SigPhi · Wilhelm Wundt

Grundzüge der physiologischen Psychologie (3. Auflage)

German

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det, aber allerdings drastischer hervortritt als anderwärts, weil in diesem Fall die Reflexionsmomente, deren man bedarf, von besonders verwickel- ter Beschaffenheit sind. Wird doch neben der Auswahl der geeigneten Bewegungsorgane und der zweckmäßigen Bewegungen auch die richtige Ausführung und Abstufung ihrer Leistungen der Intelligenz aufgebürdet. Und endlich ist bei diesem ganzen Vorgang dem Willen noch die weitere Aufgabe gestellt, sich erst selbst zu entdecken. Nachdem eine große Zahl unbewusster, zufällig und gelegentlich einmal zweckmäßiger Bewegungen ausgeführt worden ist, soll dem Bewusstsein der Impuls, von sich aus eine ähnliche Bewegung auszuführen, als eine plötzliche Erleuchtung kommen. Das ist trotz aller »Werthurtheile« offenbar eine Leistung, die wiederum nur unter der Voraussetzung eines transcendenten Willens möglich ist, welcher dadurch nicht wahrscheinlicher wird, dass man ihn so lange latent sein lässt, bis zufällige Beobachtungen und daran geknüpfte Ueberlegungen ihn verwirklichen helfen. Die innere Unmöglichkeit dieses Vorgangs ist in der That so augenfällig, dass die neueren Versuche einer Wiederher^ Stellung- dieser scholastischen Willenslehre meist noch Bestandtheile der folgenden dritten Form einer intellectualistischen Theorie sich angeeignet haben.

Diese oder die sensualistische Willenstheorie unterscheidet sich von allen bisher besprochenen dadurch, dass bei ihr überhaupt nicht die Frage nach der Natur des Willens, sondern die nach der Entstehung der äußeren Körperbewegungen im Vordergrunde des Interesses steht. Entsprechend dieser physiologischen Wendung des Problems wird dann jene Bewegungs- form, welche überhaupt keine weiteren Bedingungen als die der physio- logischen Organisation des Nervensystems voraussetzt, die, wie man an- nimmt, stets maschinenmäßig erfolgende Reflexbewegung, als die Grund- form aller thierischen Bewegungen von irgend zweckmäßigem Charakter angesehen. Da nun die Willenshandlungen ebenfalls zweckmäßige Be- wegungen sind, so ordnen sie sich physiologisch durchaus dem Begriff des Reflexes unter: sie erscheinen nur als Reflexbewegungen von beson- ders verwickelter Beschaffenheit, die sich zugleich durch außerordentlich mannigfaltige Selbstregulirungen auszeichnen. Dass wir uns bei unseren eigenen Willenshandlungen eine Vorstellung der ausgeführten und in vielen Fällen selbst der noch auszuführenden Bewegung bilden, wird demnach für eine secundäre Begleiterscheinung angesehen. Zu einer »Willenshand- lung« soll eben eine Reflexbewegung dann werden, wenn die letztere von einer Wahrnehmung der Bewegung und der an sie gebundenen Gelenk- und Muskelempfindung begleitet wird, und namentlich dann, wenn diese Sinnes- erregungen allmählich in Folge der eintretenden Association selbst der Bewegung vorauseilen, so dass die Meinung entstehen kann,.der äußere Erfolg der Handlung sei die Ursache derselben. Hier grenzt, wie man sieht, die sensualistische sehr nahe an die vorhin betrachtete logische Theorie. Der einzige Unterschied zwischen beiden bleibt im allgemeinen der, dass diese eine gewisse selbständige Activität des Geistes annimmt, durch welche die zufällig wahrgenommenen automatischen Bewegungen zu gewollten Zwecken verwendet werden sollen, während die sensualistische das Wollen lediglich auf die Vorstellung einer Bewegung reducirt. In diesem Sinne ist sie daher der consequenteste Intellectualismus. Gefühls- oder Affectmomente existiren für sie überhaupt nicht, oder wo sie nebenbei angenommen werden, da spielen sie jedenfalls keine für den Willen irgendwie in Be- tracht kommende Rolle. Eben wegen dieser gewissermaßen naiven Folge- richtigkeit ist denn auch diese Theorie von HOBBES an eine der materia- listischen Philosophie geläufige, wenn auch freilich meist mit Elementen der Reflexionspsychologie vermengte Vorstellungsweise geblieben. In neuester Zeit ist sie dann von den meisten Vertretern der Gehirnphysio- logie adoptirt worden1, und von hier aus ist sie dann auch gelegentlich in die Psychologie eingedrungen2. In der Biologie hat sie dann darin 1 Vgl. besonders Meynert, Psychiatrie, 1884, S. 145 ff.

2 H. Münsterberg, Die Willenshandlüng, 1888, S. 18 ff. Unter den philosophischen Systembildungen neuester Zeit nähert sich ihr namentlich der »Empiriokriticismus«. Vgl. über diesen Philos. Stud. Bd. 13, 1897, S. 1, 323 ff.

Theorie des Willens. iq-> eine gewisse Stütze gefunden, dass es thatsächlich nicht selten Schwierig- keiten bereitet, einen rein mechanisch bedingten Reflex und eine Willens- handlung zu unterscheiden, um so mehr, als sich ja nicht leugnen lässt, dass schon bei den reinen Reflexen möglicher Weise Selbstregulirungen vorkommen können, die außerhalb der Bewusstseinsvorgänge liegen. Werden demnach selbst die complicirten Handlungen der Thiere bis herauf zu den Bienen und Ameisen oder den Fischen und Amphibien als Reflexe gedeutet, so liegt von hier aus natürlich auch die Anwendung auf den Menschen nahe, und da man bei diesem irgend welche begleitende Bewusstseinsvorgänge denn doch nicht vermeiden kann, so ergibt sich die Annahme beinahe von selbst, dass diese Vorgänge bei ihm erst etwas hinzutretendes, secundäres, nichts ursprüngliches seien. Damit ist man denn der Cartesianischen Lehre, der Organismus sei ein Mechanismus, der sich nur beim Menschen nebenbei noch durch die Verbindung mit einer Seele auszeichne, ziemlich nahe gerückt. Nun mochte dies bei der das Zeitalter Descartes' beherrschenden Anschauung, dass alle organi- schen Wesen bis herauf zum Menschen fertig aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen seien, eine erlaubte Annahme sein. Für uns, die wir überzeugt sind, dass sich der Mensch, wie alle andern organischen Wesen, allmählich aus niederen Formen entwickelt hat, ist eine plötzliche und unvermittelte Entstehung von Bewusstsein und Willen nicht mehr die einfachste, sondern die verwickeltste Annahme. So weit sie die mensch- lichen Willensvorgänge erklären will, ignorirt sie die wirklich zu beobach- tenden Thatsachen, um eine willkürliche Construction an deren Stelle zu setzen; und so weit sie sich auf die Interpretation der thierischen Be- wegungen bezieht, lässt sie die Entstehung der Reflexe selbst als rein mechanischer und doch zweckmäßiger Handlungen unbegreiflich erscheinen. Denn hier bleibt nur die Wahl zwischen einer alle Grenzen der Wahr- scheinlichkeit überschreitenden Zufallshypothese und der Annahme so- genannter Vitalkräfte, in denen die Wirkungen, die sie hervorbringen sollen, von vornherein hypostasirt sind1.

c. Die emotionale Willenstheorie.

Als »emotionale Theorie« soll hier diejenige Auffassung bezeichnet werden, die als die wesentlichsten Bestandtheile eines Willensvorganges die in ihm nachzuweisenden Gefühle betrachtet, und die ihn daher mit dem Affect, der gleich ihm einen zusammenhängenden Gefühlsverlauf dar- stellt, in nächste Verbindung bringt. Gefühl, Affect und Willensvorgang 1 Vgl. oben S. 260 ff. und die Schlusserörterungen dieses Werkes Abschn. VI.

304 Willensvorgänge.

werden demnach hier als successive Stufen zusammengehöriger Pro- cesse betrachtet: das Gefühl als der einem gegebenen Zeitmoment ent- sprechende subjective Zustand, der Affect als ein Verlauf solcher Zustände, und endlich der Willensvorgang als die in sich abgeschlossene letzte dieser Verlaufsformen. In diesem Sinne haben die beiden vorangestellten Pro- cesse, die Gefühle und AfTecte, einerseits die Bedeutung relativ selbständig vorkommender psychischer Inhalte, anderseits sind sie aber doch sämmt- lich nur möglich, weil es Willensvorgänge gibt, in denen jene in Gefühl und Affect gegebenen Vorbereitungen zu vollständiger Entwicklung ge- langen.

Hiernach unterscheidet sich die emotionale in der hier vertretenen Form von den vorangegangenen Theorien in erster Linie dadurch, dass sie eine exacte, möglichst unter der Controle experimenteller Verfahrungsweisen gewonnene Beschreibung des in den Willens- vorgang eingehenden Gefühlsverlaufs zu geben sucht, eine Vor- bedingung, die von den vorangegangenen Theorien theils mangelhaft, theils gar nicht erfüllt wird. Soll die xA.nschauung, die wir uns von der Ent- wicklung des Willens bilden, keine leere Fiction sein, so müssen wir vor allem von den Bewusstseinsthatsachen, also, da wir diese nur bei uns selber beobachten können, von den Willenshandlungen des Men- schen ausgehen. Ferner wird, insoweit auf diesem schwierigen Gebiet hypothetische Voraussetzungen unvermeidlich sind, die Annahme analoger Bedingungen zu analogen Erscheinungen der entgegengesetzten vor- zuziehen sein. Möchten also immerhin die Bewegungen der niedersten thierischen Wesen, der Protozoen, Coelenteraten, Würmer, wenn sie ein für sich isolirtes Schauspiel der Natur wären, eventuell auch als bloße Reflexe gedeutet werden können, im Zusammenhang mit der Gesammt- heit thierischer Bewegungen wird das zur Unmöglichkeit. Denn hier hieße es doch die Dinge mit zweierlei Maße messen, wenn man dem Menschen und allenfalls noch einigen ihm nahe stehenden höheren Thieren bei den Aeußerungen des Schutz-, Nahrungs- und Geschlechtstriebes Ge- fühle und Affecte zugestehen, einem Wesen niederer Classen aber diese psychischen Begleiterscheinungen absprechen wollte, obgleich die Be- wegungen selbst in ihrem ganzen Charakter übereinstimmen. Gewiss mögen ja die Empfindungen und Gefühle in solchen Fällen sehr dunkel und vorübergehend sein, die Behauptung, dass sie überhaupt nicht existi- ren, wird unmöglich, wenn man dem Princip, dass sich in der Natur kein plötzliches Wunder ereignet, noch irgend eine Bedeutung zugesteht.

Somit sind für die emotionale Theorie zwei Voraussetzungen maß- gebend. Die erste lautet: alle psychophysischen Functionen bilden eine continuirliche Entwicklungsreihe; es gibt daher auf psychischem Gebiet Theorie des Willens.?qc zwar enorme Unterschiede des Grades, aber es gibt keine Katastrophen, wie sie von der cartesianischen Seelentheorie und von den stillschweigend zu ihr zurückkehrenden logischen und sensualistischen Willenstheorien an- genommen werden. Zweitens: wenn in der Entwicklung einer bestimmten Classe psychophysischer Functionen bei gewissen organischen Wesen eine wesentliche Uebereinstimmung auf der physiologischen Seite der Erschei- nungen hervortritt, so ist, abgesehen von jenen Gradunterschieden, auch eine Uebereinstimmung auf der psychischen Seite derselben anzunehmen.

Von diesen beiden Voraussetzungen aus bieten nun die Willenser- scheinungen in doppeltem Sinne Glieder aufsteigender Entwicklungen. Erstens sind die mit äußeren Handlungen verbundenen Vorgänge die primären gegenüber denen, die anscheinend nur in psychischen Wirkungen endigen, also in Bewusstseinsvorgängen, die nicht von äußeren zweck- mäßigen Körperbewegungen begleitet sind. Finden sich doch überhaupt wahrscheinlich nur bei den psychisch höher stehenden Thieren Vorstufen solcher, erst beim Menschen eine wichtige Rolle spielender »innerer Willenshandlungen«. Zweitens bilden alle Willensvorgänge eine vorzugs- weise in den äußeren Bewegungen zu Tage tretende Entwicklungsreihe nach der Zahl und den Verbindungen der in sie eingehenden »Motive«. Danach scheiden sich die oben erwähnten Stufen der Trieb-, der Will- kür- und der Wahlhandlungen. Dieser Reihe steht aber endlich noch eine regressive Entwicklung gegenüber: die Verwandlung von Wahl- und Willkür- in Triebhandlungen und dieser in völlig bewusstlos ver- laufende Reflexe. Die im nächsten Abschnitt zu beschreibenden »Re- actionsversuche« bieten Gelegenheit, alle diese Entwicklungen experimentell, unter willkürlicher Variirung der Umstände, in der Selbstbeobachtung zu verfolgen. Mit der Complication der Bedingungen verändert sich dabei der Willensvorgang zunächst progressiv; mit der häufigeren Wiederholung der Handlung wird diese aber allmählich mehr und mehr mechanisch und kann schließlich in einen wirklichen Reflex übergehen. (Vgl. unten Cap. XVIII, 2.) Auf solche Weise bietet diese regressive Entwicklung eine wichtige Beobachtungsgrundlage, um den zweckmäßigen Charakter automatischer Bewegungen überhaupt und die bei solchen vorkommenden Selbstregulirungen begreiflich zu machen. Die Reflexe werden verständ- lich, sobald wir sie als automatisirte Willenshandlungen auffassen, während der so vielfach versuchte entgegengesetzte Weg, umgekehrt die Willens- handlungen aus Reflexen abzuleiten, die Zweckmäßigkeit der organischen Bewegungen, abgesehen von den wenigen einfachen Fällen, in denen allenfalls eine doppelte Deutung möglich ist, völlig unerklärt lässt.

Nun besitzt schon bei denjenigen Willensvorgängen, die unter dem oben geltend gemachten genetischen Gesichtspunkt den Anfang dieser Wundt, Grundzüge. III. 5. Aufl. 20 306 Willensvorgänge; Entwicklung bilden, bei den äußeren Triebhandlungen, selbstverständlich nur der in das Bewusstsein fallende Theil des Vorgangs die für den Willensact als solchen kennzeichnenden Merkmale; und nur hieraus ist es zugleich verständlich, dass sich überhaupt Willensvorgänge entwickeln können, bei denen die äußere Bewegung ganz hinwegfällt. Das was allen Formen und Stufen gemeinsam ist, bleibt so jener eigenthümliche Gefühls- verlauf, der sich in seiner für den Willen charakteristischen Form vor allem innerhalb der Spannungs- und Erregungsgefühle abspielt, und den wir in seinen hauptsächlichsten Stadien als das Thätigkeitsgefühl, das Entscheidungsgefühl und das Erfüllungsgefühl bezeichnet haben. Demnach werden wir vom psychologischen Standpunkte aus das Vor- handensein dieser drei Gefühle in dieser ihrer charakteristischen Auf- einanderfolge als das wesentliche Kriterium eines Willensvorganges über- haupt betrachten müssen. Als die einfachste Form des letzteren und als die Grundlage zu allen andern wird aber diejenige gelten dürfen, bei der jene Gefühlstrias unter den einfachsten psychischen Bedingungen im Bewusstsein auftritt. Bei der Aufsuchung dieser im psychologischen Sinne elementarsten Willensvorgänge lässt uns jedoch selbstverständlich die Beobachtung der physiologischen Erscheinungen im Stich. Denn hier handelt es sich darum, lediglich auf Grund der unmittelbaren Be- obachtung der eigenen Bewusstseinsphänomene die Frage zu beant- worten: wann und wie tritt die den Willensvorgang als solchen kenn- zeichnende Verbindung von Gefühlen in der einfachsten Form in uns auf? Die Antwort auf diese Frage kann auf Grund der Selbstbeobachtung, wie sie sich in experimentell leicht zu variirender Weise wiederum be- sonders bei den Reactionsversuchen vornehmen lässt, nicht zweifelhaft sein. In jedem Zustand der Aufmerksamkeit nehmen wir deutlich das nämliche Thätigkeitsgefühl wahr, das auch in den Verlauf eines Willens- vorganges eingeht. Lässt man jedoch diesen Zustand sich allmählich entwickeln, so beobachtet man- außerdem eine Verbindung dieses Thätig- keitsgefühls mit andern Gefühlscomponenten, in denen sich die für die anerkannten Willensvorgänge charakteristische Gefühlstrias »Thätigkeit, Ent- scheidung, Erfüllung« auf das vollkommenste wiederspiegelt. Man ver- setze das Bewusstsein in den Zustand der Erwartung, indem man irgend einen Eindruck als bevorstehend ankündigt: das Gefühl der Thätigkeit stellt sich ein, meist begleitet von äußeren Spannungsempfindungen in den dem erwarteten Eindruck zugehörigen Sinnesgebieten. In dem Augen- blicke aber, wo der Eindruck erfolgt, springt dieses Gefühl plötzlich in zwei rasch einander folgende Gefühlsphasen um, von denen die erste un- mittelbar mit der Auffassung des Eindrucks verbunden ist, die zweite derselben nachfolgt und dann etwas langsamer abklingt. Diese Gefühle Theorie des Willens.,Q^ pflegen sich, wenn der erwartete Eindruck ein fest bestimmter ist, nur als wenig differenzirte Nuancen von dem vorausgegangenen Thätigkeits- gefühl abzulösen. Bleibt jedoch der Eindruck vorher ungewiss, oder ist er anders beschaffen, als erwartet wurde, so heben sich diese Stadien deutlicher ab, und man bemerkt nun in ihnen unzweideutig jene Gefühle der Entscheidung und Erfüllung, wie sie dem Willensvorgang allgemein eigen sind. Auf diese Weise ergibt sich als die elementare Form eines Willensvorgangs die Apperception eines psychischen Inhaltes. Die verschiedenen Umstände, unter denen die Apperception stattfinden kann, modificiren zwar mannigfach die sonstigen begleitenden Gefühle und Affecte sowie die Zeitverhältnisse der Willenscomponenten, sie ändern aber niemals in irgend wesentlicher Weise diese Componenten selbst. So ist namentlich die herkömmliche Unterscheidung zwischen »unwillkürlicher« und »willkürlicher« Thätigkeit der Aufmerksamkeit eine durchaus irre- führende. Sie hat höchstens darin eine gewisse Bedeutung, dass sie zeigt, wie sich selbst der vulgären Reflexionspsychologie in einzelnen besonders ausgeprägten Fällen der Zusammenhang der Apperception mit dem Willen nicht ganz entziehen konnte. Sie irrt aber darin, dass sie Auf- merksamkeit und Wille überhaupt als verschiedene Thätigkeiten einander gegenüberstellt. Eine Aufmerksamkeit ohne Willensthätigkeit gibt es nicht; und vom Gebiet des »Willkürlichen« lassen sich die einfachsten Apperceptionsvorgänge nur dann ausschließen, wenn man im Sinne der oben gemachten Unterscheidung in der »Willkür« bereits einen complexen Willensbegriff sieht. Dann scheiden sich eben auch die Apperceptions- acte, gleich allen Willensvorgängen, in Triebhandlungen und Willkür- handlungen.

Mit dieser Auffassung der Apperception als eines einfachen Willens- vorganges werden nun zugleich alle jene intellectualistischen Willens- theorien hinfällig, die eine secundäre, mannigfache Empfindungen, Vor- stellungen oder Reflexionen voraussetzende Entstehung der Willenshand- lungen annehmen. Wille und Bewusstsein gehören zusammen von Anfang an, und die äußere Handlung erscheint als ein Willensvorgang, der von der inneren Handlung der Apperception nur in seinen Folgen, nicht in seiner unmittelbaren psychologischen Beschaffenheit abweicht Denn als Phänomen des Bewusstseins betrachtet besteht jene lediglich in der Ap- perception einer Bewegungsvorstellung.

Man könnte hiergegen einwenden, diese Apperception decke sich nur mit einem Theil der wirklichen Willenshandlung. Damit die letztere zu stände komme und nicht bloß ein Phantasiebild der Bewegung bleibe, müsse zu ihr noch die wirkliche Bewegung hinzutreten, in der nun erst das wahre Wesen des Willens bestehe. Doch dieser Einwand ?q8 Willensvorgänge.

vergisst, dass nicht alle psychophysischen Lebensäußerungen, die im ent- wickelten Bewusstsein gesondert werden können, auch ursprünglich von einander trennbar sind. Sicherlich vermögen wir uns eine Handlung unseres Körpers vorzustellen, ohne sie wirklich auszuführen. Aber dem aufmerksamen Beobachter wird ein mit der Deutlichkeit der Apperception wachsender Drang zur Bewegung selbst in diesem Fall nicht entgehen; manchmal ist sogar eine gewisse Willensanstrengung erforderlich, um jenen Drang niederzukämpfen. Diese Wahrnehmung zeigt, dass wir hier einem verwickelten Phänomen gegenüberstehen, das schon eine Wechselwir- kung verschiedener Willensimpulse mit hemmenden Erfolgen voraussetzt. Je ursprünglicher der Zustand des Bewusstseins ist, um so untrennbarer sind aber Apperception der Bevvegungsvorstellung und Ausführung der Bewegung an einander gebunden. Noch das Kind und der Naturmensch, ebenso wie sie die wahrgenommene Handlung leicht zur Nachahmung fortreißt, vermögen es nicht, die lebhafte Vorstellung einer eigenen Be- wegung zu vollziehen, ohne dass diese auch wirklich eintritt. Wir haben also allen Grund anzunehmen, dass Apperception und Handlung nicht ur- sprünglich geschiedene Vorgänge sind, sondern dass ihre Sonderung auf einer Entwicklung des Bewusstseins beruht, welche Wettstreitsphänomene zwischen den Willensimpulsen und damit Willenshemmungen möglich macht.

Sehen wir so in dem ursprünglichen Zustand des Bewusstseins die äußere Willenshandlung innig gebunden an die Apperception ihrer Vor- stellung, so dass, sofern keine hemmenden Einflüsse wirksam werden, fortan beide nicht als ein successives, sondern als ein simultanes Ge- schehen ablaufen, so werden wir demnach zu der Annahme gedrängt, dass die äußere Willenshandlung ihrem ursprünglichen Wesen nach nichts anderes ist als eine besondere Form der Appercep- tion, indem sie einen untrennbaren Bestandtheil jener Apper- ceptionen bildet, die sich auf den eigenen Körper des han- delnden Wesens beziehen.

Hierin liegt keineswegs die Meinung, dass ein thierisches Wesen eine angeborene Kenntniss seines Leibes und seiner Bewegungen besitze. Viel- mehr ist das schon bei den angeborenen Trieben festgestellte Verhältniss auch auf diesen Fall anzuwenden, der eigentlich selbst die primitive Er- scheinungsform aller angeborenen Triebhandlungen ist. Angeboren ist nur die in der Organisation begründete Eigenschaft, auf gewisse äußere Eindrücke Bewegungen von bestimmter Form auszuführen; die Vorstel- lungen solcher Bewegungen entstehen aber erst in Folge ihres wirklichen Vollzuges. Demnach haben wir uns die ursprüngliche Entstehung einer Willenshandlung so zu denken, dass ein äußerer Eindruck und mit ihm Theorie des Willens.,qq gleichzeitig" die von ihm ausgelöste Bewegung appercipirt wurde. Wir bezeichnen eine solche Bewegung, obgleich sie nach ihrer physischen Seite durchaus den mechanischen Bedingungen des Reflexes entspricht, doch schon als eine einfache Triebbewegung, weil der Eindruck im Bewusstsein von einer mehr oder weniger gefühlsstarken Empfindung be- gleitet wird. Ihr entspricht dann auch die ausgeführte Bewegung, die entweder in einer Bewegung nach dem einwirkenden Reize hin oder in einem Zurückziehen von demselben besteht. Indem nun eine solche Be- wegung bei ihrer Ausführung appercipirt wird, entwickelt sich jene com- binirte Wahrnehmung innerer und äußerer Thätigkeit, die der Apper- ception eigener Bewegungen in charakteristischer Weise anhaftet. Zugleich ist aber diese Apperception der Bewegung in einer doppelten Form möglich: als reproductive erweckt sie die bloße Vorstellung einer eigenen Bewegung, als impulsive erweckt sie vollkommen gleich- zeitig mit dieser Vorstellung die wirkliche Bewegung. Beide Formen verhalten sich ebenso zu einander wie das Erinnerungsbild zum unmittel- baren Sinneseindruck. Die reproductive Apperception enthält die sämmt- lichen Elemente der impulsiven, aber sie enthält unter ihnen namentlich die Bewegungsempfindungen in weit geringerer Intensität. Hieraus erklärt es sich, dass wir zwar im allgemeinen die bloß vorgestellte von der wirklich ausgeführten eigenen Bewegung leicht unterscheiden, dass aber doch, namentlich bei schwachen Bewegungen, gelegentlich Täuschungen vorkommen, indem wir entweder eine bloß vorgestellte für eine wirkliche Bewegung halten oder umgekehrt eine wirkliche nicht erkennen.

Ueberall nun, wo der Willensentschluss das Ergebniss eines Streites zwischen verschiedenen Motiven ist, geht eine reproductive der impulsiven Apperception voraus, und beide sind auch subjectiv deutlich als succes- sive psychische Acte wahrzunehmen. Je geringer jene Hemmungen sind, um so kürzer wird die zwischen beiden Apperceptionen verfließende Zeit, bis endlich, wenn die Handlung völlig ungehemmt einem bestimmten äußeren Reize nachfolgt, die zwei Acte in einen zusammenfließen, der nun ausschließlich den Charakter einer impulsiven Apperception an sich trägt. Ebenso ist aber die letztere von vornherein überall da die Grund- lage äußerer Willensbewegungen, wo es überhaupt zu jener Entwicklung- innerer Hemmungen, die stets zugleich eine größere Verwicklung der Vor- gänge voraussetzen, noch nicht gekommen ist. So sind die Willenshand- lungen niederer Thiere sowie die einfachsten, ohne vorangegangenen Kampf der Motive entstehenden menschlichen Willensacte psychologisch betrachtet impulsive Apperceptionen. Hiernach hat die isolirte Entstehung der letzteren zwei Ausgangspunkte. Einerseits sind sie die primären Anfänge aller Willensentwicklung. Wie überall Erinnerungsbilder erst möglich sind auf Grund vorangegangener unmittelbarer Sinnesvorstellungen, so können auch reproductive Bewegungsapperceptionen erst dadurch ent- stehen, dass es primäre, d. h. unmittelbar impulsive Apperceptiorien un- serer eigenen Bewegungen gibt, die, nachdem sie ein- oder mehrmals ein- getreten sind, nun erst dem Bewusstsein als reproductive Gebilde zur Verfügung stehen. Anderseits aber können die so entstehenden Verbin- dungen reproductiver und impulsiver Apperceptionen durch die auch hier wirksam werdende Verkürzung und Zusammenziehung psychischer Acte selbst wieder in bloß impulsive Apperceptionen übergehen. Gehören die einfachsten, in der physischen Organisation unmittelbar vorgebildeten Willenshandlungen der ersten Art an, so umfasst die zweite alle ursprüng- lich verwickeiteren Willensbewegungen, die sich vermöge jenes Verdich- tungsprocesses in relativ einfachere Willensacte umgewandelt haben.