ı) Ich führe hier eine mündliche Bemerkung von Doz. Paul Schilder aus der Zeit der Niederschrift dieser Arbeit (April 1923) an, der darauf hinwies, daß z. B. die Anfälle einer Kranken mit Chorea minor schwanden, sobald man die Patientin ins Bett (!) legte, und der auch die leichte psychische Ansprechbarkeit der senilen Abasien und Astasien betonte.
2) Siehe Dr. Stein in der Wiener klin. Woch. (April 1923) und gleichzeitige Mitteilungen (in der Ges. d. Ärzte zu Wien) von Eppinger (Klinik Wencke- bach) und Hofer (Klinik Hajek) über operative Behandlung bei Asthma bronchiale.
56 Das Trauma der Geburt zu hören, daß narkotisierte Kinder eine Zeitlang später direkt Angst- zustände entwickeln, die sie scheinbar schon längst überwunden hatten, oder daß bestehende Ängstlichkeit (allein im dunkeln Zimmer zu schlafen, Schreckträume, pavor nocturnus usw.) nach der Narkose in auffallend verstärktem Maße auftritt." Alle diese Tatsachen erklären sich so, daß das Körpersymptom (z. B. Atemnot) automatisch die Geburts- angst mit dem ganzen daranhängenden psychischen Komplex mobili- siert oder der narkotische Schlaf wieder in die Ursituation zurückführt. Es wird von Art und Schwere des Falles abhängen, ob man sich für eine organische (operative) oder psychische Beeinflussung entscheidet; die letzte ist vorläufig noch zu ungewohnt, wird sich aber über kurz oder lang bei entsprechender Vereinfachung gewiß einbürgern.
Schließlich sei in diesem Zusammenhange noch ein Problem erwähnt, das von allgemeinerer Bedeutung zu sein scheint. Wenn wir die Ana- lyse z. B. einer Zwangsneurose konsequent durchführen, so buchen wir es als ersten Erfolg, wenn wir den Patienten dazu gebracht haben, von seinen rein intellektuellen Spekulationen zu den früheren infantilen Vorstadien derselben, den Zwangshandlungen — eventuell sogar den ur- sprünglich lustvollen — zurückzukehren. Nicht selten stellen sich dabei sogar körperliche „Konversions“-Symptome her. Die Analyse zeigt dann, daß die Zwangsneurose häufig — meine beschränkte Erfahrung erlaubt mir nicht zu sagen immer, obzwar ich es regelmäßig gefunden habe — von einem „hysterischen“ Kern ausstrahlt, den wir ja am Grunde jeder Kinderneurose vermuten müssen.
So wie man hinter der Zwangsneurose fast regelmäßig einen hysteı) Einer englischen Kinderärztin verdanke ich die Mitteilung, daß die Kinder nach Mandeloperationen in der Narkose oft noch jahrelang nächtliche Angst- anfälle haben, die von den Eltern (oder sonstigen Beobachtern) selbst auf das „Trauma“ der Operation zurückgeführt werden. Übrigens ist dies nach verein- zelten Erfahrungen auch noch häufig beiden Erwachsenen so, dieauf Operationen in der Narkose mit typischen Mutterregressionsträumen, bezw. -Symptomen rea- gieren.
Die neurotische Reproduktion 37 rischen, vom Geburtstrauma unmittelbar abhängigen Kern auffinden kann, so hat mich die Analyse einiger Fälle von Hysterie gelehrt, daß neben der seit frühester Kindheit (schweres Geburtstrauma) bestehenden Neigung zu körperlichen Symptomen („Konversion“), die sich in der Neurose lärmend vordrängen, eine zwangsneurotische Ader fast immer in das hysterische Urgestein eingesprengt ist, ohne deren Aufdeckung selbst die vollständige Analyse der Hysterie und das Schwinden ihrer Symptome unvollständig bleibt. In den mir in Erinnerung gebliebenen Fällen von weiblicher Hysterie ergab sich mit voller Klarheit, daß die körperlichen Symptome, auf dem Geburtstrauma basierend, fast restlos im Sinne des (heterosexuellen) Ödipuskomplexes verwendet waren, sich also auf die Übertragung der Libido auf den Vater, die Reaktion auf die Enttäuschung und das Schuldgefühl zurückführen ließen. Die körperlichen Symptome der Neurose erwiesen sich so (bei weiblichen Patienten) als Niederschlag der in pathologischer Weise auf den Vater verschobenen Libido (Mutteridentifizierung).
Aus der Enttäuschung am Vater hat aber ein Teil der Libido dieser Mädchen wieder den Rückweg zur Mutter eingeschlagen, um die be- reits teilweise aufgegebene (auf den Vater übertragene) früheste Libido- fixierung wieder zu besetzen. Da dies dann noch weniger gelingen kann, weil die Mutter inzwischen zur Ödipuskonkurrentin erhoben wurde, muß jetzt zu einem stärkeren Abwehrmiittel gegriffen werden, um die auch biologisch notwendige neuerliche Lösung von der Mutter zu voll- ziehen. Dies erfolgt auf dem Wege der durch die Analyse aufgedeckten Verwandlung vonLiebe in Haß, den für dieZwangsneurose charakteristi- schen Mechanismus. Dieser Haß, der dazu dienen soll, von der Liebe zur Mutter loszukommen, bedeutet aber nur eine andere Art der Fi- xierung an die Mutter, an die man nun in Haß gebunden ist. Die se- kundären Befreiungsversuche von ihr führen, meist unter dem trau- matischen Eindruck eines neugekommenen Geschwisters, zur Ver- schiebung auf dasselbe oder den Vater, als die eigentlich von der Mutter 58 Das Trauma der Geburt trennenden Faktoren. Hier ist aber auch die Wurzel der direkten „To- deswünsche“ (weiblicher Patienten) gegen die Mutter zu suchen, welche die eigene Rücksehnsucht („Liebestod“) durch Abstoßung der Mutter zu überwinden versuchen. Der weitere Weg der Reaktionsbildungen gegen diese „sadistischen“, nicht ichgerechten Todeswünsche, von den ethischen Hemmungen (Hypermoral, Mitleid) bis zur schwersten Selbst- bestrafung (Masochismus, Depression) sind ja analytisch bereits einge- hend verstanden und gewürdigt.
Die Versuche, diesen ambivalenten Urkonflikt durch intellektuelle Arbeitzu bewältigen, die dann in sogroßartiger Hypertrophieim Zwangs- grübeln und Zwangsdenken wiederkehren, gehören ja entschieden der späteren Periode der „Sexualforschung“ an. Durch Abtragung dieses spekulativen Überbaues, dem wir durch Angstentbindung und Libido- zufuhr den Boden entziehen können, treiben wir die im „System“ ver- schanzte und kaum mehr auffindbare Urangst eigentlich wieder ins Körperliche zurück, um sie auf diesem normalen Wege — sozusagen in die Erdleitung — abströmen zu lassen.
Dieser ebenfalls längs der gebahnten psychobiologischen Wege ver- laufende Prozeß kann sich nun auch unter weniger extremen Bedin- gungen, sozusagen im Normalausmaß abspielen und tatsächlich hat man von sehr vielen rein organischen Leiden den Eindruck, daß sie — wenn man so sagen kann — dem Individuum den Luxus einer Neurosenbildung ersparen; richtiger wäre es allerdings zu sagen, daß die Neurose der an- spruchsvollere Ersatz für ein banales Organleiden ist, dem aber die gleiche Ursache zugrundeliegt. Nicht selten sieht man zu seiner Überraschung, wie eine Neurose mit ihren „nachgemachten“ körperlichen Symptomen eigentlich jede wirkliche Erkrankung derselben Organe zu verhindern, weil zu ersetzen imstande ist. Es ist übrigens auch — wie Freud ge- legentlich erwähnte — bemerkenswert, daß beispielsweise Patienten, die viele Jahre hindurch an den schwersten Angstanfällen leiden, dabei blühend aussehen; ebenso daß Patienten mit jahrelanger Schlaflosigkeit Die neurotische Reproduktion 59 nicht ermüdet sind wie Menschen, die „wirklich“ solange nicht ge- schlafen hätten. Offenbar bezieht das Unbewußte aus dem Symptom so viel Urlibido, um den „neurotischen“ Ausfall wettzumachen.
Von den hysterischen Erscheinungen an den Extremitäten, die in ganz charakteristischer Weise auf den Komplex des Urtraumas zurück- weisen, führt eine gerade Linie zu gewissen zeremoniellen, zwangs- mäßigen Lagerungen im Bett, wie wir sie ebenso schon bei kleinen Kindern beobachten können und dann bei gewissen Zwangskranken wiederfinden, die es häufig auf die peinlich genaue Anordnung ihrer Garderobe zu verschieben pflegen. Daß dieses Zeremoniell sich an die Bettlage knüpft, stimmt zur Auffassung des Schlafzustandes als einer zeitweisen Rückkehr in die Embryonalsituation.
Ohne uns auf die Übergangsformen von den hysterischen Symptomen zu den Zwangshandlungen, wie den Tics u. a. einzulassen," heben wir nur die klassische Zwangsneurose hervor, bei der ja der Weg vom ur- sprünglich körperlichen Symptom (Zwangshandlung) zu dem rein psy- chischen, ja intellektuellen Bewältigungsversuch von der Analyse restlos klargelegt wurde. Gilt für die körperlichen Erscheinungen Zwangs- kranker (z.B. Tic) das für die Hysterie Gesagte vollinhaltlich, so geht das typische Zwangsdenken und Zwangsgrübeln, wie die Analyse gleich- falls gezeigt hat, auf das infantile Problem der Herkunft der Kinder zu- rück („anales Kind“) und knüpft damit an die ersten kindlichen Versuche einer intellektuellen Bewältigung des Geburtstraumas an; dabei gelangt der Zwangskranke schließlich doch wieder auf dem Wege der, Gedankenallmacht“ in dieersehnte Ursituation zurück(Ferenczi),? allerdings indem er dabei auf seine individuelle Weise den Umweg zu ı) Hierher gehören auch die sogenannten „Impulshandlungen“ (Stekel), die meist im (hysterischen) Dämmerzustande ausgeführte Zwangshandlungen sind (Wandertrieb: Heimweh — Zurückgehen! Pyromanie: Feuer — Wärme — Mutter).
2) Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes. Zschr. I, 1913.
og net 60 Das Trauma der Geburt DE TE RR nn a u SE EEE m a m za philosophischen Spekulationen über Tod und Unsterblichkeit sowie das Jenseitsmitseinen Höllenstrafen sucht. Er wiederholt damitdie scheinbar unvermeidliche Projektion des Lebens vor der Geburt in die Zukunft, nach dem Tode, welche die Menschheit viele Jahrtausende hindurch auf die verschlungendsten Irrwege des religiösen Aberglaubens, der in den Unsterblichkeitslehren gipfelt, geführt hat und noch heute bei der breiten Masse in dem starken Interesse am Übersinnlichen, Okkulten, mit seiner ganzen Geisterwelt weiterlebt.'
Den Stimmungsschwankungen des Zwangskranken stehen die Cy- clothymien sehr nahe, seiner spekulativen Systembildung gewisse For- men von ausgesprochener Psychose. Die ersteKrankheitsform, mitihrem plötzlichen Wechsel von Melancholie und Manie, geht ganz unmittelbar auf die Reproduktion der Gefühlszustände vor und nach dem Geburts- trauma zurück, indem der Urmechanismus der Lust- Unlustverwand- lung bei Verlust des ersten Libidoobjektes, der Trennung vom Mutter- leib, wiedererlebt wird. Diese Krankheitsform ist daher für das Studium des Lust-Unlustproblems von ganz besonderer Bedeutung. Bei der Ana- lyse tiefer Depressionszustände kann man die darin verarbeitete Libido sozusagen als Niederschlag herauskristallisieren; sie äußert sich oft als „Sexualerregung an der ganzen Körperoberfläche“. Das melancholische Stadium, das in einer das tiefste Wesen so treffend ausdrückenden Weise „Depression“ genannt wird, ist charakterisiert durch körperliche Symp- tome, welche sämtlich zur intrauterinen Situation tendieren,” während ı) Ich kann es mir hier nicht versagen, eine überaus charakteristische Äuße- rung von Thomas Mann wiederzugeben, der in einer Schilderung einer okkul- tistischen Seance, der er beiSchrenck-Notzing beiwohnte, vom Medium u.a. folgenden Eindruck wiedergab (in einem Vortrag in Wien am 2g. III. 1923): „Einen mystischen Eindruck gewinnt die Situation nur durch das ringende Atmen des Mediums, dessen Zustand un nzweideutig und täuschend an den Gebärakt erinnert.“ 2) Gedrückte Körperhaltung, Einrollen im Bett, tagelanges unbewegliches Lie- gen, Verweigerung der selbständigen Ernährung, des Ka nr ja jeder Bewegung usw.
Die neurotische Reproduktion | 61 der Affekt der Traurigkeit dem post natum omne animal triste est Ausdruck gibt. Das darauffolgende manische Stadium ist dagegen ausgezeichnet körperlich durch die postnatale Lebhaftigkeit und Be- weglichkeit, während das hohe Glücks- und Seligkeitsgefühl der praenatalen Libidobefriedigung entspricht. Den interessanten Mecha- nismus dieser sonderbar gekreuzten Aufteilung von Affekt und Inhalt werden wir bei Besprechung des Lust-Unlustmechanismus aufklären. Hier, wo es sich nur um grob schematisierende Hervorhebung des neuen Gesichtspunktes handelt, müssen wir darauf verzichten zu zeigen, wie sich auch des feinere Detail der Symptombildung, bezw. der Mechanismus der Affektverteilung im Sinne unserer Auffassung rein analytisch verständlich machen läßt. Die symptomatische Entsprechung von prae- und postnataler Libidosituation wird sich in praxi dadurch komplizieren, daß sich ja im Geburtsakt selbst, dessen psychische Be- gleiterscheinungen wir eben direkt nicht beobachten können, neben dem hauptsächlich „traumatischen“ Erleben auch lustvolle, oder zu- mindest relativ lustvolle Momente einschieben, auf die vermutlich auch regrediert werden kann."
Wir möchten nur noch hervorheben, daß die Melancholie sich zum Unterschied von den rein neurotischen Symptomen dadurch in bemerkenswerter Weise unterscheidet, daß sie nicht nur den eigenen Körper (oder das Ich) als Darstellungsmittel der Ursituation verwendet, sondern bereits die Neigung verrät, Dinge der Außenwelt im gleichen Sinne zu benützen (z. B. Verdunkeln des Raumes), was wir als „psy- chotischen“ Einschlag bezeichnen können. Macht so der Melancho- liker mit seiner Zurückziehung von der Außenwelt die Anpassung an dieselbe ein Stück weit wieder rückgängig, so sollen die psychotischen ı) Es scheint sich aber dabei vorwiegend um die normalen Regressions- möglichkeiten zu handeln, die im Gegensatz zur Manie bloß „euphorisch“ zu nennen wären. — Zur Bezeichnung dieser Affektlage wäre der von Hatting- berg geprägte Begriff der „Angstlust“ gut brauchbar.
ee EEE 62 Das Trauma der Geburt Wahnsysteme, deren Inhalt so offenkundig die Wiederherstellung des Urzustandes anstrebt, die nicht mehr libidogerechte Außenwelt durch die beste aller Welten, das intrauterine Dasein ersetzen. Wo immer man eine solche Krankengeschichte, namentlich der weiten Gruppe der sogenannten Dementia praecox aufschlägt, findet man gehäufte Darstellungen von Geburtsphantasien, die letzten Endes Reproduktionen der eigenen Vorzeit entsprechen, sei es in direkter, nur ihres Affektes beraubten Sprache, sei es in symbolischen Ausdrücken, deren Be- deutung auf Grund der psychoanalytischen Traumforschung leicht verständlich geworden ist.
Die ersten verdienstvollen Schritte zum Verständnis des „Inhalts der Psychose“ verdanken wir der einsichtsvollen Züricher Psychiaterschule ‚unter Führung von Jung und Bleuler, die bereits früh die eminente Bedeutung der psychoanalytischen Funde für die Psychiatrie erkannte und nutzbar machte." Nachdem Freud bereits 1894. den Abwehr- mechanismus zur Aufklärung gewisser halluzinatorischen Psychosen herangezogen und 1896 zum erstenmal die „Verdrängung“ auch in Fällen von Paranoia als wirksam nachweisen konnte,” dauerte es ein ı) Siehe Jungs Referat über die einschlägige Literatur im Jahrbuch f. psycho- analytische u. psychopathol. Forschungen, Bd.II, ıgı0, $. 356—388 (die ent- sprechende Literatur deutscher u. österr. Autoren ref. v. Abraham [s. auch dessen Arbeit: Die psychosexuellenDifferenzen derHysterieundDementia praecox, 1908] im Jahrbuch I, 'S. 546ff.; fortgesetzt in Jahrbuch VI, 1914, S. 343f. und schließlich im „Bericht über die Fortschritte der Psychoanalyse in den Jahren 1914— 1919“, Wien und Leipzig 1921, $S. 158f.) Insbesondere sei hier verwiesen auf die ersten Arbeiten von Jung: Über die Psychologie der Dementia praecox, Halle 1907 und: Der Inhalt der Psychose, Leipzig und Wien ı908. — Ferner die einschlägigen grundlegenden Arbeiten von Honegger, Itten, Maeder, Nelken, Spielrein u.a. in den verschiedenen Bänden des „Jahrbuchs“, Schließ- lich Bleulers groß angelegtes Werk: Dementia praecox oder Gruppe der Schizophrenien, ıgıı, das zum größten Teil nichts als die Anwendung der Ideen Freuds auf die Dementia praecox sein will.
2) „Die Abwehrneuropsychosen“ und „Weitere Bemerkungen über die Ab- wehrneuropsychosen“ (Kl. Schr. Bd.]).
Die neurotische Reproduktion 63 volles Dezennium, bis die Zürcher Klinik den ersten großen Vorstoß auf diesem Gebiet unternahm. Bald danach trat Freud (ıgıı) mit seiner großangelegten Analyse eines Falles von Paranoia (Schreber) hervor, die — an seine eigenen Vorarbeiten anknüpfend und die wertvollen Ergebnisse der Züricher Schule verwertend — zum ersten- mal das Verständnis für den psychischen Mechanismus und struktuellen Aufbau der Psychose eröffnete. Dabei erwies sich die „homosexuelle“ Einstellung und die Abwehr gegen diese feminine Libidoposition durch den Mann als das bedeutsamste Stück des Mechanismus, der auch wieder der allgemeinsten Tendenz zur Überwindung des Geburtstraumas! — im Sinne der Identifizierung mit der Mutter und des Gebärens (anales Kind) — unterzuordnen ist. Durch diese Untersuchungen Freuds war erst das theoretische Verständnis der Psychose möglich geworden, dem dann eine Reihe von Einzelarbeiten seiner Schüler gewidmet war.” In die allgemeine Psychiatrie sind diese umstürzenden Auffassungen natur- gemäß sehrlangsam eingedrungen, scheinen aber geradein derallerletzten Zeit die Betrachtungsweise der jüngeren Psychiatergeneration entschei- dend zu beeinflussen. Im Vordergrundestehtdabei derentwicklungspsy- chologische Gesichtspunkt, derein unbestreitbares Verdienst der Züricher Schule (Honegger, Jung) ist, gegen dessen methodologischen Mißbrauch sich aber bereits Freud gewendet hatte, indem erzeigen konnte, ı) In der klassischen Paranoia läßt sich leicht hinter den lärmenden Sym- ptomen das Ursymptom der Angst aufdecken (Verfolgtwerden!), ganz ähnlich wie hinter den Schutzbauten der Phobien oder den Reaktionsdämmen der Zwangsneurose. _ 2) Literatur: Jahrbuch VI, S. 345 ff.; Bericht, S. 158.
3) Siehe besonders die interessanten Arbeiten von Dozent Paul Schilder (Wien) und seine letzte zusammenfassende Darstellung: Seele und Leben (Springersche Monographien, Berlin 1923). Die fast gleichzeitig erschienene Arbeit von Alfred Storch (Tübingen): Das archäisch-primitive Erleben und Denken der Schizophrenen (Berlin 1922), ruht fast ganz auf analytischer Auf- fassung, ohne dies so rückhaltlos wie Schilder zuzugestehen. — Rein analytisch sind die wertvollen Beiträgevon NunberginderIntermat. Zschr.f. Psychoanalyse.
64 Das Trauma der Geburt wie vieles noch der individuellen Analyse zugänglich und verständlich ist, ehe man zur Heranziehung phylogenetischer Materialien oder Ge- sichtspunkte greifen dürfe. Natürlich hat diese Mahnung nicht viel genützt und so sehen wir jetzt die fortgeschrittenen Psychiater im des- kriptiven Vergleich der Psychologie der Schizophrenen mit der des Primitiven stecken.‘ Wenn beispielsweise Storch in seiner zweifellos interessanten Arbeit die archäisch-primitiven Gefühlseinstellungen mit den „magisch-tabuistischen“ vergleicht und die „mystische Einigung“ wie die „kosmische Identifizierung“ betont, so macht er insoferne einen Rückschritt von der Psychoanalyse, als er deren Verständnis der primi- tiven Einstellung nicht zur Erklärung der schizophrenen heranzieht, sondern sich an der Nebeneinanderstellung genügen läßt, ohne zu be- merken, daß er ein offenbar einfacheres Problem der Individualpsycho- logie nur durch ein komplizierteres ethnologisches ersetzt hat.
Unsere Auffassung tendiert vielmehr dahin, das individualpsycho- logische Verständnis noch ein ganzes Stück weiter zu führen und so auch weitere Aufklärungen der völkerpsychologischen Rätsel zu finden. Der hier vertretene Gesichtspunkt von der fundamentalen Bedeutung des Geburtstraumas scheint uns nun tatsächlich der Lösung nahe zu bringen. In den Psychosen ist ja die Regressionstendenz so stark aus- geprägt, daß wir erwarten dürfen, in ihnen die weitestgehende An- näherung an die Ursituation zu finden. Tatsächlich erweist sich der Inhalt der Psychose teils ganz offenkundig, teils in den den Kranken eigenen Zerfallssymptomen des Denkens und Sprechens vollständig durchsetzt von den ausgebreitetesten Geburts- und Intrauterinvorstellungen.
Wir müssen es der fleißigen Arbeit der Psychiater danken, daß ssieuns durch ausführliche Mitteilung von Krankengeschichten, deren Material unter dem Einfluß analytischer Gesichtspunkte gewertet ist, in den Stand gesetzthaben, dieausder Analyseder Neurosen gewonnenen Erfahrungen ER AR En Ehe a DT A ARE RT un er ı) Siehe auch die im Material interessante Arbeit von Prinzhorn: Bildnerei der Geisteskranken, Berlin 1922.
Die neurotische Reproduktion 65 in so schlagender Weise an den Psychosen bestätigen zu können. Indem ich auf das diesbezügliche große Material in der bereits zitierten Literatur hinweise, möchte ich nur aus der letzten, mir zu Gesicht gekömmenen Publikation von Storch einiges zur Illustration anführen. „Ein an- nähernd stupuröser Kranker macht andauernd Drehbewegungen, indem er mit seiner Hand um den Nabel herumfährt. Auf Fragen gibt er die Erklärung ab, er wolle ein Loch machen (wozu?) um in die Frei- heit hinauszukommen. Weiteres ist nicht zu erfahren.“ Es ist jedöch klar. daß Pat. damit unbewußt die Rückkehr in den. Leib meint, da sonst das „Symbol“ unverständlich bliebe. Sogar für eine manifest aus- gesprochene Kastrationshandlung gibt er die gleiche Motivierung: „der Kranke biß sich einige Tage nach dem vorhinerwähnten Vorfall’ ein Fingerglied ab; erst nach Überwindung vieler Sperrungen gab er eine Motivierung: ‚Durch das Abbeißen des einen Gliedes habe ich die anderen Leute herbeigezogen, um zu zeigen, daß es an'einer Stelle fehlt. Bei weiterem Nachfragen fuhr er dann aber fort: ‚Ich wollte in die Frei- heit; durch das Loch bin ich hinausgeschlüpft, wie ein Käfer‘“ (S. 7). Storch vermutet zwar, daß damit nicht nur das Verlassen der Klinik, sondern im analytischen Sinne auch die „unklare“ Vorstellung von einer Befreiung aus dem Mutterleib (Nabelgeburt) mit anklang, und bemerkt dazu, daß dem Kranken, wie so vielen Schizophrenen die Idee der Wiederverkörperung eine durchaus selbstverständliche Tatsache war, ebenso wie dem Primitiven die Reinkarnation. — Eine junge Schizophrene, die als Kind vom eigenen Vater vergewaltigt worden . war und aus ihrem Dienst entlief, durchlebte in einem katatonen Zu- stand eine Geburtsphantasie, indem sie sich zugleich als das Christus- kind und dessen Mutter vorkam (S. 61). Dieselbe Kranke „sprach von einem ‚Auseinanderfallen ihrer eigenen Jugend mit ihrer jetzigen Per- son‘. Sie habe das Gefühl, daß sich in ihrem Körper zwei Per- sonen befänden, eine mit der häßlichen Vergangenheit, und eine andere, die: etwas ‚ganz Hochgestelltes, Übergeschlechtliches‘ sei“ (S. 77/78). 5 Rank nn 66 Das Trauma der Geburt Eine andere Kranke ($S. 63) machte die Pflegeschwester zu ihrem „Herr- gott“ und sagte, „in ihr und in der Schwester sei alles enthalten, alles, ‚von Christus bis zum Niedrigsten‘“.
(Auf Befragen nach ihrer Be- ziehung zu der Krankenschwester) ‚Wir sind ganzeins, beide eins. sie ist der Herrgott, ich bin dasselbe wie sie...Ich bin in der Schwester, und die Schwester ist in mir’.
Ein andermal sagt sie, „sie habe die ganze Welt in sich“ und erläutert dies (auf Befragen) in charak- teristischer Weise (S. 80).
Einige Kranke zeigen die Regressionstendenz in Form des Wunsches nicht erwachsen zu sein, den man oft auch als Gegenstück zur Größen- sehnsucht bei Kindern findet. „Ein in der Mitte der 30er stehender Schizophrener beklagt sich in gereiztem Ton, daß er zu einem Kind gemacht werde: Ich bin nicht mehr der Mann, bin bereits ein Kind; ‘wie mich meine Frau besucht hat, war ich nicht der Mann, der zu der Frau gehört, ich bin dagesessen wie ein Kind bei seiner Mutter“ (S. 57). Im Gegensatz zu anderen Fällen, wo „die Umwandlung in den weiblichen oder kindlichen Lebenszustand von den Kranken als Minderung und Herabsetzung ihres Ichs erlebt“ wird, bemerkt Storch, „machten wir öfters bei jungen Schizophrenen, die eben über die Schwelle der Kindheit ins Leben der Erwachsenen hineintreten, die entgegengesetzte Erfahrung; wir fanden bei ihnen nicht selten eine ausgesprochene Lebensfurcht und Angst vor dem Erwachsensein, unter Umständen im Konflikt mit starkem Lebensdrang und Liebes- bedürfnissen, Aus diesem Konflikt heraus möchten sie in die Kindheit zurückfliehen...“ (S.89). Ich glaube, daß wir in dieser Tendenz den Kern dessen vor uns haben, was die Bezeichnung des Krankheitsbildes (als Dementia praecox) auch psychologisch rechtfertigen würde. Andere stellen direkt die alte Kloakentheorie, d.h. den Aufenthalt im Mutterleib wieder her, wie die Kranke ($. 42), die „zwar nicht glaubt, daß die Kinder durch denDarm geboren werden, wohlaber, daßzwischen dem ‚Tragsack‘, in dem ihrer Meinung nach dasKind in der Mutterheranwächst, und den Die neurotische Reproduktion 67 untersten Darmabschnitten ein Gang besteht, durch den der Embryo seinen Kot entleert. Das Kind ist im Tragsack, saugt innen an den Er- nährungzäpfchen (die sich innen an Stelle der Brüstebefinden). Vom Trag- sack geht ein ‚Auslauf‘ nach dem After, ‚daß das Kind gesäubert wird von der Nahrung, die es mit der Milch nimmt.‘ Vor dem Gebären heilt der Auslauf aus, geht er weg, ist zum Putzen da“. Eine andere Kata- tone mit Koprophagie gibt direkt die embryonale Motivierung für ihr Tun, wenn sie berichtet, „wie sie während ihrer psychotischen Zustände Urin habe trinken und Kot essen müssen; nachdem sie vorher das Er- lebnis des Absterbens durchgemacht hatte, habe sie gemeint, sie brauche die Stoffe für ihren ‚Aufbau‘. In einem von Nunberg eingehend analytisch untersuchten Fall eines Katatonen bedeutete das Verschlucken der Exkremente eine Selbstbefruchtung und Wiedererneuerung.” Zu- sammenfassend sagt Storch (im Abschnitt „Wiedergeburt ‘“): „Wir treffen auf die Idee, gestorben und wiedererwacht zu sein, auf die Idee eines Hindurchgehens durch den Tod, des Neuwerdens und schließlich der Vergottung; wir finden auch die primitiv-sinnlichen Ein- kleidungen des Wiedergeburtsgedankens, die Vorstellung eines wirklichen Geborenwerdens und dgl. wieder. Dabei läßt das komplexe Denken der Kranken in der Geburts- und Kindschaftsvor- stellung das Gebären und Geborenwerden, das Mutter- und Kindsein oft durcheinanderfließen‘“ ($. 76).?
Aber nicht nur der Inhalt der Wahnbildungen scheint eindeutig nach dieser Richtung bestimmt, sondern auch die psychotischen Aus- nahmszustände wie Halluzinationen, Dämmerphasen und Kata- tonien lassen sich als weitergehende Regressionen in den Fötalzustand verstehen. Den ersten kühnen Versuch einer solchen Auffassung aus analytischem Material verdanken wir der wertvollen Arbeit des früh- verstorbenen Tausk „Über die Entstehung des Beeinflussungsappaı) Über den katatonischen Anfall. Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse, VI, 1920.
2) Hervorhebungen von mir.
5* 68 Das Trauma der Geburt rates in der Schizophrenie“," den er als Projektion des eigenen im E Mutterleib genitalisierten Körpers auffaßt. „Die Projektion des eigenen Körpers wäre also eine Abwehr gegen eine Lipidoposition, die der des Endes der fötalen und des Anfangs der extrauterinen Entwicklung ent- spricht“ (l. c. S. 23). Von hier aus versuchte Tausk die Erklärung verschiedener schizophrener Symptome anzubahnen: „Könnte die Katalepsie, die flexibilitas cerea, nicht jenem Stadium entsprechen, in dem der Mensch seine Organe nicht als eigene empfindet und sie, als nicht zu sich gehörig, der Gewalt fremden Willens überlassen muß?...Könnte der katatone Stupor, der eine vollkommene Ablehnung der Außenwelt darstellt, nicht eine Zurückversetzung in den Mutterleib sein? Sollten diese schwersten katatonen Symptome nicht das ulti- mum refugium einer Psyche sein, die auch die primitivsten Ich- funktionen aufgibt und sich ganz auf den foetalen und Säuglingsstand- punkt zurückzieht...Das katatone Symptom, die negativistische Starre des Schizophrenen, ist nichts anderes als eine Absage an die _ > Außenwelt, in ‚Organsprache‘ ausgedrückt. Spricht nicht auch der Säuglingsreflex im Endstadium der progr. Paralyse für eine solche Re- gression zum Säuglingsleben? Manchen Kranken wird diese Regression in die Säuglingszeit und sogar bis in die Foetalzeit — das letzte wohl nur als Drohung mit einer Konsequenz der Krankheitsentwicklung — sogar bewußt. Ein Patient sagte mir: ‚Ich fühle, daß ich immer jünger und kleiner werde, jetzt bin ich vier Jahre alt, dann komme ich in die Windeln und dann in die Mutter zurück‘“ (S. 23f). Tausk meint also, daß die Phantasie von der Rückkehr in den Mutterleib,” die als weitere atavistisch vorgebildete „Urphantasie“ angenommen werden müsse, „als pathologische Realität der sich zurückbilden- den Psyche in der Schizophrenie symptomatisch auftritt“.
2) Er merkt übrigens an, daß der Ausdruck „Mutterleibsphantasie“ von Gustav Grüner stamme.
Die neurotische Reproduktion 69 Setzt man nun hier die Realität des Geburtstraumas mit seinen folgenschweren Nachwirkungen ein, so kann man die Vermutungen von Tausk nicht nur sicher bejahen, sondern sie real begründen und zum Verständnis auch anderer Symptome Geisteskranker gelangen, die sich direkt auf das Geburtstrauma und nur indirekt auf das Vor- stadium beziehen. So alle Anfälle, insbesondere der sogenannte epi- leptische," der inhaltlich und formal die deutlichsten Reminiszenzen an den Geburtsakt verrät. Dabei findet übrigens eine ähnliche zwei- zeitige Trennung wie bei der Cyclothymie statt, wenngleich ohne die der letzteren eigene zeitliche Umkehrung; denn die dem großen epi- leptischen Anfall vorangehende aura mit ihrem von Dostojewski so meisterhaft beschriebenen Glückseligkeitsgefühl, entpricht der präna- talen Libidobefriedigung, während derKrampfanfall selbst den betreffen- den Akt der Geburt reproduziert.
All diesen psychotischen Krankheitsymptomen ist gemeinsam, daß sie im Sinne der Analyse eine noch weitergehende Regression der Libido als die Neurosen darstellen, indem sie den Verlust des Urobjek- tes in einer kosmologisch zu nennenden Projektion durch Ablösung ihrer Libido von der die Mutter ersetzenden Außenwelt vervollstän- digen, wobei sie aber durch Einverleibung (Introjektion) der Objekte in ihr Ich wieder nur zur Ursituation zurückgelangen (Mutter und Kind). In diesem eigentlich psychotischen Mechanismus, der die Störung des Verhältnisses zur Außenwelt beeinhaltet, steht die Klassische Para- noia — und die paranoiden Formen der Psychose — dem mytho- logischen Weltbild am nächsten.” Sie scheint dadurch charakterisiert, ı) Die Zurückführbarkeit des epileptischen Anfalles auf eine frühe Phase der Gebärdensprache hat bereits Ferenczi in seiner auch für die hier vorge- tragene Auffassung grundlegenden Arbeit über „Entwicklungsstufen des Wirk- lichkeitssinnes“ angedeutet (Internat. Zeitschr. f. PsA. I, 1913).
2) Siehe im „Mythus von der Geburt des Helden“ (1909) die ed Charakterisierung der mythischen Phantasiebildung ($. 75, 2.. Aufl. 1922, S. 123).
70 Das Trauma der Geburt daß bei ihr die Außenwelt in einer die normale „Anpassung“ weit übersteigenden Intensität mit Libido besetzt, sozusagen die ganze Welt zum Uterus gemacht ist, dessen feindlichen Einflüssen der Kranke nun- mehr ausgesetzt ist (die elektrischen Ströme usw).“ Die ganze Situation des schützenden Mutterleibs ist hier in ihrer kulturellen und kosmo- logischen Bedeutung mittels der Gefühlsumkehrung (Hass) gegen den störenden Vater zu einem einzigen feindlichen Riesenobjekt geworden, das den mit dem Vater Identifizierten (Helden) verfolgt und zu immer neuen Kämpfen herausfordert.