Dr. phil. K. Korrka.
Privatdozent a. d. Universität Giefsen.
In der neuen Auflage seines bekannten Buches! verwendet Eovmnger das Gesamtergebnis seiner vergleichenden Untersuchungen zu einem Ausblick auf die Psychologie. Er hat ja von jeher die Brücke zwischen Hirnanatomie und Psychologie bauen und erhalten wollen, und er vergifst bei seiner Forschung nie, was seine Resultate für die Psychologie besagen können. Um seine Gesichtspunkte einem grölserem Kreis von Psychologen bekannt zu machen, und die Beziehungen, die seine Ergebnisse zu vielen der modernen Psychologie haben, zu verdeutlichen, sind die fol- genden Zeilen geschrieben. Sie bauen sich auf Epingers Aus- führungen auf, doch ist der Gedankengang unseren Zwecken entsprechend geändert, die grolse Kasuistik überhaupt nur zum geringsten Teile verwertet. — Der Psychologe hat bei der Untersuchung des Bewulstseins und seiner Leistungen als standard des Bewulstseins überhaupt das menschliche anzusehen. Denn nur hier ist er wirklich sicher, es mit Bewulstsein zu tun zu haben, nur durch eigenes Er- leben weils er, was Erlebnis ist. Treibt er Tierpsychologie, go ist er rein auf Analogien angewiesen, er kann nicht mehr tun, als die Leistungen der Tiere unter möglichst variablen Bedin- gungen beobachten, seine Resultate beziehen sich unmittelbar ı Vorlesungen über den Bau der nervösen Zentralorgane der Menschen und der Tiere, I®. Leipzig 1911.
Ein neuer Versuch eines objektiven Systems der Psychologie. 267 nur auf diese Leistungen und nur ganz indirekt und vorsichtig kann er auf Erlebnisse der Tiere schlielsen.
Dieser in gewissem Sinne von oben nach unten gehenden Methode stellt Enmser die umgekehrte an die Seite: er will von unten anfangen, niedere Tiere beobachten und zusehen, was sich ändert, wenn die Beobachtung in der Tierreihe aufsteigt. Das primäre dieser Methode ist also nicht mehr das Erlebnis, son- dern die Leistung: wie verhält sich ein Fisch, eine Eidechse, ein Säuger, ein Mensch unter den und den Uniständen?, ist die leitende Fragestellung, und mit welchen Apparaten leistet er das Beobachtete? Treten neue Fähigkeiten auf, so wird unter- sucht, ob nicht etwa neu aufgetretene Apparate sie leisten können. Der Autor geht soweit anzunehmen, dafs, wenn diese Arbeit ein- mal begonnen ist, vielfach aus den Apparaten auf die Leistung geschlossen werden darf. Von irgendwelchen besonderen An- nahmen, sogar von der eines begleitenden Bewulstseins meint er sich fern halten zu müssen, so lange ihm nicht Erscheinungen entgegentreten, die er anders nicht erklären kann. Er schliefst also auch nicht aus Analogien rückwärts, weil er meint es zwinge ihn nichts dazu.
Folgen wir Evınger auf diesem Wege und beginnen wir bei den Lebewesen, die zwar schon ein nervöses Zentralorgan be- sitzen, aber nur in Gestalt des Paläencephalons, des Urhirns, worunter Evınger den ganzen Mechanismus vom Rückenmark- ende bis zum Riechnerven versteht, also etwa bei den Fischen. Was können die Fische leisten? „Durch sorgsame Beobachtung und durch Enqueten bei Beobachtern habe ich ermittelt, dals die rindenlosen Fische...für ihre Handlungen vollkommen von voraus festgelegten Reizen abhängen. Auf den gleichen Reiz erfolgt immer die gleiche Bewegung. Neue Bewegungen werden nie geschaffen, aber es können in geringem Grade die ererbten Bewegungen an neue Reize geknüpft werden.“! Bei- spiel: bei richtig gewähltem und vorgeworfenem Köder und richtiger vom Wetter und der früheren Nahrungsaufnahme ab- hängiger Disposition muls der Fisch schnappen.
Der Apparat des Paläencephalon leistet also die Umwand- lung von Reizaufnahmen in Bewegungen nach einem fest präformierten Schema, das nur wenig veränderlich ist, und auch 268 K. Koffka.
nur so, dals der Umfang der Bewegung auslösenden Prozesse erweitert werden kann. Die Reizaufnahme des Urhirns nennt Eomezr Rezeption, die Bewegung Motus und die Verbin- dung zwischen beiden Relation.
Diese Auffassung läfst bereits zwei wichtige Schlufsfolge- rungen zu. Die erste gilt für die Lebewesen, die wir bis jetzt betrachteten: wegen der geringen Veränderlichkeit des Systems ist zu erwarten, dafs viele Reize, die der Beschaffenheit der Sinnesorgane nach rezipiert werden mülsten, keine Bewegung auslösen. Diese Folgerung wird durch das Experiment bestätigt: „eine Eidechse, die auf das leise Krabbeln eines Insektes im Grase hinhört, bleibt, wie mir eigene Versuche gezeigt haben, völlig ruhig, wenn man dicht über ihrem Kopf auf einen Stein schlägt...“!, sie ist eben nur auf das biologisch adäquate Ge- räusch eingestellt, das andere „sagt ihr nichts“.
So ergibt sich für die Sinnesphysiologie der Tiere die Forde- rung, bei der Untersuchung in erster Linie adäquate Reize an- zuwenden, d. h. solche, die im Naturleben des Tieres eine Rolle spielen. | Die zweite Folgerung greift viel weiter: Da das Paläence- phalon bei allen Vertebraten unter dem neu hinzutretenden Ne- encephalon, der Hirnrinde, fortbesteht, so ist kein Grund vor- handen, diejenigen Handlungen aller dieser Lebewesen bis hinauf zum Menschen, die schon bei den Fischen vorkommen, anders aufzufassen als dort. So wird ganz allgemein das Urhirn der Sitz der Rezeptionen, Relationen und Motus, „der Träger aller Reflexe und vieler Instinkte“.
Steigen wir jetzt höher in der Tierreihe hinauf: die Leistungen der Tiere werden mannigfaltiger, spotten dem Schema: Rezeption— Relation—Motus. Neue Eindrücke werden mit alten Bewegungen ver- bunden, neue Bewegungen werden gelernt, kurz, die Wirksamkeit der individuellen Erfahrung, worunter wir hier nichts Psychisches ver- stehen, macht sich immer deutlicher bemerkbar. Und Hand in Hand damit geht die Entwicklung des Neencephalon. Alle sensiblen Nerven erreichen allmählich durch Fasern aus dem Thalamus die Rinde, und umgekehrt führen Bahnen von der Rinde in das Urhirn zurück, um die dort entstehenden Erregungen auf dies zu über- tragen. Die Leistung der Rinde besteht also darin, dals sie Spuren Ein neuer Versuch eines objektiven Systems der Psychologie. 969 von früheren Erregungen zurückbehält, und dafs diese Spuren untereinander die verschiedensten Verbindungen eingehen können, so dafs neue Verhaltungsweisen geschaffen werden. Das Tier lernt Dinge erkennen, d. h. aber wieder nur, das Tier benimmt sich einem Ding gegenüber so, wie es gelernt hat, sich ihm gegenüber zu benehmen, die Frage nach dem Bewulstsein bleibt vorläufig ganz dahingestellt.
Die mit Hilfe des Neencephalon zustande kommenden Leistungen heilsen bei Enmeer Gnosis, Praxie und Asso- ziation. Gnosis ist also die höhere Stufe der Rezeption, die durch Verknüpfung vieler Rezeptionen gebildet und durch Er- fahrung beeinflufsbar ist, Praxie der von der Rinde aus inner- vierte Motus, und Assoziation das Band zwischen verschiedenen Gnosien und Praxien wie auch zwischen Gnosien auf der einen und Praxien auf der anderen Seite.
Auch dieser Apparat bleibt bestehen, wenn wir in der Tier- reihe bis zum Menschen hinaufsteigen. Wir werden also auch viele menschliche Leistungen als Gnosien und Praxien auf asso- ziativer Grundlage auffassen müssen; Beispiel: „Ohne Bedenken springt ein Mensch über einen meterhoch gespannten leichten Faden; wird der aber durch eine feste Barriere ersetzt, so treten...Hemmungen ein, der Sprung gelingt nicht.“!
Wir können aber noch einen Schritt weiter gehen, ohne unsere Methode aufzugeben. Ein Überblick über die Handlungen, deren die Vertebraten bis zum Menschen fähig sind, offenbart uns einen weiteren Unterschied. Mit dem, was wir Gnosis und Praxie genannt haben, haben wir die Fülle der Möglichkeiten noch nicht erschöpft. Das wird am klarsten, wenn wir etwa die kompliziertesten Leistungen einer Kuh mit denen eines wissen- schaftlichen Forschers vergleichen. Dafs ein Mensch sein eigenes Zentralorgan untersucht und darüber dicke Bücher schreibt, begründet einen essentiellen und nicht nur graduellen Unterschied gegenüber den höchsten Leistungen dieses nütz- lichen Haustieres. Und noch auf ein anderes weist EvıngEr hin: beim Menschen und einigen der höheren Säuger nehmen wir häufig Verhaltungsweisen wahr, die als affektive bezeichnet werden, die Menschen lachen und weinen, Hunde bellen und knurren, wedeln mit dem Schwanz oder ziehen ihn ein. Bei 270 K. Koffka.
einer Kuh werden wir auch solche Äufserungen schwerlich auf- zeigen können.
Vergleichen wir hiermit die anatomischen Befunde: In Abbildungen und im Text zeigt nun Epinger, wie zu diesen Gnosie- und Praxiezentren etwas Neues kommt, das vom stumpf- sinnigsten Säuger bis zum Menschen immer mehr an Gröfse zunimmt, die Assoziationszentren, die besonders im Stirnlappen, wo sie rein beisammen liegen, gut in ihrer Ausdehnung zu be- stimmen sind. Das wäre also ein dritter Teil des Zentralnerven- systems, der allmählich sich zu den anderen addiert. Da Epınser nun gerade parallel der Ausdehnung dieser Teile die Intelligenz zunehmen sieht, so macht er die Annahme, dafs mit ihnen erst die Fähigkeit eintrete, die Handlungen mit Einsicht vorzunehmen, getreu seiner Ansicht, dafs neuen Hirnteilen neue Funktionen entsprechen müssen.
Damit geht Enmerr bereits über das von uns Gesagte hinaus: das Wort Intelligenz hat einen Sinn nur in bezug auf ein Bewulstsein, während wir uns ja streng an den objektiven, zu beobachtenden Tatbestand halten wollten. Aber in der Tat, wenn wir die spezifischen Leistungen der Menschen auf intellek- tuellem wie emotivem Gebiet adäquat in Begriffen fassen wollen, so können wir den Rekurs auf das Bewulstsein nicht vermeiden. Wir sind jetzt also über die Grenzen unserer Methode hinaus- gegangen und in das Gebiet der Psychologie gelangt. Hier ist also der Punkt, an dem subjektive und objektive Methoden zu- sammenstolsen, Epmeer findet auch für die in Frage stehenden Leistungen keinen anderen Ausdruck als eben: Bewulstsein.
Sobald wir aber einmal psychologischen Boden betreten, er- hebt sich die Frage, wie verhalten sich Gnosis und Rezeption zum Bewulstsein? Und diese Frage wieder verlangt eine Ver- ständigung darüber, was wir unter Bewulstsein zu verstehen haben. Wir werden also unter diesem Gesichtspunkt noch ein- mal die ganze Reihe zu durchlaufen haben.
Dabei müssen wir aber ein anderes Resultat mit in Betracht ziehen: Wir fanden, dafs die höheren Fähigkeiten nicht die älteren, niederen verdrängten, sondern sich ihnen nur super- ponierten; das alte blieb erhalten, das neue gesellte sich hinzu. Der Mensch hätte also in seinem Zentralorgan eigentlich drei Organe, das rezeptiv-motorische, das gnostisch-praktische und das intelligente. Hier erhebt sich die Frage, wie verhalten sich diese Ein neuer Versuch eines objektiven Systems der Psychologie. 271 drei Organe mit ihren Leistungen zueinander? Es wird gut sein, die Beantwortung der zwei noch offenen Kragen zu ver- binden.
Wir beginnen mit den rein paläencephalen Lebewesen. Hier hat nur die erste Frage Sinn: haben diese Tiere Bewulst- sein? 'Epmezr hat von solchen keine Bewegungen gesehen, die ihn zu der Annahme zwingen, dals sie von einem Bewulstsein begleitet seien. „Die Naturwissenschaft macht aber ohne Not keine Hypothesen.“ Ja er führt gerade vom Meuschen einen Vorgang an, der rein paläencephal bleibend ganz ohne Bewulst- sein verlief, während der gleiche, wenn die Verbindung mit dem Neencephalon erhalten ist, sehr wohl bewulst wird. Er macht dabei die Annahme, dafs alle paläencephalen Vorgänge gleich- artig sind, einerlei ob sie beim Fisch oder beim Menschen ver- laufen, wenn sie nur an den bei beiden Wesen ganz gleichartigen Apparat gebunden bleiben.
Er beschreibt folgenden Fall: „Ich sah eine Frau, deren Rückenmark durch Wirbelcaries total abgeklemmt war, gebären und dabei alle charakteristischen Bewegungen und Stellungen ein- nehmen, ohne dafs sie von dem sonst so schmerzhaften Vor- gang das geringste empfunden hätte. Ja, es wurde nur ganz zufällig der Geburtsakt entdeckt, welcher bereits begonnen hatte, als man an dem Bett zu hantieren hatte.“? Dadurch ist bewiesen, dals rein paläencephale Vorgänge unbewulst verlaufen können, und damit unter der oben angegebenen Voraussetzung, dafs paläencephale Vorgänge überhaupt nicht von Bewulstsein begleitet sind. Die Voraussetzung nun muls durchaus berechtigt erscheinen. Sie ist die einfachste und es gibt keine Erfahrungstatsache, die gegen sie spricht.
Was heilst es aber, wenn wir sagen, das Urhirn arbeitet ohne Bewulstsein? Deuken wir an die Patientin EoingErs: sie wulste von ihrem Geburtsakt so wenig, wie etwa von dem, was sich zur selben Zeit in Shanghai oder auf dem Monde zutrug, noch besser und deutlicher gesagt, sie merkte, sie erlebte das eine so wenig wie das andere. Die Vorgänge der Geburt verliefen in ihren Muskeln und Nerven nicht anders, als Vorgänge in einer Dynamomaschine verlaufen, erfahrbar im Sinne von kon- statierbar, nicht erlebbar. Die Untersuchung der paläencephalen 272 K. Koffka.
Leistungen scheidet demnach aus der Psychologie aus, sie ist lediglich Angelegenheit der Physiologie.
Diese Grenzregulierung ist ein Gewinn für die Psychologie.
Wir gehen jetzt über zur Betrachtung der Leistungen, die unter Mitwirkung des Neencephalon aber noch unter Ausschlufs des zumeist im Stirnlappen gelegenen Assoziationsfeldes zustande kommen, und fragen uns zunächst, wie verhalten sich bei dieser Kooperation die beiden Organe, Neuhirn und Urhirn, zueinander?
Nach früher Bemerktem können wir schon drei Sätze darüber aufstellen: 1. das Neencephalon erhält alle seine An- regungen aus dem Paläencephalon; 2. das Neencephalon entfaltet eine ausgedehnte Eigentätigkeit durch Verbindung und Er- weckung von Spuren; 3. das Neencephalon wirkt auf das Palä- encephalon zurück.
Wir können diese Sätze noch mannigfach erweitern und zwar durch die Kenntnis der Ausfallerscheinungen, die bei künstlichen Eingriffen oder pathologischen Veränderungen auf- treten. So ist der Unterschied im Verhalten des grolshirnlosen Hundes gegenüber dem normalen durch Ausfall der Gnosien und Praxien charakterisiert. Der Hund kann zwar noch sehen, d. h. auf Lichtreize reagieren, aber nicht mehr erkennen, d.h. nicht mehr auf bestimmte Reize mit den assoziierten Bewegungen reagieren. Er kann noch laufen, nicht aber mehr etwa über den vorgehaltenen Stock springen. Beim Menschen, dem teilweise Gnosien und Praxien verloren gegangen sind, verhält es sich weniger einfach, schon deshalb, weil ja das dritte Organ, der Stirnlappen, immer noch vorhanden ist. Trotzdem findet sich auch hier analoges in den viel studierten Symptomen der Agnosie und Apraxie: die gesehenen Dinge werden nicht mehr erkannt, obwohl sie noch ganz gut beschrieben werden können, viele ge- lernte Bewegungen werden unmöglich, nie tritt aber so komplette Lähmung ein wie dann, wenn die betr. Bahn im Paläencephalon unterbrochen oder gestört ist.
Das Neencephalon ist also gewissermalsen die Zentralstelle, die vom Urhirn Meldungen empfängt, verarbeitet und ihre Be- fehle wieder dem Urhirn zurückgibt. Das Urhirn wird dadurch zu einer Reihe von Kombinationen befähigt, die es vorher nicht leisten konnte, eben weil von den verschiedensten höheren Zentren her Antriebe und Hemmungen ausgehen, denen das Ein neuer Versuch eines objektiven Systems der Psychologie. 273 Urhirn folgen mufs. Ohne Urhirn aber ist das Neencephalon eine Armee, von der nur der Generalstab vorhanden ist. In der “Abscheidung der Gnosien und Praxien als Leistung der Rinden- felder und ihrer Verbindungen von den Rezeptiones und Motus des Paläencephalon scheint mir ein weiterer Vorteil zu liegen.
Ist nun mit diesen Funktionen Bewulstsein verbunden? Evınger sieht sich auch für sie noch nicht zu solcher Annahme gezwungen. Wieder von der gleichen Voraussetzung ausgehend wie bei der Rezeption zeigt er, dals gewisse Gnosien und Praxien ohne Bewulstsein verlaufen können und verallgemeinert diese Beobachtung genau wie früher.
Folgende Beispiele gibt Evınger für bewulstseinslose Gnosien und Praxien: „Lesen wir nicht Schrift und Noten oft genug, ohne dafs wir über den Inhalt klar sind, ja sogar, während wir anderes tun? Und lehrt uns nicht jeder Spaziergang, wieviel wir optisch agnoszieren, ohne dafs wir uns dessen gleich bewulst werden! Bei jeder Sportübung, etwa beim Nehmen eines Grabens, beim Fang eines Balles, können wir beobachten, wie die Gnosis, welche das Abschätzen der Entfernung, die notwendige Ein- stellung der anzuwendenden Kraft voraussetzt, völlig unterhalb der Bewulstseinsschwelle verläuft...*! Die Beispiele sind nicht ganz gleichartig; das letzte ist wohl das beste. Aus eigener Er- fahrung kann ich ein Ähnliches hinzufügen: Der geübte Gletscher- mann kann sich auf wenig verschneitem Gletscher angeregt unterhalten, er bleibt plötzlich stehen, wenn er vor einer leicht verdeckten Spalte angekommen ist. In solchen Fällen ist es in der Tat wohl die richtigste Schilderung des Tatbestandes, dafs der Reiz rein durch Gnosis und Assoziation eine Praxie ausgelöst hat, während die feine Nuance in der Beleuchtung des Schnees, die dem Auge die Spalte verrät, nicht zum Bewulstsein zu kommen braucht. Kann man aber da nun sagen, der Bergsteiger erlebt von dieser Gletscherpassage so wenig wie von den Vor- gängen auf dem Mond? Diese Frage, deren Bejahung uns die Bewulstseinslosigkeit der Rezeption charakterisiert hatte, werden wir diesmal verneinen müssen. So angeregt sich der Mann unterhalten mag, die Empfindung des weilsen wird dabei doch immer im Bewulstsein verharren, ein Rest von Erlebnis also übrig bleiben. Das gleiche gilt für alle anderen aufgeführten Zeitschrift für Psychologie 61. 18 274 Ä K. Koffka.
Beispiele EnıngEers, und auch für den Stenographen, der sich, ohne auf den Sinn zu achten, bemüht, das Gehörte Wort für Wort zu Papier zu bringen. Gewils, der Prozels läuft mechanisch ab, zu denken braucht der Stenograph nicht, aber er sieht doch zum mindesten das Papier und hat bestimmte kinästhetische Empfindungen. Zugegeben ist auch, dafs beim geübten Steno- graphen die Empfindung für die Ausübung irrelevant ist. Er sieht z. B., dafs er schief nach unten schreibt, aber schon ist die Hand von selbst in die rechte Zeile zurückgekehrt, reine Gnosis- Praxie. Trotzdem bleibt der Rest übrig, die Empfindung war als Bewulstseinsinhalt zwar nicht regulativ aber doch vorhanden.
Wir stehen hier vor der Alternative: sollen wir das Stück Bewulstsein daraus erklären, dals bei uns eben das dritte Organ immer mitfunktioniert, oder sollen wir der Gnosis selbst ein ge- wisse Bewulstsein zugestehen?
Wie Enmerpr diese Alternative entscheiden würde, geht aus seinen Ausführungen nicht hervor, eher scheint es fast, als ob er sie gar nicht anerkennen würde, und das liegt an seinem Be- griff des Bewulstseins.. Er will dies Wort durch das andere Wort „Selbstbewufstsein“ ersetzen, und versteht darunter „das klare Erkennen, das Abwägen und Beobachten, das Voraus- sehen und das dem Träger klare Empfinden“.! Das so definierte Bewulstsein kommt zweifellos der Gnosis nicht zu, es ist aber auch ein ganz anderes als das, was wir bei der Gnosis als mög- lich hinstellten. Auch die letzte Bestimmung, die das Empfinden heranzieht, widerspricht unserer Behauptung nicht, denn das Empfinden soll ja dem Träger klar sein, denn nur von diesem Selbstbewufstsein und durch es wissen wir eigentlich.?
In doppelter Weise wird EnıngEr durch diese Bestimmungen. dem ganzen Umfang des Bewulstseins nicht gerecht. Auf der einen Seite lassen sich seine Ausführungen so verallgemeinern, dafs man alles dunkle Bewulstsein überhaupt leugnet. Folgendes Argument Eomerrs legt diesen Schlufs, den der Autor selbst nicht zieht, nahe: Bei der Untersuchung veranlafsten wir unsere Beobachter, künstlich alle Vorgänge aus dem Unbewulsten in die Helle des Bewufstseins zu rufen. Daraus folgt aber nicht, dafs es als Bewulstseinsinhalte nur solche hellen gibt, vielmehr kann ich doch oft genug in der rückschauenden Erlebniswahrnehmung Ein neuer Versuch eines objektiven Systems der Psychologie. 275 das scheiden, was deutlich erfalst war, von dem, was nur an- klang, dunkel vorüberzog. So sehr ich Eovmerr darin beistimme, dafs man es vermeiden muls, Bewulstsein zu postulieren, wo es nicht beobachtet wird, so scheint es mir doch eine Überspannung dieses Prinzips, wenn man alles background consciousness leugnet, was zwar EDINGER ganz fern liegt, aber doch, wie gezeigt, aus seinen Voraussetzungen leicht geschlossen werden kann.
Noch wichtiger aber ist folgendes: Bewulstsein ist identisch mit haben von Inhalten, nicht mit dem Wissen von diesen Inhalten. Der blaue Himmel, der mich erfreut, der C©-Dur-Akkord, der Geruch von Peau d’Espagne, das Gefühl der körperlichen Frische ist ebensogut Bewulstsein wie die schwierigste mathe- matische Überlegung. Das was Enıneer Selbstbewulstsein nennt, bleibt daher nach wie vor nur eine Form von Bewulstsein über- haupt, und unsere Alternative bleibt hiervon völlig unberührt.
Ehe wir diese weiter verfolgen, gehen wir zum Menschen über, der mit allen drei Teilen seines Zentralorgans arbeitet. Wie ist das Verhältnis zwischen dem höchsten Zentrum und den niederen zu denken? Diese Frage berührt Enpinser nur kurz, denn einmal liegen physiologische Erfahrungen hierüber noch kaum vor, andererseits ruht das Schwergewicht der Ausführungen Evıngers auf der Trennung der drei Organe und ihrer Leistungen, und diese ist durch die ausführliche Behandlung der Gnosis und Praxie völlig genügend fundiert worden. Für die Psychologie aber, die ja in diesem Punkte mit der vergleichenden Methode zusammentrifft, liegt das Hauptinteresse gerade in der Verbindung, im Zusammenwirken der verschiedenen Zentren. Als Lehre vom Bewulstsein und seinen — nicht bewulsten — Gesetzen muls sie fragen: was tragen die einzelnen Organe zum Zustandekommen des und des Inhalts, dieser oder jener Auf- einanderfolge von Inhalten bei? Und die psychologische Forschung hat bereits versucht, solche Fragen in Angriff zu nehmen; der neueren Psychologie ist es ganz geläufig mit einem Aufbau der Bewulstseinsgrundlagen in verschiedenen Stufen zu rechnen. Einige wenige dieser Ergebnisse sollen daher noch unter den Evuingerschen Gesichtspunkten behandelt werden.
D. Katz! hat kürzlich in der eingehendsten Weise nachı Die Erscheinungsweisen der Farben und ihre Beeinflussung durch die individuelle Erfahrung. Zeitschr. f. Psychol. Erg.-Bd. 7, 191i. Für das folgende kommen hauptsächlich in Betracht 8. 1993—214 u. 223—229.
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gewiesen, dals die von einem Ding ausgelöste Farbenempfindung nicht nur abhängt von der Netzhauterregung, sondern auch von der „eigentlichen Farbe“ des Dinges, d. h. von der Farbe, die der naive Mensch den Dingen als Eigenschaft zuschreibt. Die gesehene Farbe eines Dinges ist so beschaffen, als ob wir die Beleuchtung mehr oder weniger vollkommen berücksichtigten; ein weilses Stück Papier von einer Lichtquelle entfernt, das nur ebensoviel Licht pro Flächeneinheit ins Auge sendet wie ein schwarzes neben der Lichtquelle, sieht nicht schwarz aus, sondern weils, oder doch höchstens hellgrau. Und diese Berücksichtigung der Beleuchtung findet auch dann, obzwar in geringerem Grade, statt, wenn die Zeit für die Beobachtung so herabgesetzt wird, dals gerade noch überhaupt eine Wahrnehmung entstehen kann. Im Bewulstsein findet sich aber natürlich nichts von einer die Beleuchtung berücksichtigenden Erwägung. Der nervöse, die zentripetalen Erregungen modifizierende Apparat funktioniert also mit ungeheuerer Sicherheit und Schnelligkeit. Dals nun die Transformation der Erregung nicht im Stirnlappen vor sich geht, folgt daraus, dafs wir sie nicht erleben. Das Produkt erst löst Bewulstsein aus. Dafs andererseits das Paläencephalon dafür nicht in Betracht kommt, leuchtet ein. Wir haben es also hier mit Gnosis zu tun, mit einer Gnosis, die in engster Beziehung zum Bewulstsein steht, und zwar zum Bewulstsein des Stirn- lappens, wenn dieser laxe Ausdruck erlaubt ist. Denn wenn die Erscheinung auftreten soll, so mufs ich nicht nur Farbe sehen, was ja ev. auch bei reiner Gnosis möglich wäre, sondern farbige Dinge. Das Bewulstsein ist also in hohem Mafse durch die Gnosis bestimmt. Aber die Beziehung ist eine wechselseitige: ohne dafs ich dasselbe Ding bei den verschiedensten Beleuch- tungen wiedererkannt hätte, hätte sich die Gnosis nie bilden können, und noch mehr, rein durch Richtung meiner Aufmerk- samkeit, durch kritisches Verhalten, wie es der Maler erlernt, kann ich die Wirkung der Gnosis beeinträchtigen, ja zum Ver- schwinden bringen.
Analoges lälst sich für die Praxie zeigen. Die motorische Einstellung gehört ins Gebiet der Praxien, sie kann völlig ohne Bewulstsein entstehen. Auch wenn ich während der Hebungen, die die Einstellung bervorrufen, dem Vorlesen eines spannenden Textes mit Aufmerksamkeit zuhöre, bildet sie sich, wie L. E. Og- Ein neuer Versuch eines objektiven Systems der Psychologie. 277 DAHL! gezeigt hat, aus. Aber das Bewulstsein ist doch nicht so ganz belanglos. Denn wenn die Vp. bei den Einstellungs- hebungen auf diese achtete, was die eben genannte Autorin durch eine sehr zweckmäfsige Vorschrift bewirkte, so wurde die Einstellung stärker als im anderen Fall. Wir sehen also, dals die Aufmerksamkeit, die mit den höheren Bewulstseinszentren in Verbindung steht, auf das Praxiezentrum wirken kann, so, dafs die Bildung von Assoziationen erleichtert wird.
Dies zeigte sich auch bei Versuchen der gleichen Forscherin über das Erlernen neuer Bewegungen, z. B. des Werfens nach einer Scheibe. Auch hier war es förderlich, wenn die Vp. ihre Aufmerksamkeit anspannte, doch mulfste diese auf das Ziel und nicht etwa auf die tätigen Muskelgruppen gerichtet werden. Eine bewulste Kontrolle wurde dabei nur über die gröberen Bewegungen ausgeübt, der Fortschritt der feineren vollzog sich im grolsen und ganzen unabhängig vom Bewulstsein. Selbst in den Fällen, wo es sich um das Erlernen von Tätigkeiten handelt, die In- telligenz erfordern, wie etwa «die Aufgabe, dreistellige Zablen im Kopf zu quadrieren, kommt noch ein Fortschritt ohne Bewulst- seinsbeteiligung zustande, doch ist hier natürlich das Bewulstsein am Lernen stärker beteiligt als bei den mehr körperlichen Tätig- keiten. Jedenfalls spielen überall Praxien eine Rolle, und auch hier ergab sich ein fördernder Einflufs der Aufmerksamkeit, wenn diese auf das Ziel gerichtet war, während sie bei der körper- lichen Leistung schädlich wirkte, wenn sie der Tätigkeit selbst zugewandt wurde. Dadurch wird der Satz Enınarrs, dafs alle Praxien um so vollkommener sind, je gedankenloser sie geschehen, bestätigt, aber doch auch insofern ergänzt, als eine gewisse Auf- merksamkeitsrichtung das Erlernen neuer Praxien erleichtert.
Die Versuche von Orpauu enthalten aber noch ein Ergebnis: „Improvement, therefore, does take place without the control of consciousness. Yet even at the grade of learning where this is the truest, we cannot say that one is unconscious, but perhaps rather that marginal awareness, in the sense of organic and peri: pheral sensations, and feelings of satisfaction and dissatisfaction is always present and affects the result.“ ° 1 Consciousness in Relation to learning. Amer. Journ. of Psychol. 22, 278 K. Koffka.
Wir sehen also, dafs obwohl das Bewulstsein in diesen Fällen keinen Einflufs auf die Bildung der Praxien hat! — von dem aus der Aufmerksamkeit folgenden abgesehen — diese doch nicht ganz ohne Bewulstsein verläuft, dafs vielmehr auch hier, wie in den Fällen möglichst reiner Gnosien und Praxien, die wir früher besprochen haben, ein Rest von Bewulstsein zurück- bleibt. Die Verfasserin ist auch geneigt, dies dunkle Bewulstsein auf die Tiere zu übertragen, und auch wir werden jetzt dem zweiten Glied unserer Alternative die grölsere Wahrscheinlichkeit zugestehen, und der Gnosis und Praxie selbst eine Bewulstseins- wirkung zuschreiben.?
Damit hat das Epınsersche System an seiner so bestechenden Einfachheit eingebülst. Aber die Verhältnisse liegen auf der psychischen Seite doch tatsächlich so kompliziert, dafs dieser Verzicht keinen reinen Verlust bedeutet. Es ist im Gegenteil sehr wohl möglich, dals wir auch noch weitere Scheidungen innerhalb der jetzt abgegrenzten Organe werden vornehmen müssen.
Sind wir somit auch von EvinseR in einigen Punkten ab- gewichen, so haben sich seine Anschauungen doch als durchaus fruchtbar erwiesen. Wenn man der Gnosis zukommen lälst, was ihr gebührt, wird man viel schneller zu einwandfreien Resultaten kommen, als wenn man unbewulste Schlüsse, Urteilstäuschungen u.ä. zur Erklärung zu verwenden versucht.
Die Psychologen sollen nie vergessen, dals, während das Bewulstsein auf- und abschwankt, dort erlischt, hier wieder auf- leuchtet, doch ununterbrochen eine Maschine arbeitet, deren Wirksamkeit wir oft erst viel später an einem Bewulstseinsinhalt entdecken können.
i Den Widerspruch, in dem das „affects the result“ zum vorangehen- den und folgenden: „practice alone is the improving factor“ steht, möchte ich so lösen, dafs etwa durch die Gefühle der Zufriedenheit und Unzu- friedenheit die gesamte Aktivität angespornt werden kann.
® Damit soll nicht gesagt sein, dafs tatsächlich alle Gnosien und Praxien von Bewufstsein begleitet sind. Durch anders gerichtete Aufmerk- samkeit werden sie vielmehr häufig bewulstseinslos verlaufen.