur, die bald über die Wahrnehmung hinausführt. Ein Kind sieht ein Ding, eine Eigenschaft, als Wirkung an und fragt nun nach der Ursaehe. In diesem Sinne werden wir uns später mit dieser Kategorie zu be- schäftigen haben.

Google 2i6 -Di© speziellen Tatsachen der psychischen Entwicklung 8. Das sensumotorische Lernen. Erste Dressur- und Intelligenz- Leistungen.

C.Sensumotorisches Lernen: An Leistungen, die unter diese Überschrift gehören, haben wir im vorigen Kapitel im wesentlichen das Erfolg-Problem des Lernens studiert. Wir werden daher hier nur auf einige Beispiele aus der kindlichen Entwicklung einzugehen haben. Als erstes Beispiel für sensumotorisches Lernen hatten wir früher das Sprichworb: „ge- branntes Kind scheut das Feuer ** hingestellt. Hier scheint die Sache nun viel einfacher zu liegen als in den Fällen, die wir J3isher diskutiert haben, imd wo eine positive Leistung erworben werden mu6te. Hier könnte man meinen, ohne das Erfolg- Problem auszu- kommen. Und doch ist unser Fall, der ja nur ein prägnanter Repräsentant für viele kindliche Lem-Leistungen ist, genau so zu behandeln, wie die bisherigen/ Das sieht man schon daran, da6 die gebrannte Motte das Feuer nicht scheut. Das, was wir beim Erfolg-ProUem die «erste Leistung" nannten, ist hier das Verständnis, daß der Schmerz vom Feuer kommt, dai also die bis dahin lockende und begehrenswerte Flamme durch die schmerzhafte Erfahrung eine „gefährliche''; „zu meidende'* wird. Es ist wieder nicht nur eine bloße Verbindung zwischen Sinnes-Eindruck und Reaktion, oder gar nur die Zerstörung einer solchen ursprünglichen Verbindung, sondern es ist auch hier eine Struktur-Leistung nötig, eine Struktur-Leistung freilich, die relativ wenig vom Individuum verlangt. Immerhin, ein Kind, das aufgeregt mit Händen und Augen herumfährt und sich dabei verbrennt, wird aus dieser peinlichen Erfahrung noch nichts lernen, ganz ohne Beteiligung von Aufmerksamkeit geht es nicht, und es ist wohl gerade eine der Haupt-Funktionen des Schmerzes, die Aufmerksamkeit wachzurufen und so günstige Bedingungen für das Entstehen der neuen Struktur zu schaffen. Das Zurückziehen der verbrannten Hand erfolgt natürlich reflektorisch, aber das wird ja auch gar nicht gelernt, sondern gelernt wird, in Zukunft das Feuer zu meiden.

Genau so haben wir auch die einfachsten Lem-Leistungen der Tiere zu verstehen, so das früher besprochene Beispiel der Hühner, die lernen, übelschmeckende Raupen (Euchdia) nicht mehr zu picken. Wie sich die Dinge in ganz analoger Weise auch für uns Erwachsene ändern, das beschreibt K. Lew in sehr anschaulich an seinen Kriegs- Er&hrungen*^0* Wie die „homogene'' Landschaft mit der Annäherung an die Front^Zone „begrenzt" und „gerichtet" wird, wie dann die Umwandlung wieder einsetzt, wenn man die Stellung hinter sich läßt, wie plötzlich da ein „Acker" ist, wo eben nur eine „Stellung'^ Google Das sensumotorische Lernen 217 war, das sind Analoga zu dem Vorgang, wie er uns in primitivster Form hier vorzuliegen scheint.

Das Kind lernt nun im Anfang ungeheuer viel, und sehr viel davon v^obl auf der Stufe, die Bühler als Dressur bezeichnet, die aber nach unserer Ansicht auch schon einen gewissen Grad von Verständnis voraussetzt. Das gilt selbst für die Leistungen, für die man vielleicht zweckmäßiger den Namen Dressur reservieren sollte, die eigentlich für das Kind sinnlos sind und ihm nur von Erwachsenen, hauptsächlich zu dessen Vergnügen, beigebracht werden. Man ruft dem Kind etwas zu, und darauf macht es eine bestimmte Be- wegung. Allgemein üblich ist: „Mache bitte, bitte I*% „Wie groß ist das Kind?** usw. Diese Strukturen sind recht vage, ein Kind, das auf den Satz „hol die Bidter** dressiert war, im Alter von 1; 4, lief auch sofort nach der Dose, als der Vater sagte: „Das ist eine Napoleonsbutterbime*^ und ein noch viel jüngeres Kind (0; 6—0; 8) das auf die Frage: „Wo ist das Fenster F* den Kopf wendete, machte die gleichen suchenden Bewegungen, wenn man im nämlichen Tonfall fragte: „oü est la fenitre?^"^). Nicht der ganze sensorische Komplex in seiner vollen Gliederung geht in die Gesamt-Struktur ein, sondern nur ein Haupt-Akzent, oder seine grobe Gesamt-Form.

Bald ergeben sich aber im gewöhnlichen Leben Angaben für das Kind, die nüt denen Ähnlichkeit haben, die Köhler's Schimpansen lösen mußten. Man wird also fragen, wann und wie treten die ersten wirklichen Intelligenz-Leistungen auf. Schon Köhler hat über einige Beobachtungen und Versuche mit jungen Kindern be- richtet, die auf dem Prinzip der Affen- Versuche aufgebaut waren, und Bühler ist ihm hierin gefolgt. Bühler hat mit einem jüngeren Kinde gearbeitet, er begann die Versuche, als sein Kind •/* Jahre alt war, indem er das Greif-Spiel geschickt für seine Zwecke aus- nutzte*^^). Das Kind sitzt aufrecht in seinem Bett und greift nach allem in der Nähe befindlichen, um es in den Mund zu stecken. Dies Greifen wird nun planmäßig erschwert: Ein Zwieback wird etwas außerhalb der Greif- Weite hingelegt, aber mit einer Schnur versehen, die in den Greif Baum hineinreicht, oder ein Elfenbein- Ring, mit dem das Kind sonst spielt, wird über einen etwa finger- großen senkrechten Bolzen gestreift, so daß ihn das Kind abheben muß. Die beiden Versuchs-Prinzipien sind uns aus den Köhler'schen Versuchen wohlbekannt. Die Schnur-Verbindung konnte das Kind im Anfang des 9. Monats noch nicht ausnutzen, es streckte „den Arm regelmäßig direkt nach dem Zwieback hin aus, ohne die Schnur zu beachten; kam sie zufällig in die grapsende Hand hinein, so Google 21 g Die speziellen Tatsachen der psychischen Bntwicklang wurde sie wieder losgelassen oder erkennbar beiseite geschoben. Nur in zwei Sitzungen schien es so, als sei nun der Zusammenhang er&M, denn es erfolgten prompt hintereinander mehrere klare Lösungen. Idich dünkt jetzt, dai dem in der Tat so war. Aber die nfichsten Male war alles wieder vergessen«'' Erst am Ende des 10. Monats hatte das Kind die Sache „er&fif, jetzt konnte man die Schnur hinfahren, wo man wollte, sie wurde sofort ergriffen und mit ihr der Zwieback herangezogen. Dai es sich um Zufalls-Lösungen handelte, kann Bfihler ausschlieien. Dann ist das Ergebnis in vieler Hinsicht interessant, wir betonen vor allem die Antizipation, für die wir auch in den Affen- Versuchen ein Beispiel hatten, (o. S. 139) und die auf dem Gebiet der „motorischen — sensorischen* Entwicklung gleichfalls häufig beobachtet wurde, und deren theoretische Bedeutung wir schon hervorgehoben haben (s. o. S. 188). Sehr viel schwerer war, ganz in Übereinstimmung mit Köhler's Ergebnissen, das Ab- streifen des Bings vom Bolzen; es gelang erst in der Mitte des zweiten Lebens-Jahres, dann aber gleich so klar begriffen, dai auch ein Schlüssel vom Nagel und ein Hut vom Stock regelrecht ab- genommen wurde.

Köhler hat mit einem 1;3 alten Mädchen, das seit wenigen Wochen allein ging, den Umweg-Versuch im eigentlichen Sinne gemacht. Das Kind wird an das Ende einer 2 m langen IVt m breiten Sack- Gasse gestellt, jenseits der Absperrung liegt vor seinen Augen ein direkt unerreichbares schönes Ziel. „Es drängt erst gerade auf das Ziel zu, also gegen die Absperrung, sieht sich dann langsam um, läit die Augen an der Sackgasse entlang laufen, lacht plötzlich vergnügt und trottet auch schon in einem Zuge die Kurve bis zum Ziel^"^).

Genau wie beim Schimpansen ist auch beim Kind das Umweg machen mit dem Werkzeug eine sehr viel schwierigere Leistung. Köhler machte den Versuch mit dem Umweg^ßrett (in Normal-Lage, offene Wand der Lade vom Kind maximal entfernt, vgl. o. S. 133, 134) an einem Knaben von 2; 1, der, wie besonders geprüft wurde, in eigener Körper-Bewegung mühelos Umwege, machte; der Knabe, der als mittelbegabt gelten kann, brachte aber die Leistung nicht zustande, genau wie die Schimpansen in solchem Fall läit er aber seine Wut an dem unerreichbaren Ziel dadurch aus, dai er den Stock und seinen Gürtel daraufhin schleudert*").

Übereinstimmung im Verhalten von jungen Kindern und Schim- pansen hat Köhler dann noch beim Bauen und bei der Behandlung eines aufgewickelten Seiles (s. S. 141) gefunden. Beim Bauen haben die Kinder anfangs die gleiche Schwierigkeit wie die Schimpansen, Google Das Problem der Nachahmung 2io ein Ding am andern anzubringen, und probieren dabei in der merk- würdigsten Weise herum; freilich bis sum-Ende des dritten Jahres bat das Kind schon das Einfachste dieser Leistung begriffen, während die Affen trotz ausgiebiger Übung kaum wesentliche Fortschritte machen. Die richtige Behandlung des Seils führten wir im wesent- lichen auf eine optische Leistung zurück, das Ungeschick der Kinder, das sich bis im 4. Lebensjahr und noch später beobachten läßt, dürfte also jeden&lls zum Teil auch darauf beruhen, daß das ge- schlungene Seil als optische Struktur von ihnen noch nicht gebildet werden kann.

Endlich führen wir eine hübsche Gelegenheits- Beobachtung von Preyer an, die ein Analogen zur „Kisten- Verwendung" aus 'dem kindlichen Leben liefert Im 17. Monat konnte sein Kind ein im Schrank zu hoch liegendes Spielzeug nicht erreichen; „da lief es umher, holte sich eine Reisetasche, stellte sich darauf und erfaßte nun das Gewünschte""").

Es ist zu hoffen, daß man jetzt, wo die Untersuchungs- Methoden im Prinzip ausgebildet sind, sie auch planmäßig verwenden wird, um in die Entwicklung der kindlichen Leistungen einzudringen.

9. Fortsetzung: Das Problem der Naehahmung.

Das Kind erwirbt aber nun die meisten seiner Leistungen nicht in der künstlichen Isolation der Experimente, sondern im Konnex mit einer Umgebung, die diese Leistungen selber schon beherrscht. Wir treffen hier auf das außerordentlich wichtige Problem der Nach- ahmung. Wenige Gegenstände sind so umstritten wie gerade dieser: während manche Forscher der Nachahmung einen über- ragenden Einfluß auf die kindliche Entwicklung zugestehen, wollen andere sie so gut wie ganz ausschließen. Das liegt nicht daran, wie man zuerst denken möchte, daß die verschiedenen Forscher unter Nachahmung sehr verschiedenes verstehen. Man hat den Begriff sehr genau und in sehr verschiedener Weise zergliedert, besonders die amerikanische Literatur ist voll von verschiedenen Einteilungen der Nachahmung, die auch alle irgendwelche charakteristischen Seiten hervorkehren (L. Morgan, Thorndike, Berry, Watson, Mc Dougall, Stern, um nur einige Namen zu nennen). Ich möchte, unserm leitenden Gesichtspunkt entsprechend, folgende Unterscheidung vorausschicken: Nachahmung kann darin bestehen, daß 1. Struktur- Funktionen, die schon zum Besitz des Individuums gehören, dadurch aktualisiert, in Tätigkeit versetzt werden, daß ein anderes Individuum eine Handlung der gleichen Art ausführt, und daß 2. in einem In- dividuum eine neue Struktur entsteht, wenn in seiner Wahrnehmung 220 ^^® speziellen Tatsachen der psychischen Entwicklung ein andres Individuum einer solchen gemäß handelt. Beide Formen lassen noch eine Unterteilung zu: in 1 kann man unterscheiden, ob die in der Nachahmung ausgelöste Strukturfunktion eine instinktive (a) oder eine erworbene (b) ist, in 2 die Höhe der zur Struktur- Bildung erforderten Leistung. Wir erläutern das an Beispielen: la: Ein Vogel, der eine Gefahr sieht, stöit einen Wamungs-Buf aus, dieser Ruf wird von andern Vögeln, denen die ursprüngliche Ursache nicht wahrnehmbar ist, wiederholt. Ib: Man singt eine bekannte Melodie, die man hört, oft ganz unwillkürlich laut oder leise, nach. In 2 sind die geringeren Leistungen etwa das Nachsprechen eines noch nie gehörten Wortes, überhaupt Leistungen wesentiich motorischer Natur, die höheren das Übernehmen der Lösung einer Aufgabe, die man nicht selber lösen konnte, von einem Vorbild, denken wir ^wa an die Aufgaben in den Versuchen Eöhler^s. Hier sind die ver- schiedensten Grade in der Güte der Leistung möglich, auch dadurch, daß die bei der Nachahmung entstehende neue Struktur weit hinter dem Vorbild zurückbleiben kann, sei es, daß sie weniger präzis, sei es gar, daß sie überhaupt nicht eine Erfassung von deren Kern ist.

Diese Einteilung ninunt, wie mir scheint, einen wichtigen Unter- schied in der Form der Nachahmung, auf den vor allem L. Morgan hingewiesen hat, in sich auf: wir können ihn vielleicht so charakte- risieren: Nachahmung einer Bewegung oder einer Folge von Be- wegungen und dagegen Nachahmung einer Handlung zum gleichen Erfolg. Die Tier-Psychologen haben längere Zeit immer nur nach dem ersten gesucht, und aus ihrem Fehlen das Fehlen von Nachahmung überhaupt geschlossen. So Thorndike, der als Argument gegen das Nachahmen eine Katze anführt, daß sie eine Schlinge mit ihrer Pfote aufriß, während die Katze, die es ihr „vorgemacht^ hatte, sie mit den Zähnen aufzog. Das dies Argument falsch ist, und nur gilt für Nachahmung- Wiederholung von Bewegung, betont schon Berry mit allem Nachdruck"*).

Die Scheidung, von der wir sprechen, ordnet sich der eben von ims gegebenen HauptTeilung in der folgenden Weise unter: je^höher die Struktur, die durch Nachahmung entsteht, um so mehr läßt sich diese Niächahmung als solche der Handlung, je äußerlicher, um so mehr als solche der Bewegung charakterisieren. Wir haben die in Betracht kommenden Unterschiede der Strukturen im letzten Ab- schnitt des vorigen Kapitels (S. 164 flf.) erörtert. So wie sich eine „Dressur-Leistung^* von einer Intelligenz-Leistung unterscheidet, so die Nachahmung einer hochwertigen von einer geringeren Leistung. Je mehr die Leistung rein motorischer Art ist und je mehr sie auf ererbten instinktiven Strukturen beruht, um so mehr wird sie wie Das Problem der Nachahmung 221 eine bloße Imitation der Bewegung aussehen. Wenn man aber vor- gemachte und nachgemachte Bewegung genau vergleicht, so wird sich auch hier als das gemeinsame die Gesamt-Bewegungs-Melodie herausstellen, nicht aber wird man eine photographische Reproduktion der einzelnen Beweguqgen wiederfinden. Wenn ein Tier die Flucht ergreift, weil es andere Tiere fliehen sieht, so ahmt es die Flucht und nicht die Bein-Bewegungen nach, und selbst wenn ich, sehr gegen meinen Willen, gähne, wenn ich jemand anders g&hnen sehe, wohl ein Beispiel allerprimitivster Nachahmung, dann mache ich meinen Mund so auf, wie es mir entspricht, aber nicht grade so, wie der es getan hat, d. h. ich ahme das gähnen, nicht die Kiefer- Bewegungen nach. Der von L. Morgan betonte Unterschied erweist sich somit nicht als ein Unterschied des Wesens, sondern des Grades, der Feinheit, der Straktur-HOhe. Er ist deshalb nicht weniger wichtig zumal überall da, wo es sich um die Frage des Lernens durch Nachahmung hanäelt Wenn man bisher von instinktiver Nachahmung sprach, so meinte man aber noch etwas anderes, nämlich den Zusammenhang zwischen der auslösenden Wahrnehmung und der ausgelösten Bewegung. Wie kommt es, daß ein Vogel den Wamungsruf wiederholt? Auch dies hat man als Instinkt-Einrichtung angesprochen, L. Morgan, Stern, während andere diese Erklärung ablehnen, ohne sie durch bessere ersetzen zu können, Groos, Thorndike*^^). Für Thomdike ist das Nachahmungs-Problem natürUch von vornherein dadurch unlöslich, daß er seine ganze Erklärung auf der Theorie der Neuronen -Ver- knüpfung angebaut hat. Ein allgemeiner Nachahmungs-Trieb kann dann nur ein ungeheuer verwickeltes Gewebe von Neuronen- Ver- bindungen bedeuten, das von Thorndike abgelehnt wird. Aus dem gleichen Grimde verwirft auch Groos den Nachahmungs-Trieb* Thom- dike nimmt aber für eine ganze Reihe von Einzel-Handlungen, die alle unter Gruppe la &llen, die instinktive Auslösung an.

Da wir die Theorie der Neuronen- Verknüpfungen ganz allgemein, und auch schon besonders für den Instinkt verworfen haben, so würde die Annahme eines Nachahmungs-Instinkts, einer instinktiven Auslösung einer Bewegung durch eine Wahrnehmung der gleichen Bewegung nichts anderes sein, als der versteckte Verzicht auf jede Erklärung. Ich glaube nicht, daß wir die Skepsis soweit treiben müssen: Im Anfang dieses Kapitels haben wir als Beproduktions- Gesetze den Sachverhalt kennen gelernt, daß eine eben entstandene Struktur günstige Bedingungen setzt für das Entstehen der gleichen, oder einer ähnlichen Struktur. Das Verhalten des ganz jungen Kindes paßt durchaus zu diesem Satz. An den Anfang aller Nachahmung Google 222 ^^^ speziellen Tatsachen der psychischen Entwicklung stellt Stern nach dem Vorgang von Baldwin die Selbstnachahmung, ein Kind wiederholt dieselbe Reaktion in endloser Monotonie, sei es, daß es sich um eine neue Manipulation, sei es, dafi es sich um lautiüche Äuierungen handelt Nachdem dies, so ist Stem's Ansicht, im Anfang auf einem reinen motorischen Automatismus beruhe, bilde sich allmählich eine Verknüpfung zwischen der Bewegung und ihrem Wahrnehmungserfolg, so daß nun dieser wieder seinerseits die Bewegung auslöst, und eine „zirkuläre T&tigkeit^ im Sinn Baldwins entsteht, B — W-^B—W..., wo 5 die Reaktions-Bewegung, W die Wahrnehmung dieser Bewegung oder ihres Erfolgs bedeutet. Die Selbst-Nachahmung wird also in dieser Hypothese auf assoziative Verknüpfung zurückgeführt. Daß auch ganz ohne Gehör Laut-Er- zeugung vorkommt, beweist die Tatsache, daß auch taube Kinder lallen, daß aber das Ohr dabei bald eine bedeutende Rolle spielt, geht wieder daraus hervor, daß die Tauben weniger und weniger moduliert lallen als die Normalen*^"). Die Frage* ist nur, ob der Zusammenhang von Gehör und Laut-Gebung wirklich nur der &ußer- lieh durch Assoziation erworbene ist. Das ist aber äußerst unwahr- scheinUch. Die Abhängigkeit unseres Laut- Apparats vom Gehör ist sicher eine viel direktere. Für die Fähigkeit des Nachsingens eines Tones, die beim Erwachsenen schon genug des Erstaunlichen besitzt, und die schon bei Kindern in sehr frühem Alter, sogar schon vor Abschluß des ersten Lebens-Jahres beobachtet wurde, hat Köhler das schon vor mehreren Jahren bewiesen, auch schon eine Hypothese über das Zustandekommen dieser Leistung skizziert. Von den Früh- leistungen von Kindern nur wenige Beispiele: Frey er beuchtet von einem Mädchen, das bereits im 9. Monat auf dem Klavier ange- schlagene Töne richtig nachsingen konnte, und das, ebenso wie zwei von seinen Geschwistern, eher singen als sprechen konnte. Und Stumpf erzählt von dem Töchterchen des bekannten Komponisten Dvorak, daß es mit IVs Jahren Liedmelodien mit Klavier-Begleitung, auch ziemlich schwierige, richtig singt, und schon mit 1 Jahr begann, der Wärterin den Fatinitza-Marsch nachzusingen*^^}.

Gehör- und Laut- Gebung können nicht nur durch Assoziationen zusammenhängen. Das bezeugen auch andere Laut-Nachahmungen. Lange vor dem Sprach- Verständnis schon sprechen Kinder auch Worte mehj: oder weniger deutlich nach, die sie spontan noch nicht ge- sprochen haben. Daß sehr früh schon Laute nachgeahmt werden können, die das Sand selbst spontan hervorbringt, haben wir schon er- örtert (s. o. S. 184). Stern's Tochter spricht auch die Laut- Verbindung papa, die niemals vorher in ihren Lall-Monologen vorgekommen war, mit 0;9 zum ersten Mai auf Vorsagen nach. Im allgemeinen wird Google Das Problem der Nachahmung 225 aber die um das Alter von 'A Jahren recht häufige Nachahmung mehr an unartikulierten Greräuschen, Schnalzen, Quietschen, und am Tonfall der Stimme geübt. Hierher gehört eine sehr frühe, von Preyer berichtete Beobachtung von Humphreys:,Im Alter von un- gefiLhr 4 Monaten begann ein Mftdchen eine sonderbare und drollige Nachäffung einer Konversation, wobei der gewöhnliche Silbenfall so genau imitiert wurde^ da& man im Nebenzimmer sie für ein wirk- liches Gespräch nehmen konnte.^ Die Artikulation, Yokal-Bildung^ usw. war dabei natürlich höchst unvollkommen *^^). Diese Nachahmung des Tonfalls, der Sprach-Melodie ist ganz besonders interessant, sie ist ein Analogon (nicht mehrl) für das Nachsingen von richtigen Melodien, und jedenfalls durch bereits erworbene Assoziationen nicht zu erklären. Zur Zeit der Sprach-Erlernung beginnt dann die Periode der „Echolalie*', „in der das Kind alle möglichen gehörten Worte und Sätze ganz oder in ihren SchiuMeilen mit unermüdlicher Aus- dauer nachspricht''*^^). Auch diese Ausdauer und ihre Richtung ist charakteristisch. Das Kind gibt sich Mühe, seine Nachahmungen dem Vorbilde immer ähnlicher zu machen, sie ihm nach Möglichkeit an» zugleichen. Um diesen von ihm besonders hervorgehobenen Sach- verhalt zu erklären, sieht sich Claparöde gezwungen, einen Instinkt des Strebens nach Übereinstimmung zu postulieren*^'). Damit ist aber die Erklärung ebensowenig gefördert wie durch die Annahme eines allgemeinen Nachahmungs^Instinkts. Den gleichen Sachverhalt finden wir ja nun auch bei Vögeln: zumal Papageien sprechen Sätze vor allem in ihren typischen Tonfall' Eigenschaften nach, und auch bei ihnen kann man beobachten, wie sie üben, bis sich ihre Nach- ahmung dem Vorbild immer mehr angleicht.

Könnten wir nun einen direkten Struktur-Zusammenhang an> nehmen, zwischen der Wahrnehmung und der Bewegung, so wären alle Tatsachen wohl zu verstehen. Die Wahrnehmungs- Struktur würde die Bewegungs-Struktur „durch Ähnlichkeit'* reproduzieren, die Bewegung würde phänomenal als eine Kopie der Wahrnehmung zustande kommen können, denn der Zusanmienhang zwischen den beiden Einzel-Strukturen (Wahrnehmung und Bewegung), die wir als Reproduktion der einen durch die andere bezeichnet haben, mu^ ja auch wieder ein Struktur-Zusammenhang sein, der verschieden fest sein kann. Das geht schon daraus hervor, daß, wie wir oben (S. 184) gesehen haben, eine Bewegung, die das Kind spontan ausführen kann, mühsamer und imvollkommener gemacht wird, wenn sie durch Nach- ahmung zustande kommt. Und wenn die Struktur einen bestimmten Grad von Festigkeit erreicht hat, dann wird sich das auch wieder an ihren einzelnen Gliedern zeigen: das Kind hört den vorgesprochenen Google 224 ^^^ speziellen Tatsachen der psychischen Entwicklung Laut schon als einen nachzuahmenden, spricht den wieder ^um nachzu- ahmen*^ und hört diesen seinen eigenen Laut,als mehr oder weniger gutes Abbild des vorgesprochenen Lautes". Ist das Abbild „weniger gut'', so hat es damit einen Charakter der Unvollkommenheit^ des Lückenhaften, wie wir ihn schon oft getroffen haben, an sich^ aus sich heraus erweist sich die Leistung als noch nicht abgeschlossen; hier kann der Organismus nicht stehen bleiben, der Abschluß ist erst erreicht, wenn der gesprochene Laut wie eine gute Kopie des Vorbildes klingt. Dann ist die Zusammenhangs-Struktur: Vorbild- Nachahmung im Gleichgewichts-Zustand, und dann brauchen wir keinen besonderen Instinkt mehr, um diese Anpassung zu erklären, denn dann könnten wir uns auf allgemein wirksame Gesetze nicht nur der Psychologie, sondern auch der Physik beziehen**®).

Unsere Überlegung petzte voraus, daß wir einen Struktur- Zusammenhang zwischen Wahrnehmung und Bewegung annehmen dürfen. Und dieser Zusammenhang war in der bisherigen Diskussion als Verwandtschaft, als Ähnlichkeit gedacht. Er kann aber auch ganz anderer Art sein: im Moment, wo mir jemand die Lösung eines Problems vorgemacht hat, kann ich sie nachahmen, wenn ich sie ver- standen habe, d. h. ist die Wahmehmungs-Struktur richtig zustande gekommen, etwa ein indifferentes Ding Mittelpunkt der Gresamt- Gestalt geworden, so ist die Lösung damit schon erreicht; da& sich an diese Wahmehmungs-Struktur die richtige AusfOhrungs-Bewegung schUeit, das ist nicht rätselhaft^ hieir sehen wir kein besonderes Problem — auier dem allgemeinen, wie überhaupt eine Willens- Handlung entsteht, von dem wir hier absehen. Ich gebe ein Bei- spiel: ein bei Kindern beliebtes Pfänderspiel besteht darin, daß ein Kind von seinem Nachbar einen Löffel erhält und ihn an einen anderen Nachbar weitergibt mit den Worten: „Lirum-Larum Löffel- stiel^ wer das nicht kann, der kann nicht viel.** Es kommt nämlich darauf an> nehmen und weitergeben des Löffels richtig, d. h. so vne es vorgemacht wird, zu machen, z. B. so, daß man den Löffel mit der linken Hand nimmt und mit der rechten weitergibt Wer's falsch macht, muß ein Pfand geben. Es ist nun sehr hübsch zu beobachten, wie die Kinder, die das Spiel noch nicht kennen, es lernen. Das Kind sucht herauszufinden, worauf es ankommt, und dies ist die Schwierigkeit, sobald es das aber einmal er&ßt hat, ist die Aufgabe gelöst. Der Zusammenhang zwischen Struktur und Bewegung ist also hierbei jedenfalls kein spezielles Nachahmungs-Problem, die Nachahmung ist im wesentlichen schon geleistet, wenn durch das Vorbild die Wahrnehmungs- Struktur zustande gekommen ist. Das uns eigentlich beschäftigende Problem besteht demnach für die Google Das Problem der Nachahmung 225 2. Form der Nachahmung in ihrer oberen Stufe nicht, denn die Be- wegung selbst ist schon intendiert, ehe das Vorbild gesehen wird. Der Schimpanse, der durch Nachahmung zu seiner Frucht kommt, wiU sie schon erreichen» ehe ein anderes Tier ihm vor- gemacht hat, wie das anzustellen ist, das Kind will in dem Pfänder- Spiel von Anfang an die Sache richtig machen. Es gibt aber auch hier Fälle, in denen es anders liegt, wo erst die Wahrnehmung einer Handlung die Intention, sie auszuführen, hervorruft» so wenn ein Kind von 0; 11 das Abstauben eines Stuhls nachmacht. Aber auch dies ist nicht unverständlich: die volle Erfassung des Vorbildes be- steht ja hier gerade darin, daß der Zusammenhang von Effekt imd Bewegung begriffen wird,, diese Struktur wird daher selbst wieder zur Bewegung f&hren. — Um das zu erklären, kann man verschiedene Gresichtspunkte heranziehen: einmal hat der Vorgang eine gewisse Ähnlichkeit mit der am Anfang des Kapitels besprochenen Struktur- Ergänzung, zur Struktur gehört die Bewegung, und so wird sie auch ausgeführt. Dafür spricht auch die Tatsache, daß man so schwer an Tastern, Schaltern, Knöpfen vorbeigehen kann, ohne sie zu be- tätigen. Ein solches Struktur-Gesetz wäre dann der tatsächliche Gehalt der von James, Wundt u. a. vertretenen, von Groos als Haupt- Erklärungs- Prinzip der Nachahmung verwendeten, von Thorndike bekämpften These, dai jede Vorstellung einer Be- wegung von sich aus die Tendenz habe, die Bewegung selbst zu erzeugen.