den Versuchspersonen bestimmt, ob ihnen die Vergleichsreihe gleich, größer oder kleiner erschien. Auf diese Weise ergibt sich bei Wiederholung der Beob- achtungen zu jeder Normalreihe eine größere Anzahl von Richtig- und Falsch- schätzungen. Von den sonstigen Anwendungen der Methode der richtigen und falschen Fälle unterscheidet sich aber die vorliegende dadurch, dass die Grenze, von der aus eine Zusammenfassung der Eindrücke nicht mehr mög- lich ist, sehr, scharf durch eine plötzliche Zunahme der falschen Fälle auf etwa 50 Procent aller Fälle zu erkennen ist. So lange die Richtigschätzun- gen 80 Proc. übersteigen, kann man annehmen, dass die Falschschätzungen in bloßen Schwankungen der Aufmerksamkeit ihren Grund haben.
Das Bewusstsein.
Das Bewusstsein.
Eine exactere und mannigfache Modificationen zulassende Versuchsein- richtung, die überdies noch zu vielen andern Zwecken, namentlich zu den in Cap. XV beschriebenen Zeitsinn- und Rhythmusversuchen sowie zu den unten (3) zu beschreibenden Untersuchungen über Reproduction von Zeitvorstellungen An- wendung finden kann, zeigen die Figuren 346 und 347. Dieselbe besteht zunächst aus einem BALTZER'schen Trommel-Kymographion (Fig. 346 rechts), welches sehr constante und zugleich mittelst der an ihm angebrachten Regulations- vorrichtungen (Foucault' scher Regulator, Frictionsrollen und Räderversetzung) innerhalb sehr weiter Grenzen variirbare Geschwindigkeiten gestattet, etwa von 1 Stunde bis zu 2 See. Umdrehungszeit. Für graphische Versuche kann die Trommel mit berußtem Papier überspannt und ganz in der Weise wie die f^ossrfrüher beschriebenen Kymographionapparate benutzt werden. Für den vor- liegenden Zweck sowie bei den Zeitsinn- und Rhythmusversuchen kommt jedoch nur das Uhrwerk des Apparats mit seinen Zahnrädern zur Verwendung, indem der in Fig. 346 links sichtbare, in Fig. 347 in seiner Verbindung mit den Zahnrädern dargestellte Universal-Contactapparat als eigentliche Versuchseinrichtung dient, deren gleichmäßige und beliebig variirbare Rotation nur durch das Kymographion besorgt wird. Dies geschieht dadurch, dass in das Zahnrad Rx des letzteren das Zahnradsystem Rz Ä3 des Contactapparates eingreift. An dem Rad R3 ist der Metallzeiger d festgeschraubt, der sich über einer in 360 Grade eingetheilten Kreistheilung bewegt. Unter dieser befindet sich, mit ihr und mit dem Tisch des Apparates fest verbunden, ein nach innen mit einer Rinne versehener Metallring. An ihm können in be- liebiger Zahl und in beliebig zu wählenden Abständen Auslösungsapparate, von denen in der Fig. 347 drei dargestellt sind, A1 2?, C, verschiebbar fixirt 364 Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.
werden. In Fig. 347 besteht jeder Auslöser aus einem gegen die Kreistheilung gabelförmigen, auf der entgegengesetzten Seite in einen Contactfortsatz aus- laufenden Hebel /z, der auf einer Hartgummiplatte befestigt ist. Durch eine kleine Feder wird dieser Contactfortsatz gegen seine Unterlage gedrückt. Am äußeren Ende des Auslösers befindet sich die zu seiner Fixirung bestimmte Schraube s] ferner ruhen hier auf der isolirenden Unterlage die beiden durch einen kleinen Zwischenraum getrennten Platinplättchen c und e. Der Strom kann entweder an der durch -f- bezeichneten Stelle direct znm Hebel h oder aber durch den Fortsatz f zum Platincontact c geleitet werden; bei — wird der Strom abgeleitet. Der Apparat B zeigt die Stellung des Hebels h vor dem Vorübergang des Zeigers d, der Apparat A zeigt sie während eines Vor- übergangs. Aus diesen Stellungen ist ersichtlich, dass bei der ersten der oben erwähnten Anordnungen (Strom von ~\- zu — ) der Strom beim Anstoßen von d an den ersten Fortsatz a geschlossen und dann beim Anstoßen an den zweiten Fortsatz b wieder geöffnet wird. Bei der zweiten Anordnung dagegen (Strom von f zu ■ — ) wird der Strom nur während der sehr kurzen Zeit ge- schlossen, in der der Contactfortsatz des Hebels h die Platinplättchen c und e in leitende Verbindung setzt. Bei Schallversuchen bedient man sich am zweck- mäßigsten der ersten dieser Vorrichtungen, während die zweite z. B. für die Auslösung momentaner elektrischer Haut- oder Lichtreize dienen kann. Zur Herstellung der kleinsten Zeitstrecken unter etwa 0,4 * nehmen übrigens auch diese Auslöser selbst bei der größten Rotationsgeschwindigkeit einen zu großen Raum ein. Für diesen Fall bedient man sich daher nach dem Vorgang von Meumann kleiner Federcontacte, die auf einer sehr schmalen, am Theilkreis fixirbaren Hartgummiunterlage angebracht sind, und bei deren Anwendung man den Strom direct durch das Rad 7?3 ein- und durch eine mit der Con- tactfeder verbundene Schraubenklemme ausleitet. Mittelst dieser kleinen Appa- rate gelang es Meumann, indem er dem Contactapparat einen Durchmesser von 28 cm geben ließ, bis zu Zeitstrecken von 0,05 * herabzugehen, bei denen noch kleinste genau einstellbare Variationen bis zu 0,002 * vorgenommen wer- den konnten1. Zu den Versuchen über den Bewusstseinsumfang wird nun der Contactapparat zunächst so hergerichtet, dass sich die an seinem Umfang an- gebrachten Federcontacte in genau gleichen Abständen befinden, und dass sie sämmtlich mit einem kleinen elektromagnetischen Schallhammer, wie dem in Fig. 313 (8.38,77) abgebildeten, in Verbindung stehen. Bei der Rotation folgen daher die Hammerschläge in genau gleichen Zeiten und mit genau gleicher Stärke auf einander. Um gewisse Schläge zum Zweck der Zusammenfassung einer Schlagreihe auszuzeichnen, setzt man dann die dazu ausersehenen Feder- contacte noch mit einem zweiten, den Schall des ersten verstärkenden Schall- hammer oder mit einer elektrischen Glocke in Verbindung. Auf diese Weise lassen sich mit dieser allerdings wesentlich complicirteren Einrichtung im übrigen ganz in derselben Weise wie an dem in Fig. 345 abgebildeten Apparat die Versuche ausführen. Nur hat man den Vortheil, dass, abgesehen von der Elimination der verschiedenen Schallstärke und der zwischen viel weiteren Grenzen abzustufenden Geschwindigkeiten, die Schallerzeuger in einem von den sonstigen Apparaten getrennten Raum aufgestellt werden können, so dass die Störungen durch die sonstigen Apparatengeräusche hinwegfallen. In einer E. Meumann, Philos. Stud. Bd. 12, 1896, S. 142 ff.
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größeren Zahl von Versuchen, die nach dieser verbesserten Methode von Joh. Quandt (im psychologischen Laboratorium zu Leipzig) ausgeführt wurden, konnten übrigens lediglich die schon von G. Dietze gewonnenen Ergebnisse bestätigt werden.
Die folgenden Figuren geben graphische Darstellungen dieser Ergebnisse im einzelnen nach einer Hauptversuchsreihe, bei der ausschließlich die gewöhn- liche rhythmische Zweigliederung zur Anwendung kam1. Die Fig. 348 zeigt vtes Fig. 348. Abhängigkeit des Bewusstseinsumfangs von der Intervalldauer bei einer Reihe momentaner Eindrücke.
die Abhängigkeit der Zusammenfassung von der Intervalldauer. Zu diesem Zweck sind die Zeitintervalle der Pendelschläge von 0,21" beginnend bis über 3" auf einer Abscissenlinie aufgetragen, während durch die Höhe der Ordinaten die Zahl der zusammengefassten Eindrücke versinnlicht wird. Die ausgezogene Curve zeigt den Verlauf für geradzahlige, die unterbrochene für ungeradzahlige Reihen. Bei der untern Intervallgrenze steigt der Umfang des Bewusstseins sehr schnell auf sein Maximum, um dann zuerst ziemlich rasch und hierauf sehr allmählich wieder zu sinken. Der annähernd treppenförmige Verlauf des absteigenden Theils der Curve deutet an, dass innerhalb gewisser Intervallgrenzen der Umfang des Bewusstseins constante Verhältnisse darbietet, worauf er dann jedesmal plötzlich auf ein niedrigeres Niveau herabgeht. Jenseits der hier nicht mehr dargestellten oberen Grenze von 4" sinkt die Curve abermals plötzlich nahe an die Abscissenlinie. Ergänzt wird diese Dar- stellung durch die Fig. 349, die den Einfluss der Zahl der Eindrücke auf ihre Zusammenfassung im Bewusstsein für den Fall einfachster Gliederung (im 2/8-Takt) versinnlicht. Hier bilden die je einer Normalreihe entsprechenden Schlagzahlen von 1 bis 18 die Abscissen, während die Ordinaten der Ueberzahl der Richtigschätzungen über die falschen Schätzungen proportional sind, ohne dass dabei auf den in der vorigen Curve veranschaulichten Einfluss der Zeitintervalle Rücksicht genommen wurde. Die hier dargestellten Größen sind also Mittel aus allen bei den verschiedenen Intervallen ausgeführten Versuchen. Man erkennt sofort den Vorzug geradzahliger gegenüber ungeradzahligen Reihen.
1 G. Dietze, Philos. Stud. Bd. 2, 1885, S. 362 ff. Vgl. Taf. III, Fig. 2' und tf (Be- obachter M. M.Y Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.
Außerdem sind aber gewisse Zahlen besonders begünstigt: so 4, 6, 8, 16, unter den ungeradzahiigen 3, 5, 7; am schwersten können n und 13 Ein- Eig- 349- Einfluss der Zahl der Eindrücke auf den Bewusstseinsumfang.
drücke vereinigt werden. Während bei 17 keine Zusammenfassung mehr mög- lich ist, ist bei 18 noch ein geringes Uebergewicht richtiger Schätzungen vor- handen1.
e. Schwankungen der Aufmerksamkeit. (Apperceptionswellen.)
Der Verlauf der Vorstellungen im Bewusstsein ist, wie aus dem Vor- angegangenen erhellt, ein Vorgang, der wieder in zwei mit einander zu- sammenhängende Processe zerfällt:- in das Kommen und Gehen derselben innerhalb des allgemeinen Blickfeldes des Bewusstseins, und in das wechselnde Erfassen einzelner durch die Aufmerksamkeit. Indem nun der letztere Vorgang stets in dem Erfassen einer Vorstellung von mehr oder weniger zusammengesetzter Beschaffenheit besteht, ist es unvermeidlich, dass derselbe zugleich als ein discontinuirlicher sich darstellt. Denn zwischen der Apperception je zweier auf einander folgender Vorstel- lungen wird immer eine Zwischenzeit liegen, in der die eine schon zu weit gesunken, die andere noch nicht zureichend gehoben ist, um klar appercipirt zu werden. Dauernd eine Vorstellung mit der Aufmerksam- keit festzuhalten, ist aber, wie die Erfahrung zeigt, schlechthin unmöglich: auch die Spannung der Aufmerksamkeit ist also ein Vorgang, kein bleibender Zustand; und ein dauernder Eindruck kann nur festgehalten werden, indem Momente der Spannung und der Abspannung derselben mit einander wechseln. Auf diese Weise ist die Aufmerksamkeit ihrem Wesen nach eine intermittirende Function. Damit entsteht nun für 1 lieber einige Einwände F. Schumanns (Zeitschr. f. Psychol. u. Physiol. d. Sinnes- organe, Bd. 1, S. 75, Bd. 2, S. 115) gegen diese Versuche vgl. Philos. Stud. Bd. 6, 1891, S. 250, Bd. 7, 1892, S. 222. Dazu auch Wirth, Philos. Stud. Bd. 20, 1902, S. 561 ff.
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die experimentelle Untersuchung die Aufgabe, die zeitlichen Verhält- nisse ihrer Ab- und Zunahme zu ermitteln. Um hier die einfachsten Bedingungen herzustellen, lässt man am zweckmäßigsten sehr schwache Eindrücke, weil diese leichter als stärkere unter die Aufmerksamkeitsschwelle sinken und so in den Schwankungen ihres Klarheitsgrades verfolgt werden können, auf eines der hierzu geeigneten Sinnesorgane, Ohr, Auge, äußere Haut, einwirken, während man zugleich die Hauptphasen ihrer Klarheits- schwankungen auf einer zeitmessenden Vorrichtung registrirt. Die so ausgeführten Versuche zeigen, dass die Schwankungen der Aufmerk- samkeit im allgemeinen unregelmäßig erfolgen, da nicht nur die Dauer einer aus einem einmaligen Sinken und Steigen zusammengesetzten Schwankungsperiode in der Regel fortwährend wechselt, sondern auch das Verhältniss der eine solche Periode zusammensetzenden Zeiten des Auftauchens im Blickpunkte des Bewusstseins und des Sinkens fortwähren- den Veränderungen unterworfen ist. So fanden Eckener1 bei Schall-, PACE2, MARTIUS und Marbe3 bei Lichteindrücken Perioden, die durch- schnittlich, abgesehen von einzelnen extremen Werthen, im Minimum auf 6 — 8 See. herabgingen, im Maximum sich auf 18 — 24 See. erhoben. Dabei war in der Regel die Zeit des Sinkens unter die Aufmerksamkeitsschwelle erheblich kleiner als die Zeit der Erhebung über dieselbe; doch ist dieses Verhältniss, wie Martius und Marbe feststellen konnten, wesentlich von der Stärke des Eindrucks abhängig: je näher dieser der Reizschwelle kommt, um so mehr verlängert sich die Dauer des Sinkens gegenüber derjenigen der Erhebung; je übermerklicher dagegen die Empfindung wird, um so kürzer wird die erste, um so länger die zweite Zeit. Auf diese Weise nähert man sich dort continuirlich einer Grenze, bei welcher der Reiz zu schwach ist, um jemals die Aufmerksamkeits- schwelle zu erreichen, hier einer andern, wo er zu stark ist, um unter den gegebenen Bedingungen unter sie zu sinken. Uebrigens hat außer- dem die Art, wie sich die Aufmerksamkeit auf den Reiz einstellt, und wie hiernach die Registrirung desselben vorgenommen wird, auf den Zeit- verlauf einen wesentliehen Einfluss. Folgt man nicht dem allmählichen Auf- und Absteigen der Klarheit stetig mit den Bewegungen der registri- renden Hand, sondern sucht man nur in jeder Schwankungsperiode den Moment des Maximums der Klarheit zu fixiren, so werden die Perioden nicht bloß kürzer, sondern meist auch regelmäßiger. Ein rascherer 1 Eckener, Philos. Stud. Bd. 8, 1893, S. 371 ff.
2 Pace, ebend. S. 391 ff.
3 Marbe, ebend. S. 620 ff. Weitere Versuche mit wesentlich gleichen Ergebnissen führten aus: Wiersma, Zeitschr. f. Psychol. Bd. 26, 1901, S. 168. Cook, Amer. Journ. of 2 68 Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.
Verlauf wird außerdem, wie die vorhin erwähnten Einflüsse der Reizstärke begreiflich machen, durch eine eben noch deutlich über der Reizschwelle gelegene, aber ihr nahe Intensität des Eindrucks befördert. Hieraus er_ klärt es sich wohl, dass N. Lange1, der diese Erscheinungen zuerst ein- gehender verfolgte, nicht nur viel kürzere, sondern auch regelmäßigere Perioden erhielt als die späteren Beobachter. Eine Bedingung zur Her- stellung einer solchen Regelmäßigkeit, die dann auch bei continuirlicher Registrirung eintritt, ist besonders, wie Pace2 fand, die möglichste Con- stanz der Reizbarkeit des Sinnesorgans. In Folge der Adaptation des Auges nimmt aber allmählich die Reizbarkeit zu, die Reizschwelle sinkt also im Verlauf der Versuche. Als Pace, um diesen Einfluss zu com- pensiren, während der Dauer einer Versuchsreihe den Reiz langsam, der fortschreitenden Vertiefung der Schwelle entsprechend, verminderte (da- durch dass er einen etwas weiter vom Mittelpunkt gelegenen Ring der von ihm benutzten MASSON'schen Scheibe fixirte), so erhielt er ziemlich regelmäßige Schwankungsperioden von durchschnittlich nur 3,5 See. Dauer mit einer mittleren Variation von 0,3. Dies entspricht ziemlich genau den Ergebnissen von N. LANGE, der bei Lichtempfindungen von der gleichen Beschaffenheit 3,0 — 3,4, bei Schallreizen 3,5 — 4, endlich bei elektrischen Hautreizen 2,5 — 3 See. als Dauer einer Schwankungsperiode fand3.
Unter den Einflüssen, die diese in bestimmten Grenzfällen auftretende Regelmäßigkeit der Erscheinungen stören, scheint die Einwirkung anderer die Aufmerksamkeit ablenkender Sinnesreize eine besonders große Rolle zu spielen. Es versteht sich von selbst, dass die Versuche an und für sich unter Bedingungen angestellt werden müssen, die diesen Einfluss möglichst ausschließen, also z. B. die Lichtversuche in einem gleichmäßig erhellten Raum, die Schallversuche in der Stille der Nacht u. s. w. Aber ganz lassen sich störende Nebenreize doch nicht vermeiden. Sind alle sonstigen Eindrücke ausgeschlossen, so bleiben die Erregungen zurück, die von den Bewegungen des eigenen Körpers, von den Athembewegungen und den sie begleitenden Geräuschen, und von subjeetiven Sinnesreizen herrühren. Je sorgfältiger äußere Reize abgehalten werden, um so mehr drängen sich solche unvermeidliche subjeetive Erregungen auf. Sie üben, wie ECKENER bei Schalleindrücken fand, einen fortwährenden ablenken- den Einfluss auf die Aufmerksamkeit aus, und da sie nicht nur je nach der Disposition des Bewusstseins in ihrem Einflüsse wechseln können, sondern auch an keine bestimmte Zeitfolge gebunden sind, so begreift 1 Nie. Lange, Philos. Stud. Bd. 4, 1888, S. 390 ff.
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es sich, dass nun die Schwankungen im allgemeinen keine Regelmäßig- keit mehr einhalten, sofern nicht etwa die ablenkenden Reize selbst einen regelmäßig periodischen Charakter besitzen. In letzterer Beziehung könnte namentlich von der Athmung vermuthet werden, dass sie nicht bloß störend eingreife, sondern dass sie es sei, die auf irgend eine Weise, viel- leicht auf einem ganz anderen Weg als durch die Wirkung auf die Auf- merksamkeit, die Schwankungen des Klarheitsgrades, wo diese regelmäßig auftreten, hervorbringe. In der That zeigte sich in Versuchen von Alfr. Lehmann, in denen gleichzeitig die Athembewegungen registrirt wurden, dass in einem Fall zwischen den erörterten Schwankungen und der Athmungsfrequenz ein gewisser Zusammenhang zu bestehen schien, näm- lich bei Hautreizen. Zwar fielen auch hier nicht bestimmte Phasen der Schwankungs- und der Athmungscurve zusammen; wohl aber ergab sich eine ungefähre Uebereinstimmung der Frequenz beider Perioden1. Bei Schall- und Lichteindrücken war jedoch eine solche Beziehung nicht aufzufinden; sie scheint also in jenem speciellen Fall in der eigenthüm- lichen Verbindung begründet zu sein, in der der Hautsinn zu den reflecto- rischen Antrieben der Inspiration steht, einer Verbindung, die namentlich bei den Kältereizen bekannt ist, aber auch bei den hier angewandten elektrischen Erregungen nicht fehlt. Uebrigens sind die in den meisten andern Untersuchungen gefundenen Schwankungsperioden zu groß, als dass sie mit der Athmungsfrequenz in irgend eine regelmäßige Beziehung gebracht werden könnten.
Von besonderer Bedeutung unter diesen Einwirkungen begleitender Sinneseindrücke sind endlich diejenigen, die von den Muskelappara- ten des Sinnesorgans ausgehen, auf das der beobachtete Eindruck einwirkt: so beim Auge von der Einstellung der äußeren Augenmuskeln und der Accommodation, beim Ohr von der Spannung des Trommelfells. Die Beobachtung lehrt nun, dass die an diese Muskelwirkungen gebun- denen Empfindungen gerade so wie andere Sinnesreize den Vorgang be- einflussen können. Einen directen Einfluss, an den man etwa denken könnte, indem man die Klarheitszunahme der Empfindung z. B. auf eine Einstellung der Accommodationsapparate in Auge und Ohr, ihre Abnahme auf eine Ermüdung derselben zurückführte, üben jedoch diese begleitenden Vorgänge entschieden nicht aus. Denn die Versuche zeigen, dass die Schwankungen ungeändert bleiben, wenn Auge und Ohr, jenes durch die Lähmung der Accommodation, dieses durch Mangel des Trommelfells, solchen Accommodationsänderungen überhaupt nicht mehr unterworfen sind. Es können daher diese Einflüsse, insofern sie in einzelnen Fällen 1 Alfr. Lehmann, Philos. Stud. Bd. 9, 1894, S. 66 ff.
Wundt, Grundzüge. III. 5. Aufl. 24 370 Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.
wirklich stattfinden, ebenfalls nur als secundäre betrachtet werden, die eventuell den unabhängig- bestehenden Vorgang modificiren, nicht aber ihn erst hervorbringen1.
Ergibt sich aus allen diesen Thatsachen der Schluss, dass die unter den angegebenen Bedingungen beobachteten Schwankungen einen cen- tralen Sitz haben, so machen es nun aber weiterhin die besonderen Eigenthümlichkeiten derselben zweifellos, dass es sich hier nur um ein Phänomen der Aufmerksamkeit handeln kann. In dieser Beziehung ist namentlich der Umstand entscheidend, dass, wie ECKENER feststellte, das Verhalten des Eindrucks bei seinem Zurücktreten im Bewusstsein ein wesentlich anderes ist, als das einer ganz aus dem Bewusstsein verschwin- denden Empfindung. Man hat, wenn der Eindruck wieder hervortritt, das deutliche, von einem eigenthümlichen Gefühl begleitete Bewusstsein, dass er inzwischen, obgleich nicht appercipirt, doch vorhanden gewesen sei, ein ähnliches Gefühl, wie es auch bei den früher geschilderten Ver- suchen über die Apperception momentaner Eindrücke die Existenz weiterer nicht appercipirter Sinnesreize andeutet (S. 339). In Folge dessen wird denn auch im allgemeinen dieses durch das Nachlassen der Auf- merksamkeit erfolgende Zurücktreten eines Reizes von einem objectiven Verschwinden desselben sicher unterschieden. Nur dann können beide Fälle mit einander verwechselt werden, wenn das objective Aussetzen sehr kurz dauert, wo es entweder ganz übersehen oder auch für eine bloß subjective Schwankung gehalten werden kann. Dies hat wahrschein- lich darin seinen Grund, dass hierbei das Erinnerungsbild des Reizes mit einer Fortdauer des wirklichen Eindrucks verwechselt wird, entsprechend der schon von FECHNER beobachteten Erscheinung, dass solche einem Ein- druck sofort nachfolgende Erinnerungsbilder eine ungewöhnliche Stärke besitzen2. In der That fand ECKENER, dass bei solchen Personen, bei denen die Erinnerungsbilder länger dauerten, leichter Verwechselungen beider Vorgänge vorkamen, und dass bei ihnen die subjectiven Schwan- kungen kürzer dauerten und seltener eintraten3. Bezeichnend für den Charakter der letzteren ist endlich ihr Verhalten bei gleichzeitigem Vor- handensein zweier Minimalreize. Hier ist jedoch der Erfolg wieder ein wesentlich verschiedener, je nachdem diese einem und demselben Sinnes- gebiet angehören oder nicht. Im ersten Fall zeigt nur ein Eindruck die 2 Fechner nannte darum diese Art von Erinnerungsbildern > Erinnerungsnachbilder« (Elemente der Psychophysik, Bd. 2, S. 491). Auch die von O. Külpe untersuchten Ver- wechselungen subjectiver Erregungen mit objectiven Eindrücken oder dieser mit jenen, Verwechselungen, die bei schwachen Reizen sehr häufig vorkommen, gehören hierher (Philos. Stud. Bd. 19, 1902, S. 508 ff.).
Das Bewusstsein.
Schwankungen, und zwar derjenige, auf den sich die Aufmerksamkeit spannt; der andere wird als ein continuirlich fortdauernder empfunden, und eine objective Unterbrechung desselben wird daher sofort bemerkt1. Im zweiten Fall ist es, wie Lange beobachtete, möglich auf beide Reize gleichzeitig die Aufmerksamkeit zu spannen: es zeigen dann auch beide die Schwankungserscheinungen, aber die Perioden derselben fallen nicht zusammen, "sondern es steigt abwechselnd zuerst der eine und dann der andere auf das Maximum der Klarheit, wie dies die Fig. 350 schematisch darstellt. In derselben bezeichnet die stark ge- zogene Curve einen aku- stischen, die schwach ge ZOP-ene einen ODtischen Fig> 35°- Schema der Apperceptionswellen bei zwei zogene einen optibcnen disparaten Dauereindrücken von minimaler Stärke.
Reiz. Die stark gezogene Abscissenlinie bezeichnet die Aufmerksamkeitsschwelle, die zu ihr parallel gezogene schwächere Linie schneidet die Gipfelpunkte der Schwankungs- curven ab, auf die der Beobachter reagirte. Der hier auftretende Wechsel der disparaten Eindrücke entspricht augenscheinlich der früher hervor- gehobenen Thatsache, dass im Zustand gespanntester Aufmerksamkeit in einem gegebenen Moment immer nur ein Eindruck vollkommen klar appercipirt wird2.
Die ersten Beobachtungen über die oben erörterten Schwankungen in der Apperception minimaler Reize sind von Urbantschitsch bei Gehörseindrücken gemacht worden3. Er bezog die Erscheinung auf Schwankungen in der Er- regbarkeit des Nervus acusticus. Eingehender untersuchte dann N. Lange dieselbe nicht nur bei Gehörs- sondern auch bei Gesichts- und Tasteindrücken, und er kam nach seinen Beobachtungen zu dem Schlüsse, dass sie auf den Spannungsverhältnissen der Aufmerksamkeit beruhe4. Da er an Erinnerungs- bildern die nämlichen Schwankungen vorfand, so nahm Lange an, das perio- dische Auftauchen von Erinnerungsbildern, die abwechselnd steigen und sinken und bei ihrem Steigen den äußeren Eindruck verstärken, liege der Erscheinung zu Grunde. Dagegen zeigte Eckener, dass dieser Schluss, der auf der Auffassung der Aufmerksamkeit als einer den Eindruck verstärkenden Thätigkeit beruht, der zureichenden Begründung entbehre und überdies das 2 N. Lange, a. a. O. S. 401. Aehnliche Oscillationen zwischen Kälte- und Druck- empfindungen der Haut, aber mit viel größerer Periode, beobachtete Hylan (Psych. Rev.
3 Urbantschitsch, Med. Centralbl. 1875, S. 626 ff. Pflügers Arch. Bd. 26, S. 574 ff., Bd. 27, S. 440 ff. In diesen Arbeiten sind noch andere Erscheinungen beschrieben, bei denen möglicherweise die Ermüdung der Nerven eine Rolle spielt. Sie weichen aber in ihren Bedingungen von den oben erörterten ab, indem sie Intennissionen der Empfindung bei starken Geräuschen betreffen, die erst nach längerer Zeit, 10 — -15", eintraten.
■2j2 Bewusstsein und Vorstellungsverlauf