SigPhi · Wilhelm Wundt

Grundzüge der physiologischen Psychologie (3. Auflage)

German

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256 Willensvorgänge.

auch als Triebhandlungen, die zusammengesetzten als Willkürhand- lungen bezeichnen, und demnach beide unter dem allgemeineren Begriff » Willenshandlungen« zusammenfassen. Dabei kommt dieser Unterscheidung der freilich im Sprachgebrauch gewöhnlich nicht festgehaltene, dem Worte »Willkür« zukommende Nebenbegriff des »Kürens« (Wählens) zu statten. Von hier ausgehend lässt sich dann weiterhin im Interesse der psycho- logischen Unterscheidung der dabei vorkommenden Abstufungen auch noch die Thatsache verwerthen, dass der dem »Küren« ursprünglich eigene Sinn in der Verbindung zu »Willkür« im Vergleich mit dem ihm ursprünglich synonymen Begriff des »Wählens« abgeblasst ist. Demnach wollen wir die drei Formen der Triebhandlungen, der Willkürhandlungen und der Wahlhandlungen als Stufen einer Entwicklungsreihe betrach- ten. Die Triebhandlungen können dann in dem oben angegebenen Sinne als eindeutige Functionen eines von Anfang an alleinherrschenden Motivs, die Willkürhandlungen als zunächst mehrdeutig gerichtete Bewusstseins- functionen definirt werden, bei denen aber gleichwohl nur ein Motiv zu deutlicher Wirksamkeit gelangt, so dass die übrigen nur den allgemeinen Eindruck vorhandener Neben- oder Gegenmotive hervorbringen, ohne einzeln klar als solche unterschieden zu werden. Endlich eine Wahlhandlung werden wir da statuiren, wo einzelne unter diesen Neben- und Gegenmotiven vorübergehend in den Vordergrund des Bewusstseins treten, so dass sich mehr oder minder ausgeprägt die Erscheinung eines »Streites der Motive« entwickelt, der dann zuletzt mit der Verdrängung der übrigen durch das entscheidende Motiv endigt. Alles dies bestätigt wieder die obige Bemerkung, dass das Endstadium der Willensvorgänge immer eine übereinstimmende Beschaffenheit bewahrt. Denn alle diese Erscheinungen des Zusammenwirkens und des Kampfes der Motive gehören den ersten Stadien an. Hier sind sie dann aber insonderheit für die begleitenden Gefühle von großer Wichtigkeit. Bei den Triebhandlungen tritt das Ge- fühl der Entscheidung an Intensität gegenüber den unmittelbar durch die äußeren Reize ausgelösten Lust- oder Unlustgefühlen zurück. Bei den Willkürhandlungen dagegen ist dieses specifische Gefühl um so deutlicher, je mehr andere Motive das dominirende zu verdrängen suchen. Bei den Wahlhandlungen endlich wird das gleiche Gefühl durch den vorangehen- den schwankenden Gemüthszustand wesentlich gesteigert, während sich außerdem häufig noch andere intellectuelle Gefühle, namentlich das des Zweifels, einmengen können. Das Gefühl der Entscheidung wird so zu dem der Entschließung, mit welchem Ausdruck man nun diesen haupt- sächlich durch Gefühlscontraste vermittelten höheren Grad des Entschei- dung-sgefühls bezeichnen kann.

Hiernach lassen sich die drei hier unterschiedenen Stufen des Willens- Begriff und Eigenschaften der Willensvorgänge.

Vorgangs durch die drei Schemata der Fig. 335 versinnlichen. Der große Kreis bedeutet jedesmal den gesammten Bewusstseinsinhalt in einem be- stimmten, dem Auftreten des Entscheidungsgefühls entsprechenden oder unmittelbar vorausgehenden Moment. Die Einzelinhalte, Vorstellungen samt den an sie gebundenen Gefühlen, sollen durch die kleinen Kreise angedeutet werden. Durch die unterbrochen gezeichnete Kreislinie denken wir uns die für den ablaufenden Vorgang gleichgültigen abgetrennt, wo- gegen die an ihm betheiligten ausschließlich den centralen Theil des Kreises einnehmen. Das dominirende Motiv endlich denken wir uns im Moment der Entscheidung im Mittelpunkt des Kreises. Durch das Schema A wird dann der Zustand des Bewusstseins bei einer reinen Triebhandlung, durch B derjenige bei einer Willkürhandlung veranschaulicht. C da- gegen entspricht einer Wahlhandlung in einem Moment des Kampfes der Motive, der eben der Entschließung vorausgeht. In A existirt außer dem Fig. 335. Symbolische Schemata für die Stufen der Willensentwicklung. A Triebhandlung. B Willkürhandlung. C Wahlhandlung.

dominirenden überhaupt kein anderes Motiv. In B sind solche vorhanden, aber sie treten von Anfang an hinter dem dominirenden zurück. In C endlich hat sich in dem gegebenen Moment überhaupt noch kein einzelnes Motiv zum herrschenden erhoben.

In doppeltem Sinne lassen sich nun diese drei Grundformen als Stufen einer Entwicklung auffassen. Erstens wird man unbedingt sagen dürfen, dass, wenn es Willenshandlungen gibt, die auf der Herrschaft eines einzelnen Motivs über andere beruhen, auch solche vorhanden sein werden, die aus einem von Anfang an allein vorhandenen Motiv hervorgehen: solche Willenshandlungen sind dann thatsächlich die Triebhandlungen. Vom psychologischen Gesichtspunkte aus ist es also widersinnig, Trieb und Wille als disparate Vorgänge einander gegenüberzustellen. Ferner wird sich vermöge der Motivgegensätze, die schon in Anbetracht des Princips der Gefühlscontraste nicht fehlen, aus einer Mehrheit vorhandener Motive Wundt, Grundzüge. III. 5. Aufl.

17 ein Kampf zwischen denselben entwickeln können: damit ist die Wahl- handlung wiederum als eine höhere Stufe der Willkürhandlung gegeben. Hier sind also die drei Grundformen Stufen einer aufsteigenden Ent- wicklung. Zweitens aber wird es sich auch ereignen können, dass in einem Willkür- oder selbst Wahlvorgang, nachdem er sich in vielen Fällen wiederholt hat, allmählich einzelne und schließlich alle ursprünglich mit dem dominirenden concurrirenden Motive außer diesem selbst ver- schwinden. Dann stellt sich die nämliche Stufenfolge als eine absteigende Entwicklung dar, die mit den complexen Willenshandlungen beginnt und mit den einfachen endet.

a. Trieb und Instinct.

Unter »Trieb« verstehen wir, wie oben (S. 248) bemerkt wurde, keine specifische Kraft, sondern das Wort soll lediglich ein zusammenfassender Ausdruck für solche Gefühls- und Affectanlagen sein, die bei der Ein- wirkung geeigneter äußerer Reize unmittelbar zu Triebhandlungen führen. Nach ihrer psychologischen Entstehung ist demnach jede Trieb- äußerung ein Affect mit den zu ihm gehörigen Ausdrucksbewegungen; und die Triebe erstrecken sich, gleich den Affecten, über alle möglichen Vorstellungs- und Gefühlsgebiete. So lässt sich schon jene Spannung der Aufmerksamkeit, bei der sich diese einem Eindruck zuwendet, als eine elementare Triebäußerung betrachten, die sich mit einem Streben oder Widerstreben verbindet, sobald gleichzeitig Gefühle der Lust oder Un- lust vorhanden sind. In diesem Sinne finden wir fortwährend in uns ebensowohl Triebe wie Gefühle und Affecte. Aus allen diesen leise an- klingenden Gemüthsbewegungen pflegen wir dann die stärkeren hervor- zuheben, nach denen wir die ganze Gemüthslage bestimmen, indem wir bald das Gefühl bald den Affect bald den Trieb als das vorherrschende anerkennen. Dabei ist aber insonderheit für den Uebergang des Affects in den Trieb das Vorhandensein eines Vorstellungs- und Gefühlsinhaltes maßgebend, der, sobald er zu Ausdrucksbewegungen führt, durch diese die Lösung des Affects erzeugt. Eben hierdurch gewinnt jener Inhalt den Charakter eines Motivs und die Triebhandlung den einer Willenshandlung. Diese Beziehung zur äußern Bewegung ist nun zugleich der Anlass, dass man die Triebe nicht sowohl nach den Gefühlen oder Affecten, von denen sie ausgehen, als nach den Zwecken zu classificiren pflegt, auf die sie gerichtet sind, wobei freilich diese Zwecke im allgemeinen bloß als Gesichtspunkte unserer Beurtheilung und nur bei den entwickelteren Triebformen auch als Motive gelten dürfen, die im Bewusstsein der han- delnden Wesen selbst existiren.

Nach dieser teleologischen Auffassung lassen sich zwei Grundformen ursprünglicher Triebe unterscheiden, die dann wieder in zahlreiche Unterformen mit je nach den Gefühls- und Vorstellungsinhalten wechseln- den Färbungen zerfällt werden können: der Selbsterhaltungstrieb und der Gattungstrieb. Der erstere umfasst alle diejenigen Triebe, die auf die Erhaltung des eigenen Seins gerichtet und nach ihren haupt- sächlichsten Aeußerungen theils Nahrungs-, theils Schutztriebe sind1. Die Schutztriebe, deren primitivste Form uns in dem plötzlichen Zurück- ziehen des Körpers oder eines Körpertheils vor einem äußern Reize ent- gegentritt, greifen zum Theil in das Gebiet der Gattungstriebe über, indem die Gewohnheiten des Höhlen- und Nestbaues der Thiere nicht selten gleichzeitig den Bedürfnissen des Schutzes und der Brutpflege dienen. Die Gattungstriebe können sodann in drei Unterclassen geschieden werden: die Geschlechtstriebe, die elterlichen und die socialen Triebe. Wie für die Schutztriebe die einfache Rückzugsbewegung, so bildet wahr- scheinlich für die Gattungstriebe der Trieb der Vereinigung zwischen Individuen der nämlichen Species, wie er sich schon in den Conjugations- erscbeinungen der Protozoen zu äußern scheint, den Anfangspunkt einer Entwicklung, für deren weitere Stufen das wechselseitige Ineinandergreifen der Schutz- und Gattungstriebe wohl vielfach bestimmend war. Nicht nur scheinen auf diesem Wege die elterlichen Triebe entstanden zu sein, sondern es führen insbesondere auch die socialen Triebe, die in der Ver- einigung von Wesen der nämlichen Gattung zu gemeinsamen Zwecken des individuellen Schutzes und der Brutpflege bestehen, sichtlich auf eine derartige Verbindung zurück. So sind die socialen Triebe in ihren primitiven Formen die frühesten, während sie in ihren vollkommeneren Gestaltungen am spätesten zur Entwicklung gelangen; zugleich ist auf einer höheren Stufe vorzugsweise an sie die Entwicklung sittlicher Gefühle und Triebe gebunden. Das Thierreich lässt nur unvollkommene Anfänge socialer Triebe in den transitorischen Vereinigungen gewisser Thiere zu Wanderzwecken, sowie in den bleibenden Verbindungen der Bienen, Ameisen, Termiten u. a. zu Zwecken des Schutzes und der Brutpflege erkennen. Auch ist die Bezeichnung dieser Vereinigungen als »Thier- staaten« eine ungeeignete und irreleitende, da bei ihnen die gemeinsame Brutpflege der herrschende Zweck ist, so dass sie psychologisch wohl eher dem Begriff der Familie als dem des Staates unterzuordnen sind2.

1 Vgl. hierzu die ausführliche Classification von G. H. Schneider, Der thierische Wille, S. 397 ff., und Vierteljahrsschrift f. wiss. Philosophie, Bd. 3, S. 176 und 294.

2 A. Espinas, Die thierischen Gesellschaften, deutsch von W. Schlösser, 1879, 260 Willensvorgänge.

Ein für gewisse Seiten der psychischen Entwicklung sehr wichtiger Trieb, den wir ebenfalls den socialen Trieben anreihen können, begegnet uns endlich in dem Nachahmungstrieb. Bei allen in Herden und Schwärmen lebenden Thieren beobachtet man, dass ausgeführte Bewegungen, ausge- stoßene Lock- und Warnungsrufe sich ausbreiten. Die Jungen ahmen die Handlungen ihrer elterlichen Thiere nach. Der Jagdhund folgt bei seinen ersten Uebungen dem Beispiel seiner älteren Genossen u. s. w.

Die ursprünglichen Triebe des Menschen und der Thiere pflegt man auch als »angeborene Triebe« oder Instincte zu bezeichnen und von ihnen diejenigen, die eine gewisse psychische Entwicklung voraussetzen und daher selbst beim Menschen nicht von allgemeingültiger Beschaffen- heit sind, als erworbene zu unterscheiden. Dabei ist jedoch zu be- achten, dass als angeboren oder vererbt immer nur eine gewisse Trieb- anlage betrachtet werden kann, während die Art, wie diese Anlage sich äußert,- von speciellen Lebensbedingungen abhängt, in diesem Sinne also erworben ist. Darum ist nun aber die Grenze zwischen dem Angebore- nen und dem Erworbenen bei den Instincten nicht immer sicher zu ziehen; und noch mehr ist die Frage, inwieweit auch bei den höheren intellectuellen Trieben angeborene Anlagen eine Rolle spielen, nur in extremen Fällen mit einer gewissen Sicherheit zu beantworten. Jedes Wesen bringt bestimmte Triebe als angeborene Anlagen zur Welt mit. Der Nahrungs- und Geschlechtstrieb zeigen sich in ihren ersten Aeuße- rungen gänzlich unabhängig von den vorausgegangenen Erfahrungen des individuellen Bewusstseins. Aber nicht bloß in ihrer allgemeinen Anlage, sondern vielfach auch in ihren besonderen Gestaltungen erscheinen sie als angeborene Triebe. Die ältere psychologische Theorie dieser Instincte, besonders auch der oft sehr complicirten Schutz- und Geselligkeitstriebe der Thiere, schwankte zwischen zwei Extremen. Nach der einen Ansicht sollte das neugeborene Wesen die Vorstellungen, auf die sich sein Trieb bezieht, zur Welt mitbringen. Dem Vogel schwebe das Nest, das er bauen soll, der Biene ihre Wachszelle als Bild vor. Die entgegengesetzte Auffassung betrachtete die instinctiven Handlungen umgekehrt als Erzeugnisse einer individuellen Erfahrung, wobei jedes Wesen theils durch das Beispiel anderer, theils durch eigene Ueberlegung bestimmt werde. Beide Theorien verfehlen vor allem deshalb das Ziel, weil sie den Instinct für ein an- geborenes oder erworbenes Erkennen halten, was er natürlich nicht ist. Im Gegensatze hierzu ging Darwin von der Analogie mit der individuellen Gewohnheit aus. Die Instincte sind nach ihm generelle Gewohnheiten, S. 331 ff. Vergleiche hierzu meine Vorlesungen über die Menschen- und Thierseele3, die, durch natürliche oder künstliche Züchtung entstanden, sich auf die Nachkommen vererben, indem sie dabei unter Fortwirkung constanter Naturbedingungen verstärkt werden1. Mit Recht wird hier das Princip der Vererbung als ein wesentliches Moment der Erklärung betont. Aber die Gewohnheit, mit der schon Condillac und F. Cuvier die Instincte verglichen2, ist ein unbestimmter Begriff, der den psychologischen Vor- gang völlig dunkel lässt. Denn es fragt sich, wie jene Gewohnheiten entstanden sind, die in ihrer Vererbung und Häufung die so außerordent- lich verschiedenen Instincte der Thiere erzeugt haben. Der Hinweis auf die Einflüsse der Züchtung hebt nur gewisse äußere Lebensbedingungen hervor; in seiner Erweiterung zum Begriff der »natürlichen Züchtung« macht er aber einen so verschwenderischen Gebrauch von der Annahme der Entstehung nützlicher Erfolge aus einer unbegrenzten Anzahl gleich- gültiger oder schädlicher Wirkungen durch die Erhaltung des »Taug- lichsten«, dass dieses Princip der zufälligen Auslese gerade bei den In- stincten den schwersten Bedenken begegnet. Wenn nun manche Bio- logen, um allen diesen Schwierigkeiten zu entgehen, auf die Reflex- bewegungen zurückgriffen, deren »zweckmäßiger« Charakter auf der einen Seite augenfällig sei, während sie auf der andern in der angeborenen Organisation des Nervensystems der Thiere ihre Grundlage haben, so ist das ebenso wenig eine annehmbare Lösung. Im Grunde führt diese Annahme auf die Cartesianische Vorstellung zurück, die Thiere oder wenigstens jene niederen Thiere, die sich, wie die Bienen und Ameisen, durch besonders complicirte Instincte auszeichnen, seien »natür- liche, unbeseelte Maschinen«3. Aber erstens sind diese Bewegungen mindestens bei den mit entwickelteren Instincten begabten Wesen, z. B. bei den Bienen und Ameisen, von so überaus complicirter, von Fall zu Fall den individuellen Lebensbedingungen sich anpassender Art, dass ein Reflexmechanismus, der alles dies leisten könnte, vorläufig für uns ebenso unbegreiflich bleibt, wie es die angeborenen bewussten oder unbewussten Vorstellungen der früheren Zoologen sind. Zweitens wird durch diese Interpretation das Räthsel nur an eine andere Stelle verlegt. Denn wie Reflexmechanismen solcher Art, ja wie überhaupt zweckmäßige Be- wegungen entstanden seien, bleibt vollkommen dunkel, mag man hier wiederum zu der Zufallshypothese der Selection oder schließlich zu dem Wunder einer ursprünglichen zweckmäßigen Schöpfung seine Zuflucht nehmen.

1 Darwin, Ueber die Entstehung der Arten, S. 217.

2 Flourens, De Tinstinct et de l'intelligence, p. 107. Vgl. auch Tu. Ribot, Die Erblichkeit. Deutsche Ausgabe, 1876, S. 13 ff.

3 A. Bethe, Pflügers Archiv, Bd. 68, 1897, S. 449 ff. Ebend. Bd. 70, 1S9S, S. 15 ff. Dazu E. Wasmann, Die psychischen Fähigkeiten der Ameisen. Zoologica, Heft 26, 1899.

262 Willensvorgänge.

Dem gegenüber ist nun der psychologischen Betrachtung ein Weg vorgezeichnet, der allerdings nicht mit einem Schlage das Räthsel der complicirten Instincte löst, der aber wenigstens die Richtung zeigt, in der seine Lösung gesucht werden muss, soweit eine solche möglich ist. Es ist nämlich vollkommen klar, dass wir kaum jemals aus den Lebensäußerungen der Thiere auf unsere eigenen psychischen Vorgänge Rückschlüsse machen können, dass aber das umgekehrte in einem ge- wissen Grade zulässig sein wird, sobald gewisse Handlungen der Thiere mit solchen des Menschen, deren psychische Bedingungen wir kennen, übereinstimmen. Dies ist nun aber gerade bei den Instincten der Fall. Den Nahrungstrieb bringt auch das menschliche Kind in die Welt mit, und der Geschlechtstrieb äußert sich zwar später, aber er entsteht offen- bar gleichfalls aus einer angeborenen Anlage. Nun beobachten wir gerade bei dem letzteren, dessen Entwicklung sich aus diesem Grunde am deut- lichsten verfolgen lässt, dass die ersten dunkeln Regungen desselben durchaus mit keinem Bewusstsein irgend eines bestimmten Zieles ver- bunden sind. Er wird nicht von den Vorstellungen beherrscht, sondern er bemächtigt sich gewisser Vorstellungen, die sich zufällig der individuellen Wahrnehmung bieten. In dieser Unbestimmtheit des ursprünglichen Triebes liegt zugleich der Keim zu den mannigfachen Verirrungen, denen er unterworfen ist. In seiner ersten Aeußerung ist er aber ein Complex von Gefühlen und Affecten, aus denen sich dann allmählich, unter der Wirkung äußerer Eindrücke, bestimmte Motive herausbilden. Zwar sind auch hier Sinnesreize schon zum ersten Hervorbrechen des Triebes er- forderlich; doch diese Sinnesreize stehen zu den späteren Motiven in keiner bestimmten Beziehung. Ebenso entspringt der Nahrungstrieb des Säuglings weder aus dem Anblick der Mutterbrust, noch aus der Vor- stellung der Nahrung, sondern, wie wir auf Grund der Ausdrucks- bewegungen mit zureichender Sicherheit annehmen dürfen, aus einem dumpfen Hungergefühl, das alle jene Bewegungen begleitet, die schließ- lich die Stillung des Triebes bewirken. Ist auf diese Weise öfter einmal der Trieb des Kindes befriedigt worden, so wird sich allerdings die zuerst dunkle und dann klarer werdende Vorstellung der äußern Objecte, die sich dabei darbieten, und seiner eigenen Bewegungen hinzugesellen, und es wird so mit dem Hungergefühl zugleich das reproducirte Bild aller dieser Eindrücke auf die Erfüllung des Triebes hindrängen. So erklärt es sich denn leicht, dass diese einfachsten Instincthandlungen schon, so sehr sie auch ursprünglich angeboren sind, doch sichtlich durch alle die Lebens- einflüsse, die wir in ihrer Wirkung unter dem Namen der »Uebung« zu- sammenfassen, vollkommener werden.

Nicht anders werden wir uns nun die individuelle Entstehung der Instincte bei den Thieren denken können. In dem jungen Vorstehehund, der zum ersten Male zur Jagd geht, und der bei der Witterung des Wildes alsbald von dem unwiderstehlichen Trieb zum Stellen erfasst wird, existirte bis zu diesem Augenblick noch keine Vorstellung von dem Wilde. Wahrscheinlich sind es bestimmte Gesichts- und Geruchsreize, die jenen Trieb momentan in ihm losbrechen lassen. Auch hier kann aber der Instinct in seinen ersten Aeußerungen irre gehen, wie denn z. B. Darwin z berichtet, dass zuweilen junge Vorstehehunde vor andern Hunden stehen, was dem erfahreneren Thiere nicht mehr begegnet. Ebenso werden den Vogel körperliche Reize, die von den Organen der Fortpflanzung ausgehen, zu einer bestimmten Zeit seines Lebens antreiben, die Vorbereitungen zum Nestbau zu treffen. Das zum ersten Mal bauende Thier weiß nichts von dem Neste und den Eiern, die es hineinlegen wird: die Vorstellung entsteht erst, indem der Trieb zu seiner Erfüllung gelangt; der Trieb selber geht aber wieder von gefühlsstarken Gemein- empfindungen aus, die von jener Vorstellung nicht das geringste ent- halten. In andern Fällen werden wohl die Reize, welche die Instincte erwecken, sogleich mit dem Beginn des selbständigen Lebens wirksam und bleiben es fortwährend. Schon Reimarus hat hervorgehoben, dass auch die körperliche Bewegung und andere Lebensvorgänge als einfache Triebäußerungen betrachtet werden können2. Selbst der Mensch bringt den Trieb zur Bewegung oder vielmehr die Eigenschaft, den Trieb durch äußere Sinnesreize zu entwickeln, zur Welt mit, und ohne diese Anlage würde er niemals die Fähigkeit zu zweckmäßigen Körperbewegungen ge- winnen. Die sogenannte »Erlernung« der Bewegungen geht, sogar bei den Ortsbewegungen, die sich am langsamsten ausbilden, theils aus eige- ner Triebäußerung theils aus den dabei einwirkenden äußeren Eindrücken hervor. Bei zahlreichen Thieren ist nun allerdings die Fertigkeit der Be- wegung in dem Moment, wo sie ins Leben treten, schon nahezu voll- ständig ausgebildet. Das junge Hühnchen, dem noch die Eischale auf dem Rücken klebt, und das eben geborene Kalb stehen und gehen ohne weitere Uebung und Anleitung. Trotzdem kann man auch hier nicht sagen, das Thier bringe den actuellen Trieb zur Welt mit. Im Ei und im Fruchthalter hat sich dieser Trieb noch nicht oder doch nur in sehr beschränkter Weise geregt. Erst die äußeren Reize, die im Moment der Geburt beginnen, erwecken ihn vollständig. Er ist hier aber schon in seinen ersten Aeußerungen so sicher, dass die individuelle Uebung ver- hältnissmäßig wenig hinzufügt. Darum ist es nun aber doch noch nicht 2 Reimarus, Allgemeine Betrachtungen über die Triebe der Thiere, hauptsächlich über ihre Kunsttriebe, 1760, S. 2 ff.

264 Willensvorgänge.

erlaubt zu schließen, diese Bewegungen seien in ihrem Ursprung von den mit ihnen im übrigen vollkommen übereinstimmenden des Menschen total verschieden, sondern wir werden annehmen müssen, in diesem Falle liege bereits in der angeborenen, von den vorausgegangenen Generationen er- worbenen Bildung des Nervensystems die fertige Disposition zu jenen Bewegungen, die nur der Erregung durch den von äußeren Sinnesreizen erweckten Trieb bedarf, um in volle Wirksamkeit zu treten. Bei den Instincthandlungen fällt also der individuellen Entwicklung im ganzen ebenso viel und ebenso wenig zu wie bei der sinnlichen Wahrnehmung. Die Anlage bringt das einzelne Wesen vollständig vorgebildet zur Welt mit; zur wirklichen Function ist aber die Einwirkung der Sinnesreize er- forderlich. Beide Fälle sind in der That nahe verwandt. Auch die Function der Sinnesorgane ist an Bewegungen gebunden, die ursprüng- lich wohl aus Trieben hervorgehen. Ebenso ist das Maß individueller Ausbildung, das zu der angeborenen Anlage hinzukommen muss, für die Sinneswahrnehmungen und die Instincthandlungen das gleiche. Je weniger der Instinct der Vervollkommnung durch Lebenseinflüsse bedarf, um so fertiger tritt von Anfang an auch die sinnliche Wahrnehmung auf. Der Mensch wird in beiden Beziehungen verhältnissmäßig unfertig geboren.