Die vorliegende Untersuchung verdankt ihre Entstehung, einer Anregung Professor Freuds, dem ich mich dafür, sowie für seine weitere Unterstützung und stetige Teilnahme an dem Fortschreiten der Arbeit auch vor der Öffentlichkeit zu danken verpflichtet fühle. Wien, Weihnachten 1908, Der Verfasser.
* ra g y BE EEE ET ’ a TR AUT RE TAB ZREH UN DEREN TEEN rs.
Zur zweiten Auflage.
Pe U In dem langen Zeitraum seit dem ersten Erscheinen dieser Arbeit hat die in steter Weiterentwicklung begriffene psycho- analytische Lehre gewaltige Fortschritte gemacht, deren Wür- digung in bezug auf unser Thema nach zwei Richtungen geboten erscheint.
Einmal hat sich dieser erste Versuch einer wirklich psychologischen Mythendeutung selbst als vollberechtigt und für das Verständnis weiterer Zusammenhänge aufschlußreich erwiesen, und ist, als gesicherter Besitz unseres Wissens vom menschliehen Seelenleben, die Grundlage weiterer ähnlich ge- richteter Arbeiten — besonders des Verfassers — geworden.
Anderseits hat aber auch für einige Motive und Probleme, die seinerzeit keine volle Aufklärung finden konnten, unser seitheriger Zuwachs — sowohl an psychoanalytischen Erkennt- nissen wie an mythologischem und folkloristischem Material — Lösungen gebracht, die sich dem Rahmen der unveränderten Grundauffassung so gut einfügen, daß es nicht überflüssig scheint, hier besonders auf sie aufmerksam zu machen.
Vornehmlich ein neuer Gesichtspunkt ist es, der besondere Bedeutung beansprucht, weil er ein Hauptmotiv des Helden- mythus restlos verständlich macht: nämlich der Totemismus, dessen psychoanalytische Aufklärung durch Freud das seinerzeit wenig verstandene Motiv der „hilfreichen Tiere” als den „Familienroman” des Urzeitmenschen erkennen läßt (S. 116 ff.).
Im Zusammenhang damit sei gleich hervorgehoben, daß wir eben gerade auch durch die analytische Erforschung völker- psychologischer Erscheinungen, wie sie Freud in „Totem und vI VORWORT.
Tr Ze — Tabu” (1913) angebahnt hat, das urgeschichtliche und kollek- tive Moment besser verstehen gelernt haben. In diesem Sinne wurden neben dem individuellen und phantastischen Element in der Mythenbildung die realen und kulturellen Faktoren mehr als früher berücksichtigt (siehe S. 118 ff...Zu diesem Zwecke mußte aber auch außer dem rein mythologischen Material volkskundliches — sowohl der Natur- als auch der Kulturvölker — herangezogen werden, wie beispielsweise bei der Deutung des Rettungsmotivs in der Mosessage die primitiven Bräuche der Kindesaussetzung, respektive der Scheinaussetzung (S. 129 ff), oder beim Nachweis der Geburtssymbolik der Volksaberglaube, der die menschliche „Nachgeburt” betrifft Neben diesen und ähnlichen Ergänzungen nach der kul- turhistorischen Seite hat aber auch der Stoff eine Vertiefung und Erweiterung im eigentlich psychologischen Sinne erfahren. Der Kern des Aussetzungesmythus, die Geburt aus dem Wasser, hat durch ausführliche Mitteilung der sogenannten „Ge- burtsträume” (S. 83 bis 96), des Kinderglaubens der Erwach- senen (S. 97 bis 101) und der Symbolik der antiken Welt (S. 101 ff,) eine so breite Basis gewonnen, daß sie sich für ein weiteres Stück psychologischer Mythendeutung als trag- fähig erwies.
Vor allem die an das Rettungsmotiv anknüpfende Sint- flutsage (S. 134 f.) mit ihren Fortbildungen (Verschlingungs- mythe) und Ausläufern (Glücksmärchen, S. 138 f), auf die in der ersten Auflage bloß hingedeutet war, ist hier in den gebührenden Znsammenhang gestellt, wenngleich dadurch viel- leicht die Kontinuität des Hauptthemas leidet, Endlich sind auch die individual-psychologischen Streif- lichter am Schluß der Arbeit etwas stärker aufgesetzt und durch Hinweis auf die den Familienroman ergänzende Rettungs- phantasie klarer gemacht worden (S. 158).
Das eigentliche Material der Heldenmythen selbst wurde nur um wenige Zusätze vermehrt, von denen hier besonders auf Dionysos (S. 30), Kullerwo, diesen interessanten Vorläufer Hamlets (S. 48), Trakhan (S. 50) und Tristan (5. 70) hinge- 4 VORWORT. wu ee SEE wiesen sei; auch auf die Ergänzungen zu Sargon (S. 16) und Moses (S. 19) sei noch aufmerksam gemacht.
Die vor dreizehn Jahren publizierte Arbeit des Verfassers erschien im Jahre 1913 im „Journal of Nervous and Mental Disease” in erweiterter und verbesserter Form in englischer Sprache, übersetzt von den Doktoren Robbins und Jelliffe (Buchausgabe in „Nervous and Mental Disease Monograph Series”, Nr. 18, New-York 1914).
Im Frühjahr 1915 plante Herr Professor M. Levi- Bianchini (Salerno) eine italienische Übersetzung, die jedoch infolge der Kriegsverhältnisse erst kürzlich herausgegeben werden konnte („Biblioteca Psicoanalitica Italiana”, Nr. 4, Nocera Inferiore, 1921); ihr liegt der gleiche Text wie der amerikanischen Ausgabe zugrunde.
So recht im Gegensatz zu_diesem äußeren Erfolg der Arbeit muß konstatiert werden, daß die eigentliche Fachwissen- schaft, der sie dienen sollte, ihr bisher ziemlich verständnislos gegenübergestanden hat. Wenigstens ist dem Verfasser keine Stimme bekannt geworden, die das Gegenteil bewiesen hätte. Vielmehr ist an den wenigen Stellen, wo sich in der offiziellen Wissenschaft eine Annäherung an die hier dargelegten Gesichts- punkte zeigt, eine Vorsicht bemerkbar, die von einer sonder- baren Auffassung wissenschaftlicher Forschung zeugt, deren Aussterben wir geduldig abwarten können.
Und so möge es denn nicht als Anmaßung ausgelegt werden, wenn die Leser, die an einer Weiterverfolgung der in dieser Arbeit dargelegten Ideen interessiert sind, auf die seither erschienenen mythologischen Publikationen des Verfassers, ins- besondere auf: „Die Lohengrinsage” (1913), „Das Inzest- motiv in Dichtung und Sage” (1912) und Psychoanaly- tische Beiträge zur Mythenforschung” (1919) hingewiesen werden.
Mödling, im Sommer 1921. Dr. Otto Rank.
I.
Fast alle bedeutenden Kulturvölker, wie die Babylonier, Ägypter, Israeliten, Inder, Iranier, Perser, Griechen, Römer Germanen und andere, haben uns Überlieferungen hinterlassen, in denen sie frühzeitig ihre Helden, sagenhaften Könige und Fürsten, Religionsstifter, Dynastie-, Reichs- und Städtegründer kurz ihre Nationalheroen, in zahlreichen Dichtungen und Sagen verherrlichen. Besonders dieGeburts-undJugendgeschichte dieser Übermenschen erscheint mit phantastischen Zügen aus- gestattet, deren verblüffende Ähnlichkeit, ja teilweise wörtliche Übereinstimmung bei verschiedenen, weit getrennt und völlig unabhängig voneinander lebenden Völkern längst bekannt und vielen Forschern aufgefallen ist.
Die Frage nach dem Grunde solcher weitgehenden Ana- logien in den wesentlichen Grundzügen der mythischen Er- zählungen, die durch die Übereinstimmung gewisser Details. und durch deren Auftreten in fast allen Mythengruppen noch rätselhafter erscheinen,. ist ein Hauptproblem der Mythen- forschung geworden und auch noch bis heute Problem ge- blieben. Die mythologischen Theorien, die es unternommen haben, eine Erklärung dieser auffälligen Erscheinung zu geben, lassen sich im großen nach drei Hauptgesichtspunkten grup- pieren!): 1. Die von Adolf Bastian (Das Beständige in den Menschenrassen und die Spielweise ihrer Veränderlichkeit, Berlin 1868) aufgestellte „Völkeridee”, eine Theorie der Ele- 1) Eine kurze und ziemlich vollständige Übersicht über die allgemeinen Theorien der Mythologie und ihre Hauptvertreter findet man in Wundts Völkerpsychologie, Bd. II, Mythus und Religion, Teil I (Leipzig 1905), 8. 577 uff.
Rank, Der Mythus von der Geburt des Helden. 2, Aufl. 1 ee a ee en 2 DIE MYTHOLOGISCHEN THEORIEN mentargedanken, wonach die Übereinstimmung der Mythen aus der gleichförmigen Anlage des Menschengeistes und der zu allen Zeiten und an allen Orten innerhalb gewisser Grenzen gleichen Art seiner Betätigung notwendig folge; eine An- schauungsweise, die Adolf Bauer (Die Kyrossage und Ver- wandtes, in den Sitzungsber. der Wiener Akademie d. Wiss,, Bd. 100, 1882, S. 495 u. ff.) zur Erklärung der weiten Ver- breitung unseres Heldenmythus nachdrücklich geltend ge- macht hat; 2. das zuerst von Th. Benfey (Pantschatantra, 2 Bde., 1859) für die weitverbreiteten Parallelformen der Märchen aufgestellte Erklärungsprinzip der Urgemeinschaft, wonach die Märchen, an einem begünstigten Punkte der Erde (in Indien) entstanden, zunächst von den urverwandten (also den indogermanischen) Völkern aufgenommen, mit Beibehaltung der gemeinsamen Urzüge weiterentwickelt und in letzter Linie über die ganze Erde ausgestrahlt sein sollen. Die Anwendung dieser Er- klärungsweise auf die weite Verbreitung der Heldenmythen hat Rudolf Schubert (Herodots Darstellung der Cyrussage, Breslau 1890) durchgeführt; 3. die moderne Theorie der Wanderung oder Ent- lehnung, nach der die einzelnen Mythen von bestimmten Völkern (vornehmlich von den Babyloniern) ausgehen und dureh mündliche Überlieferung (Handelsverkehr etc.) oder literarische Beeinflussung von anderen Völkern aufgenommen werden sollen (man vgl. Eduard Stucken: Astralmythen, Leipzig 1896 bis 1907; besonders Teil V: Mose, und Heinrich Leßmann: Die Kyrossage in Europa; wissensch. Beil. z. Jahresbericht d. städt. Realschule zu Charlottenburg, Ostern 1906).
Es läßt sich leicht zeigen, daß die moderne Theorie der Wanderung und Entlehnung nur eine unter dem Einfluß un- vereinbaren Materials erfolgte Modifizierung der Benfeyschen Theorie ist. Ausgebreitete Untersuchungen neuerer Forscher haben es nahegelegt, daß eher Babylonien nicht Indien als die Urheimat der Mythen angesehen werden könne 1), und daß die een een ‘) „Sobald einmal alle Übereinstimmungen als Übertragungen gedeutet werden, wird man jeweils in das Gebiet, dessen Kultur als die ältere eilt, UND IHRE SCHEINBARE GEGENSÄTZLICHKEIT. 3 mythischen Erzählungen übrigens auch nicht von einem Punkt | ausgestrahlt, vielmehr kreuz und quer über die ganze bewohnte Erde gewandert sein dürften. Während also der Gedanke der | Abhäneigkeit mythischer Gebilde voneinander, ein Gedanke, | den Braun!) als „Grundgesetz der menschlichen Geistesnatur” dahin verallgemeinerte, daß „nie etwas erfunden werde, solange man kopieren könne”, derart in den Vordergrund gerückt wurde, schien dagegen die vor mehr als 25 Jahren von Bauer nachdrücklich vertretene Theorie der Elementargedanken in ‘ Verfall zu geraten. Nicht nur Schubert, wie es scheint ein persönlicher Gegner Bauers, sondern auch die modernsten Forscher, wie namentlich Winckler und Stucken, lehnen sie bedingungslos ab und halten an der Wanderung und Ent- lehnung fest. Mag sich nun diese auch in vielen Fällen nachweisen lassen, so muß man sich, wo das nicht gelingt, entschließen, auch andere Gesichtspunkte gelten zu lassen und darf sich den Weg weiterer Forschung nicht durch den in gewissem Sinne unwissenschaftlichen Standpunkt des sonst so verdienstvollen Wincekler versperren, der meint: „Wenn wir Menschen und ihre Erzeugnisse, die sich genau entsprechen, an weit ausein- ander liegenden Punkten der Welt finden, so müssen wir daraus schließen, daß sie dorthin gewandert sind. Ob wir wissen wie und wann, kommt für die Annahme der Tatsache selbst nicht in Betracht”?).
Wir können vor allem den scharfen Gegensatz zwischen den verschiedenen Theorien und ihren Vertretern durchaus nicht anerkennen, da neben der Elementargedankentheorie die Gesichtspunkte des gemeinsamen Urbesitzes und der Wanderung Raum haben. Im übrigen lautet ja das Problem in letzter Linie den Ursprung der mythologischen Vorstellungen verlegen, Diese Ansicht führt daher leicht zur allgemeinen Wanderhypothese” (Wundt, 1. c., 5. 509, Anmerkung). | | ı) Naturgesch. d. Sage. Rückführung aller religiösen Ideen, Sagen, Systeme auf ihren gemeinsamen Stammbaum und ihre letzte Wurzel. 2 Bde, 2) „Die babylonische Geisteskultur in ihren Beziehungen zur Kultur- entwicklung der Menschheit” (Bd. 15 der Sammlung: Wissenschaft u. Bil- dung), Leipzig 1907, 8. 47.
1* — 4 DIE AUFFASSUNG DER HISTORIKER, MYTHOLOGEN, ETHNOLOGEN.
nicht, woher und auf welche Weise der Stoff zu einem be- stimmten Volke gekommen sein mag, sondern woher er über- haupt stammt. Durch die genannten Theorien könnte nur die Mannigfaltigkeit und Verbreitung, nicht aber die Herkunft des Mythus erklärt werden. Wie sehr sich selbst Schubert, der erbittertste Gegner von Bauers Auffassung, dieser Einsicht nicht verschließen kann, zeigen Grundprinzip und Resultat seiner Schrift: daß nämlich alle diese mannigfachen Sagen auf ein einziges uraltes Vorbild zurückgingeen. Vom Ursprungdieses Vorbildes weiß er allerdings nichts zu sagen. Ebenso neigt aber auch Bauer, der auf Schuberts Ausführungen scharf repli- zierte!), dieser vermittelnden Auffassung zu, wenn er wieder- holt darauf hinweist, daß man trotz der mehrfachen Entstehung unabhängiger Erzählungen auch der weitgehenden und viel- verzweigten Entlehnung sowie der ursprünglichen Gemein- samkeit der Vorstellungen bei verwandten Völkern ihr Recht lassen müsse. Neben diesen Zeugnissen der Historiker hat auch ein Vertreter der modernen Mythologie, Heinrich Leßmann, in einer programmatischen Schrift: Aufgaben und Ziele der vergleichenden Mythenforschung (Mytholog. Bibl., Bd. I, Heft 4, Leipzig 1908) diesen vermittelnden Standpunkt, jedoch mit strengem Ausschluß der Annahme von Elementargedanken, ein- genommen, indem er anerkennt, daß Urverwandtsghaft und Entlehnung einander nicht ausschlössen. Von ethnologischer Seite ist das gemäßigte Urteil des frühverstorbenen Amerika- nisten Ehrenreich?) bemerkenswert, der „Wanderung, Ent- lehnung und selbständige Entstehung an sich gleichberechtigt und von jeher nebeneinander wirksam” erklärt. Neuestens hat auch Frazer?°), gerade mit Beziehung auf den uns hier be- schäftigenden Mythenkreis, seine auf reiches Material gegrün- dete Ansicht über dieses Problem dahin zusammengefaßt, daß er Entlehnung (Nachbildung) für ebensogut möglich halte wie 2) „Die allgemeine Mythologie und ihre ethnol. Grundlagen.” Leipzig °») The Folk-Lore in the Old Testament, London 1919.
2 } DAS PSYCHOLOGISCHE PROBLEM, 1) unabhängige Herkunft einer gemeinsamen Wurzel der Volks- phantasie (popular imagination). Er enthält sich jeder Ent- scheidung, verweist aber darauf, daß beispielsweise die indischen Parallelen, bei denen man schwerlich eine Kenntnis der semi tischen Quellen voraussetzen könne, doch mehr für die unab- hängige Entstehung zu sprechen scheinen.
Eine endgültige Entscheidung in dieser Frage, soweit sie überhaupt anzustreben oder zu finden ist, kann unseres Er- achtens nur die Psychologie auf Grund des Materials bringen, das Mythologen, Ethnologen und Historiker ihr liefern, deren völlige psychologische Unorientiertheit ihren Forschungen nur zum Vorteil gereichen könnte, wenn sie sich kein abschließendes Urteil anmaßten. Die psychologische Klärung des Problems hat Wundt angebahnt, der, für kompliziertere Motivüberein- stimmungen die Wanderung zugestehend, meint: „Für das Bild des mythologischen Denkens der primitiven Völker ist aber die Frage solcher vereinzelter Beimengungen relativ un- erheblicher, weil doch nur das dauernd festgehalten werden kann, was ihrer eigenen Stufe mythologischen Denkens entspricht.” (S. 62.) „Würden doch jene leisen Er- innerungen an vorausgegangene Erzählungen schwerlich aus- reichen, den gleichen Stoff neu zu gestalten, wenn nicht die Motive dazu selbst gegenwärtig blieben, die eben deshalb aber auch ohne solehe Assoziationen einen in den Grundmotiven übereinstimmenden Inhalt neu erzeugen können” (Völkerpsychol,, II. Bd., 3. Teil, 1909, S. 285). Jedenfalls bleibt das rein psycho- logische Problem der Entstehung des Mythentypus bestehen, dessen Lösung uns gleichzeitig in den Stand setzt, auch die auf dem Wege der Wanderung erfolgte Aneiznung eines Stoffes aus zureichenderen Gründen als dem des bloßen Wohlgefallens zu verstehen.
Wir wollen also gerade die Frage nach der Art der Ver- breitung dieser Mythen, welche die früher genannten Forscher eigentlich beschäftigt hat, zunächst ganz beiseite lassen und uns auf die Erklärung der Herkunft des Heldenmythus selbst be- schränken. Denn aus dem Material gewinnt man den Eindruck, daß — wie immer man sich zur Frage des Ursprunges dieser 6 KRITIK DER HIMMELSMYTHOLOGIE.
= mm en mythischen Erzählungen stellen mag — eine.seradezu auf- dringliche Tendenz besteht, alle heroischen Persönlichkeiten in das Schema einer bestimmten Geburtssage zu zwängen, eine Tendenz, die sogar noch bei zahlreichen Romanhelden unserer Zeit zum Ausdruck kommt. Es verliert damit die Entscheidung zwischen Wanderung und Neuschöpfung an Interesse und das Problem der Originität tritt mächtig in den Vordergrund, das der allerdings „lunar” beeinflußte Ehrenreich in die Frage faßt: „Warum werden die scheinbar so verschiedenen Märchen- und Mythenhelden magisch empfangen und geboren, warum werden sie in Kästen, Körbe, Futterschwingen, Krippen und Muschelschalen gelegt und in diesen oft dem Wasser über- geben?”!)
Ein solches Suchen nach den psychischen Motiven der Mythenbildung wird aber notwendigerweise auch über den Inhalt dieser Mythen tiefere Aufschlüsse geben müssen, als die in ihren fachlichen Gesichtskreis eingeengten Mythologen wahrhaben, die darin, der immer noch herrschenden natur- mythologischen Deutungsweise folgend, lediglich personifizierte Naturvorgänge sehen wollen, Der neugeborene Held ist etwa die junge, aus dem Wasser auftauchende Sonne, der sich bei ihrem Aufgeang Wolken hemmend entgegenstellen, die aber doch schließlich alle Hindernisse siegreich überwindet (nach Brod- beck, Zoroaster, Leipzig 1893, S. 138). Ob man, wie es die ersten Vertreter dieses Deutungsverfahrens taten, vornehmlich die atmo- sphärischen Naturerscheinungen heranzieht?) oder, wie neuere Forscher, die Mythen in einem engeren Sinne als Astralmythen auffaßt (vgl. Stucken, Winckler u. a.), ist kein so wesentlicher Unterschied wie den Vertretern dieser einzelnen Richtungen scheint. Auch können wir keinen Fortschritt darin erblicken, wenn die rein solare Deutung, wie sie hauptsächlich Frobenius vertritt®), bekämpft wird und man sich, wie G. Hüsing in seinen ı) Allg. Myth. 48.
2) Als ein besonders abschreckendes Beispiel einer Art dieses Ver- fahrens sei hier die unseren Sagenkreis streifende Arbeit des bekannten Naturmythologen Schwartz: Der Ursprung der Stamm- und Gründungssage Roms unter dem Reflex indogermanischer Mythen (Jena 1878) genannt. 3) Das Zeitalter des Sonnengottes. Berlin 1904.
- PN Ta nn m 1 3 A ET en Tr DER ALLGEMEIN-MENSCHLICHE INHALT DER MYTHEN. 7 Beiträgen zur Kyrossage (Berlin 1906), auf den von Siecke!) angebahnten Standpunkt stellt, alle Mythen seien ursprünglich Mondmythen gewesen, eine Anschauungsweise, die Siecke als die einzig berechtigte und evidente auch für die Auffassung der Geburtsmythen der Helden hingestellt hat?).
Wir ersparen uns hier eine Kritik dieser nur in einem gewissen Sinne zutreffenden, im ganzen aber doch unbefrie- digenden und einseitigen Erklärungsweise, da wir später aus- führlich auf die Deutung der Mythen selbst eingehen werden?) Wir sehen zunächst auch davon ab, daß uns die Himmels- mythologie keinen Einblick in die seelischen Motive der Mythen- bildung gewährt, und möchten vorläufig nur das Bedenken er- heben, ob die Zurückführung auf astronomische Vorgänge dem Inhalt dieser Mythen voll entspricht, oder ob nicht vielleicht eine menschliche Deutung weit klarere und natürlichere Ver- hältnisse ergäbe. Da ist es nun die vielgeschmähte Theorie der Elementargedanken, die uns in gewissem Sinne auf eine bisher fast gar nicht beachtete Seite der mythologischen Forschung hindrängt. Bauer gibt sowohl zu Beginn als auch am Schlusse seiner Arbeit dem Gedanken Ausdruck, daß es doch weit wahr- scheinlicher und näherliegend sei, den Grund für die durch- gängige Übereinstimmung dieser Mythen in ganz allgemeinen Zügen des menschlichen Seelenlebens als etwa in der Urge- meinschaft oder Wanderung zu suchen. Seine Annahme er- scheint uns um so berechtigter, als wir solche allgemein mensch- liche Seelenregungen in anderen Formen und auf anderen Ge- bieten wirksam gefunden haben. Für uns ergibt sich die Mög- lichkeit, an diese Idee wieder anzuknüpfen, von einer Seite 2), Ernst Siecke, „Hermes als Mondgott” (Mythol. Bibl., Bd. II, H.1), Leipzig 1908, S. 48. — Man vergleiche auch die teils lunare, teils solare, jeden- falls aber ganz einseitige Auffassung des Heldenmythus bei Gustav Fried- richs: Grundlage, Entstehung und genaue Einzeldeutung der bekanntesten germanischen Märchen, Mythen und Sagen, Leipzig 1909, S. 118.
3) Zur prinzipiellen Stellungnahme vgl. man des Verf, „Psychoanaly- tische Beiträge zur Mythenferschung” (Internat, Psa, Bibl. Bd. IV, bes, Kapitel I. Wien und Leipzig 1919.
E = 8 TRAUM UND MYTHUS, her, die der Mythologie längst nicht fremd geblieben ist, wenn- gleich sie sie nicht in ihrer vollen Bedeutung zu würdigen vermochte, weil die psychologischen Voraussetzungen fehlten: vom Traume. Die außerordentliche Bedeutung des Traumlebens für den Mythus war, wie P. Ehrenreich betont, zu allen Zeiten anerkannt. Nicht nur sollen bei einzelnen Naturvölkern, nach ihrer eigenen Angabe, Träume die einzige Quelle der Mythen- bildung sein, auch namhafte Mythologen wie Laistner, Mann- hardt, Roscher und neuestens auch Wundt haben die Be- deutung des Traumlebens,namentlich desAngst(Alp-)traumes, für das Verständnis einzelner Mythen- oder wenigstens Motiv- gruppen eingehend gewürdigt. ” Die ablehnendeHaltung der vorwiegend von der „Gesellschaft für vergleichende Mythenforschung” vertretenen modernsten mythologischen. Richtung gegen jeden Versuch, Traum und Mythus zueinänder in Beziehung zu bringen '), entspringt haupt- sächlich der Beschränkung der Parallelisierung auf die Alp- träume, wie sie Laistner in seinem beachtenswerten Buche „Das Rätsel der Sphinx” (Berlin 1589) versucht hat und aus der Unkenntnis der hier zu würdigenden Auffassung Freuds. Diese hat uns nicht nur die Träume selbst erst verstehen ge- lehrt, sondern auch ihre Vorbildlichkeit und innige Verwandt- schaft mit allen seelischen Phänomenen überhaupt, insbesondere mit den Tagträumen. oder Phantasien, mit dem künstlerischen Schaffen und mit gewissen Störungen der normalen Seelen- tätigkeit gezeigt. Ein gemeinsamer Anteil an allen diesen Produk- tionen fällt nämlich einer einzigen seelischen Macht, der mensch- lichen Phantasie, zu. Eben dieser Phantasietätigkeit sieht sich auch die genannte moderne Mythentheorie genötigt, einen — und vielleicht sogar den ersten — Rang in der Frage nach dem letzten Ursprung aller Mythen einzuräumen. Denn die Auf- fassung der Mythen im astralen Sinne oder noch präziser gesagt als „Kalendererzählungen” läßt, nach Leßmanns Zeugnis (a.a. O., S. 31 ff), mit Rücksicht auf „eine schaffende Phantasie der Menschheit” die Frage entstehen, „ob der erste Keim zum Ent- —) ie Mae. 33 u ge dor DIE MENSCHLICHE PHANTASIETÄTIGKEIT. 9 stehen derartiger Erzählungen eben in den Vorgängen am Himmel zu suchen sei oder ob umgekehrt fertige Erzählungen eanz anderen Ursprunges erst nachmals auf die Himmelskörper übertragen wurden”!). Den Einwendungen, die Leßmann selbst gegen die Wahrscheinlichkeit einer solchen Auffassung vorbringt, seien hier die positiven Zeugnisse Ehrenreichs und Wundts gegenübergestellt, die eine ursprüngliche Himmelsmythologie als unvollziehbare Vorstellung. zurückweisen. Ehrenreich (. ce. S. 104): „Sicherlich besinnt die mythologische Entwicklung auf irdischem Boden, insofern erstErfahrungen in der nächsten Umwelt gemacht sein müssen, ehe man sie in die himmlische Welt proji- zieren kann.” — Und Wundt führt (l.c. 8.282) aus: „Jene Theorie von der Entwicklung der Mythen, die sie zuerst am Himmel entstehen und dann in irgend einem späteren Zeitpunkte zur Erde wandern läßt, steht aber nicht bloß im Widerspruch mit der Geschichte des Mythus, die von einer solchen Wanderung nichts weiß, sondern auch mit der Psychologie der Mythen- bildung, die jene Translokation als eine innerlich unmögliche zurückweisen muß.” Wir hoffen in den folgenden Untersuchungen den Nachweis zu erbringen, daß die Mythen‘) nicht bloß irdischen (Ehrenreich), sondern — wie auch Wundt meint — psychischen Ursprungs sind, d. h. Gebilde der menschlichen Phantasietätig- keit, die sekundär auf die Himmelskörper mit ihren rätsel- haften Erscheinungen übertragen werden können. Dabei sollen die unverkennbaren Spuren, die diese Umdeutung in den 1) In diesem Sinne sagt Stucken (Mose $. 432): „Der von den Vor- fahren überkommene Mytlus wurde auf Naturvorgänge übertragen und naturalistisch gedeutet, nicht umgekehrt.” — „Die Naturdeutung selbst ist ein Motiv” (S. 633, Anm.). Ähnlich äußert Meyer (Gesch. d. Altert, II. 48): „In zahlreichen Fällen ist die in den Mythen gesuchte Natursymbolik nur scheinbar vorhanden oder sekundär in sie hineingetragen, wie sehr vielfach in den vedischen und in den ägyptischen Mythen, sie ist ein primitiver Deutungsversuch so gut wie die bei den Griechen seit dem 5. Jahrhundert aufkommenden Mythendeutungen.”
2) Für die Märchen macht sowohl in diesem wie auch in anderen wesentlichen Punkten Thimme den gleichen Standpunkt geltend wie es hier für die Mythen geschieht. Vgl. Adolf Thimme: „Das Märchen”, 2. Bd. der Handbücher z. Volkskunde. Leipzig 1909.
ee a 10 FREUDS DEUTUNG DER ÖDIPUS-MYTHE.
Mythen hinterlassen hat, wie die festen Zahlen u. a., in ihrer Bedeutung nicht herabgesetzt werden, obwohl es auch von diesen Zahlen keineswegs als ausgemacht giit, daß auch sie nicht menschlichen Ursprungs wären und erst später, eben dieser Bedeutung wegen, den Kalender- und Himmelsbereehnungen zugrunde gelegt worden seien!). Ä An einem der Sagenstoffe, die in die Gruppe der Hel- denmyihen gehören, ist bereits die Ableitung eines wesentlichen Bestandteiles aus einer allgemein menschlichen Quelle mit Erfolg geschehen. In seiner Traumdeutung?) hat Freud den Zusammenhang der Fabel vom Ödipus, dem das Orakel weissagt, er werde seinen Vater töten und seine Mutter heiraten, was er dann auch unwissentlich vollführt, mit den beiden typischen Träumen vom Tode des Vaters und vom geschlechtlichen Verkehr mit der Mutter aufgedeckt, Träumen, die auch heute noch viele Menschen haben. Es heißt dort vom König Ödipus: „Sein Schicksal ergreift uns nur darum, weil es auch das unserige hätte werden können, weil das Orakel vor unserer Geburt denselben Fluch über uns verhängt hat wie über ihn. Uns allen vielleicht war es beschieden, die erste sexuelle Regung auf die Mutter, den ersten Haß und gewalt- tätigen Wunsch gegen den Vater zu richten; unsere Träume überzeugen uns davon. König Ödipus, der seinen Vater Laios erschlagen und seine Mutter lokaste geheiratet hat, ist nur die \Wunscherfüllung unserer Kindheit”). Die hier sich offenbarende innige Verwandtschaft zwischen Traum und Mythus, die sich nicht nur auf den Inhalt sondern auch auf die Form und die Triebkräfte dieser beiden sowie vieler anderer -—- insbesondere krankhafter — seelischer Gebilde erstreckt, läßt die Auffassung des Mythus als „Massentraum” des Volkes, wie ich sie gelegent- 1) Hierüber handelt eine vom Verfasser vorbereitete Arbeit: „Mikro- kosmos und Makrokosmos.”
2) Wien und Leipzig 1900, S, 180 uff.
9) Auch die Fabel von Shakespeares „Hamlet” läßt nach Freuds Darstellung (a. a. OÖ.) eine ähnliche Deutung zu. Es wird sich später zeigen, wie mythologische Forscher die Hamletsage von ganz anderen Gesichts- punkten her in den Zusammenhang unseres Mythenkreises bringen.
“ En a Fe - Fr - NEIN a Aue; DIE PROJEKTION AN DEN HIMMEL. 11 lich angedeutet habe!), und die Übertragung der Methode und zum Teil auch der Resultate der Freudschen Traumdeutungs- technik auf die Mythen, wie sie Abraham in seiner Schrift: „Traum und Mythus?)” des nähern begründet und an einem Beispiel durchgeführt hat, vollkommen berechtigt erscheinen. Wir werden auch bei dem hier zu behandelnden Mythenkreise wieder die innigen Beziehungen von Traum und Mythus be- stätigt finden und die Aufschlüsse, die uns ihre Analogisierung bietet, reichlich benützen. Betrachtet man, was diesem psycho- logischen Verständnis gegenüber die naturmythologische Deutung, etwa der anstößigen Ödipusfabel, bietet: Ödipus, der seinen Vater mordet, seine Mutter heiratet und als blinder Greis stirbt, ist der Sonnenheld, der seinen Erzeuger, die Finsternis, mordet, der sein Bett mit der Mutter, der Abendröte, aus deren Schoß (der Morgenröte) er hervorgegangen ist, teilt, und der ge- blendet, als untergehende Sonne, stirbt?), so gewinnt man den Eindruck, als ob die Forscher, welche sich einer ausschließlich naturmythologischen Deutungsweise — gleichviel in welchem Sinne — bedienen, bei ihrem Bemühen, den ursprünglichen Sinn der mythischen Erzählungen zu ergründen, sich nicht ganz einem psychologischen Prozeß entziehen könnten, wie wir ihn auch bei den Schöpfern der Mythen annehmen müssen. Das Motiv, das sowohl die Mythenschöpfer als auch ihre Aus- leger zu demselben Vorgange veranlaßt hat, ist das nämliche.
Wir finden es bei einem der Begründer und Vorkämpfer der vergleichenden Mythenforschung und der naturmythologischen Deutungsweise, bei Max Müller, in seinen „Essays”*) ganz ) Rank: Der Künstler, Ansätze zu einer Sexualpsychologie, Wien und Leipzig 1907, S. 36 (2. u. 3. Aufl. 1918, S. 52).
2) Viertes Heft dieser Sammlung. Leipzig und Wien 1909. 2. Auf- 5) Siehe Ignaz Goldziher: Der Mythos bei den Hebräern und seine geschichtliche Entwicklung, Leipzig 1876, S. 125.
4) Band II der deutschen Übersetzung, Leipzig 1869, S. 143. — Auch Cox vertritt in seinem bekannten Werke „The Mythology of the Aryan Nations” den Standpunkt, daß die Mythen nur scheinbar so unsittlich seien, wenn wir sie aber naturmythologisch auffaßten, die anstößigen Züge ver- lören. — Auch für Siecke (Hermes als Mondgott, Leipzig 1908, S. 39) vermom do Er ln HR ij ep sis - En mE a on 12 DAS MOTIV DER PROJEKTION.
naiv ausgesprochen in dem Gedanken, daß ‚durch dieses Ver- fahren nicht bloß bedeutungslose Sagen eine eigene Bedeutung und Schönheit erhielten, sondern daß man dadurch einige der empörendsten Züge der klassischen Mythologie be- ‚ seitige und ihren wahren Sinn ausfindig mache”. Diese Em- pörung, deren Grund uns leicht verständlich wird, hindert natürlich den Mythologen anzunehmen, daß Motiven wie Inzest mit der Mutter, Schwester oder Tochter, wie Totschlag von Vater, Großvater oder Bruder, allgemein menschliche Phantasien zugrunde liegen könnten, die, wie uns Freud gelehrt hat, ihre Quelle im kindlichen Vorstellungsleben mit seiner eigen- artigen Auffassung der Außenwelt und ihrer Personen haben. Diese Empörung ist also nur die Reaktion auf die dunkel ge- ahnte peinliche Erkenntnis der Tatsächlichkeit dieser Verhältnisse, eine Reaktion, die dann die Ausdeuter der Mythen dazu drängt, zu ihrer eigenen unbewußten Rehabilitierung und zu der der ganzen Menschheit, diesen Motiven eine ganz andere Bedeutung unterzulegen, als sie ursprünglich hatten. Dieselbe innere Auf- lehnung läßt auch das mythenschaffende Volk nicht an die Möglichkeit solcher anstößigen Gedanken glauben und diese Abwehr ist wahrscheinlich der erste Grund zur Projektion dieser Verhältnisse an den Himmel gewesen. Denn die psycho- logische Beruhigung, die aus einer solchen Rechtfertigung durch Projektion auf äußere — möglichst entfernte — Objekte ge- wonnen wird, läßt sich vielleicht nachfühlen, sie ist aber kein