SigPhi · Nietzsche

Der Antichrist (German)

German

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ewige Strafe für die grosse Zeit — eine Zeit, in der der Priester noch nichts war. Sie haben aus den mäch- tigen, sehr frei gerathenen Gestalten der Geschichte Israel's, je nach Bedürfhiss, armselige Ducker und Mucker oder „Gottlose" gemacht, sie haben die Psychologie jedes grossen Ereignisses auf die Idioten - Formel „Gehorsam oder Ungehorsam gegen Gott" vereinfacht. — Ein Schritt weiter: der „Wille Gottes", das heisst die Er- haltungs-Bedingungen für die Macht des Priesters, muss bekannt sein, — zu diesem Zwecke bedarf es einer „Offenbarung". Auf deutsch: eine grosse litterarische Fälschung wird nöthig, eine „heilige Schrift" wird ent- deckt, — unter allem hieratischen Pomp, mit Busstagen und Jammergeschrei über die lange „Sünde" wird sie öffentlich gemacht. Der „Wille Gottes" stand längst fest: das ganze Unheil liegt darin, dass man sich der „heiligen Schrift" entfremdet hat...Moses schon war der „Wille Gottes" offenbart...Was war geschehn? Der Priester hatte, mit Strenge, mit Pedanterie, bis auf die grossen und kleinen Steuern, die man ihm zu zahlen hatte ( — die schmackhaftesten Stücke vom Fleisch nicht zu vergessen: denn der Priester ist ein Beefsteak-Fresser), ein für alle Mal formulirt, was er haben will, „was der Wille Gottes ist"...Von nun an sind alle Dinge des Lebens so geordnet, dass der Priester überall unentbehrlich ist; in allen natürlichen Vorkommnissen des Lebens, bei der Geburt, der Ehe, der Krankheit, dem Tode, gar nicht vom Opfer („der Mahlzeit") zu reden, erscheint der heilige Parasit, um sie zu entnatürlichen: in seiner Sprache zu „heiligen"...Denn dies muss man be- greifen: jede natürliche Sitte, jede natürliche Institution (Staat, Gerichtsordnung, Ehe, Kranken- und Armenpflege), jede vom Instinkt des Lebens eingegebne Forderung, kurz Alles, was seinen Werth in sich hat, wird durch den Parasitismus des Priesters (oder der „sittlichen Welt- ordnung") grundsätzlich werthlos, werth- widrig ge- macht: es bedarf nachträglich einer Sanktion, — eine werthverleihende Macht thut noth, welche die Natur darin verneint, welche eben damit erst einen Werth schafft...Der Priester entwerthet, entheiligt die Natur: um diesen Preis besteht er überhaupt. — Der Ungehorsam gegen Gott, das heisst gegen den Priester, gegen „das Gesetz", bekommt nun den Namen „Sünde"; die Mittel, sich wieder „mit Gott zu versöhnen", sind, wie billig, Mittel, mit denen die Unterwerfung unter den Priester nur noch gründlicher gewährleistet ist: der Priester allein „erlöst"...Psychologisch nachgerechnet werden in jeder priesterlich organisirten Gesellschaft die „Sünden" unentbehrlich: sie sind die eigentlichen Hand- haben der Macht, der Priester lebt von den Sünden, er hat nöthig, dass „gesündigt" wird...Oberster Satz: „Gott vergiebt dem, der Busse thut" — auf deutsch: der sich dem Priester unterwirft. — Auf einem dergestalt falschen Boden, wo jede Natur, jeder Natur werth, jede Realität die tiefsten In- stinkte der herrschenden Klasse wider sich hatte, wuchs das Christenthum auf, eine Todfeindschafts - Form gegen die Realität, die bisher nicht übertroffen worden ist. Das „heilige Volk", das für alle Dinge nur Priester- werthe, nur Priester- Worte übrig behalten hatte und mit einer Schluss-Folgerichtigkeit, die Furcht einflössen kann, Alles, was sonst noch an Macht auf Erden bestand, als „unheilig", als „Welt", als „Sünde" von sich abgetrennt hatte, — dies Volk brachte für seinen Instinkt eine letzte Formel hervor, die logisch war bis zur Selbstverneinung: es verneinte, als Christenthum, noch die letzte Form der Realität, das „heilige Volk", das „Volk der Ausge- wählten", die jüdische Realität selbst. Der Fall ist ersten Rangs: die kleine aufständische Bewegung, die auf den Namen des Jesus von Nazareth getauft wird, ist der jüdische Instinkt noch einmal, — anders ge- sagt, der Priester -Instinkt, der den Priester als Realität nicht mehr verträgt, die Erfindung einer noch abge- zogneren Daseinsform, einer noch unrealeren Vision der Welt, als sie die Organisation einer Kirche bedingt. Das Christenthum verneint die Kirche...

Ich sehe nicht ab, wogegen der Aufstand gerichtet war, als dessen Urheber Jesus verstanden oder miss- verstanden worden ist, wenn es nicht der Aufstand gegen die jüdische Kirche war, Kirche genau in dem Sinn genommen, in dem wir heute das Wort nehmen. Es war ein Aufstand gegen „die Guten und Gerechten", gegen „die Heiligen Israels", gegen die Hierarchie der Gesellschaft — nicht gegen deren Verderbniss, sondern gegen die Kaste, das Privilegium, die Ordnung, die Formel, es war der Unglaube an die „höheren Men- schen", das Nein gesprochen gegen Alles, was Priester und Theologe war. Aber die Hierarchie, die damit, wenn auch nur für einen Augenblick, in Frage gestellt wurde, war der Pfahlbau, auf dem das jüdische Volk, mitten im „Wasser", überhaupt noch fortbestand, die mühsam errungene letzte Möglichkeit, übrig zu bleiben, das restduum seiner politischen Sonder - Existenz: ein Angriff auf sie war ein Angriff auf den tiefsten Volks- Instinkt, auf den zähesten Volks -Lebens -Willen, der je auf Erden dagewesen ist. Dieser heilige Anarchist, der das niedere Volk, die Ausgestossnen und „Sünder", die Tschand ala innerhalb des Judenthums zum Widerspruch gegen die herrschende Ordnung aufrief — mit einer Sprache, falls den Evangelien zu trauen wäre, die auch heute noch nach Sibirien führen würde, war ein politischer Verbrecher, so weit eben politische Verbrecher in einer absurd-unpolitischen Gemeinschaft möglich waren. Dies brachte ihn an's Kreuz: der Beweis dafür ist die Aufschrift des Kreuzes. Er starb für seine Schuld, — es fehlt jeder Grund dafür, so oft es auch behauptet worden ist, dass er für die Schuld Andrer starb. — Eine vollkommen andre Frage ist es, ob er einen solchen Gegensatz überhaupt im Bewusstsein hatte, ob er nicht bloss als dieser Gegensatz empfunden wurde. Und hier erst berühre ich das Problem der Psychologie des Erlösers. — Ich bekenne, dass ich wenige Bücher mit solchen Schwierigkeiten lese wie die Evangelien. Diese Schwierigkeiten sind andre als die, an deren Nachweis die gelehrte Neugierde des deutschen Geistes einen ihrer unvergesslichsten Triumphe gefeiert hat. Die Zeit ist fern, wo auch ich, gleich jedem jungen Gelehrten, mit der klugen Langsamkeit eines raffinirten Philologen das Werk des unvergleichlichen Strauss aus- kostete. Damals war ich zwanzig Jahre alt: jetzt bin ich zu ernst dafür. Was gehen mich die Widersprüche der „Uberlieferung" an? Wie kann man Heiligen-Legenden überhaupt „Überlieferung" nennen! Die Geschichten von Heiligen sind die zweideutigste Litteratur, die es über- haupt giebt: auf sie die wissenschaftliche Methode an- wenden, wenn sonst keine Urkunden vorliegen, scheint mir von vornherein verurtheilt — bloss gelehrter Müssiggang...

Was mich angeht, ist der psychologische Typus des Erlösers. Derselbe könnte ja in den Evangelien enthalten sein trotz den Evangelien, wie sehr auch immer verstümmelt oder mit fremden Zügen überladen: wie der des Franciscus von Assisi in seinen Legenden erhalten ist trotz seinen Legenden. Nicht die Wahrheit darüber, was er gethan, was er gesagt, wie er eigentlich ge- storben ist: sondern die Frage, ob sein Typus über- haupt noch vorstellbar, ob er „überliefert" ist? — Die Versuche, die ich kenne, aus den Evangelien sogar die G-eschichte einer „Seele" herauszulesen, scheinen mir Beweise einer verabscheuungswürdigen psychologischen Leichtfertigkeit. Herr Renan, dieser Hanswurst in fisycho- logicis, hat die zwei ungehörigsten Begriffe zu seiner Erklärung des Typus Jesus hinzugebracht, die es hierfür geben kann: den Begriff Genie und den Begriff Held („häros"). Aber wenn irgend Etwas unevangelisch ist, so ist es der Begriff Held. Gerade der Gegensatz zu allem Ringen, zu allem Sich-in-Kampf-fühlen ist hier Instinkt geworden: die Unfähigkeit zum Widerstand wird hier Moral („widerstehe nicht dem Bösen" das tiefste Wort der Evangelien, ihr Schlüssel in gewissem Sinne), die Selig- keit im Frieden, in der Sanftmuth, im Nicht -feind- sein- können. Was heisst „frohe Botschaft"? Das wahre Leben, das ewige Leben ist gefunden — es wird nicht ver- heissen, es ist da, es ist in euch: als Leben in der Liebe, in der Liebe ohne Abzug und Ausschluss, ohne Distanz. Jeder ist das Kind Gottes — Jesus nimmt durchaus nichts für sich allein in Anspruch —, als Kind Gottes ist Jeder mit Jedem gleich...Aus Jesus einen Helden machen! — Und was für ein Missverständniss ist gar das Wort „Genie"! Unser ganzer Begriff, unser Cultur- Begriff „Geist" hat in der Welt, in der Jesus lebt, gar keinen Sinn. Mit der Strenge des Physiologen ge- sprochen, wäre hier ein ganz andres Wort eher noch am Platz...Wir kennen einen Zustand krankhafter Reiz- barkeit des Tastsinns, der dann vor jeder Berührung, vor jedem Anfassen eines festen Gegenstandes zurück- schaudert. Man übersetze sich einen solchen physio- logischen habitus in seine letzte Logik — als Instinkt- Hass gegen jede Realität, als Flucht in's „Unfassliche", in's „Unbegreifliche", als Widerwille gegen jede Formel, jeden Zeit- und RaumbegrifF, gegen Alles, was fest, Sitte, Institution, Kirche ist, als Zu-Hause-sein in einer Welt, an die keine Art Realität mehr rührt, einer bloss noch „inneren" Welt, einer „wahren" Welt, einer „ewigen" Welt...„Das Reich Gottes ist in euch"...Der Instinkt-Hass gegen die Realität: Folge einer extremen Leid- und Reizfähigkeit, welche über- haupt nicht mehr „berührt" werden will, weil sie jede Berührung zu tief empfindet.

Die Instinkt-Ausschliessung aller Abneigung, aller Feindschaft, aller Grenzen und Distanzen im Gefühl: Folge einer extremen Leid- und Reizfähig- keit, welche jedes Widerstreben, Widerstreben-Müssen bereits als unerträgliche Unlust (das heisst als schäd- lich, als vom Selbsterhaltungs- Instinkte widerrathen) empfindet und die Seligkeit (die Lust) allein darin kennt, nicht mehr, Niemandem mehr, weder dem Übel noch dem Bösen, Widerstand zu leisten, — die Liebe als einzige, als letzte Lebens-Möglichkeit...

Dies sind die zwei physiologischen Realitäten, auf denen, aus denen die Erlösungs - Lehre gewachsen ist. Ich nenne sie eine sublime Weiter- Entwicklung des Hedonismus auf durchaus morbider Grundlage. Nächstverwandt, wenn auch mit einem grossen Zu- schuss von griechischer Vitalität und Nervenkraft, bleibt ihr der Epikureismus, die Erlösungs-Lehre des Heiden- thums. Epikur ein typischer decadent: zuerst von mir als solcher erkannt. — Die Furcht vor Schmerz, selbst vor dem Unendlich-Kleinen im Schmerz — sie kann gar nicht anders enden als in einer Religion der Ich habe meine Antwort auf das Problem vorweg gegeben. Die Voraussetzung für sie ist, dass der Typus des Erlösers uns nur in einer starken Entstellung erhalten ist. Diese Entstellung hat an sich viel Wahrscheinlich- keit: ein solcher Typus konnte aus mehreren Gründen nicht rein, nicht ganz, nicht frei von Zuthaten bleiben. Es muss sowohl das müieu, in dem sich diese fremde Gestalt bewegte, Spuren an ihm hinterlassen haben, als noch mehr die Geschichte, das Schicksal der ersten christlichen Gemeinde: aus ihm wurde, rückwirkend, der Typus mit Zügen bereichert, die erst aus dem Kriege und ' zu Zwecken der Propaganda verständlich werden. Jene seltsame und kranke Welt, in die uns die Evan- gelien einfuhren — eine Welt, wie aus einem russischen Romane, in der sich Auswurf der Gesellschaft, Nerven- leiden und „kindliches" Idiotenthum ein Stelldichein zu geben scheinen — muss unter allen Umständen den Typus vergröbert haben: die ersten Jünger in Sonder- heit übersetzten ein ganz in Symbolen und Unfasslich- keiten schwimmendes Sein erst in die eigne Crudität, um überhaupt Etwas' davon zu verstehn, — für sie war der Typus erst nach einer Einformung in bekanntere Formen vorhanden...Der Prophet, der Messias, der zu- künftige Richter, der Morallehrer, der Wundermann, Johannes der Täufer — ebensoviele Gelegenheiten, den Typus zu verkennen.. Unterschätzen wir endlich das proprium aller grossen, namentlich sektirerischen Ver- ehrung nicht: sie löscht die originalen, oft peinlich- fremden Züge und Idiosynkrasien an dem verehrten "Wesen aus — sie sieht sie selbst nicht. Man hätte zu bedauern, dass nicht ein Dostoiewsky in der Nähe dieses interessantesten ddcadent gelebt hat, ich meine Jemand, der gerade den ergreifenden Reiz einer solchen Mischung von Sublimem, Krankem und Kindlichem zu empfinden wusste. Ein letzter Gesichtspunkt: der Typus könnte, als decadence- Typus, thatsächlich von einer eigenthümlichen Vielheit und Widersprüchlichkeit gewesen sein: eine solche Möglichkeit ist nicht völlig auszu- schliessen. Trotzdem räth Alles ab von ihr: gerade die Überlieferung würde für diesen Fall eine merkwürdig treue und objektive sein müssen: wovon wir Gründe haben das Gegentheil anzunehmen. Einstweilen klafft ein Widerspruch zwischen dem Berg-, See- und Wiesen- Prediger, dessen Erscheinung wie ein Buddha auf einem sehr wenig indischen Boden anmuthet, und jenem Fa- natiker des Angriffs, dem Theologen- und Priester-Tod- feind, den Renan's Bosheit als „le grand maitre en ironie" verherrlicht hat. Ich selber zweifle nicht daran, dass das reichliche Maass Galle (und selbst von esprit) erst aus dem erregten Zustand der christlichen Propaganda auf den Typus des Meisters übergeflossen ist: man kennt ja reichlich die Unbedenklichkeit aller Sektirer, aus ihrem Meister sich ihre Apologie zurecht zu machen. Als die erste Gemeinde einen richtenden, hadernden, zür- nenden, bösartig spitzfindigen Theologen nöthig hatte, ^egen Theologen, schuf sie sich ihren „Gott" nach ihrem Bedürfnisse: wie sie ihm auch jene völlig unevan- gelischen Begriffe, die sie jetzt nicht entbehren konnte, „Wiederkunft", „jüngstes Gericht", jede Art zeitlicher Er- wartung und Verheissung ohne Zögern in den Mund gab. — Ich wehre mich, nochmals gesagt, dagegen, dass man den Fanatiker in den Typus des Erlösers einträgt: das Wort impärieux, das Renan gebraucht, annullirt allein schon den Typus. Die „gute Botschaft" ist eben, dass es keine Gegensätze mehr giebt; das Himmelreich gehört den Kindern; der Glaube, der hier laut wird, ist kein erkämpfter Glaube, — er ist da, er ist von Anfang, er ist gleichsam eine in's Geistige zurückgetretene Kind- lichkeit. Der Fall der verzögerten und im Organismus unausgebildeten Pubertät als Folgeerscheinung der De- generescenz ist wenigstens den Physiologen vertraut. — Ein solcher Glaube zürnt nicht, tadelt nicht, wehrt sich nicht: er bringt nicht „das Schwert", — er ahnt gar nicht, inwiefern er einmal trennen könnte. Er beweist sich nicht, weder durch Wunder, noch durch Lohn und Verheissung, noch gar „durch die Schrift": er selbst ist jeden Augenblick sein Wunder, sein Lohn, sein Beweis, sein „Reich Gottes". Dieser Glaube formulirt sich auch nicht — er lebt, er wehrt sich gegen Formeln. Freilich bestimmt der Zufall der Umgebung, der Sprache, der Vorbildung einen gewissen Kreis von Begriffen: das erste Christenthum handhabt nur jüdisch -semitische Be- griffe ( — das Essen und Trinken beim Abendmahl ge- hört dahin, jener von der Kirche, wie alles Jüdische, so schlimm missbrauchte Begriff). Aber man hüte sich, darin mehr als eine Zeichenrede, eine Semiotik, eine Ge- legenheit zu Gleichnissen zu sehn. Gerade, dass kein Wort wörtlich genommen wird, ist diesem Anti-Realisten die Vorbedingung, um überhaupt reden zu können. Unter Indern würde er sich der Sankhyam-Begriffe, unter Chinesen der des Laotse bedient haben — und keinen Unterschied dabei fühlen. — Man könnte, mit einiger Toleranz im Ausdruck, Jesus einen „freien Geist" nennen — er macht sich aus allem Festen nichts: das Wort tödtet, alles was fest ist tödtet. Der Begriff, die Er- fahrung „Leben", wie er sie allein kennt, widerstrebt bei ihm jeder Art Wort, Formel, Gesetz, Glaube, Dogma. Er redet bloss vom Innersten: „Leben" oder „Wahrheit" oder „Licht" ist sein Wort für das Innerste, — alles Übrige, die ganze Realität, die ganze Natur, die Sprache selbst, hat für ihn bloss den Werth eines Zeichens, eines Gleichnisses. — Man darf sich an dieser Stelle durchaus nicht vergreifen, so gross auch die Verführung ist, welche im christlichen, will sagen kirchlichen Vorurtheil liegt: eine solche Symbolik par excellence steht ausserhalb aller Religion, aller Cult- Begriffe, aller Historie, aller Natur- wissenschaft, aller Welt-Erfahrung, aller Kenntnisse, aller Politik, aller Psychologie, aller Bücher, aller Kunst — sein „Wissen" ist eben die reine Thorheit darüber, dass es Etwas dergleichen giebt. Die Cultur ist ihm nicht einmal vom Hörensagen bekannt, er hat keinen Kampf gegen sie nöthig, — er verneint sie nicht...Dasselbe gilt vom Staat, von der ganzen bürgerlichen Ordnung und Gesellschaft, von der Arbeit, vom Kriege — er hat nie einen Grund gehabt, „die Welt" zu verneinen, er hat den kirchlichen Begriff „Welt" nie geahnt...Das Ver- neinen ist eben das ihm ganz Unmögliche. — Ins- gleichen fehlt die Dialektik, es fehlt die Vorstellung dafür, dass ein Glaube, eine „Wahrheit" durch Gründe bewiesen werden könnte ( — seine Beweise sind innere „Lichter", innere Lustgefühle und Selbstbejahungen, lauter Nietzsche, Werke Band VIII. iy „Beweise der Kraft" — ). Eine solche Lehre kann auch nicht widersprechen, sie begreift gar nicht, dass es andre Lehren giebt, geben kann, sie weiss sich ein gegen- teiliges Urtheilen gar nicht vorzustellen...Wo sie es antrifft, wird sie aus innerstem Mitgefühle über „Blind- heit" trauern — denn sie sieht das „Licht" —, aber keinen Einwand machen...In der ganzen Psychologie des „Evangeliums" fehlt der Begriff Schuld und Strafe; insgleichen der Begriff Lohn. Die „Sünde", jedwedes Distanz -Verhältniss zwischen Gott und Mensch ist abgeschafft, — eben das ist die „froheBotschaft". Die Seligkeit wird nicht verheissen, sie wird nicht an Bedingungen geknüpft: sie ist die einzige Realität — der Rest ist Zeichen, um von ihr zu reden Die Folge eines solchen Zustandes projicirt sich in eine neue Praktik, die eigentlich evangelische Praktik. Nicht ein „Glaube" unterscheidet den Christen: der Christ handelt, er unterscheidet sich durch ein andres Handeln. Dass er dem der böse gegen ihn ist, weder durch Wort, noch im Herzen Widerstand leistet. Dass er kei- nen Unterschied zwischen Fremden und Einheimischen, zwischen Juden und Nichtjuden macht („der Nächste" eigentlich der Glaubensgenosse, der Jude). Dass er sich gegen Niemanden erzürnt, Niemanden geringschätzt. Dass er sich bei Gerichtshöfen weder sehn lässt, noch in Anspruch nehmen lässt („nicht schwören"). Dass er sich unter keinen Umständen, auch nicht im Falle be- wiesener Untreue des Weibes, von seinem Weibe scheidet. — Alles im Grunde Ein Satz, Alles Folgen Eines In- stinkts. — Das Leben des Erlösers war nichts andres als diese Praktik, — sein Tod war auch nichts andres...Er hatte keine Formeln, keinen Ritus für den Verkehr mit Gott mehr nöthig — nicht einmal das Gebet. Er hat mit der ganzen jüdischen Buss- und Versöhnungs- Lehre abgerechnet; er weiss, wie es allein die Praktik des Lebens ist, mit der man sich „göttlich", „selig", „evan- gelisch", jeder Zeit ein „Kind Gottes" fühlt. Nicht „Busse", nicht „Gebet um Vergebung" sind Wege zu Gott: die evangelische Praktik allein fuhrt zu Gott, sie eben ist „Gott". — Was mit dem Evangelium ab- gethan war, das war das Judenthum der Begriffe „Sünde" „Vergebung der Sünde" „Glaube" „Erlösung durch den Glauben", — die ganze jüdische Kirchen- Lehre war in der „frohen Botschaft" verneint.

Der tiefe Instinkt dafür, wie man leben müsse, um sich „im Himmel" zu fühlen, um sich „ewig" zu fühlen, während man sich bei jedem andren Verhalten durchaus nicht „im Himmel" fühlt: dies allein ist die psycholo- gische Realität der „Erlösung". — Ein neuer Wandel, nicht ein neuer Glaube...

Wenn ich irgend Etwas von diesem grossen Sym- bolisten verstehe, so ist es das, dass er nur innere Realitäten als Realitäten, als „Wahrheiten" nahm, — dass er den Rest, alles Natürliche, Zeitliche, Räumliche, Historische nur als Zeichen, als Gelegenheit zu Gleich- nissen verstand. Der Begriff „des Menschen Sohn" ist nicht eine concrete Person, die in die Geschichte gehört, irgend etwas Einzelnes, Einmaliges, sondern eine „ewige" Thatsächlichkeit, ein von dem Zeitbegriff erlöstes psycho- 2ÖO 2ÖO logisches Symbol. Dasselbe gilt noch einmal, und im höchsten Sinne, von dem Gott dieses typischen Sym- bolisten, vom „Reich Gottes", vom „Himmelreich", von der „Kindschart Gottes". Nichts ist unchristlicher als die kirchlichen Cruditäten von einem Gott als Person, von einem „Reich Gottes", welches kommt, von einem „Himmelreich" jenseits, von einem „Sohne Gottes", der zweiten Person der Trinität. Dies Alles ist — man vergebe mir den Ausdruck — die Faust auf dem Auge — oh auf was für einem Auge! — des Evangeliums: ein welthistorischer Cynismus in der Verhöhnung des Symbols...Aber es liegt ja auf der Hand, was mit dem Zeichen „Vater" und „Sohn" angerührt wird — nicht auf jeder Hand, ich gebe es zu: mit dem Wort „Sohn" ist der Eintritt in das Gesammt- Verklärungs-Gefühl aller Dinge (die Seligkeit) ausgedrückt, mit dem Wort „Vater" dieses Gefühl selbst, das Ewigkeits-, das Vollendungs- Gefühl. — Ich schäme mich daran zu erinnern, was die Kirche aus diesem Symbolismus gemacht hat: hat sie nicht eine Amphitryon - Geschichte an die Schwelle des christlichen „Glaubens" gesetzt? Und ein Dogma von der „unbefleckten Empfängniss" noch obendrein?...Aber damit hat sie die Empfängniss befleckt Das „Himmelreich" ist ein Zustand des Herzens — nicht Etwas, das „über der Erde" oder „nach dem Tode" kommt. Der ganze Begriff des natürlichen Todes fehlt im Evangelium: der Tod ist keine Brücke, kein Über- gang, er fehlt, weil einer ganz andern bloss scheinbaren, bloss zu Zeichen nützlichen Welt zugehörig. Die „Todes- stunde" ist kein christlicher Begriff — die „Stunde", die Zeit, das physische Leben und seine Krisen sind gar nicht vorhanden für den Lehrer der „frohen Botschaft"...Das „Reich Gottes" ist nichts, das man erwartet; es hat kein Gestern und kein Übermorgen, es kommt nicht in „tausend Jahren" — es ist eine Erfahrung an einem Herzen; es ist überall da, es ist nirgends da ♦, Dieser „frohe Botschafter" starb wie er lebte, wie er lehrte — nicht um „die Menschen zu erlösen", sondern um zu zeigen, wie man zu leben hat. Die Praktik ist es, welche er der Menschheit hinterliess: sein Verhalten vor den Richtern, vor den Häschern, vor den Anklägern und aller Art Verleumdung und Hohn, — sein Verhalten am Kreuz. Er widersteht nicht, er vertheidigt nicht sein Recht, er thut keinen Schritt, der das Äusserste von ihm abwehrt, mehr noch, er fordert es heraus...Und er bittet, er leidet, er liebt mit denen, in denen, die ihm Böses thun...Nicht sich wehren, nicht zürnen, nicht verantwortlich-machen...Sondern auch nicht dem Bösen widerstehen, — ihn lieben,,, — Erst wir, wir freigewordenen Geister, haben die Voraussetzung dafür, Etwas zu verstehn, das neun- zehn Jahrhunderte missverstanden haben, — jene Instinkt und Leidenschaft gewordene RechtschafFenheit, welche der „heiligen Lüge" noch mehr als jeder andren Lüge den Krieg macht...Man war unsäglich entfernt von unsrer liebevollen und vorsichtigen Neutralität, von jener Zucht des Geistes, mit der allein das Errathen so fremder, so zarter Dinge ermöglicht wird: man wollte jeder Zeit, mit einer unverschämten Selbstsucht, nur seinen Vor- theil darin, man hat aus dem Gegensatz zum Evangelium die Kirche aufgebaut...Wer nach Zeichen dafür suchte, dass hinter dem grossen Welten-Spiel eine ironische Göttlichkeit die Finger handhabe, er fände keinen kleinen Anhalt in dem un- geheuren Fragezeichen, das Christenthum heisst Dass die Menschheit vor dem Gegensatz dessen auf den Knien liegt, -was der Ursprung, der Sinn, das Recht des Evangeliums war, dass sie in dem Begriff „Kirche" gerade Das heilig gesprochen hat, was der „frohe Bot- schafter" als unter sich, als hinter sich empfand — man sucht vergebens nach einer grösseren Form welt- historischer Ironie — —