stark und reich ist; man vertraut Gott, weil das Gefühl der Fülle und Stärke Einem Ruhe giebt. — Die Moral und Religion gehört ganz und gar unter die Psycho- logie des Irrthums: in jedem einzelnen Falle wird Ursache und Wirkung verwechselt; oder die Wahrheit mit der Wirkung des als wahr Geglaubten verwechselt; oder ein Zustand des Bewusstseins mit der Ursächlichkeit dieses Zustands verwechselt — 7- 7- Irrthum vom freien Willen. — Wir haben heute kein Mitleid mehr mit dem Begriff „freier Wille": wir wissen nur zu gut, was er ist — das anrüchigste Theologen -Kunststück, das es giebt, zum Zweck, die Menschheit in ihrem Sinne „verantwortlich" zu machen, das heisst sie von sich abhängig zu machen...Ich gebe hier nur die Psychologie alles Verantwortlich- machens. — Überall, wo Verantwortlichkeiten gesucht werden, pflegt es der Instinkt des Strafen- und Richten-Wollens zu sein, der da sucht. Man hat das Werden seiner Unschuld entkleidet, wenn irgend ein So- und-so -Sein auf Wille, auf Absichten, auf Akte der Verantwortlichkeit zurückgeführt wird: die Lehre vom Willen ist wesentlich erfunden zum Zweck der Strafe, das heisst des Schuldig-finden-wollens. Die ganze alte Psychologie, die Willens -Psychologie hat ihre Vor- aussetzung darin, dass deren Urheber, die Priester an der Spitze alter Gemeinwesen, sich ein Recht schaffen wollten, Strafen zu verhängen — oder Gott dazu ein Recht schaffen wollten...Die Menschen wurden „frei" gedacht, um gerichtet, um gestraft werden zu können — um schuldig werden zu können: folglich musste jede 7* IOO 7* IOO Handlung als gewollt, der Ursprung jeder Handlung im Bewusstsein liegend gedacht werden ( — womit die grundsätzlichste Falschmünzerei in psychologicis zum Princip der Psychologie selbst gemacht war...) Heute, wo wir in die umgekehrte Bewegung eingetreten sind, wo wir Immoralisten zumal mit aller Kraft den Schuld- begriff und den Strafbegriff aus der Welt wieder heraus- zunehmen und Psychologie, Geschichte, Natur, die gesell- schaftlichen Institutionen und Sanktionen von ihnen zu reinigen suchen, giebt es in unsren Augen keine radika- lere Gegnerschaft als die der Theologen, welche fort- fahren, mit dem Begriff der „sittlichen Weltordnung" die Unschuld des Werdens durch „Strafe" und „Schuld" zu durchseuchen. Das Christenthum ist eine Metaphysik des Henkers...8.
8.
Was kann allein unsre Lehre sein? — Dass Nie- mand dem Menschen seine Eigenschaften giebt, weder Gott, noch die Gesellschaft, noch seine Eltern und Vor- fahren, noch er selbst ( — der Unsinn der hier zuletzt abgelehnten Vorstellung ist als „intelligible Freiheit4' von Kant, vielleicht auch schon von Plato gelehrt worden). Niemand ist dafür verantwortlich, dass er überhaupt da ist, dass er so und so beschaffen ist, dass er unter diesen Umständen, in dieser Umgebung ist Die Fatalität seines Wesens ist nicht herauszulösen aus der Fatalität alles dessen, was war und was sein wird. Er ist nicht die Folge einer eignen Absicht, eines Willens, eines Zwecks, mit ihm wird nicht der Versuch gemacht, ein „Ideal von Mensch" oder ein „Ideal von Glück" oder ein „Ideal von Moralität" zu erreichen, — es ist absurd, sein Wesen in irgend einen Zweck hin abwälzen zu wollen. Wir haben den Begriff „Zweck" erfunden: in der Realität fehlt der Zweck...Man ist noth wendig, man ist ein Stück Verhängniss, man gehört zum Ganzen, man ist im Ganzen, — es giebt Nichts, was unser Sein richten, messen, vergleichen, verurtheilen könnte, denn das hiesse das Ganze richten, messen, vergleichen, verurtheilen...Aber es giebt Nichts ausser dem Ganzen! — Dass Niemand mehr verantwortlich gemacht wird, dass die Art des Seins nicht auf eine causa prima zurückgeführt wer- den darf, dass die Welt weder als Sensorium, noch als „Geist" eine Einheit ist, dies erst ist die grosse Be- freiung, — damit erst ist die Unschuld des Werdens wieder hergestellt...Der Begriff „Gott" war bisher der grösste Einwand gegen das Dasein...Wir leugnen Gott, wir leugnen die Verantwortlichkeit in Gott: damit erst erlösen wir die Welt. — Die „Verbesserer" der Menschheit.
i. Man kennt meine Forderung an den Philosophen, sich jenseits von Gut und Böse zu stellen, — die Illusion des moralischen Urtheils unter sich zu haben. Diese Forder- ung folgt aus einer Einsicht, die von mir zum ersten Male formulirt worden ist: dass es gar keine moralischen Thatsachen giebt. Das moralische Urtheil hat Das mit dem religiösen gemein, dass es an Realitäten glaubt, die keine sind. Moral ist nur eine Ausdeutung gewisser Phänomene, bestimmter geredet eine Missdeutung. Das moralische Urtheil gehört, wie das religiöse, einer Stufe der Unwissenheit zu, auf der selbst der Begriff des Realen, die Unterscheidung des Realen und Imaginären noch fehlt: so dass „Wahrheit" auf solcher Stufe lauter Dinge bezeichnet, die wir heute „Einbildungen" nennen. Das moralische Urtheil ist insofern nie wörtlich zu nehmen: als solches enthält es immer nur Widersinn. Aber es bleibt als Semiotik unschätzbar: es offenbart, für den Wissenden wenigstens, die werthvollsten Realitäten von Culturen und Innerlichkeiten, die nicht genug wussten, um sich selbst zu „verstehn". Moral ist bloss Zeichen- rede, bloss Symptomatologie: man muss bereits wissen, worum es sich handelt, um von ihr Nutzen zu ziehn.
2.
Ein erstes Beispiel und ganz vorläufig. Zu allen Zeiten h*t man die Menschen „verbessern" wollen: dies vor Allem hiess Moral. Aber unter dem gleichen Wort ist das Allerverschiedenste von Tendenz versteckt. So- wohl die Zähmung der Bestie Mensch als die Züchtung einer bestimmten Gattung Mensch ist „Besserung" ge- ' nannt worden: erst diese zoologischen termini drücken Realitäten aus, — Realitäten freilich, von denen der typische „Verbesserer", der Priester, Nichts weiss — Nichts wissen will...Die Zähmung eines Thiers seine „Besserung" nennen ist in unsren Ohren beinahe ein Scherz. Wer weiss, was in Menagerien geschieht, zweifelt daran, dass die Bestie daselbst „verbessert" wird. Sie wird geschwächt, sie wird weniger schädlich gemacht, sie wird durch den depressiven Affekt der Furcht, durch Schmerz, durch Wunden, durch Hunger zur krankhaften Bestie. — Nicht anders steht es mit dem gezähmten Menschen, den der Priester „verbessert" hat. Im frühen Mittelalter, wo in der That die Kirche vor Allem eine Menagerie war, machte man allerwärts auf die schönsten Exemplare der „blonden Bestie" Jagd, — man „verbesserte" zum Beispiel die vornehmen Germanen. Aber wie sah hinterdrein ein solcher „verbesserter", in's Kloster verführter Germane aus? Wie eine Caricatur des Menschen, wie eine Missgeburt: er war zum „Sünder" geworden, er stak im Käfig, man hatte ihn zwischen lauter schreckliche Begriffe eingesperrt...Da lag er nun, krank, kümmerlich, gegen sich selbst böswillig; voller Hass gegen die Antriebe zum Leben, voller Ver- dacht gegen Alles, was noch stark und glücklich war. Kurz, ein „Christ"...Physiologisch geredet: im Kampf mit der Bestie kann Krankmachen das einzige Mittel sein, sie schwach zu machen. Das verstand die Kirche: sie verdarb den Menschen, sie schwächte ihn, — aber sie nahm in Anspruch, ihn „verbessert" zu haban...3- Nehmen wir den andren Fall der sogenannten Moral, den Fall der Züchtung einer bestimmten Rasse und Art. Das grossartigste Beispiel dafür giebt die indische Moral, als „Gesetz des Manu" zur Religion sanktionirt. Hier ist die Aufgabe gestellt, nicht weniger als vier Rassen auf einmal zu züchten: eine priesterliche, eine kriegerische, eine händler- und ackerbauerische, endlich eine Dienstboten-Rasse, die Sudras. Ersichtlich sind wir hier nicht mehr unter Thierbändigern: eine hundert Mal mildere und vernünftigere Art Mensch ist die Voraus- setzung, um auch nur den Plan einer solchen Züchtung zu concipiren. Man athmet auf, aus der christlichen Kranken- und Kerkerluft in diese gesündere, höhere, weitere Welt einzutreten. Wie armselig ist das „neue Testament" gegen Manu, wie schlecht riecht es 1 — Aber auch diese Organisation hatte nöthig, furchtbar zu sein, — nicht dies Mal im Kampf mit der Bestie, sondern mit ihrem Gegensatz-Begriff, dem Nicht- Zucht- Menschen, dem Mischmasch-Menschen, dem Tschandala. Und wieder hatte sie kein andres Mittel, ihn ungefährlich, ihn schwach zu machen, als ihn krank zu machen, — es war der Kampf mit der „grossen Zahl". Vielleicht giebt es nichts unsrem Gefühle Widersprechenderes als diese Schutzmaassregeln der indischen Moral. Das dritte Edikt zum Beispiel (Avadana-Sastra I), das „von den unreinen Gemüsen", ordnet an, dass die einzige Nahrung, die den Tschandala erlaubt ist, Knoblauch und Zwiebeln sein sollen, in Anbetracht, dass die heilige Schrift verbietet, ihnen Korn oder Früchte, die Körner tragen, oder Wasser oder Feuer zu geben. Dasselbe Edikt setzt fest, dass das Wasser, welches sie nöthig haben, weder aus den Flüssen, noch aus den Quellen, noch aus den Teichen genommen werden dürfe, sondern nur aus den Zugängen zu Sümpfen und aus Löchern, welche durch die Fusstapfen der Thiere entstanden sind. Insgleichen wird ihnen verboten, ihre Wäsche zu waschen und sich selbst zu waschen, da das Wasser, das ihnen aus Gnade zugestanden wird, nur benutzt werden darf, den Durst zu löschen. Endlich ein Verbot an die Sudra-Frauen, den Tschandala -Frauen bei der Geburt beizustehn, insgleichen noch eins für die letzteren, ein- ander dabei beizustehn...— Der Erfolg einer solchen Sanitäts- Polizei blieb nicht aus: mörderische Seuchen, scheussliche Geschlechtskrankheiten und darauf hin wieder „das Gesetz des Messers", die Beschneidung für die männlichen, die Abtragung der kleinen Scham- lippen für die weiblichen Kinder anordnend. — Manu selbst sagt: „die Tschandala sind die Frucht von Ehebruch, Incest und Verbrechen ( — dies die noth- wendige Consequenz des Begriffs Züchtung). Sie sollen zu Kleidern nur die Lumpen von Leichnamen haben, zum Geschirr zerbrochne Töpfe, zum Schmuck altes Eisen, zum Gottesdienst nur die bösen Geister; sie sollen ohne Ruhe von einem Ort zum andern schweifen. Es ist ihnen verboten, von links nach rechts zu schreiben und sich der rechten Hand zum Schreiben zu bedienen: der Gebrauch der rechten Hand und des von links nach rechts ist bloss den Tugendhaften vorbehalten, den Leuten von Rasse." — Diese Verfügungen sind lehrreich genug: in ihnen haben wir einmal die arische Humanität, ganz rein, ganz ursprünglich, — wir lernen, dass der Begriff „reines Blut" der Gegensatz eines harmlosen Begriffs ist Andrer- seits wird klar, in welchem Volk sich der Hass, der Tschandala-Hass gegen diese „Humanität" verewigt hat, wo er Religion, wo er Genie geworden ist...Unter diesem Gesichtspunkte sind die Evangelien eine Urkunde ersten Ranges; noch mehr das Buch Henoch. — Das Christenthum, aus jüdischer Wurzel und nur verständlich als Gewächs dieses Bodens, stellt die Gegenbewegung gegen jede Moral der Züchtung, der Rasse, des Privi- legiums dar: — es ist die antiarische Religion par excellence: das Christenthum die Umwerthung aller arischen Werthe, der Sieg der Tschandala-Werthe, das Evangelium den Armen, den Niedrigen gepredigt, der Gesammt -Aufstand alles Niedergetretenen, Elenden, Miss- rathenen, Schlechtweggekommenen gegen die „Rasse", — die unsterbliche Tschandala-Rache als Religion der 5- 5- Die Moral der Züchtung und die Moral der Zähmung sind in den Mitteln, sich durchzusetzen, voll- kommen einander würdig: wir dürfen als obersten Satz hinstellen, dass, um Moral zu machen, man den un- bedingten Willen zum Gegentheil haben muss. Dies ist das grosse, das unheimliche Problem, dem ich am längsten nachgegangen bin: die Psychologie der „Ver- besserer" der Menschheit Eine kleine und im Grunde bescheidne Thatsache, die der sogenannten pia /raus, gab mir den ersten Zugang zu diesem Problem: die pta fraus, das Erbgut aller Philosophen und Priester, die die Menschheit „verbesserten". Weder Manu, noch Plato, noch Confucius, noch die jüdischen und christlichen Lehrer haben je an ihrem Recht zur Lüge gezweifelt. Sie haben an ganz andren Rechten nicht ge- zweifelt...In Formel ausgedrückt dürfte man sagen: alle Mittel, wodurch bisher die Menschheit moralisch gemacht werden sollte, waren von Grund aus un- moralisch. — Was den Deutschen abgeht, i.
Unter Deutschen ist es heute nicht genug, Geist zu haben: man muss ihn noch sich nehmen, sich Geist her- ausnehmen...Vielleicht kenne ich die Deutschen, vielleicht darf ich selbst ihnen ein paar Wahrheiten sagen. Das neue Deutschland stellt ein grosses Quantum vererbter und angeschulter Tüchtigkeit dar, so dass es den aufgehäuften Schatz von Kraft eine Zeit lang selbst verschwenderisch ausgeben darf. Es ist nicht eine hohe Cultur, die mit ihm Herr geworden, noch weniger ein delikater Ge- schmack, eine vornehme „Schönheit" der Instinkte; aber männlichere Tugenden, als sonst ein Land Europa's aufweisen kann. Viel guter Muth und Achtung vor sich selber, viel Sicherheit im Verkehr, in der Gegenseitigkeit der Pflichten, viel Arbeitsamkeit, viel Ausdauer — und eine.angeerbte Mässigung, welche eher des Stachels als des Hemmschuhs bedarf. Ich füge hinzu, dass hier noch gehorcht wird, ohne dass das Gehorchen demüthigt...Und Niemand verachtet seinen Gegner...Man sieht, es ist mein Wunsch, den Deutschen ge- recht zu sein: ich möchte mir darin nicht untreu werden, — ich muss ihnen also auch meinen Einwand machen. Es zahlt sich theuer, zur Macht zu kommen: die Macht verdummt...Die Deutschen — man hiess sie einst das Volk der Denker: denken sie heute überhaupt noch? Die Deutschen langweilen sich jetzt am Geiste, die Deut- schen misstrauen jetzt dem Geiste, die Politik verschlingt allen Ernst für wirklich geistige Dinge — „Deutschland, Deutschland über Alles", ich fürchte, das war das Ende der deutschen Philosophie...„Giebt es deutsche Philo- sophen? giebt es deutsche Dichter? giebt es gute deutsche Bücher?" — fragt man mich im Ausland. Ich erröthe, aber mit der Tapferkeit, die mir auch in verzweifelten Fällen zu eigen ist, antworte ich: „Ja, Bismarck!" — Dürfte ich auch nur eingestehn, welche Bücher man heute liest?...Vermaledeiter Instinkt der Mittelmässigkeit! — 2.
2.
— Was der deutsche Geist sein könnte, wer hätte nicht schon darüber seine schwermüthigen Gedanken gehabt! Aber dies Volk hat sich willkürlich verdummt, seit einem Jahrtausend beinahe: nirgendswo sind die zwei grossen europäischen Narcotica, Alkohol und Christen- thum, lasterhafter gemissbraucht worden. Neuerdings kam sogar noch ein drittes hinzu, mit dem allein schon aller feinen und kühnen Beweglichkeit des Geistes der Garaus gemacht werden kann, die Musik, unsre ver- stopfte verstopfende deutsche Musik. — Wie viel ver- driessliche Schwere, Lahmheit, Feuchtigkeit, Schlafrock, wie viel Bier ist in der deutschen Intelligenz! Wie ist es eigentlich möglich, dass junge Männer, die den geistigsten Zielen ihr Dasein weihn, nicht den ersten In- stinkt der Geistigkeit, den Selbsterhaltungs-Instinkt des Geistes in sich fühlen — und Bier trinken?...Der Alkoholismus der gelehrten Jugend ist vielleicht noch I IO I IO kein Fragezeichen in Absicht ihrer Gelehrsamkeit — mau kann ohne Geist sogar ein grosser Gelehrter sein —, aber in jedem andren Betracht bleibt er ein Problem. — Wo fände man sie nicht, die sanfte Entartung, die das Bier im Geiste hervorbringt! Ich habe einmal in einem beinahe berühmt gewordnen Fall den Finger auf eine solche Entartung gelegt — die Entartung unsres ersten deutschen Freigeistes, des klugen David Strauss, zum Verfasser eines Bierbank-Evangeliums und „neuen Glau- bens"...Nicht umsonst hatte er der „holden Braunen" sein Gelöbniss in Versen gemacht — Treue bis zum Tod.., 3- 3- — Ich sprach vom deutschen Geiste: dass er gröber wird, dass er sich verflacht. Ist das genug? — Im Grunde ist es etwas ganz Anderes, das mich erschreckt: wie es immer mehr mit dem deutschen Ernste, der deutschen Tiefe, der deutschen Leidenschaft in geistigen Dingen abwärts geht. Das Pathos hat sich verändert, nicht bloss die Intellektualität. — Ich berühre hier und da deutsche Universitäten: was für eine Luft herrscht unter deren Gelehrten, welche öde, welche genügsam und lau ge- wordne Geistigkeit! Es wäre ein tiefes Missverständniss, wenn man mir hier die deutsche Wissenschaft einwenden wollte — und ausserdem ein Beweis dafür, dass man nicht ein Wort von mir gelesen hat. Ich bin seit sieb- zehn Jahren nicht müde geworden, den entgeistigenden Einfluss unsres jetzigen Wissenschafts-Betriebs an's Licht zu stellen. Das harte Heloten thum, zu dem der unge- heure Umfang der Wissenschaften heute jeden Einzelnen verurtheilt, ist ein Hauptgrund dafür, dass voller, reicher, tiefer angelegte Naturen keine ihnen gemässe Erziehung und Erzieher mehr vorfinden. Unsre Cultur leidet an Nichts mehr, als an dem Überfluss anmaasslicher Ecken- steher und Bruchstück-Humanitäten; unsre Universitäten sind, wider AVillen, die eigentlichen Treibhäuser für diese Art Instinkt- Verkümmerung des Geistes. Und ganz Europa hat bereits einen Begriff davon — die grosse Politik täuscht Niemanden...Deutschland gilt immer mehr als Euro'pa's Flachland. — Ich suche noch nach einem Deutschen, mit dem ich auf meine Weise ernst sein könnte, — um wie viel mehr nach einem, mit dem ich heiter sein dürfte! — Götzen-Dämmerung: ah wer begriffe es heute, von was für einem Ernste sich hier ein Philosoph erholt! — Die Heiterkeit ist an uns das Unverständlichste...4- 4- Man mache einen Überschlag: es liegt nicht nur auf der Hand, dass die deutsche Cultur niedergeht,. es fehlt auch nicht am zureichenden Grund dafür. Niemand kann zuletzt mehr ausgeben als er hat: — das gilt von Einzelnen, das gilt von Völkern. Giebt man sich für Macht, für grosse Politik, für Wirthschaft, Weltverkehr, Parlamentarismus, Militär -Interessen aus, — giebt man das Quantum Verstand, Ernst, Wille, Selbstüberwindung, das man ist, nach dieser Seite weg, so fehlt es auf der andren Seite. Die Cultur und der Staat — man betrüge sich hierüber nicht — sind Antagonisten: „Cultur -Staat" ist bloss eine moderne Idee. Das Eine lebt vom Andern, das Eine gedeiht auf Unkosten des Anderen. Alle grossen Zeiten der Cultur sind politische Niedergangs-Zeiten: was gross ist im Sinn der Cultur, war unpolitisch, selbst anti- politisch...Goethen gieng das Herz auf bei dem Phänomen Napoleon, — es gieng ihm zu bei den „Frei- heits-Kriegen"...In demselben Augenblick, wo Deutsch- land als Grossmacht heraufkommt, gewinnt Frankreich als Culturmacht eine veränderte Wichtigkeit. Schon heute ist viel neuer Ernst, viel neue Leidenschaft des Geistes nach Paris übergesiedelt; die Frage des Pessi- mismus zum Beispiel, die Frage Wagner, fast alle psychologischen und artistischen Fragen werden dort unvergleichlich feiner und gründlicher erwogen als in Deutschland, — die Deutschen sind selbst unfähig zu dieser Art Ernst. — In der Geschichte der europäischen Cultur bedeutet die Heraufkunft des „Reichs" vor allem Eins: eine Verlegung des Schwergewichts. Man weiss es überall bereits: in der Hauptsache — und das bleibt die Cultur — kommen die Deutschen nicht mehr in Betracht. Man fragt: habt ihr auch nur Einen für Europa mitzählenden Geist aufzuweisen? wie euer Goethe, euer Hegel, euer Heinrich Heine, euer Schopen- hauer mitzählte? — Dass es nicht einen einzigen deut- schen Philosophen mehr.giebt, darüber ist des Erstaunens kein Ende. — 5.
5.
Dem ganzen höheren Erziehungswesen in Deutsch- land ist die Hauptsache abhanden gekommen: Zweck sowohl als Mittel zum Zweck. Dass Erziehung, Bil- dung selbst Zweck ist — und nicht „das Reich" —, dass es zu diesem Zweck der Erzieher bedarf — und nicht der Gymnasiallehrer und Universitäts-Gelehrten — man vergass das...Erzieher thun noth, die selbst erzogen sind, überlegne, vornehme Geister, in jedem Augenblick bewiesen, durch Wort und Schweigen be- wiesen, reife, süss gewordene Culturen, — nicht die gelehrten Rüpel, welche Gymnasium und Universität der Jugend heute als „höhere Ammen" entgegenbringt. Die Erzieher fehlen, die Ausnahmen der Ausnahmen ab- gerechnet, die erste Vorbedingung der Erziehung: da- her der Niedergang der deutschen Cultur. — Eine jener allerseltensten Ausnahmen ist mein verehrungswürdiger Freund Jakob Burckhardt in Basel: ihm zuerst verdankt Basel seinen Vorrang von Humanität. — Was die „hö- heren Schulen" Deutschlands thatsächlich erreichen, das ist eine brutale Ablichtung, um, mit möglichst geringem Zeitverlust, eine Unzahl junger Männer für den Staats- dienst nutzbar, ausnutzbar zu machen. „Höhere Er- ziehung" und Unzahl — das widerspricht sich von vornherein. Jede höhere Erziehung gehört nur der Aus- nahme: man muss privilegirt sein, um ein Recht auf ein so hohes Privilegium zu haben. Alle grossen, alle schönen Dinge können nie Gemeingut sein: pulchrum est paucorum hominum, — Was bedingt den Nieder- gang der deutschen Cultur? Dass „höhere Erziehung" kein Vorrecht mehr ist — der Demokratismus der „allgemeinen", der gemein gewordnen „Bildung"...Nicht zu vergessen, dass militärische Privilegien den Zu-Viel-Besuch der höheren Schulen, das heisst ihren Untergang, förmlich erzwingen. — Es steht Niemandem mehr frei, im jetzigen Deutschland seinen Kindern eine vornehme Erziehung zu geben: unsre „höheren" Schulen sind allesammt auf die zweideutigste Mittelmässigkeit ein- gerichtet, mit Lehrern, mit Lehrplänen, mit Lehrzielen. Und überall herrscht eine unanständige Hast, wie als ob Etwas versäumt wäre, wenn der junge Mann mit 23 Jahren noch nicht „fertig" ist, noch nicht Antwort weiss auf die „Hauptfrage": welchen Beruf? — Eine höhere Art Mensch, mit Verlaub gesagt, liebt nicht „Be- Nietzsche, Werke Band VIII, 8 rufe", genau deshalb, weil sie sich berufen weiss...Sie hat Zeit, sie nimmt sich Zeit, sie denkt gar nicht daran, „fertig" zu werden, — mit dreissig Jahren ist man, im Sinne hoher Cultur, ein Anfänger, ein Kind. — Unsre überfüllten Gymnasien, unsre überhäuften, stupid ge- machten Gymnasiallehrer sind ein Skandal: um diese Zustände in Schutz zu nehmen, wie es jüngst die Pro- fessoren von Heidelberg gethan haben, dazu hat man vielleicht Ursachen, — Gründe dafür giebt es nicht 6.
6.
— Ich stelle, um nicht aus meiner Art zu fallen, die jasagend ist und mit Widerspruch und Kritik nur mittelbar, nur unfreiwillig zu thun hat, sofort die drei Aufgaben hin, derentwegen man Erzieher braucht Man hat sehen zu lernen, man hat denken zu lernen, man hat sprechen und schreiben zu lernen: das Ziel in allen Dreien ist eine vornehme Cultur. — Sehen lernen — dem Auge die Ruhe, die Geduld, das An-sich-heran- kommen-lassen angewöhnen; das Urtheil hinausschieben, den Einzelfall von allen Seiten umgehn und umfassen lernen. Das ist die erste Vorschulung zur Geistigkeit: auf einen Reiz nicht sofort reagiren, sondern die hem- menden, die abschliessenden Instinkte in die Hand be- kommen. Sehen lernen, so wie ich es verstehe, ist beinahe Das, was die unphilosophische Sprechweise den starken Willen nennt: das Wesentliche daran ist gerade, nicht „wollen", die Entscheidung aussetzen können. Alle Ungeistigkeit, alle Gemeinheit beruht auf dem Un- vermögen, einem Reize Widerstand zu leisten: — man muss reagiren, man folgt jedem Impulse. In vielen Fällen ist ein solches Müssen bereits Krankhaftigkeit, Niedergang, Symptom der Erschöpfung, — fast Alles, was die unphilosophische Rohheit mit dem Namen „Laster" bezeichnet, ist bloss jenes physiologische Un- vermögen, nicht zu reagiren. — Eine Nutzanwendung vom Sehen -gelernt -haben: man wird als Lernender überhaupt langsam, misstrauisch, widerstrebend geworden sein. Man wird Fremdes, Neues jeder Art zunächst mit feindseliger Ruhe herankommen lassen, — man wird seine Hand davor zurückziehn. Das Offenstehn mit allen Thüren, das unterthänige Auf-dem-Bauch-Liegen vor jeder kleinen Thatsache, das allzeit sprungbereite Sich-hinein- Setzen, Sich -hinein -Stürzen in Andere und Anderes, kurz die berühmte moderne „Objektivität" ist schlechter Geschmack, ist unvornehm par excellence, — 7- 7- Denken lernen: man hat auf unsren Schulen keinen Begriff mehr davon. Selbst auf den Universitäten, sogar unter den eigentlichen Gelehrten der Philosophie beginnt Logik als Theorie, als Praktik, als Handwerk, aus- zusterben. Man lese deutsche Bücher: nicht mehr die entfernteste Erinnerung daran, dass es zum Denken einer Technik, eines Lehrplans, eines Willens zur Meisterschaft bedarf, — dass Denken gelernt sein will, wie Tanzen gelernt sein will, als eine Art Tanzen...Wer kennt unter Deutschen jenen feinen Schauder aus Erfahrung noch, den die leichten Füsseim Geistigen in alle Muskeln überströmen! — Die steife Tölpelei der geistigen Gebärde, die plumpe Hand beim Fassen — das ist in dem Grade deutsch, dass man es im Auslande mit dem deutschen Wesen überhaupt verwechselt. Der Deutsche hat keine Finger für nuances...Dass die Deutschen 8*