Inhalt des dritten Bandes.
Dritter Abschnitt. Von der Bilduno- der Sinnesvorstelluno-en.
(Schluss.)
Seite Fünfzehntes Capitel. Zeitvorstellungen i i. Entwicklung der Zeitvorstellungen in den einzelnen Sinnesge- bieten i a. Das Problem des Zeitsinns i b. Zeitliche Tastvorstellungen 5 c. Zeitliche Gehörsvorstellungen 20 2. Complicationen der Zeitvorstellungen 39 3. Die Zeitschwellen 45 a. Absolute Zeitschwellen.. 45 a. Größentäuschungen des Zeitsinns bei unmittelbaren Zeitvorstellungen.. 54 b. Zeitverschiebungen bei momentanen Eindrücken 64 c. Zeitverschiebungen innerhalb einer stetigen Vorstellungsreihe (Complicationsversuche) 67 5. Theorie der Zeitvorstellungen 86 a. Allgemeine Bedingungen der Zeitvorstellungen 86 b. Psychologische Entwicklung der Zeitvorstellungen 91 c. Entwicklung zusammengesetzter rhythmischer Vorstellungen 94 Vierter Abschnitt.
Von den Gemüihsbeweouno-en und Willenshandluno-en.
o Sechzehntes Capitel. Vorstellungsgefühle und Affecte...107 1. Allgemeine Eigenschaften der Vorstellungsgefühle 107 a. Begriff und Merkmale der Vorstellungsgefühle 107 b. Beziehungen zwischen den Vorstellungen und ihren Gefühlscomponenten 110 VI Inhalt des dritten Bandes.
Seite c. Die Vorstellungsgefühle als Bewusstseinsfunctionen H9 d. Psychologische Bedeutung der Vorstelhmgsgefühle 121 2. Aesthetische Elementargefühle 123 a. Subjective und objective Bedingungen ästhetischer Elementargefühle.. 123 b. Aesthetische Wirkungen der niederen Sinne. Natur und Kunst...127 f. Rhythmische Gefühle. Das Wohlgefallen am Rhythmus 154 g. Speciellere Gefühlswirkungen rhythmischer Formen 163 h. Associative Factoren ästhetischer Elementargefühle. Verschmelzungen directer Factoren 175 i. Assimilative ästhetische Elementarwirkungen 180 k. Theorie der ästhetischen Elementargefühle 195 3. Affecte 209 a. Eigenschaften der Affecte 209 b. Grundformen der Affecte 214 c. Vasomotorische und respiratorische Affectsymptome 226 d. Theorie der Affecte 234 Siebzehntes Capitel. Willensvorgänge 242 1. Begriff und Eigenschaften der Willensvorgänge 242 a. Begriff des Willens 242 b. Verlauf der Willensvorgänge ' 250 c. Grundformen der Willensvorgänge: 254 a. Trieb und Instinct 258 b. Automatische und reflectorische Bewegungen 266 c. Entwicklung der Trieb- und Willkürbewegungen 277 a. Princip der directen Innervationsänderung 286 b. Princip der Association verwandter Gefühle 289 c. Princip der Beziehung der Bewegung zu Sinnesvorstellungen 291 4. Theorie des Willens 296 a. Das Willensvermögen und die transcendente Willenstheorie 296 b. Die intellectualistischen Willenstheorien 298 c. Die emotionale Willenstheorie 303 d. Psychische Causalität des Willens "3T3 Fünfter Abschnitt.
Von dem Verlauf und den Verbindungen der seelischen Vorgäno-e.
Achtzehntes Capitel. Bewusstsein und Vorstellungsverlauf 320 1. Das Bewusstsein 320 a. Bedingungen und Grenzen des Bewusstseins...■., 320 b. Aufmerksamkeit und Apperception 331 Inhalt des dritten Bandes, / yjj Seite c. Die Apperception als Willensvorgang 342 d. Umfang der Aufmerksamkeit und des Bewusstseins 351 e. Schwankungen der Aufmerksamkeit (Apperceptionswellen) 366 f. Entwicklung des Bewusstseins 373 2. Verlauf der directen Sinnesvorstellungen 377 a. Allgemeines über das Problem des Verlaufs psychischer Vorgänge.. 377 b. Methodik der Reactionsversuche 380 c. Der einfache Reactionsvorgang 410 d. Veränderungen der einfachen Reaction durch psychische Einflüsse.. 433 e. Zusammengesetzte Reactionsvorgänge 450 3. Verlauf reproducirter Vorstellungen 476 a. Allgemeine Eigenschaften reproducirter Vorstellungen 476 b. Reproduction einfacher Sinnesempfindungen 482 c. Reproduction räumlicher Vorstellungen 486 d. Reproduction zeitlicher Vorstellungen 492 e. Allgemeine Reproductionserscheinungen. Verlauf der Erinnerungsbilder unter complexen Bedingungen 507 Neunzehntes Capitel. Psychische Verbindungen.,...518 1. Allgemeine Uebersicht der Formen psychischer Verbindung.. 518 c. Assimilative Erinnerungsassociationen. (Wiedererkennungs - und Erkennungsvorgänge.) 535 e. Successive Erinnerungsassociationen. Statistik der Associationsrichtungen 544 f. Psychologische Analyse der successiven Erinnerungsassociationen...55 1 g. Psychologische Theorie der Associationen 55^ h. Physiologie der Associationen 5^5 3. Apperceptive Verbindungen 572 4. Complexe intellectuelle Functionen 5§r b. Methodik und allgemeine Ergebnisse der Lernversuche 5^5 c. Typische Unterschiede der Gedächtnissleistungen 592 d. Allgemeine Theorie der Gedächtnissleistungen 595 e. Das Lesen. Der einzelne Leseact 601 f. Das zusammenhängende Lesen 609 g. Das Schreiben 612 h. Verlaufsformen geistiger Arbeit 615 i. Die Componenten der Arbeitscurve 618 5. Intellectuelle Gefühle 624 6. Geistige Anlagen 628 a. Intellectuelle Anlagen 628 VIII Inhalt des dritten Bandes.
Seite Zwanzigstes Capitei. Anomalien des Bewusstseins 642 1. Elementarstörungen des Bewnsstseins 642 b. Illusionen 647 2. Schlaf und Traum 649 a. Ursachen und Begleiterscheinungen des Schlafes 649 b. Veränderungen des Bewusstseins im Traum 652 c. Theorie der Traumvorstellungen 658 3. Hypnotische Zustände 663 a. Aeußere Bedingungen der Hypnose. Arten und Grade hypnotischer Zustände 663 b. Psychophysische Grundlagen und Theorie der Hypnose 666 Sechster Abschnitt, Schlussbetrachtungen.
Einundzwanzigstes Capitei. Naturwissenschaftliche Vor- begriffe der Psychologie 677 1. Logische Grundlagen der Naturwissenschaft 677 a. Das Princip des Erkenntnissgrundes 677 b. Das Causalprincip 682 c. Das Zweckprincip 685 d. Causale und teleologische Auffassung der Lebenserscheinungen...688 2. Mechanik und Energetik 692 a. Das demokritische Weltbild 692 b. Die aristotelische Naturphilosophie 694 c. Die mechanische Naturanschauung der Renaissancezeit 697 d. Empirische und logische Grundlagen der mechanischen Naturanschauung 701 e. Die Selbständigkeit der Psychologie ein Postulat der mechanischen Naturlehre 703 f. Entwicklung der neueren Energetik 705 g. Versuche zur Wiedererneuerung einer energetischen Weltanschauung.. 709 h. Verhältniss der modernen zur aristotelischen Energetik 711 i. Vorzüge und Nachtheile der energetischen Naturbetrachtung 714 k. Mechanik und Energetik in ihrem Verhältniss zu den allgemeinen Be- dingungen der Naturerkenntniss 720 3. Mechanismus und Vitalismus 725 a. Allgemeine Grundlagen der Biologie 725 b. Selbsterhaltung und Fortpflanzung der Organismen 73° c. Die Regenerationsvorgänge 733 d. Die Entwicklungsersch einungen. Ontogenie und Phylogenie 737 e. Erkenntnisstheoretische Bedeutung des biologischen Zweckprincips...741 4. Causalität und Teleologie psychophy sischer Lebensvorgänge. 744 a. Die Willensbandlungen als Grundformen psychophysischer Vorgänge.. 744 b. Psychophysische Betrachtung der Willenshandlungen 745 Inhalt des dritten Bandes. jX * Seite c. Physiologische Interpretation psychophysischer Lebensvorgänge...750 d. Psychologischer Standpunkt 753 Zweiundzwanzigstes Capitel. Principien der Psychologie 756 1. Der Begriff der Seele 756 a. Die Seelensubstanz 756 b. Die actuelle Seele 758 c. Einheit von Leib und Seele 761 d. Heuristisches Princip des psychophysischen Parallelismus 768 2. Principien der psychischen Causalität 778 a. Princip der schöpferischen Resultanten 778 b. Princip der beziehenden Relationen 782 c. Princip der steigernden Contraste 785 d. Princip der Heterogonie der Zwecke 787 e. Psychologische Principien und psychophysische Entwicklungsgesetze.. 790 Berichtigungen und Zusätze 794 Dritter Abschnitt. Von der Bildung der Sinnesvorstellungen, fSchluss.
Fünfzehntes Capitel.
Zeitvorstellungen.
i. Entwicklung der Zeitvorstellungen in den einzelnen Sinnesgebieten.
a. Das Problem des Zeitsinns.
Jeder Bewusstseinsvorgang hat neben seinen andern auch zeitliche Eigenschaften, die wir als die Dauer eines einzelnen Vorgangs und, wenn mehrere Bewusstseinsinhalte einander ablösen, als einen zeit- lichen Verlauf von Vorgängen auffassen. Hiernach lassen sich die zeitlichen Vorstellungen wieder in Dauervorstellungen und Ge- schwindigkeitsvorstellungen sondern. Beide sind natürlich immer mit einander verbunden. Denn jeder einzelne psychische Vorgang hat eine kürzere oder längere Dauer und zeigt zusammen mit andern Vor- gängen einen langsameren oder schnelleren Wechsel. Gleichwohl werden auch hier diese in der Wirklichkeit stets vereinigten Momente zum Zweck der psychologischen Analyse zunächst von einander zu scheiden sein. Hierbei lassen sich am leichtesten die Geschwindigkeitsvorstellungen da- durch relativ isoliren, dass man auf einander folgende Vorgänge von ver- schwindender Dauer durch geeignete äußere Reize auslöst, wogegen in die Dauervorstellungen immer zugleich irgend welche Factoren der Ge- schwindigkeit mit eingehen. Aus diesem Grunde wird auch die experi- mentelle Untersuchung im allgemeinen die Geschwindigkeitsvorstellungen als diejenigen, die thatsächlich die einfacheren Bedingungen darbieten, Wundt, Grundziige. III. 5. Aufl. I 2 Zeit Vorstellungen.
zweckmäßig voranstellen. Diese zeitlichen stimmen nun darin durchaus mit den räumlichen Eigenschaften der Vorstellungen überein, dass sie an bestimmte qualitative und intensive Inhalte gebunden sind, unter denen namentlich Empfindungsinhalte, die irgend einem Sinnes- gebiet oder mehreren gleichzeitig angehören, niemals fehlen. Bezeichnet man mit einem aus der Physiologie übernommenen Ausdruck alle Fragen, die sich auf die Bedingungen und Eigenschaften unsrer zeitlichen Vor- stellungen beziehen, als das Problem des Zeitsinns, so bietet demnach der Zeitsinn insofern analoge Verhältnisse wie der sogenannte Raumsinn, als wir erst vermöge der Fähigkeit, verschiedenen Raum- und Zeitinhalten übereinstimmende räumliche und zeitliche Eigenschaften beizulegen, zur Abstraction von Raum- und Zeitformen gelangt sind, bei denen wir die in jedem einzelnen Fall vorhandenen Inhalte dieser Formen außer Be- tracht, lassen können. Psychologisch betrachtet gibt es jedoch ebenso- wenig einen specifischen Zeitsinn, wie es einen besonderen Raumsinn gibt, sondern eben nur zeitliche Eigenschaften unsrer den verschiedenen Sinnesgebieten zugehörigen Vorstellungen und der mit diesen Vorstellun- gen verbundenen Gefühle und Affecte. Auch der Begriff des Zeitsinns entspringt also lediglich daraus, dass es uns frei steht, die zeitlichen Eigenschaften ebenso wie alle andern isolirt der Untersuchung zu unter- werfen. Aber dabei sind nicht nur diese andern Eigenschaften stets in unsern zeitlichen Vorstellungen mit enthalten, sondern sie üben auch fortwährend auf dieselben bestimmte Einflüsse aus. In dieser Beziehung gleicht demnach der Zeitsinn vollständig dem Raumsinn, bei dem uns die Analyse der räumlichen Tast- und Gesichtsvorstellungen jene Ein- flüsse kennen lehrte; und auch darin verhalten sich beide analog, dass die Zeit ebensowenig wie der Raum aus irgend etwas anderem, z. B. aus einem speciellen Empfindungsinhalt, logisch deducirt werden kann, sondern dass immer nur die Bedingungen nachzuweisen sind, unter denen die einzelnen zeitlichen Vorstellungen zu stände kommen. In Bezug auf diese Bedingungen scheint sich nun aber der Zeitsinn vom Raumsinn zu scheiden, da die räumlichen Vorstellungen zu einem wesentlichen Theile auf den psych ophysischen Eigenschaften beruhen, die bestimmten ein- zelnen Sinnesgebieten, speciell dem Tast- und Gesichtssinn, zukommen, während der Zeitsinn nicht an die Organisation besonderer peripherer Sinnesapparate gebunden ist, sondern auf alle möglichen Vorstellungen ebenso wie auf Gefühle, Affecte u. s. w. Anwendung findet. Hierdurch bilden die Zeitvorstellungen in der That eine Art von Uebergangsgebiet von den Vorstellungsbildungen zu den Gemüthsbewegungen sowie zu den aus den Verbindungen der psychischen Vorgänge hervorgehenden seeli- schen Zusammenhänsren.
Entwicklung der Zeitvorstellungen in den einzelnen Sinnesgebieten.?
Aus diesen Verhältnissen erklärt es sich wohl, dass der von Kant aufgestellte Begriff der Zeit als einer »Anschauungsform des inneren Sinnes«, die als solche alle äußeren und inneren Erlebnisse umfasse, eben darum aber auch aus diesen selbst niemals abgeleitet werden könne, meist von der Psychologie in dem Sinne recipirt wurde, dass für sie ein Problem des »Zeitsinns« eigentlich überhaupt nicht existirte. Doch so unzulässig es ist, in diesem Wort Zeitsinn etwas anderes zu sehen als einen kurzen Ausdruck für die.gesammten Eigenschaften der zeitlichen Vorstellungen, und ihn etwa, ähnlich missbräuchlich wie den »Raumsinn«, als ein besonderes Sinnesgebiet mit specifischen »Zeitempfindungen« auf- zufassen, ebenso falsch ist offenbar der Schluss, die Zeitvorstellung ent- behre deshalb aller jener Beziehungen zu einzelnen Bewusstseinsinhalten, weil wir an jedem dieser Inhalte jene Momente der Dauer und der Ge- schwindigkeit unterscheiden können. Vielmehr würde dies nur dann zutreffen, wenn Zeitvorstellungen auch ohne irgend einen sonstigen Be- wusstseinsinhalt und insbesondere auch ohne andere Vorstellungsbestand- theile nachzuweisen wären. Dies ist aber bekanntlich nicht der Fall. Wo alle Bewusstseinsinhalte schwinden, z. B. im traumlosen Schlaf, da gibt es auch keine Zeitvorstellungen mehr. Jenes Argument aus den zeitlichen Eigenschaften aller psychischen Vorgänge beweist also nur, dass die Bedingungen zur Entstehung dieser Eigenschaften verbreitetere sind als diejenigen anderer Factoren des psychischen Geschehens, unter anderm auch der Raumvorstellungen, obgleich die letzteren immerhin, nachdem sie sich einmal in bestimmten Sinnesgebieten entwickelt haben, durch die alle andern Inhalte begleitenden Vorstellungen dieser räum- lichen Sinne ebenfalls constante Bestandtheile aller Bewusstseinsvorgänge bilden. Nun ist, wenn wir, selbst von der Möglichkeit einer solchen Uebertragung absehend, zunächst als die wahrscheinlichste Annahme die betrachten, dass jedes psychische Erlebniss Bedingungen zur Entstehung von Zeitvorstellungen mit sich führe, immerhin das Vorhandensein der Elemente, in die sich alle Bewusstseinsvorgänge zerlegen lassen, der Em- pfindungs- und Gefühlselemente, schließlich auch als die allgemeinste Bedingung der Zeitvorstellungen vorauszusetzen. Ob es aber bestimmte, etwa durch ihre Constanz hierzu geeignete Empfindungen und Gefühle, oder ob es irgend welche Verbindungen derselben gibt, denen jene Eigenschaft zukommt, dies muss vorläufig dahingestellt bleiben, da die experimentelle Analyse der Zeitvorstellungen selbst erst auf diese Fragen eine Antwort zu suchen hat. Nur wird diese Analyse einen methodo- logischen Gesichtspunkt voranstellen müssen. Da es Empfindungen und Gefühle sind, aus denen sich im allgemeinen jeder irgendwie zeit- lich bestimmte Bewusstseinsinhalt zusammensetzt, so ist der nächste 4 Zeitvorstellungen.
Angriffspunkt der Untersuchung auch hier die Empfindung. Denn sie allein lässt sich durch die angemessene Variation äußerer Reize willkür- lich beeinflussen. Erst aus den so bewirkten Veränderungen der Vor- stellungen in Verbindung mit den zugleich sich darbietenden subjectiven Wahrnehmungen lässt sich aber in erster Linie auf die Empfindungs- substrate und dann, gemäß den allgemein für die Analyse der Gefühle geltenden Grundsätzen, auf die Gefühlssubstrate der Zeitvorstellungen zurückschließen. (Vgl. Cap. XI, Bd. 2, S. 263 ff.)
Hieraus ergibt sich, dass die Untersuchung des Zeitbewusstseins, ähnlich wie die der intensiven und der räumlichen Vorstellungen, von den einzelnen Sinnesgebieten auszugehen hat. Auch hier wird sie sich aber wieder, eben weil es sich um ein allgemeines psychologisches Problem handelt, das in den verschiedenen Fällen voraussichtlich auf übereinstimmende allgemeine Bedingungen zurückführt, auf diejenigen Sinnesgebiete beschränken können, die den Charakter zeitlicher Sinne in höherem Grade als andere besitzen, und deren zeitliche Vorstellungen daher auch der experimentellen Beobachtung leichter zugänglich sind. Hierher gehören in erster Linie die mechanischen Sinne in der früher (Bd. 1, S. 367) festgestellten Bedeutung dieses Wortes. Unverkenn- bar hängt dies mit den beiden Eigenschaften dieser Sinne zusammen, dass sie momentane Reize, der Tastsinn speciell die hier allein in Be- tracht kommenden äußeren und inneren Druckreize, mit annähernd momentanen Empfindungen beantworten, und dass bei länger dauern- den Reizen auch die Empfindung bis zu einer gewissen Grenze in un- verminderter Stärke während der Einwirkung der Reize bestehen bleibt. Die erste dieser Eigenschaften befähigt die Empfindungen beider Sinne in hohem Maße, Substrate von Geschwindigkeitsvorstellungen zu sein; die zweite erleichtert die Bildung deutlich begrenzter Dauervor- stellungen. Indem aber in beiden Eigenschaften, und namentlich in der zweiten, der Gehörssinn dem Tastsinn wieder überlegen ist, ge- winnt vorzugsweise jener den Charakter eines zeitlichen Sinnes. Die chemischen Sinne stehen hier, ähnlich wie auch die Temperatur- und Schmerzempfindungen der Haut, weit zurück. Die lange Nachwirkung der Erregungen sowie die meist rasche Abnahme der Empfindung bei längerer Dauer verdeckt durch die Stetigkeit dieser Veränderungen ebenso sehr die Intervallgrenzen successiver wie die bestimmteren Zeit- unterschiede dauernder Reize. Nur beim Gesichtssinn führt trotz dieser Eigenschaften die Stetigkeit der Veränderungen räumlicher Objecte hinwiederum zu eigenartigen Geschwindigkeits- und Dauer- vorstellungen, in denen jedoch die reine Zeitanschauung durch ihre Verbindung mit der Raumanschauung verschwindet, um mit dieser zu Entwicklung der Zeitvorstellungen in den einzelnen Sinnesgebieten. c der Bewegungsvorstellung zu verschmelzen. Da nun die charakte- ristischen Eigenschaften der letzteren wesentlich durch ihre räumlichen Factoren bestimmt und auf das engste mit andern Eigenschaften der Gesichtseindrücke verknüpft sind, so wurden sie bereits im vorigen Capitel erörtert (Bd. 2, S. 577 ff.). Hier wird darum nur noch auf diejenigen Zeitvorstellungen des Gesichtssinns einzugehen sein, die in unmittelbarer Beziehung zu zeitlichen Tast- und Gehörsvorstellungen stehen. Eine weitere Beschränkung ist der folgenden Betrachtung end- lich dadurch geboten, dass sie es, gemäß der allgemeinen Aufgabe dieses Abschnitts, ausschließlich mit der Bildung der Zeitvorstellungen zu thun hat, daher sie zunächst alles ausschließen wird, was auf irgend welche reproductive Factoren zurückführt: so z. B. die Auffassung größe- rer, den unmittelbaren Bewusstseinsinhalt überschreitender Zeiträume, die Vergleichung gegebener Zeitvorstellungen mit andern, ihnen länger vorangegangenen (das Problem des sogenannten Zeitgedächtnisses) u. s. w. Da alle diese Fragen in den Zusammenhang der associativen und ap- perceptiven Processe eingreifen, so können sie erst in Verbindung mit diesen (in Abschn. V) erörtert werden. Ihnen gegenüber wollen wir die durch direct gegebene Bewusstseinselemente vermittelten Zeitvorstellungen als die unmittelbaren bezeichnen, und ihnen jene später zu untersuchenden, durch reproductive Vorgänge erzeugten als die mit- telbaren gegenüberstellen. Auch aus dem so begrenzten Gebiet der unmittelbaren Zeitvorstellungen wird aber eine Gruppe von Erscheinun- gen deshalb theilweise auszuscheiden sein, weil sie mit gewissen com- plexen Gefühlen und Gemüthsbewegungen, die uns im nächsten Abschnitt beschäftigen sollen, auf das engste zusammenhängt. Dies ist die Gruppe der rhythmischen Vorstellungen, auf die hier nur insoweit einzu- gehen ist, als sie aus den allgemeinen Eigenschaften der unmittelbaren Zeitvorstellungen ihren Ursprung nehmen und daher wesentliche Factoren der Entwicklung dieser Vorstellungen selbst sind.
b. Zeitliche Tastvorstellungen.
An den Tastsinn als den allgemeinen Sinn ist, soweit wir aus der Organisation der Thiere schließen dürfen, die erste Entwicklung zeitlicher Vorstellungen in der Thierreihe geknüpft. Auch treten uns bei ihm die Bedingungen dieser Entwicklung am unmittelbarsten in bestimmten Functionsäußerungen vor Augen. Denn diejenige Function, die von Anfang an Beziehungen zu gewissen, wenn auch noch so primitiven Zeit- vorstellungen in sich schließt, ist die Tastbewegung, zu der in wei- terem Sinne vornehmlich auch die spontane Ortsbewegung der Thiere gehört. In die Bewusstseinscomponenten dieser Bewegungen gehen, 6 Zeitvorstellungen.
neben mannigfach wechselnden Gefühls- und Vorstellungsinhalten thie- rischer Triebe, als constante Elemente vor allem die inneren Tast- empfindungen ein, jene Empfindungen in den Gelenken und Muskeln, die alle activen Tastbewegungen begleiten, und die überdies mit äußeren Druckempfindungen verbunden sind, die durch die Rückwirkung der Bewegung auf die Körperbedeckung und durch die Tasteindrücke äuße- rer widerstehender Medien entstehen. Alles was wir über die unmittel- baren Zeitvorstellungen der Thiere aussagen können, besteht nun natür- lich in bloßen Vermuthungen, die sich theils und vornehmlich auf die Beobachtung ihrer locomotorischen Functionen, theils auf die wohl be- gründete Annahme stützen, dass diese Functionen von ähnlichen ein- fachen Empfindungen und Gefühlen begleitet sein werden wie die unseren. Hier aber scheiden sich dann mit Rücksicht auf den symptomatischen Werth für etwa vorhandene zeitliche Vorstellungen die Bewegungen in unregelmäßige, nach Dauer wie Intervallen beliebig wechselnde, und in mehr oder minder regelmäßige, die in der Weise einander ablösen, dass eine nachfolgende Bewegung in ihrer Dauer und in ihrer Gliederung in einzelne Bewegungsacte als eine Wiederholung der vorangegangenen erscheint, während zugleich, wo solche Bewegungen in größerer Zahl einander ablösen, Pausen zwischen denselben von annähernd gleicher Größe eingeschaltet sind. Wir wollen den ersten dieser Bewegungstypen den arrhythmischen, den zweiten den rhythmischen nennen. Zeit- liche Tastvorstellungen von noch so primitiver Natur können wir nur beim Vorhandensein rhythmischer Bewegungen mit einiger Sicherheit voraussetzen. Die arrhythmischen Bewegungen bleiben daher für das Problem der Entwicklung der Zeitvorstellungen als Symptome von min- destens zweifelhafter Bedeutung von vornherein außer Betracht. Wo sich dagegen, wie bei den Arthropoden und den höheren Mollusken, sowie bei den sämmtlichen Wirbelthieren, rhythmische Tastbewegungen insbesondere in der Form rhythmischer Ortsbewegungen vorfinden, da dürfen wir in diesen zwar noch immer nicht sichere Zeugnisse wirklich vorhandener Zeitvorstellungen, unter allen Umständen aber psychophy- sische Bedingungen erblicken, auf deren Grundlage sich solche ent- wickeln können und wahrscheinlich in vielen Fällen thatsächlich ent- wickeln. Letzteres ist namentlich überall da mit Wahrscheinlichkeit anzunehmen, wo die rhythmische Bewegung in der Form der Willenshandlung auftritt oder mindestens als solche in einem sichtlich durch den Willen bestimmten Tempo eingeleitet wird. Hierbei können Ge- schwindigkeits- und, insofern sie immer in einem gewissen Grade mit ihnen verbunden sind, auch Dauervorstellungen in den Momenten der willkürlichen Einleitung der Bewegung oder der willkürlichen Aenderung Entwicklung der Zeitvorstellungen in den einzelnen Sinnesgebieten. -j einer solchen unmöglich fehlen, wenn sie auch noch so unbestimmt sein mögen. Dagegen darf keinesfalls aus dem Vorhandensein rhythmischer Bewegungen überhaupt auf begleitende Zeitvorstellungen geschlossen werden. So verlaufen unsere eigenen Herzbewegungen immer, unsere Athembewegungen in der Regel ohne Zeitbewusstsein. Das Kind zeigt schon in einer sehr frühen Lebenszeit rhythmische Armbewegungen, und ebenso erfolgen die Saugbewegungen des Säuglings theilweise rhyth- misch. Aber hier handelt es sich offenbar, gerade so wie bei den Herz- und Athembewegungen, lediglich um eine physiologische Rhythmik der Innervationsprocesse. Das nämliche gilt im allgemeinen von dem v/ei- teren Verlauf von Bewegungen, die willkürlich in einem bestimmten Tempo eingeleitet werden und darum, wie wir voraussetzen dürfen, von einer gewissen Geschwindigkeitsvorstellung begleitet sind. So können unsere eigenen Geh- und Laufbewegungen als automatische Fortsetzun- gen willkürlich eingeleiteter Bewegungen subjectiv gewissermaßen zeitlos verlaufen; und das gleiche ist natürlich bei den ähnlichen Bewegungen der Thiere vorauszusetzen.
Der so sich ergebende wesentliche Unterschied der willkürlich er- zeugten und der automatisch sich wiederholenden Rhythmik gewisser Bewegungen, in Verbindung mit der Thatsache, dass bei Mensch wie Thier zahlreiche rhythmische Thätigkeiten von Anfang an automatisch erfolgen, weist nun aber zugleich auf das bestimmteste darauf hin, dass das Primäre bei der individuellen Entstehung dieser Wechselwirkungen nicht das Zeitbewusstsein, sondern eben jener Complex physischer Be- wegungsvorgänge ist, der vermöge des regelmäßigen Ineinandergreifens centraler Erregungs- und Hemmungsinnervationen an den äußeren Be- wegungswerkzeugen nicht, anders als bei den Herz- und Athembewe- gungen automatisch zu stände kommt. Wie solche rhythmische Auto- matismen in der generellen Entwicklung entstehen konnten, muss hier, wo es sich lediglich um die empirische Nachweisung der allgemeinen Bedingungen der thatsächlich gegebenen Zeitvorstellungen handelt, vor- läufig außer Betracht bleiben1. Für die individuelle Entstehung dieser letzteren bleibt die Thatsache maßgebend, dass dem Eingreifen der Willensantriebe in den Mechanismus der Bewegungen von Anfang an fertige, an und für sich bereits rhythmisch functionirende nervöse Appa- rate zur Verfügung stehen. Vor allem zeigt dies auch die Entwicklung der locomotorischen Functionen beim Menschen, die sich wegen der Langsamkeit, mit der sie erfolgt, deutlich in ihren einzelnen Stadien