SigPhi · Otto Rank

Der Mythus von der Geburt des Helden

German

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Nach Mannhardt (Germanische Mythen, 255, wo man auch weitere Literatur verzeichnet findet) „ist die Ammenrede, daß die kleinen Wickelkinder aus dem Brunnen geholt werden, durch ganz Deutschland verbreitet”. Es gibt in Deutschland eine Menge „lokali- sierter Brunnen und Weiher, in denen die Ungeborenen als voll- ständig fertige Wesen hausen”®) und nur darauf warten, herausgezogen zu werden. So berichtet beispielsweise H. Pröhle „Aus dem Harz” (Zeitschr...d. Myth., I, 196 £.): „Den Kindern sagt man dort auch, daß sie bei der Geburt aus dem neuen Teiche geholt werden.

gg 1) Vgl. dieselbe Umkehrung der Bedeutung in der Wincklerschen Auffassung der Etymologie des Namens Moses (S,17, A.1) oder in der Sage von Hephästos, der nach Homer Ilias (XVIII, 396 uff,) wegen seiner Lahm- heit von der Mutter ins Meer geworfen wird, wo erneun Jahre in einer von Wasser umströmten Höhle verborgen blieb.

2) Reitzenstein: Der Kausalzusammenhang zwischen Geschlechts- verkehr und Empfängnis in Glaube und Brauch der Natur- und Kultur- völker, Zeitschr. f. Ethnol. 41. Jahrg. 1909, S. 644. — Ders., Storehenmärchen und eonceptio immaculata. Dokumente d. Fortschritts, 1910.

Rank, Der Mythus von der Geburt des Helden. 2. Aufl. 7 983 DER VOLKSGLAUBE U ee m m — en mn nr er u Solche Kinderteiche wird es bei uns wohl an jedem Orte geben. — Bei Schulenburg oben sitzt im Festenburger Teich die große Wasser- frau, die hat die Kinder bei sich im Teiche. Von da kommen sie in der Flut heruntergeschwommen und werden von den Leuten in Schulenburg aufgefangen.” — Im Wasser zu Elbingerode, wo der wilde Jäger alle sieben Jahre jagt, kommen die Kinder aus dem Teichloch (Mannhardt, S. 95) und ähnlich sollen sich in einem Wässerehen bei Stolberg an verschiedenen Stellen kleine Kinder gezeigt haben (Mannhardt, S. 205). Ebenso berichtet F. Woeste (Zeitschr. f. d. Mythol., II, 8. 90): „Von Kinderteichen und Kinder- brunnen sowie von Kinderbäumen ist in unserem Gebirgslande allerwegen die Rede. In Dielinghofen kommen die Kindlein aus dem Burdyke, was Bauernteich, aber auch Samenteich besagen kann. In Limburg nannte man mir den Milchbrunnen, anderen war es eine zur Flutzeit gefüllte Höhle unter dem Oegersteine. — Im Westen der Kolme wird dagegen meist gesagt: die Kleinen kommen aus einem hohlen Baume.” Aus Wasser, hohlen Bäumen oder Zubern kommen die Kinder auch nach dem von V. Zingerle (Zeitschr. £. d. Mythol., II, 345) aufgezeichneten Volksglauben. Aber auch eine in weit entlegenen Fernen, im indischen Archipel (Singapore) heimische Überlieferung kleidet den Geburtsvorgang in eine ähnliche symbolische Sprache. Nach Bab (Zeitsch. f. Ethnol., 1906, S. 281) erhielt die Frau des Rajah Besurjag ein auf einer Wasserschaumblase schwimmendes Kind. Am übereinstimmendsten mit dem Aussetzungs- mythus gibt der niederösterreische Volksglaube, den J. Wurth (Zeitschr. f. d. Mythol., IV, 140) mitteilt, die Herkunft der Kinder an: „Weit, weit im Meere da steht ein Baum, bei diesem wachsen die kleinen Kinder. Sie sind mit einer Schnur an dem Baume ange- wachsen, wenn das Kind reif ist, so reißt die Schnur ab und das Kind schwimmt fort. Damit es aber nicht ertrinkt, so ist es in einer Schachtel und mit dieser schwimmt es nach dem Meere herab, bis es in einen Bach kommt, Nun läßt unser Herrgott ein Weib, welchem er das Kind zugedacht hat, krank werden. Da wird der Arzt geholt. Diesem hat es unser Herrgott schon eingegeben, _ daß das kranke Weib ein kleines Kind bekommen wird. Er geht daher hinaus zum Bache und paßt da so lange auf, bis endlich die Schachtel mit dem Kinde herabgeschwommen kommt, welche er VON DER HERKUNFT DER KINDER. 99 a m Fr ne auffängt und dem kranken Weibe bringt. Und auf solche Weise be- kommen alle Leute die kleinen Kinder.” (Trumau.) Wie hier das neugeborene Kind vom Geburtshelfer aus dem Wasser gezogen wird, so heißt es ähnlich in der Sage vom „Frau Hollen Teich” (Grimm, D. 8, I, 7): „Die neugeborenen Kinder stammen aus ihrem Brunnen und sie trägt sie daraus hervor.”

In Ostfriesland werden ähnlich die Kinder aus den Mooren geholt. Die Eltern fahren dahin in gläsernen Kutschen, von denen freilich manchmal eine umfällt; dann bricht Mutter das Bein und muß ins Bett. Die Kinder liegen da unter den Flinten (erra- tische Blöcke) oder unter den Plaggen (Torfschollen), Zwillinge natürlich unter besonders großen, Das gilt als unbestreitbare Wahrheit, die noch dadurch verstärkt wird, daß „van d’mo’er” den Doppelsinn hat: vom Moor und auch von der Mutter. Da aber in Ostfriesland doch nicht alles Moor ist, so kommen auf den Inseln die kleinen Kinder „ut de Dünen”, und die Emder holen sie aus dem Nesserlander Kinderborn. Die Eltern fahren dorthin auf ihrem Schiffe, der Vater umschreitet den Born dreimal, worauf daraus ein Demantschifflein emportaucht, dem er das Kind entnimmt: Das Nesserland war der einzige Rest von den im Dollart untergegan- genen Ortschaften, deren Trümmer noch bis um 1600 gelegentlich bei Ebbe wieder sichtbar wurden (Die Gartenlaube, 1912, H. 6, „Aus dem Stein oder Brunnen werden die Kinder durch den. Storch abgeholt und den Müttern gebracht” (Mannhardt, G. M,, Bei Weilburg an der Lahn stehen im Walde der gegenüber- liegenden Höhen, geheimnisvoll von dichtem Fichtengehölz umgeben, drei immer verschlossene, im Hufeck zueinander gerichtete Häuser, in denen das Wasser angesammelt wird, das die Brunnen speist. Man nennt sie Brunnenhäuser und die Jugend weiß, daß darin die kleinen Kinder auf dem Wasser schwimmen und der Storch sie von dorther holt. — „Zu Scheidingen, in der Gegend von Werl, holt der Storch die Kinder aus dem Teiche auf der Werler Voede. In Erfurt holt der Storch die Kinder aus dem Kessel, einer Ver- tiefung beim Wallgraben, zu Halberstadt aus der Klüs” (Mann- hardt, S. 257). — Ein in Dietzenbach und Umgegend „ar den Storch nr 100 DIE HERKUNFT DER KINDER.

Pe er EEE EEE "| er als Kinderbringer” gerichtetes Lied (Zeitschr. f. d. Mythol,, I, 475) lautet: „Stork stork steine mit de lange beine, mit de korze knie! Jungfrau Marie hat e kind gefunne in dem kleine Brunne, wer solls hebe? —” In Köln werden die Kinder aus dem Brunnen der St. Kunibertskirche geholt. Dort sitzen sie um die Mutter Gottes herum, welche ihnen Brei gibt und mit ihnen spielt. In Jugenheim an der Bergstraße sitzt Maria mit Johannes im Brunnen, geigt den darin befindlichen Kindern und spielt mit ihnen (Golther, Handb. d. germ. Mythol.). Auf den „Ammenglauben” der Herkunft aus dem Wasser stützen sich auch zahlreiche Kinderreime und -liedchen, die A. Landau (Zeitschr. d. Vereins f. Volksk., IX., 8. 72 ff.) anführt. Weitere folkloristische Belege findet man in der volkskundlichen Zeitschrift „Am Urquell”, hg. v. F. S. Krauss, Bd. IV bis VI in der Rubrik „Woher stammen die Kinder?”

Aber auch „im Märchen wird die Geburt des Menschen öfters als ein Heraufholen des Kindes aus einem Brunnen oder einem See dargestellt” (Thimme, Das Märchen, 8. 157). Für ge- wöhnlich wird diese Aufgabe dem Storch zugeschrieben, wie z. B. im Märchen von den „Beiden Wanderern” (Grimm, K. H. M,, Nr. 107), wo der diensteifrige Storch das besorgte Schneiderlein, das dem König einen Erben herbeischaffen soll, mit den Worten beruhigt: „Schon lange bringe ich die Wickelkinder in die Stadt, da kann ich auch einmal einen kleinen Prinzen aus dem Brunnen holen. Geh heim und verhalte dich ruhig. Heute über neun Tage begib dich in das königliche Schloß, da will ich kommen.” Zur bestimmten Stunde kommt der Storch mit einem Knäblein im Schnabel durchs Fenster in den königlichen Palast geflogen und lest der Königin ein schönes Kind auf den Schoß.

Der sleiche Glaube findet sich bei den Naturvölkern. Von den zentralasiatischen Stämmen wird berichtet, daß „sie glauben, ein Pflanzengeist fahre in das Weib ein; er haust in einem großen Wald oder in der Wassertiefe, wie in unserem Volksglauben. Bei den Australiern war die Heimat der Kinder der Wald, Steine oder Wassertümpel, während wir bei den Mexikanern ein vollständig ausgebildetes Kinderreich, ein Seelenland, finden. Aber auch die hilfreichen Geburtstiere, welche nach Art unseres Storches die Befruchtung bewirken, kennen die Australier; es sind Schlange, DIE GEBURTSSYMBOLIR. 101 Brachschnepfe und Känguruh. Bei den Indern spielt der Ibis die gleiche Rolle, bei den Japanern der Kranich, bei den Mexikanern der rote Löffelreiher und in ganz Vorderasien war es die Taube, die später als heiliges Tier der Liebesgöttin galt und noch bei der conceptio immaculata der Maria eine ähnliche Rolle spielt, wie auch in der Sage der Semiramis. Am Cape Grafton glauben die Einge- borenen, wie Roth erzählt, daß die vollständig ausgebildeten Kinder der Mutter von einer Taube im Traume gebracht werden (Reitzen- stein, $. 668). Bei den Germanen und in verschiedenen anderen euro- päischen Ländern hat bekanntlich der Storch diese Aufgabe über- nommen, woher er seinen alten Namen adebar = Kinderbringer hat; neben ihm waren in früherer Zeit die Schlange und der Hase beteiligt, während er in den Ländern des Nordens durch den Schwan ersetzt wurde.

Überall zeigt sich also die gleiche symbolische Darstel- lung des Fruchtbehälters, des Mutterleibs, als Brunnen, Kessel, Graben, dunkle Höhle und hohler Baum, welche regel- mäßig auch „als Wohnsitz der ungeborenen Seelen gedacht werden” (Mannhardt, S. 255), des Fruchtwassers als Teich, See oder Quelle (Brunnen)!) und endlich des männlichen Retters aus diesem Urgefängnis in Gestalt des Storches*) oder eines anderen Tieres, das gleichzeitig als Seelentier gedacht wird. ‘) Belege zur Quelle als Symbol der vulva siehe bei Storfer: Marias jungfräuliche Mutterschaft, Berlin 1914, S. 117! und L. Levy in Zeitschr, f. Sex. Wissenschaft. I, 318, 2) Vgl. Kleinpaul (Die Lebendigen u.d. Ioten, S, 112£.) über den „Sinn dieser weiteren Phantasie, der Brunnen der Mutterschoß und nun vollends der Storch, der rotbeinige Storch, der Kinderbringer, an den die Gelehrten so viel Tiefsinn gewandt haben, nichts weiter als ein launiges Bild, für das gern mit einem langen Halse, einer Gans oder einem Storche verglichene Organ gewesen, das die kleinen Kinder tatsächlich aus dem Mutterleib herausholt,. Wer nicht auf den Kopf gefallen ist, der hört in diesem Falle eben die Kinder fragen: wo kommen denn die kleinen Kinder her? — Und die Eltern verblümt antworten: der Storch hat sie gebracht. Was fehlt denn der Mutter, daß sie sechs Wochen lang nicht aufsteht? — Der Storch hat sie ins Bein gebissen. Unnölig ein Mehreres darüber zu verlieren” — Ähnlich eindeutig faßt auch F. 5. Krauss die Storch- fabel auf.

ee U 102 DER ZWILLINGSBRUDER.

E 5 ee ee Te ee — mn So erweist sich also die scheinbar in absichtlicher Erfindung den Kindern aufoktroyierte Fabel von der Herkunft der Kinder als uralter, im primitiven Vorstellungsleben wurzelnder Rest ehemaligen Volksglaubens!) und die symbolische Er- fassung dieser rätselhaften Vorgänge, die in gleicher Weise der Aussetzungsmythus wie unsere nächtlichen Traumschöpfungen zeigen, scheint sich mit unleugbarer Gesetzmäßigkeit weniger typischer Ausdrucksmittel zu bedienen.

Wollte man trotz dieser überwältigenden Beweise für die Geburtssymbolik an ihrer Gültigkeit für den Heldenmythus noch zweifeln, so müßte einen die Verwendung eines weiteren physiologischen Faktums vollkommen überzeugen, da es dar- zutun scheint, daß kein Detail des Geburtsvorganges un- berücksichtigt geblieben ist, wenn auch seine ursprüngliche Bedeutung bei der allmählichen Ausgestaltung der Helden- mythen vor logisch einwandfreien Rationalisierungen oder sentimentalen Sublimierungen verblaßte. In manchen Helden- mythen wird die Rettung des Neugeborenen nur dadurch er- möglicht, daß an seiner Stelle ein anderes — wie es heibt „totgeborenes” — Kind den auf diese Weise getäuschten Ver- derbern untergeschoben wird, wie z. B. in der Kyrossage; dieses Ersatzkind wird dann auch meist mit dem königlichen Gewand des Heldenkindes bekleidet und in allen Ehren an seiner Stelle bestattet. Andere Male spielt dieses Nebenkind eine etwas akti- vere Rolle, indem es als Zwillingsbruder des Helden auftritt und einen’ Teil seines Schicksals in schattenhaften - mit- erlebt. Das klassische Beispiel für diesen Typus ist die Dios- kurenlegende, die nach der Überlieferung des Apollodorus 1) Auch der Mythologe Usener faßt diese Überlieferungen im rein menschlichen Sinne (Die Sintflutsage.. „Man kann sagen, daß das Bild noch in unseren heutigen Vorstellungen fortlebt, Was unsere Kinderwelt über das Rätsel der Geburt hört und denkt, ist eine willkürliche Fort- bildung des alten mythischen Bildes. Es ist allgemeiner Kinderglaube, dab die kleinen Kinder vom Storch gebracht werden. Der Storch ist ein Wandervogel, er kommt aus geheimnisvoller Ferne, in die man das wunder- bare Wasser verlegen mag, aus dem der Storch die kleinen Kinder fischt, die er bringt und der Mutter in den Schoß legt.”

ge EHER DIE DIOSKURENLEGENDE. 103 a ss ee m gm rn — (III, 10, 7) und Hyeins (Fab. 80) berichtet, wie Leda, die Mutter der Dioskuren, in einer und derselben Nacht von Zeus und von ihrem Gemahl Tyndareos begattet wird; der eine der Zwillinge, Polydeukes, ist daher vom Beginn zur Unsterb- lichkeit bestimmt, der andere, Kastor, ist sterblich. Der gleiche Gegensatz des göttlichen und unsterblichen Helden zu seinem menschlichen und sterblichen (Zwillings-) Bruder, der gleichsam ein abgeblaßtes und schattenhaftes Nebendasein führt, blickt im Verhältnis des Herakles zu Iphykles wie in einer Reihe anderer mythischer Gestalten durch und hat in weiterer Aus- gestaltung zu den Brüdermärchen geführt, in denen noch der Jüngste und Schwächste seine Vordermänner überflügelt.

Diese Dioskuren oder göttlichen Zwillinge sind jedoch nicht, wie noch Gruppe!) behauptet, nur bei den Indogermanen zu finden (Griechen, Indern, Litauern), sondern bilden eine der verbreitetsten mythologischen Erzählungsformen. Wie nament- lich Ehrenreich?) nachgewiesen hat, gehören sie bei den Naturvölkern zum regelmäßigen Bestand der mythischen Er- zählungen. Dieses typische Motiv — manchmal kombiniert mit dem Streit der noch ungeborenen Zwillinge im Mutterleib — im Verein mit dem der magischen Empfängnis und Geburt, wieder- holt sich über das ganze amerikanische Gebiet hin, wobei in den entwickelteren Mythologien der Nordamerikaner und Poly- nesier das Zwillings- oder Bruderpaar in mehrere genealogisch zusammenhängende Gruppen aufgelöst erscheint. „Ein merk- würdiger, noch unerklärter, in Amerika mehrfach vorkommender Zug ist der, daß nur einer der Brüder göttliche Qualitäten hat, während der andere rein menschlich gedacht ist. Sein Vater ist ein Mensch, der die gottbefruchtete Mutter zum zweiten Male schwängert. Demgemäß hat dieser zweite Sohn schwächeren Charakter und menschliche Unvollkommenheiten”?).

Nun verrät uns ein Zug in den Sagen der Naturvölker, den Ehrenreich ohne das Verständnis seiner Bedeutung: über- liefert, die Erklärung dieses sonderbaren Motivs, das nur im Rahmen unserer Auffassung des Mythus von der Geburt des Helden sinnvoll wird. „Das Motiv erscheint auch in der Form, daß der zweite aus der weggeworfenen Nacheeburt des ersten entsteht. Dieser ‚Nachgeburts-Knabe’ ist eine der häufigsten Sagenfiguren der Prärie-Indianer” (Ehrenreich, S. 239). Diese Vorstellung klingt für uns noch sonderbar genug, wenn wir sie in der Überlieferung selbst vorfinden, verliert aber im Zu- sammenhang unserer Deutung sogleich alles Befremdende. Wie so oft bietet uns auch hier das Folklore offenkundig als — allerdings unverstandene — Überlieferung dar, was wir sonst mühsam aus der Symbolik das Unbewußten entziffern müssen’).

Die mit der Nachgeburt verbundenen abergläubischen Vorstellungen fast aller Natur- und der meisten Kulturvölker, zeigen die Beziehung zwischen dem Menschen und seiner Nachgeburt (samt dem zugehörigen Nabelstrang) als so innig, daß Glück und Unglück des Individuums für sein ganzes Leben daran geknüpft scheint, und zwar in der Weise, daß bei sorg- samer Bewahrung und Behandlung dieser ehemaligen Teile des Ichs dasselbe späterhin selbst erfolgreich wird, bei Verletzung oder Verlust der Nachgeburt dagegen gleicherweise leidet oder zugrunde geht. Frazer hat die entsprechenden Über- lieferungen mit der ihm eigenen Gewissenhaftigkeit gesammelt und gruppiert und wir lassen aus seinen Angaben die für unseren Zusammenhang: charakteristischen folgen?).

Im südlichen Celebes bezeichnet man Nabelschnur und Nach- geburt als Bruder respektive Schwester des Kindes. Man gibt sie in einen Topf mit Reis, damit sie zu essen haben (eine Begründung, die vielleicht den anderwärts ohne dieselbe geübten Brauch der Ver- wendung des Reistopfes erklärt). Wenn das (prinzliche) Kind zum ersten Male ausgeht, begleitet es der Reistopf mit seinen zwei Ge- schwistern, in ein Staatsgewand gekleidet und geschützt von einem 1) Auch der Witz darf ein Stück archaischer Denkweise wiederbeleben. Von einem beliebten Wiener Komiker wird erzählt, daß er einmal in guter Laune die Häßlichkeit eines Kollegen daher erklärte, es müsse bei dessen Geburt die Hebamme betrunken gewesen sein und statt des Kindes die Nach- reburt aufgezogen haben, 32) The Magic. Art, Vol. I, p. 182 ff. und Balder, Vol. Il, p. 160 ft.

Er u Z .

Ve BEE a gr Grm BEER: nr Er EEE en BE a Fu u — DIE NACHGEBURT BEI DEN PRIMITIVEN. 105 Sonnenschirm. Wenn der Prinz (oder Prinzessin) stirbt, wird die Nachgeburt beerdigt.

Die Kei-Insulaner im Südwesten von Neu-Guinea betrachten die Nabelschnur als Bruder oder Schwester des Neugebornen, je nachdem ob es ein Knabe oder Mädchen ist, In einem Topf mit Asche wird sie in die Zweige eines Baumes gelegt, damit sie ein wachsames Auge auf das Glück ihres Kameraden habe. Anderemal wird die Plazenta vergraben, im Wald verborgen oder in einer Höhle unter dem Hause weggelegt, wobei es sich mehr um die Idee der Ausschaltung schädlicher (dämonischer) Einflüsse als um die einer Bestattung zu handeln scheint.

Die Baganda in Afrika glauben, daß jeder Mensch mit einem Doppelgänger geboren ist, den sie mit der Nachgeburt identifizieren, indem sie dieselbe als ein zweites Kind betrachten. Die Nabelschnur spielt auch eine Rolle bei der Namengebung und heißt selbst „Zwilling” (mulongo),. Des Königs Nabelschnur oder „Zwilling” wird in ein Kinderkleid gewickelt, mit Perlen geschmückt, und wie ein Mensch behandelt; sie wird der Obhut des Kimbugwe anvertraut, des zweiten Beamten im Lande, der ein eigens dafür gebautes Haus hat. Jeden Monat, sobald der neue Mond am Himmel erscheint, führt der Kimbugwe das Bündel, das den Zwilling enthält, in feier- licher Prozession mit Musikbegleitung zu des Königs Behausung. Der König untersucht es und gibt es ihm hierauf zurück. Bei des Königs Tode wird sein „Zwilling” zugleich mit ihm beigesetzt, Sein Geist wohnt in beiden Überbleibseln.

Bei den Batas auf Sumatra sowie bei vielen anderen Völkerschaften des indischen Archipels, gilt die Plazenta als des Kindes jüngerer Bruder oder Schwester und wird unter dem Hause begraben.

Manchmal lassen die Frauen im Innern von Java die Plazenta, umgeben von Früchten und Blumen und beleuchtet mit kleinen Lichtern den Fluß abwärts in die Dämmerung des Abend schwimmen als Speise für die Krokodile oder eigentlich ihrer Vorfahren, deren Seelen sie sich in diesen Tieren hausend denken. | Einige primitive Inselvölker werfen die Nachgeburt feierlich ins Meor; sie wird gut zugedeckt, in einen "Topf gegeben und in einem Boot ins Meer ausgesetzt. In dem Topf wird eine Öffnung semacht, um ihn zum Sinken zu bringen, 106 DER SINN DER NACHGEBURTSBRÄUCHE.

ur ng ur Bei den Maori wird vor der feierlichen Namengebung die Nabelschur an einem heilisen Ort begraben und ein junger Schößling darüber gepflanzt. Wenn das Bäumchen gedeiht, ist dies ein gutes Zeichen für das Leben des Kindes, Ähnlich ist auch bei den Fidji- Insulanern das Leben eines Knaben aufs engste mit dem des Baumes verbunden, der mit der Nabelschnur zugleich in die Erde gesetzt wurde. Die Nabelschnur von Mädchen wird bei den Fidji beim ersten Fischen nach der Geburt von der Mutter (oder Schwester) ins Meer geworfen, damit das Kind ein gutes Fischerweib werde.

Bei den Kooboos, einem primitiven Stamm auf Sumatra, ist die Idee der Nachgeburt mit dem Nabelstrang als eines seelischen Doppelgängers schr stark; sie werden als Bruder respektive Schwester des Kindes betrachtet und gelten als geistig höher entwickelt, weil ihr Körper unentwickelt geblieben ist; sie sind Schutzgeister fürs eauze Leben, an die die Kooboos immer denken, wobei sie die beiden als eines auffassen und benennen.

Kommt in diesen magischen Bräuchen der Primitiven die Bedeutung der Nachgeburt als eines zweiten Wesens mit vorwiegendem Schutzgeisteharakter zum Ausdruck, der deutliche Beziehungen zur Vorstellung von der Körperseele aufweist‘), so zeigen die ähnlichen abergläubischen Ideen, denen wir in Europa begegnen [bei Deutschen?), Engländern°), Ruthenen”), Italienern®)], weitere Rationalisierungen der unverstandenen Riten im Sinne des Fruchtbarkeitszaubers, in denen doch wieder ein Stück der ursprünglich verdrängten Bedeutung zum Vorschein kommen mag. Denn die Bräuche der Naturvölker, die im Sinne ihrer Dämonologie Böses vom Neugebornen abwenden sollen, können im Sinne der psychoanalytischen Auf- klärungen®‘) nur der eigenen Feindseliekeit der Eltern ent- 1) Siehe Rank: Der Doppelgänger. Imago III, 1914.

2) Frazer, l.ce.p. 198, sowie Ploss-Bartels: Das Kind ete. I], 15 ff., 2) G. Bellueei: La placenta nelle tradizione italiane e nell’ etnografia. Arch. per l’antropologia e la etnografia italiana. XL, 1910, No. 3—4. (Nach F,S. Krauß: Folkloristisches von der Mutterschaft, woselbst auch andere Nachgeburtsbräuche, insbesondere der Japaner, herangezogen werden.)

4) Vgl. Freuds Ausführungen über Magie und Allmacht der Gedanken. Imago II, 1913.

DIE BEDEUTUNG DES KÄSTCHENS. 107 springen und scheinen so dem phantasierten Familienroman des Helden Recht zu geben. Es kommt in ihnen jedoch schon das gleiche Kompromiß wie in diesem zustande, indem der bedrohte Heldenknabe durch Unterschiebung eines Ersatzopfers gerettet wird. Ja, mitunter decken sich Ritus und Mythus in weitgehendem Maße, so in den Bräuchen, wo die Nachgeburt im Wasser ausgesetzt — man möchte sagen freiwillig geopfert — wird, um dem Kinde selbst dieses Schicksal zu ersparen!). Aber nicht bloß in den Sagen und Bräuchen der Primi- tiven verrät sich ein Stück der dem Heldenmythus zugrunde- liegenden Geburtssymbolik mit unzweideutiger Offenheit; es wird uns nicht wundernehmen, wenn sich mitunter auch in hochentwickelten Kulten der Antike da und dort ein Bruch- stück der primitiven Bedeutung ins Bewußtsein durchdrängt. Nur betrifft es einmal dieses, ein andermal nur jenes Detail der Überlieferung, das dann besonders scharf betont erscheint. So ist beispielsweise das uns aus zahlreichen Träumen in seiner weiblichen Bedeutung bekannte Kästchen im griechischen Kultus offen im gleichen Sinn verwendet, den es unserer Deutung nach im Aussetzungsmythus auch inne hat. Im ur- alten Zeremoniell der Hierogamie wurde die goldene Phallus- schlange, der die Virginität geopfert wurde, im Kästchen ge- borgen und in den Mysterien zu Athen uud Eleusis wurde der eöttliche Phallus im Kästchen oder Körbchen verschlossen, als geheimes Kleinod in feierlicher Prozession herumgetragen?). Gleicherweise vertritt in den uns beschäftigenden mpythischen Erzählungen das Kästchen den bergenden Mutterschoß. Schon Gruppe (Griech. Mythol. 1171) weist darauf hin, daß in der Zn er 1) So begründen manche Stämme den Brauch, die Nachgeburt ins Meer zu werfen, damit, daß das herangewachsene Kind beim Seefahren der Gefahr des Ertrinkens entgehe.

2) Auch hier ist — Ähnlich wie bei der Jesuslegende (s. S. 61, Anmkg. 1, Schluß) — die Religionswissenschaft unserer psychologischen Deutung nach- gehinkt. So hat der Altphilologe A. Körte erst die Apologeten und Kirchen- väter, die sich nieht scheuen, die antiken Dinge beim rechten Namen zu nennen, bemühen müssen, um zu erweisen, daß die rätselhafte Cista mystica der eleusinischen Mysterien ein Symbol des weiblichen Schoßes darstelle (Arch. f. Rel. Wiss. XVIII, 1915, 5. 116).

108 WEITERE GEBURTSSYMBOLE. Tennes-, Erichthonios-, Perseus-, Moses-, Noah- u. a. Saren die den Helden bergende Kiste auf das Ritual der Gottesgeburt hindeute!). Dasselbe scheint für die Legende von Baechus zu gelten, der nach Pausanias (III, 21) durch Aussetzung in einer Kiste im Nil der Verfolgung des Königs entzogen und drei Monate alt, von einer Königstochter gerettet wird, was auffällig an die Mosessage erinnert?). 4 In einzelnen amrerikanischen Überlieferungen (s. Ehren- reich I, e. 8. 81) wird das Gefäß, aus dem der junge Held bei der Geburt hervorkommt, direkt mit einer dunklen Blutmasse ge- füllt gedacht; andere Male wieder ist es die Zeitangabe, die ziemlich deutlich auf die Schwangerschaftsdauer hinweist, wie im Mythus von Ares, der (nach Ilias, 5, 387) 13 Monate lang gefesselt im ehernen Fasse lag, das Böcklin (Die Unglücks- zahl 13, S. 15) dem Kasten, der Schachtel, der Arche gleichsetzt. Oder wie bei Deukalion, dem griechischen Noah, der 9 Tage und Nächte im Kasten auf dem Wasser schwimmt). Andere Überlieferungen scheinen direkt den rein animalischen Vorgang der Geburt zu betonen, indem sie die enge Beziehung des Helden zu einem tierischen Seeungeheuer in den Vordergrund rücken, das den Helden verschlingt und wieder ausspeit (Jona- Typus). In einer Reihe hellenischer Überlieferungen ist dann aus dem verschlungenen und wieder ausgespieenen Heros zuerst der ertrunkene und tot ans Land getragene, dann der über das stille Meer schlafend dahingeführte und endlich der auf dem Delphin reitende schöne Götterknabe (Arion) ge- worden, zu dem der auf dem Seepferd sitzende Melkart viel- leicht den ersten Anlaß gegeben haben mag (Schmidt, Jona, 1) Proelus vergleicht die Arche, die sich Noe aus Holz zimmerte, mit der Arche, die sich Christus, der geistige Noe, aus dem jungfräulichen Leibe Marias baute. — Hesychius bezeichnet Maria als „Arche”, breiter, länger, herrlicher als die Arche Noes. (Nach Storfer: Marias jungfräuliche Mutterschaft. Berlin 1914, 5. 109.)

2, Man vgl. auch den babylonischen Marduk-Tammuz-, sowie den ägyptisch-phönizischen Osiris-Adonis-Mythus bei Winckler: Die Welt- ansehauung des alten Orients (Ex Oriente lux 1, 1, S, 44) und Jeremias, ee Die WASSE RGEBURT. 109 In anderen Überlieferungen weist wieder der Name des Helden in verräterischer Weise auf den Sinn der Geburts- symbolik hin. So in der Sage von Kypselos, wie sie Herodot (V, 92 ff.) berichtet. Danach rettet Labda ihr Neugeborenes, von dem ein Orakel Unglück prophezeite, vor den Nachstel- lungen der Feinde im Mehlkasten „und weil er dieser Gefahr entflohen war, bekam er nach dem Kasten den Namen Kypselos oder Kastner”. Ähnlich konnte Leo (S. 24, Anmkg.) zeicen, daß der Name des englisch-langobardischen Seeäf nicht wie die rationalistische Etymologie meinte, mantpuwlus frumenti bedeute, sondern daß dieses Wort mit unserem hochdeutschen Schaffing verwandt ist: „da Seyld ein Scefing genannt wurde, liege die Vermutung nahe, er habe gar keinen Vater Sceäf oder Schaf gehabt, sondern sei selbst jener von den Wellen angetriebene Knabe gewesen, den man den Sohn des Fasses (Schaffing) nannte”. Und in gleichem Sinne hat Cassel (p. 43 f.) hervorgehoben: „Seild ist ein Sohn der Arche, des Schiffleins, des Kastens, in welchem er liegend ans Land kam. Althochdeutsch ist scef das Schiff; mit dem Namen für Gefäß ist es verwandt, skaf ist das Schiff und skef das Gefäß. Ähnlich ist das Verhältnis des lateinischen scapha. Die: Erklärung aus manipulus frumenti hat man offenbar erst in später Zeit aus dem Namen gemacht. — Auch aus dem Kasten Noahs, der ohne Segel und Ruder durch Gottes Vor- sehung behütet wird, steigt ein neues Geschlecht. Söhne Noahs und Söhne der Arche sind alle Menschen, die von ihnen stammen. Ein Kind seines Sehiffesist auch Seild der Sohn des Sceäf, das lehrt sein Name”!).

Eine noch weiter gehende Verallgemeinerung aber auch Verdeutlichung drückt sich in der Vorstellung der Wasser- geburt aus, die gleichsam das Aussetzungmotiv Kat’ exochen, die run an sich, darstellt. So wie der indische Äptya „der 1) Cassel verweist (Anmkg. 177) darauf, daß der Name Noalı mit den vielfachen Ausdrücken für Schiff verwandt ist: nau (Sanskrit), raüs, navis, vesın.

Auf die weibliche Bedeutung des Schiffes in den Augen der Seeleute hat Kleinpaul hingewiesen (S. 196).

110 WASSERTRÄUME ALS GEBURTSTRÄUME. aus dem Wasser geborene” heißt, oder wie der Scholiast zu Rigveda erklärt „der Sohn der Wasser” (Mannhardt: G. M,, S. 213); wie der vedische Purüravas (nach Schröder, S. 31) sagt: „die Wasserfrau brachte mir, was ich begehrte: geboren ward aus dem Naß ein edler Knabe”; wie Agni, der ein Enkel der Fluten (apäim napät) heißt; wie der nordische Gott Freyr, von dem uns die skandinavische Mythe bei Saxo die Wassergeburt erhalten hat (Mannhardt, S. 214, 221.); wie ferner der biblische Moses (nach Josephus Altt. II, ec. 6) auf Grund einer Volks- etymologie als der aus dem Wasser gezogene, als Sohn des Wassers erklärt wird; wie: das deutsche Märchen die Söhne des durch einen Wasserstrahl geschwängerten Mädchens Wasserpeter und Wasserpaul (Grimm, K. H. M., III, Nr. 60), Wassersprung und Brunnenhold nennt (Mannhardt: G. M,, S. 216 ff.)!): so wird auch der englisch-langobardische Sceaf als Sohn des Wassers (und des Gefäßes), in welchem er schwimmt, aufgefaßt: dies sind seine Eltern.

Eine direkte Bestätigung dieser aus der allgemein-mensch- lichen Symbolik geschöpften Deutung der Aussetzung im Wasser eibt uns das Material selbst an die Hand in dem Traum, den der Großvater — noch schlagender in der Ktesianischen Version die leibliche Mutter — des Kyros vor seiner Geburt träumt, ‚und worin aus der Schwangeren Schoß so viel Wasser fließt, daß es, einem ungeheuren Meere gleich, ganz Asien überschwemmt?). Überraschenderweise deuten die Chaldäer in beiden Fällen ganz richtig diese Wasserträume als Geburtsträume, wie ja diese Träume selbst gewiß aus der Kenntnis einer uralten, allgemein 1) Zur Wassergeburt des Märchenhelden vgl. man noch: Asbjörnson und Moe, übers, v,. Bresemann Nr. 5; K.H.M. Nr, 29; Meier, Märchen Nr. 79, S. 273; Pröhle, M.f.d. Jugend Nr. 8, S. 30 £.

2) Daß der Traum bei Herodot dem Großvater zugeschrieben wird, erscheint uns keineswegs als willkürliche Variante, denn in dem der Sage . zugrunde liegenden Familienroman ist es ein typischer Vaterrepräsentant, . dem ein mehr oder weniger symbolischer Traum Gefahr und Verderben vom ungeborenen Sohne (oder Enkel) prophezeit, Der Verknüpfung mit dem Groß- vater liegt, wie die entsprechenden Märchenüberlieferungen deutlich zeigen, das Motiv von dem seine Tochter eifersüchtig bewachenden Vaters zugrunde (vgl. dazu S. 124), trotz dessen Vorsicht der gefährliche Held zur Welt kommt.

_ ge ii: DER GEBURTSMYTHUS EIN TRAUMSTOFF. 111 r rn ———: GE ne gebräuchlichen Symbolik gebildet sind und einer dunkeln Ahnung der Beziehungen und Zusammenhänge, welche die Freudsche Traumlehre wissenschaftlich verifiziert hat.

Diese tieferfaßte Traumbedeutung scheint im Zusammen- hang mit dem stereotypen Vorkommen des warnenden "[raum- bildes im Heldenmythus -darauf hinzuweisen, daß wir es hier mit einem uralten Traumstoff!) zu tun haben, dessen Kern ceerade darum so gut von unserer wissenschaftlichen Traum- erkenntnis zugänglich wird. Eine weitere Bestätigung für die Berechtigung dieser Auffassung, welche Wassertraum und Aus- setzung gleichstellt, erblicken wir in dem Umstand, dab eben in der Kyrossage, die den Wassertraum enthält, das Motiv der Aussetzung im Wasser fehlt, so daß der Mythus den Ge- burtstraum einfach als real darstellt.

Nur darf man sieh beim tendenziösen Heldenmythus nicht an der Inkoneruenz in der Reihenfolge der einzelnen Elemente des symbolisierten Zurweltkommens mit dem wirk- lichen Geburtsvorgang stoßen. Diese zeitliche Umordnung, ja Umkehrung, erklärt sich, wie Freud gezeigt hat, aus der all- gemeinen Art, wie Erinnerungen zu Phantasien verarbeitet ‚werden: es erscheine nämlich in den Phantasien dasselbe Material verwendet, aber in durchaus neuer Anordnung, und auf eine natürliche Reihenfolge der Akte werde gar nicht Bedacht ge- nommen’).

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