i) Unter Umständen gebärden sich Darm und Blase, als hätten sie ihre Aufgaben vertauscht, was durch übertriebene Beeinflussung von antagonistischer Seite erklärlich wäre: bei der nervösen Diarrhoe wird der Darm von Urethralität überflutet, während bei der nervösen Harnverhaltung die Blase die vom Darm erlernte Hemmung übertreibt. In den Fällen, in denen ich in die Gründe solchen Verhaltens Einsicht bekam, handelte es sich um verkappte Äußerung des Trotzes. Es gelingt dem Kinde und dem neurotischen Erwachsenen, mittels Übertreibung die Erziehungsmaßnahmen ad absurdum zu führen.
I. Die Amphimixis der Erotismen im Ejakulationsakt 19 Flatus entleerte, unter dem fortwährenden Rufe: „egy csurr, egy pü — egy csurr, egy pu" f was in die deutsche Kindersprache übersetzt, etwa „einmal Pi, einmal Pup" heißen könnte.
Bei einigen Kranken gewann ich auch in die psychische Motivierung solcher Verquickungen Einsicht; so bekam ein wesentlich analimpotenter Patient nach jedem Stuhlabsetzen Depressionszustände, Verarmungsphantasien und Minder- wertigkeitsgefühle, die bei der nächsten Mahlzeit während des Essens von maßlosem Größenwahn abgelöst wurden. Dieser Fall zeigt uns, daß die beliebte Verknüpfung der Anal- mit der Oralerotik, das Kotessen, den Schmerz des analen Verlustes durch die Lust der Oral-Einverleibung wettmachen möchte.
Als Beispiele für die Verschiebung erotischer Qualitäten erwähne ich noch die von Freud beschriebene Verlegung der Klitoris-Erotik der Frau auf die Vagina, die Verlegung der Erektionstendenz auf Mamilla und Nasenmuschel, sowie die Neigung zum Erröten (Erektion des ganzen Kopfes) bei der die Genitalerregung verdrängenden Jungfrau.
Auch die sogenannten Synästhesien, bei denen die Er- regung eines Sinnesorganes die illusionäre Miterregung eines anderen mit sich bringt {audition coloree, vision acoustique, audition odoree etc.), legen nach den psychoanalytischen Er- hebungen, wie wir sie u. a. Pfister und Hug-Hellmuth verdanken, Zeugenschaft für das Vorhandensein erotischer Trieb vermengungen ab.
Alle diese zunächst zwanglos aneinandergereihten Be- obachtungen bestärkten mich in der vorgefaßten Meinung, daß der Ejakulationsakt ein Akt der urethroanalen Amphi- 20 Versuch einer Genitaltheorie mixis sei. Nun möchte ich aber versuchen, den Ablauf des ganzen Begattungsaktes samt den vorbereitenden und Vorlustbetätigungen von diesem Standpunkte aus zu be- trachten.
II DER BEGATTUNGSAKT ALS AMPHIMIKTISCHER VORGANG Wir wissen aus der,, Sexualtheorie", daß die infantil- erotischen Betätigungen im Begattungsakt des Erwachsenen als Vorlustbe tätigungen wiederkehren, daß aber beim Er- wachsenen die eigentliche Abfuhr der Erregung erst im Augen- blick der Ejakulation stattfindet. Während also dem Kinde das Ludein, das Schlagen und Geschlagenwerden, das Schauen und Geschautwerden volle Befriedigung gewähren kann, dient das Schauen, das Küssen, das Umarmen beim Erwachsenen nur dazu, den eigentlichen Genitalmechanismus in Gang zu bringen. Es ist, als ob hier keine dieser Er- regungen zu Ende geführt, sondern bei einer gewissen Stärke der Erregung auf einen anderen Erotismus über- leitet würde. Die genügend starke Erregung beim erotischen Schauen, Hören und Riechen drängt zur Umarmung und zum Kusse und erst bei einer gewissen Heftigkeit dieser Berührungsweisen kommt es zur Erektion und zum Immissions- und Friktions dränge, der in dem beschriebenen amphimikti- schen Ejakulatiosvorgange gipfelt. Man könnte förmlich von einer kurzen Wiederholung der geschlechtlichen Entwicklung in jedem einzelnen Geschlechtsakte sprechen. Es ist, als ob die einzelnen erogenen Zonen glimmende Feuerherde wären, 22 Versuch einer Genitaltheorie von einer Zündschnur miteinander verbunden, die schließ- lich zur Explosion der im Genitale aufgehäuften Trieb- energiemengen führt.
Wahrscheinlicher aber ist die Annahme, daß solche amphimiktische Trieb Verlegung nach unten nicht nur während des Genitalaktes, sondern zeitlebens stattfindet; ja diese Annahme hat auch das heuristische Argument für sich, daß wir uns mit ihrer Hilfe eine deutlichere Vorstellung von dem Sinne und dem biologischen Zweck des Zustande- kommens des Genitalprimats bilden können. Die Hauptetappen der Libidoentwicklung sind, wie wir wissen, die Entwicklungs- phasen vom Autoerotismus über den Narzißmus zur genitalen Objektliebe. Im autoerotischen Stadium dieser Entwicklung lebt sich die Sexualität jedes einzelnen Körperorganes oder Partialtriebes anarchisch, ohne Rücksicht auf das Wohl und Wehe des übrigen Organismus aus. Es mußte einen be- deutenden Fortschritt für die Leistungsfähigkeit, namentlich für die Nützlichkeitsfunktion der einzelnen Organe bedeuten, wenn es gelingt, die Sexualerregungen von ihnen immer wieder wegzuleiten und in einem eigenen Behälter aufzustapeln, aus dem sie periodisch abgeführt werden. Gäbe es eine solche Sonderung der Lustbetätigungen nicht, so versenkte sich das Auge in erotisches Schauen, der Mund betätigte sich immerzu als oralerotisches Werkzeug, anstatt sich in den Dienst nützlicher Erhaltungstätigkeiten zu stellten; auch die Hautdecke wäre nicht die Schutzhülle, deren Empfindlichkeit uns vor Gefahren warnt, sondern nur die Stätte erotischer Gefühle; die Muskulatur wäre nicht das ausführende Werk- zeug zweckmässiger Willensbetätigung, sondern diente nur der Abfuhr sadistischer und sonstiger lustvoller motorischer //. Der Begattungsakt als amphimiktischer Vorgang 23 Entladungen, usw. Durch die Säuberung des Organismus von sexuellen Abfuhrtendenzen und durch deren Anhäufung im Genitale wurde das Arbeitsniveau des Organismus be- deutend gesteigert und die Anpassung an schwierige Lagen, auch Katastrophen, ermöglicht. Man muß sich das Zustande- kommen des Genitalzentrums gleichsam pangenetisch im Sinne Darwins, vorstellen, das heißt: es gibt keinen Teil im Organismus, der nicht im Geschlechtsteil durch einen Beitrag vertreten wäre, so daß das Genitale, gleichsam als Prokurist, das Lustabfuhrgeschäft für den ganzen Organismus besorgt.
Die Entwicklung vom Autoerotismus zum Narzißmus wäre so der auch äußerlich erkennbar gewordene Erfolg der amphimiktischen Verlegung aller Erotismen nach unten. Wenn wir mit der hier versuchten Idee von der Pangenesis der Genitalfunktion Ernst machen wollen, dann getrauen wir uns das männliche Glied als Miniatur des ganzen Ich, als Verkörperung eines Lust-Ich zu bezeichnen und diese Ver- doppelung des Ich als Grundbedingung der narzißtischen Ichliebe anzusprechen. Für dieses reduzierte kleinere Ich, das in Träumen und anderen Phantasieprodukten so häufig die ganze Person symbolisch vertritt, müssen dann im Be- gattungsakte Verhältnisse geschaffen werden, die seine Be- friedigung einfach und sicher gewährleisten, und mit diesen Ver- hältnissen müssen wir uns jetzt, wenn auch nur kurz, befassen.
Unsere psychoanalytischen Erfahrungen beweisen, daß die Vorbereitungsakte des Koitus auch die Aufgabe haben, durch innige Berührungen und Umarmungen eine Identifizie- rung der sich Begattenden herbeizuführen. Das Küssen, Streicheln, Beißen, Umarmen dient dazu, die Grenze zwischen den Ichen der sich Begattenden zu verwischen, so daß dann 24 Versuch einer Genitaltheorie z. B. der Mann während des Koitusaktes, da er doch auch die Organe des Weibes sozusagen introjiziert hat, nicht mehr die Empfindung haben muß, sein höchstgeschätztes Organ, den Vertreter seines Lust-Ichs, einer fremden, des- halb gefährlichen Umgebung anvertraut zu haben; er kann sich also den Luxus der Erektion ganz gut gestatten, da doch das wohlbehütete Glied infolge der stattgehabten Identi- fizierung gewiß nicht verloren geht, es bleibt ja bei einem Wesen, mit dem sich das Ich identifizierte. So wird im Koitusakt ein gelungener Ausgleich zwischen Schenken- und Behaltenwollen, zwischen egoistischer und libidinöser Strebung hergestellt, ein Vorgang, dem wir schon bei der Doppel- richtung aller konversionshysterischen Symptome begegnet sind. Aber auch diese Analogie ist keine zufällige, da doch das hysterische Symptom, wie es uns unzählige psycho- analytische Beobachtungen beweisen, irgendwie immer der Genitalfunktion nachgebildet ist.
Ist erst die möglichst innige Verquickung zweier Individuen verschiedenen Geschlechtes durch die Brückenbildungen des Küssens, des Umarmens und des Eindringens des Penis hergestellt, dann kommt es zu dem letzten, ent- scheidenden Kampfe zwischen Schenken- und Behaltenwollen des Genitalsekrets selbst, den wir zu Beginn unserer Aus- führungen als einen Kampf analer und urethraler Bestrebungen zu beschreiben versuchten. Zu guter Letzt wogt also der ganze Genitalkampf um das Hergeben und Nichthergeben- wollen eines Ausscheidungsproduktes, dem dann die ab- schliessende Ejakulation gestattet, sich vom männlichen Körper loszulösen, das heißt den Mann von der Sexual- spannung zu befreien, doch in einer Weise, durch die zu- IL Der Begattungsakt als amphimiktischer Vorgang 25 gleich für die Sicherheit und das Wohlergehen dieser Aus- scheidungsprodukte im Innern des weiblichen Körpers gesorgt wird. Diese Sorgfalt ist es aber, die es uns nahe- legt, auch zwischen diesem Exkret und dem Ich einen Identifizierungsvorgang anzunehmen, so daß wir nun- mehr dreierlei Identifizierungsakte bei der Begattung hätten: Identifizierung des ganzen Organismus mit dem Genitale, Identifizierung mit dem Partner, und Identifizierung mit dem Genitalsekret.1 Überblicken wir aber nunmehr die Entwicklung der Ge- schlechtlichkeit vom Ludein des Neugeborenen über die Selbstliebe bei der Genital-Onanie bis zum heterosexuellen Begattungsakte, und berücksichtigen wir die verwickelten Identifizierungsvorgänge des Ich mit dem Penis und dem Genital exkret, so kommen wir zum Schlüsse, daß der Zweck dieser ganzen Entwicklung, also auch der Zweck des Be- gattungsaktes, nichts anderes sein kann, als ein anfangs ungeschickt tappender, später immer zielbewußterer und schließlich zum Teil gelungener Versuch zur Wiederkehr des Ich in den Mutterleib, wo es die für das zur Welt gekommene Lebewesen so peinliche Entzweiung zwischen Ich und Umwelt noch nicht gab. Die Begattung erreicht aber diese zeitweilige Regression auf dreierlei Weise: der ganze Organismus erreicht dieses Ziel nur halluzinatorisch, ähnlich wie etwa im Schlaf; dem Penis, mit dem sich der 1) Um einem naheligenden Einwand zu begegnen, betone ich, daß diese Auseinandersetzungen ausschließlich die einfacheren Verhältnisse des männlichen Mitspielers behandeln. Ich muß es auf eine spätere Gelegenheit verschieben, die Anwendbarkeit dieser Auffassung auch auf die verwickeiteren Verhältnisse beim weiblichen Geschlechte nachzuweisen.
26 Versuch einer Genitaltheorie ganze Organismus identifizierte, gelingt dies bereits partiell oder symbolisch, und nur das Genitalsekret hat das Vorrecht, in Vertretung des Ich und seines narzißtischen Doppelgängers, des Genitales, auch real die Mutterleibsituation zu er- reichen.
In der Ausdrucksweise der Naturwissenschaften würden wir vom Geschlechtsakte zusammenfassend sagen müssen, daß er die gleichzeitige Befriedigungssituation des Somas und des Keimplasmas bezweckt und erreicht. Für das Soma bedeutet die Ejakulation die Befreiung von lästigen Ausschei- dungsprodukten, für die Geschlechtszellen das Eindringen in das für sie günstigste Milieu. Die psychoanalytische Auffassung lehrt uns aber, daß dabei im Soma (infolge seiner statt- gehabten,, Identifizierung" mit dem Genitalexkret) nicht nur egoistische Entspannungs-Tendenzen befriedigt werden, sondern auch ein Mit-Genießen der realen Befriedigung der Keimzellen als halluzinatorische und symbolische (partielle) Wiederkehr in den bei der Geburt nur ungerne verlassenen Mutterleib erfolgt, das wir vom Standpunkte des Individuums als den libidinösen Anteil des Geschlechtsaktes ansprechen können.
Im Lichte dieser, wie ich sagen möchte,, bioanalytischen" Auffassung der Genitalvorgänge wird es erst verständlich, warum der Ödipus wünsch, der Wunsch nach dem Ge- schlechtsverkehr mit der Mutter, so regelmässig, in seiner Eintönigkeit beinahe ermüdend, bei der Analyse des Mannes als zentrale Strebung wiederkehrt. Der Ödipuswunsch ist eben der seelische Ausdruck einer viel allgemeineren biolo- gischen Tendenz, die die Lebewesen zur Rückkehr in die vor der Geburt genossene Ruhelage lockt.
// Der Begattungsakt als amphimiktischer Vorgang 27 Eine der vornehmsten Aufgaben der Physiologie wäre der Nachweis jener organischen Vorgänge, die die Summation der Einzel-Erotismen zur Genitalerotik ermöglichen. Nach der im obigen angedeuteten Hypothese dürften jedesmal, wenn ein Organ nicht unmittelbar seinen Lusttendenzen fröhnt, sondern auf diese zu Gunsten des Gesamtinteresses des Organismus verzichtet, aus diesem Organ Stoffe aus- geschieden oder Inner vationsqualitäten und -Quantitäten auf andere Organe und schließlich aufs Genitale verschoben werden, dessen Aufgabe es ist, die frei schwebenden Lust- spannungen aller Organe im Befriedigungsakte auszugleichen.
Der Biologie aber erwüchse aus dem Gesagten die nicht minder schwierige Aufgabe, die Wege zu weisen, auf denen die ursprünglich wohl voneinander unabhängigen Befriedigungs- tendenzen des Keimplasmas und des individuellen Somas im Genitalakte zur Vereinigung gelangen, oder sich gegen- seitig beeinflussen. Sie müßte uns die onto- und phylo- genetischen Ursachen nachweisen, die so viele Lebewesen zwingen, ihre höchste Befriedigung gerade im Kopulations- akte zu suchen, der nach den hier vorangestellten Erörterungen nichts anderes ist als die Äußerung der Tendenz, in den Mutterleib zurückzukehren.
III ENTWICKLUNGSSTUFEN DES EROTISCHEN REALITÄTSSINNES In einer früheren Arbeit über den Entwicklungsgang des Wirklichkeitssinnes beim heranwachsenden Menschenkinde1 gelangten wir bereits zur Annahme, daß der Mensch vom Augenblicke seiner Geburt an von einem unaufhörlichen regres- siven Zug nach der Wiederherstellung der Mutterleibsituation beherrscht ist und diesen gleichsam magisch-halluzinatorisch mit Hilfe positiver und negativer Halluzinationen unentwegt festhält. Die volle Entwicklung des Wirklichkeitssinnes ist nach dieser Auffassung erst dann erreicht, wenn auf diese Regression endgültig verzichtet und für sie in der Realität Ersatz gefunden wird. Diese Entwicklung macht man aber nur mit einem Teile seiner Persönlichkeit durch; unser Schlaf- und Traumleben, unser sexuelles und Phantasieleben, bleiben an der Tendenz zur Erfüllung jener primordialen Wünsche hängen.
Im nachstehenden soll gleichsam zur Ergänzung dieser Gedankenreihe versucht werden, die Entwicklungsphasen der Sexualität, wie sie uns durch die Untersuchungen Freuds bekannt wurden, als unsichere und tappende, doch immer i) „Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes", Vom Verf. (Int. Zeit- schrift für Psychoanalyse, 191 3).
III. Entwicklungsstufen des erotischen Realitätssinnes 29 deutlicher werdende Versuche zur Wiederkehr in den Mutterleib zu beschreiben, die Endphase der ganzen Ent- wicklung aber, die Ausbildung der Genitalfunktion, als erotische Parallele zur Wirklichkeitsfunktion, als das Er- reichen des „erotischen Wirklichkeitssinnes". Wie im vorigen Kapitel angedeutet wurde, gelingt es nämlich im Geschlechts- akt, wenn auch nur partiell, wirklich in den Mutterleib zurückzukehren.
In der ersten, oralerotischen Organisationsphase der kind- lichen Sexualität sorgen noch die Pflegepersonen dafür, daß dem Kinde die Illusion der Mutterleibslage gewahrt bleibe; sie sorgen für die Wärme, dff Dunkelheit, das Ungestörtsein, dessen es zu dieser Illusion bedarf. Die Ausscheidungs- funktionen sind einstweilen vollständig unbeherrscht, und die aktive Tätigkeit des Neugeborenen beschränkt sich wesentlich auf das Saugen an der Mutterbrust. Doch selbst dieses erste Liebesobjekt wird dem Kinde ursprünglich zunächst von der Mutter aufgedrängt, so daß man beim Kinde von einer primären „passiven Objektliebeu sprechen könnte. Jedenfalls bleibt die Rhythmik des Saugens als wesentlicher Bestandteil jeder späteren erotischen Tätigkeit für immer festgehalten und wird, wie wir glauben amphimiktisch, in die Akte des Masturbierens und Koitierens eingeschmolzen. Die rein libidinöse Betätigung dieser Periode, das Ludein oder Wonnesaugen (Lindner) ist auch das erste Problem der Erotik, das sich vor uns erhebt. Was drängt das Kind dazu, die Betätigung des Saugens auch nach erfolgter Sättigung fortzusetzen; was verschafft ihm bei dieser Be- tätigung die Lust? Doch sparen wir uns den Versuch, dieses Rätsel, und damit die Grundfrage der Psychologie der Erotik 30 Versuck einer Genitaltheorie zu lösen, für später auf, bis wir auch andere Erotismen im Einzelnen betrachtet haben.
Das Brustkind ist im Ganzen und Großen ein Ektoparasit der Mutter, gleichwie es in der Fötalperiode endoparasitisch an ihr zehrte. Und sowie es sich im Mutterleib rück- sichtslos breitmachte und die Mutter, den nährenden Wirt, schließlich zwang, den unbescheidenen Gast vor die Tür zu setzen, so gebärdet es sich auch der stillenden Mutter gegenüber immer aggressiver. Es tritt aus der Periode der harmlosen Oralerotik, des Saugens, in eine kannibalis tische Phase über; es entwickelt in seinem Munde Beiß Werkzeuge, mit deren Hilfe es die geliebte fcutter gleichsam auffressen möchte und diese schließlich zur Entwöhnung des. Kindes zwingt. Nun meinen wir aber, daß dieser kannibalistische Zug nicht nur der Selbsterhaltungstendenz dient, wir ver- muten vielmehr, daß die Zähne auch als Waffen im Dienste einer libidinösen Strebung wirken; sie sind Werkzeuge, mit deren Hilfe sich das Kind in den Mutterleib einbohren möchte.
Das einzige, für den Psychoanalytiker allerdings gewichtige Argument, das uns zu dieser kühnen Hypothese ermutigt, ist die Eindeutigkeit, mit der in Träumen und neurotischen Symptomen die sinnbildliche Identität des Penis und des Zahnes wiederkehrt. Nach unserer Auffassung ist also der Zahn eigentlich ein Urpenis, auf dessen libidinöse Rolle aber das entwöhnte Kind verzichten lernen muß.1 Nicht der Zahn ist i) Ein zweijähriges Kind sagte beim Beobachten des Stillens des neugeborenen Brüderchens: „Der Dani ißt Fleisch." — Der strenge Verbot der Juden, „Fleischiges" und „Milchiges" gleichzeitig zu essen, ist vielleicht nur eine Einrichtung, die die Entwöhnung sichern soll.
III. Entwicklungsstufen des erotischen Realitätssinnes 3 1 demnach das Symbol des Penis, sondern, paradox gesprochen, der sich später entwickelnde Penis das Symbol des ur- sprünglicheren Bohrwerkzeugs, des Zahnes. Das Paradoxe dieser Annahme mildert sich aber vielleicht, wenn wir berücksichtigen, daß jeder symbolischen Verknüpfung ein Stadium der Gleichsetzung vorangeht, in dem zwei Dinge einander vertreten können.
Der Kannibalismus enthält schon zum Teil jene aggressiven Elemente, die sich in der darauffolgenden sadistisch-analen Organisation so deutlich offenbaren. Die so auffällig intime Verknüpfung der Anallibido mit Äußerungen des Sadismus wäre im Sinne der früheren Ausführungen eine Verschiebung ursprünglich,, kannibalischer" Aggressivität auf die Darmfunk- tion. Das Motiv zu dieser Verschiebung ist die Unlustreaktion, die beim Kinde der Zwang zur Einhaltung gewisser von den Pflegepersonen geforderter Ausscheidungsregeln hervor- ruft. Auch die früher oralerotisch versuchte Mutterregression wird in dieser Periode nicht aufgegeben; sie kehrt hier als Identifizierung des Kotes mit einem Kinde, d. h. mit dem eigenen Selbst wieder. Es ist, als ob sich das Kind nach der ziemlich erschütternden Abwehr der oralerotischen Aggression seitens der Mutter eine Art Introversion seiner Libido produzierte; indem es in eigener Person Mutter- leib und Kind (Kot) ist, macht es sich von der Pflege- person (Mutter) in libidinöser Hinsicht unabhängig. Dies ist vielleicht der letzte Grund jener trotzigen Charakter- züge, in die sich die sadistisch-anale Libido umzuwandeln pflegt.
Die Masturbationsperiode wäre als erste Etappe des beginnenden Primats der Genitalzone, also als eigene Ent- 32 Versuch einer Genitaltheorie wicklungsphase der Libido, zu isolieren.1 Unsere Analysen zeigen uns unzweideutig, daß sich mit der masturbatorischen Betätigung große Quantitäten analer und sadistischer Libido vergesellschaften, so daß wir nunmehr die Verschiebung der aggressiven Komponente von der oralen Phase über die anale bis zur genitalen verfolgen können. Bei der Masturbation wird aber auch die symbolische Identität Kind = Kot, von dem Symbol Kind = Penis abgelöst, wobei beim männlichem Kind die eigene Hohlhand die Rolle des mütterlichen Genitales spielt. Es fällt uns auf, daß das Kind in den letzten beiden Phasen durchgängig eine Doppel- rolle agiert, die sicherlich mit der Tatsache der infantilen Bisexualität zusammenhängt. Jedenfalls ist aber auch für das Verständnis der Äußerungen der vollentwickelten Genital- libido ungemein wichtig, daß jeder Mensch, ob männ- lich oder weiblich, die Doppelrolle des Kindes und der Mutter mit dem eigenen Leibe spielen kann und sie auch spielt.
Im letzten Entwickelungsschube der infantilen Libido kehrt das Kind nach den Perioden der passiven Objektliebe, nach der kannibalistischen Aggression und der Introversion zum ursprünglichen Objekt, zur Mutter zurück, doch diesmal mit einer geeigneteren Angriffs waffe ausgestattet. Der erektile Penis findet von selbst den Weg zur mütterlichen Vagina und würde dieses Ziel auch erreichen, würden nicht die Er- ziehungsverbote, vielleicht auch schon eine spezielle Abwehr- tendenz oder Angst dieser frühreifen Ödipusliebe ein vorschnelles Ende bereiten.
i) Neuestens beschrieb auch Freud eine eigene „phallische" Or- ganisationsetappe. (Int. Zeitschrift für Psychoanalyse IX, 1923.)
/// Entwicklungsstufen des erotischen Realitätssinnes 33 Wir werden auf die Schilderung der nun folgenden Sexual- perioden der Latenzzeit und der Pubertät verzichten, war ja die uns gestellte Aufgabe nur die, nachzuweisen, daß die Ontogenese der Sexualität an der Tendenz zur Wiederkehr in den Mutterleib unablässig festhalten will, und daß die Genitalorganisation, die diese Tendenz auch verwirklicht, einem Höhepunkte in der Entwicklung des erotischen Realitätssinnes entspricht. Nach dem ersten mißlungenen oralen Versuch, den Mutterleib wiederzugewinnen, folgen die sozusagen autoplastischen Perioden der Analität und der Masturbation, in denen für das verlorene Objekt am eigenen Körper phantastischer Ersatz gesucht wird; doch erst mit Hilfe des männlichen Begattungsorgans wird es ernsthaft versucht, die Mutterleibstendenz wieder allo- plastisch, zunächst an der Mutter selbst, dann an anderen weiblichen Personen der Umwelt, zu verwirklichen.
Der Aufgabe, den schließlichen Genitalprozeß als die amphimiktische Summation früherer Erotismen darzustellen, können wir nur andeutungsweise nachkommen. Die aggressiven Impulse äußern sich beim Geschlechtsakt in der Gewalt- samkeit der Bemächtigung des Sexualobjektes und des Eindringens selbst; über die Verwendung der Anal- und Oralerotik beim Aufbau der mit der Genitalität so innig verknüpften Parentalerotik versuchen wir aber erst in den nun folgenden, nicht mehr aufzuschiebenden Ausfüh- rungen über die Entwicklungswege der weiblichen Sexualität einige Aufklärung zu geben.
Die soeben kursorisch geschilderte Ausbildung der Genital- sexualität beim Manne erfährt beim weiblichen Wesen eine meist ziemlich unvermittelte Unterbrechung. Sie ist vor Allem Ferencri 3 34 Versuch einer Genitaltheorie gekennzeichnet durch die Verlegung der Erogeneität von der Klitoris (dem weiblichen Penis) auf den Hohlraum der Vagina. Psychoanalytische Erfahrungen drängen uns aber die Annahme auf, daß bei der Frau nicht nur die Vagina, sondern auch andere Körperteile nach Art der Hysterie genitalisiert werden, so vor allem die Brustwarze und ihre Umgebung. Es ist wahrscheinlich, daß beim Stillen etwas von der verlorenen Immissions- und Ejakulationslust befriedigt wird, wie denn die Mamilla auch deutliche Erektilität zeigt. Es werden aber anscheinend beträchtliche Mengen oraler und analer Erotik auch auf die Vagina verschoben, deren glatte Muskulatur in ihren krampfhaften Kontraktionen wie in ihrer Peristaltik, die orale Ingressions- und die anale Retentionslust nachzuahmen scheint. Überhaupt regrediert die beim Manne deutlich urethral betonte Leitzone der Genitalität beim Weibe wieder wesentlich ins Anale, in- dem beim Geschlechtsakt der Hauptakzent auf das Be- herbergen des Penis, seines Sekretes, und der sich daraus entwickelnden Frucht verlegt wird (Parentalerotik). Aber auch die zum Teil verlassene männliche Tendenz, selbst in den Mutterleib zurückzukehren, wird nicht ganz aufgegeben, allerdings nur im Psychischen nicht, wo sie sich als phan- tastische Identifizierung mit dem penisbesitzenden Mann beim Koitus, als Empfindung des Penisbesitzes an der Vagina selbst („Hohlpenis"), wohl auch als Identifizierung des Weibes mit dem Kinde, das es im eigenen Leibe beherbergt, äußert. Die männliche Aggressivität schlägt in die passive Lust am Erleiden des Geschlechtsaktes (Masochismus) um, der eines- teils mit Zuhilfenahme sehr archaischer Triebkräfte (der Todestriebe Freuds) erklärbar wird, andernteils durch ///. Entwicklungsstufen des erotischen Realiiätssinnes 35 den psychischen Mechanismus der Identifizierung mit dem sieghaften Manne. All diese sekundären Wiederb esetzungen räumlich entfernter und genetisch überholter Lustmechanismen beim weiblichen Geschlecht scheinen gleichsam zum Trost für den verlorenen Penisbesitz instituiert worden zu sein.
Vom Übergang der Frau von der (männlichen) Aktivität zur Passivität kann man sich im allgemeinen folgende Vor- stellung machen: die Genitalität des weiblichen Penis zieht sich regressive auf den ganzen Körper und das ganze Ich des Weibes zurück, aus dem sie ja — wie wir meinen — amphimiktisch entstanden ist, so daß die Frau einem sekundären Narzißmus anheimfällt, in erotischer Hinsicht also wieder mehr einem Kinde ähnlich wird, das geliebt werden will, also einem Wesen, das noch an der Fiktion der Mutterleibsexistenz in toto festhält. Als solches kann sie sich dann leicht mit dem Kinde im eigenen Leibe (bezw. mit dem Penis, als dessen Symbol) identifizie- ren und vom transitiven Eindringen auf das Intransitive (Passive) übergehen. Die sekundäre Genitalisierung des weiblichen Körpers erklärt auch die größere Neigung des- selben zur Konversionshysterie.1 Beobachtet man die Genitalentwicklung der Frau, so gewinnt man den Eindruck, daß diese beim ersten Geschlechts- verkehr meist noch ganz unfertig ist. Die ersten Koitus- versuche sind gleichsam nur Vergewaltigungsakte, bei denen sogar Blut fließen muß. Erst später lernt die Frau den Geschlechtsakt passiv zu ertragen, noch später lustvoll zu empfinden oder gar daran aktiv teilzunehmen. Doch auch 1) S. „Hysterische Materalisationsphänomene". In „Hysterie und Patho- neurosen", 1919. (Vom Verf.)
3* 36 Versuch einer Genitaltheorie im einzelnen Geschlechtsakt wiederholt sich die anfängliche Abwehr in Form eines Muskelwiderstandes der verengten Vagina, erst später wird die Scheide schlüpfrig und leicht zugänglich und nur zum Schluß kommt es zu Kontraktionen, die die Aspiration des Sekretes und die Einverleibung des Penis (wohl auch eine gegen ihn gerichtete Kastrations- absicht) zum Ziele zu haben scheinen. Diese Beobachtungen sowie gewisse phylogenetische Überlegungen, mit denen wir uns später eingehender beschäftigen wollen, legten uns die Auffassung nahe, daß sich hierin eine Kampfphase der Ge- schlechter individuell wiederholt, in der die Frau den kürzeren zog, da sie ja das Vorrecht, wirklich in den Mutterleib einzu- dringen, dem Manne überließ, sich selbst aber mit phantasie- mäßigen Ersatzprodukten und insbesondere mit dem Be- herbergen des Kindes, dessen Glück sie mitgenießt, begnügte.1 Allerdings kommen dem Weibe, nach den psychoanalytischen Beobachtungen Groddecks, auch beim Gebären, versteckt hinter den schmerzlichen Wehen, Lustquantitäten zu, die dem männlichem Geschlechte versagt sind.