SigPhi · Wilhelm Wundt

Grundzüge der physiologischen Psychologie (3. Auflage)

German

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Verlauf der directen Sinnesvorstellungen. •jgj solcher besteht er in einem Willensvorgang, der durch einen äußeren Reiz ausgelöst wird, um in einer der Apperception des Reizes folgenden spon- tanen Bewegung, der »Reactionsbewegung«, zu enden. Indem in diesen Willensvorgang willkürlich zwischen die Apperception des Sinneseindrucks und den die Reaction auslösenden Willensimpuls verschiedene andere psy- chische Vorgänge als Zwischenmotive eingeschaltet werden können, ge- statten die Reactionsversuche eine Analyse der durch äußere Reize ausge- lösten einfacheren oder zusammengesetzteren Bewusstseinsvorgänge. Indem man dabei außerdem die Momente der Einwirkung des Eindrucks, mit dem der Vorgang beginnt, und der Reactionsbewegung, mit der er schließt, mittelst irgend einer zeitmessenden Vorrichtung registrirt, wird jedesmal die Gesammtdauer eines solchen Verlaufs objectiv gemessen. Wir wollen nun, um zunächst die hier möglichen Fälle in ihre Hauptgruppen zu scheiden, einen solchen Vorgang, bei dem unmittelbar auf die Apper- ception eines einfachen Reizes die Reaction erfolgt, einen einfachen, einen solchen dagegen, bei dem noch irgend welche psychische Zwischen- glieder zwischen diese beiden Acte eingeschaltet werden, einen zusam- mengesetzten Reactionsvorgang nennen. Die Reactionsversuche überhaupt bieten hiernach der psychologischen Betrachtung eine doppelte Seite dar. Erstens sind sie typische Formen von Willensvorgängen von einfacher oder zusammengesetzter Beschaffenheit. In dieser Bedeutung für die Analyse des Willens ist auf ihre Ergebnisse schon im vorangehen- den Capitel mehrfach Bezug genommen, und es ist dort bereits hervor- gehoben worden, dass es hauptsächlich das Gebiet der Reactionsversuche ist, das eine planmäßige, experimentell geregelte Selbstbeobachtung der verschiedenen Formen von Willenshandlungen und ihrer Uebergänge in einander möglich macht. Zweitens aber sind die Reactionsversuche, und in dieser Bedeutung sollen sie hier eingehender geschildert werden, die experimentellen Hülfsmittel zur Untersuchung des Verlaufs directer Sinnesvorstellungen unter verschiedenen Bedingungen. Dass sich die Behandlung dieses Problems gerade an die Verlaufsform der Willens- handlungen anschließt, hat seine experimentelle Begründung in der Endigung solcher Vorgänge in äußeren Willenshandlungen, die die er- forderlichen Angriffspunkte objectiver Messung darbieten, während psychologisch der Willensvorgang, da er der am meisten zusammengesetzte Typus eines psychischen Vorganges ist, principiell wieder das Hülfsmittel für die Interpretation der verschiedensten andern, einfacheren psychischen Vorgänge darbietet, die als Vorstellungs- und Gefühlsmotive oder eventuell als weitere an diese sich anschließende intellectuelle Acte in den Willens- vorgang eingehen können.

Die Methodik der Reactionsversuche gestaltet sich demnach Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.

im wesentlichen in folgender Weise. An einer zeitmessenden Vorrichtung, die noch Zeitwerthe von mindestens 1/IOO See. sicher abzulesen gestattet, bringt man zwei Hülfsapparate an, von denen der eine die Selbstregistrirung einer Reizeinwirkung, der andere die einer Reactionsbewegung gestattet. Die zwischen den so gewonnenen beiden Registrirmarken liegende Zeit ist dann die unter den gewählten Bedingungen gemessene Reactionsdauer. Das einfachste und zugleich zuverlässigste Hülfsmittel zur Bestimmung solch kleiner Zeiten ist eine Stimmgabel, deren Schwingungsdauer man entweder direct oder durch Vergleichung mit einer Normalgabel genau bestimmt hat, und die man ihre Schwingungen auf die rotirende Trommel eines Kymographions (Fig. 212, Bd. 2, S. 276, oder oben Fig. 346, S. 362) aufzeichnen lässt. Die Fig. 351 veranschaulicht demnach das hierbei ein- zuschlagende Verfahren. Unter der Linie der Stimmgabelschwingungen SS' Fig. 35i. Schema eines Reactionsversuchs nach graphischer Methode.

zeichnet ein mit der Reizvorrichtung verbundener Registrirapparat eine gerade Linie EE', die in dem der Reizeinwirkung entsprechenden Punkte in Folge der Anziehung des Registrirhebels durch den Anker eines Elektro- magneten eine Erhebung a zeigt. Ebenso zeichnet eine den Augenblick der Reactionsbewegung anzeigende Registrirfeder eine gerade Linie RR', die durch eine ähnliche elektromagnetische Auslösung im Moment der Reaction bei c sich erhebt. Zieht man demnach die beiden Lothe a b und c d auf die Wellenlinie SS', so geben die Schwingungen von b bis d genau die verflossene Reactionszeit an. Als weitere, je nach den sonstigen Versuchsbedingungen verschieden zu wählende Hülfsapparate hat man dann nur noch Vorrichtungen nöthig, die gleichzeitig mit der Reizeinwirkung und der Reactionsbewegung Stromunterbrechungen in den Elektromagneten bewirken. Außerdem ist es jedoch für die meisten Zwecke erforderlich, noch eine zweite Hülfsvorrichtung anzuwenden, die einen dem zu registri- renden Hauptreiz in einem bestimmten Intervall, von iI/a — 2 See, voraus- gehenden Signalreiz, in der Regel einen einfachen Schall, auslöst, um die Einstellung der Aufmerksamkeit anf den bevorstehenden Reiz zu bewirken. Diese Hülfsvorrichtung lässt sich bei der Anwendung eines Kymographions leicht so anbringen, dass durch die rotirende Trommel selbst bei einer bestimmten, dem gewünschten Intervall entsprechenden Stelle der Signal- reiz ausgelöst wird.

Verlauf der directen Sinnesvorstellungen. ig.

In den so erzeugten Reactionsvorgang lassen sich nun weiterhin leicht Bedingungen einführen, durch die zwischen die Apperception des Eindrucks und die Ausführung der reagirenden Willensbewegung weitere psychische Acte, z. B. Unterscheidungs-, Wiedererkennungs-, Wahl-, Associationsvorgänge u. s. w., interpolirt werden, womit dann natürlich ebenso die der Selbstbeobachtung gegebenen Erscheinungen wie die ob- jectiv zu messenden Zeiträume b d sich ändern. Alle solche durch die Einschaltung irgend welcher Zwischenglieder entstehenden Reactionsvor- gänge nennen wir nach der oben gewählten Terminologie »zusammen- gesetzte«. Da besonders in diesem Fall die zu messenden Zeiträume rela- tiv bedeutende Größen erreichen können, so bedient man sich übrigens zweckmäßig zur Messung der Reactionszeiten besonderer chronoskopischer Apparate, die eine unmittelbare Ablesung der Zeiten auf einem Ziffer- blatt, wie bei einer gewöhnlichen Uhr, und darum eine viel raschere Ausführung der Versuche gestatten, als sie bei der unmittelbaren Zählung von Stimmgabelschwingungen möglich ist. Das gewöhnlich hierzu be- nutzte Instrument ist das unten zu beschreibende HiPP'sche Chrono- skop, das dann freilich noch weitere Hülfsapparate zur Controle seiner Zeitangaben erfordert, deren Beschreibung, ebenso wie die der am häufigsten angewandten Einrichtungen für die Reizauslösungen, gleichfalls unten folgen soll. So wichtig aber selbstverständlich die exacte Aus- führung dieser Zeitbestimmungen ist, so ist doch bei der Beurtheilung der Reactionsversuche nie zu vergessen, dass ihr Hauptwerth auch hier wieder, ebenso wie schon bei ihrer Verwendung zur Untersuchung der typischen Formen der Willensvorgänge (S. 305), nicht in den objectiven Zeitwerthen besteht, die man durch sie gewinnt, sondern in der genauen Regulirung und Variirung der Selbstbeobachtung, die sie bei der Hervor- bringung verschiedener Verlaufsbedingungen psychischer Vorgänge ge- statten. Gegenüber diesem ihrem Hauptzweck haben die objectiven Zeit- bestimmungen selbst hauptsächlich einen secundären, symptomatischen Werth. Er besteht darin, dass die Zeitunterschiede, die unter abweichen- den Bedingungen beobachtet werden, auf die größere oder geringere Ver- wicklung der psychischen Vorgänge hinweisen, und dadurch Anhaltspunkte für die Beurtheilung der in der Selbstbeobachtung sich darbietenden Er- scheinungen gewähren.

Im Hinblick auf diese psychologische Bedeutung der gemessenen objectiven Zeitwerthe fällt nun der Umstand schwer ins Gewicht, dass jede Reaction auf Sinneseindrücke, unter welchen Bedingungen sie auch ausgeführt werden mag, ein psychophysischer Vorgang nicht nur in dem Sinne ist, dass an die in sie eingehenden psychischen Acte immer zugleich, wie wir mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen dürfen, ■2$a Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.

physische Vorgänge in der centralen Nervensubstanz geknüpft sind, sondern dass sie außerdem rein physiologische Vorgänge enthält, die der Auffassung des Eindrucks vorausgehen und dem die Reactions- bewegung einleitenden Willensimpuls nachfolgen. Diese Bestandtheile des Reactionsvorganges nehmen natürlich eine nicht zu vernachlässi- gende Zeit in Anspruch, die gleichwohl für die psychologische Seite der Erscheinungen kein unmittelbares Interesse besitzt. Als solche rein physiologische Theilvorgänge lassen sich unterscheiden: i) das An- wachsen der Erregung im Sinnesorgan, 2) die Leitung derselben in den peripheren und centralen sensorischen Nerven, 3) die Leitung in der centralen und peripheren motorischen Bahn zum reagirenden Bewegungs- organ, und 4) das Ansteigen der Erregung in den Muskeln des letzteren samt der zur Lösung des Reactionscontactes verfließenden Zeit. Ihnen stehen als psychophysische Bestandtheile im engeren Sinne dieses Wortes gegenüber: 1) die Perception des Eindrucks oder ihr Eintritt in das Blickfeld des Bewusstseins, 2) seine Apperception oder der Eintritt in den inneren Blickpunkt, 3) die Auslösung des Willensvorganges oder der apperceptive Bewegungsimpuls, wozu endlich 4) bei den zusammenge- setzten Reactionsvorgängen noch die zwischen 3 und 4 eingeschalteten psychischen Acte der Unterscheidung, Erkennung, Wahl u. dergl. hinzu- kommen. Dabei bleibt jedoch zunächst dahingestellt, inwiefern ein- zelne dieser Vorgänge, wie z. B. die Apperception des Eindrucks und der Bewegungsimpuls, einander theilweise überdecken oder auch ganz zusammenfallen.

Zwei Wege lassen sich nun denken, um zu einer Elimination jener rein physiologischen Bestandtheile des Reactionsvorganges und so zu einer Art Reindarstellung seiner psychologischen Inhalte zu gelangen. Man kann erstens versuchen, die physiologischen Theilvorgänge für sich ihrem absoluten Werthe nach zu ermitteln. Man kann sich aber auch zweitens damit begnügen, dieselben nur überhaupt möglichst constant zu erhalten, so dass die dann eintretenden Unterschiede ausschließlich auf die Aende- rungen der psychischen Bedingungen bezogen werden dürfen. Leider scheint der erste dieser Wege ungangbar zu sein. Die Voraussetzung, dass die rein physiologischen Reactionsbestandtheile an und für sich constant genug seien, um ihre Werthe ein für allemal bestimmen und mit einer gewissen Sicherheit von der gesammten Reactionszeit subtrahiren zu können, bewährt sich nicht. So hat die Reizstärke einen sehr be- deutenden Einfluss auf die Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Nerven- erregung. Ebenso weicht diese in den peripheren und centralen Nerven- fasern offenbar erheblich ab, und die ohnehin schon nicht sehr constanten Werthe, die man für die ersteren erhält, werden bei den letzteren noch Verlauf der directen Sinnesvorstelhragen. ogerheblich unsicherer. Diese, etwa ebenso wie die Nervenleitung in den motorischen Nerven, direct dadurch zu bestimmen, dass man eine dem Muskel fernere und eine ihm nähere Nervenstelle reizt und dann den so erhaltenen Zeitunterschied misst, ist nämlich bei den centralen Nerven- bahnen, wie auch bereits bei den sensibeln Nerven, nur unter Benutzung der gleichen, eine Menge psychophysischer Zwischenglieder einschließen- den Reactionsvorgänge möglich, aus denen eben jene physiologischen Zeiten eliminirt werden sollen. Hierzu kommt endlich, dass derjenige unter diesen physiologischen Factoren, der am schwierigsten constant zu erhalten ist, und von dem wahrscheinlich die größten Abweichungen in den Ergebnissen minder geübter Beobachter herrühren, die äußere Reactionsbewegung ist, da die Art, wie der Beobachter den Reactions- taster niederdrückt und wieder loslässt, sehr variiren kann, während sie sich zugleich jeder exacten Messung entzieht1. Es bleibt daher nur der zweite Weg übrig. Er besteht darin, dass man in den an einem ein- zelnen Beobachter anzustellenden Versuchen die physiologischen Factoren möglichst constant erhält, so dass jede irgend erheblich die Breite der gewöhnlichen Schwankungen überschreitende Abweichung mit Sicherheit auf die psychologischen Elemente des Reactionsvorganges bezogen werden darf. Dieser, gegenüber der vorigen umgekehrten Eliminationsweise kommt zu statten, dass sie stets nur an einem einzigen Individuum und unter sonst gleich bleibenden Versuchsbedingungen eine hinreichende Constanz der physiologischen Factoren voraussetzt, und dass die Versuche selbst in den Abweichungen, die sie bei constant bleibenden psychischen Bedingungen darbieten, hinreichend ermessen lassen, ob diese Voraus- setzung zutrifft oder nicht, in welchem letzteren Falle natürlich die Ver- suche überhaupt als unbrauchbar verworfen werden müssen. Damit solche Versuche verwerthbar seien, dazu ist demnach unter allen Umständen er- forderlich, dass sie in hinreichender Zahl angestellt werden, um die bei der einzelnen Beobachtung unvermeidlichen zufälligen Versuchsfehler eliminiren 1 Die Fehlerquellen, die der Versuch einer directen Elimination der physiologischen Theilvorgänge mit sich führt, ergeben sich denn auch aus den in dieser Richtung von S. Exner ausgeführten Versuchen und Berechnungen. Exner nimmt zunächst für die Nervenleitung gewisse Mittelwerthe an, nämlich für die periphere 62, für die sensible Rückenmarksleitung 8, die motorische n — 12 m in der Secunde. Unter diesen Vor- aussetzungen berechnet er die Gesammtheit der psychophysischen Zeiträume, die er als reducirte Reactionszeit bezeichnet, für die Reaction von Hand zu Hand auf 0,0828 Secunden. (Pflügers Archiv, Bd. 7, S. 628 ff.) Die hier angenommenen Data sind aber sämmtlich sehr unsicher: die Geschwindigkeit der Nervenleitung beträgt nach den von Baxt ausgeführten Versuchen an motorischen Nerven des Menschen nicht 62, sondern 30 — 40 m; die Rückenmarksleitung berechnet Exner aus den Reactionsversuchen, die wegen der Schwankungen der psychophysischen Zeiträume zu Bestimmungen der Leitungs- geschwindigkeit kaum brauchbar sind. In Bezug auf die Leitung der Schall- und Licht- erregungen ist natürlich noch weniger an eine auch nur approximative Trennung der rein physiologischen Zeit zu denken.

Wundt, Grundzüge. III. 5. Aufl. 25 3 86 Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.

zu können. Da nun diese Fehler im vorliegenden Fall zum großen Theil auf die physiologische Seite, namentlich auf die Art der Ausführung der Reactionsbewegung, fallen, so besteht eine wichtige Voraussetzung für die Ausführung brauchbarer Reactionsversuche in der sorgfältigen Einübung der Beobachter gerade auch in den physiologischen Theilvorgängen, und speciell in der exacten und immer gleichförmigen Art der Reactions- bewegung. Dass die Versuchspersonen außerdem in der Selbstbeob- achtung zureichend geübt sein müssen, wenn ihre Beobachtungen ein psychologisch brauchbares Ergebniss haben sollen, versteht sich übrigens von selbst. Gerade in dieser Beziehung ist nicht entschieden genug zu betonen, dass diese Versuche, wie sie nach ihrer psychologischen Be- deutung die complicirtesten sind, so auch an die psychologische Be- fähigung und Uebung des Beobachters die größten Anforderungen stellen. Sporadisch oder an beliebig ungeübten Personen angestellte Versuche oder aber endlich solche, bei denen man ohne sorgfältige Controle durch die Selbstbeobachtung planlos Reactionszeiten misst, sind daher werthlos1.

Wie die früher (S. 67 ff.) behandelten »Complicationsversuche« von der »Auge- und Ohrmethode«, so sind die Reactionsversuche von der Registrir- methode bei astronomischen Zeitbestimmungen ausgegangen. Auch bei diesen Bestimmungen ergibt sich nämlich zwischen zwei Beobachtern eines und des- selben Phänomens in der Regel eine Differenz, die man nach dem Vorgang von Bessel2 als »persönliche Differenz« oder »persönliche Gleichung« zu be- zeichnen pflegt. Hauptsächlich um die bei der Auge- und Ohrmethode ge- fundenen Unterschiede zu vermindern, wurden in neuerer Zeit die astrono- mischen Registrirapparate eingeführt, bei denen der Augenblick des Eintritts eines Phänomens durch eine Handbewegung angezeigt und dann mittelst elektromagnetischer Vorrichtungen auf einem zeitmessenden Apparat verzeich- net wird. Hier gleichen also die Bedingungen vollständig den bei der Be- stimmung der einfachen Reactionszeit gegebenen, aber es wird nicht, wie in den psychologischen Versuchen, der Augenblick des wirklichen Phänomens 1 Da man bei beliebig aufgegriffenen Personen oder bei Negern und Indianern diese Bedingungen schwerlich voraussetzen darf, so dürften hierher auch die Versuche an Geisteskranken von Buccola (La legge del tempo nei fenomeni del pensiero, p. 203 ff.), sowie die an Angehörigen verschiedener Menschenrassen von Meade Bache (Psychol. Review, vol. 2, 1895, p. 475), vor allem aber E. M. Weyers Reactionsversuche an Hunden gehören (Yale psychol. Laboratory, vol. 3, 1894, p. 96). Ueber die speciellen Bedingun- gen, unter denen die Versuche bei Geisteskranken ausführbar sind, vgl. übrigens G. Aschaffenburg, Kraepelins Psychol. Arbeiten, Bd. 4, 1902, S. 235 ff.

2 Astronomische Beobachtungen der Sternwarte zu Königsberg, Abth. VIII, 1822. Eine kurze Geschichte der astronomischen Beobachtungen über die persönliche Gleichung ist von Radau (Carls Repertorium f. physik. Technik, Bd. 1 und 2) und nach ihm von Exner (Pflügers Archiv, Bd. 7, S. 601) gegeben worden. Ueber einige neuere hierher gehörige Untersuchungen berichtet Foerster, Vierteljahrsschr. der astronom. Gesellschaft, Bd. 1, S. 236. Eine Uebersicht aller auf die persönliche Gleichung bezüglichen astrono- mischen und psychologischen Arbeiten gibt E. C. Sanford (Amer. Journ. of Psychology, Verlauf der directen Sinnesvorstellungen. -jgy und der der Beobachtung, sondern nur der letztere ermittelt. Führen zwei Beobachter eine und dieselbe Zeitbestimmung aus, so hat demnach die zwi- schen ihnen beobachtete Differenz offenbar die Bedeutung einer Differenz der einfachen Reactionszeiten. Wiederholte Bestimmungen der persön- lichen Differenz zwischen den nämlichen Beobachtern zeigen außerdem, dass auch hier, ähnlich wie bei der Complicationsmethode (S. 78 f.), Veränderungen in der Reactionsweise sich einstellen, die theils in langen Zeiträumen stetig geschehen, theils schon in kürzerer Zeit als meistens kleinere Schwankungen zu bemerken sind \ Wahrscheinlich spielen in allen diesen Fällen die Unter- schiede der Reactionsform, die wir unten kennen lernen werden, eine wesent- liche Rolle. Auch eine auf die Zunahme der Reactionszeit bei schwachen Reizen hinweisende Veränderung wurde bei den Durchgangsbeobachtungen bemerkt. Sie besteht in einer bei der Verringerung der Sternhelligkeit ein- tretenden Zunahme des persönlichen Fehlers. Bei einer Abnahme der Hellig- keit, die 2,5 Größenclassen entsprach, erreichte der Werth dieser Aenderung im Mittel bei drei Beobachtern 43er2. Es ist wohl nicht zu bezweifeln, dass sich die sämmtlichen persönlichen Differenzen auf ein Minimum reduciren lassen, wenn die Astronomen dereinst mehr als bis jetzt die bei der psychologischen Untersuchung der Reactionsvorgänge gemachten Erfahrungen beachten werden. Auch bieten diese die Möglichkeit zu einer absoluten Bestimmung der begangenen Zeitfehler, von welcher in Zukunft vielleicht Gebrauch ge- macht wird.

Bei der Untersuchung der Reactionsvorgänge kann man sich ent- weder in der oben (S. 382) angedeuteten Weise des Kymographions bedienen, das mit den erforderlichen Vorrichtungen für die Markirung der Zeit sowie der des Reiz- und des Reactionsmomentes versehen ist; oder man kann ein mit elektromagnetischen Auslösungsvorrichtungen für sehr kleine Zeiten ver- sehenes Chronoskop anwenden. Die erste dieser Methoden ist im wesent- lichen den astronomischen Registrirapparaten nachgebildet, die nach demselben Princip construirt sind, nur sich in der Regel, statt der Stimmgabelaufzeich- nungen, mit der Registrirung der Pendelschläge einer Secundenuhr begnügen. Für die psychologischen Zeitmessungen ist die Anwendung eines Chronoskops deshalb zweckmäßiger, weil es ebenso bis zu sehr kleinen wie zu relativ be- deutenden Zeiten, wie sie bei den astronomischen Beobachtungen niemals in Betracht kommen, verwendet werden kann. Am häufigsten im Gebrauch ist das gerade für die Reactionsversuche sehr zweckmäßig eingerichtete Hipp- sche Chronoskop, das die Fig. 352 in seiner äußeren Gestalt zusammen mit einer Versuchsanordnung für einfache Schallreactionen darstellt. Dasselbe ist ein durch ein Gewicht getriebenes Uhrwerk, in dessen Steigrad eine Regulator- feder in der Weise eingreift, dass sie bei der Bewegung in Schwingungen geräth, durch welche die Geschwindigkeit des Steigrads und dadurch des ganzen Uhrwerks eine gleichförmige wird. In Gang gesetzt wird das Uhrwerk durch Ziehen an dem Knöpfchen a, dessen Schnur mit einem Auslösehebel in Ver- bindung steht; angehalten wird es durch einen zweiten Hebel, den man durch 1 Vgl. Peters, Astronomische Nachrichten, Bd. 49, S. 20. Hirsch und Plantamour, Determination tele'graph. de la difference de longitude etc. 1864, und Hirsch in Mole- schotts Untersuchungen zur Naturlehre des Menschen, Bd. 9, S. 205. Küstner, Astron. Beobachtungen der kgl. Sternwarte zu Berlin, 1887.

2 Bakhuyzen, Vierteljahrsschr. der astronom. Gesellsch., Bd. 14, S. 408.

•2 88 Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.

Ziehen an b beherrscht. Der Zeiger des oberen Zifferblatts Z2 macht eine Umdrehung gerade in I/IO See. Da es in ioo Theile getheilt ist, so entspricht also jeder Theilstrich 1/.looos- Der Zeiger des unteren Zifferblatts Z1 rückt, während der obere Zeiger eine ganze Umdrehung macht, um einen Theil- strich weiter fort, vollendet also eine ganze Umdrehung in ioJ. Die wesent- liche Einrichtung des Chronoskops besteht nun darin, dass das Rad, das die Bewegung des Uhrwerks zunächst auf den Zeiger des oberen und damit in- direct auch auf den des unteren Zifferblattes überträgt, durch den Anker eines Elektromagneten momentan angehalten und ebenso momentan wieder losgelassen werden kann. Bei der älteren Form des Chronoskops geschieht das erstere, sobald ein Strom durch den Elektromagneten gesandt wird, das letztere im Augenblick der Unterbrechung dieses Stroms; bei den neueren etwas größeren Fig- 352. Anordnung für Reactionsversuche mit dem Hipp'schen Chronoskop.

Instrumenten kann mittelst der Anwendung zweier Elektromagnete sowohl diese wie die entgegengesetzte Einrichtung getroffen werden: bei der letzteren stehen also die Zeiger fest, wenn kein Strom durch die Uhr geht, und sie werden dagegen im Moment des Stromschlusses in Bewegung gesetzt. Bei der in Fig. 352 als Beispiel dargestellten Versuchsanordnung ist die Einrichtung so ge- troffen, dass der Strom die Zeiger feststellt, und seine Unterbrechung sie in Bewegung setzt (erste Anordnung). Außer dem Chronoskop wird ein zur Er- zeugung des Schallreizes dienender Fallapparat F. eine (in der Figur nicht sichtbare) constante galvanische Kette, deren Strom bei + und — in den Stromwender W eintritt, ein Rheochord R zur Abstufung der Stromstärke, und der Reactionstaster U angewandt. Dazu kommt endlich ein besonderer Apparat zur Controle der Zeitangaben des Chronoskops, der Controlhammer C. Der ebenfalls von Hipp construirte Fallapparat F besteht aus einem Fuß, auf Verlauf der directen Sinnesvorstellnngen.

welchem sich das Fallbrett B befindet, aus einer verticalen viereckigen Säule von 64 cm Höhe und aus dem an derselben festzustellenden Träger T. An dem letzteren befindet sich vorn eine Messinggabel, deren Arme durch eine Zange an einander festgehalten werden können, so dass die Kugel k in der Gabel ruht. Mittelst Drucks an einer Feder kann diese Zange sehr rasch ge- öffnet werden, worauf die Kugel herabfällt und durch Auffallen auf das Fall- brett B den zu registrirenden Schall hervorbringt. Das beim Oeffnen der Gabel bewirkte Geräusch kann als Signal für den bevorstehenden Schall be- nutzt werden. Will man dieses Signal vermeiden, so wird die Gabel offen gelassen und die Kugel zwischen den Armen derselben bis zum Moment des Falls mit den Fingern festgehalten. Das Fallbrett B schlägt in Folge des Anschlagens der Kugel auf das unter ihm befindliche Brettchen auf und schließt dabei einen Metallcontact, so dass die zwei am hinteren Ende des Brettchens stehenden Klemmschrauben z und jy, die zuvor von einander isolirt waren, nunmehr leitend verbunden sind. Der Rheochord R besteht aus einer größeren Zahl parallel auf einem Fußbrett ausgespannter Neusilberdrähte, sowie zur feineren Abstufung der Stromstärke aus zwei Platindrähten, die ein Quecksilbernäpfchen aus Hartgummi durchbohren; je weiter man dieses von den Klemmschrauben entfernt, eine um so größere Drahtlänge wird daher ein- geschaltet, und so der Strom geschwächt. Vor Beginn einer Versuchsreihe muss durch den Rheochord die Stromstärke so regulirt werden, dass der Anker des Chronoskops möglichst momentan dem Schließen und Oeffnen des Stromes folgt, und dass die kleinen Zeiten, welche der Anker braucht, um sich von dem Elektromagneten zu entfernen, und um wieder von demselben angezogen zu werden, möglichst gleich sind, oder dass doch, insofern sie nicht gleich, der dadurch entstehende Zeitfehler des Instruments bekannt ist. Um dies fest- zustellen, bedient man sich des Controlhammers, der so mit den andern Apparaten in Verbindung gesetzt wird, dass jederzeit ein Controlversuch in eine sonstige Versuchsreihe eingeschaltet werden kann. Der Controlhammer ist ein schwerer Metallhammer C, dessen Geschwindigkeit durch ein an einem Winkelhebel wirkendes Gegengewicht^ regulirt werden kann, und der durch einen Elektromagneten B, durch den der Strom einer zweiten galvanischen Kette geht, in bestimmter Höhe festgehalten wird. Wird dieser Strom unterbrochen, so fällt der Hammer und stellt während seines Falls, indem ein an ihm be- festigter kleiner Fortsatz auf den Hebel d drückt, durch den sich schließenden Platincontact cx einen Stromschluss her; beim Auffallen des Hammers unter- bricht er, indem er unmittelbar auf einen kleinen Hebel trifft, einen ähnlichen Contact c2, der den nämlichen Strom unterbricht. Die Fallzeit des Control- hammers kann entweder mittelst einer Stimmgabel bestimmt werden, die ihre Schwingungen auf eine am Hammer zu befestigende Metallplatte aufzeichnet; oder man benutzt hierzu das unten anzugebende Verfahren mit dem Chrono- graphen, der als Aichungsapparat für alle chronometrischen Hülfsmittel die- nen kann (Fig. 365). Der Reactionstaster U ist ein federnder Metallhebel, welcher sich auf einer isolirenden Unterlage aus Hartgummi befindet, und an dessen Ende ein Handgriff h angebracht ist, auf den der Beobachter, der die Registrirung ausführt, einen Finger seiner Hand legt. Wird auf h ein Druck ausgeübt, so werden die Platincontacte a und ß gegen einander gepresst und so der durch den Taster gehende Strom geschlossen. Beim Nachlassen des Drucks schnellt der Hebel durch die unter h befindliche Feder sehr rasch in