genügend an, weil sie ihren Mangel an Furcht nicht beweisen kann.) — Bei der ersterwähnten Art der Rache ist es gerade die Furcht, die den Gegenschlag ausführt: hier dagegen ist es die Abwesenheit der Furcht, welche wie gesagt durch den Gegenschlag sich beweisen will. — Nichts scheint also verschiedener als die innere Motivirung der beiden Handlungsweisen, die mit Einem Wort „Rache" genannt werden: und trotzdem kommt es sehr häufig vor, dass der Rache - Übende in Unklarheit ist, was ihn eigentlich zur That bestimmt hat; vielleicht, dass er aus Furcht und um sich zu erhalten den Gegen- schlag führte, hinterher aber, als er Zeit hatte, über den Gesichtspunkt der verletzten Ehre nachzudenken, selber sich einredet, seiner Ehre halber sich gerächt zu haben: — diess Motiv ist ja jedenfalls vornehmer als das andere. Dabei ist noch wesentlich, ob er seine Ehre in den Augen der Anderen (der Welt) beschädigt sieht oder nur in den Augen des Beleidigenden: im letzteren Falle wird er die geheime Rache vorziehen, im ersteren aber die öffentliche. Je nachdem er sich stark oder schwach in die Seele des Thäters und der Zuschauer hineindenkt, wird seine Rache erbitterter oder zahmer sein; fehlt ihm diese Art Phantasie ganz, so wird er gar nicht an Rache denken, denn das Gefühl der „Ehre" ist dann bei ihm nicht vorhanden also auch nicht zu verletzen. Ebenso wird er nicht an Rache denken, wenn er den Thäter und die Zuschauer der That verachtet: weil sie ihm keine Ehre geben können, als Verachtete, und demnach auch keine Ehre nehmen können. Endlich wird er auf Rache in dem nicht ungewöhnlichen Falle verzichten, dass er den Thäter liebt: freilich büsst er so in dessen Augen an Ehre ein und wird vielleicht der Gegenliebe dadurch weniger würdig. Aber auch auf alle Gegenliebe Verzicht leisten ist ein Opfer, welches die Liebe zu bringen bereit ist, wenn sie dem geliebten Wesen nur nicht wehe thun muss: diess hiesse sich selber mehr wehe thun, als jenes Opfer wehe thut. — Also: Jeder- mann wird sich rächen, er sei denn ehrlos oder voller Verachtung oder voller Liebe für den Schädiger und Beleidiger. Auch wenn er sich an die Gerichte wendet, so will er die Rache als private Person: nebenbei aber noch, als weiterdenkender vorsorglicher Mensch der Ge- sellschaft, die Rache der Gesellschaft an Einem, der sie nicht ehrt. So wird durch die gerichtliche Strafe so- wohl die Privatehre als die Gesellschaftsehre wieder- hergestellt: das heisst — Strafe ist Rache. — Es giebt in ihr unzweifelhaft auch noch jenes andere zuerst be- schriebene Element der Rache, insofern durch sie die Gesellschaft ihrer Selbst-Erhaltung dient und der Nothwehr halber einen Gegenschlag führt. Die Strafe will das weitere Schädigen verhüten, sie will ab- schrecken. So sind wirklich in der Strafe beide so verschiedene Elemente der Rache verknüpft und diess mag vielleicht am meisten dahin wirken, jene erwähnte Begriffsverwirrung zu unterhalten, vermöge deren der Einzelne, der sich rächt, gewöhnlich nicht weiss, was er eigentlich will.
Die Tugenden der Einbusse. — Als Mitglieder von Gesellschaften glauben wir gewisse Tugenden nicht ausüben zu dürfen, die uns als Privaten die grösste Ehre und einiges Vergnügen machen zum Beispiel Gnade und Nachsicht gegen Verfehlende aller Art — überhaupt jede Handlungsweise, wo der Vortheil der Gesellschaft durch unsere Tugend leiden würde. Kein Richter- Collegium darf sich vor seinem Gewissen erlauben, gnädig zu sein: dem Könige als einem Einzelnen hat man die^ss Vorrecht vorbehalten und freut sich, wenn er Gebrauch davon macht, zum Beweis dass man gern gnädig sein möchte, aber durchaus nicht als Gesellschaft. Die Gesellschaft anerkennt somit nur die ihr vortheil- haften oder mindestens unschädlichen Tugenden (die ohne Einbusse oder gar mit Zinsen geübt werden, zum Beispiel Gerechtigkeit). Jene Tugenden der Einbusse können somit in der Gesellschaft nicht entstanden sein, da noch jetzt, innerhalb jeder kleinsten sich bil- denden Gesellschaft der Widerspruch gegen sie sich erhebt. Es sind also Tugenden unter Nicht - Gleich- gestellten, erfunden von dem Überlegenen, Einzelnen, es sind Herrscher-Tugenden, mit dem Hintergedanken: „ich bin mächtig genug, um mir eine ersichtliche Ein- busse gefallen zu lassen, es ist ein Beweis meiner Macht" — also mit Stolz verwandte Tugenden.
Casuistik des Vortheils. — Es gäbe keine Ca- suistik der Moral, wenn es keine Casuistik des Vortheils gäbe. Der freieste und feinste Verstand reicht oft nicht aus, zwischen zwei Dingen so zu wählen, dass der grössere Vortheil nothwendig bei seiner "Wahl ist. In solchen Fällen wählt man, weil man wählen muss, und hat hinterdrein eine Art Seekrankheit der Empfindung.
Zum Heuchler werden. — Jeder Bettler wird zum Heuchler; wie Jeder, der aus einem Mangel, aus einem Nothstand (sei diess ein persönlicher oder ein öffentlicher) seinen Beruf macht. — Der Bettler empfindet den Mangel lange nicht so, als er ihn empfinden machen muss, wenn er vom Betteln leben will.
Eine Art Cultus der Leidenschaften. — Ihr- Düsterlinge und philosophischen Blindschleichen redet, um den Charakter des ganzen Weltwesens anzuklagen, von dem furchtbaren Charakter der menschlichen Leidenschaften. Als ob überall, wo es Leidenschaft gegeben hat, es auch Furchtbarkeit gegeben habe! Als ob es immerfort in der Welt diese Art von Furchtbar- keit geben müsste! — Durch eine Vernachlässigung im Kleinen, durch Mangel an Selbst-Beobachtung und Be- obachtung Derer, welche erzogen werden sollen, habt ihr selber erst die Leidenschaften zu solchen Unthieren anwachsen lassen, dass euch jetzt schon beim Wort „Leidenschaft" Furcht befällt! Es stand bei euch und steht bei uns, den Leidenschaften ihren furchtbaren Cha- rakter zu nehmen und dermaassen vorzubeugen, dass sie zu verheerenden Wildwassern werden. — Man soll seine Versehen nicht zu ewigen Fatalitäten aufblasen; vielmehr wollen wir redlich mit an der Aufgabe arbeiten, die Leidenschaften der Menschheit allesammt in Freuden- schaften umzuwandeln.
Gewissensbiss. — Der Gewissensbiss ist, wie der Biss des Hundes gegen einen Stein, eine Dummheit.
Ursprung der Rechte. — Die Rechte gehen zu- meist auf Herkommen zurück, das Herkommen auf ein einmaliges Abkommen. Man war irgendwann ein- mal beiderseitig mit den Folgen des getroffenen Ab- kommens zufrieden und wiederum zu träge, es förm- lich zu erneuern; so lebte man fort, wie wenn es immer erneuert worden sei, und allmählich, als die Vergessenheit ihre Nebel über den Ursprung breitete, glaubte man einen heiligen unverrückbaren Zustand zu haben, auf dem jedes Geschlecht weiterbauen müsse. Das Herkommen war jetzt Zwang, auch wenn es den Nutzen nicht mehr brachte, dessentwegen man ursprüng- lich das Abkommen gemacht hatte. — Die Schwachen haben hier ihre feste Burg zu allen Zeiten gefunden: sie neigen dahin, das einmalige Abkommen, die Gnaden- erweisung zu verewigen.
Die Bedeutung des Vergessens in der mo- ralischen Empfindung. — Dieselben Handlungen, welche innerhalb der ursprünglichen Gesellschaft zuerst die Absicht auf gemeinsamen Nutzen eingab, sind später von anderen Generationen auf andere Motive hin gethan worden: aus Furcht oder Ehrfurcht vor Denen, die sie forderten und anempfahlen, oder aus Gewohnheit, weil man sie von Kindheit an um sich hatte thun sehen, oder aus Wohlwollen, weil ihre Ausübung überall Freude und zustimmende Gesichter schuf, oder aus Eitelkeit, Aveil sie gelobt wurden. Solche Handlungen, an denen das Grundmotiv, das der Nützlichkeit, vergessen worden ist, heissen dann moralische: nicht etwa weil sie aus jenen anderen Motiven, sondern weil sie nicht aus bewusster Nützlichkeit gethan werden. — Woher dieser Ha ss gegen den Nutzen, der hier sichtbar wird, wo sich alles lobenswerthe Handeln gegen das Handeln um des Nutzens willen förmlich abschliesst? — Offenbar hat die Gesellschaft, der Herd aller Moral und aller Lob- sprüche des moralischen Handelns, allzu lange und allzu hart mit dem Eigen -Nutzen und Eigen -Sinn des Einzelnen zu kämpfen gehabt, um nicht zuletzt jedes andere Motiv sittlich höher zu taxiren als den Nutzen. So entsteht der Anschein, als ob die Moral nicht aus dem Nutzen herausgewachsen sei; während sie ursprüng- lich der Gesellschafts-Nutzen ist, der grosse Mühe hatte, sich gegen alle die Privat -Nützlichkeiten durchzusetzen und in höheres Ansehen zu bringen.
4L 4L Die Erbreichen der Moralität. — Es giebt auch im Moralischen einen E r b -Reichthum: ihn besitzen die Sanften Gutmüthigen Mitleidigen Mildthätigen, welche Alle die gute Handlungsweise, aber nicht die Vernunft (die Quelle derselben) von ihren Vorfahren her mitbe- kommen haben. Das Angenehme an diesem Reichthum ist, dass man von ihm fortwährend darreichen und mit- theilen muss, wenn er überhaupt empfunden werden soll, und dass er so unwillkürlich daran arbeitet, die Abstände zwischen Moralisch - reich und -arm geringer zu machen: und zwar, was das Merkwürdigste und Beste ist, nicht zu Gunsten eines dereinstigen Mittel- maasses zwischen Arm und Reich, sondern zu Gunsten eines allgemeinen Reich- und Überreich -Werdens. — Nietzsche, Werke Band III. 15 So wie hier geschehen ist, lässt sich etwa die herrschende Ansicht über den moralischen Erbreichthum zusammen- fassen: aber es scheint mir, dass dieselbe mehr in majorem gloriam der Moralität als zu Ehren der Wahrheit auf- recht erhalten wird. Die Erfahrung mindestens stellt einen Satz auf, welcher, wenn nicht als Widerlegung, jedenfalls als bedeutende Einschränkung jener Allgemein- heit zu gelten hat. Ohne den erlesensten Verstand, so sagt die Erfahrung, ohne die Fähigkeit der feinsten Wahl und einen starken Hang zum Maasshalten werden die Moralisch-Erbreichen zu Verschwendern der Moralität: indem sie haltlos sich ihren mitleidigen mildthätigen ver- söhnenden beschwichtigenden Trieben überlassen, machen sie alle Welt um sich nachlässiger, begehrlicher und sen- timentaler. Die Kinder solcher höchst moralischer Ver- schwender sind daher leicht — und, wie leider zu sagen ist, bestenfalls — angenehme schwächliche Taugenichtse.
Der Richter und die Milderungs gründe. — „Man soll auch gegen den Teufel honnett sein und seine Schulden bezahlen, sagte ein alter Soldat, als man ihm die Geschichte Faustens etwas genauer erzählt hatte, Faust gehört in die Hölle!" — „Oh ihr schrecklichen Männer! rief seine Gattin aus, wie ist das nur möglich! Er hat ja Nichts gethan, als keine Tinte im Tintenfass gehabt! Mit Blut schreiben ist freilich eine Sünde, aber desshalb soll ein so schöner Mann doch nicht brennen?"
Problem der Pflicht zur Wahrheit. — Pflicht ist ein zwingendes, zur That drängendes Gefühl, das wir gut nennen und für indiscutirbar halten ( — über Ur- sprung, Grenzen und Berechtigung desselben wollen wir nicht reden und nicht geredet haben). Der Denker hält aber Alles für geworden und alles Gewordene für dis- cutirbar, ist also der Mann ohne Pflicht — solange er eben nur Denker ist. Als solcher würde er also auch die Pflicht, die Wahrheit zu sehen und zu sagen, nicht anerkennen und diess Gefühl nicht fühlen; er fragt: woher kommt sie? wohin will sie? aber diess Fragen selber wird von ihm als fragwürdig angesehen. Hätte diess aber nicht zur Folge, dass die Maschine des Den- kers nicht mehr recht arbeitet, wenn er sich wirklich beim Acte des Erkennens un verpflichtet fühlen könnte? Insofern scheint hier zur Heizung dasselbe Element nöthig zu sein, das vermittelst der Maschine untersucht werden soll. — Die Formel würde vielleicht sein: an- genommen es gäbe eine Pflicht, die Wahrheit zu er- kennen, wie lautet die Wahrheit dann in Bezug auf jede andere Art von Pflicht? — Aber ist ein hypothetisches Pflichtgefühl nicht ein Widersinn?
Stufen der Moral. — Moral ist zunächst ein Mittel, die Gemeinde überhaupt zu erhalten und den Untergang von ihr abzuwehren; sodann ist sie ein Mittel, die Gemeinde auf einer gewissen Höhe und in einer ge- wissen Güte zu erhalten. Ihre Motive sind Furcht und Hoffnung: und zwar um so derbere mächtigere grö- bere, als der Hang zum Verkehrten Einseitigen Persön- lichen noch sehr stark ist. Die entsetzlichsten Angstmittel müssen hier Dienste thun, solange noch keine milderen wirken wollen und jene doppelte Art der Erhaltung sich nicht anders erreichen lässt (zu ihren allerstärksten gehört die Erfindung eines Jenseits mit einer ewigen Hölle). Da muss es Foltern der Seele geben und Henkersknechte dafür. Weitere Stufen der Moral und also Mittel zum be- zeichneten Zwecke sind die Befehle eines Gottes (wie das mosaische Gesetz); noch weitere und höhere die Befehle eines absoluten Pflichtbegriffs mit dem „du sollst" — Alles noch ziemlich grob zugehauene, aber breite Stufen, weil die Menschen auf den feineren, schmaleren ihren Fuss noch nicht zu setzen wissen. Dann kommt eine Moral der Neigung, des Geschmacks, endlich die der Einsicht — welche über alle illusionäre Motive der Moral hinaus ist, aber sich klar gemacht hat, wie die Menschheit lange Zeiten hindurch keine andern haben durfte.
Moral des Mitleidens im Munde der Un- mässigen. — Alle Die, welche sich selber nicht ge- nug in der Gewalt haben und die Moralität nicht als fortwährende im Grossen und Kleinsten geübte Selbst- beherrschung und Selbstüberwindung kennen, werden unwillkürlich zu Verherrlichern der guten mitleidigen wohlwollenden Regungen, jener instinctiven Moralität, welche keinen Kopf hat, sondern nur aus Herz und hülf- reichen Händen zu bestehen scheint. Ja es ist in ihrem Interesse, eine Moralität der Vernunft zu verdächtigen und jene andere zur alleinigen zu machen.
Kloaken der Seele. — Auch die Seele muss ihre bestimmten Kloaken haben, wohin sie ihren Unratli abfliessen lässt: dazu dienen Personen Verhältnisse Stände oder das Vaterland oder die Welt oder endlich — für die ganz Hoffährtigen (ich meine unsere lieben modernen „Pessimisten") — der liebe Gott.
Eine Art von Ruhe und Beschaulichkeit. — Hüte dich, dass deine Ruhe und Beschaulichkeit nicht der des Hundes vor einem Fleischerladen gleicht, den die Furcht nicht vorwärts und die Begierde nicht rück- wärts gehen lässt: und der die Augen aufsperrt, als ob sie Münder wären.
Das Verbot ohne Gründe. — Ein Verbot, dessen Grund wir nicht verstehen oder zugeben, ist nicht nur für den Trotzkopf, sondern auch für den Erkenntniss- durstigen fast ein Geheiss: man lässt es auf den Versuch ankommen, um so zu erfahren, w esshalb das Verbot gegeben ist. Moralische Verbote, wie die des Dekalogs, passen nur für Zeitalter der unterworfenen Vernunft: jetzt würde ein Verbot „du sollst nicht tödten" „du sollst nicht ehebrechen", ohne Gründe hingestellt, eher eine schädliche als eine nützliche Wirkung haben.
Charakterbild. — Was ist das für ein Mensch, der von sich sagen kann: „ich verachte sehr leicht, aber hasse nie. An jedem Menschen finde ich sofort Etwas heraus, das zu ehren ist und dessentwegen ich ihn ehre: die sogenannten liebenswürdigen Eigenschaften ziehen mich wenig an."
Mitleiden und Verachtung. — Mitleiden äussern wird als ein Zeichen der Verachtung empfunden, weil man ersichtlich aufgehört hat, Gegenstand der Furcht zu sein, sobald Einem Mitleiden erwiesen wird. Man ist unter das Niveau des Gleichgewichts hinabgesunken, während schon jenes der menschlichen Eitelkeit nicht genugthut und erst das Hervorragen und Furchtein- flössen der Seele das erwünschteste aller Gefühle giebt. Desshalb ist es ein Problem, wie die Schätzung des Mitleids aufgekommen ist, ebenso wie erklärt werden muss, warum jetzt der Uneigennützige gelobt wird: ursprünglich wird er verachtet oder als tückisch ge- fürchtet.
Klein sein können. — Man muss den Blumen Gräsern und Schmetterlingen auch noch so nah sein wie ein Kind, das nicht viel über sie hinwegreicht. Wir Alteren sind dagegen über sie hinausgewachsen und müssen uns zu ihnen herablassen; ich meine, die Gräser hassen uns, wenn wir unsere Liebe für sie bekennen. — Wer an allem Guten Theil haben will, muss auch zu Stunden klein zu sein verstehen.
Inhalt des Gewissens. — Der Inhalt unseres Ge- wissens ist Alles, was in den Jahren der Kindheit von uns ohne Grund regelmässig gefordert wurde, durch Personen, die wir verehrten oder fürchteten. Vom Ge- wissen aus wird also jenes Gefühl des Müssens erregt („dieses muss ich thun, dieses lassen"), welches nicht fragt: warum muss ich? — In allen Fällen, wo eine Sache mit „weil" und „warum" gethan wird, handelt der Mensch ohne Gewissen; desshalb aber noch nicht wider dasselbe. — Der Glaube an Autoritäten ist die Quelle des Gewissens: es ist also nicht die Stimme Gottes in der Brust des Menschen, sondern die Stimme einiger Menschen im Menschen.
Überwindung der Leidenschaften. — Der Mensch, der seine Leidenschaften überwunden hat, ist in den Besitz des fruchtbarsten Erdreichs getreten: wie der Colonist, der über die Wälder und Sümpfe Herr geworden ist. Auf dem Boden der bezwungenen Leiden- schaften den Samen der guten geistigen "Werke säen ist dann die dringende nächste Aufgabe. Die Über- windung selber ist nur ein Mittel, kein Ziel; wenn sie nicht so angesehen wird, so wächst schnell allerlei Un- kraut und Teufelszeug auf dem leergewordenen fetten Boden auf, und bald geht es auf ihm voller und toller zu als je vorher.
Geschick zum Dienen. — Alle sogenannten praktischen Menschen haben ein Geschick zum Dienen: das eben macht sie praktisch, sei es für Andere oder für sie selber. Robinson besass noch einen besseren Diener, als Freitag war: das war Crusoe.
Gefahr der Sprache für die geistige Frei- heit. — Jedes Wort ist ein Vorurtheil.
Geist und Langeweile. — Das Sprüchwort: „Der Magyar ist viel zu faul, um sich zu langweilen" giebt zu denken. Die feinsten und thätigsten Thiere erst sind der Langeweile fähig. — Ein Vorwurf für einen grossen Dichter wäre die Langeweile Gottes am siebenten Tage der Schöpfung.
Im Verkehr mit den Thieren. — Man kann das Entstehen der Moral in unserem Verhalten gegen die Thiere noch beobachten. Wo Nutzen und Schaden nicht in Betracht kommt, haben wir ein Gefühl der völligen Unverantwortlichkeit; wir tödten und verwunden zum Beispiel Insecten oder lassen sie leben und denken für gewöhnlich gar Nichts dabei. Wir sind so plump, dass schon unsere Artigkeiten gegen Blumen und kleine Thiere fast immer mörderisch sind: was unser Vergnügen an ihnen gar nicht beeinträchtigt. — Es ist heute das Fest der kleinen Thiere, der schwülste Tag des Jahres: es wimmelt und krabbelt um uns, und wir zerdrücken, ohne es zu wollen, aber auch ohne Acht zu geben, bald hier bald dort ein Würmchen und gefiedertes Käfer chen. — Bringen die Thiere uns Schaden, so erstreben wir auf jede Weise ihre Vernichtung, die Mittel sind oft grau- sam genug, ohne dass wir diess eigentlich wollen: es ist die Grausamkeit der Gedankenlosigkeit. Nützen sie, so beuten wir sie aus: bis eine feinere Klugheit uns lehrt, dass gewisse Thiere für eine andere Behandlung, nämlich für die der Pflege und Zucht, reichlich lohnen. Da erst entsteht Verantwortlichkeit. Gegen das Hausthier wird die Quälerei gemieden; der eine Mensch empört sich, wenn ein anderer unbarmherzig gegen seine Kuh ist, ganz in Gemässheit der primitiven Gemeinde - Moral, welche den gemeinsamen Nutzen in Gefahr sieht, so oft ein Einzelner sich vergeht. Wer aus der Gemeinde ein Vergehen wahrnimmt, fürchtet den indirecten Schaden für sich: und wir fürchten für die Güte des Fleisches, des Landbaus und der Verkehrsmittel, wenn wir die Hausthiere nicht gut behandelt sehen. Zudem erweckt der, welcher roh gegen Thiere ist, den Argwohn, auch roh gegen schwache, ungleiche, der Rache unfähige Menschen zu sein; er gilt als unedel, des feineren Stolzes ermangelnd. So entsteht ein Ansatz von moralischem Urtheilen und Empfinden: das Beste thut nun der Aber- glaube hinzu. Manche Thiere reizen durch Blicke, Töne und Gebärden den Menschen an, sich in sie hineinzu- dichten, und manche Religionen lehren im Thiere unter Umständen den Wohnsitz von Menschen- und Götter- seelen sehen: wesshalb sie überhaupt edlere Vorsicht, ja ehrfürchtige Scheu im Umgange mit den Thieren an- empfehlen. Auch nach dem Verschwinden dieses Aber- glaubens wirken die von ihm erweckten Empfindungen fort und reifen und blühen aus. — Das Christenthum hat sich bekanntlich in diesem Punkte als arme und zurückbildende Religion bewährt.
Neue Schauspieler. — Es giebt unter den Menschen keine grössere Banalität als den Tod; zuzweit im Range steht die Geburt, weil nicht Alle geboren werden, welche doch sterben; dann folgt die Heirath. Aber diese kleinen abgespielten Tragikomödien werden bei jeder ihrer ungezählten und unzählbaren Aufführungen immer wieder von neuen Schauspielern dargestellt und hören desshalb nicht auf, interessirte Zuschauer zu haben: während man glauben sollte, dass die gesammte Zu- schauerschaft des Erdtheaters sich längst aus Überdruss daran an allen Bäumen aufgehängt hätte. So viel liegt an neuen Schauspielern, so wenig am Stücke.
Was ist „obstinat"? — Der kürzeste Weg ist nicht der möglichst gerade, sondern der, bei welchem die günstigsten Winde unsere Segel schwellen: so sagt die Lehre der Schifffahrer. Ihr nicht zu folgen, das heisst obstinat sein: die Festigkeit des Charakters ist da durch Dummheit verunreinigt.
Das Wort „Eitelkei t". — Es ist lästig, dass einzelne Worte, welcher wir Moralisten schlechterdings nicht entrathen können, schon eine Art Sittencensur in sich tragen, aus jenen Zeiten her, wo die nächsten und natürlichsten Regungen des Menschen verketzert wurden. So wird jene Grundüberzeugung, dass wir auf den Wellen der Gesellschaft viel mehr durch Das, was wir gelten, als durch Das, was wir sind, gutes Fahrwasser haben oder Schiffbruch leiden — eine Überzeugung, die für alles Handeln in Bezug auf die Gesellschaft das Steuer- ruder sein muss —, mit dem allgemeinsten Worte „Eitel- keit", „vanitas" bezeichnet und gebrandmarkt: eines der vollsten und inhaltreichsten Dinge mit einem Ausdruck, welcher dasselbe als das eigentlich Leere und Nichtige bezeichnet, etwas Grosses mit einem Deminutivum, ja mit den Federstrichen der Caricatur. Es hilft Nichts, wir müssen solche Worte gebrauchen, aber dabei unser Ohr den Einflüsterungen alter Gewohnheit verschliessen.
Türkenfatalismus. — Der Türkenfatalismus hat den Grundfehler, dass er den Menschen und das Fatum als zwei geschiedene Dinge einander gegenüberstellt: der Mensch, sagen sie, könne dem Fatum widerstreben, es zu vereiteln suchen, aber schliesslich behalte es immer den Sieg; wesshalb das Vernünftige sei, zu resigniren oder nach Belieben zu leben. In Wahrheit ist jeder Mensch selber ein Stück Fatum: wenn er in der angegebenen Weise dem Fatum zu widerstreben meint, so vollzieht sich eben darin auch das Fatum; der Kampf ist eine Einbildung, aber ebenso jene Resignation in das Fatum, alle diese Einbildungen sind im Fatum eingeschlossen. — Die Angst, welche die Meisten vor der Lehre der Unfrei- heit des Willens haben, ist die Angst vor dem Türken- fatalismus: sie meinen, der Mensch werde schwächlich resignirt und mit gefalteten Händen vor der Zukunft stehen, weil er an ihr Nichts zu ändern vermöge: oder aber, er werde seiner vollen Launenhaftigkeit die Zügel schiessen lassen, weil auch durch diese das einmal Be- stimmte nicht schlimmer werden könne. Die Thorheiten des Menschen sind ebenso ein Stück Fatum wie seine Weisheiten: auch jene Angst vor dem Glauben an das Fatum ist Fatum. Du selber, Armer Angstlicher, bist die unbezwingliche Moira, welche noch über den Göttern thront; für Alles, was da kommt, bist du Segen oder Fluch und jedenfalls eine Fessel, in welcher der Stärkste gebunden liegt; in dir ist alle Zukunft der Menschen- Welt vorherbestimmt, es hilft dir Nichts, wenn dir vor dir selber graut.
Advocat des Teufels. — „Nur durch eignen Schaden wird man klug, nur durch fremden Schaden wird man gut" — so lautet jene seltsame Philosophie, welche alle Moralität aus dem Mitleiden und alle In- tellectualität aus der Isolation des Menschen ableitet: damit ist sie unbewusst die Sachwalterin aller irdischen Schadhaftigkeit. Denn das Mitleiden hat das Leiden nöthig, und die Isolation die Verachtung der Anderen.
Die moralischen Charaktermasken. — In den Zeiten, wo die Charaktermasken der Stände für endgültig fest, gleich den Ständen selber gelten, werden die Moralisten verführt sein, auch die moralischen Cha- raktermasken für absolut zu halten und sie so zu zeichnen. So ist Moliere als Zeitgenosse der Gesellschaft Louis' XIV. verständlich; in unserer Gesellschaft der Übergänge und Mittelstufen würde er als ein genialer Pedant erscheinen.
Die vornehmste Tugend. — In der ersten Ära des höheren Menschenthums gilt die Tapferkeit als die vornehmste der Tugenden, in der zweiten die Gerechtig- keit, in der dritten die Mässigung, in der vierten die Weisheit. In welcher Ära leben wir? In welcher lebst du?
Was vorher nöthig ist. — Ein Mensch, der über seinen Jähzorn, seine Gall- und Rachsucht, seine Wollust nicht Meister werden will und es versucht, irgend worin sonst Meister zu werden, ist so dumm wie der Acker- mann, der neben einem Wildbach seine Äcker anlegt und bestellt, ohne sich gegen ihn zu schützen.
Was ist Wahrheit? — Schwarzert (Melanchthon): Man predigt oft seinen Glauben, wenn man ihn gerade verloren hat und auf allen Gassen sucht, — und man predigt ihn dann nicht am schlechtesten! — Luther: Du redest heute wahr wie ein Engel, Bruder! — Schwarzert: Aber es ist der Gedanke deiner Feinde, und sie machen auf dich die Nutzanwendung. — Luther: So war's eine Lüge aus des Teufels Hinterem.
Gewohnheit der Gegensätze. — Die allgemeine ungenaue Beobachtung sieht in der Natur überall Gegen- sätze (wie z. B. „warm und kalt"), wo keine Gegensätze, sondern nur Gradverschiedenheiten sind. Diese schlechte Gewohnheit hat uns verleitet, nun auch noch die innere Natur, die geistig -sittliche Welt, nach solchen Gegen- sätzen verstehen und zerlegen zu wollen. Unsäglich viel Schmerzhaftigkeit Anmaassung Härte Entfremdung Erkältung ist so in die menschliche Empfindung hinein- gekommen, dass man Gegensätze an Stelle der Über- gänge zu sehen meinte.
Ob man vergeben könne? — Wie kann man ihnen überhaupt vergeben, wenn sie nicht wissen, was sie thun! Man hat gar Nichts zu vergeben. — Aber weiss ein Mensch jemals völlig, was er thut? Und wenn diess immer mindestens fraglich bleibt, so haben also die Menschen nie einander Etwas zu vergeben, und Gnade üben ist für den Vernünftigsten ein unmögliches Ding. Zu allerletzt: wenn die Übelthäter wirklich ge- wusst hätten, was sie thaten — so würden wir doch nur dann ein Recht zu vergeben haben, wenn wir ein Recht zu beschuldigen und zu strafen hätten. Diess aber haben wir nicht.
Habituelle Scham. — Warum empfinden wir Scham, wenn uns etwas Gutes und Auszeichnendes er- wiesen wird, das wir, wie man sagt, „nicht verdient haben"? Es scheint uns dabei, dass wir uns in ein Gebiet eingedrängt haben, wo wir nicht hingehören, wo wir ausgeschlossen sein sollten, gleichsam in ein Heiliges oder Allerheiligstes, welches für unseren Fuss unbetretbar ist. Durch den Irrthum Anderer sind wir doch hinein- gelangt: und nun überwältigt uns theils Furcht, theils Ehrfurcht, theils Überraschung, wir wissen nicht, ob wir fliehen, ob wir des gesegneten Augenblicks und seiner Gnaden -Vortheile geniessen sollen. Bei aller Scham ist ein Mysterium, welches durch uns entweiht oder in der Gefahr der Entweihung zu sein scheint; alle Gnade erzeugt Scham. — Erwägt man aber, dass wir überhaupt niemals Etwas „verdient haben", so wird, falls man dieser Ansicht innerhalb einer christlichen Gesammt- Betrachtung der Dinge sich hingiebt, das Ge- fühl der Scham habituell: weil einem Solchen Gott fortwährend zu segnen und Gnade zu üben scheint. Abgesehen von dieser christlichen Auslegung wäre aber auch für den völlig gottlosen Weisen, der an der gründ- lichen Unverantwortlichkeit und Unverdienstlichkeit alles Wirkens und Wesens festhält, jener Zustand der habi- tuellen Scham möglich: wenn man ihn behandelt, als ob er diess und jenes verdient habe, so scheint er sich in eine höhere Ordnung von Wesen eingedrängt zu haben, welche überhaupt Etwas verdienen, welche frei sind und ihres eigenen Wollens und Könnens Verant- wortung wirklich zu tragen vermögen. Wer zu ihm sagt „du hast es verdient", scheint ihm zuzurufen „du bist kein Mensch, sondern ein Gott".