Nun sind für alle diese Erscheinungen, sowohl für die in den experi- mentellen Beobachtungen künstlich erzeugten, wie für die analogen, die sich im Umkreis geläufiger Erfahrungen bieten, an und für sich zwei Deutungen möglich. Entweder kann man annehmen, in allen diesen Fällen seien überhaupt nur Gefühle im Bewusstsein, Vorstellungen fehl- ten überhaupt, oder diese wirkten aus jenem unbewussten Hintergrund des seelischen Geschehens, aus dem auch die Erinnerungsvorstellungen früherer Eindrücke in das Bewusstsein wieder eintreten können, ohne aber in solchen Fällen selbst die Schwelle des Bewusstseins zu überschreiten. Dies ist im allgemeinen die populäre Auffassung der Sache, und sie ist in der Psychologie immer noch weit verbreitet. Man kann aber auch zweitens annehmen, irgend eine Vorstellung, sei es nun eine direct durch einen 1 Hierher gehörige Beispiele schildert, unter sorgfältiger Beachtung auch der be- gleitenden physiologischen Symptome, M. Giessler, Ueber die Vorgänge bei der Erinne- rung an Absichten, 1895, S. 6 ff.
I 1 8 Vorstellungsgefühle und Aftecte.
Sinnesreiz erweckte oder ein Erinnerungsbild, könne nur dann durch das zu ihr gehörige Gefühl wirksam werden, wenn sie selbst irgendwie im Bewusstsein existirte. Wie nun die verschiedenen objectiven Bestandtheile der Vorstellung nicht selten mit sehr verschiedener Klarheit vorgestellt werden, so gelte das auch für die Vorstellung und das Vorstellungsgefühl. In allen den Fällen, in denen sich ein Vorstellungsinhalt unserer Auffassung nur durch ein gewisses Gefühl oder sogar nur durch eine Veränderung der Gesammtstimmung des Bewusstseins kundgibt, da sei dies demnach als eine Andeutung dafür anzusehen, dass die betreffende Vorstellung im Bewusstsein vorhanden sei, dass sie aber zu jenen dunkleren In- halten desselben gehörte, die überhaupt mehr durch ihre Wirkungen auf andere Bevvusstseinsvorgänge als durch ihre eigenen Bestandtheile er- kennbar werden.
Es ist augenfällig, dass die erste dieser Deutungen im allgemeinen an eine Auffassung der seelischen Vorgänge gebunden ist, der wir bereits bei der Untersuchung der zeitlichen Vorstellungen begegnet sind: an die Auffassung nämlich, dass der in einem gegebenen Moment unmittelbar appercipirte Inhalt das ausschließlich im Bewusstsein Gegebene sei, oder, kürzer ausgedrückt, dass Apperceptionsinhalt und Bewusstseins- inhalt zusammenfallen (S. 86 ff). Bestünde das Bewusstsein in jedem Moment nur aus jener eng begrenzten Anzahl von Empfindungen und Gefühlen, auf die sich in dem gleichen Moment die Aufmerksamkeit richtet, so würde ja in der That die Annahme geboten sein, dass alle die Vorstellungsgefühle, deren zugehörige Vorstellungen nicht von uns bemerkt d. h. appercipirt werden, von der großen und unbestimmten Masse unbewußter Vorstellungen ausgingen, die als die Residuen früherer Er- lebnisse in der Seele zurückgeblieben sind. Nun hat sich aber bereits bei den Zeitvorstellungen gezeigt, dass selbst bei ihnen, die doch beson- ders durch die Eigenschaft, fließende Größen zu sein, vor andern sich auszeichnen, die Annahme, es werde jeweils nur der einzelne gegen- wärtige Zeitpunkt vorgestellt,, unstatthaft ist, weil sie mit den unmittel- bar gegebenen Eigenschaften der Zeitvorstellungen und mit den sie verändernden Bedingungen in unauflöslichen Widerspruch geräth (S. 59 ff.). Hierin liegt aber schon, dass jede Zeitvorstellung aus klarer und dun- kler bewussten Theilen besteht; und in der That ließ sich aus der Aus- dehnung gewisser rhythmischer Zeitvorstellungen folgern, dass der Um- fang dieser dunkler bewussten Bestandtheile im Verhältniss zu den direct appercipirten ein nicht unbeträchtlicher sein kann. Bestimmter wird sich uns das noch bei der Untersuchung der allgemeinen Eigenschaften des Bewusstseins ergeben, da dieselbe zeigt, dass der Gesammtumfang desselben zwar in jedem Moment ein begrenzter, dabei aber doch Allgemeine Eigenschaften der Vorstelhmgsgefühle. j j n gegenüber den appercipirten Inhalten stets ein relativ bedeutender ist, in- dem nicht nur von jeder irgendwie zusammengesetzteren Vorstellung immer nur einzelne Theile im Blickpunkt der Aufmerksamkeit stehen, andere aber nur dunkel vorgestellt werden, sondern indem auch neben einem solchen durch die Apperception bevorzugten Gegenstand immer noch andere Inhalte gleichzeitig im Bewusstsein sind. Dabei lässt sich dann außerdem experimentell mit Sicherheit nachweisen, dass diese mit dem appercipirten Inhalt meist nur in einem losen und äußeren Zusammen- hang stehenden begleitenden Vorstellungen die allerverschiedensten Grade der Klarheit darbieten können, von einer oberen Grenze an, wo sie noch als zwar undeutliche, jedoch in ihren allgemeinen Eigenschaften noch einigermaßen erkennbare Objecte erfasst werden, bis zu einer unteren, wo nur festzustellen ist, dass überhaupt in einem bestimmten Sinnesgebiet irgend etwas vorhanden war, das im Bewusstsein wirksam wurde, aber schon im Moment, nachdem der Eindruck vorübergegangen, nicht mehr zur Apperception gebracht werden kann1. Da es besonderer, eigens diesem Zwecke angepasster exacter Verfahrungsweisen bedarf, um solche außerhalb des engeren Bezirks der appercipirten Objecte liegenden Be- wusstseinsinhalte und die mannigfachen Abstufungen ihrer Klarheitsgrade nachzuweisen, so ist es nun vollkommen begreiflich, dass die gewöhn- liche, bloß die Apperceptionsvorgänge selbst in ihrem ungefähren Verlauf verfolgende subjective Wahrnehmung an jenen im weiteren Bewusstseins- umfang sich abspielenden Processen achtlos vorübergeht. Indem ihr in Folge dessen Apperception und Bewusstsein unterschiedslos zusammen- fließen, überantwortet sie dann aber nothgedrungen alle die Einflüsse, die von den dunkler bewussten Inhalten auf die Apperceptionsprocesse her- überwirken, dem gänzlich unbestimmten Begriff des »Unbewussten«, der nun ebensowohl actuelle seelische Vorgänge wie bloße Anlagen zur Ent- stehung solcher in sich schließt, ohne dass zwischen beiden irgend welche sichere Unterschiedsmerkmale festgestellt werden.
c. Die Vorstellungsgefühle als Be wusstseinsf unctionen.
Lassen sich nun neben den Apperceptionsprocessen dunklere Bewusst- seinsinhalte der verschiedensten Klarheitsgrade als thatsächlich bestehende nachweisen, so ist damit auch die Möglichkeit gegeben, zwischen den bloßen Anlagen zur Wiedererneuerung von Bewusstseinsvorgängen, die unmittelbar gar keinen Einfiuss auf das Bewusstsein ausüben, und den- jenigen psychischen Inhalten zu unterscheiden, die sich als unmittelbar wirksame nachweisen lassen. Denn es wird nunmehr vorauszusetzen 1 Vgl. die in Cap. XVIII zu schildernden tachistoskopischen Versuche.
120 Vorstellungsgefühle und Affecte.
sein, die Fähigkeit, irgend welche Wirkungen auszuüben, sei überall an die Bedingung geknüpft, dass die wirksamen Elemente selbst in irgend einem Grade bewusst sind. Dieser Voraussetzung kommt zu- dem noch eine allgemeine Erwägung begünstigend entgegen. Wir werden sehen, wie sich auf Grund der thatsächlichen psychologischen Erfahrung für das Bewusstsein selbst keine andere Begriffsbestimmung gewinnen lässt als eben die, dass ein wirklicher psychischer Vorgang und ein Bewusstseinsvorgang nur verschiedene Namen für eine und die- selbe Thatsache sind, oder dass mit anderen Worten Bewusstsein nichts anderes bedeutet als die Summe der in einem gegebenen Moment wirklich vorhandenen seelischen Erlebnisse. Diese allgemeinen Gründe werden nun gerade im Gebiet der Vorstellungsgefühle durch einen direc- ten thatsächlichen Beweis bestätigt. Die Annahme, dass irgend welche vorläufig oder dauernd unbewusst bleibende Vorstellungen in der Form von Gefühlen auf das Bewusstsein wirken könnten, würde näm- lich allenfalls bei den an die Erinnerungsvorstellungen gebundenen Ge- fühlen möglich sein. Sie wird aber unmöglich in jenen zwar selteneren, jedoch immerhin mannigfach vorkommenden und dann in höchst ausge- prägter Weise von dem gewöhnlichen Verlauf der Sinneswahrnehmungen sich unterscheidenden Fällen, wo auch bei directen Sinnesvorstellun- gen die Succession Gefühl — Vorstellung in die Erscheinung tritt. Dass hier der Eindruck zunächst überhaupt nicht, sondern erst, nachdem er durch das vorauseilende Gefühl verzögert worden sei, bewusst werde, ist nicht bloß überaus unwahrscheinlich, sondern widerspricht unmittelbar der Beobachtung. Denn bei den hier maßgebenden Versuchen mit mo- mentanen Eindrücken besinnt man sich in der Regel sofort, nachdem der Eindruck deutlich appercipirt wurde, darauf, dass er zuvor schon vor- handen war, aber zunächst hinter seinen sich aufdrängenden Gefühlston zurücktrat. Nun würde es aber außerordentlich unwahrscheinlich sein, dass sich in dieser Hinsicht die Erinnerungsvorstellungen wesentlich an- ders verhielten als die directen Sinneswahrnehmungen, und dass jene schon als unbewusste Dispositionen Wirkungen äußern sollten, die diesen nachweislich erst nach ihrem Eintritt ins Bewusstsein zukommen. Da- p-eeen beweist die Thatsache, dass bei Sinneseindrücken wie bei Erinne- rungsbildern je nach Umständen sowohl eine gleichzeitige Apperception von Vorstellung und Gefühl wie eine Succession derselben in jeder der beiden möglichen Richtungen vorkommen kann, unzweideutig eine rela- tive Unabhängigkeit der Apperception dieser Bestandtheile der Bewusst- seinsinhalte, die zugleich auf eine wesentlich verschiedene Bedeutung der- selben hinweist.
Allgemeine Eigenschaften der Vorstellungsgefühle. j 2 i d. Psychologische Bedeutung der Vorstellungsgefühle.
Die Frage, worin diese Bedeutung bestehe, wird nun schließlich von den allgemeineren Gesichtspunkten aus zu beantworten sein, die schon für die Auffassung der einfachen Gefühle maßgebend waren; um so mehr, da ja jene Grundeigenschaften der Gefühle, wie sie sich in der Vorherr- schaft der dominirenden Elemente und in dem Princip der Einheit der Gemüthslage zu erkennen gaben, bei den Vorstellungsgefühlen in gesteiger- tem Grade wiederkehren. Sind aber, wie früher ausgeführt wurde, die Gefühle überhaupt Reactionen der centralen Bewusstseinsfunction, der Apperception, auf die einzelnen Bewusstseinserlebnisse1, so liegt darin an und für sich schon, dass eine solche Reaction zwar stets von einem einzelnen wirklichen Bewusstseinsinhalt ausgelöst werden muss, dass sie aber sowohl nach ihrem Intensitätsgrad wie nach der Zeit ihres Eintritts nicht bloß von der Beschaffenheit der einzelnen Vorstellung ab- hängt, auf die sie sich unmittelbar bezieht, sondern außerdem auch von dem gesammten Bewusstseinszustand, wie er theils durch die sonst noch gegebenen Inhalte, theils auch durch die von Vorerlebnissen und ur- sprünglicher Anlage abhängigen Eigenschaften bestimmt ist. Darum kann eine Vorstellung, gerade so wie schon eine einzelne Empfindung, bald vollkommen gefühlsfrei, bald von lebhaften Gefühlen begleitet sein, und es kann sich sogar in Folge jenes Einflusses der Vorerlebnisse und Anlagen eine ihrem objectiven Inhalte nach übereinstimmende Vorstellung in dem individuellen Bewusstsein sehr abweichend verhalten. Deshalb stehen nun bei den Gefühlen einem mittleren Verhalten, dem wir eine gewisse All- gemeingültigkeit zuschreiben, noch in ungleich höherem Maße individuelle Abweichungen gegenüber, als dies im Gebiet der Empfindung und Vor- stellung etwa für die Farben- und Tonempfindungen, das Augenmaß, die Zeitschätzungen u. dergl. gilt. Nicht minder können aber in Folge die- ser theils allgemeingültigen, theils individuellen Bedingungen die mannig- fachsten Verschiebungen in dem Verhältniss der objectiven Vorstellungs- inhalte zu jenen subjectiven Reactionen stattfinden. Bei einem gewissen mittleren Maß der Gefühlserregbarkeit werden wir im allgemeinen voraus- setzen dürfen, dass der Apperception einer Vorstellung die subjective Re- action so unmittelbar folgt, dass beide für uns zeitlich in einen einzigen Act zusammenfließen. Aber da jeder objective Vorstellungsinhalt, mag er nun einem äußeren Eindruck entstammen oder sich vorwiegend aus reproductiven Elementen zusammensetzen, zunächst percipirt werden, d. h. überhaupt in das Bewusstsein eintreten muss, ehe er appercipirt werden kann1, so wird es bei Vorstellungen von relativ starkem Gefühlston oder bei ungewöhnlicher Gefühlserregbarkeit sehr wohl vorkommen können, dass ein Inhalt, dessen objective Elemente selbst noch nicht appercipirt werden, doch bereits eine entschiedene apperceptive Reaction auslöst; und wenn weiterhin hemmende Momente hinzutreten, die vorübergehend oder bleibend die Apperception der Vorstellung selbst verhindern, so werden dann jene mannigfachen Erscheinungen die Folge sein, wie wir sie bei gewissen anscheinend substratlosen Stimmungen, bei unbestimm- ten Erinnerungen, beim Besinnen auf Vergessenes u. dergl. wahrnehmen. Weiterhin ergibt sich dann aus diesen Verhältnissen, dass die directen Sinnesvorstellungen und die Erinnerungsvorstellungen in dieser Beziehung im allgemeinen abweichende Bedingungen mit sich führen. Ein äußerer Sinneseindruck übt, wenn er zureichend stark ist, im Verhältniss zu den sonst im Bewusstsein vorhandenen Nachwirkungen und Reproductionen früherer Erregungen in der Regel eine so überwältigende Wirkung aus, dass das Stadium zwischen dem Eintritt in das Bewusstsein und der Apperception außerordentlich verkürzt zu sein pflegt, und dass daher auch die subjective Reaction auf den appercipirten Inhalt entweder un- mittelbar mit diesem selbst oder, wenn hemmende Momente der neuen Gefühlserregung im Wege stehen, sogar erst eine merkliche Zeit nach der Apperception des objectiven Eindrucks stattfindet. Darum erscheint hier die Succession »Vorstellung — Gefühl« als das normale Verhalten, von dem nur bei Eindrücken von geringer objectiver Stärke und gleichwohl hohem Gefühlswerth gelegentlich Ausnahmen stattfinden. Wesentlich an- ders verhält sich dies bei den Erinnerungsvorstellungen. Erstens bedarf die Reproduction einer Vorstellung überhaupt durchweg einer sehr viel längeren Zeit als die Erzeugung einer directen Sinnes Vorstellung; zweitens aber verbleiben solche Reproductionen allgemein erheblich länger im dunkleren Feld des Bewusstseins: in manchen Fällen lässt sich geradezu feststellen, dass sich ihre Elemente hier zunächst sammeln und verdichten müssen, um überhaupt apperceptionsfähig zu werden. Daraus ergibt sich von selbst die Succession Gefühl — Vorstellung als die reguläre, der nur in einer verhältnissmäßig sehr kleinen Anzahl von Fällen die umgekehrte gegenübersteht, abgesehen von dem natürlich auch hier nicht seltenen Vorkommen der Association relativ gefühlsfreier Vorstellungen. Immerhin pflegen auch dann nicht selten Spannungsgefühle von im übrigen qualitativ indifferentem Charakter der klaren Apperception des Erinnerungs- bildes voranzugehen. Dass endlich jene Fälle, wo eine Vorstellung als solche überhaupt nicht appercipirt wird, aber auf die Gefühlslage des 1 Siehe unten Cap. XVIII, i.
Aesthetische Elementargefühle. j,, Bewusstseins eine mehr oder minder intensive Wirkung- ausübt, zumeist dem Gebiet der Erinnerungsvorstellungen angehören, ist nicht minder eine naheliegende Folge aller dieser Bedingungen.
2. Aesthetische Elementargefühle.
a. Subjective und objective Bedingungen ästhetischer Ele ment arge fühle.
Aus der unabsehbar großen Zahl der Vorstellungsgefühle treten einzelne durch das sie vor andern auszeichnende Merkmal hervor, dass sie sich als Lust- und Unlustgefühle darstellen, die wir unmittelbar auf objective Bedingungen beziehen, und daher als Gefühle des Gefallens und des Missfallens zu bezeichnen pflegen. Diese Ausdrücke weisen zunächst, gleich den allgemeineren der Lust und der Unlust, auf die Eigenschaft des Bewusstseins hin, durch seinen Inhalt in der Form contrastirender Zustände bestimmt zu werden. Wie aber die Vorstellung selbst auf einer Mehrheit von Empfindungen beruht, die nach psychologischen Ge- setzen zusammenhängen, so ist auch schon das ästhetische Elementargefühl nicht bloß eine Summe sinnlicher Einzelgefühle, sondern es entspringt aus der Verbindung derselben zu einer resultirenden Gefühlswirkung. Diese kann freilich bei relativ einfacheren Vorstellungen dem Indifferenz- punkt sehr nahe sein. Hieraus erklärt es sich, dass man nicht selten das Gebiet der ästhetischen Gefühle überhaupt auf die höheren, im engeren Sinne sogenannten ästhetischen Wirkungen einschränkt. Doch sind bei diesen immer nur jene elementaren Gefühle des Gefallens und Missfallens, die einzelne Vorstellungen begleiten, theils zu größerer Stärke entwickelt, theils mit anderen Gefühlen zusammengesetzteren Ursprungs verschmolzen. Die so entstehenden complexen Producte wollen wir daher als zusammengesetzte ästhetische Gefühle von den an .Einzelvorstellungen als solche gebundenen ästhetischen Elementar- gefühlen unterscheiden. Dabei muss übrigens von vornherein ein Miss- verständniss zurückgewiesen werden, das nicht selten durch die Ausdrücke »einfach« und »zusammengesetzt« erweckt wird, und das, wie es überhaupt auf einer falschen Auffassung der psychischen Entwicklungen beruht, so insbesondere im Gebiet der ästhetischen Gefühle völlig in die Irre führt. Wenn wir die an Einzelvorstellungen gebundenen Gefühle des Gefallens und Missfallens Elementargefühle nennen, so soll damit nicht gesagt sein, dass die höheren oder zusammengesetzten ästhetischen Gefühle bloße Summationen solcher Elementargefühle seien und ohne Rest in die letzteren zerlegt werden könnten. Das sind sie ebenso wenig, wie eine 12A Vorstellungsgefühle und Affecte.
räumliche Vorstellung eine bloße Summe von Lichtempfindungen oder ein consonanter Zusammenklang eine bloße Addition von Tönen ist. Im Gebiet der Gefühle, und vor allem der ästhetischen Gefühle, entfernt sich eine solche Auffassung um so mehr von der Wirklichkeit, da hier die Ver- bindungen der Elemente nicht bloß an und für sich neue, in den Elementen selbst noch nicht vorhandene Eigenschaften gewinnen, sondern da auch aus den mannigfachen Beziehungen, in welche die Vorstellungen zu ein- ander und zu früheren Erlebnissen treten, wiederum eigenartige Gefühle hervorgehen, die mit den Elementargefühlen zu einem verwickelten Total- gefühl verschmelzen, in welchem solche im weitesten Sinn associative Bestandtheile dann durchweg die dominirende Bedeutung besitzen. (Vgl. Bd. 2, S. 341 ff.). Auch darf hierbei nicht übersehen werden, dass schon in dem Ausdruck »ästhetische Elementargefühle« das Attribut des Ele- mentaren eine bloß relative Bedeutung hat. Als ästhetische Gefühle sind die Gemüthsbewegungen, um die es sich hier handelt, elementar; aber als Gefühle stehen sie doch schon auf einer wesentlich höheren Stufe als die an einfache Empfindungen gebundenen Gefühle, da sie eben von Vorstellungen ausgehen, die bereits gesetzmäßige Verbindungen von Empfindungen sind.
Wenn wir nun die Eigenschaft, dass sie diejenigen Gefühlscomponenten einzelner Vorstellungen sind, die wir mit den Namen des Gefallens und des Missfallens belegen, als das nächste subjective Merkmal der ästhetischen Elementargefühle betrachten können, so sind diese übrigens damit zugleich als Unterformen der Lust-Unlustgefühle charakterisirt. Denn so wenig es bei ihnen an anderweitigen Gefühlsrichtungen fehlt, so ist doch das Gefallen als solches zweifellos ein Lust-, das Missfallen ein Unlustgefühl. Dabei unterscheidet sie aber von den andern, subjectiveren Formen der Lust und der Unlust die Beziehung auf äußere Gegenstände oder Vorgänge. Darin liegt dann zugleich die allgemeine Möglichkeit, dass sich diese Gefühle, indem sie mit den Vorstellungsobjecten selbst verschmelzen, bis zur In- differenz abschwächen können, wie das bei den Gegenständen unserer täglichen Umgebung zu geschehen pflegt. Aber auch da, wo eine starke Gefühlserregung nicht fehlt, verräth sich doch die objectivere Natur dieser Gefühle vornehmlich in zwei allgemeinen Merkmalen. Das eine besteht darin, dass bei den ästhetisch wirkenden Eindrücken der Gefühlston der reinen Empfindungen an Intensität zurücktritt, indem namentlich diejenigen Gefühle, die zu den Bestandtheilen des Gemeingefühls gehören, entweder ganz verschwinden oder mindestens nur noch eine sehr geringe Stärke besitzen. Das zweite, positivere Merkmal ist dies, dass die so zurück- bleibenden, und nun mit den Objecten selbst fest associirten Gefühle in ihren specifischen Eigenschaften durch das Verhältniss bestimmt werden, in dem die Theile der Vorstellung zu einander stehen. Da dieses Verhältniss ein objectives, von der besonderen Wirkungsweise der Eindrücke auf uns unabhängiges ist, so wird durch dasselbe jenes den ästhetischen Wirkungen eigene Zurücktreten der subjectiven Gemein gefühle wesentlich unterstützt. Fehlen auch diese nicht ganz in dem ästhetischen Eindruck, so bilden sie doch in ihm jeweils nur sinnliche Bestandtheile und Ergänzungen der eigentlichen Vorstellungsgefühle und ihrer complexen Verbindungen. Hierin liegt die relative Wahrheit der KANTischen Formel begründet, dass das ästhetische Wohlgefallen ein »interesseloses« sei. Aber freilich ist die Wahrheit dieser Formel psychologisch betrachtet nur eine beschränkte. Denn einerseits fehlt der sinnliche Gefühlston der Em- pfindungen dem ästhetischen Eindruck schon um deswillen nicht, weil es Vorstellungen ohne ein Empfindungssubstrat überhaupt nicht gibt, und weil demnach auch für die ungestörte Wirkung der einfachen wie der zusammengesetzten ästhetischen Gefühle ein ihnen adäquater Gefühlston jener sinnlichen Elemente eine wesentliche Bedingung ist. Anderseits lassen sich die verwickeiteren ästhetischen Wirkungen unmöglich von den moralischen, religiösen oder sonstigen praktischen Interessen, die alle menschliche Thätigkeit durchsetzen, völlig sondern, so dass das Aesthetische als ein für sich allein dastehendes, den andern Lebensinhalten fremdes Gebiet anzusehen wäre. Worin sollte in der That die hohe ästhetische Wirkung z. B. eines Werkes der Dichtkunst oder auch der bildenden Kunst anders als eben darin bestehen, dass es jene Lebensinteressen auf das tiefste in Mitleidenschaft zieht? Und mögen solche Beziehungen auch bei Musik und Architektur im allgemeinen nicht so unmittelbar an der Ober- fläche liegen, so treten sie doch deutlich genug hervor, sobald wir uns auf die entfernteren Bedingungen des ästhetischen Eindrucks besinnen. Dass ein Tanzlied und ein Choral abweichende Tonfügung und Rhythmik, ein Wohnhaus und eine Kirche andersartige architektonische Formen ver- langen, ist einleuchtend. Da aber schließlich kein Kunstwerk, mag es auch, wie die musikalische Symphonie oder Phantasie, von der subjectivsten Art sein, an sich zwecklos ist, so kann es auch nicht interesselos sein. Denn der Zweck, welcher Art er auch sein möge, schließt immer irgend welche theoretische oder praktische Interessen, Bedürfnisse oder Bestrebungen ein.
So ist denn die KANTische Formel überhaupt kein zutreffender Ausdruck für die wirkliche Natur des ästhetischen Wohlgefallens. Wohl aber ist sie ein Ausdruck jenes falschen Ideals der classicistischen Kunst und Aesthetik, die der Form einen so übermäßigen Werth beilegte, dass sie darüber den ästhetischen Inhalt zu übersehen geneigt war. Dass sie da- neben eine berechtigte Reaction gegen die utilitarische Strömung der Zopf- und Aufklärungszeit ist, darf freilich nicht übersehen werden.
j 2 6 Vorstellungsgefühle und Affecte.
Doch gegen den Utilitarismus der Lehr- und Fabeldichtung des 18. Jahrhunderts brauchen wir uns heute ebenso wenig mehr wie gegen die Teleologie Christian Wolffs und seiner Schule zu wehren. Ist auch das »interesselose Wohlgefallen« kein zutreffender psychologischer Ausdruck für den Begriff der ästhetischen Wirkung, so nähern sich doch beide bei jenen relativ einfachen Eindrücken, welche die Objecte ästheti- scher Elementargefühle sind, weil sich hier auf die einzelne Vorstellung als solche, ohne merkliche Beziehungen zu mannigfachen andern Vorstellungs- und Gefühlsinhalten, das ästhetische Gefühl bezieht. Eben darum aber be- sitzen die Elementargefühle zugleich den Charakter verhältnismäßig reiner Formgefühle. So verkehrt es wäre, eine BEETFIOVEN'sche Symphonie in ihrer ästhetischen Wirkung nur auf die einzelnen harmonischen und rhythmi- schen Formen, in die sie sich zerlegen lässt, oder den Eindruck eines Moses des Michel Angelo auf die Maßverhältnisse seiner Gestalt zurückführen zu wollen, so gewiss ist es, dass ein freilich unvollkommenes, aber immerhin deutlich ausgeprägtes elementares Gefühl des Gefallens oder Missfallens an eine einzelne, außer allem melodischen Zusammenhang stehende Con- sonanz oder selbst an die einfache proportionale Theilung einer geraden