SigPhi · Wilhelm Wundt

Grundzüge der physiologischen Psychologie (3. Auflage)

German

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coordinirte Bewegung durch einen äußeren Reiz, also refiectorisch, oder ob sie automatisch entstand, oder aber ob beides, Automatismus und Reflex, zusammenwirkten. Erst bei den höher organisirten Wirbellosen und den Wirbelthieren treten deutlich gesondert speci fische Reflex- centren auf. Insbesondere das Rückenmark der Wirbelthiere kann im wesentlichen als eine Reihe solcher den verschiedenen Körperregionen zugeordneter Refiexapparate betrachtet werden, zu denen dann erst in Trieb-, Reflex- und Willkürbewegungen.

der Medulla oblongata eine Anzahl automatischer Centren hinzutritt, die sich in den Mittel- und Vorderhirngebieten noch weiter vervollständigt.

Mit dieser allmählichen Ausbildung von Reflexcentren, die jeder auto- matischen Function entbehren oder höchstens in den Anfängen der Diffe- renzirung eine solche noch in einem gewissen Grade bewahren, hängt nun zugleich eine andere Erscheinung zusammen, die sich der psychophysischen Betrachtung dieser Bewegungserscheinungen unmittelbar aufdrängt. Sie besteht darin, dass in dem Maße, als gewisse Centren ihre Selbständigkeit einbüßen, nun auch die an diese gebundenen Symptome, die auf einen den physiologischen Vorgang begleitenden psychischen Inhalt bezogen werden können, zurücktreten und endlich ganz schwinden. So erfolgen der Pupillarreflex, die vasomotorischen und secretorischen Reflexe, wie wir aus unserer unmittelbaren Erfahrung wissen, beim Menschen ohne irgend eine Spur begleitender Bewusstseinsvorgänge. Ebenso können bei Gelähmten an Muskeln, die dem Einfluss der höheren Nervencentren entzogen sind, noch Rückenmarksreflexe auf Hautreize ohne gleichzeitige Empfindung eintreten. Aus allem dem darf man schließen, dass auch bei Thieren rein maschinenmäßige Reflexe vorkommen können; und man wird annehmen dürfen, dass sie in allen den Fällen thatsächlich vorkommen, wo ähnliche Verhältnisse wie in jenen Fällen beim Menschen obwalten, vorausgesetzt dass nicht die größere Selbständigkeit der einzelnen Centren dies zweifelhaft macht. Nicht minder lehrt die Erfahrung am Menschen, dass es automatische Bewegungen gibt, die entweder gar nicht oder nur secundär und unter besonderen Bedingungen mit Empfindungen und Gefühlen ver- bunden sind: so die von den Centren des verlängerten Marks regierten Herz-, Athmungs-, Schluckbewegungen u. s. w., bei denen zumeist Ver- änderungen des Blutes als automatische Reize wirken. Auch die automa- tischen Bewegungen der Thiere können darum nicht ohne weiteres als psychophysische Reactionen angesehen werden, sondern es bedarf dazu überall erst besonderer Kriterien, und selbstverständlich sind solche wiederum nur der Analogie mit dem Menschen zu entnehmen. Dabei ist aber freilich diese Analogie nicht in dem Sinne zu verstehen, als wenn die Erscheinungen des entwickelten menschlichen Bewusstseins unmittelbar auf irgend welche andere Organismen übertragbar sein müssten; sondern überall ist hier die Voraussetzung zu Grunde zu legen, dass es sich nur um mehr oder weniger primitive Vorstufen der Thatsachen des mensch- lichen Bewusstseins handeln kann. Erwägt man dies, so erscheint nun die Ausbildung automatischer und reflectorischer Functionen in der enge- ren, mechanistischen Bedeutung durchaus als ein Vorgang, der wesent- lich der aufsteigenden Entwicklung der centralen Functionen angehört, und der offenbar das Correlat zu jener Prävalenz gewisser Wundt, Grundzüge. III. 5. Aufl. l8 Centralgebiete über andere bildet, mit der die relative Selbständigkeit der letzteren schwindet, und die Scheidung automatisch und reflectorisch wirk- samer Centren deutlich hervortritt.

Hiermit sind die Gesichtspunkte gewonnen, von denen aus die ein- gangs aufgeworfene Frage zu beantworten ist. Zwei Annahmen wurden dort als möglich hingestellt: Entweder sind die automatisch- refiectori- schen Bewegungen der niedersten Organismen ausnahmslos rein physi- kalisch-chemischer Natur, und erst von einer bestimmten Stufe organi- scher Entwicklung an werden sie zugleich zu Symptomen irgend welcher Bewusstseinsvorgänge. Oder jene Bewegungen sind ursprünglich psycho- physisch: sie beruhen zwar, wie alle organischen Bewegungen, auf physi- kalisch-chemischen Bedingungen, aber sie sind außerdem mit Empfindungen und Gefühlen, mit primitiven Wahrnehmungen und Affecten, kurz mit Vorgängen verbunden, die wir als die unvollkommenen Analoga mensch- licher Bewusstseinsvorgänge betrachten dürfen.

Auf Grund der Beobachtung lässt sich natürlich der Widerstreit dieser beiden Annahmen nicht ohne weiteres entscheiden. Dazu fehlt den objectiv beobachteten Thatsachen selbst die eindeutige Beschaffenheit; daher man denn auch, um ihnen eine solche zu geben, so leicht darauf verfällt, den Begriff der »psychischen Functionen« willkürlich zu be- schränken und an gewisse objectiv leichter erkennbare Kriterien zu binden. Dies geschieht z. B., wenn »psychische« und »intellectuelle« Functionen, »Bewusstsein« und sogenanntes »Erinnerungsvermögen«, kurz wenn die muthmaßlichen primitiven Formen seelischen Lebens mit irgend welchen Functionen des entwickelten menschlichen Bewusstseins identificirt werden. Da wir jedoch für einen primitiven Zustand von Bewusstsein überhaupt keinen sicheren Vergleichungsmaßstab besitzen, so ist es klar, dass die Beobachtung in diesem Falle vor allem der Controle durch die Folge- rungen bedarf, zu denen die Annahmen führen.

An diesem Maßstabe gemessen verwickelt nun die erste der beiden oben erwähnten Annahmen, die einer relativ späten Entstehung psychischer Correlaterscheinungen, schon physiologisch in kaum lösbare Schwierig- keiten. Diese sind doppelter Art. Erstens würde diese Voraussetzung offenbar erwarten lassen, dass automatisch -reflectorische Functionen im engeren, rein mechanischen Sinne bei den niederen Lebewesen am deut- lichsten als solche hervortreten. Wir sahen aber, dass umgekehrt die Ausbildung rein mechanischer Hülfscentren des Nervensystems und dem- zufolge auch die Scheidung automatischer und reflectorischer Centren erst einer späten Entwicklung angehört. Zweitens wird die complicirte Coordi- nation gerade dieser wahrscheinlich rein mechanisch wirkenden Centren der höheren Thiere verständlicher, wenn wir uns solche complicirte Coordinationsmechanismen als Erzeugnisse einer Entwicklung- denken, bei der die verhältnissmäßig einfacheren zweckthätigen Handlungen der Or- ganismen bleibende und sich häufende Anlagen im Nervensystem zurück- gelassen haben, so dass nun die complicirte Zweckmäßigkeit und Zweck- thätigkeit der organischen Natur überhaupt als das Product von Verände- rungen erscheint, deren Richtung von Anfang an diesem Enderfolg adäquat ist, während der entgegengesetzten Hypothese nichts anderes übrig bleibt, als entweder eine wunderbare Häufung äußerer Zufälle vor- auszusetzen, oder aber zu einer dunkeln »Zielstrebigkeit« oder zu andern mystischen Hülfskräften ihre Zuflucht zu nehmen. Nun ist es freilich wahr, dass mit dieser genetischen Interpretation eine physiologische Er- klärung, insofern man unter dieser eine Zurückführung auf physikalisch- chemische Bedingungen verstehen muss, noch nicht gegeben ist. Aber immerhin ist dadurch eine heuristische Deutung der Zweckvorgänge in der organischen Natur gewonnen, wie sie für uns vorläufig allein erreich- bar ist, und auf die wir schon darum nirgends verzichten dürfen, weil sie die einheitliche, psychophysische Natur der organischen Wesen, gegen- über der sie in körperliche und seelische Erscheinungen zerlegenden Ab- straction, zu ihrem Rechte kommen lässt. Wir sind mit der Erklärung einer künstlichen Maschine zufrieden, wenn wir die Absichten, die ihr Er- finder in ihr verwirklicht hat, verstehen lernen; und wir verzichten auf die weiter zurückliegende unlösbare Frage, welcher Art die Gehirnprocesse waren, die in dem Erfinder das Werk vorbereiteten. Nicht anders ist unser Standpunkt der organischen Natur gegenüber. Wir haben erreicht, was vorläufig erreichbar ist, wenn wir einsehen, wie sie als eine natür- liche Selbstschöpfung zu begreifen sei, die auf denselben psycho- physischen Grundbedingungen des Lebens sich aufbaut, die wir einzeln fortan in diesem nachweisen können.

Verwickelt die Annahme einer bei irgend einem Punkte plötzlich eintretenden Wirksamkeit der psychischen Lebenserscheinungen schon physiologisch in unlösbare Schwierigkeiten, so führt sie nun aber vollends psychologisch zu wissenschaftlich unmöglichen Hypothesen. Nachdem bis zu einer gewissen Entwicklungsstufe in der Thierreihe alle Bewegungen rein mechanisch aus bestimmten, der lebenden Substanz eigenthümlichen physischen Energien hervorgegangen seien, soll mit einem Male das »Be- wusstsein«, das »Erinnerungsvermögen«, wenn -nicht gar die »Intelligenz« selbst als ein Deus ex machina in die Erscheinung treten. Warum das geschieht, kann natürlich aus den vorangegangenen physiologischen Bedingungen nicht verständlich gemacht werden. So gelangt man denn zur Annahme eines Vorgangs, der psychologisch ein Wunder, physio- logisch eine Katastrophe bedeutet. Denn Erscheinungen, die vorher nur iS* physikalisch - chemisch zu interpretiren waren, sollen nun plötzlich unter einen völlig neuen Gesichtspunkt treten. Der Hund, der sich umwendet, wenn man ihn bei seinem Namen ruft, reagirt vermittelst seines »Erinne- rungsvermögens«. Die Motte, die ins Licht fliegt, führt nur eine »helio- tropische Reaction« aus1. Ich meine, dass bei der ersten Interpretation die Physiologie ebenso wie bei der zweiten die Psychologie zu kurz kommt. Die Reaction des Hundes ist eine Triebhandlung, die bei häufiger Wiederholung in eine reine Reflexbewegung übergehen kann, und die sich von ihrer physiologischen Seite betrachtet von Anfang an von einer solchen nur durch die Interpolation centraler, mit Empfindungen und Ge- fühlen verbundener Erregungen unterscheidet. Die Bewegung der Motte dagegen ist natürlich ebenfalls ein automatisch -mechanischer Vorgang, von dem wir annehmen mögen, dass ihm irgend eine Affinität reizbarer Substanzen ihres Nervensystems zum Lichtreiz zu Grunde liege. Aber alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass gleichzeitig in dem primitiven Bewusstsein der Motte ein dunkler Trieb nach dem Lichte mit den jeden Trieb constituirenden Empfindungen und Gefühlen vorhanden sei. Denn die Annahme, dass Lebensäußerungen, die in ihren Symptomen wesent- lich übereinstimmen und nur als verschiedene Stufen auf der Leiter psychophysischer Entwicklung erscheinen, in psychologischer Hinsicht absolute Gegensätze seien, ist so unwahrscheinlich wie möglich. Auch macht es dann nur noch einen geringen Unterschied, ob man die willkür- lichen Kriterien des Psychischen so wählt, dass das Reich der »Seele« beim Frosch oder erst beim Hunde beginnt, oder ob man es mit Des- CARTES für den Menschen allein reservirt. Man wird vielleicht entgegnen, um eine Seele handle es sich hier überhaupt nicht, sondern lediglich um neue »Energien«, die als »Bewusstsein«, »Erinnerungsvermögen« oder »Intelligenz« an die lebende Substanz gebunden, aber erst auf einer be- stimmten Stufe der Entwicklung aus andern physischen Energien, dem »Geotropismus«, »Heliotropismus« und andern »Tropismen«, hervorge- gangen seien. Doch der Name thut nichts zur Sache, und wenn das Wort »Energie« vieldeutig genug ist, um neben den »Tropismen«, die ebenfalls nur Wörter für unerkannte Dinge sind, auch noch die alten, wohlbekannten Seelenvermögen liebend zu umfassen, so vermag dieser Umstand die Begriffe der Vulgärpsychologie nicht in wissenschaftlich brauchbare Principien umzuwandeln.

Loeb, Einleitung in die Gehirnphysiologie, S. 141.

c. Entwicklung der Trieb- und Willkürbewegungen.

Um die Entwicklung der Triebbewegungen zu verstehen, müssen wir auf die ursprüngliche Natur der angeborenen Triebe zurückgehen. Diese sind, wie wir sahen, unbestimmte Affectzustände, die mit Körperbewegungen verbunden sind, deren Effect auf die Erzeugung von Lustgefühlen oder auf die Beseitigung von Unlustgefühlen gerichtet ist. Da kein Wesen bei der ersten Aeußerung der Triebe eine Kenntniss seiner eigenen Be- wegungen und ihrer Wirkungen besitzen kann, so müssen wir die Trieb- bewegung zugleich als einen in der vererbten Organisation begründeten mechanischen Erfolg äußerer Sinnesreize ansehen. Nach ihrer physischen Seite gleicht also die Triebbewegung vollständig einer Reflexbewegung. Aber sie unterscheidet sich von dem eigentlichen Reflex dadurch, dass sie von Bewusstseinsvorgängen begleitet wird, und dass sie, vom Stand- punkt der letzteren betrachtet, eine Handlung ist, die in einem den Willen eindeutig determinirenden Motiv ihren Ursprung hat. Schon die einfachste Triebhandlung ist also eine Willenshandlung.

Unserer Beobachtung sind nun keine thierischen Wesen gegeben, bei denen die ursprünglichen Triebbewegungen nicht bereits auf einem in der ererbten Organisation fixirten Entwicklungsprocess beruhten. Selbst die Bewegungen der niedersten Protozoen zeigen von Anfang an einen dei Beschaffenheit der äußeren Eindrücke und den Lebensbedürfnissen des Individuums angepassten Charakter. Wie dieser Zustand sich entwickelt hat, bleibt Gegenstand bloßer Muthmaßung. Um den Entwicklungs- gedanken zu Ende zu führen, könnte man annehmen, aus den ursprüng- lich regellosen Bewegungen seien diejenigen allmählich in eine festere Verbindung mit bestimmten einwirkenden Reizen getreten, die Lustgefühle erregten oder Unlustgefühle beseitigten. Aber ließe sich dadurch auch möglicherweise die Entstehung zweckmäßiger Triebbewegungen erklären, so ist doch nicht zu übersehen, dass in dieser Erklärung selbst die psychischen Grundfunctionen, Empfindungen und Gefühle, bereits voraus- gesetzt sind. Muss die Psychologie von dem Unternehmen abstehen, die Entstehung von Bewusstsein zu erklären, ebenso wie die Physik nicht über die Entstehung der Energie oder der Materie Rechenschaft geben kann, so muss sie demnach auch die Grundfunctionen des Bewusstseins und damit die einfachsten Formen, in denen sich jene Grundfunctionen in der Körperbewegung äußern, als das ihr ursprünglich Gegebene voraus- setzen. Denn nicht die Entstehung, sondern die Entwicklung der psy- chischen Lebensäußerungen bildet die Aufgabe der psychologischen Untersuchung.

Existirt bei der ersten Aeußerune der angeborenen Triebe kein 278 Willensvorgänge.

vorangehendes Bewusstsein des Erfolgs der Bewegung, so stellt nun aber ein solches bei den nachfolgenden Triebhandlungen immer deutlicher sich ein. Hand in Hand damit geht die Entwicklung der Bewegungsvorstellungen (Bd. 2, S. 472 ff.). Jeder Triebäußerung geht daher jetzt voran: 1) die den Trieb erweckende Motiworstellung mit den sie begleitenden Gefühlen, 2) eine den Erfolg der Bewegung anticipirende Vorstellung und 3) eine even- tuell freilich sehr dunkle gefühlsbetonte Vorstellung der Bewegung. Indem die Bewegung in verschiedenen Fällen bald vollkommener bald unvoll- kommener ihren Erfolg erreicht, wird so schon innerhalb der Triebhand- lungen selbst ein Uebergang zu zweckmäßigeren Bewegungen in gewissem Grade möglich sein.

Von tiefgreifendem Einfluss auf diese Entwicklung wird nun die Ent- stehung der willkürlichen Bewegungen. Obzwar diese Entstehung die Existenz von Triebbewegungen voraussetzt, so dürfte sie gleichwohl in die früheste Entwicklungszeit des Bewusstseins hinaufreichen. Schon bei verhältnissmäßig niederen thierischen Wesen treffen wir deutliche An- zeichen willkürlichen Handelns. Neben den einfachen Triebäußerungen treten von Zeit zu Zeit Bewegungen auf, bei denen sich eine Wahl zwischen verschiedenen Motiven geltend macht. Seltener handelt es sich hierbei um einen Kampf verschiedener Triebe, wie er sich erst in den höher entwickelten Bewusstseinsformen gestaltet, als um einen Wettstreit zwischen verschiedenen den nämlichen Trieb erweckenden Reizen. Sobald auf diese Weise die dunkle, wesentlich nur in einem begleitenden Gefühl sich ausprägende Vorstellung entstanden ist, dass statt der gegebenen Be- wegung eine andere mit anderm Erfolg hätte ausgeführt werden können, so besitzt die Handlung subjectiv und objectiv das Merkmal einer willkür- lichen. Die gewöhnliche Auffassung der Willkürbewegungen betrachtet es hierbei meist als genügend, wenn ein einzelner Act aus einer Reihe zusammengehöriger Handlungen die Zeichen der Willkür an sich trägt, um die ganze Kette von Bewegungen als willkürlich anzusprechen. Die psychologische Analyse muss aber in diesem Fall unterscheiden zwischen den wirklich willkürlichen Bestandtheilen und denjenigen, die als bloße Triebhandlungen oder sogar als rein mechanische Erfolge der durch vorangegangene Bewegungsacte gegebenen Anstöße auftreten. Die Regel ist es durchaus, dass wir bei unsern willkürlichen Handlungen nur im all- gemeinen das Ziel im Auge haben, die Ausführung im einzelnen aber dem angeborenen oder eingeübten Mechanismus überlassen. Ferner können Bewegungen, denen ursprünglich eine bestimmte Absicht zu Grunde lag, nach häufiger Wiederholung auch ohne solche, entweder als Triebhandlungen oder vielleicht sogar vollkommen unbewusst, als Reflex- bewegungen, ausgeführt werden. Ein großer Theil der Bewegungen bei unsern täglichen Beschäftigungen gehört hierher. Meistens ist dabei mü- der erste Anstoß willkürlich, zuweilen können wir aber auch einen ganzen Bewegungsvorgang oder sogar eine Reihe zusammengesetzter Bewegungen von Anfang bis zu Ende theils triebmäßig, theils automatisch vollbringen, um erst dann, manchmal mit Ueberraschung, den Effect wahrzunehmen.

Verfolgt man die Entwicklung einer derartig mechanisch eingeübten Bewegung in solchen Fällen, wo sich dieselbe während des individuellen Lebens vollzieht, so erkennt man nun deutlich, dass einzelne ursprünglich willkürliche Bewegungen allmählich mechanisch werden, indem sie sich zuerst in Triebbewegungen umwandeln, die auf eine bestimmte Empfin- dung, nicht selten auch auf eine vorangegangene Bewegungsempfindung, mit mechanischer Sicherheit, aber meistens noch begleitet von einem deutlichen Gefühl befriedigten Triebes, eintreten. Hierauf können sie dann, dadurch dass die Empfindung aus dem Bewusstsein verschwindet, völlig den Charakter von Reflexen gewinnen1. Auf diese Weise sind diejenigen Handlungen, die man gewöhnlich als willkürliche bezeichnet, meistens Complexe aus wirklich willkürlichen Bewegungen, Triebbewegungen und rein automatischen Reflex- und Mitbewegungen.

Vergleichen wir nun mit diesen Erfolgen individueller Uebung die complicirteren Instincthandlungen der Thiere, so können sichtlich auch die letzteren am einfachsten gedeutet werden, wenn man annimmt, dass ein ' ursprünglicher Trieb allmählich willkürliche Handlungen in seine Dienste genommen habe, die dann, auf die Organisation zurückwirkend, zu me- chanisch eingeübten Triebhandlungen geworden seien. Ebenso werden wir in vielen jener oft höchst zweckmäßigen und zusammengesetzten Reflexe, die man bei Thieren beobachtet, welchen die zu den Functionen des Bewusstseins unerlässlichen Centraltheile mangeln, die Residuen ein- geübter Willkürbewegungen sehen dürfen. Die individuelle Entwicklung unterstützt so die aus der generellen geschöpfte Annahme, dass nicht die Willenshandlungen aus Reflexen entstanden, sondern dass im Gegentheil. die zweckmäßigen Reflexbewegungen stabil und mechanisch gewordene Willenshandlungen sind. Die gesammte Entwicklung der thierischen Bewegungen müssen wir hiernach als eine diver girende auffassen. Die Triebbewegungen bilden den Ausgangspunkt einerseits für die Ausbildung der höheren Willenshandlungen, der Willkürbewegungen und schließlich der Wahlhandlungen, anderseits für die Entstehung der ohne Betheiligung des Bewusststeins erfolgenden reflectorischen und automatischen Bewegungen, welche letzteren nicht bloß aus 1 Man vergleiche hierzu die Bemerkungen über den Uebergang der zusammenge- setzten Reactionsvorgänge in die automatische Form unten Cap. XVIII, 3.

280 Willensvorgänge.

den ursprünglichen Triebbewegungen, sondern fortwährend auch aus den Willkürbewegungen hervorgehen. Zugleich geschieht aber diese Rück- verwandlung wahrscheinlich immer durch das Mittelglied der Triebbe- wegungen: zuerst ist die eine Bewegung auslösende Sinneserregung noch von Empfindungen und Triebgefühlen begleitet, dann verschwinden diese allmählich, und die Auslösung der Bewegung erscheint nun als ein bloß mechanischer Vorgang.

Auf die wichtigen Folgen solcher Rückverwandlungen braucht kaum noch hingewiesen zu werden. Nur der Umstand, dass sich die Leistungen des Willens allmählich zu mechanischen Erfolgen befestigen, ermöglicht es demselben zu immer neuen Leistungen fortzuschreiten. Die nämliche Sicherheit, die man für die Willensäußerungen dadurch gewährleistet sah. dass ihnen die Natur von Anfang an einen zweckmäßigen Mechanismus zur Verfügung gestellt habe, wird durch jene Entwicklung erreicht, und sie wird um so gewisser erreicht, als der Wille selbst sich im Laufe der Zeit die mechanischen Vorrichtungen schafft, die seinen Zwecken dienen sollen.

Die Unterscheidung der automatischen und reflectorischen Bewegungen im engeren, rein mechanischen Sinne von den Trieb- und Willenshandlungen ist erst in der neueren Physiologie allmählich zur Durchführung gelangt. Nachdem Haller durch seine Irritabiiitätslehre den Satz zur Geltung gebracht hatte, dass Bewegung und Empfindung getrennte Functionen seien, die sich darum nicht nothwendig begleiten müssten, galt durch die Feststellung der Grundgesetze der Reflexbewegungen, welche die Physiologie namentlich den Untersuchungen von Prochaska und J. Müller1 verdankt, die mechanische Natur dieser Bewegungen im allgemeinen als sichergestellt. Auf die merk- würdige Anpassung der Reflexbewegungen an die Einwirkungsart der Reize hat dann zuerst Pflüger aufmerksam gemacht, der aus seinen Versuchen den Schluss zog, ein gewisser Grad von Bewusstsein und Wille bleibe, wenigstens bei niederen Thieren, z. B. beim Frosch, auch noch im Rückenmark nach der Entfernung des Gehirns zurück2. Dem gegenüber wies Goltz auf die um- fangreichen Selbstreg ulirungen bei den Reactionen des Rückenmarks hin, und suchte die mechanische Deutung der letzteren durch die Verschiedenheiten in dem Verhalten enthaupteter und bloß geblendeter Frösche zu stützen3. Bei solchen Thieren dagegen, denen bloß die Großhirnhemisphären genommensind, glaubte auch Goltz einen gewissen Grad psychischer Functionen zu- geben zu müssen, indem er den Grundsatz aufstellte, überall wo die Bewegun- gen so verwickelt seien, dass man sich eine Maschine, die sie ausführe, nicht mehr vorstellen könne, sei das Vorhandensein von »Seelenvermögen« anzuerkennen4. Doch wenn dieses Kriterium schon an sich nicht ganz 2 Pflüger, Die sensorischen Functionen des Rückenmarks, 1856. S. 46, 114 ft.

3 Goltz, Functionen der Nervencentren des Frosches, S. 82 ff.

einwurfsfrei ist, so wurde die Anwendung desselben durch die später ausgeführ- ten Versuche von Schrader, Bickel, Merzbacher u. a. T immer zweifelhafter; und mehr noch erschütterten die Versuche an Wirbellosen die in der früheren Physiologie unter der Herrschaft der alten Reflexlehre entstandene Vorstellung von einer unbedingten Superiorität gewisser, ausschließlich als Substrate der Bewusstseinsvorgänge anzusehender Centren, denen andere, niedere von bloß physiologischer, automatisch-reflectorischer Bedeutung beigegeben seien2. In- dem das Studium der Wirbellosen die relative Selbständigkeit der verschiede- nen Centralgebiete und die Gleichartigkeit ihrer Functionen bei aller Ver- schiedenheit in der Stufe ihrer Ausbildung kennen lehrte, wurde dann aber auch die Uebertragung der so gewonnenen Gesichtspunkte auf die Wirbelthiere nahegelegt. Dies hätte nun an sich ebenso gut den Anlass bieten können, in der von Pflüger eingeschlagenen Richtung weitergehend, die psychischen Functionen über das gesammte Nervensystem und schließlich theilweise noch über die reizbare contractile Substanz auszudehnen. Doch das Streben, so viel als möglich auf dem Boden physiologischer Interpretation zu bleiben, führte vielmehr dazu, dass man im Sinne des von Goltz aufgestellten Kriteriums noch einen Schritt weiter ging und für die Entscheidung aller hier zweifelhaften Fragen das Princip befolgte, Erscheinungen seien, gleichgültig ob für sie sonst Vorbilder einer maschinenmäßigen Entstehung existirten oder nicht, so lange rein physisch zu erklären, als sie nicht von deutlichen Zeichen psychischer Leistungen begleitet seien. Dadurch wurde jetzt, im Gegensatze zu dem erwähnten Princip von Goltz, die Entscheidung nicht mehr auf die Seite der physiologischen, sondern auf die der psychologischen Merkmale der Bewegung verlegt Hiermit war offenbar die Aufgabe gestellt, diese Merk- male nun mit allen Hülfsmitteln der Psychologie möglichst exact zu bestim- men. Dies geschah jedoch keineswegs, sondern entweder deutete man Be- wegungen von sehr zweifelhafter oder mindestens vieldeutiger Natur intellectua- listisch als »Verstandeshandlungen« und fiel so in den Fehler der alten Thierpsychologie zurück, schon den niedersten Thieren alle möglichen In- telligenzhandlungen zuzuschreiben: so z. B. Preyer bei der Untersuchung der Bewegungen der Seesterne3. Oder — und dies wurde bald die vorherrschende Tendenz — es wurden wirklich gewisse »Intelligenzhandlungen« des Menschen und der höheren Thiere als das zur Annahme psychischer Functionen erforder- liche Minimum angenommen, um dann überall, wo solche Merkmale fehlten, einen rein mechanischen Ursprung derselben vorauszusetzen. Am weitesten gingen in diesen Ansprüchen an die Kriterien des Psychischen A. Bethe4 und J. Loeb5. Bethe nahm die Lernfähigkeit zum Kriterium des Psychischen.

1 Schrader, Bickel, a.a.O. Merzbacher, Pflügers Archiv, Bd. 88, 1902, S. 453 ff. Steiner, Die Functionen des Centralnervensystems, Abth. 1 und 4.

2 Ueber die Reizbarkeitserscheinungen der lebenden Substanz überhaupt vergleiche M. Verworn, Allgemeine Physiologie3, S. 362 ff., über Versuche am Nervensystem der Wirbellosen die oben angegebene Litteratur sowie die Zusammenstellung eigener und fremder Beobachtungen bei T. Loeb, Einleitung in die vergleichende Gehirnphysiologie, 3 Preyer, Mittheilungen aus der zool. Station zu Neapel, Bd. 7, S. 96.

4 Bethe," Pflügers Archiv, Bd. 70, 1898, S. 15 ff.

5 J. Loeb, Einleitung in die Gehirnphysiologie, S. 139 ff. Pflügers Archiv, Bd. 56.

282 Willens Vorgänge.