Sprache parallel. Die erste Reaktion nach dem Geburtsakt ist der Schrei, der vermutlich als gewaltsame Aufhebung der Atemnot ein Stück Angst mit abführt (entspannt)." Derselbe Schrei wird dann als Verlangen nach der Mutter wiederholt, wobei die beim Saugen an der Brust geübte Lippenstellung als Wunschmoment zur Formung der allgemein mensch- lichen Silbe ma führt.” Hier ist die Bildung des Lautes aus dem Sym- bol in statu nascendi zu erfassen;? denn die zum Saugen geformten Lippen stellen den ersten Ersatz der Mutter durch einen sozusagen auto- plastischen Ansatz dar, dessen Mißlingen wieder nur den ersten unlust- vollen Angstschrei auslöst, welcher die Trennung von der Mutter signa- lisiert. Dieser Auffassung fügt sich die Theorie vom sexuellen Lock- ruf zwanglos ein, der auf der geschlechtlichen Stufe ja nur das Verlangen nach Wiedervereinigung mit dem Objekt wiederholt. Natürlich ließe sich auch in der Wort- und Sprachbildung, die späterhin immer mehr sexualisiert wird, ein gutes Stück der Ursymbolik als fortlebend und fortwirkend nachweisen,* wie ja auch noch auf der nächsten Ersatzstufe für das Wort, nämlich in der Schrift und ihrer Vorstufe der Zeichnung (Bilderschrift) die Symbolik eine große Rolle spielt, die dann der Künst- ler durch Wiederentdecken und seine besondere Art der Reproduktion für den ästhetischen Genuß nutzbar zu machen weiß, während ihre peinlichen Angstwirkungen in der Analyse der Sprachstörungen (Stot- ‘ tern — Steckenbleiben), sowie in den Neologismen und dem Sprachı) Vom ausgepreßten Schrei führt nach Pfeifers phylogenetischer Theorie ein direkter Weg zur Stimmbildung und zum Gesang (Kongreßvortrag, Berlin, Sept. 1922). DerWeg zur Musik scheint nach Schlüssen aus Analysen nicht vom Geburtstrauma, sondern von der Intrauterinsituation unmittelbar abzuzweigen.
2) Siehe dazu S,Spielrein: Die Er renE der kindlichen Worte Papa und Mama, Imago VIII, 1922.
3) Die amerikanische Schule der behaviourists läßt die Worte im Kehlkopf zuerst. plastisch geformt werden.
4) Siehe Hans Sperber: Über den Einfluß sexueller Momente auf Entstehung und Entwicklung der Sprache. Imago I, ı912; und Berny: Zur Hypothese des sexuellen Ursprungs der Sprache, ebenda II, 1913.
a Az Die symbolische Anpassung 99 zerfall der Geisteskranken wieder auf die ursprüngliche Symbolbe- deutung regredieren.'
Nachdem wir so den Umkreis menschlicher Schöpfung als Versuch zur Realisierung der Ursituation, d.h. zur Rückgängigmachung des Ur- traumas, vom nächtlichen Wunschtraum bis zur Realanpassung durch- messen haben, wobei sich der sogenannte Fortschritt der Kulturent- wicklung als eine ständig wiederholte Anpassung dertriebhaften Tendenz der Rückkehr zur Mutter an die erzwungene Entfernung von ihr erwiesen hat, wollen wir, dem Gang der Kulturentwicklung folgend, an diesem Punktderüberdeutlichen Annäherungan das Urtrauma dem Ruf: Zurück zur Natur! folgen. Sehen wir uns aber das Verhältnis des Menschen zur Natur näher an, so erkennen wir darin eine nur noch deutlichere Art der anthropomorphen Angleichung, die darauf hinausläuft, alles kosmisch Gegebene im gleichen Sinne des Unbewußten zu apperzipieren wie die ' Kultur es zu reproduzieren strebt. In der Naturmythologie sehen wir die großartigen Überreste dieser vielleicht primitivsten Anpassungsleistung sowohl im phylogenetischen wie auch im ontogenetischen Sinne. Denn das Neugeborene könnte gar nicht leben, wenn es nicht sofort den ihm zunächst liegenden Teil der Außenwelt und damit letzten Endes diese selbst sofort zum Mutterersatz machen würde: seien es nun die Hände derHebamme oder das warme Wasser, späterhin dieWindel, das Bettchen, das Zimmer usw. — Das phylogenetische Gegenstück sehen wir in den Mythen, wo zunächst die greifbare Erde, später gerade wegen seiner Un- erreichbarkeit der Himmel als schützende Mutterhülle erscheinen. Vor der Erde vertritt das Wasser in Angleichung an das Intrauterinleben den mütterlichen Urquell, während der Sonne als Wärmequelle diese Bedeu- tung zufällt, die noch in der „Symbolik“ des Feuers fortlebt. Die Gebirge mit ihren Grotten und Höhlen, mitihrer Bewaldung (Haar) werden alsrie- sige Urmutter mit besonderer Betonung desschützenden Charaktersangeı) Vgl. Freud: Das Unbewußte, 1915 (Kl. Schr. IV, S. 329 u. ft.).
y he IOoo Das Trauma der Geburt sehen. Mit fortschreitender Erkenntnis der Unzulänglichkeit all dieser ge- gebenen Ersatzbildungen kommt es teils zurrealen Schöpfung womöglich vollkommenerer Kulturbildungen, und, so weit auch dies unzureichend ist, parallel damit zu den großartigen kompensatorischen Phantasiebil- dungen vom naiven Paradies und dem himmlischen Fortleben, oder vom realistischen Schlaraffenland oder idealistischen Sehnsuchtsland Orplid.
Soweit es sich dabei um Schöpfungen des Menschen handelt, als6 um Kultur im engsten und weitesten Sinne, haben wir es mit Realanpas- sungen und Phantasieergänzungen zu tun, die vom biologisch-instink- tiven biszum bewußt-sozialen Tun reichen und unterdem Gesichtspunkt derAnpassungderBealitätandas Unbewußtealseigentliches Entwicklungsprinzip des Menschen betrachtet zu werden ver- dienen.‘ Soweit es sich um die Einbeziehung der Natur in diesen durch das lange menschliche Fötalstadium gegebenen „Symbolkreis“ handelt, haben wir den Mechanismus der mythischen Projektion vor uns, mittels deren der Mensch allein imstande ist, die gegebene „Natur“ im Sinne dieser angeborenen Urformen zu apperzipieren. So erklären sich die Weltschöpfungs- und „Welteltern“-mythen, welche uns im Prozeß der kosmischen Angleichung den großartigsten Versuch zur Rückgängig- machung des Urtraumas, zur Verleugnung der Trennung von der Mutter, aufbewahrt haben.? Die erste bewußte Anerkennung dieser Trennung bleibt der erkenntnistheoretischen Erfassung des Gegensatzes von Ich ee ee en a Bau und Te Fr EEE a nu ee ı) Biologische Vorstufen dazu im Tierreich zeigt Brun: Selektionstheorie und Lustprinzip. Intern. Zschr.f. PsA. IX, 2, 1923. — Ansätze schon beiFerenczi: Hysterische Materialisationsphänomene, 1919, S. 31.
2) Ahnlich die Weltuntergangsphantasien (Schreb er) und -mythen, welche in der radikalsten „Trennung“ die innigste Wiedervereinigung (Auflösung ins All) erreichen. — Die Sintflut, die ja ein neues Weltzeitalter einleitet, ist nichts anderes als eine „universelle“ Reaktion auf das Geburtstrauma, wie auch die „Natursagen“ von der Entstehung der Erde oder der Meere zeigen. Hierin scheint überhaupt der Schlüssel zum Verständnis der Überlieferungen vom neuen Weltzeitalter zu liegen, die ich an anderer Stelle behandeln werde.
Die symbolische Anpassung 101 und Nicht-Ich vorbehalten, nachdem die philosophische Spekulation sich am Urproblem der „Identität“ erschöpft hatte, das letzten Endes in der physiologischen Beziehung von Mutter und Kind beschlossen ‚liegt.
Die heroische Kompensation Wenn wir von unserem neugewonnenen Standpunkt auf die psycho- analytische Mythenforschung zurückblicken, so bemerken wir, daß hier, wo das Material mit universaleren Ausdrucksmitteln als in den Neu- rosen und Psychosen spricht, uns die Bedeutung des Geburtstraumas zuerst nahegebracht worden war. Schon der „Mythus von der Geburt des Helden“, den der Scharfblick Freuds als Kernproblem der Mythen- bildung erkannt hatte, hätte uns volle Klarheit darüber verschaffen können, wenn wir jener analytischen Erfahrungen teilhaftig gewesen wären, die uns ermutigt hätten, diesen „Kindermärchen‘“ einen noch größeren Wahrheits- und Realitätsgehalt zuzugestehen und diese Projek- tionsphänomene nach der Anweisung Freuds" restlos in Psychologie zurückzuübersetzen. Statt dessen hat die menschliche Neigung, auf jede zu deutliche Annäherung an die Erkenntnis des Urtraumas mit Ver- drängung zu reagieren, später zu einer Verflüchtigung der Einsicht in den anagogisch-ethischen Mythendeutungen Jungs geführt.
Der Mythus von der Geburt des Helden beginnt bekanntlich mit der Situation des Kindes im schützenden Mutterleib (Kästchen), wo es bereits vom Vater verfolgt wird, der das Kind — im Sinne der Ur- wunscherfüllung — gar nicht zur Welt kommen lassen will. Das ganze weitere Schicksal des Heros ist nun nichts anderes als die Auswirkung dieser Situation, d.h. die Reaktion auf ein besonders schweres ı) Siehe: Zur Psychopathologie des Alltagslebens (letzter Abschnitt).
Aw, Die heroische Kompensation 103 Geburtstrauma, das durch überkompensatorische Leistungen, unter denen die Wiedergewinnung der Mutter an erster Stelle steht, über- wunden werden muß.
Denn diese als Heldentaten bekannten Leistungen dienen auch im Mythus, genau wie in der Neurose und allen anderen Schöpfungen ‘des Unbewußten, der Wiedergewinnung der Ursituation in der Mutter, wobei natürlich der Vater gleichzeitig als Hauptobjekt des Widerstandes bekämpft wird. Wie wir im Neurotiker den Menschen erkannten, der den Uraffekt der Angst aus dem Geburtstrauma nicht ohne Schaden überwinden kann, so repräsentiert der Heros den angstfreien Typus, der ein anscheinend besonders schweres Geburtstrauma durch kompen- satorische Wiederholung in seinen Taten zu überwinden sucht. Daher ist der Held in.der nachträglich gebildeten (infantilen) Wunschphantasie regelmäßig ein aus dem Mutterleib Geschnittener, dem also das Angst- trauma von Anfang an erspart geblieben ist. Anderseits zeigt dieses Motiv im Sinne des Mythus von der Geburt des Helden, wie schwer es dem Heros von Anfang geworden ist, den schützenden Mutterleib zu verlassen, in den er hinter der Maske aller noch so kühnen Reform- und Eroberertaten immer wieder zurückzukehren strebt. Auch das Motiv der heldischen Unverwundbarkeit erklärt sich als eine Art Daueruterus, den der Held als Panzer, Hornhaut oder Helm (Tarnkappe) mit zur Welt bringt,’ der aber doch durch die einzig sterbliche Stelle, die „‚Achilles- ferse“‘, verrät, wie stark einst auch der Held rein körperlich an die Mutter fixiert war.” Deswegen wird im Motiv der Aussetzung, das ı) Auch die die trojanischen Helden in Gefahr verhüllenden „Wolken“ oder „Nebel“ der Athene gehören hierher. — Manchmal wird der Held in voller Rüstung geboren, wie Uitzilopochtli, der Stammesheros der Azteken.
2) Im Gegensatz zum „geschützen“ Kopf (Glückshaube, Krone), der den Mutterleib zuerst verläßt, sind meist die Füße, die zuletzt herauskommen, der schwache Teil. Wie die Achillesferse, übrigens auch die geschwollenen Füße des Ödipus, zeigen, dürfte es sich um diejenige Körperstelle handeln, die tat- sächlich das mütterliche Genitale beim Austritt zuletzt berührt hat; dies würde 104 Das Trauma der Geburt gleichzeitig die Rückkehr zur Mutter und das Trauma der Geburt darstellt (Hineinstürzen), eine zweite und schmerzlosere Ablösung von der Mutter durch phantastische Reproduktion der Ursituation versucht, während das Motiv der zwei Mütter, das Jung als Wiedergeburtssymbol auffaßt, durch deren Charakterisierung als Mutter und Amme (Tiersäugung) direkt auf das zweite Trauma der Entwöhnung hinweist. Wie den Mythen dabei, genau wie den Neurosen, ganz reelle Remi- niszenzen an die beiden erlebten Urtraumen zugrunde liegen, möge ein kurzer Hinweis auf den Heraklesmythus illustrieren, der ausdrücklich berichtet, wie schwer die Geburt des Herakles gewesen sei. Und aus seiner Säuglingszeit wird eingehend geschildert, daß das von der Mutter ausgesetzte, d. h. aus ihrem Leibe ausgestoßene Kind von der Göttermutter Hera selbst an die Brust gelegt wurde. Aber der kräftige Knabe bereitete ihr, wie die Sage weiter erzählt, solche Schmerzen, daß sie das Kind unwillig zu Boden warf." Eine deutlichere Erinnerung an diese frühesten Traumen darf man selbst in der Analyse kaum erwarten, es sei denn in Form neurotischer Reproduktionen, die sich aber in der heroischen Überkompensation als Heldentaten manifestieren. Weit naiver als die unter dem Zeichen der mythischen Kompen- sation erfolgende Heroenbildung verraten die Kindermärchen, d.h. die Märchen, in denen der Held selbst noch als Kind, also vorwiegend auch erklärlich machen, wieso dieser schwache Punkt später zum „symbolischen“ Vertreter des eigenen Genitales werden kann (Fuß — Penis; Kastrationsangst!).
Auch die Adlersche Theorie von der Organminderwertigkeit und ihrer Überkompensation (Achilleus heißt der, „Schnellfüßige“), dieder Autor hereditär- embryologisch zu begründen versuchte, scheint individuell in der Reaktion auf das Geburtstrauma verankert.
ı) Siehe: Der Mythus von der Geburt des Helden (ı 909, 2. Aufl. 1922, S. 58/59), wo noch ähnliche Überlieferungen angeführt sind.
Auch Achilleus, der spätere Heros der äolischen Auswanderer, trägt in seinem Namen das Zeichen des Entwöhnungstraumas; er heißt der Lippenlose \a-xsilos), weil seine Mutter ihm im Feuer, wo sie ihn unsterblich machen wollte, eine Lippe verbrannt hatte.
Die heroische Kompensation 105 leidende Person auftritt, die typische Reaktion auf das Urtrauma. Neben dem bereits analytisch gewürdigten Geburtsmärchen vom Rotkäppchen, das sogar die Asphyktie des aus dem Wolfsbauch geschnittenen Kindes und seinen Blutandrang zum Kopfe (Rotkäppchen) nicht vergißt — (und seinen Varianten: sieben Geißlein usw.)' —, sei hier nur, als die viel- leicht eindeutigste Darstellung des Geburtsthemas, das Märchen von Hänsel und Gretel genannt, welches aus dem die Kinder verschlingen- den Tier wieder die böse Urmutter (Hexe) macht und zeigt, wie die postnatale Situation der Lebensnot” (Hunger) durch immer neue Dar- stellungen des mühelos ernährenden Mutterleibes ersetzt wird: im Schla- raffenlandmotiv vom eßbaren Haus, im Käfig, wo man so dick gefüttert wird, daß man schließlich heraus muß, aber nur, um wieder in den heißen Backofen zu kommen.’
ı) Siehe meine Psychoanalyt. Beiträge zur Mythenforschung, 2. Aufl., S. 67.
2) Ich möchte es hier dahingestellt sein lassen, inwieweit die urgeschicht- liche Not der Eiszeit, die im Mythus von der Sintflut dargestellt sein soll, aus derindividuellen Urgeschichte ihre näher liegende Erklärung findet. Kennt ja doch das Unbewußte den plötzlichen Temperaturwechsel, die Gegensätze von warm und kalt, als typische Reproduktionen des Geburtstraumas, sowohl im Traum als auch in gewissen neurotischen (vasomotorischen) Störungen wie Frö- steln, Erröten usw. Jedenfalls scheint diese individuelle Erfahrung nicht ohne Einfluß auf unsere Vorstellung von der „Eiszeit“ gewesen zu sein, deren wissenschaftliche Erfassung keineswegs noch gelungen ist. Wahrscheinlich ist daß es sich nicht um eine, sondern um mehrere ganz langsam fortgeschrittene Abkühlungsperioden handelte, die der einzelne überhaupt nicht als solche wahr- genommen haben kann. — Im übrigen ließen sich beide Auffassungen mittels der bioanalytischen Katastrophentheorie Ferenczis auf dem Boden der Phyloge- nese vereinigen.
Sehr hübsch bemerkt Fuhrmann, daß die Märchen ursprünglich Winter- märchen seien, d. h. daß man sie nur im Winter erzählt hat, um sich über die langen dunkeln Monate hinwegzutrösten. (Das Tier in der Religion, München 1912, S. 53). — Man vgl. übrigens auch ebendort seine Deutung der dänischen Sage vom König Lindwurm im Sinne des Geburtsvorgangs (S. 51 fl.).
3) Die bekannte Geburtssymbolik des Brotes und Backens, die Fuhrmann zuletzt dargestellt hat (s.: Der Sinn im Gegenstand, S. 6).
106 Das Trauma der Geburt Ein zweiter Typus von Märchen führt nicht mehr das Kind in seinen unmittelbaren Reaktionen auf das Geburtstrauma vor, sondern den herangereiften Jüngling in seinem Liebesleben. Diese beliebten Erzählungen vom erfolgreichen Märchenprinzen,' der die ihm von Anfang an bestimmte Jungfrau erlöst und gegen alle Brüder-Kon- kurrenten für sich gewinnt, läßt sich im Sinne unserer Ausführungen über das Sexualtrauma, d.h. die Reaktion der Urlibido auf die Genita- lität, verstehen.
Während im Geburtsmythus der Heros von der Mutter gerettet, d.h. im Mutterleib — vor dem Vater — geborgen wird,” um später als sozialer und ethischer Reformer den Kulturfortschritt gegen die alte Vatergeneration durchzusetzen,? zeigt uns der Familienroman des Mär- chenprinzen die Revancherettung der Mutter- (oder Tochterfigur) aus ‚der Gewalt des bösen Tyrannen. Die typischen Erlösungsmärchen verraten uns aber, wieso er dazu imstande ist, und was die furchtlose Überwindung all der schreckenerregenden Abenteuer letzten Endes bedeutet. Die typischen Details der Erlösungssituation zeigen mit aller Deutlichkeit, daß die Rettung der Frau aus dem Todesschlaf nichts anderes darstellt, als die mittels der „heroischen Lüge“ erfolgte Umwertung des eigenen Geburtsaktes. Die Schwierigkeit und Gefähr- lichkeit des Herauskommens ist dabei durch die Schwierigkeit des Einı) Der dem Heldenmythus zugrunde liegende und im Märchen ganz naiv durchbrechende „Familienroman“ hat neben der bewußten Erhöhungs- tendenz und der unbewußten Vaterablehnung noch den letzten Sinn der Rück- gängigmachung der eigenen Geburt überhaupt.
2) Typus: Menschenfressermythen. Ansätze zu ihrer Analyse in meiner Ab- handlung: Die Don Juan-Gestalt (Imago VIII, ı922).
5) Als „Städtegründer“ versucht er wieder die Ursituation des mütterlichen Schutzes zu realisieren.
Noch in der Psychogenese des geistigen Roformers, des intellektuellen Heros, wie ihn vielleicht am deutlichsten Nietzsche repräsentiert, erkennen wir im „Freimachen“ von allem Überkommenen, Konventionellen die gleiche Tendenz der Loslösung.
Die heroische Kompensation 107 - dringens (Dornröschen, Waberlohe, rutschiger Glasberg, Klappfelsen) ersetzt und der endgültige Durchbruch der schützenden Hülle im Auf- schneiden des Panzers, Öffnen des Sarges oder Auftrennen des Hemdes dargestellt, in dem das Mädchen eingeschlossen erscheint. Daß alle diese Handlungen auch offenkundige Deflorationssymbole darstellen, bestätigt nur.-die Auffassung, daß es sich im Koitus selbst um die lustvolle Um- arbeitung des Eindringens in die Mutter handelt, wobei das physiolo- gische Ideal der Virginität sich nicht bloß als Verleugnung, sondern auch als direkten Ersatz des mütterlichen Ideals erweist.” Die für das Verständnis der Märchen wichtige Tatsache, daß regelmäßig hinter der genitalen BedeutungderSymboleauch die Geburtsbedeutung steht,” weist wieder auf die doppelte Lust-Unlustqualität des Geburtsakts hin und zeigt, wie die aus dem Geburtstrauma stammende Angst durch die „erlösende“ Liebe überwunden werden kann. So ergibt sich, daß die Rettung der schlafenden Frau durch den furchtlosen Helden die Ver- leugnung der Geburtsangst zur Grundlage hat. Dies zeigt sich. dann deutlich in jenen Fassungen, wo der Held nach Tötung des Drachens, aus dem er die Jungfrau befreit,? selbst in einen todesähnlichen Schlaf verfällt, während dessen ihm der Kopf abgehackt und nachher wieder verkehrt aufgesetzt wird* (Geburtssituation). Der Todesschlaf ist dabei wie in allen Zuständen der Hypnose, Starrheit (Versteinerung) usw., ı) Das Eindringen wird um so lustvoller, je mehr es an die Schwierigkeiten des Herauskommens erinnert. Anderseits verringert die Virginität die Urangst, da dort noch niemand drin gewesen sein kann, worüber bekanntlich kein Mann hinwegkommt (Hebbel, Maria Magdalena). Vgl. auch Freuds Abhandlung: Das Tabu der Virginität. 1918 (Kl. Schriften, IV. Folge.)
2) Als ein Beispiel dieser, man möchte sagen „phylogenetischen“ Symbolik sei auf das Märchen vom Froschkönig verwiesen, wo der Frosch den Penis, aber auch den Foetus bedeutet.
3) In der babylonischen Kosmologie wird aus dem Leib des entzweigeschnit- tenen Ungeheuers Tiamat die Welt gemacht.
4) Z. B. im „Brüdermärchen“. Siehe meine Psychoanalyt. Beiträge z. Mythen- forschung. 2. Aufl. Kap. VI, S. ı19fl.
108 Das Trauma der Geburt ebenso aber auch im Traum und allen neurotischen wie psychotischen Zuständen, als ein typisches Detail der intrauterinen Situation repro- duziert.'
Hier wird auch klar, warum es gerade immer der Jüngste sein muß, der als Heros vor seinen Brüdern erscheint. Sein Attachement an die Mutter beruht nicht bloß auf den psychischen Motiven der Zärtlichkeit und Verwöhnung (Muttersöhnchen), sondern diese selbst hat biologische Gründe. Er bleibt sozusagen auch rein körperlich immer mit ihr ver- bunden, da nach ihm kein anderer den Platz in der Mutter eingenom- men hat (Virginitätsmotiv), er also wirklich der einzige ist, für den die Rückkehr in den Mutterleib und das Verbleiben dort möglich wäre, für den es sich sozusagen lohnt. Wohl aber versuchen die älteren Brü- der — vergebens — ihm diesen Platz streitig zu machen, den er trotz der für ihn charakteristischen „Tumpheit“ erringt und behauptet.” Seine Überlegenheit besteht eigentlich darin, daß er als Letzter kommt, der die anderen sozusagen vertreibt, darin wieder dem Vater ähnlich, mit dem er allein sich aus dem gleichen Motiv schließlich zu identifi- zieren vermag.
Zum Typus der Erlösungsmythen gehört auch die biblische Para- dieslegende, wo in direkter Umkehrung des wirklichen Vorgangs ı) Hierher gehört auch das in anekdotischer und novellistischer Form darge- stellte Thema der Befruchtung (Koitus) im Schlafe. (Siehe: Heinr. v. Kleist: Die Marquis evon O...Die Dichtung und ihre Quellen. Mit einem Begleitwort hrg. von Alfred Klaar.)
2) Diese Torheit, die sich immer auch als sexuelle Unerfahrenheit manifestiert (so schläft Parzival einige Nächte bei der Geliebten ohne sie zu berühren), scheint der ursprünglichen Libidobefriedigungs-Situation zu entsprechen, wie afrika- nische Erzählungen zeigen, die Frobenius bei den Hamiten des Nilgebietes hörte. Dort schläft häufig ein Königssohn monatelang bei einer Prinzessin; jede Nacht „umschlingen sie sich mit den Beinen“ und „saugen sie sich fest an den Lippen“. Nach Monaten erfolgt die Entdeckung. Der Prinz wird um ein Haar geopfert. Da wird sein Rang entdeckt, die Hochzeit gefeiert und das Bei- lager. Und in der Hochzeitsnacht „fand er eine undurchbohrte Muschel, und ar Blut netzte die Leinewand“ („Das unbekannte Afrika“, S. 77).
Die heroische Kompensation 109 das Weib aus dem Mann geschnitten, d. h. der Mann „heldenhaft“ geboren wird, da auch hier er es ist. der in den Todesschlaf ver- fällt.” Die darauffolgende Vertreibung aus dem Paradies, das für uns alle das Symbol des unerreichbaren seligen Urzustandes geworden ist, stellt wieder nur eine Wiederholung des schmerzlichen Geburtsvorganges, der Trennung von der Mutter — durch den Vater — dar, der Mann und Frau in gleicher Weise unterworfen sind. Der auf die Erbsünde der Geburt folgende Fluch: Mit Schmerzen sollst du deine Kinder gebären, verrät unverhüllt das der ganzen Mythenbildung zugrunge liegende Motiv, das Urtrauma rückgängig zu machen, dessen unvermeidlich. fortwir- kende Wiederholung im Fruchtgleichnis ausgesprochen ist. Das Verbot, die Paradiesesfrucht vom Baum zu pflücken, erweist sich im Sinne des Geburtstraumas als der gleiche Wunsch, die reife Frucht nicht vom mütterlichen Stamm zu trennen, wie im Mythus von der Geburt des Helden die ursprüngliche Feindseligkeit des Vaters, der den Helden gar nicht zur Welt kommen lassen will. Auch die auf die Übertretung gesetzte Todesstrafe zeigt deutlich, daß das Vergehen des Weibes in der Abtrennung der Frucht, d.h. der Geburt besteht und auch hier wieder erweist sich der Tod im Sinne der Rückkehrtendenz als wunsch- hafte Reaktion auf das Geburtstrauma.
Wie ich bereits im „Mythus von der Geburt des Helden“ angedeutet und in der „Lohengrinsage“ breit ausgeführt habe, gilt dies für alle mythischen Überlieferungen vom Tod des Helden, was sich in der Art seines Sterbens und in den Bestattungssitten aller Völker und Zeiten in einer auf den ersten Blick vielleicht überraschenden, unserem Unbewußten aber recht vertrauten Weise offenbart.” Und zwar keineswegs, ı) Das Einblasen des Odems durch die Nase weist wieder auf die begleitende Atemnot des Neugeborenen hin. Die spätere griechische und neutestamentliche Pneumakonzeption hat hier ihre Wurzel.
2) In der Polarzone wird der Tote in einen mit Haut überzogenen prisma- tischen Behälter in Hockerstellung gesetzt; ähnlich übrigens im alten Ägypten, noch vor der Periode der Einbalsamierung, in zusammengekauerter Stellung in IIo Das Trauma der Geburt wie Jung aus dem manifesten Inhalt geschlossen hat, durch die Wieder- geburtsidee, die ja von vornherein wieder mit dem Todesfluch belastet wäre (Seelenwanderung), sondern durch die unbewußte Auffassung des Todes selbst als dauernde, ewige Rückkehr in den Mutterschoß. „Alle Geburt sinkt wieder in den Mutterschoß zurück, aus welchem sie einst, durch des Mannes Tat erweckt, ins Reich des Lichts hervortrat. Ja die _ Alten erkennen gerade in der Wiederaufnahme des Toten die höchste Äußerung der Mutterliebe, die ihrer Geburt in dem Augenblick die Treue bewahrt, in welchem sie von allen anderen verlassen dasteht...“ (Bachofen).' Sehr schön hat Bachofen dies an der todbringenden Nemesis gezeigt, die aus dem (Vogel-)Ei stammt,” sowie an einer Reihe anderer antiker Unterwelts- und Todesgöttinnen. „Wir sehen, wie diese Anschauungsweise durchaus eine Eselin und eine weibliche Typho (im Oknos-Mythus) erforderte und erkennen den inneren Zusammenhang, welcher die Eselin mit den eigestalteten Todesmüttern des lykischen Harpyenmonumentes, mit der Beisetzung der ägyptischen Königstochter im Leibe der eigens angefertigten Kuh (Herod.2, ı31ı), mit der gorgo- nischen Minerva steriler Todesnatur, mit der Vorstellung von großen Grabesmüttern und mit der demetrischen Benennung der Verstorbenen ein Fell eingehüllt (Fuhrmann: Der Grabbau). In Neuguinea befinden sich die Grabstätten unter den Frauenhäusern. Bei den späteren Kulturvölkern bekommt der Tote seine Frau mit ins Grab, oder, wenn er unverheiratet war, ein Witwen- oder Mädchenopfer, das späterdurch diesogenannten „Totenkonkubinen“ (nackte weibliche Tonfiguren) ersetzt wurde (Handw. d. Sex. Wiss.).
1) „Oknos,der Seilflechter.“ Erlösungsgedanken antiker Gräbersymbolik (Neu- ausgabe; München 1923, S. 81). Das Oknos-Motiv gehört in die Reihe jener Unterwelts-Arbeiten, die wir im nächsten Abschnitt als Umwandlungen der Ur- lust-Situation in eine peinvolle Strafsituation verstehen werden: er flicht das Seil unaufhörlich, dessen anderes Ende von der Eselin verschlungen wird (Nabelschnurfixierung!).
2) „Auf dem Lycischen Harpyenmonument bildet das Ei selbst den Vogelleib. Ei und Henne fallen also hier ganz zusammen. Was der Mythus durch Tochter (Leda)- und Mutterverhältnis nebeneinanderstellt, gibt die bildende Kunst in voller Durchdringung“ („Mutterrecht“, $. zoff.).
Die heroische Kompensation ıII aufs engste verbindet. Überall erscheint das Weib als Träger des Todes- gesetzes und in dieser Identifizierung zugleich als liebreiche und als finster drohende Macht, voll der höchsten Zuneigung, aber auch des höchsten Ernstes, wie die mütterlich gestalteten Harpyen und die alles stofflichen Lebens Gesetz in sich tragendeägyptisch-phönizische Sphinx“ (Oknos S.83). Dies erklärt nach Bachofen auch, warum die Männer von den antiken Trauerriten ausgeschlossen waren (siehe die „Klage- weiber“ an der Leiche Hektors und die trauernden Frauen am Fuße des Kreuzes) und das „weibliche“ Totenzeremoniell, wie es auch im deutschen Volksaberglauben in einzelnen unverstandenen Bräuchen weiterlebt. So die Süddeutschen Totenbretter, die keinen anderen Zweck hatten, als dem Toten die Berührung mit dem mütterlichen Holze zu vermitteln; ferner ihn mit den Füßen nach auswärts aus dem Hause zu tragen — also in der umgekehrten Geburtsstellung — und hinter ihm Wasser (Fruchtwasser) auszuschütten."
Wie dieses einfache naturmythische Muttersymbol die für das Reli- giöse charakteristische Umgestaltung zum Bilde ewiger Strafe erfährt, hat gleichfalls bereits Bachofen in besonders schöner Weise am Danaiden- mythus, gezeigt („Oknos“ S. 8gff.). Wenn also selbst die Todesstrafe, die in der biblischen Erzählung die Vertreibung aus dem Paradies wiederholt und verschärft, letzten Endes als die definitivste Wunscherfüllung des Unbewußten erscheint, so steht dies in vollem Einklang mit der infan- tilen Auffassung des Sterbens als Rückkehr an den Ort, woher man ge- kommen ist. In den Mythen vom Paradies und dem goldenen Zeitalter haben wir die lustbetonte Darstellung dieses Urzustandes vor uns, ı) Nach Lorenz 1l.c.$.77. Siehe dortselbst auch den Grabspruch an den Toten und die Erde aus dem Rigveda (X ı8, 49 und 50): „Krieche nun ein hier in die Mutter Erde, in die weiträumige, breite, hochheilvolle. Wolleweich ist die Erde dem Opferlohngeber, sie beschütze dich auf.deiner Weiterreise.“ — „Hebe dich empor, o du breite, drücke nicht niederwärts, seiihm leicht zugäng- lich und leicht einläßlich. Wie die Mutter den Sohn mit dem Zipfel bedecke du ihn, o Erde.“ “ TT2 Das Trauma der Geburt während die sogleich dualist ischauftretenden großen Religionssysteme, im Sinne der zwangsneurotischen Ambivalenz, die ethischen Reaktions- bildungen gegen das Auftauchen der angstbesetzten Rücksehnsucht und die Versuche zu ihrer Sublimierung darstellen.
Die religiöse Sublimierung "Die letzte Tendenz aller Religionsbildung liegt in der Schaffung eines helfenden und schützenden Urwesens, in dessen Schoß man aus allen Nöten und Gefahren flüchten kann und zu dem man schließlich in ein jenseitiges, zukünftiges Leben zurückkehrt, welches das getreue, wenn auch stark sublimierte Abbild des einmal verlassenen Paradieses ist. Am konsequentesten ist diese Tendenz ausgebildet in der die ge- samte antike Weltanschauung zusammenfassend abschließenden christ- lichen Mythologie, mit ihrem reich bevölkerten Himmel, der aller- dings eine Wiedervermenschlichung der altorientalischen Himmels- mythologie darstellt, an die dann in einem späteren Verdrängungsschub die mittelalterliche Astrologie mit ihrenGeburts-Horoskopen" wie- der anknüpft, um dann schließlich in der wissenschaftlichen Astro- nomie, die noch reichlich unbewußt-phantastische Elemente enthält, zu münden.
Wie sich das altantike Weltbild, das in der babylonischen Welt- anschauung kulminierte, letzten Endes entwickelt hat, könnte uns nur die psychologische Analyse lehren, denn soweit die Überlieferung, auch in bezug auf die Bildwerke, zurückreicht, sehen wir immer nur ein fertiges scheinbar ganz astrales Weltbild, über dessen Genese aus der babylonischen Kultur zunächst keine Auskunft zu holen ist. Ein ı) Die Astrologie könnte man eigentlich als die erste Lehre vom Geburts- trauma bezeichnen: Des Menschen ganzes Wesen und Schicksal wird davon bestimmt, was im Moment seiner Geburt (am Himmel) vorgeht.
8 Rank ol ar: Poer 114 Das Trauma der Geburt neuerer Versuch dieser Art von Hermann Schneider, ‚‚die jungstein- “ir nach- zuweisen, scheint mir insofern nicht ganz geglückt, als der gelehrte zeitliche Sonnenreligion im ältesten Babylonien und Ägypten