SigPhi · Sándor Ferenczi

Versuch einer Genitaltheorie

German

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von Freud beschriebenen Etappen der Sexualentwicklung als unablässig wiederholte Versuche zur Wiedererreichung jenes Zieles, die Genitalorganisation selbst aber als ein endliches, wenn auch nur teil weises Erreichen des vom Triebe Geforderten. Nun scheint es aber, daß diese Trieb- befriedigung nicht geradenwegs auf ihr Ziel losgehen kann, sondern immer auch die Entstehungsgeschichte des Triebes selbst wiederholen muß, mithin auch den an sich unlust- vollen Anpassungskampf, den das Individuum bei der Störung einer früheren Lustsituation zu bestehen hatte. Der erste und stärkste Anpassungskampf im Leben des Einzelwesens war das erschütternde Erlebnis des Geborenwerdens und die Anpassungsarbeit, zu der es von der neuen Existenzlage gezwungen wurde. Wir meinten denn auch, daß der Koitus nicht nur die zum Teil phantastische, zum Teil reale Wieder- kehr in den Mutterleib bedeutet, sondern daß in seiner Symptomatik auch die Geburtsangst und deren Überwindung, das glückliche Geborenwerden, zur Darstellung gelangen. Allerdings sorgen bei der Begattung sinnreiche Einrichtungen dafür, daß die Angstgröße ein gewisses Maß nicht über- steigt, und eine noch viel reichlichere Vorsorge ist dafür getroffen, daß diese Angst durch die plötzliche, fast voll- kommene Erreichung des Befriedigungszieles (des Frauenleibes) in eine ungeheuere Lust verwandelt werde.

Wir können diese Hypothese mit jenen Beispielen in Be- ziehung zu bringen, die Freud zur Illustration des Wieder- holungszwanges in seiner Arbeit „Jenseits des Lustprinzipsu (1921) anführt. Der Wert dieser Analogie wird vielleicht noch gesteigert dadurch, daß sie auf Grund ganz anderer Voraussetzungen zu den nämlichen Ergebnissen gelangt.

54 Versuch einer Genitaltheorie Gewisse Symptome der traumatischen Neurose und gewisse merkwürdige Einzelheiten des kindlichen Spieles erklärt Freud aus dem Zwang, unerledigte und ob ihrer Intensität en bloc nicht zu erledigende Erregungsmengen, in unzähligen Wiederholungen, aber stets nur in kleinen Dosen, allmählich abzuführen. Auch wir betrachten nun den Koitus als solche partielle Abfuhr jener immer noch un- erledigten Schockwirkung, die das Geburtstrauma hinterließ; zugleich erscheint er uns aber als ein Spiel, treffender gesagt: ein Erinnerungsfest, bei dem die glückliche Befreiung aus der Not gefeiert wird; schließlich stellt sie aber auch die negativ halluzinatorische Leugnung des Traumas überhaupt dar.

Auf die von Freud aufgeworfene Frage, ob die Wieder- holung ein Zwang oder eine Lust sei, ob sie diesseits oder jenseits des Lustprinzips liege, könnten wir, wenigstens in Bezug auf den Begattungstrieb, keine einheitliche Antwort geben. Wir glauben, daß sie, insoferne sie jene Schock- wirkung allmählich ausgleicht, ein Zwang ist, d. h. eine von äußerer Störung erzwungene Anpassungsreaktion. Insoferne aber dabei die erfolgte Störung negativ halluzinatorisch ge- leugnet oder die Erinnerung an deren Überwindung gefeiert wird, haben wir es dabei mit reinen Lustmechanismen zu tun.

Manches weist darauf hin, daß die Triebenergien zwischen Soma und Keimplasma ungleich verteilt sind; es ist, als ob der größte Teil der unerledigten Triebe im Keimplasma aufgestapelt wäre, also größtenteils von ihm der traumatische Wiederholungszwang ausginge, der bei jeder Wiederholung (jeder Begattung) sich eines Teiles der Unlust entledigt. Man ist versucht, die sich beim Genitalakt äußernden Selbstkastrationstendenzen auf das Bestreben zurückzuführen, V. Die individuelle Genitalfunktion 55 die unlusterzeugende Sexualmaterie im ganzen oder partien- weise aus dem Körper auszustoßen. Gleichzeitig ist aber beim Koitus auch für die Eigenbefriedigung des individuellen Somas gesorgt, d. h. für die nachträgliche Erledigung der im Leben erlittenen kleineren Traumata in der Form einer spielend leichten Bewältigung.

In diesem Spielerischen sehen wir das rein lustvolle Element der genitalen Befriedigung und mit ihrer Hilfe glauben wir endlich in der Lage zu sein, etwas allgemeines über die Psychologie der Erotik auszusagen.

Die meisten Triebbetätigungen werden bekanntlich bei Störungen, die den Organismus von außen treffen, oder bei gleichfalls unlustvollen Veränderungen im Körperinneren in Gang gesetzt. Bei den Spieltrieben aber, zu denen wir also in gewissem Sinne auch die erotischen rechnen möchten, schafft der Trieb selbst eine Unlust, um dann die Lust bei deren Beseitigung zu genießen.1 Das Spielerische und das Erotische sind also dadurch charakterisiert, daß dabei im Gegensatz zur sonst unerwartet eintreffenden Unlust- situation, erstens die Unlust nur in einer bekannten und mäßigen Dosierung zugelassen wird, zweitens für die Be- seitigungsmöglichkeit von vorneherein, oft sogar in über- reicher Weise gesorgt ist. In diesem Sinne möchte ich z. B. den Hunger für einen einfachen Trieb zur Beseitigung einer körperlichen Entbehrungsunlust ansehen, den Appetit aber als die erotische Parallele dazu, da doch beim Appetit die sichere Erwartung ausreichender Befriedigung jene kleine Entbehrung sogar als Vorlust genießen läßt. Wir meinen nun, daß auch die Einrichtungen der Sexualität, speziell 1) Siehe auch Rank „Der Künstler", 1907.

56 Versuch einer Genitaltheorie auch die der Begattungsfunktion, in kunstvoller Weise so angeordnet sind, daß auf die Befriedigung mit Sicherheit gerechnet werden kann. Auch die Sexualität spielt also nur mit der Gefahr. Nach unserer Beschreibung wird bei der Genitalsexualität die ganze Sexualspannung des Organismus in eine Art Juckreiz der Genitalien kon- vertiert,1 der ungemein leicht beseitigt werden kann, gleich- zeitig wird aber auch die Mutterleibsregressionstendenz des ganzen Organismus auf einen Körperteil, das Genitale, über- geleitet, an dem sie ohne Schwierigkeit zu verwirklichen ist.

Der Begattungsakt erinnert also an jene „Schauspiele," in denen sich zwar auch Gewitterwolken zusammenballen, wie in einer wirklichen Tragödie, man aber immer die Empfin- dung hat, daß die Sache,,gut ausgehen44 wird.2 Wir können uns als Motiv solcher spielerischen Wieder- holung nur die Erinnerung an die einmal glücklich erlebte Befreiung von Unlust vorstellen, wie sie auch von Freud als eines der Motive der Kinderspiele angegeben wird. Die Tatsache, daß es dem Menschen gelingt, die große Gefahr- situation bei der Geburt zu überleben und die Lust, die Existenzmöglichkeit auch außerhalb des Mutterleibes ge- funden zu haben, bleiben unauslöschlich in der Erinnerung eingeprägt und drängen zur periodischen Wiederherstellung einer ähnlichen, allerdings abgeschwächten Gefahr, nur damit i) Die Umkehrung dieses Prozesses wäre die hysterische Konversion, die Umwandlung der Genitalerregung in anderweitige Körperinnervation.

2) Es freute mich, im jüngst erschienenen schönen Werke Ossipows: „Tolstois Kindheitserinnerungen" (1923) diese Auffassung über die Erotik wiedergefunden zu haben. Auch er vergleicht die sexuelle ängstliche Lust mit dem Appetit, im Gegensatz zu ernsthaften Entbehrungen, z. B. dem Hunger.

V. Die individuelle Genitalfunktion 57 man die Lust bei deren Beseitigung wieder genießen könne. Es ist möglich, daß die im Begattungsakt erlebte zeitweilige Wiederkehr in den Mutterleib und die gleichzeitige spiele- rische Wiederholung und Bewältigung aller Gefahren, die die Geburts- und Anpassungskämpfe des Lebens mit sich brachten, in demselben Sinne erfrischend wirkt, wie die allnächtliche Schlafregression. Die periodisch zugelassene Herrschaft des Lustprinzips mag dem schwer kämpfenden Lebewesen zum Trost gereichen und ihm die Kraft zu weiterer Arbeit verleihen.

Wir müssen gestehen, daß wir die Beharrlichkeit, am zentralen Gedanken des maternalen Regressionszuges trotz aller Denkschwierigkeiten festzuhalten, hauptsächlich einer psychoanalytischen Erfahrung verdanken. Es ist zu auffällig, mit welcher Konsequenz und in welch verschiedenartigen psychischen Gebilden (Traum, Neurose, Mythus, Folk- lore usw.), Koitus und Geburt mit dem gleichen Symbol der Rettung aus einer Gefahr, insbesondere aus dem Wasser (Fruchtwasser) dargestellt ist;1 wie die Sensationen des Schwimmens, Schwebens, Fliegens gleicherweise die Empfindungen beim Koitus, wie auch die der Mutter- leibsexistenz ausdrücken und schließlich wie das Genitale so vielfach mit dem Kinde symbolisch gleichgesetzt wird.2 1) Siehe Rank: Der Mythus von der Geburt des Helden, 1909 und Rank: Die Symbolschichtung im Wecktraum. Jahrb. f. Psychoanalyse, 191 2.

2) Sollte sich unsere Hypothese einmal bewahrheiten, so würde sie ihrerseits klärend auf die Entstehungsweise der Symbole überhaupt rückwirken. Den echten Symbolen käme dann der Wert historischer Denkmäler zu, sie wären geschichtliche Vorläufer aktueller Be- tätigungsarten und Erinnerungsreste, zu denen man physisch und psychisch zu regredieren geneigt bleibt.

58 Versuch einer Genitaltheorie Damit glauben wir aber, den ganzen Sinn des im Orgasmus endigenden Genitalaktes erfaßt zu haben. Indem die ge- wöhnlich nur aufs Genitale beschränkte Libidospannung plötzlich auf den ganzen Organismus ausstrahlt, wird der Organismus für einen Augenblick nicht nur zum Mitgenießer der Genitalien, sondern auch zum Wiedergenießer der intrauterinen Glückseligkeit.

Nach der hier dargestellten Auffassung faßt also die Begattungsfunktion eine ganze Reihe von Lust- und Angst- momenten in einen Akt zusammen: die Lust der Befreiung von störenden Triebreizen, die Lust der Wiederkehr in den Mutterleib, die Lust der glücklich beendigten Geburt; anderseits die Angst, die man beim Geburtsakt erfahren hat und jene, die man bei der (phantasierten) Wiederkehr empfinden müßte. Indem die reale Wiederkehr auf das Genitale und dessen Sekret beschränkt wird, während sich der übrige Körper unversehrt erhalten kann (und die Re- gression „halluzinatorisch" mitmacht), gelingt es im Orgasmus jedes Angstmoment auszuschalten und den Begattungsakt mit dem Gefühle voller Befriedigung zu beendigen.

Ein unklarer Punkt in unserer Beweisführung bleibt unleug- bar die merkwürdige Vereinigung der Befriedigungslust und der Arterhaltungsfunktion im Begattungsakte. Wir müssen zugeben, daß hiefür die Ontogenese der Individuen keine zureichende Erklärung gibt und wollen nun sehen, ob nicht der Versuch der bisher vorsichtig gemiedenen phylogeneti- schen Parallele einen Schritt weiterhilft.

B) PHYLOGENETISCHES VI DIE PHYLOGENETISCHE PARALLELE Um uns das nachträgliche Geständnis zu ersparen und die Entschuldigung für das gewagte Unternehmen, auf ein fremdes Wissensgebiet einzudringen, vorwegzunehmen, möchten wir gleich hier betonen, daß die Idee, zu der individuellen Katastrophe der Geburt und ihrer Wieder- holung im Begattungsakt eine Art geschichtliche Parallele zu suchen, uns nicht etwa durch naturwissenschaftliche Tat- sachen aufgedrängt wurden, sondern wieder nur durch die psychoanalytische Erfahrung, im Besonderen durch Erfah- rungen auf dem Gebiete der Symbolik. Ist man einmal im Vor- urteil, daß in den symbolischen oder indirekten Äußerungs- formen der Seele und des Körpers ganze Stücke unter- gegangener und auf andere Art unzugänglicher Geschichte — nach Art hieroglyphischer Inschriften aus einer Urzeit — kon- serviert sind, durch hundertfältige Beobachtung bestärkt, und hat sich einem diese Schriftzeichenentzifferung in der Ge- schichte des Individuums so vielfach bewährt, so ist es vielleicht verständlich und verzeihlich, wenn man es wagt, sich dieser Chiffriermethode auch bei den großen Geheim- nissen der Artentwicklungsgeschichte zu bedienen. Wie unser Lehrmeister Freud bei ähnlichen Versuchen zu wieder- holen pflegt, ist es ja keine Schande, wenn man sich bei 62 Versuch einer Genitaltheorie solchen Ausflügen ins Unbekannte verirrt. Schlimmstenfalls wird dann auf dem Wege, den wir gegangen sind, eine Warnungstafel angebracht, die dann anderen erspart, in die Irre zu gehen.

Der Ausgangspunkt aller nun folgenden Spekulationen war also, um es gleich zu sagen, die außerordentliche Häufigkeit, mit der in den verschiedensten normalen und pathologischen psychischen Gebilden, in Produkten der individuellen und der Massenseele das Fischsymbol, d. h. das Bild eines im Wasser schwebenden oder schwim- menden Fisches, sowohl den Begattungsakt als auch die Mutterleibsituation ausdrückt. Es geschah nun bei einer besonders eindrucksvollen Beobachtung dieser Art, daß uns die phantastische Idee durch den Kopf schoß, ob in dieser Symbolik nebst der rein äußerlichen Ähnlichkeit der Situation des Gliedes in der Scheide, des Kindes im Mutterleibe und des Fisches im Wasser, nicht auch ein Stück phylogenetisches Wissen um unsere Herkunft von wasserbewohnenden Wirbeltieren ausdrückt. Der Mensch stammt ja, wie es uns die Universitätslehrer einprägten, wirklich vom Fisch ab, und der berühmte Amphyoxus lanceolatus wird als Stammvater aller Wirbeltiere, also auch des Menschen geehrt.

Nachdem aber einmal dieser Gedanke auftauchte, meldeten sich zu seiner Stütze von allen Seiten — allerdings immer noch recht abenteuerliche — Argumente. Wie denn, dachten wir uns, wenn die ganze Mutterleibsexistenz der höheren Säugetiere nur eine Wiederholung der Existenzform jener Fischzeit wäre und die Ge- burt selbst nichts anderes, als die individuelle Re- VI. Die phylogenetische Parallele 63 kapitulation der großen Katastrophe, die so viele Tiere und ganz sicher auch unsere tierischen Vor- fahren beim Eintrocknen der Meere zwang, sich dem Landleben anzupassen, vor allem auf die Atmung durch Kiemen zu verzichten und sich Luft- atmungsorgane zuzulegen. Und wenn Altmeister Haeckel den Mut hatte, das biogenetische Grundgesetz von der kursorischen Wiederholung der Artgeschichte in der Embryonalent wicklung (Palingenese) aufzustellen, warum sollte man nicht weitergehen und annehmen, daß auch in der Entwicklung der Schutzmaßnahmen für den Embryo (Coenogenese) ein Stück Artgeschichte, die Geschichte der Veränderungen der Milieus er- halten ist, in denen die embryogenetisch angedeuteten Vorfahren wohnten. Als wir dann anfingen, in den Büchern von der tierischen Entwicklung zu blättern, fanden wir denn auch bald, daß ein ähnlicher Gedanke auch schon vom Naturphilosophen Oken, dem Zeitgenossen Goethes, ausgesprochen, von seinen gelehrteren Nachfolgern, insbe- sondere von Haeckel selbst aber energisch verworfen worden war. Nach Haeckel kommt nur den Entwicklungsphasen des Embryonalkörpers selbst der Wert von Geschichtsdokumenten zu, nicht aber den doch gleichfalls eine fortschreitende Ent- wicklung aufweisenden Veränderungen des Keimschutzes. Nur in den phantasiereichen und geistvollen Beschreibungen des als Populärschriftsteller so bekannten, als origineller Denker noch unterschätzten Bölsche kehren Ansichten, wie die hier dargelegte, allerdings nur in poetischen Ver- gleichen und Bildern, immer wieder. Da wir aber, wie es vor längerer Zeit in einer kleinen psychoanalytischen Abhand- 64 Versuch einer Genitaltheorie lung dargelegt wurde, der Ansicht sind, daß solche Gleich- nisse aus der Tiefe unbewußten Wissens schöpfen,1 mußten wir annehmen, daß hierin Bö Ische, sonst ein unentwegter Anhänger und Apostel Haeckels, mit seinem Meister nicht ganz übereinstimme. Vom männlichen Begattungsgliede sprechend, sagt er gelegentlich: „Es liegt auch Vergangen- heit in diesem Gliede. Es ist ein Melusinenglied. Der Mensch lenkt hier hinab an den Fisch, von dem er in purpurnen Tagen gekommen." Allerdings hält er an diesem Gleich- nisse nicht lange fest und bezeichnet die Frage nach dem Ursprung dieses Anhängsels nur als eine „Anhängsel- sache", worin wir mit ihm durchaus nicht übereinstimmen. An anderer Stelle, wo er davon spricht, daß der Molch zu den ersten Tieren gehört, die ihre Embryonalzeit im Mutterleibe durchmachen, sagt er wiederum: „der Mutter- leib wurde Wassertümpel des Molches, er macht sein Kiemenstadium vollständig im Mutterleibe durch", das heißt aber wohl nichts weniger, als das Zugeben der von uns postulierten coenogenetischen Ergänzung des bioge- netischen Gesetzes, d. h. auch der Analogie der Schutz- einrichtungen des Embryos mit der Existenzform des Fisches im Wasser.

Einzelheiten aus der Traum- und Neurosensymbolik weisen auf eine tiefreichende sinnbildliche Identifizierung des mütter- lichen Körpers einerseits mit dem Seewasser, dem Meere, anderseits mit der nährenden „Mutter Erde". Es könnte sich nun in dieser Symbolik nicht nur die Tatsache einen Ausdruck verschafft haben, daß man als Individuum vor der Geburt als wasserbewohnender Endoparasit, nach der i) „Analyse von Gleichnissen", Int. Zeitschrift für Psychoanalyse (1915)..

VI Die phylogenetische Parallele 65 Geburt aber längere Zeit als luftatmender Ektoparasit an der Mutter zehrt, sondern auch die, daß See und Erde in der Artentwicklung wirklich die Vorläufer der Mutter waren, die Stelle der spät erworbenen mütterlichen Schutz- einrichtungen noch allein vertraten, indem sie jene tierischen Vorfahren beschützten und ernährten. In diesem Sinne käme der See-Symbolik der Mutter ein archaischerer, primitiverer Charakter zu, während die Erdsymbolik jene spätere Periode imitierte, in der der bei der See-Eintrocknung ans Land ge- setzte Fisch auf die aus dem Erdinneren sickernden Feuch- tigkeitsquellen als Ersatz für das verlorene Seewasser (das ihm zugleich auch die Nahrung zuführte) angewiesen war, und in einem solch günstigen Milieu gleichsam parasitisch vegetieren durfte, bis seine Umwandlung in ein Amphibium gelungen war. Wir denken hier an einen Bedeutungswandel der Symbolik, in dem, wie im Wortbedeutungs wände der Philologen, ein Stück Geschichte, hier sogar ein wich- tiges Stück Artgeschichte enthalten ist. Hinter der Pflug- symbolik z. B., die die Psychoanalyse als den Niederschlag alter kulturgeschichtlicher Erfahrungen ansieht, hinter der Symbolik des Astabbrechens und Fruchtabreißens (z. B. in der Genesis) ist überall auch die Gleichsetzung der mit dem Pflug bearbeiteten fruchtbringenden Erde mit der Mutter versteckt. Viele primitive Weltentstehungsmythen, die die Erde aus der See emportauchen lassen, enthalten Züge, die diese Kosmogonie als symbolische Darstellung der Geburt deuten lassen; in Ranks,, Inzestmotiv'1 (191 2) ist das mit zahlreichen Beispielen belegt und auch Röheim konnte mir aus seinem ethnologischen Material zahllose Beispiele dafür angeben. Doch auch die tägliche psychoanalytische Erfahrung bringt Ferenc z i 66 Versuch einer Genitaltheorie einem krasse Beispiele der Regression zur Muttersymbolik der Erde oder des Wassers. In zahlreichen Kleinkinder- geschichten kommt es vor, daß die in Folge des Ödipus- komplexes versagte Mutterliebe direkt auf die Erde über- tragen wird, Koitushandlungen an in die Erde gebohrten Löchern ausgeführt oder durch Verkriechen in ein Erdloch gleichsam die Totalregression versucht wird. Unvergeßlich bleibt mir auch das Beispiel jenes unlöslich an die Mutter fixierten jungen Homosexuellen, der noch als Jüngling stunden- lang am Boden der mit warmem Wasser gefüllten Bade- wanne lag und um in dieser archaischen Wasserexistenz oder Embryonalsituation verharren zu können, durch ein langes, aus dem Wasser herausragendes Rohr atmete, das er sich in den Mund steckte.

Die in einem der vorigen Kapitel gegebene, in der Psycho- analyse übrigens gebräuchliche Deutung der Wasserrettung oder des Schwimmens im Wasser als Geburtsdarstellung und als Darstellung des Koitus erfordern also auch eine phylo- genetische Überdeutung; der Sturz ins Wasser wäre wieder das archaischere Symbol, das der Wiederkehr in den Mutterleib, während in der Rettung aus dem Wasser der Moment des Geboren- oder Anslandgesetztwerdens betont zu sein scheint. Man fühlt sich versucht, auch die Sintflutsagen als eine nach psychoanalytischer Erfahrung nicht ungewöhnliche Umkehrung des wirklichen Sachver- haltes auszulegen. Die erste große Gefahr, die die Lebe- wesen, die ursprünglich alle Wasserbewohner waren, traf, war nicht das Überflutetwerden, sondern die Eintrocknungs- gefahr. Das Emportauchen des Berges Ararat aus den Fluten wäre also nicht nur, wie in der Bibel erzählt wird, VI Die phylogenetische Parallele 6j die Rettung, sondern auch die ursprüngliche Katastrophe, die erst später im Sinne der Landbewohner umgedichtet worden sein mag. Dem Psychoanalytiker ist es natürlich nicht schwer, den Ararat, die Erde, in einer tieferen Schichte seiner Sym- bolik nur als Doublette der Arche Noahs und beide als symbolische Darstellungen des Mutterleibes zu erkennen, aus dem alle höheren Tiere ihren Ursprung nehmen; hier wäre nur noch hinzuzufügen, daß auch diese mythischen Stoffe einer Überdeutung in phylogenetischem Sinne bedürfen.1 Eine solche Überdeutung möchten wir aber nunmehr auch für jene Erklärungen fordern, die in den vorigen Kapiteln gegeben wurden, die die Vorgänge bei der Be- gattung als symbolische Handlungen auffaßten, in denen das Individuum die Lust der Mutterleibsexistenz, die Angst der Geburt und die neuerliche Lust des glücklichen Über- stehens dieser Gefahr wiedererlebt. Indem sich das Indivi- duum mit dem in die Vagina eindringenden Gliede und mit den in die Leibeshöhle des Weibes hineinschwärmenden Spermatozoen identifiziert, wiederholt es symbolisch auch die Todesgefahr, die seine Vorfahren in der Tierreihe bei der geologischen Katastrophe der Meereseintrocknung, durch Milieuumstände begünstigt, siegreich überwunden haben.

Zunächst beruht diese Annahme nur auf einer einfachen symbolischen Schlußfolgerung. Bedeutet der im Wasser schwimmende Fisch, wie in so vielen Fruchtbarkeitszaubern, das Kind im Mutterleibe und sind wir bei so vielen Träumen I) Siehe auch die Rettung der Israeliten, die trockenen Fußes durch das Rote Meer schritten. Übrigens ist die Geburtsbedeutung der Wasser- rettung im Mythus seit Ranks Untersuchung üder den „Mythus von der Geburt des Helden" (1908) Gemeingut der Psychoanalyse.

68 Versuch einer Genitaltheorie gezwungen, das Kind als Penissymbol zu deuten, so wird uns einerseits die Penisbedeutung des Fisches selbstverständ- licher, anderseits aber auch die Fischbedeutung des Penis, d. h. die Vorstellung, daß im Begattungsakt der Penis nicht nur die natale und antenatale Existenzart des Men- schen agiert, sondern auch die Kämpfe jenes Urtieres unter den Vorfahren, das die große Eintrocknungs- katastrophe mitmachte.

Zwei starke Argumente für diese zunächst gewiß gewagt erscheinende Hypothese liefert uns die Embryologie und die vergleichende Zoologie. Die eine besagt, daß Frucht- wasser enthaltende Schutzorgane (Amnien) für den Embryo nur bei landbewohnenden Tierarten ge- bildet werden; die andere, daß bei den Tierarten, deren Embryonen ohne Amnien heranwachsen (Anamnien), keine eigentliche Begattung stattfindet, sondern die Besamung seitens des Männchens und die Entwicklung des befruchteten Samens außerhalb des mütterlichen Leibes, meist frei im Wasser, erfolgt. Demgemäß sehen wir An- sätze zur Bildung eines Begattungsorganes zuerst nur bei den Amphibien, und erst bei den Reptilien erreichen sie ihre für das Säugetier charakteristische Erektilität. Der Besitz von Begattungsorganen, die Entwicklung im Mutterleibe und das Überstandenhaben der großen Eintrocknungsgefahr bilden so eine unzerreißbare biologische Einheit, die auch die letzte Ursache der symbolischen Identität des Mutterleibes mit der See und der Erde einerseits, des männlichen Gliedes mit dem Kinde und dem Fische anderseits sein muß.

Auf den naheliegenden darwinistischen Einwand, daß sich eben nur die Arten erhalten konnten, die sich an das VI. Die phylogenetische Parallele 69 Landleben organisch anpassen konnten und daß die Aus- bildung des embryonalen Schutzes der natürlichen Zucht- wahl, dem Überleben der tüchtigeren Varietät zuzuschreiben ist, können wir gleich hier erwidern, daß dem Psycho- analytiker die psychologischere Denkungsart Lamarcks, die Strebungen und Triebregungen auch in der Artentwicklung eine Rolle einräumt, genehmer ist, als die des großen englischen Naturbeobachters, der alles nur auf Variation, in letzter Linie also auf den Zufall zurückführen will. Auch gibt die dar winis tische Auffassung keine Erklärung für die in der Natur überall nachweisbare Wiederkehr alter Formen und Funktionsweisen im neuen Entwicklungsprodukte, sie würde die Tatsache der Regression, ohne die einmal die Psy- choanalyse nicht auskommen kann, wahrscheinlich negieren. Lassen wir uns also durch sie nicht beirren und halten wir bei der Annahme aus, daß in der Genitalität nebst der ontogenen auch phylogene Katastrophen zum Ausdruck, vielleicht gar zur nachträglichen Abreagierung gelangen.

VII MATERIAL ZUM „THALASSALEN REGRESSIONSZUG" Wir wollen uns die Sache denn doch nicht zu leicht machen und möchten in loser Aufeinanderfolge Argumente auf- zählen, die, wie wir glauben, für die Idee vom,,thalassalen Regressionszuge'1, dem Streben nach der in der Urzeit verlassenen See-Existenz sprechen, insbesondere aber jene, die das Fortwirken dieser Trieb- oder besser gesagt Zug- kraft in der Genitalität wahrscheinlich machen.1 Gehen wir gleich vom Parallelismus aus, der zwischen der Art der Begattung und der Ausbildung der Genitalien einerseits — der Existenzform in der See, dann im Erden-, Luftmilieu andererseits besteht. „Bei den niederen Tieren" — so steht es im schönen Tierbuche von Hesse und Doflein —,,bei denen Eier und Samen einfach ins Wasser entleert werden, wo sich dann die Befruchtung vollzieht, kennen wir keine besonderen Handlungen der Individuen, welche der Ausstoßung vorangehen." Je höher wir aber in der Entwicklungsstufe steigen, d. h. nach unserer Auffassung: auf je kompliziertere Schicksale die Artgeschichte zurücki) Das Wort „Trieb" will mehr den Anpassungsmoment, das Zweck mäßige in der Organbetätigung, der Ausdruck „Zug" mehr das Regressive hervorheben. Selbstverständlich bin ich aber mit Freud der Ansicht, daß auch das anscheinend nach „vorwärts" treibende im Grunde aus der Zugkraft der Vergangenheit seine Energie bezieht.

VII Material ztim „thalassalen Regressionszug" 71 zuschauen hat, umso sorgfältigere Einrichtungen sind zur sicheren Unterbringung der Keimzellen in einem günstigen Milieu getroffen. Jedenfalls setzt aber die Entwicklung der äußeren Genitalien ganz plötzlich mit der Entwicklungs- katastrophe bei den Amphibien ein. Allerdings haben letztere noch keine eigentlichen Begattungsorgane, diese beginnen erst beim Reptil (Eidechse, Schildkröte, Schlange, Krokodil), aber eine Art coitus per cloacam, ein Herandrängen oder Einführen der männlichen Kloake in die weibliche, kommt bereits bei den Fröschen vor. Entsprechend ihrem Doppel- leben im Wasser und zu Lande, haben diese Tiere noch die Alternative der äußeren und inneren Besamung, d. h. der Befruchtung der Eier im freien Wasser oder im Mutter- leibe. Auch kommt es hier zum ersten Male zur Ausbildung auffälliger äußerer Geschlechtsmerkmale, so beim männlichen Frosch jener Schwielenbildung an der vorderen Extremität, die ihn zur Umklammerung des Weibchens befähigt. Ein aus der Kloake hervorwachsendes Bohrwerkzeug, einen Penisfortsatz, der noch undurchbohrt ist, entdeckt man zuerst bei den Eidechsen, die ersten Spuren der Erek- tilität, wie schon erwähnt, beim Krokodil.

Doch schon beim männlichen Molch beginnt sich eine innige Beziehung zwischen Urethralausscheidung und Eja- kulation auszubilden, die ihren höchsten Grad erst bei einem primitiven Säugetiere, dem Känguruh erreicht, bei dem endlich die Kloake in Darm und Harnröhre getrennt ist und der gemeinsame Abfuhrkanal für Sperma und Urin nach Menschenart den erektilen Penisfortsatz durchbohrt.

Diese Entwicklungsreihe zeigt uns eine gewisse Analogie mit den individuellen Entwicklungsphasen des erotischen 72 Versuch einer Genitaltheorie Realitätssinnes, wie wir sie eingangs zu beschreiben ver- suchten. Der anfänglich nur tappende Versuch des Tier- männchens, einen Teil seines Körpers sowie seine Geschlechs- produkte in den Mutterleib einzuführen, erinnert uns an die anfangs ungeschickten, dann immer energischeren Versuche des Kindes, die Wiederkehr in den Mutterleib mit Hilfe seiner erotischen Trieb einrichtungen zu erzwingen und das Geborensein wenigstens partiell und symbolisch wieder zu erleben bezw. rückgängig zu machen. Diese Ansicht entspricht auch der Auffassung Freuds, nach dessen Ausspruch wir in den sonderbaren Veranstaltungen der Begattung in der Tierwelt die biologischen Vorbilder für die infantilen Äuße- rungsformen der Sexualität wie auch für die Veranstaltungen der Perversen sehen können.