SigPhi · Otto Rank

Das Trauma der Geburt und seine Bedeutung fur die Psychoanalyse

German

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Während die orientalische Weltanschauung in großartiger kosmischer Projektion das irdische Schicksal aus dem kosmischen Himmelsbild ab- zuleiten suchte," haben die ionischen Denker in naiver Anschauung die Trennung dieser Sphären vollzogen und im Zurückgehen zur ur- sprünglichen Mutter Natur das irdische Leben, befreit von übernatür- lichen Einflüssen, zu erfassen versucht. Daß dies nur gelingen konnte, indem die Griechen gleichzeitig die ganze orientalische Himmelsmytho- logie im wahren Sinne des Wortes in die Unterwelt verbannten, haben wir bereits im vorigen Abschnitt angedeutet. Durch diese Reinigung ı) Bei den Babyloniern geht die himmlische Sterndeutekunst der irdischen Eingeweideschau parallel. Der Mensch und sein Inneres wurde an den Himmel projiziert (s. meine vorbereitete Arbeit: Mikrokosmos und Makrokosmos).

Die philosophische Spekulation 161 der Luft vom kosmischen Spuk wurden sie in den Stand gesetzt, dort, wo die orientalische Weltanschauung nur himmlische Gesetzmäßig- keiten zu erkennen glaubte, die sich auf Erden auswirken, die eigent- lichen Naturgesetze in naiver Form zu sehen und zu erfassen.

Die griechische Philosophie beginnt bekanntlich mit dem Satz des Thales, daß das Wasser der Ursprung und Mutterschoß aller Dinge sei.‘ Ehe wir die weitere Entwicklung des griechischen Denkens von dieser lapidaren Formel verfolgen,” machen wir uns klar, daß damit die erste erkenntnismäßige Fassung des individuellen Ursprungs des Menschen zu einem allgemeinen Naturgesetz gegeben ist. Der Mecha- nismus dieser Erkenntnis, die für das biologische Geschehen zweifel- los richtig ist,3 unterscheidet sich von der kosmischen und mythischen Projektion von Himmelsgewässern (Milchstraße) und Unterweltsflüssen (Totenstrom) dadurch, daß es sich wirklich um ein Ent-decken, das Wegziehen eines Vorhanges, oder wie wir sagen würden, die Aufhebung einer Verdrängung handelt, die es bisher verhindert hatte, im Wasser den Ursprung alles Lebens wiederzufinden, eben weil man selbst ein- mal aus dem Fruchtwasser gekommen war. Die Voraussetzung zur Ent- deckung einer Wahrheit ist somit die Agnoszierung des Unbewußten in der Außenwelt durch Aufhebung einer inneren Verdrängung, welche unmittelbar — wie gerade die Entwicklung der Philosophie deutlich zeigt — von der Urverdrängung ausgeht.

Schon beim Nachfolger des Thales, bei Anaximander aus Milet, dem ersten philosophischen Schriftsteller der Alten, zeigt sich die Reaktion, wenner sagt: „Woher dieDinge ihreEntstehunghaben, dahin ı) Vgl.: Die Bedeutung des Wassers im Kult und Leben der Alten. Eine symbolgeschichtliche Untersuchung von Martin Ninck (Philologus, Suppl. Bd. XIV, Heft >, Leipzig 1921).

2) Nach Nietzsche: Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen (1873); danach alle folgenden Zitate.

3) Siehe jetzt dazu Ferenczis phylogenetische Parallele zur Individual- entwicklung (Versuch einer Genitaltheorie, 1924).

ır Rask 162 Das Trauma der Geburt müssen sie auch zugrunde gehen, nach der Notwendigkeit; denn sie müssen Buße zahlen und für ihre Ungerechtigkeiten gerichtet werden, gemäß der Ordnung der Zeit.“ Mit Recht deutet Nietzsche diesen orakelhaften Ausspruch als die erste pessimistische Note in der Philo- sophie und vergleicht sie einer Äußerung des klassischen Pessimisten Schopenhauer, die dessen ganze Einstellung zum Leben und zur Welt erklärt: „Der rechte Maßstab zur Beurteilung eines jeden Menschen ist, daß er eigentlich ein Wesen sei, welches gar nicht existieren sollte, sondern sein Dasein abbüßt durch vielgestaltiges Leiden und Tod: — was kann man von einem solchen erwarten? Sind wir denn nicht alle zum Tode verurteilte Sünder? Wir büßen unsere Geburt erstlich durch das Leben und zweitens durch das Sterben ab.“ Der Satz des Anaxi- mander ergänzt so die Erkenntnis des Thales durch Betonung der Rück- kehr zu allem Ursprung und hat damit ein zweites Naturgesetz aus psychologischer Intuition entdeckt, das in nur etwas veränderter Form in unser naturwissenschaftliches Denken übernommen wurde.” Indem Nietzsche zeigt, wie der griechische Denker von der Vergänglichkeit alles Irdischen zur notwendigen Annahme eines „Unı) Wer weiß, ob nicht auch der hingeworfene anthropomorphe „Einfall“ Nietzsches: „alle unorganische Materie ist aus organischer entstanden, es ist tote organische Materie, Leichnam und Mensch“, einmal unsere Naturwissen- schaft „umwerten“ wird. — Wie weit auch die exakten Naturwissenschaften un- bewußt determiniert sind, versuchte neuerlich S. Rad6 darzustellen: Die Wege der Naturforschung im Lichte der Psychoanalyse. (Imago VIII, ıg22.) — Für die Vorstufe der Chemie, die Alchimie,hatbereits Jung dieumfassende Formel geprägt, daß sie letzten Endes darauf ausging, Kinder ohne Mutter zu erzeugen. Vgl. dazu H. Silberer: Der Homunkulus (Imago III, 1914) und: Probleme der Mystik und ihrer Symbolik, 1914. — Zu unserer modernen Chemie vgl. man den interessanten Aufsatz von Dr. Alfred Robitsek: Symbolisches Denken in der chemischen Forschung (Imago I, 1912). — Es ist übrigens psychologisch bemerkenswert, daß der eigentliche Vernichter der Alchimie und erste natur- wissenschaftliche Chemiker Justus Liebig Erfinder des Kunstdüngers und des Fleischextrakts wurde und so den alchimistischen Wunschtraum in realsym- bolischer Weise erfüllte.

Die philosophische Spekulation 163 bestimmten“, eines Urwesens kommt, das der Mutterschoß aller Dinge ist, gelingt es ihm, einen Einblick in den Weg zu eröffnen, der von da über die platonische „Idee“ zum kantischen „Ding-an-sich“ führt, in dem erst Schopenhauer wieder den „Willen“, wenn auch noch in naturphilosophischer Verkleidung erkannte. Aus diesem Konflikt zwi- schen Entstehen und Vergehen, der direkt aus der Verdrängung des Ur- traumas stammt, suchte sich Heraklit durch sein Gesetz vom ewigen Werden zu retten, indem er ganz im Sinne der Urverdrängung „den eigentlichen Hergang jedes Werdens und Vergehens, welchen er unter der Form der Polarität begriff, als das Auseinandertreten einer Kraft in zwei qualitativ verschiedene, entgegengesetzte und zur Wiederver- einigung strebende Tätigkeiten“ erkannte. Handelt es sich hier um Er- fassung der anden Akt desWerdens (Geburt) geknüpften Urambivalenz, so fehlen auch nicht die qualitativen Substrate dieses Zustandes. Hatteschon Anaximander die Theorie vom (kalten) Wasser dahin weitergebildet, daß er es aus „warm“ und ‚feucht‘ als seinen Vorstufen hervorgehen läßt, so deutet sich der „‚Physiker‘ Heraklit ‚dieses anaximandrische Warme um als den Hauch, den warmen Atem, die trockenen Dünste, kurz alles Feurige; von diesem Feuer sagt er nun dasselbe aus, was Thales und Anaximander vom Wasser ausgesagt hatten, es durch- laufe in zahllosen Verwandlungen die Bahn des Werdens, vor allem in drei Hauptzuständen, als Warmes, Feuchtes, Festes.‘ Auf diese Weise entdeckt er den atmosphärischen Kreislauf mit seiner Periodizität, die er aber zum Unterschied von Anaximander auffallenderweise so auffaßt, daß der immer wieder erneuerte Untergang in dem alles vernichtenden Weltbrande ‚‚als ein Begehren und Bedürfen charakterisiert wird, das volle Verschlungensein im Feuer als die Sattheit.‘‘ Mit dieser Erkenntnis der lustvollen Rückkehr ins Nichts, die das Werden wieder zu einem unlösbaren Problem zu machen schien, hat sich die naive verdrängungs- befreite Anschauung bereits wieder unter dem Einfluß einer neuen Verdrängungswelle der Spekulation zugewendet, . el Eniy, 164 Das Trauma der Geburt Während Heraklit noch mit Recht sagen konnte: „Mich selbst suchte und erforschte ich‘, beginnt sein Nachfolger Parmenides die neue Abwendung von den zu nah geschauten Realitäten in die logische Abstraktion des ‚‚Seienden“ und ‚„Nichtseienden‘‘, die er aus den ur- sprünglich ganz real-menschlichen Tatsachen des Seins und Nichtseins herausspann, welche in ihrer anthropomorphen Übertragung auf die Welt noch in den Sprachbildungen zu verfolgen sind: ‚„‚denn esse heißt ja im Grunde nur ‚atmen‘“ (Nietzsche). Durch logische Deduktion gelangt dann Parmenides zur ersten Kritik. des Erkenntnisapparates, der nur den Schein erkennen lasse, und hat damit jene philosophische Scheidung von „Geist und Körper“ angebahnt, die noch in unserem wissenschaftlichen Denken fortbesteht. Hier wird zum erstenmal die idealistische Weltbetrachtung, die bei Plato und noch deutlicher bei seinen indischen Vorläufern aus einer mystischen Versenktheit in den Urzustand hervorging, rein logisch zu begründen versucht.

Einen weiteren Schritt in die Naturwissenschaft wie Erkenntnis- theorie machte dann Anaxagoras, indem er die Möglichkeit bestritt, daß aus dem einen Urelement, dem Schoß des Werdens, die Vielheit der Qualitäten hervorgehen könne. Nach ihm gibt es vielmehr von Anfang an zahllose Substanzen, die nur durch die Bewegung die Buntheit und Mannigfaltigkeit der Welt erzeugen. „Daß aber die Bewegung eine Wahrheit und nicht ein Schein sei, bewies Anaxagoras aus der un- bestreitbaren Sukzession unserer Vorstellungen im Denken, gegen Par- menides.““ Um aber nun wieder die Bewegung der Vorstellungen ihrer- seits zu erklären, nahm er im ‚‚Geist an sich“, im Nous, „einen ersten Bewegungsmoment in einer Urzeit an, als den Keimpunkt alles so- genannten Werdens, das heißt aller Veränderung.‘‘ Und so gelangt er schließlich, auf dem Umweg über die logische Deduktion, wieder zu jenem berühmt gewordenen Urzustand, dem Chaos, in dem der Nous noch nicht auf die Materien eingewirkt hatte, sie also noch unbewegt waren, im seligen Mischzustand ruhten, den Anaxagoras mit dem Aus- Die philosophische Spekulation 165 druck „‚Samen aller Dinge‘ bezeichnet. Wie sich der Denker aus diesem Chaos des durch den Nous bewegten Kreises die Formung des Kosmos vorstellt, das rührt bei aller primitiven' Bildhaftigkeit der menschlichen Zeugung, wie Nietzsche schon zeigt, an die Gesetze der Mechanik, wie sie zwei Jahrtausende später Kant in seiner Naturgeschichte des Him- mels mit erhabener Begeisterung verkündete.

So kommen die ersten philosophischen Denker der Griechen vom Urproblem des Werdens, von der Frage der Herkunft der Dinge nicht mehr los, entfernen sich aber gleichzeitig auf verschiedenen Wegen, auf denen ihnen dann die späteren Philosophen folgen, in immer weiter gehender Abwendung von dem eigentlichen hinter der Ur- verdrängung liegenden Problem der Herkunft des Menschen. Erst dem Genius des Plato blieb es vorbehalten, in seiner Lehre vom Eros das Problem umzukehren und so auch auf dem Gebiet der Philosophie den Menschen als Maß aller Dinge wieder zu entdecken, wie ihn fast gleichzeitig die griechische Kunst entdeckt hatte. Die Eroslehre Platos, die von psychoanalytischer Seite bereits mehrfach gewürdigt wurde, ' stellt den menschlichen Zeugungstrieb in den Mittelpunkt der Welt- erklärung, indem sie aufden verschiedenen Stufen des Eros die sinnliche, seelische, philosophischeundreligiöse (mystische) Einstellungnachweist. Hier ist zum erstenmal das philosophische Problem an der Wurzel er- faßt und wir dürfen uns daher auch nicht wundern, wenn Plato zur Darstellung seiner Lehre auf Bilder zurückgreift, die den biologischen Tatsachen ganz nahe kommen. Er faßt den Eros als die Sehnsucht nach einem verlorenen Zustand, ja noch deutlicher nach einer verlorenen Einheit auf und erklärt auch in seinem berühmten Gleichnis von dem ı) Besonders eindringlich in der wertvollen Untersuchung von Winter- stein: Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie. “ (Imago II, 1913.) — Später von Nachmannsohn: Freuds Libidotheorie ver- glichen mit der Eroslehre Platos (Internat. Zsch. f. PsA. III, 1915) und Pfister: Plato als Vorläufer der Psychoanalyse (ebenda VII, 1921).

166 Das Trauma der Geburt in zwei Hälften geschnittenen Urwesen, die nach Wiedervereinigung streben, das Wesen des Geschlechtstriebes. Dies ist die deutlichste be- wußte Annäherung an das Verlangen nach Wiedervereinigung des Kindes mit der Mutter, die bisher in der menschlichen Geistesgeschichte erreicht wurde und an die erst Freud wieder mit seiner Libidotheorie anknüpfen konnte." Ja, Plato kommt im Anschluß an die orphisch-dio- nysische Religion zu der fast letztmöglichen biologischen Erkennt- nis, der Eros sei der Schmerz, womit der Dämon, der durch eigene rätselhafte Schuld in die Geburt gestürzt sei,’nach dem verlorenen Paradies seines reinen und eigentlichen Wesens zurückverlange.

Indem Plato durch ungewöhnlich intensive Intuition in sich selbst diese Sehnsucht erfaßt und zur Darstellung gebracht hatte, projiziert er sie nun aber, der unerbittlichen Urverdrängung gemäß, auf die ge- samte Außenwelt und gelangt so dazu, in allen Dingen die Sehnsucht nach dem Übersinnlichen, das Streben nach Vollkommenheit, das Auf- gehenwollen im Urbild der „Idee“ zu erkennen. Wie nahe diese Vor- stellung psychologisch der Entstehungauseinem Urwesen steht, brauchte uns nichterstdurch diezur Verdeutlichungherangezogenen primitiveren Vorstellungen anderer Völker bewiesen zu werden, 3 da die unbewußte Bedeutung so klar ist. Der in dieser Auffassung zutage tretende plato- nische Idealismus, der Bruch mit der Sinnenwelt, mit dem Plato offen- bar seine Einsicht in die Innenwelt bezahlen mußte, findet in dem berühmt gewordenen Vergleich des menschlichen Daseins mit dem Aufenthalt in einer unterirdischen Höhle, an deren Wand man nur die Schatten der wirklichen Vorgänge wahrnehme, eine wunscher- füllende Darstellung, die auf die subjektive Quelle von Platos Einı) Freud: Jenseits des Lustprinzips. 1921.

2) „Der Ausdruck ‚Sturz in die Geburt‘ findet sich nicht nur bei den Orphikern, sondern auch im Buddhismus“ (Winterstein.c. S. 184).

Die philosophische Spekulation 167 sichten ein helles Licht wirft. Der Höhlenvergleich ist nicht bloß, wie bereits Winterstein (]. c.) vermutet hat, „eine Mutterleibsphan- tasie“, sondern läßt uns einen tiefen Blick in den Geist des Philo- sophen tun, der den alles vorwärts treibenden Eros als Sehnsucht zur Rückkehr in den Urzustand empfand und zugleich den Ausdruck der höchsten philosophischen Sublimierung dafür in seiner Ideenlehre schuf.“ Hatte in Plato die philosophische Erkenntnis des Menschen ihren Höhepunkt erreicht, so bleibt nur zu erklären, was die Denker der folgenden zwei Jahrtausende zwang, sich von dieser großartigen Syn- these und Idealisierung der naiven naturphilosophischen Entwicklung des frühen Griechentums wieder abzuwenden und die krausen Wege der Verdrängung und intellektuellen Verschiebung einzuschlagen. Plato war der gesuchten Urerkenntnis so nahegekommen, daß eine starke Reaktion unvermeidlich wurde, als deren Träger wir seinen unmittelbaren Schüler und Nachfolger Aristoteles erkennen. Diesem gelang durch Abwendung vom philosophisch formulierten Urtrauma die naturwissenschaftliche Eroberung eines neuen Stückes der Wirk- lichkeit, mit der er der Vater der eigentlichen Natur- und Geistes- wissenschaften wurde. Dazu aber mußte er wieder den Blick nach innen verschließen und in zwangsneurotischer Verschiebung der ver- drängten Urlibido auf die Denkvorgänge die logisch -dialektische Spekulation zur höchsten Blüte bringen, von der das ganze abend- ländische Philosophieren bis auf Schopenhauer gezehrt hat, der erst wieder auf die indische Urweisheit und ihre philosophische Darstellung bei Plato zurückgriff. Es würde hier zu weit führen, auch nur andeutungsweise den Entwicklungsgang des aristotelischen Denkens zu ı) Die phylogenetische Ergänzung dazu ist nach Nietzsches Gedanken die Seelenwanderung des Pythagoras, die die Frage beantwortet, wie wir etwas von den Ideen wissen können: durch Erinnerung an frühere Existenzen; d.h. aber biologisch gesprochen den Embryonalzustand.

168 Das Trauma der Geburt skizzieren, das gerade deswegen von so ungeheurem Einfluß auf die gesamte Geistesgeschichte Europas blieb, weil es immer tiefer in die scholastische Spekulation und damit scheinbar immer weiter weg vom Verdrängten führte. Ich sage scheinbar, denn noch in den abstraktesten logischen Rösselsprüngen der Aristoteliker lassen sich so greifbare Spuren des Urverdrängten nachweisen,‘ daß man schon daraus allein die immer weiter fortgesetzte Spekulation verstehen könnte. Ander- seits verrät die allgemein introvertierte Geistesrichtung des spekulativen Logikers und des ihm psychologisch nahestehenden Mystikers, daß er mit der gedanklichen Entfernung vom Verdrängten sich in seiner gesamten psychischen Einstellung selbst immer mehr der Ursituation des Ver- sinkens und Aufgehens nähert, der er im Inhalt des Denkens auszu- weichen sucht.

Die philosophischen Mystiker stellen so die direkte Fortsetzung der religiösen Mystik, des Versenkens in das eigene Innere dar. Nur nennen sie den Gott, den sie jetzt in ihrem eigenen Innern aufsuchen, Er- kenntnis, aber das Ziel ist das gleiche: die unio mystica, das Eins- werden mit dem All. Daß dieses mystische Erlebnis stark sexuell ge- färbt ist, die Vereinigung mit der Gottheit unter dem Bilde einer ge- schlechtlichen Vereinigung (Erkennen = coire) geschaut und emp- funden wird,” weist nur auf den libidinösen Urgrund des ganzen ı) In einer während der Niederschrift bei der Redaktion von „Imago“ ein- gelaufenen Arbeit von E. Roeder: Das Ding an sich (Analytische Versuche an Aristoteles’ Analytik), wird dies in eindringender Weise bis zum biologischen Ding an sich, dem Embryo im Mutterleib, gezeigt, von welcher Vorstellung insbesondere der ganze (geometrische) Raumbegriff des Aristoteles abgeleitet ist.

2) Siehe Pfister: Hysterie und Mystik bei Margareta Ebner (1291— 1352). 1910. („Zum Kampf um die Psychoanalyse,“ Kap. V, 1920.) Ders.: Die Fröm- migkeit des Grafen Ludwig von, Zinzendorf. Ein psa. Beitrag z. Kenntnis der relig. Sublimierungsprozesse und zur Erklärung des Pietismus. ıgı0. — Ferner A. Kielholz: Jakob Boehme. Ein pathographischer Beitrag zur Psychologie der Mystik. 1919. — Siehe auch G. Hahn: Die Probleme der Hysterie und die Offenbarungen der Heiligen Therese, 1906.

Pure 1 ne Die philosophische Spekulation 169 Strebens, die Rückkehr in den Urzustand, hin: „So wie einer, von einem geliebten Weibe umschlungen, kein Bewußtsein hat von dem, was außen und innen ist, so hat auch der Geist, der von dem Urselbst verschlungen ist, kein Bewußtsein von dem, was außen und innen ist“, heißt es in den Upanischaden. Und Plotin sagt von der ınystischen Ekstase: „Es ist kein Zwischenraum mehr da, es sind nicht mehr zwei, sondern beide sind eins, sie sind nicht voneinander zu scheiden, solange jenes da ist. Diese Vereinigung ahmen hier in dieser Welt die Liebenden und Geliebten nach, die miteinander zu einem Wesen verschmelzen wollen.“ Wie schon das indische tat twam asi (das bist du selbst) zeigt, handelt es sich dabei um eine Aufhebung der Grenzen zwischen Ich und Nicht-Ich, wie sie das Gebet durch Einswerden mit Gott herzustellen sucht (man ver- gleichedieVerse Mechthilds: „Ich bin in dir und dubist in mir“, Heiler: Das Gebet). Und ein islamischer Mystiker ruft in der seligen Ekstase: „Es hat zwischen uns aufgehört das Ich und das Du, ich bin nicht ich, du bist nicht du, auch bist du nicht ich; ich bin zugleich ich und du, du bist zugleich du und ich. Ich bin in Verwirrung darüber, ob du ich oder ich du seist“ (l. c.).

Wie wir sehen, war es den Neuplatonikern und ihren Nachfolgern gründlich gelungen, das in der Eroslehre ihres Meisters poetisch for- mulierte Streben nach Einssein mit ihrem Ursprung in weitgehendem Maße, allerdings auf Kosten der philosophischen Einsicht, zu realisieren. Als Reaktion darauf erscheint die neuere Philosophie, die ganz ähnlich ı) Plotin litt selbst an solchen ekstatisch - visionären Seelenverzückungen, wie erin den Enneaden (IV, 8, ı) berichtet. — Diese Befreiung der Seele vom Zwang der Schicksalsnotwendigkeiten und der Wiedergeburten lehrten auch die Theurgen, Magier und Gnostiker. — Die echten Theurgen, wie die Neuplatoni- ker, erzielten dies bei sich selbst durch Versenken in das Grübeln über die letzten Dinge und wohl auch durch körperliche Vorbereitung, wie läuterndes Fasten ‚und Kasteiungen aller Art (siehe Th. Hopfner: Über die Geheimlehren von Jamblichus. Quellenschr. d. Griech. Mystik, Bd. I, Leipzig 1922).

170 Das Trauma der Geburt wie die griechische Philosophie ihren Ausgangspunkt von der Ent- deckung des Menschen als eines Teiles der Natur nahm und seine Trennung von ihr gedanklich zu verleugnen und rückgängig zu machen suchte. Dies beginnt auf einer höheren psychischen Entwicklungsstufe mit der Entdeckung d&s Ich, als etwas vom Nicht-Ich Verschiede- nem durch Descartes, um schließlich in der genialen Icherweiterung des Kantschen Systems zu gipfeln, während die hypertrophischen Ich- systeme nach Art des Fichteschen das Gegenstück zur mythologischen Ichprojektion in die Umwelt darstellen, Aber auch Kant ist es nur ge- lungen, die Apriorität der Vorstellungen von Raum und Zeit als an- geborener Kategorien aus der Unmittelbarkeit des intrauterinen Zu- standes zu erkennen und erkenntnistheoretisch zu fassen, indem er den transzendenten Tendenzen seines Unbewußten einerseits in der groß- artigen Kompensation seiner Erkenntnis der kosmischen Gesetzmäßig- keiten, anderseits in seinem pathologischen Sonderlingsdasein eine weitgehende direkte Befriedigung bot. Das „Ding-an-sich“, das er als das einzig Transzendente, also Unerforschliche, bestehen ließ, mußte ihm dabei natürlich entgehen. Nicht bloß der Rückschluß aus der Entwicklung des philosophischen Denken verrät uns, daß dieses Ding- an-sich wieder identisch ist mit dem geheimnisvollen, so stark ver- drängten Urgrund unseres Seins, dem Mutterschoß; sondern auch die weitere philosophische Bestimmung dieses Begriffs durch den „Willen“ Schopenhauers, der damit das Ding-an-sich aus seiner transzenden- talen Verhexung wieder vermenschlichte und in unser Inneres ver- legte, wo es dann Nietzsche als den egoistischen Willen zur Macht zu erkennen glaubte, während die Psychoanalyse auf dem von ihr neuge- fundenen Wege der „Selbsterkenntnis“‘ darin die unbewußt wirkende Urlibido psychologisch faßbar gemacht hat.

Dies „Erkenne dich selbst“, mit dem erst die Psychoanalyse wirk- lich Ernst gemacht hat, führt uns zu Sokrates zurück, der diese Forderung des delphischen Apollo zu seiner Lehre gemacht hatte. Wir Die philosophische Spekulatıon 171 haben bis jetzt von diesem unmittelbaren Vorläufer des Plato nicht gesprochen, ohne den dieser selbst und die ganze folgende Entwicklung, auch psychologisch, undenkbar ist. Denn vor dem Bilde des bewußt und furchtlos in den Tod gehenden Sokrates hat sich sein Liebling und Schüler Plato, wie Nietzsche sagt, „mit aller inbrünstigen Hin- gebung seiner Schwärmerseele“ niedergeworfen und sein Leben der Pflege und Bewahrung des Andenkens an seinen Meister gewidmet, Aber erst die Lehre des Sokrates zeigt das konkrete Substrat des Ur- traumas, auf das sein Schüler Plato und dessen Nachfolger Aristoteles in so weittragender Weise reagiert haben. Mit dem Auftreten des So- krates, der sich als Sondertyp aus der Reihe der Philosophen vor und nach ihm scharf heraushebt, tritt im griechischen Denken jene ent- scheidende Wendung nach Innen ein, die dann durch Plato ihre phi- losophische Gestaltung erhält, und die schon äußerlich dadurch ge- kennzeichnet ist, daß Sokrates, wie Xenophon in seinen Memorabilien berichtet, das Nachdenken über die Weltentstehung und die damit ver- wandten Fragen ausdrücklich als unnütz ablehnte.

Um die Bedeutung des Sokrates, in dem Nietzsche „den einen Wendepunkt und Wirbel der sogenannten Weltgeschichte“ sieht, voll würdigen zu können, müssen wir wieder auf Nietzsches unübertreff- lich scharfsichtige Psychoanalyse dieses seines Erzgegners in der „„Ge- burt der Tragödie‘ zurückgreifen. „Nur aus Instinkt! Mit diesem Aus- druck berühren wir Herz und Mittelpunkt der sokratischen Tendenz. Mit ihm verurteilt der Sokratismus ebenso die bestehende Kunst wie die bestehende Ethik...Von diesem einen Punkte aus glaubte So- krates das Dasein korrigieren zu müssen: er, der Einzelne, tritt mit der Miene der Nichtachtung und der Überlegenheit, als der Vorläufer einer ganz anders gearteten Kultur, Kunst und Moral, in eine Welt hinein...Dies ist die ungeheure Bedenklichkeit, die uns jedesmal, angesichts des Sokrates, ergreift und die uns immer und immer wieder anreizt, Sinn und Absicht dieser fragwürdigsten Erscheinung des Alter- E72 Das Trauma der Geburt tums zu erkennen. Wer ist das, der es wagen darf, als ein Einzelner das griechische Wesen zu verneinen...?“ „Einen Schlüssel zu dem Wesen des Sokrates bietet uns jene wunder- bare Erscheinung, die als ‚Dämonion des Sokrates‘ bezeichnet wird. In besonderen Lagen, in denen sein ungeheurer Verstand ins Schwan- ken geriet, gewann er einen festen Anhalt durch eine in solchen Mo- menten sich äußernde göttliche Stimme. Diese Stimme mahnt, wenn sie kommt, immer ab. Die instinktive Weisheit zeigt sich bei dieser gänzlich abnormen Natur nur, um dem bewußten Erkennen hier und da hindernd entgegenzutreten, Während doch bei allen produktiven Menschen der Instinkt gerade die schöpferisch-affirmative Kraft ist und das Bewußtsein kritisch und abmahnend sich gebärdet: wird bei Sokrates der Instinkt zum Kritiker, das Bewußtsein zum Schöpfer — eine wahre Monstrosität per defectum.‘ An diese Diagnose knüpft dann Nietzsche, fast zwanzig Jahre später, eine Analyse des Menschen Sokrates,’ die in ihrer Unerbittlich- keit nicht nur vor dem Allzumenschlichen nicht haltmacht, sondern geradezu da ansetzt: „Sokrates gehörte, seiner Herkunft nach, zum niedersten Volk: Sokrates war Pöbel. Man weiß, man sieht es selbst noch, wie häßlich er war. Aber Häßlichkeit, an sich ein Einwand, ist unter Griechen beinahe eine Wiederlegung. War Sokrates überhaupt ein Grieche? Die Häßlichkeit ist häufig genug der Ausdruck einer ge- kreuzten, durch Kreuzung gehemmten Entwicklung. Im andern Falle erscheint sie als niedergehende Entwicklung. Die Anthropo- logen unter den Kriminalisten sagen uns, daß der typische Verbrecher häßlich ist: monstrum in fronte, monstrum in animo...Auf decadence bei Sokrates deutet nicht nur die zugestandene Wüstheit und Anarchie in den Instinkten, ebendahin deutet auch die Superfötation des Logischen und jene Rhachitiker-Bosheit, die ihn auszeichnet. Verı) Das Problem des Sokrates (Götzendämmerung, 1888).

Die philosophische Spekulation 173 gessen wir auch jene Gehörshalluzinationen nicht, die als ‚Dämonion des Sokrates‘ ins Religiöse interpretiert worden sind.“ „Als jener Physiognomiker dem Sokrates enthüllt hatte, wer er war, eine Höhle aller schlimmen Begierden, ließ der große Ironiker noch ein Wort verlauten, das den Schlüssel zu ihm gibt. ‚Dies ist wahr,‘ sagte er, aber ich wurde über alle Herr.‘ Wie wurde Sokrates über ‘sich Herr? — Sein Fall war im Grunde nur der extreme Fall, nur der in die Augen springendste von Dem, was damals die allgemeine Not zu werden anfing: daß niemand mehr über sich Herr war, daß die Instinkte sich gegeneinander wendeten. Er faszinierte als dieser extreme Fall — seine furchteinflößende Häßlichkeit sprach ihn für jedes Auge aus: er faszinierte, wie sich von selbst versteht, noch stärker als Antwort, als Lösung, als Anschein der Kur dieses F alls.“ „„ Vernunft =Tugend =Glück heißt bloß: man muß esdem Sokrates nachmachen und gegen die dunklen Begehrungen ein Tageslicht in Permanenz herstellen — das Tageslicht der Vernunft. Man muß klug, klar, hell um jeden Preis sein: jedes Nachgeben an die Instinkte, ans Unbewußte führt hinab...“ In Sokrates erblickt also Nietzsche „den Typus des theoreti- schen Menschen“, der in unerschütterlichem Optimismus daran glaubt, „‚daß das Denken, an dem Leitfaden der Kausalität, bis in die tiefsten Abgründe des Seins reiche, und daß das Denken das Sein nicht nurzuerkennen, sondern sogarzukorrigierenimstandesei. "Sokrates hat bekanntlich keine schriftlichen Werke hinterlassen, sondern sich damit begnügt, durch „bloßes Reden‘ auf seine Schüler und Jünger zu wirken. In dieser Technik, in ihrem Ziel der Selbsterkenntnis, in seiner Anschauung, daß die Einsicht zur Tugend führe, und nicht zu- letzt in seinem ganzen therapeutischen Wirken darf man ihn wohl als den Urvater der analytischen Technik bezeichnen, die in Plato ihren würdigen Theoretiker gefunden hatte. Dieser Vergleich erhält eine tiefe Berechtigung, wenn wir uns erinnern, daß Sokrates selbst seine 174 Das Trauma der Geburt dialektische Therapie des Herausziehens der GedankenderHebammen- praxis gleichgestellt hat, wie er es in Nachahmung seiner Mutter, die Hebamme war, übe. Diese Anekdote beweist ebenso wie die Überliefe- rung von seinem bösen Weib Xanthippe, daß sich bei ihm, offenbar aus rein individuellen Motiven, jene heftige Reaktion auf das Urtrauma ein- gestellt hatte, dieihn anscheinend zu dem von Nietzsche geschilderten type degenere gemacht hatte. Die biologische Folge davon, seine Häß- lichkeit, Rhachitis, Gehörshalluzinationen und die ganze Unbeherrscht- heit seines Trieblebens, wie sie Nietzscheschildert, würdesomiteinem Schlage verständlich werden. Aberauch seinepsychische Reaktion darauf, die ihn offenbar zwang, in der bekannten Identifizierung mit der Mutter die Loslösung der überstarken Fixierung an sie zu erreichen und sich der Knabenliebe hinzugeben, in der er das verlorene Mutter-Kind-Ver- hältnis immer wieder erneuern konnte. Endlich ist ihm auch noch in einer dritten Form die Überwindung des Geburtstraumas gelungen, nämlich in der Überwindung der Todesangst. Wie Nietzsche ganz richtig erkannte, hat Sokrates seinen Tod freiwillig gewollt, da für Vergehen seiner Art nur die Verbannung üblich war. Er hat ihn ge- wolltunder konnteihn wollen: ‚Er erscheint uns als der Erste, der an der Hand jenes Instinktes der Wissenschaft nicht nur leben, sondern —— was bei weitem mehr ist — auch sterben konnte; und deshalb ist das Bild des sterbenden Sokrates als des durch Wissen und Gründe der Todesfurcht enthobenen Menschen das Wappenschild, das über dem Eingangstor der Wissenschaft einen jeden an deren Bestim- mung erinnert, nämlich das Dasein als begreiflich und damit als ge- rechtfertigt erscheinen zu machen.“ So ist es Sokrates — allerdings nur mit Hilfe verschiedener, z. T. neurotischer Ersatzbefriedigungen und um den Preis des Schierlings- bechers — gelungen, das Geburtstrauma als Erster intellektuell zu überwinden und damit zum unmittelbaren Vorläufer der psycho- analytischen Therapie zu werden.

Die psychoanalytische Erkenntnis Wir haben aus der analytischen Situation und ihrer Darstellung durch das Unbewußte des Analysierten die fundamentale Bedeutung des Geburtstraumas, seiner Verdrängung und deren Wiederkehr in neurotischer Reproduktion, symbolischer Anpassung, heroischer Kom- pensation, ethischer Reaktionsbildung, ästhetischer Idealisierung und philosophischer Spekulation erkannt. Wir glauben in flüchtigem Über- blicken der wesentlichen Kulturleistungen und -entwicklungen ge- zeigt zu haben, daß nicht nur alle sozial wertvollen, ja überwertigen Schöpfungen des Menschen, sondern sogar die Menschwerdung einer spezifischen Reaktion auf das Geburtstrauma entspringt, und wie schließlich die Erkenntnis dieser Tatsache selbst durch die psychoanaly- tische Methode der bisher weitest gehenden Aufhebung der Urver- drängung durch Überwindung des Urwiderstandes, der Angst, zu ver- danken ist.

Die Entwicklung der psychoanalytischen Erkenntnis selbst gibt ein lehrreiches Bild von der Macht dieses Urwiderstandes und von der gewaltigen Leistung Freuds. die notwendig war, ihn überwinden zu helfen. Wie Freud immer wieder betont, ist er selbst nicht der eigentliche Entdecker der Psychoanalyse gewesen, sondern der Wiener Arzt Dr. Josef Breuer, der ı88ı den eingangs erwähn- ten Fall von Hysterie behandelte und dabei von der Patientin auf die Idee der talking cure, symbolisch gesprochen des chimney sweeping, gebracht wurde, Wenn Freud gelegentlich im Freundeskreis von 176 Das Trauma der Geburt