SigPhi · Otto Rank

Das Trauma der Geburt und seine Bedeutung fur die Psychoanalyse

German

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zeitig auch das Sträuben gegen die Lustquelle selbst, an die man nicht erinnert werden will, weil sie unerreichbar bleiben muß. In dieser doppelt gefügten Verdrängungsschranke, die der Abhaltung von der Urlusterinnerung durch die Geburtsangst und dem Vergessen des schmerzlichen Geburtstraumas durch Erinnerung an das vorherge- gangene Lusterlebnis entspricht, also in dieser Urambivalenz des Psychischen, liegt das Rätsel der Menschheitsentwicklung beschlossen, das nur auf einem Wege, der Entdeckung des Verdrängungsvorganges selbst durch die Psychoanalyse, gelöst werden konnte.

g sl Die therapeutische Wirkung Wenn wir uns an die am Schluß des vorigen Abschnitts noch einmal ins Auge gefaßte Macht der Urverdrängung erinnern und an die Jahr- tausende hindurch von der Menschheit ebenso unermüdlich wie ver- geblich wiederholten Versuche sie zu überwinden, so mag sich im ersten Augenblick zu den pessimistischen Konsequenzen, zu denen diese Auffassung allenthalben zu führen scheint, der Gedanke an die Hoffnungslosigkeit jeder Psychotherapie gesellen. Denn welche Macht der Erde sollte imstande sein, das Unbewußte zum Verzicht auf seine ureigenste Natur, zum Einschlagen einer andern als der ihm im wahren Sinne des Wortes angeborenen Richtung zu bewegen? Nun tatsächlich scheint aus dem Gesagten kein anderer Schluß möglich, als der, daß es eben keine solche Macht geben könne. Anderseits zeigt die analytische Erfahrung, daß doch etwas existieren müsse, was es möglich macht, schwer neurotische Menschen, bei denen das Unbewußte besonders mächtig herrscht, wirklich in so weitgehendem Maße von dessen Über- macht zu befreien, daß sie imstande sind — so wie die Nichtneurotischen zu leben. Das ist allerdings auch alles, sehr viel und zugleich sehr wenig, je nachdem von welchem Standpunkt man dieses Resultat be- trachtet. Nun ist anscheinend nur der Analytiker selbst geneigt, es vom ersten Standpunkt zu betrachten, während der Patient es häufig genug nur vom zweiten beurteilen kann. Dieser Widerspruch scheint zwar zunächst keiner weiteren Begründung zu bedürfen, verdient aber doch, auf seine psychologische Motivierung untersucht zu werden, 192 Das Trauma der Geburt Es ist nicht die Rede von Fällen, wo der Analytiker mit subjektiver Berechtigung glauben darf, nicht nur sein Bestes, sondern Alles getan zu haben und wo ein wirklicher Erfolg tatsächlich ausbleibt; sondern ich habe Fälle im Auge, wo der Patient, tatsächlich von seinem Leiden befreit, wieder arbeits- und genußfähig gemacht ist und sich doch wieein Unzufriedener benimmt. Doch lassen wir uns dadurch natürlich keinen Augenblick von unserer Aufgabe abbringen oder wankelmütig machen. Wer sagt uns denn, daß alle die anderen Menschen, welche die Analyse nicht durchgemacht haben, bei denen es vielleicht auch gar nicht nötig wäre, zufriedener, glücklicher sind? Wir erinnern uns dabei eines Aus- spruches von Freud, der lautet, daß der geheilte Neurotiker oft genug nachher nur gemeines Unglück zeige, wo er früher „neurotisches“ hatte! Der Arzt kann auch beim körperlich schwer Erkrankten dessen Ansprüche auf volle Gesundheit kaum je erfüllen, geschweige denn, beim Neurotiker, der gerade am Übermaß seiner Ansprüche erkrankt ist und zwar jener Ansprüche der Libido, die nach den Erkenntnissen der Psychoanalyse ihrer Natur nach überhaupt niemals zu befriedigen sind. Führt also die letzte Erkenntnis der Verursachung der Neurose nicht eher zum Aufgeben jedes Heilungsversuches, statt uns mit der Er- kenntnis der Verursachung auch die Mittel zu ihrer Beseitigung an die Hand zu geben! Und bedeutet dies nicht geradezu den vollständigen Nihilismus in der Psychotherapie? Ja, noch mehr, eine Absage an die ganze Forschung und Wissenschaft, die ja tatsächlich auf dem ins Tech- nische gewendeten sokratischen Satz zu ruhen scheint: Wissen ist Macht!

Nun hat ja gerade die Psychoanalyse zu allererst an diesem Vorurteil gerüttelt, das von ihrem antiken Vorläufer als die Summe seiner Weisheit überliefert ist. Die Psychoanalyse hat uns schrittweise gezwungen, unseren intellektuellen Hochmut abzulegen und die Macht unseres Bewußtseins gegenüber der biologischen Elementarkraft des Unbewußten immer mehr und mehr geringschätzen zu lernen. Ich glaube, wir haben nun denselben Weg auf dem Gebiet der psychoanalytischen Therapie er Die therapeutische Wirkung 193 selbst weiter zu gehen, nachdem wir uns genügend Wissen erworben haben, um — Sokrates varlierend — zu erkennen, daß alles, was wir wissen, ist, daß unser Wissen therapeutisch nicht viel taugt, wenn wir es nicht in wirksamer Weise anwenden können. Freud selbst hat schon frühzeitig davor gewarnt, das eigene Wissen und Verstehen mit dem des Kranken zu verwechseln," indem er scharf zwischen der Psycho- analyse als Forschungsmethode und als Therapie unterschied. Solange wir noch zu wenig vom Unbewußten erfahren hatten, war es aller- dings häufig unvermeidlich, die Forschung in den Vordergrund zu rücken, wenn das bisherige Wissen zur Erzielung des therapeutischen Effektes nicht ausreichte. Aber die reichen Erfahrungen der letzten Jahre haben uns überzeugt, daß die therapeutischen Möglichkeiten der ‚Vermehrung unseres Wissens nicht im erwarteten Maße entsprechen, ja daß sogar das naive therapeutische Zugreifen durch ein Zuviel an Wissen und Einsicht gehemmt werden kann.” Anderseits hatte die Er- fahrung schon lange gezeigt, daß die Mitteilung unseres Wissens an den Patienten und sogar seine intellektuelle Akzeptierung desselben an seinen Symptomen nichts ändert. Die Analyse mußte den thera- peutischen Wert auf die affektive Akzeptierung legen, die letzten Endes dem Abreagieren der Affekte gleichkam und nur nach Beseitigung der unbewußten Widerstände möglich war. An Stelle des aus der hyp- notischen Vorzeit stammenden bewußten Erinnernlassens trat bald die Wiederholung in der positiven und negativen Übertragung, der sich die wirkliche affektive Reproduktion anschloß.? Es zeigte sich weiter, ı) Weitere Ratschläge zur Technik der Psychoanalyse: Zur Einleitung der Behandlung. 1913 (Kl. Schr. IV, Seite 436).

2) Solche Erfahrungen dürften denn auch Professor Freud veranlaßthaben, auf dem letzten Kongreß (September 1922) „Das Verhältnis der psychoanalytischen Theorie zur Technik“ zum Gegenstand einer Preisausschreibung zu. machen.

3) Weitere Ratschläge usw.: Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten. 1914 (Kl. Schr. IV). Vgl. dazu Ferenczi und Rank: Entwicklungsziele der Psycho- analyse. Zur Wechselbeziehung von Theorie und Praxis. 1924.; 13, Rank 194 Das Trauma der Geburt daß man diese durchaus nicht zu vermeiden, sondern oft genug gerade zu provozieren habe, wenn der Patient das Erinnern als Schutz vor dem Wiederholen, also in seiner biologischen Funktion benützte. Zuerst hat bekanntlich Ferenczi auf diese Notwendigkeit einer „ak- tiven“ Therapie nachdrücklich hingewiesen‘ und diesen Hinweis dann in einer eingehenderen Darstellung gegen eine mißverständliche Auf- fassung zu rechtfertigen und zu begründen gesucht,? Mit Recht betont er, daß die als Neuerung verschriene Aktivität ja seit jeher in der Psychoanalyse stillschweigend geübt worden war, und ich wüßte dem kein weiteres Argument hinzuzufügen als höchstens das, daß jede Thera- pie ihrer Natur nach „aktiv“ sei, d. h. irgend eine willkürliche Beein- flussung und eine daraus folgende Veränderung, einen Effekt bezwecke. Die an der Psychoanalyse mit Recht gerühmte „Passivität“ ist eine Tugend des Forschers, die ihn in- den Stand setzt, überhaupt etwas Neues zu finden, was er noch nicht weiß oder durch sein Wissen provo- ziert hat. Doch ebensowenig wie der Internist am Krankenbett in der Geschichte der Medizin, ja selbst nicht in einem Lehrbuch nach- schlagen wird, wie man zur richtigen Diagnose gelange, kann der praktische Analytiker darauf eingestellt sein, mit seinem Patienten, Schritt für Schritt der psychoanalytischen Forschung folgend, dessen Seelenleben sozusagen historisch aufzurollen. Er hat eben auch die Summe alles bisher erarbeiteten Wissens in richtiger Weise in sich aufzunehmen und sie dann den Forderungen des Falles entsprechend praktisch anzuwenden. Daß er dabei „aktiv“ vorgehen muß, ist nur selbstverständlich, wenn er irgend einen nennenswerten therapeutischen Effekt erzielen will. Ist doch sein Eingreifen nicht weniger aktiv als das des Chirurgen und hat zum Ziel: die kunstgerechte Lösung der Urlibido aus ihrer Fixierung durch Aufhebung oder Milderung der Ur- verdrängung und damit die Lösung des Patienten aus seiner neuroı) Technische Schwierigkeiten einer Hysterieanalyse. Int. Zschr.f. PsA.V, 1919- 2) Weiterer Ausbau der ‚aktiven Technik‘ in der Psa. ebenda VII, 1921.

Die therapeutische Wirkung 195 tischen Fixierung; in letzter Linie zurückgehend bis auf die Wieder- holung des Geburtstraumas mit Unterstützung einer erfahrenen Heb- amme. Ich sage absichtlich nicht „Arztes“, weil es mir zunächst um die Betonung des rein menschlichen und praktischen Momentes zu tun ist.

Verweilen wireinen Moment lang mit unserer Überlegung bei diesem neu fixierten therapeutischen Ziel, so bemerken wir mit Befriedigung den ersten Hoffnungsschimmer im Dunkel des therapeutischen Pessi- mismus, bei dem wir zu landen schienen. Wir erkennen dann, daß wir eigentlich nichts anderes getan haben, als das, was der Patient ohnehin sein ganzes Leben lang, nur mit unzureichendem Erfolg, ver- sucht hat, nämlich das Geburtstrauma im Sinne der Kulturanpassung zu überwinden. Nach unserer Auffassung würde ja das neugeborene Individuum sofort in den verlassenen Zustand, d.h. praktisch gesprochen dem Tode verfallen, wenn nicht die Natur den ersten „therapeutischen“ Eingriff an ihm vornähme und ihm das Zurückstreben durch Ver- ankerung der Angst verbieten würde. Von diesem Moment erhält eigentlich jede weitere Tätigkeit des Individuums im Leben „thera- peutischen“ Charakter, indem sie entgegen den Rückstrebungsten- denzen den „aufgegebenen“ Patienten eine ganze Weile am Leben erhält, ohne daß ihr dies allerdings auf die Dauer gelingen kann. Wir möchten in diesem Zusammenhang auch nicht versäumen, auf den hohen „kathartischen“ Wert hinzuweisen, den gerade die angeblich am wenigsten nützlichen, d. h. dem Ausdruck unbewußter Tendenzen die- nenden Betätigungen haben: vom kindlichen Spiel‘ bis zum Spiel der Erwachsenen, das im Trauerspiel seine höchste kathartische Ausgestal- tung erfährt. Ja, wie Freud an dem Zerrbild der Psychosen zeigen konnte, haben wir selbst deren Verlauf vielmehr als einen Heilungs- versuch aufzufassen, der genau so wie der analytische eine rückläufige ı) Siehe Karl Grooß: Das Spiel als Katharsis. Zschr. f. pädag. Psycholo- gie, XII, 1912.

“ 196 Das Trauma der Geburt Bewegung einschlägt. Dieser mußte auch die Analyse folgen, wollte sie überhaupt eine Möglichkeit der Beeinflussung gewinnen. Nur ist sie imstande, dem Patienten immer gerade nur so viel Lust zu gewähren, daß die endgültige Entziehung des Libidomißbrauchs nicht gefähr- det ist. Dabei ersetzt sie ihm in der eingangs geschilderten Weise das verlorene Urobjekt der Mutter durch ein Surrogat, auf das er um so eher verzichten lernen kann, als es ihm fortwährend nur als solches bewußt gemacht wird. Der hohe Wert, den dieses Surrogat trotzdem für ihn hat und der sich in dem Phänomen der Übertragung äußert, liegt in seiner Realität, d. h. darin, daß der Analytiker dem Patienten nicht nur eine Zeitlang gestattet, seine Libido an ihn zu fixieren, son- dern dies durch die Bedingungen und Veranstaltungen der Kur geradezu herausfordert. So wird die neurotische Introversion durch die analy- tische Situation paralysiert und das Medikament, auf das die Psycho- analyse damit zurückgreift, ist der Mensch, der ähnlich den magischen Praktiken des Medizinmannes dadurch wirkt, daß er direkt an das Unbewußte des Patienten appelliert.‘ Wenn man dies Suggestion nennen will, so ist dagegen nichts einzuwenden, außer daß man damit einen nunmehr psychologisch verständlichen Vorgang durch ein inhaltloses Kunstwort ersetzt hat.?

Nicht nur die analytische Therapie, jede Therapie, auch alle medi- kamentöse, wirkt letzten Endes im selben Sinne „suggestiv“, d.h. inso- fern sie das Unbewußte des Patienten anspricht. Dies äußert sich schon in der Wahl oder der persönlichen Beziehung zum Arzte, die regel- mäßig auf der Übertragung ruht? und so sekundär dessen therapeu- tischen Maßnahmen den nötigen Nachdruck des Unbewußten verleiht. Aus zahlreichen Erfahrungen in den Analysen sind wir aber in der ı) Siehe dazu das reichhaltige, wie mir scheint jedoch in zu komplizierter Weise ausgedeutete folkloristische Material bei Röheim: Nach dem Tode des Urvaters. Imago IX/ı, 1923. 2) Siehe Freud: Zur Dynamik der Übertragung. 1. c. S. 395. 3) Siehe Ferenczi: Introjektion und Übertragung. Jahrb. I, 1919.

a rn u ten, - Die therapeutische Wirkung 197 Lage, diese unbewußte Übertragungswirkung in ihrem Mechanismus aufzuklären. Wir wissen, daß im Leben des Kindes der „Doktor“ eine ganz bestimmte, eng umgrenzte Rolle spielt, die im bekannten Doktor- spiel eindeutig zutage tritt: er repräsentiert insofern das unbewußte Ideal des Kindes, als er sicher zu wissen scheint, woher die Kinder kommen und was überhaupt im Innern des Körpers vorgeht. Ob ernun horcht und klopft, die Exkretionen prüft oder mit dem Messer ope- riert, immer rührt er dabei an das dunkle Urtrauma; die psychoanaly- tische Situation, in der diese „Übertragung“ bewußt gemacht werden muß, zeigt uns mit voller Deutlichkeit, in welchem Ausmaße das Un- bewußte der erwachsensten Menschen das ganze Leben langam „Doktor- spiel“ fixiert geblieben ist, welches in direkter Verknüpfung mit dem Urtrauma steht. Ja, jeder Kranke benimmt sich manifesterweise wie das ängstliche Kind im dunkeln Zimmer, d.h. er beruhigt sich bekanntlich sogleich wesentlich, wenn der Arzt nur erscheint und ihm tröstend zu- spricht. Wenngleich nun die Mehrzahl der Ärzte dies nicht anerkennen wollen — und vielleicht können es viele gar nicht, die selbst noch im Unbewußten zu viel „Doktor spielen“ — weil sie davon eine Einbuße ihrer wissenschaftlichen Reputation fürchten, so mögen sie von den wenigen analytisch beeinflußten Internisten und Spezialärzten lernen, denen die ernsthafte Anerkennung und praktische Verwendung dieser Tatsache manchen unerwarteten Erfolg gebracht hat. Die Analyse, welche aber nicht bloß zur Anerkennung dieser Tatsache, sondern auch zur Aufklärung des Patienten darüber geführt hat, scheint zu beweisen, daß dies, weit davon entfernt zu schaden, sogar die einzige Möglich- keit ist, um dem therapeutischen Erfolg eine Dauerwirkung zu geben. Denn diese Loslösung vom Analytiker, die das wesentliche Stück der analytischen Arbeit ist, wird im Zeichen der Reproduktion des Geburtstraumas vollzogen, so daß der Kranke zugleich mit seinem Arzt auch sein Leiden verliert, ja, besser gesagt, seinen Arzt aufgeben muß, um sein Leiden zu verlieren.

198 Das Trauma der Geburt Dieser Parallelvorgang gibt zu denken und führt zur eigentlichen Frage des Heilungsvorganges, seines Mechanismus und der Technik, deren man sich dabei zu bedienen hat. Nun lassen sich diese Probleme nur am Material selbst und seiner detaillierten Analyse studieren, auf deren baldige Veröffentlichung ich hier vertrösten muß." Nur mit ein paar Bemerkungen möchte ich dabei die Rolle des Unbewußten.

einerseits, des vielfach mißverstandenen bewußten Wissens anderseits umschreiben.

Wir müssen uns hier besonders davor hüten, in den von Nietzsche mit Recht kritisierten „Sokratismus“ zu verfallen, einer Gefahr, der aber auch Sokrates selbst schließlich auf gewaltsame Weise entging. Wir alle sind immer noch viel zu sehr „theoretische Menschen“ und geneigt zu glauben, daß das Wissen tatsächlich schon „tugendhaft“ mache. Das ist, wie gerade die Psychoanalyse bewiesen hat, durchaus nicht der Fall. Die Erkenntnis ist etwas vom Heilfaktor durchaus Ver- schiedenes. Das tiefste Unbewußte ist seinem Wesen nach ebensowenig zu ändern, wie andere lebenswichtige Organe des Menschen; das ein- zige, was wir in der Psychoanalyse erreichen können, ist eine ver- änderte Einstellungdes Ich zum Unbewußten. Dies bedeutet aber sehr viel, ja, wie die Entwicklungsgeschichte der Menschheit zeigt, geradezu alles. Denn die psychische Gesundheit und Leistungsfähig- keit des Menschen hängt vom Verhältnis seines Ich zum Unbewußten, zum Es, ab.” Beim normalen leistungsfähigen Menschen sind die ver- schiedenen hemmenden Ichinstanzen, die dem sokratischen ‚„Dämo- nion“ entsprechen, imstande, das Unbewußte durch kritische Verur- teilung und gefühlsmäßige Ablehnung (Gewissen und Schuldgefühl) in Schach zu halten. In den Neurosen vom hysterischen Typus muß ein stärkeres Mittel, nämlich die Angst des Urtraumas immer wieder ı) Siehe vorläufig: Zum Verständnis der Libidoentwicklung im Heilungsvor- gang. Ztschr. IX, 4, 1923.

2) Siehe dazu Freuds letzte Arbeit: Das Ich und das Es. 1923.

Die therapeutische Wirkung 199 mobilisiert werden, um das Unbewußte zu verhindern, das aus ihm hervorgegangene Ich in die Rückbewegung mitzureißen; in den Neu- rosen vom Zwangstypus wird derselbe Effekt durch Hypertrophierung der Ichinstanzen erreicht; während wir in den Psychosen das abschrek- kende Resultat selbst vor uns haben, das eintritt, wenn sich das Es zu mächtig und das Ich zu schwach erweist.‘ Der therapeutische Wir- kungsbereich der Analyse umfaßt also alle jene Fälle, in denen es sich darum handelt, das Verhältnis des Ich zum Es so zu regulieren, daß durch entsprechende Dosierung, d.h. Libidoverteilung, das harmonische Verhältnis resultiert, das wir als normale Leistungsfähigkeit bezeichnen. Dieses Gebiet umfaßt nicht nur alle neurotischen Störungen und die Anfangszustände der Psychosen,? sondern auch alles, was man als psy- chischen ‚Sekundäraffekt‘‘ bezeichnen könnte: d. h. Sexualkonflikte und Charakterabnormitäten bis zu einem gewissen Grade. Also nicht nur die groben Störungen des Verhältnisses zwischen Ich und Es, son- dern auch eine Reihe von feineren Funktionsstörungen innerhalb dieses Verhältnisses.

Es ließe sich unter Berücksichtigung der Bedeutung des Geburts- traumas eine neue Charakter- und Typenlehre aufstellen, die vor ı) Dies ist natürlich am ehesten an dem Knotenpunkt der Entwicklung mög- lich, den wir als „Pubertät“ bezeichnen und diese Erfahrung hat offenbar die Psychiatrie verleitet, den ursprünglich in diesem Sinne berechtigten Krankheits- begriff der Dementia praecox so übermäßig auszudehnen, daß er seinen guten Sinn verlor.

2) Ich habe den Eindruck, daß sich von hier aus vielleicht auch therapeu- tische Möglichkeiten für die Psychosen ergeben könnten, wie überhaupt die dargelegten Gesichtspunkte erste Ansätze zu einer wesentlich vereinfachten therapeutischen Einwirkung, die mehr aufs Unmittelbare geht, zu bieten schei- nen. Die Neurosen einfacher Menschen und der primitive Inhalt der Psychosen legen es ja nahe, die Beeinflussung auch auf einem einfachen Wege zu suchen. Ich verweise hier übrigens auf die bekannte klinische Tatsache, daß geistes- kranke Frauen nach einer Geburt oft wesentliche Besserungen zeigen; aber auch das Gegenstück, die Puerperalpsychosen, lassen die hier dargelegten Zusammen- hänge erkennen.

200 Das Trauma der Geburt den bisherigen Versuchen dieser Art‘ ein weitgehendes Verständnis der individuellen Bedingtheit und damit die Möglichkeit einer Beein- flussbarkeit voraus hat. Den introvertierten und extrovertierten Neu- rosentypen (die Bezeichnungen stammen von Jung) entsprechen näm- lich ähnliche Charaktertypen, die sich in gleicher Weise aus dem Ur- trauma bzw. der Reaktion darauf ableiten lassen. Den schwachen, zarten, leichten Kindern, die oft Frühgeburten, meist auch leichte Geburten hatten, scheint der Introversionscharakter anzuhaften, wäh- rend die voll ausgetragenen, daher meist starken Kinder häufig den entgegengesetzten Typus zeigen. Dies erklärt sich daraus, daß bei den ersteren infolge des relativ schwächeren Geburtstraumas die Urangst nicht so mächtig ist und dem Rückstreben weniger Widerstand ent- gegensetzt; wenn diese Menschen neurotisch werden, zeigen sie ge- wöhnlich introvertiert depressiven Charakter. Die zweiten treibt die intensiv erlebte Urangst mächtig nach außen und sie werden in ihren Neurosen weniger zur Reproduktion der Ursituation als des Geburts- traumas selbst neigen, auf das sie bei ihrem Rückstreben mächtig stoßen.

Während wir also glaubten, bis zum ersten verursachenden Trauma der Neurosen vorgedrungen zu sein, mahnt uns hier etwas, uns zu hüten, am Ende nicht einem Irrtum zu verfallen, den die Psychoana- lyse am Anfang und seither wiederholt durch das scharfe Beobachten und Denken Freuds immer wieder rechtzeitig durch Fortschritte in der Forschung und Erkenntnis zu vermeiden gewußt hat. So wie die ersten „Traumata“, die man für das Zustandekommen der neurotischen Symptome verantwortlich zu machen geneigt war, sich als allgemein menschliche Normalerlebnisse erwiesen, und wie schließlich noch der analytisch aufgedeckte Kern der Neurosen, der Ödipuskomplex, als die typische Normaleinstellung des Kindes und Kulturmenschen erkannt wurde, so ist auch noch das letzte analytisch faßbare Trauma, das ı) Siehe z. B. Kretschmer: Körperbau und Charakter, ıg21, oder Jung: Psychologische Typen, 1921.

Die therapeutische Wirkung 201.

Trauma der Geburt, geradezu das allgemeinste menschliche Erlebnis überhaupt, aus dem sich eben mit zwingender Notwendigkeit der Ent- wicklungsgang des Einzelnen wie der Menschheit in der geschilderten Weise ableitet und erklärt. Es ist offenbar kein Zufall, daß immer wieder, sobald wir nur glauben, den Schlüssel zum Verständnis der Neurosen gefunden zu haben, dieser sich uns in der Hand zu einem Instrument verwandelt, das doch besser geeignet erscheint, die bisher unbekannte Psychologie des Normalen zu erschließen. So erklärt es sich auch, daß Freuds Hauptwerk eigentlich das erste Verständnis der normalpsychologischen Phänomene (Traum, Witz, Alltagsleben, Sexual- theorie), die Schaffung der ersten Psychologie überhaupt bedeutet, die allerdings aus pathologischem Material, und zwar mittels der psycho- analytischen Methodik und Technik gewonnen wurde. Und so möchten wir auch unsere Ausführungen über die Bedeutung des Traumas der Geburt für die Psychoanalyse nur als einen Beitrag zum Freudschen Gebäude der Normalpsychologie betrachten, im besten Falle als einen seiner Grundpfeiler, wobei wir allerdings auch glauben, die Neurosen- lehre — einschließlich der Therapie — ein gutes Stück gefördert zu haben.

Wir wollen uns aber ganz klar machen, wie weit dies gelungen ist, weil davon die eigentliche weitere Problemstellung abhängt. Wir glauben, daß es uns gelungen ist, alle Neurosenformen und Symptome als Ausdrucksmittel einer Regression von der Stufe der Sexualanpassung in den pränatalen Urzustand, bzw. in die Geburtssituation, die ja dabei überwunden werden muß, zu erkennen. Für das ärztliche Verständnis und das therapeutische Eingreifen ist diese Einsicht keineswegs zu unterschätzen, mag sie auch in bezug auf die T'heorie der Neu- rosen in dem oben angedeuteten Sinne unbefriedigend geblieben sein, da sie ja das Spezifische des Falles, bzw. der Symptombildung auf etwas so allgemeines wie das Geburtstrauma zurückführt; wenngleich ja innerhalb desselben sowohl für hereditäre Einflüsse des Keimplasmas wie auch für etwaige individuelle Eigentümlichkeiten (des Geburtsaktes) 202 Das Trauma der Geburt reichlich — man könnte vielleicht sogar finden: zuviel — Raum bleibt. Immerhin versucht unsere Auffassung, die Theorie verschiedener Fixie- rungsstellen, welche die Neurosenwahl bestimmen sollen, durch eine Verschiedenes bewirkende traumatische Schädigung an einer einzigen Fixierungsstelle, im Geburtsakt, zu determinieren. Gibt es doch unserer Ansicht nach nur eine einzige Fixierungsstelle überhaupt, nämlich den mütterlichen Körper und alle Symptome beziehen sich zn ultima analysis auf diese Urfixierung, die uns eben durch die psychobiologische Tatsache unseres Unbewußten gegeben ist. In diesem Sinneglauben wirim Trauma der Geburt das Urtrauma entdeckt zu haben und brauchen im einzelnen Falle erst gar nicht auf dem langwierigen Wegderanalytischen Forschung die „pathogenen Traumata“ zu eruieren, sondern nur das spezifische Ge- burtstrauma in der Reproduktion zu erkennen und dem (erwachsenen) Ich des Patienten als infantile Fixierung zu demonstrieren. Dabei gibt derim Geburtstrauma wirkende Trostmechanismus (am besten bekannt aus dem Prüfungstraum: Es ist auch damals glimpflich abgelaufen!) einen nicht zu unterschätzenden Heilfaktor ab, der zu einem entschie- denen therapeutischen Optimismus berechtigt.

Liegt also in unserer neuen Einsicht vom Wesen und Charakter des Unbewußten (Es) ein eminent praktischer Vorteil, so müssen wir in bezug auf die Neurosenlehre bekennen, daß erst von hier aus die Theorie der Neurosen eine Ausgestaltung erfahren müßte. Zunächst haben wir aber die Neurosen in all ihren vielfältigen Formen als Repro- duktionen und Auswirkungen des Geburtstraumas erkannt, welches aber zugleich auch die kulturelle Normalanpassung sowie alle Höher- leistungen des Menschen bedingt und begründet. Wir kommen hier auf den frühen Satz Freuds zurück, daß die Psycho-Neurosen eigent- lich keine Krankheiten im strengen medizinischen Sinne des Wortes sind,‘ sondern Entwicklungshemmungen in der realen sexuellen Anı) Ein Satz, den J ung dann auch für die Psychosen bestätigen konnte, die nach ihm mit denselben „Komplexen“ ringen, die der Normale bewältigt hat.

Die therapeutische Wirkung 203 passungsleistung des Menschen; sie stellen aber, ebenso wie diese, Versuche zur Überwindung des Geburtstraumas dar, wenn auch ge- scheiterte. In der Kulturanpassung, mit all ihren schwierigen normalen und überwertigen Leistungen sehen wir die in verschieden hohem Grade gelungenen Versuche zur Überwindung des Geburtstraumas, zu deren gelungenstem wir die Psychoanalyse — und dies keineswegs nur in ihrer therapeutischen Anwendung — rechnen müssen.

So reduzierte sich letzten Endes das Neurosenproblem scheinbar auf ein Formproblem. Denn wir sehen in der biologischen Anpassung des Kindes an die Extrauterinsituation, in der Normalanpassung des Kultur- menschen, sowie in seinen kompensatorischen Überleistungen der Kunst (im weitesten Sinne des Wortes) den gleichen Überwindungsversuch sich in ähnlichen Formen abspielen; mit dem einzigen, allerdings wesentlichen Unterschied, daß der Kulturmensch und noch mehr der „Künstler“ dies in vielfältigen, durch das Urtrauma bestimmten, streng determinierten Formen objektiv reproduzieren kann, wäh- rend es der Neurotiker immer wieder nur in gleicher Weise am eigenen Körper zu produzieren gezwungen ist." In dieser zwangs- mäßigen „Wiederkehr des gleichen“ Produkts am eigenen Körper scheint aber das Wesen der meisten pathologischen Prozesse zu beruhen. Der Neurotiker wird so immer wieder auf das reale Geburtstrauma zu- rückgeworfen, während der Normale und Übernormale es sozusagen nach vorn wirft und nach außen projiziert, es also zu objektivieren vermag.

Wollen wir uns schließlich noch kurz Rechenschaft darüber geben, in welcher Weise wir therapeutisch wirken und worin der Heilfaktor besteht, so haben wir abermals die analytische Erkenntnis und den Weg zu ihr als etwas bereits Gegebenes herauszustellen. Die Analyse ist jetzt in der Lage, sich in weitgehendem Maße von der Forschungs- arbeit zu befreien, nachdem nicht nur der ganze Inhalt des Unbewußten ı) Siehe dazu Ferenczis Zitat der Freudschen Auffassung eines auto- plastischen Stadiums.

204 Das Trauma der Geburt und die psychischen Mechanismen, sondern auch das vorläufig letzte Element, das Urtrauma, von vornherein bekannt sind. Da der Patient in der Regel mit der Übertragung einsetzt, ist auch technisch die Möglichkeit gegeben, mit der Aufdeckung des Urtraumas zu beginnen, anstatt dem Patienten Zeit zu lassen, es am Schluß der Analyse auto- matisch zu wiederholen. Man kommt dadurch in die Lage, den gordischen Knoten der Urverdrängung mit einem kräftigen Schnitt zu lösen, an- statt sich mühselig um seine Entknüpfung zu bemühen, die darum so schwer gelingt, weil jedes Stückchen Lösung auf der einen Seite den Knoten auf der anderen nur um so fester zusammenzieht. Die Rekon- struktion der Kindheitsgeschichte erfolgt dann nach Aufdeckung ihres Fundamentes auf dem festumrissenen Plan desselben sozusagen vom Sockel aufwärts ohne Mühe, wobei auch das Erinnerungsgefühl, das mit dem Urtrauma verdrängt war, sich einstellt. Es handelt sich also darum, den Patienten, der in seiner Neurose zur Mutterfixierung zurück- geflüchtet ist, das Geburtstrauma während der Analyse in der Übertragung und deren Auflösung wiederholen und ver- stehen zu lassen und ihm nicht die unbewußte Reproduktion des- selben bei Lösung vom Analytiker zu gestatten. Der ungeheure thera- peutische Vorteil, den man durch diese rechtzeitige Aufdeckung der Urfixierung erreicht, ist der, daß man am Schluß der Analyse statt der Reproduktion des Geburtstraumas die Sexualkonflikte, vor denen der Patient geflüchtet ist (Ödipuskomplex etc.) und das zu ihnen gehörige Schuldgefühl (statt der Angst);rein erhält und so ungestört vom Regres- sionsmechanismus lösen kann. Das Hilfsmittel ist die aus der Über- tragung folgende Identifizierung mit dem Analytiker, mittels deren libidinösem Anteil der Patient die Angst auf dem Wege der sexuellen Übertragungsmöglichkeiten überwinden lernt. Letzten Endes wird also in der Therapie der Zwang zur Wiederholung (Reproduktion) des Ur- traumas bezw. der Ursituation beseitigt, indem die Richtung der Libido im Sinne der Anpassungsstrebung verändert wird.

ni DE Die therapeutische Wirkung 205 All dies erfolgt mittels der von Freud ausgebauten Assoziations- und Übersetzungstechnik als Hilfsmittel, wobei wir aber als hauptsäch- lichen Motor dem Unbewußten des Patienten unser eigenes Unbe- wußtes entgegensetzen." Dies ist das einzige Mittel, mit dem wir auf seine Libido einwirken können. Wir gestatten ihm dabei sozusagen zeitweise eine weitgehende Wiederherstellung der Ursituation, indem wir sein Unbewußtes durch die „Versagung“ (Freud) dazu drängen, um dann sogleich durch das Aufzeigen des infantilen Charakters dieser Tendenz sein bewußtes Ich von der Unmöglichkeit und Verwerflichkeit dieses Zieles zu überzeugen, anstatt es durch fortwährende Angst- produktion davon abschrecken zulassen. Das wichtigstetechnischeMittel, die Lösung vom Ersatzobjekt der Libido, dem Analytiker, wird nicht erst auf der Höhe der Übertragungsentfaltung durch die unwiderruf- liche Terminsetzung angewendet, sondern tritt ganz automatisch von Anfang an in Aktion. Nicht nur ist dem Patienten immerbewußt, daßdie Kur einmal beendet werden muß, sondern jede einzelne Stunde fordert von ihm im Kleinen die Wiederholung der Fixierung und Lösung, bis er imstande ist, sie auch endgültig durchzuführen. Dazu kommt, daß es ihm ja der Analytiker, wie der Lehrer dem Schüler, vormacht, und daß er, auch wie der Schüler, nur lernen kann, indem er sich mitdem Lehrer identifiziert, d. h. die Einstellung des Analytikers zum Unbe- wußten akzeptiert, indem er ihn zum Ich-Ideal nimmt. Hier streifen