Welche Gegenden dauernd erfreuen. — Diese Gegend hat bedeutende Züge zu einem Gemälde, aber ich kann die Formel für sie nicht finden, als Ganzes bleibt sie mir unfassbar. Ich bemerke, dass alle Land- schaften, die mir dauernd gefallen, unter aller Mannich- faltigkeit ein einfaches geometrisches Linien - Schema haben. Ohne ein solches mathematisches Substrat wird keine Gegend etwas künstlerisch-Erfreuendes. Und viel- leicht gestattet diese Regel eine gleichnisshafte Anwen- dung auf den Menschen.
Vorlesen. — Vorlesen können setzt voraus, dass man vortragen könne: man hat überall blasse Farben 2ÖO anzuwenden, aber den Grad der Blässe in genauer Pro- portion zu dem immer vorschwebenden und dirigirenden, voll und tief gefärbten Grundgemälde, das heisst nach dem Vortrage derselben Partie zu bestimmen. Also muss man dessen mächtig sein.
Der dramatische Sinn. — Wer die feineren vier Sinne der Kunst nicht hat, sucht Alles mit dem gröbsten, dem fünften zu verstehen: diess ist der dramatische Sinn.
Herder. — Herder ist Alles das nicht, was er von sich wähnen machte (und selber zu wähnen wünschte): kein grosser Denker und Erfinder, kein neuer treibender Fruchtboden mit einer urwaldfrischen unausgenutzten Kraft. Aber er besass in höchstem Maasse den Sinn der Witterung, er sah und pflückte die Erstlinge der Jahreszeiten früher als alle Anderen, wrelche dann glauben konnten, er habe sie wachsen lassen: sein Geist war zwischen Hellem und Dunklem, Alten und Jungen und überall dort wie ein Jäger auf der Lauer, wo es Übergänge, Senkungen, Erschütterungen, die Anzeichen inneren Quellens und Werdens gab: die Unruhe des Frühlings trieb ihn umher, aber er selber war der Frühling nicht! — Das ahnte er wohl zu Zeiten und wollte es doch sich selber nicht glauben, er, der ehr- geizige Priester, der so gern der Geister-Papst seiner Zeit gewesen wäre! Diess ist sein Leiden: er scheint lange als Prätendent mehrerer Königthümer des Geistes, ja eines Universalreichs gelebt zu haben und hatte seinen An- 2ÖI hang, welcher an ihn glaubte: der junge Goethe war unter ihm. Aber überall, wo zuletzt Kronen wirklich vergeben wurden, gieng er leer aus: Kant, Goethe, sodann die wirklichen ersten deutschen Historiker und Philologen nahmen ihm weg, was er sich vorbehalten wähnte — oft aber auch im Stillsten und Geheimsten nicht wähnte. Gerade wenn er an sich zweifelte, warf er sich gern die Würde und die Begeisterung um: es waren bei ihm allzu oft Gewänder, die viel verbergen, ihn selber täuschen und trösten mussten. Er hatte wirklich Begeisterung und Feuer, aber sein Ehrgeiz war viel grösser! Dieser blies ungeduldig in das Feuer, dass es flackerte knisterte und rauchte — sein Stil flackert knistert und raucht —, aber er wünschte die grosse Flamme, und diese brach nie hervor! Er sass nicht an der Tafel der eigentlich Schaffenden: und sein Ehrgeiz Hess nicht zu, dass er sich bescheiden unter die eigentlich Geniessenden setzte. So war er ein unruhiger Gast, der Vorkoster aller geistigen Gerichte, die sich die Deutschen in einem halben Jahrhundert aus allen Welt- und Zeit- reichen zusammenholten. Nie wirklich satt und froh, war Herder überdiess allzuhäufig krank: da setzte sich bisweilen der Neid an sein Bett, auch die Heuchelei machte ihren Besuch. Etwas Wundes und Unfreies blieb an ihm haften: und mehr als irgend einem unserer sogenannten „Classiker" geht ihm die einfältige wackere Mannhaftigkeit ab.
Geruch der Worte. — Jedes Wort hat seinen Geruch: es giebt eine Harmonie und Disharmonie der Gerüche und also der Worte.
Der gesuchte Stil. — Der gefundene Stil ist eine Beleidigung für den Freund des gesuchten Stils.
Gelöbnis s. — Ich will keinen Autor mehr lesen, dem man anmerkt, er wollte ein Buch machen: sondern nur jene, deren Gedanken unversehens ein Buch wurden.
Die künstlerische Convention. — Dreiviertel Homer ist Convention; und ähnlich steht es bei allen griechischen Künstlern, die zu der modernen Originalitäts- wuth keinen Grund hatten. Es fehlte ihnen alle Angst vor der Convention; durch diese hiengen sie ja mit ihrem Publicum zusammen. Conventionen sind nämlich die für das Verständniss der Zuhörer eroberten Kunstmittel, die mühvoll erlernte gemeinsame Sprache, mit welcher der Künstler sich wirklich mittheilen kann. Zumal wenn er, wie der griechische Dichter und Musiker, mit jedem seiner Kunstwerke sofort siegen will — da er öffentlich mit einem oder zweien Nebenbuhlern zu ringen gewohnt ist —, so ist die erste Bedingung, dass er so- fort auch verstanden werde: was eben nur durch die Convention möglich ist. Das, was der Künstler über die Convention hinaus erfindet, das giebt er aus freien Stücken darauf und wagt dabei sich selber daran, im besten Fall mit dem Erfolge, dass er eine neue Con- vention schafft. Für gewöhnlich wird das Originale angestaunt, mitunter sogar angebetet, aber selten ver- standen; der Convention hartnäckig ausweichen heisst: nicht verstanden werden wollen. Worauf weist also die moderne Originalitätswuth hin?
Affectation der Wissenschaftlichkeit bei Künstlern. — Schiller glaubte, gleich anderen deutschen Künstlern, wenn man Geist habe, dürfe man über allerlei schwierige Gegenstände auch wohl mit der Feder improvisiren. Und nun stehen seine Prosa -Aufsätze da — in jeder Beziehung ein Muster, wie man wissen- schaftliche Fragen der Ästhetik und Moral nicht an- greifen dürfe, — und eine Gefahr für junge Leser, welche in ihrer Bewunderung des Dichters Schiller nicht den Muth haben, vom Denker und Schriftsteller Schiller gering zu denken. — Die Versuchung, welche den Künstler so leicht und so verzeihlicher Weise ergreift, auch einmal über die gerade ihm verbotene Wiese zu gehen und in der Wissenschaft ein Wort mitzu- sprechen — der Tüchtigste nämlich findet zeitweilig sein Handwerk und seine Werkstätte unausstehlich —, diese Versuchung bringt den Künstler so weit, aller Welt zu zeigen, was sie gar nicht zu sehen braucht, nämlich dass es in seinem Denkzimmerchen eng und unordentlich aussieht — warum auch nicht? er wohnt ja nicht darin! —, dass die Vorrathsspeicher seines Wissens theils leer, theils mit Krimskrams gefüllt sind — warum auch nicht? es steht diess sogar im Grunde dem Künstler -Kinde nicht übel an —, namentlich aber, dass selbst für die leichtesten Handgriffe der wissenschaftlichen Methode, die selbst Anfängern geläufig sind, seine Gelenke zu ungeübt und schwerfällig sind — und auch dessen braucht er sich wahrlich nicht zu schämen! — Dagegen entfaltet er oftmals keine geringe Kunst darin, alle die Fehler Unarten und schlechten Gelehrtenhaftigkeiten, wie sie in der wissenschaftlichen Zunft vorkommen, nachzuahmen, im Glauben, diess eben gehöre, wenn nicht zur Sache, so doch zum Schein der Sache: und diess gerade ist das Lustige an solchen Künstler - Schriften, dass hier der Künstler, ohne es zu wollen, doch thut, was seines Amtes ist — die wissenschaftlichen und unkünstlerischen Naturen zu parodiren. Eine andere Stellung zur Wissenschaft als die parodische sollte er nämlich nicht haben, soweit er eben der Künstler und nur der Künstler ist.
Die Faust - Idee. — Eine kleine Nähterin wird verführt und unglücklich gemacht; ein grosser Gelehrter aller vier Facultäten ist der Übelthäter. Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugegangen sein? Nein, gewiss nicht! Ohne die Beihülfe des leibhaftigen Teufels hätte es der grosse Gelehrte nicht zu Stande gebracht. — Sollte diess wirklich der grösste deutsche „tragische Gedanke" sein, wie man unter Deutschen sagen hört? — Für Goethe war aber auch dieser Gedanke noch zu fürchterlich; sein mildes Herz konnte nicht umhin, die kleine Nähterin, „die gute Seele, die nur einmal sich vergessen", nach ihrem unfreiwilligen Tode in die Nähe der Heiligen zu versetzen; ja selber den grossen Gelehrten brachte er, durch einen Possen, der dem Teufel im entscheidenden Augenblick gespielt wird, noch zur rechten Zeit in den Himmel, ihn „den guten Menschen" mit dem „dunklen Drange": — dort im Himmel finden sich die Liebenden wieder. — Goethe sagt einmal, für das eigentlich Tragische sei seine Natur zu conciliant gewesen.
Giebt es deutsche Classiker? — Sainte-Beuve bemerkt einmal, dass zu der Art einiger Litteraturen das "Wort „Classiker" durchaus nicht klingen wolle: wer werde zum Beispiel so leicht von „deutschen Classikern" reden! — Was sagen unsere deutschen Buchhändler dazu, welche auf dem Wege sind, die fünfzig deutschen Clas- siker, an die wir schon glauben sollen, noch um weitere fünfzig zu vermehren? Scheint es doch fast, als ob man eben nur dreissig Jahre lang todt zu sein und als erlaubte Beute öffentlich dazuliegen brauche — um unversehens plötzlich als Classiker die Trompete der Auferstehung zu hören! Und diess in einer Zeit und unter einem Volke • wo selbst von den sechs grossen Stammvätern der Lit- teratur fünf unzweideutig veralten oder veraltet sind, — ohne dass diese Zeit und diess Volk sich gerade dessen zu schämen hätten! Denn Jene sind vor den Stärken dieser Zeit zurückgewichen — man überlege es sich nur mit aller Billigkeit! — Von Goethe, wie angedeutet, sehe ich ab, er gehört in eine höhere Gattung von Litteraturen, als „National -Litteraturen" sind: desshalb steht er auch zu seiner Nation weder im Verhältniss des Lebens, noch des Neuseins, noch des Veraltens. Nur für Wenige hat er gelebt und lebt er noch: für die Meisten ist er Nichts als eine Fanfare der Eitelkeit, welche man von Zeit zu Zeit über die deutsche Grenze hinüberbläst. Goethe, nicht nur ein guter und grosser Mensch, sondern eine Cultur — Goethe ist in der Geschichte der Deutschen ein Zwischenfall ohne Folgen: wer wäre im Stande, in der deutschen Politik der letzten siebenzig Jahre zum Beispiel ein Stück Goethe aufzuzeigen! (während jedenfalls dabei ein Stück Schiller, und vielleicht sogar ein Stückchen Lessing thätig gewesen ist). Aber jene anderen Fünf! Klopstock veraltete schon bei Lebzeiten auf eine sehr ehrwürdige Weise; und so gründlich, dass das nachdenk- liche Buch seiner späteren Jahre, die Gelehrten-Republik, wohl bis heutigen Tag von Niemandem ernst genommen worden ist. Herder hatte das Unglück, dass seine Schriften immer entweder neu oder veraltet waren; für die feineren und stärkeren Köpfe (wie für Lichtenberg) war zum Beispiel selbst Herder's Hauptwerk, seine Ideen zur Geschichte der Menschheit, sofort beim Erscheinen etwas Veraltetes. Wieland, der reichlich gelebt und zu leben gegeben hat, kam als ein kluger Mann dem Schwinden seines Einflusses durch den Tod zuvor. Lessing lebt vielleicht heute noch — aber unter jungen und immer jüngeren Gelehrten! Und Schiller ist jetzt aus den Händen der Jünglinge in die der Knaben, aller deutschen Knaben gerathen! Es ist ja eine bekannte Art des Veraltens, dass ein Buch zu immer unreiferen Altersstufen hinabsteigt. — Und was hat diese Fünf zurückgedrängt, so dass gut unterrichtete und arbeitsame Männer sie nicht mehr lesen? Der bessere Geschmack, das bessere Wissen, die bessere Achtung vor dem Wahren und Wirklichen: also lauter Tugenden, welche gerade durch jene Fünf (und durch zehn und zwanzig Andere weniger lauten Namens) erst wieder in Deutschland an- gepflanzt worden sind, und welche jetzt als hoher Wald über ihren Gräbern neben dem Schatten der Ehr- furcht auch Etwas vom Schatten der Vergessenheit breiten. — Aber Classiker sind nicht Anpflanzer von intellectuellen und litterarischen Tugenden, sondern Vollender und höchste Lichtspitzen derselben, welche über den Völkern stehen bleiben, wenn diese selber zu Grunde gehen: denn sie sind leichter, freier, reiner als sie.
Es ist ein hoher Zustand der Menschheit möglich, wo das Europa der Völker eine dunkle Vergessenheit ist, wo Europa aber noch in dreissig sehr alten, nie ver- alteten Büchern lebt: in den Classikern.
Interessant, aber nicht schön. — Diese Gegend verbirgt ihren Sinn, aber sie hat einen, den man errathen möchte: wohin ich sehe, lese ich Worte und Winke zu Worten, aber ich weiss nicht, wo der Satz beginnt, der das Räthsel aller dieser Winke löst, und werde zum Wendehals darüber, zu versuchen, ob von hier oder von dort aus zu lesen ist.
Gegen die Sprach-Neuerer. — In der Sprache neuern oder alterthümeln, das Seltene und Fremdartige vorziehen, auf Reichthum des Wortschatzes statt auf Beschränkung trachten ist immer ein Zeichen des un- gereiften oder verderbten Geschmacks. Eine edle Ar- muth, aber innerhalb des unscheinbaren Besitzes eine meisterliche Freiheit zeichnet die griechischen Künstler der Rede aus: sie wollen weniger haben, als das Volk hat — denn dies ist am reichsten in Altem und Neuem —, aber sie wollen diess Wenige besser haben. Man ist schnell mit dem Aufzählen ihrer Archaismen und Fremdartigkeiten fertig, aber kommt nicht zu Ende im Bewundern, wenn man für die leichte und zarte Art ihres Verkehrs mit dem Alltäglichen und scheinbar längst Verbrauchten in Worten und Wendungen ein gutes Auge hat.
Die traurigen und die ernsten Autoren. — Wer zu Papier bringt, was er leidet, wird ein trauriger Autor: aber ein ernster, wenn er uns sagt, was er litt und wesshalb er jetzt in der Freude ausruht.
Gesundheit des Geschmacks. — Wie kommt es, dass die Gesundheiten nicht so ansteckend sind wie die Krankheiten, überhaupt und namentlich im Ge- schmack? Oder giebt es Epidemien der Gesundheit?
Vorsatz. — Kein Buch mehr lesen, das zu gleicher Zeit geboren und (mit Tinte) getauft wurde.
Den Gedanken verbessern. — Den Stil ver- bessern — das heisst den Gedanken verbessern, und gar Nichts weiter! — Wer diess nicht sofort zugiebt, ist auch nie davon zu überzeugen.
Classische Bücher. — Die schwächste Seite jedes classi sehen Buches ist die, dass es zu sehr in der Mutter- sprache seines Autors geschrieben ist.
Schlechte Bücher. — Das Buch soll nach Feder Tinte und Schreibtisch verlangen: aber gewöhnlich ver- langen Feder Tinte und Schreibtisch nach dem Buche. Desshalb ist es jetzt so wenig mit Büchern.
Sinnesgegenwart. — Das Publicum wird, wenn es über Gemälde nachdenkt, dabei zum Dichter, und wenn es über Gedichte nachdenkt, zum Forscher. Im Augenblick, wo der Künstler es anruft, fehlt es ihm immer am rechten Sinne, nicht also an der Geistes-, sondern an der Sinnesgegenwart.
Gewählte Gedanken. — Der gewählte Stil einer bedeutenden Zeit wählt nicht nur die Worte, sondern auch die Gedanken aus — und zwar beide aus dem Üblichen und Herrschenden: die gewagten und allzufrisch riechenden Gedanken sind dem reiferen Ge- schmacke nicht minder zuwider als die neuen tollkühnen Bilder und Ausdrücke. Später riecht Beides — der ge- wählte Gedanke und das gewählte Wort — leicht nach Mittelmässigkeit, weil der Geruch des Gewählten sich schnell verflüchtigt und dann nur noch das Übliche und Alltägliche daran geschmeckt wird.
Hauptgrund der Verderbniss des Stils. — Mehr Empfindung für eine Sache zeigen wollen, als man wirklich hat, verdirbt den Stil, in der Sprache und in allen Künsten. Vielmehr hat alle grosse Kunst die umgekehrte Neigung: sie liebt es, gleich jedem sittlich bedeutenden Menschen, das Gefühl auf seinem Wege anzuhalten und nicht ganz an's Ende laufen zu lassen. Diese Scham der halben Gefühls - Sichtbarkeit ist zum Beispiel bei Sophokles auf das Schönste zu be- obachten; und es scheint die Züge der Empfindung zu verklären, wenn diese sich selber nüchterner giebt, als sie ist.
Zur Entschuldigung der schwerfälligen Sti- listen. — Das Leicht-Gesagte fällt selten schwer genug in's Gehör — das liegt aber an den schlecht geschulten Ohren, welche aus der Erziehung durch Das, was man bisher Musik nannte, in die Schule der höheren Tonkunst, das heisst der Rede, übergehen müssen.
Vogelperspective. — Hier stürzen Wildwasser von mehreren Seiten einem Schlünde zu: ihre Bewegung ist so stürmisch und reisst das Auge so mit sich, dass die kahlen oder bewaldeten Gebirgshänge ringsum nicht abzusinken, sondern wie hinabzu fliehen scheinen. Man wird beim Anblick angstvoll gespannt, als ob etwas Feindseliges hinter alledem verborgen liege, vor dem Alles flüchten müsse, und gegen das uns der Abgrund Schutz verliehe. Diese Gegend ist gar nicht zu malen, es sei denn, dass man wie ein Vogel in der freien Luft über ihr schwebe. Hier ist einmal die sogenannte Vogel- perspective nicht eine künstlerische Willkür, sondern die einzige Möglichkeit.
Gewagte Ver gleichun gen. — Wenn die ge- wagten Vergleichungen nicht Beweise vom Muthwillen des Schriftstellers sind, so sind sie Beweise seiner er- müdeten Phantasie. In jedem Falle aber sind sie Be- weise seines schlechten Geschmacks.
In Ketten tanzen. — Bei jedem einzelnen grie- chischen Dichter und Schriftsteller ist zu fragen: welches ist der neue Zwang, den er sich auferlegt und den er seinen Zeitgenossen reizvoll macht (sodass er Nach- ahmer findet)? Denn was man „Erfindung" (im Metrischen zum Beispiel) nennt, ist immer eine solche selbstgelegte Fessel. „In Ketten tanzen", es sich schwer machen und dann die Täuschung der Leichtigkeit darüber breiten — das ist das Kunststück, welches sie uns zeigen wollen. Schon bei Homer ist eine Fülle von vererbten Formeln und epischen Erzählungsgesetzen wahrzunehmen, inner- halb deren er tanzen musste: und er selber schuf neue Conventionen für die Kommenden hinzu. Diess war die Erziehungs- Schule der griechischen Dichter: zuerst also einen vielfältigen Zwang sich auflegen lassen, durch die früheren Dichter; sodann einen neuen Zwang hinzu- erfinden, ihn sich auflegen und ihn anmuthig besiegen: so dass Zwang und Sieg bemerkt und bewundert werden.
Fülle der Autoren. — Das Letzte, was ein guter Autor bekommt, ist Fülle; wer sie mitbringt, wird nie ein guter Autor werden. Die edelsten Rennpferde sind mager, bis sie von ihren Siegen ausruhen dürfen.
Keuchende Helden. — Dichter und Künstler, die an Engbrüstigkeit des Gefühls leiden, lassen ihre Helden am meisten keuchen: sie verstehen sich auf das leichte Athmen nicht.
Der Halb-Blinde. — Der Halb-Blinde ist der Todfeind aller Autoren, welche sich gehen lassen. Diese sollten seinen Ingrimm kennen, wenn er ein Buch zuschlägt, bei dem er merkt, dass sein Verfasser fünfzig Seiten braucht, um fünf Gedanken mitzutheilen: jenen Ingrimm darüber, den Rest seiner Augen fast ohne Entgelt in Gefahr gebracht zu haben. — Ein Halb- Blinder sagte: alle Autoren haben sich gehen lassen. — „Auch der heilige Geist?" — Auch der heilige Geist. Aber der durfte es; er schrieb für die Ganz-Blinden.
Der Stil der Unsterblichkeit. — Thukydides sowohl wie Tacitus — beide haben beim Ausarbeiten ihrer Werke an eine unsterbliche Dauer derselben gedacht: diess würde, wenn man es sonst nicht wüsste, schon aus ihrem Stile zu errathen sein. Der Eine glaubte seinen Gedanken durch Einkochen, der Andre durch Einsalzen Dauerhaftigkeit zu geben; und Beide, scheint es, haben sich nicht verrechnet.
Gegen Bilder und Gleichnisse. — Mit Bildern und Gleichnissen überzeugt man, aber beweist nicht. Desshalb hat man innerhalb der Wissenschaft eine solche Scheu vor Bildern und Gleichnissen; man will hier gerade das Überzeugende, das Glaub lieh- Machende- nicht und fordert vielmehr das kälteste Misstrauen auch schon durch die Ausdrucksweise und die kahlen Wände heraus: weil das Misstrauen der Prüfstein für das Gold der Gewiss- heit ist.
Vorsicht. — Wem es an gründlichem Wissen ge- bricht, der mag sich in Deutschland ja hüten, zu schreiben. Denn der gute Deutsche sagt da nicht: „er ist un- wissend", sondern: „er ist von zweifelhaftem Charakter". — Dieser übereilte Schluss macht übrigens den Deutschen alle Ehre.
Bemalte Gerippe. — Bemalte Gerippe: das sind jene Autoren, welche Das, was ihnen an Fleisch abgeht, durch künstliche Farben ersetzen möchten.
Der grossartige Stil und das Höhere. — Man lernt es schneller grossartig schreiben, als leicht und schlicht schreiben. Die Gründe davon verlieren sich in's Moralische.
Nietzsche, Werke Band III.,3 Sebastian Bach. — Sofern man Bach's Musik nicht als vollkommener und gewitzigter Kenner des Contra- punktes und aller Arten des fugirten Stils hört, und demgemäss des eigentlichen artistischen Genusses ent- rathen muss, wird es uns als Hörern seiner Musik zu Muthe sein (um uns grandios mit Goethe auszudrücken), als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf. Das heisst: wir fühlen, dass hier etwas Grosses im Werden ist, aber noch nicht ist: unsere grosse moderne Musik. Sie hat schon die Welt überwunden, dadurch dass sie die Kirche, die Nationalitäten und den Contra- punkt überwand. In Bach ist noch zu viel crude Christ- lichkeit, crudes Deutschthum, crude Scholastik; er steht an der Schwelle der europäischen (modernen) Musik, aber schaut sich von hier nach dem Mittelalter um.
Händel. — Händel, im Erfinden seiner Musik kühn, neuerungssüchtig, wahrhaft, gewaltig, dem Heroischen zugewandt und verwandt, dessen ein Volk fähig ist, — wurde bei der Ausarbeitung oft befangen und kalt, ja an sich selber müde; da wendete er einige erprobte Methoden der Durchführung an, schrieb schnell und viel und war froh, wenn er fertig war, — aber nicht in der Art froh, wie es Gott und andere Schöpfer am Abende ihres Werktags gewesen sind.
Haydn. — Soweit sich Genialität mit einem schlecht- hin guten Menschen verbinden kann, hat Haydn sie gehabt. Er geht gerade bis an die Grenze, welche die Moralität dem Intellect zieht; er macht lauter Musik, die „keine Vergangenheit" hat.
Beethoven und Mozart. — Beethoven's Musik erscheint häufig wie eine tiefbewegte Betrachtung beim unerwarteten Wiederhören eines längst verloren geglaubten Stücks „Unschuld in Tönen"; es ist Musik über Musik. Im Liede der Bettler und Kinder auf der Gasse, bei den eintönigen Weisen wandernder Italiäner, beim Tanze in der Dorfschenke oder in den Nächten des Carnevals — da entdeckt er seine „Melodien": er trägt sie wie eine Biene zusammen, indem er bald hier bald dort einen Laut, eine kurze Folge erhascht. Es sind ihm verklärte Erinnerungen aus der „bessern Welt": ähnlich wie Plato es sich von den Ideen dachte. — Mozart steht ganz anders zu seinen Melodien: er findet seine Inspirationen nicht beim Hören von Musik, sondern im Schauen des Lebens, des bewegtesten südländischen Lebens: er träumte immer von Italien, wenn er nicht dort war.
Recitativ. — Ehemals war das Recitativ trocken; jetzt leben wir in der Zeit des nassen Recitativs: es ist in's Wasser gefallen, und die Wellen reissen es, wohin sie wollen.
„Heitere" Musik. — Hat man lange der Musik entbehrt, so geht sie nachher wie ein schwerer Südwein allzuschnell in's Blut und hinterlässt eine narkotisch be- täubte halbwache schlaf- sehnsüchtige Seele; namentlich thut diess gerade die heitere Musik, welche zusammen Bitterkeit und Verwundung, Überdruss und Heimweh giebt und Alles wie in einem verzuckerten Giftgetränk wieder und wieder zu schlürfen nöthigt. Dabei scheint der Saal der heiter rauschenden Freude sich zu ver- engen, das Licht an Helle zu verlieren und bräuner zu werden: zuletzt ist es Einem zu Muthe, als ob die Musik wie in ein Gefängniss hineinklinge, wo ein armer Mensch vor Heimweh nicht schlafen kann.
Franz Schubert. — Franz Schubert, ein geringerer Artist als die andern grossen Musiker, hatte doch von Allen den grössten Erbreichthum an Musik. Er verschwendete ihn mit voller Hand und aus gütigem Herzen: so dass die Musiker noch ein paar Jahrhunderte an seinen Gedanken und Einfällen zu zehren haben werden. In seinen Werken haben wir einen Schatz von unverbrauchten Erfindungen; Andre werden ihre Grösse im Verbrauchen haben. — Dürfte man Beethoven den idealen Zuhörer eines Spielmanns nennen, so hätte Schubert darauf ein Anrecht, selber der ideale Spielmann zu heissen.
Modernster Vortrag der Musik. — Der grosse tragisch - dramatische Vortrag in der Musik bekommt seinen Charakter durch Nachahmung der Gebärden des grossen Sünders, wie ihn das Christenthum sich denkt und wünscht: des langsam Schreitenden, leidenschaftlich Grübelnden, des von Gewissensqual Hin- und Herge- worfnen, des entsetzt Fliehenden, des entzückt Haschen- den, des verzweifelt Stillestehenden — und was sonst Alles die Merkmale des grossen Sünderthums sind. Nur unter der Voraussetzung des Christen, dass alle Menschen grosse Sünder sind und gar Nichts thun als sündigen, Hesse es sich rechtfertigen, jenen Stil des Vortrags auf alle Musik anzuwenden: insofern die Musik das Abbild alles menschlichen Thuns und Treibens wäre, und als solches die Gebärdensprache des grossen Sünders fort- während zu sprechen hätte. Ein Zuhörer, der nicht genug Christ wäre, um diese Logik zu verstehen, dürfte freilich bei einem solchen Vortrage erschreckt ausrufen: „Um des Himmels willen, wie ist denn die Sünde in die Musik gekommen!"
Felix Mendelssohn. — Felix Mendelssohn's Musik ist die Musik des guten Geschmacks an allem Guten, was dagewesen ist: sie weist immer hinter sich. Wie könnte sie viel „Vor- sich", viel Zukunft haben! — Aber hat er sie denn haben wollen? Er besass eine Tugend, die unter Künstlern selten ist, die der Dankbar- keit ohne Nebengedanken: auch diese Tugend weist immer hinter sich.
Eine Mutter der Künste. — In unserem skep- tischen Zeitalter gehört zur eigentlichen Devotion fast ein brutaler Heroismus des Ehrgeizes; das fanatische Augenschliessen und Kniebeugen genügt nicht mehr. Wäre es nicht möglich, dass der Ehrgeiz, in der De- votion der Letzte für alle Zeiten zu sein, der Vater einer letzten katholischen Kirchenmusik würde, wie er schon der Vater des letzten kirchlichen Baustils gewesen ist? (Man nennt ihn Jesuitenstil.)