Man soll nur reden, wo man nicht schweigen darf; und nur von Dem reden, was man überwunden hat, — alles Andere ist Geschwätz, „Litteratur", Mangel an Zucht. Meine Schriften reden nur von meinen Überwindungen: „ich" bin darin, mit Allem, was mir feind war, ego iftsis- simus, ja sogar, wenn ein stolzerer Ausdruck erlaubt wird, ego tpsissimum. Man erräth: ich habe schon Viel — unter mir...Aber es bedurfte immer erst der Zeit, der Genesung, der Ferne, der Distanz, bis die Lust bei mir sich regte, etwas Erlebtes und Überlebtes, irgend ein eigenes Factum oder Fatum nachträglich für die Er- kenntniss abzuhäuten, auszubeuten, blosszulegen, „darzu- stellen" (oder wie man's heissen will). Insofern sind alle meine Schriften, mit einer einzigen, allerdings wesent- lichen Ausnahme, zurück zu datiren — sie reden immer von einem „Hinter-mir" —: einige sogar, wie die drei ersten Unzeitgemässen Betrachtungen, noch zurück hinter die Entstehungs- und Erlebnisszeit eines vorher herausgegebenen Buches (der „Geburt der Tragödie" im gegebenen Falle: wie es einem feineren Beobachter und Vergleicher nicht verborgen bleiben darf). Jener zornige Ausbruch gegen die Deutschthümelei, Behäbigkeit und Sprach -Verlumpung des alt gewordenen David Strauss, der Inhalt der ersten Unzeitgemässen, machte Stim- mungen Luft, mit denen ich lange vorher, als Student, inmitten deutscher Bildung und Bildungsphilisterei ge- sessen hatte (ich mache Anspruch auf die Vaterschaft des jetzt viel gebrauchten und missbrauchten Wortes „Bildungsphilister" — ); und was ich gegen die „histo- rische Krankheit" gesagt habe, das sagte ich als Einer, der von ihr langsam, mühsam genesen lernte und ganz und gar nicht Willens war, fürderhin auf „Historie" zu verzichten, weil er einstimils an ihr gelitten hatte. Als ich sodann, in der dritten Unzeitgemässen Betrachtung, meine Ehrfurcht vor meinem ersten und einzigen Er- zieher, vor dem grossen Arthur Schopenhauer zum Ausdruck brachte — ich würde sie jetzt noch viel stär- ker, auch persönlicher ausdrücken —, war ich für meine eigne Person schon mitten in der moralistischen Skepsis und Auflösung drin, das heisst ebensosehr in der Kritik als der Vertiefung alles bisherigen Pessi- mismus —, und glaubte bereits „an gar nichts mehr", wie das Volk sagt, auch an Schopenhauer nicht: eben in jener Zeit entstand ein geheim gehaltenes Schriftstück „über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne". Selbst meine Siegs- und Festrede zu Ehren Richard Wagner's, bei Gelegenheit seiner Bayreuthcr Siegesfeier 1876 — Bayreuth bedeutet den grössten Sieg, den je ein Künstler errungen hat —, ein Werk, welches den stärksten Anschein der „Actualität" an sich trägt, war im Hinter gründe eine Huldigung und Dankbarkeit gegen ein Stück Vergangenheit von mir, gegen die schönste, auch gefährlichste Meeresstille meiner Fahrt...und that- sächlich eine Loslösung, ein Abschiednehmen. (Täuschte Richard Wagner sich vielleicht selbst darüber? Ich glaube es nicht. So lange man noch liebt, malt man gewiss keine solchen Bilder; man „betrachtet" noch nicht, man stellt sich nicht dergestalt in die Ferne, wie es der Betrachtende thun muss. „Zum Betrachten gehört schon eine geheimnissvolle Gegnerschaft, die des Ent- gegenschauens" — heisst es auf Seite 46 der genannten Schrift selbst [I, 539], mit einer verrätherischen und schwer- müthigen Wendung, welche vielleicht nur für wenige Ohren war.) Die Gelassenheit, um über lange Zwischen- jahre innerlichsten Alleinseins und Entbehrens reden zu können, kam mir erst mit dem Buche „Menschliches, Allzumenschliches", dem auch diess zweite Für- und Vor- wort gewidmet sein soll. Auf ihm, als einem Buche „für freie Geister", liegt Etwas von der beinahe heiteren und neugierigen Kälte des Psychologen, welche eine Menge schmerzlicher Dinge, die er unter sich hat, hinter sich hat, nachträglich für sich noch feststellt und gleichsam mit irgend einer Nadelspitze fest sticht: — was Wunders, wenn, bei einer so spitzen und kitzlichen Arbeit, ge- legentlich auch etwas Blut fliesst, wenn der Psychologe Blut dabei an den Fingern und nicht immer nur — an den Fingern hat?...2.
2.
Die Vermischten Meinungen und Sprüche sind, eben- so wie der Wanderer und sein Schatten, zuerst einzeln als Fortsetzungen und Anhänge jenes eben genannten menschlich - allzumenschlichen „Buchs für freie Geister" herausgegeben worden: zugleich als Fortsetzung und Verdoppelung einer geistigen Cur, nämlich der antiro- mantischen Selbstbehandlung, wie sie mir mein gesund gebliebener Instinct wider eine zeitweilige Erkrankung an der gefährlichsten Form der Romantik selbst erfunden, selbst verordnet hatte. Möge man sich nunmehr, nach sechs Jahren der Genesung, die gleichen Schriften ver- einigt gefallen lassen, als zweiten Band von Mensch- liches, Allzumenschliches: vielleicht lehren sie, zusammen betrachtet, ihre Lehre stärker und deutlicher, — eine Gesundheitslehre, welche den geistigeren Naturen des eben heraufkommenden Geschlechts zur disciplina vohm- tatis empfohlen sein mag. Aus ihnen redet ein Pessimist, der oft genug aus der Haut gefahren, aber immer wieder in sie hineingefahren ist, ein Pessimist also mit dem guten Willen zum Pessimismus, — somit jedenfalls kein Romantiker mehr: wie? sollte ein Geist, der sich auf diese Schlangenklugheit versteht, die Haut zu wech- seln, nicht den heutigen Pessimisten eine Lection geben dürfen, welche allesammt noch in der Gefahr der Ro- mantik sind? Und ihnen zum Mindesten zeigen, wie man 3- 3- ■ — Es war in der That damals die höchste Zeit, Abschied zu nehmen: alsbald schon bekam ich den Beweis dafür. Richard Wagner, scheinbar der Sieg- reichste, in Wahrheit ein morsch gewordener, verzwei- felnder Romantiker, sank plötzlich, hülflos und zer- brochen, vor dem christlichen Kreuze nieder...Hat denn kein Deutscher für dieses schauerliche Schauspiel damals Augen im Kopfe, Mitgefühl in seinem Gewissen gehabt? War ich der Einzige, der an ihm — litt? Ge- nug, mir selbst gab dies unerwartete Ereigniss wie ein Blitz Klarheit über den Ort, den ich verlassen hatte, — und auch jenen nachträglichen Schrecken, wie ihn Jeder empfindet, der unbewusst durch eine ungeheure Gefahr gelaufen ist. Als ich allein weiter gieng, zitterte ich; nicht lange darauf, und ich war krank, mehr als krank, nämlich müde, aus der unaufhaltsamen Enttäu- schung über Alles, was uns modernen Menschen zur Begeisterung übrig blieb, über die allerorts vergeudete Kraft, Arbeit, Hoffnung, Jugend, Liebe; müde aus Ekel vor dem Femininischen und Schwärmerisch-Zuchtlosen dieser Romantik, vor der ganzen idealistischen Lügnerei und Gewissens -Verweichlichung, die hier wieder einmal den Sieg über Einen der Tapfersten davongetragen hatte; müde endlich, und nicht am wenigsten, aus dem Gram eines unerbittlichen Argwohns, — dass ich, nach dieser Enttäuschung, verurtheilt sei, tiefer zu misstrauen, tiefer zu verachten, tiefer allein zu sein als je vorher. Meine Aufgabe — wohin war sie? Wie? schien es jetzt nicht, als ob sich meine Aufgabe von mir zurückziehe, als ob ich nun für lange kein Recht mehr auf sie habe? Was thun, um diese grösste Entbehrung auszuhalten? — Ich begann damit, dass ich mir gründlich und grundsätzlich alle romantische Musik verbot, diese zweideutige gross- thuerische schwüle Kunst, welche den Geist um seine Strenge und Lustigkeit bringt und jede Art unklarer Sehnsucht, schwammichter Begehrlichkeit wuchern macht. „Cave fnusicam" ist auch heute noch mein Rath an Alle, die Manns genug sind, um in Dingen des Geistes auf Reinlichkeit zu halten; solche Musik entnervt, erweicht, verweiblicht, ihr „Ewig -Weibliches" zieht uns — hinab!...Gegen die romantische Musik wendete sich damals mein erster Argwohn, meine nächste Vorsicht; und wenn ich überhaupt noch Etwas von der Musik hoffte, so war es in der Erwartung, es möchte ein Musiker kommen, kühn, fein, boshaft, südlich, übergesund genug, um an jener Musik auf eine unsterbliche Weise Rache zu nehmen. — 4- Einsam nunmehr und schlimm misstrauisch gegen mich, nahm ich, nicht ohne Ingrimm, dergestalt Partei gegen mich und für Alles, was gerade mir wehe that und hart fiel: — so fand ich den Weg zu jenem tapferen Pessimismus wieder, der der Gegensatz aller romantfschen Verlogenheit ist, und auch, wie mir heute scheinen will, den Weg zu „mir" selbst, zu meiner Aufgabe. Jenes verborgene und herrische Etwas, für das wir lange keinen Namen haben, bis es sich endlich als unsre Aufgabe erweist, — dieser Tyrann in uns nimmt eine schreck- liche Wiedervergeltung für jeden Versuch, den wir machen, ihm auszuweichen oder zu entschlüpfen, für jede vorzeitige Bescheidung, für jede Gleichsetzung mit Solchen, zu denen wir nicht gehören, für jede noch so achtbare Thätigkeit, falls sie uns von unsrer Hauptsache ablenkt, ja für jede Tugend selbst, welche uns gegen die Härte der eigensten Verantwortlichkeit schützen möchte. Krank- heit ist jedes Mal die Antwort, wenn wir an unsrem Rechte auf unsre Aufgabe zweifeln wollen, — wenn wir anfangen, es uns irgendworin leichter zu machen. Sonderbar und furchtbar zugleich! Unsre Erleich- terungen sind es, die wir am härtesten büssen müssen! Und wollen wir hinterdrein zur Gesundheit zurück, so bleibt uns keine Wahl: wir müssen uns schwerer belasten, als wir je vorher belastet waren...
5- — Damals lernte ich erst jenes einsiedlerische Reden, auf welches sich nur die Schweigendsten und Leidendsten verstehn: ich redete, ohne Zeugen oder vielmehr gleichgültig gegen Zeugen, um nicht am Schweigen. zu leiden, ich sprach von lauter Dingen, die mich nichts angiengen, aber so, als ob sie mich etwas angiengen. Damals lernte ich die Kunst, mich heiter, objectiv, neugierig, vor Allem gesund und boshaft zu geben, — und bei einem Kranken ist diess, wie mir scheinen will, sein „guter Geschmack"? Einem feineren Auge und Mitgefühl wird es trotzdem nicht entgehn, was vielleicht den Reiz dieser Schriften ausmacht, — dass hier ein Leidender und Entbehrender redet, wie als ob er nicht ein Leidender und Ent- behrender sei. Hier soll das Gleichgewicht, die Gelassen- heit, sogar die Dankbarkeit gegen das Leben aufrecht erhalten werden, hier waltet ein strenger, stolzer, be- ständig wacher, beständig reizbarer Wille, der sich die Aufgabe gestellt hat, das Leben wider den Schmerz zu vertheidigen und alle Schlüsse abzuknicken, welche aus Schmerz, Enttäuschung, Überdruss, Vereinsamung und andrem Moorgrunde gleich giftigen Schwämmen aufzu- wachsen pflegen. Diess giebt vielleicht gerade unsern Pessimisten Fingerzeige zur eignen Prüfung? — denn damals war es, wo ich mir den Satz abgewann: „ein Leidender hat auf Pessimismus noch kein Recht!',, damals führte ich mit mir einen langwierig- geduldigen Feldzug gegen den unwissenschaftlichen Grundhang jedes romantischen Pessimismus, einzelne persönliche Erfahrungen zu allgemeinen Urtheilen, ja Welt-Ver- urtheilungen aufzubauschen, auszudeuten...kurz, damals drehte ich meinen Blick herum. Optimismus, zum Zweck der Wiederherstellung, um irgendwann einmal wieder Pessimist sein zu dürfen — versteht ihr das? Gleich wie ein Arzt seinen Kranken in eine völlig fremde Um- gebung stellt, damit er seinem ganzen „Bisher", seinen Sorgen, Freunden, Briefen, Pflichten, Dummheiten und IO — Gedächtnissmartern entrückt wird und Hände und Sinne nach neuer Nahrung, neuer Sonne, neuer Zukunft aus- strecken lernt, so zwang ich mich, als Arzt und Kranker in Einer Person, zu einem umgekehrten unerprobten Klima der Seele, und namentlich zu einer abziehen- den Wanderung in die Fremde, in das Fremde, zu einer Neugierde nach aller Art von Fremdem...Ein langes Herumziehn, Suchen, Wechseln folgte hieraus, ein Wider- wille gegen alles Festbleiben, gegen jedes plumpe Be- jahen und Verneinen; ebenfalls eine Diätetik und Zucht, welche es dem Geiste so leicht als möglich machen wollte, weit zu laufen, hoch zu fliegen, vor Allem immer wieder fort zu fliegen. Thatsächlich ein Minimum von Leben, eine Loskettung von allen gröberen Begehrlich- keiten, eine Unabhängigkeit inmitten aller Art äusserer Ungunst, sammt dem Stolze, leben zu können unter dieser Ungunst; etwas Cynismus vielleicht, etwas „Tonne", aber ebenso gewiss viel Grillen - Glück, Grillen -Munter- keit, viel Stille, Licht, feinere Thorheit, verborgenes Schwärmen — das Alles ergab zuletzt eine grosse geistige Erstarkung, eine wachsende Lust und Fülle der Gesundheit. Das Leben selbst belohnt uns für unsern zähen Willen zum Leben, für einen solchen langen Krieg, wie ich ihn damals mit mir gegen den Pessimismus der Lebensmüdigkeit führte, schon für jeden aufmerksamen Blick unsrer Dankbarkeit, der sich die kleinsten, zartesten, flüchtigsten Geschenke des Lebens nicht entgehn lässt. Wir bekommen endlich dafür seine grossen Geschenke, vielleicht auch sein grösstes, das es zu geben vermag, — wir bekommen unsere Aufgabe wieder zurück. — — 6.
— Sollte mein Erlebniss — die Geschichte einer Krankheit und Genesung, denn es lief auf eine Genesung hinaus — nur mein persönliches Erlebniss gewesen sein? Und gerade nur mein „Menschlich -Allzumenschliches"? Ich möchte heute das Umgekehrte glauben; das Zu- trauen kommt mir wieder und wieder dafür, dass meine Wanderbücher doch nicht nur für mich aufgezeichnet waren, wie es bisweilen den Anschein hatte —. Darf ich nunmehr, nach sechs Jahren wachsender Zuversicht, sie von Neuem zu einem Versuche auf die Reise schicken? Darf ich sie Denen sonderlich an's Herz und Ohr legen, welche mit irgend einer „Vergangenheit" be- haftet sind und Geist genug übrig haben, um auch noch am Geiste ihrer Vergangenheit zu leiden? Vor allem aber euch, die ihr es am schwersten habt, ihr Seltenen, Gefährdetsten, Geistigsten, Muthigsten, die ihr das Ge- wissen der modernen Seele sein müsst und als solche ihr Wissen haben müsst, in denen was es nur heute von Krankheit, Gift und Gefahr geben kann zusammen kommt, — deren Loos es will, dass ihr kränker sein müsst als irgend ein Einzelner, weil ihr nicht „nur Einzelne" seid..., deren Trost es ist, den Weg zu einer neuen Gesundheit zu wissen, ach! und zu gehen, einer Gesundheit von Morgen und Übermorgen, ihr Vor- herbestimmten, ihr Siegreichen, ihr Zeit-Überwinder, ihr Gesündesten, ihr Stärksten, ihr guten Europäer!
7- — Dass ich schliesslich meinen Gegensatz gegen den romantischen Pessimismus, das heisst zum Pessimis- 12 mus der Entbehrenden, Missglückten, Überwundenen, noch in eine Formel bringe: es giebt einen Willen zum Tragischen und zum Pessimismus, der das Zeichen eben- sosehr der Strenge als der Stärke des Intellects (Ge- schmacks, Gefühls, Gewissens) ist. Man fürchtet, mit diesem Willen in der Brust, nicht das Furchtbare und Fragwürdige, das allem Dasein eignet; man sucht es selbst auf. Hinter einem solchen Willen steht der Muth, der Stolz, das Verlangen nach einem grossen Feinde. — Diess war meine pessimistische Perspective von Anbe- ginn, — eine neue Perspective, wie mich dünkt? eine solche, die auch heute noch neu und fremd ist? Bis zu diesem Augenblicke halte ich an ihr fest, und, wenn man mir glauben will, ebensowohl für mich als, ge- legentlich wenigstens, gegen mich...Wollt, ihr diess erst bewiesen? Aber was sonst wäre mit dieser langen Vorrede — bewiesen?
Sils- Maria, Oberengadin, im September 1886.
Erste Abtheilung: Vermischte Meinungen und Sprüche.
I.
An die Enttäuschten der Philosophie. — Wenn ihr bisher an den höchsten Werth des Lebens geglaubt habt und euch nun enttäuscht seht, müsst ihr es denn jetzt gleich zum niedrigsten Preise losschlagen?
2.
Verwöhnt. — Man kann sich auch in Bezug auf die Helligkeit der Begriffe verwöhnen: wie ekelhaft wird da der Verkehr mit den Halbklaren, Dunstigen, Strebenden, Ahnenden! Wie lächerlich und doch nicht erheiternd wirkt ihr ewiges Flattern und Haschen und doch nicht Fliegen- und Fangen-können!
Die Freier der Wirklichkeit. — Wer endlich merkt, wie sehr und wie lange er genarrt worden ist, umarmt aus Trotz selbst die hässlichste Wirklichkeit: so dass dieser, den Verlauf der Welt im Ganzen gesehen, zu allen Zeiten die allerbesten Freier zugefallen sind, — denn die Besten sind immer am besten und längsten getäuscht worden.
4- 4- Fortschritt der Freigeisterei. — Man kann den Unterschied der früheren und der gegenwärtigen Freigeisterei nicht besser verdeutlichen, als wenn man jenes Satzes gedenkt, den zu erkennen und auszusprechen die ganze Unerschrockenheit des vorigen Jahrhunderts nöthig war und der dennoch, von der jetzigen Einsicht aus bemessen, zu einer unfreiwilligen Naivetät herabsinkt, — ich meine den Satz Voltaire's: „croyez-moi, mon ami, rerreur aussi a so?t merite" 5.
5.
Eine Erbsünde der Philosophen. — Die Philosophen haben zu allen Zeiten die Sätze der Menschen- prüfer (Moralisten) sich angeeignet und verdorben, dadurch dass sie dieselben unbedingt nahmen und Das als nothwendig beweisen wollten, was von Jenen nur als ungefährer Fingerzeig oder gar als land- oder stadtsässige Wahrheit eines Jahrzehends gemeint war, — während sie gerade dadurch sich über Jene zu erheben meinten. So wird man als Grundlage der berühmten Lehren Schopenhauer's vom Primat des Willens vor dem Intellect, von der Unveränderlichkeit des Charakters, von der Negativität der Lust — welche alle,- so wie er sie ver- steht, Irrthümer sind — populäre Weisheiten finden, welche Moralisten aufgestellt haben. Schon das Wort „Wille", welches Schopenhauer zur gemeinsamen Bezeich- nung vieler menschlichen Zustände umbildete und in eine Lücke der Sprache hineinstellte, zum grossen Vortheil für ihn selber, soweit er Moralist war — da es ihm nun freistand, vom „Willen" zu reden, wie Pascal von ihm geredet hatte —, schon der „Wille" Schopenhauers ist unter den Händen seines Urhebers, durch die Philosophen- Wuth der Verallgemeinerung, zum Unheil für die Wissen- schaft ausgeschlagen: denn dieser Wille ist zu einer poetischen Metapher gemacht, wenn behauptet wird, alle Dinge in der Natur hätten Willen; endlich ist er, zum Zwecke einer Verwendung bei allerhand mystischem Unfuge, zu einer falschen Verdinglichung gemissbraucht worden — und alle Modephilosophen sagen es nach und scheinen es ganz genau zu wissen, dass alle Dinge Einen Willen hätten, ja dieser Eine Wille wären (was, nach der Abschilderung, die man von diesem All-Eins -Willen macht, so viel bedeutet, als ob man durchaus den dum- men Teufel zum Gotte haben wolle).
Wider die Phantasten. — Der Phantast verleugnet die Wahrheit vor sich, der Lügner nur vor Anderen.
7- Licht -Feindschaft. — Macht man Jemandem klar, dass er, streng verstanden, nie von Wahrheit, sondern immer nur von Wahrscheinlichkeit und deren Graden reden könne, so entdeckt man gewöhnlich an der unver- hohlenen Freude des also Belehrten, wie viel lieber den Menschen die Unsicherheit des geistigen Horizontes ist und wie sie die Wahrheit im Grunde ihrer Seele wegen ihrer Bestimmtheit hassen. — Liegt es daran, dass sie Alle insgeheim selber Furcht davor haben, dass man einmal das Licht der Wahrheit zu hell auf sie fallen lasse? Sie wollen etwas bedeuten, folglich darf man Nietzsche, Werke Band III. 2 nicht genau wissen, was sie sind? Oder ist es nur die Scheu vor dem allzuhellen Licht, an welches ihre dämmernden leichtzublendenden Fledermaus-Seelen nicht gewöhnt sind, so dass sie es hassen müssen?
8.
Christen-Skepsis. — Pilatus, mit seiner Frage: was ist Wahrheit!, wird jetzt gern als Advocat Christi eingeführt, um alles Erkannte und Erkennbare als Schein zu verdächtigen und auf dem schauerlichen Hintergrunde des Nichts-wissen-könnens das Kreuz aufzurichten.
9- „Naturgesetz" ein Wort des Aberglaubens. — Wenn ihr so entzückt von der Gesetzmässigkeit in der Natur redet, so müsst ihr doch entweder annehmen, dass aus freiem, sich selbst unterwerfendem Gehorsam alle natürlichen Dinge ihrem Gesetze folgen — in welchem Falle ihr also die Moralität der Natur bewundert —; oder euch entzückt die Vorstellung eines schaffenden Mecha- nikers, der die kunstvollste Uhr, mit lebenden Wesen als Zierrath daran, gemacht hat. — Die Nothwendigkeit in der Natur wird durch den Ausdruck „Gesetzmässig- keit" menschlicher und ein letzter Zufluchtswinkel der mythologischen Träumerei.
Der Historie verfallen. — Die Schleier- Philo- sophen und Welt -Verdunkler, also alle Metaphysiker feinen und gröberen Korns ergreift Augen- Ohren- und Zahnschmerz, wenn sie zu argwöhnen beginnen, dass es mit dem Satze: die ganze Philosophie sei von jetzt ab der Historie verfallen, seine Richtigkeit habe. Es ist ihnen, ihrer Schmerzen wegen, zu verzeihen, dass sie nach Jenem, der so spricht, mit Steinen und Unflatb. werfen: die Lehre selbst kann aber dadurch eine Zeit lang schmutzig und unansehnlich werden und an Wirkung verlieren.
Der Pessimist des Intellects. — Der wahr- haft Freie im Geiste wird auch über den Geist selber frei denken und sich einiges Furchtbare in Hinsicht auf Quelle und Richtung desselben nicht verhehlen. Dess- halb werden ihn die Andern vielleicht als den ärgsten Gegner der Freigeisterei bezeichnen und mit dem Schimpf- und Schreckwort „Pessimist des Intellects" belegen: ge- wohnt, wie sie sind, Jemanden nicht nach seiner hervor- ragenden Stärke und Tugend zu nennen, sondern nach Dem, was ihnen am fremdesten an ihm ist.
Schnappsack der Metaphysiken — Allen Denen, welche so grossthuerisch von der Wissenschaft- lichkeit ihrer Metaphysik reden, soll man gar nicht ant- worten; es genügt sie an dem Bündel zu zupfen, welches sie, einigermaassen scheu, hinter ihrem Rücken ver- borgen halten: gelingt es dasselbe zu lüpfen, so kommen die Resultate jener Wissenschaftlichkeit, zu ihrem Er- röthen, an's Licht: ein kleiner lieber Herrgott, eine artige Unsterblichkeit, vielleicht etwas Spiritismus und jedenfalls ein ganzer verschlungener Haufen von Armen -Sünder- Elend und Pharisäer-Hochmuth.
2* 20 Gelegentliche Schädlichkeit der Erkennt- nis s. — Die Nützlichkeit, welche die unbedingte Er- forschung des Wahren mit sich bringt, wird fortwährend so hundertfach neu bewiesen, dass man die feinere und seltnere Schädlichkeit, an der Einzelne ihrerhalben zu leiden haben, unbedenklich mit in den Kauf nehmen muss. Man kann es nicht verhindern, dass der Chemiker bei seinen Versuchen sich gelegentlich vergiftet und ver- brennt. — Was vom Chemiker gilt, gilt von unsrer gc- sammten Cultur: woraus sich, nebenbei gesagt, deutlich ergiebt, wie sehr dieselbe für Heilsalben bei Verbren- nungen und für das stäte Vorhandensein von Gegen- giften zu sorgen hat.