Der realistische Maler. „Treu die Natur und ganz!" — Wie fängt er's an: Wann wäre je Natur im Bilde abgethan? Unendlich ist das kleinste Stück der Welt! — Er malt zuletzt davon, was ihm gefällt. Und was gefällt ihm? Was er malen kann!
Dichter-Eitelkeit. Gebt mir Leim nur: denn zum Leime Find' ich selber mir schon Holz! Sinn in vier unsinn'ge Reime Legen — ist kein kleiner Stölzl Wählerischer Geschmack. Wenn man frei mich wählen Hesse, Wählt' ich gern ein Plätzchen mir Mitten drin im Paradiese: Gerner noch — vor seiner Thür!
Die krumme Nase. Die Nase schauet trutziglich In's Land, der Nüster blähet sich — Drum fällst du, Nashorn ohne Horn, Mein stolzes Menschlein, stets nach vorn'! Und stets beisammen find't sich das: Gerader Stolz, gekrümmte Nas\ Die Feder kritzelt Die Feder kritzelt: Hölle das! Bin ich verdammt zum Kritzeln-Müssen? — So greif ich kühn zum Dintenfass Und schreib' mit dicken Dintenflüssen. Wie läuft das hin, so voll, so breit! Wie glückt mir Alles, wie ich's treibe! Zwar fehlt der Schrift die Deutlichkeit — - Was thut's? Wer liest denn, was ich schreibe?
Höhere Menschen. Der steigt empor — ihn soll man loben 1 Doch Jener kommt allzeit von Oben! Der lebt dem Lobe selbst enthoben, Der ist von Droben!
Der Skeptiker spricht. Halb ist dein Leben um. Der Zeiger rückt, die Seele schaudert dir! Lang schweift sie schon herum Und sucht, und fand nicht — und sie zaudert hier?
Halb ist dein Leben um: Schmerz war's und Irrthum Stund um Stund dahier!
Was suchst du noch? Warum? — — Diess eben such' ich — Grund um Grund dafür!
Ecce homo.
Ja! Ich weiss, woher ich stammet Ungesättigt gleich der Flamme Glühe und verzehr' ich mich. Licht wird Alles, was ich fasse, Kohle Alles, was ich lasse: Flamme bin ich sicherlich!
Sternen-Moral.
Vorausbestimmt zur Sternenbahn, Was geht dich, Stern, das Dunkel an?
Roll selig hin durch diese Zeit! Ihr Elend sei dir fremd und weit!
Der fernsten Welt gehört, dein Schein: Mitleid soll Sünde für dich sein!
Nur Ein Gebot gilt dir: sei rein!
Erstes Buch.
I. Die Lehrer vom Zwecke des Daseins. — Ich mag nun mit gutem oder bösen Blick auf die Menschen sehen, ich finde sie immer bei Einer Aufgabe, Alle und jeden Einzelnen in Sonderheit: Das zu thun, was der Erhaltung der menschlichen Gattung frommt. Und zwar wahrlich nicht aus einem Gefühl der Liebe für diese Gattung, sondern einfach, weil Nichts in ihnen älter stärker unerbittlicher unüberwindlicher ist als jener Instinct — weil dieser Instinct eben das Wesen un- serer Art und Heerde ist. Ob man schon schnell genug mit der üblichen Kurzsichtigkeit auf fünf Schritt hin seine Nächsten säuberlich in nützliche und schädliche, gute und böse Menschen auseinander zu thun pflegt, bei einer Abrechnung im Grossen, bei einem längeren Nachdenken über das Ganze wird man gegen dieses Säubern und Auseinanderthun misstrauisch und lässt es endlich sein. Auch der schädlichste Mensch ist vielleicht immer noch der allernützlichste, in Hinsicht auf die Er- haltung der Art; denn er unterhält bei sich oder, durch seine Wirkung, bei Andern Triebe, ohne welche die Menschheit längst erschlafft oder verfault wäre. Der Hass, die Schadenfreude, die Raub- und. Herrschsucht und was Alles sonst böse genannt wird: es gehört zu der erstaunlichen Ökonomie der Arterhaltung, freilich zu Nietzsche, Werke Band V. 3 einer kostspieligen« verschwenderischen und im Ganzen höchst thörichten Ökonomie: — welche aber bewiese- ner Maassen unser Geschlecht bisher erhalten hat. Ich weiss nicht mehr, ob du, mein lieber Mitmensch und Nächster, überhaupt zu Ungunsten der Art, also „unvernünftig" und „schlecht" leben kannst; Das was der Art hätte schaden können, ist vielleicht seit vielen Jahrtausenden schon ausgestorben und gehört jetzt zu den Dingen, die selbst bei Gott nicht mehr möglich sind. Hänge deinen besten oder deinen schlechtesten Begier- den nach und vor Allem: geh zu Grunde! — in Beidem bist du wahrscheinlich immer noch irgendwie der För- derer und Wohlthäter der Menschheit und darfst dir daraufhin deine Lobredner halten — und ebenso deine Spötter! Aber du wirst nie Den finden, der dich, den Einzelnen, auch in deinem Besten ganz zu verspotten verstünde, der deine grenzenlose Fliegen- und Frosch- Armseligkeit dir so genügend, wie es sich mit der Wahrheit vertrüge, zu Gemüthe führen könnte! Über sich selber lachen, wie man lachen müsste, um aus der ganzen Wahrheit heraus zu lachen, — dazu hatten bisher die Besten nicht genug Wahrheitssinn und die Begabtesten viel zu wenig Geniel Es giebt vielleicht auch für das Lachen noch eine Zukunft! Dann, wenn der Satz „die Art ist Alles, Einer ist immer Keiner" — sich der Menschheit einverleibt hat und Jedem jeder- zeit der Zugang zu dieser letzten Befreiung und Un- verantwortlichkeit offen steht. Vielleicht wird sich dann das Lachen mit der Weisheit verbündet haben, vielleicht giebt es dann nur noch „fröhliche Wissenschaft". Einst- . weilen ist es noch ganz anders, einstweilen ist die Komödie des Daseins sich selber noch nicht „bewusst geworden" — einstweilen ist es immer noch die Zeit der Tragödie, die Zeit der Moralen und Religionen. Was bedeutet das immer neue Erscheinen jener Stifter der Moralen und Religionen, jener Urheber des Kampfes um sittliche Schätzungen, jener Lehrer der Gewissens- bisse und der Religionskriege? Was bedeuten diese Helden auf dieser Bühne? — denn es waren bisher die Helden derselben, und alles Übrige, zeitweilig allein Sichtbare und Allzunahe, hat immer nur zur Vorbereitung dieser Helden gedient, sei es als Maschinerie und Coulisse oder in der Rolle von Vertrauten und Kam- merdienern. (Die Poeten zum Beispiel waren immer die Kammerdiener irgend einer Moral.) — Es versteht sich von selber, dass auch diese Tragöden im Interesse der Art arbeiten, wenn sie auch glauben mögen, im In- teresse Gottes und als Sendlinge Gottes zu arbeiten. Auch sie fördern das Leben der Gattung, indem sie den Glauben an das Leben fördern. „Es ist werth zu leben — so ruft ein Jeder von ihnen —, es hat Etwas auf sich mit diesem Leben, das Leben hat Etwas hinter sich, unter sich, nehmt euch in Acht!" Jener Trieb, welcher in den höchsten und gemeinsten Menschen gleichmässig waltet, der Trieb der Arterhaltung, bricht von Zeit zu Zeit als Vernunft und Leidenschaft des Geistes hervor; er hat dann ein glänzendes Gefolge von Gründen um sich und will mit aller Gewalt vergessen machen, dass er im Grunde Trieb Instinct Thorheit Grundlosigkeit ist. Das Leben soll geliebt werden, denn! Der Mensch soll sich und seinen Nächsten för- dern, denn! Und wie alle diese Soll's und Denn's heissen und in Zukunft noch heissen mögen! Damit Das, was nothwendig und immer, von sich aus und ohne allen Zweck geschieht, von jetzt an auf einen Zweck hin gethan erscheine und dem Menschen als Vernunft 3* und letztes Gebot einleuchte — dazu tritt der ethische Lehrer auf, als der Lehrer vom „Zweck des Daseins"; dazu erfindet er ein zweites und anderes Dasein und hebt mittelst seiner neuen Mechanik dieses alte gemeine Dasein aus seinen alten gemeinen Angeln. Ja! Er will durchaus nicht, dass wir über das Dasein lachen, noch auch über uns — noch auch über ihn; für ihn ist Einer immer Einer, etwas Erstes und Letztes und Unge- heures, für ihn giebt es keine Art, keine Summen, keine Nullen. Wie thöricht und schwärmerisch auch seine Erfindungen und Schätzungen sein mögen, wie sehr er den Gang der Natur verkennt und ihre Bedingungen verleugnet: — und alle Ethiken waren zeither bis zu dem Grade thöricht und widernatürlich, dass an jeder von ihnen die Menschheit zu Grunde gegangen sein würde, falls sie sich der Menschheit bemächtigt hätte — immerhin! jedesmal wenn „der Held" auf die Bühne trat, wurde etwas Neues* erreicht, das schauerliche Gegenstück des Lachens, jene tiefe Erschütterung vieler Einzelner bei dem Gedanken: „Ja, es ist werth zu leben! Ja, ich bin werth zu leben!" — das Leben und ich und du und wir Alle mit einander wurden uns wieder einmal für einige Zeit interessant. — Es ist nicht zu leug- nen, dass auf die Dauer über jeden Einzelnen dieser grossen Zwecklehrer bisher das Lachen und die Ver- nunft und die Natur Herr geworden ist: die kurze Tra- gödie gieng schliesslich immer in die ewige Komödie des Daseins über und zurück, und die „Wellen unzäh- ligen Gelächters" — mit Äschylus zu reden — müssen zuletzt auch über den grössten dieser Tragöden noch hinwegschlagen. Aber bei alle diesem corrigirenden Lachen ist im Ganzen doch durch diess immer neue Erscheinen jener Lehrer vom Zweck des Daseins die menschliche Natur verändert worden — sie hat jetzt ein Bedürfniss mehr, eben das Bedürfniss nach dem immer neuen Erscheinen solcher Lehrer und Lehren vom „Zweck". Der Mensch ist allmählich zu einem phanta- stischen Thiere geworden, welches eine Existenz-Bedin- gung mehr als jedes andre Thier zu erfüllen hat: der Mensch muss von Zeit zu Zeit glauben, zu wissen, warum er existirt, seine Gattung kann nicht gedeihen ohne ein periodisches Zutrauen zu dem Leben! Ohne Glauben an die Vernunft im Leben! Und immer wieder wird von Zeit zu Zeit das menschliche Geschlecht decretiren: „es giebt Etwas, über das absolut nicht mehr gelacht werden darf!" Und der vorsichtigste Menschen- freund wird hinzufügen: „nicht nur das Lachen und die fröhliche Weisheit, sondern auch das Tragische mit all seiner erhabenen Unvernunft gehört unter die Mittel und Nothwendigkeiten der Arterhaltung!" — Und folg- lich! Folglich! Folglich! Oh versteht ihr mich, meine Brüder? Versteht ihr dieses neue Gesetz der Ebbe und Fluth? Auch wir haben unsere Zeit!
2.
2.
Das intellectuale Gewissen. — Ich mache im- mer wieder die gleiche Erfahrung und sträube mich ebenso immer von Neuem gegen sie, ich will es nicht glauben, ob ich es gleich mit Händen greife: den Allermeisten fehlt das intellectuale Gewissen; ja es wollte mir oft scheinen, als ob man mit der For- derung eines solchen in den volkreichsten Städten ein- sam wie in der Wüste sei. Es sieht dich Jeder mit fremden Augen an und handhabt seine Wage weiter, diess gut, jenes böse nennend; es macht Niemandem eine Schamröthe, wenn du merken lassest, dass diese Ge- wichte nicht vollwichtig sind, — es macht auch keine Empörung gegen dich: vielleicht lacht man über deinen Zweifel. Ich will sagen: die Allermeisten finden es nicht verächtlich, diess oder jenes zu glauben und dar- nach zu leben, ohne sich vorher der letzten und sicher- sten Gründe für und wider bewusst worden zu sein und ohne sich auch nur die Mühe um solche Gründe hinter- drein zu geben, — die begabtesten Männer und die edelsten Frauen gehören noch zu diesen „Allermeisten". Was ist mir aber Gutherzigkeit, Feinheit und Genie, wenn der Mensch dieser Tugenden schlaffe Gefühle im Glauben und Urtheilen bei sich duldet, wenn das Ver- langen nach Gewissheit ihm nicht als die innerste Begierde und tiefste Noth gilt — als Das, was die höheren Menschen von den niederen scheidet! Ich fand bei gewissen Frommen einen Hass gegen die Vernunft vor und war ihnen gut dafür: so verrieth sich doch wenigstens noch das böse intellectuale Gewissen! Aber inmitten dieser rerum concordia dtscors und der ganzen wundervollen Ungewissheit und Vieldeutigkeit des Da- seins stehen und nicht fragen, nicht zittern vor Be- gierde und Lust des Fragens, nicht einmal den Fragenden hassen, vielleicht gar noch an ihm sich matt ergetzen — das ist es, was ich als verächtlich empfinde, und diese Empfindung ist es, nach der ich zuerst bei Jedermann suche: — irgend eine Narrheit überredet mich immer wieder, jeder Mensch habe diese Empfindung, als Mensch. Es ist meine Art von Ungerechtigkeit 3- Edel und Gemein. — Den gemeinen Naturen er- scheinen alle edlen, grossmüthigen Gefühle als unzweckmässig und desshalb zu allererst als unglaubwürdig: sie zwinkern mit den Augen, wenn sie von dergleichen hören, und scheinen sagen zu wollen „es wird wohl irgend ein guter Vortheil dabei sein, man kann nicht durch alle Wände sehen": — sie sind argwöhnisch gegen den Edlen, als ob er den Vortheil auf Schleichwegen suche. Werden sie von der Abwesenheit selbstischer Absichten und Gewinnste allzu deutlich überzeugt, so gilt ihnen der Edle als eine Art von Narren: sie ver- achten ihn in seiner Freude und lachen über den Glanz seiner Augen. „Wie kann man sich darüber freuen im Nachtheil zu sein, wie kann man mit offnen Augen in Nachtheil gerathen wollen! Es muss eine Krankheit der Vernunft mit der edlen Affection verbunden sein" — so denken sie und blicken geringschätzig dabei: wie sie die Freude geringschätzen, welche der Irrsinnige von seiner fixen Idee her hat. Die gemeine Natur ist dadurch aus- gezeichnet, dass sie ihren Vortheil unverrückt im Auge behält und dass diess Denken an Zweck und Vortheil selbst stärker als die stärksten Triebe in ihr ist: sich durch seine Triebe nicht zu unzweckmässigen Handlungen verleiten lassen — das ist ihre Weisheit und ihr Selbst- gefühl. Im Vergleich mit ihr ist die höhere Natur die unvernünftigere: — denn der Edle Grossmüthige Aufopfernde unterliegt in der That seinen Trieben, und in seinen besten Augenblicken pausirt seine Vernunft. Ein Thier, das mit Lebensgefahr seine Jungen beschützt oder, in der Zeit der Brunst, dem Weibchen auch in den Tod folgt, denkt nicht an die Gefahr und den Tod, 'seine Vernunft pausirt ebenfalls, weil die Lust an seiner Brut oder an dem Weibchen und die Furcht, dieser Lust be- raubt zu werden, es ganz beherrschen; es wird dümmer, als es sonst ist, gleich dem Edlen und Grossmüthigen.
Dieser besitzt einige Lust- und Unlust-Gefühle in solcher Stärke, dass der Intellect dagegen schweigen oder sich zu ihrem Dienste hergeben muss: es tritt dann bei ihm das Herz in den Kopf und man spricht nunmehr von „Leidenschaft". (Hier und da kommt auch wohl der Gegensatz dazu und gleichsam die „Umkehrung der Leidenschaft" vor, zum Beispiel bei Fontenelle, dem Jemand einmal die Hand auf das Herz legte, mit den Worten: „Was Sie da haben, mein Theuerster, ist auch Gehirn.") Die Unvernunft oder Quervernunft der Leiden- schaft ist es, die der Gemeine am Edlen verachtet, zu- mal wenn diese sich auf Objecte richtet, deren Werth ihm ganz phantastisch und willkürlich zu sein scheint. Er ärgert sich über Den, welcher der Leidenschaft des Bauches unterliegt, aber er begreift doch den Reiz, welcher hier den Tyrannen macht; aber er begreift es nicht, wie man zum Beispiel einer Leidenschaft der Er- kenntniss zu Liebe seine Gesundheit und Ehre auf's Spiel setzen könne. Der Geschmack der höheren Natur richtet sich auf Ausnahmen, auf Dinge, die gewöhnlich kalt lassen und keine Süssigkeit zu haben scheinen; die höhere Natur hat ein singuläres Werthmaass. Dazu ist sie meistens des Glaubens, nicht ein singuläres Werth- maass in ihrer Idiosynkrasie des Geschmacks zu haben, sie setzt vielmehr ihre Werthe und Unwerthe als die überhaupt gültigen Werthe und Unwerthe an, und ge- räth damit in's Unverständliche und Unpraktische. Es ist sehr selten, dass eine höhere Natur so viel Vernunft übrig behält, um Alltags -Menschen als solche zu ver- stehen und zu behandeln: zu allermeist glaubt sie an ihre Leidenschaft als an die verborgen gehaltene Leiden- schaft Aller und ist gerade in diesem Glauben voller Gluth und Beredtsamkeit Wenn nun solche Ausnahme- Menschen sich selber nicht als Ausnahmen "fühlen, wie sollten sie jemals die gemeinen Naturen verstehen und die Regel billig abschätzen können! — und so reden auch sie von der Thorheit, Zweckwidrigkeit und Phan- tasterei der Menschheit, voller Verwunderung, wie toll die Welt laufe und warum sie sich nicht zu Dem bekennen wolle, was „ihr Noth thue" — Diess ist die ewige Un- gerechtigkeit der Edlen.
4- 4- Das Arterhaltende. — Die stärksten und bösesten Geister haben bis jetzt die Menschheit am meisten vor- wärts gebracht: sie entzündeten immer wieder die ein- schlafenden Leidenschaften — alle geordnete Gesellschaft schläfert die Leidenschaften ein —, sie weckten immer wieder den Sinn der Vergleichung, des Widerspruchs, der Lust am Neuen, Gewagten, Unerprobten, sie zwangen die Menschen, Meinungen gegen Meinungen, Musterbilder gegen Musterbilder zu stellen. Mit den Waffen, mit Umsturz der Grenzsteine, durch Verletzung der Pietäten zumeist: aber auch durch neue Religionen und M oralen! Dieselbe „Bosheit" ist in jedem Lehrer und Prediger des Neuen, welche einen Eroberer verrufen macht, — wenn sie auch sich feiner äussert, nicht sogleich die Muskeln in Bewegung setzt und eben desshalb auch nicht so ver- rufen macht! Das Neue ist aber unter allen Umständen das Böse, als Das, was erobern, die alten Grenzsteine und die alten Pietäten umwerfen will; und nur das Alte ist das Gute! Die guten Menschen jeder Zeit sind Die, welche die alten Gedanken in die Tiefe graben und mit ihnen Frucht tragen, die Ackerbauer des Geistes. Aber jedes Land wird endlich ausgenützt, und immer wieder muss die Pflugschar des Bösen kommen. — Es giebt jetzt eine gründliche Irrlehre der Moral, welche nament- lich in England sehr gefeiert wird: nach ihr sind die Urtheile „Gut" und „Böse" die Aufsammlung der Er- fahrungen über „Zweckmässig" und „Unzweckmässig"; nach ihr ist das Gut-Genannte das Arterhaltende, das Bös-Genannte aber das der Art Schädliche. In Wahrheit sind aber die bösen Triebe in eben so hohem Grade zweckmässig, arterhaltend und unentbehrlich wie die guten: — nur ist ihre Function eine verschiedene.
5- 5- Unbedingte Pflichten. — Alle Menschen, welche fühlen, dass sie die stärksten Worte und Klänge, die beredtesten Gebärden und Stellungen nöthig haben, um überhaupt zu wirken, Revolutions-Politiker, Socialisten, Bussprediger mit und ohne Christenthum, bei denen Allen es keine halben Erfolge geben darf: alle Diese reden von „Pflichten", und zwar immer von Pflichten mit dem Charakter des Unbedingten — ohne solche hätten sie kein Recht zu ihrem grossen Pathos: das wissen sie recht wohl! So greifen sie nach Philosophien der Moral, welche irgend einen kategorischen Imperativ predigen, oder sie nehmen ein gutes Stück Religion in sich hinein, wie diess zum Beispiel Mazzini gethan hat. Weil sie wollen, dass ihnen unbedingt vertraut werde, haben sie zuerst nöthig, dass sie sich selber unbedingt vertrauen, auf Grund irgend eines letzten indiscutablen und an sich erhabenen Gebotes, als dessen Diener und Werkzeuge sie sich fühlen und ausgeben möchten. Hier haben wir die natürlichsten und meistens sehr einflussreichen Gegner der moralischen Aufklärung und Skepsis: aber sie sind selten. Dagegen giebt es eine sehr umfängliche Classe dieser Gegner überall dort, wo das Interesse die Unter- werfung lehrt, während Ruf und Ehre die Unterwerfung zu verbieten scheinen. Wer sich entwürdigt fühlt bei dem Gedanken, das Werkzeug eines Fürsten oder einer Partei und Secte oder gar einer Geldmacht zu sein, zum Beispiel als Abkömmling einer alten stolzen Familie, aber eben diess Werkzeug sein will oder sein muss, vor sich und vor der Öffentlichkeit, der hat pathetische Principien nöthig, die man jederzeit in den Mund nehmen kann: — Principien eines unbedingten Sollens, welchen man sich ohne Beschämung unterwerfen und unterworfen zeigen darf. Alle feinere Servilität hält am kategorischen Imperativ fest und ist der Todfeind Derer, welche der Pflicht den unbedingten Charakter nehmen wollen: so fordert es von ihnen der Anstand, und nicht nur der Anstand.
6.
6.
Verlust an Würde. — Das Nachdenken ist um all seine Würde der Form gekommen, man hat das Ceremoniell und die feierliche Gebärde des Nachdenkenden zum Gespött gemacht und würde einen weisen Mann alten Stils nicht mehr aushalten. Wir denken zu rasch, und unterwegs, und mitten im Gehen, mitten in Ge- schäften aller Art, selbst wenn wir an das Ernsthafteste denken; wir brauchen wenig Vorbereitung, selbst wenig Stille: — es ist als ob wir eine unaufhaltsam rollende Maschine im Kopfe herumtrügen, welche selbst unter den ungünstigsten Umständen noch arbeitet. Ehemals sah man es Jedem an, dass er einmal denken wollte — es war wohl die Ausnahme! —, dass er jetzt weiser werden wollte und sich auf einen Gedanken gefasst machte: man zog ein Gesicht dazu wie zu einem Gebet und hielt den Schritt an; ja man stand stundenlang auf der Strasse still, wenn der Gedanke „kam" — auf einem oder auf zwei Beinen. So war es „der Sache würdig"!
7- Etwas für Arbeitsame. — Wer jetzt aus den moralischen Dingen ein Studium machen will, eröffnet sich ein ■ ungeheures Feld der Arbeit. Alle Arten Pas- sionen müssen einzeln durchgedacht, einzeln durch Zeiten Völker grosse und kleine Einzelne verfolgt werden; ihre ganze Vernunft und alle ihre Werthschätzungen und Beleuchtungen der Dinge sollen an's Licht hinaus! Bis- her hat alles Das, was dem Dasein Farbe gegeben hat, noch keine Geschichte: oder wo gäbe es eine Geschichte der Liebe, der Habsucht, des Neides, des Gewissens, der Pietät, der Grausamkeit? Selbst eine vergleichende Geschichte des Rechtes, oder auch nur der Strafe, fehlt bisher vollständig. Hat man schon die verschiednen Eintheilungen des Tages, die Folgen einer regelmässigen Festsetzung von Arbeit, Fest und Ruhe zum Gegenstand der Forschung gemacht? Kennt man die moralischen Wirkungen der Nahrungsmittel? Giebt es eine Philo- sophie der Ernährung? (Der immer wieder losbrechende Lärm für und wider den Vegetarianismus beweist schon, dass es noch keine solche Philosophie giebt!) Sind die Erfahrungen über das Zusammenleben, zum Beispiel die Erfahrungen der Klöster, schon gesammelt? Ist die Dia- lektik der Ehe und Freundschaft schon dargestellt? Die Sitten der Gelehrten, der Kaufleute, Künstler, Hand- werker — haben sie schon ihre Denker gefunden? Es ist so viel daran zu denken! Alles, was bis jetzt die Menschen als ihre „Existenz - Bedingungen" betrachtet haben, und alle Vernunft, Leidenschaft und Aberglaube an dieser Betrachtung — ist diess schon zu Ende erforscht? Allein die Beobachtung des verschiedenen Wachsthums, welches die menschlichen Triebe je nach dem verschiedenen moralischen Klima gehabt haben und noch haben könnten, giebt schon zu viel der Arbeit für den Arbeitsamsten; es bedarf ganzer Geschlechter und planmässig zusammen arbeitender Geschlechter von Ge- lehrten, um hier die Gesichtspunkte und das Material zu erschöpfen. Dasselbe gilt von der Nachweisung der Gründe für die Verschiedenheit des moralischen Klima's („we ss halb leuchtet hier diese Sonne eines moralischen Grundurtheils und Hauptwerthmessers — und dort jene?"). Und wieder eine neue Arbeit ist es, welche die Irrthüm- lichkeit aller dieser Gründe und das ganze Wesen des bisherigen moralischen Urtheils feststellt. Gesetzt, alle diese Arbeiten seien gethan, so träte die heikeligste aller Fragen in den Vordergrund: ob die Wissenschaft im Stande sei, Ziele des Handelns zu geben, nachdem sie bewiesen hat, dass sie solche nehmen und vernichten kann, — und dann würde ein Experimentiren am Platze sein, an dem jede Art von Heroismus sich befriedigen könnte, ein Jahrhunderte langes Experimentiren, welches alle grossen Arbeiten und Aufopferungen der bisherigen Geschichte in Schatten stellen könnte. Bisher hat die Wissenschaft ihre Cyklopen- Bauten noch nicht gebaut; auch dafür wird die Zeit kommen!