SigPhi · Wilhelm Wundt

Grundzüge der physiologischen Psychologie (3. Auflage)

German

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men, sondern es war auch der Unterschied ihrer Zeitwerthe beträchtlich Vgl. Alechsieff, a. a. O. Taf. I, Fig. 2 und Verlauf der directen Sinnesvorstellungen. 4. IQ vermindert. Betrug dieser Unterschied bei der kurzen Versuchsübung etwa iooa, so ist er jetzt auf den vierten Theil dieser Zeit, 20 — 28'7, herabgegangen. Die durch die Einübung erzeugte Verkürzung trifft aber, wie die Beobachtungen von ALECHSIEFF und BERGEMANN übereinstim- mend lehren, jede der drei Reactionsweisen; nur macht sie sich am stärksten bei der sensoriellen, am wenigsten bei der muskulären Reaction geltend. Diese Verhältnisse lassen vermuthen, dass die Ursache der Verkürzungen nicht in den psychophysischen Vorgängen und natürlich ebenso wenig in den Verhältnissen der sensorischen und motorischen Nervenleitung liegt, sondern dass sie denjenigen physiologischen Hülfs- vorgängen zufällt, die, wie oben bemerkt, wahrscheinlich überhaupt einen wesentlichen Theil der physiologischen Bestandtheile des Processes aus- machen: der reagirenden Hand- oder Fingerbewegung. Diese kann bei der muskulären Form wegen der gespannten Richtung der Auf- merksamkeit auf die Reactionsbewegung am schnellsten und gleichförmig- sten ausgeführt werden. Ganz anders bei der sensoriellen, wo namentlich beim ungeübteren Beobachter die reagirenden Muskeln erst nach der Apperception des Eindrucks die erforderliche Spannung annehmen, und nun sowohl dieser Vorgang wie die Ausführung der Bewegung selbst wegen der Plötzlichkeit, mit der beide gefordert werden, außerordentlich große Schwankungen darbieten können, die man bei einiger Uebung in der Selbstbeobachtung leicht auch unmittelbar bemerkt. Gerade die sen- sorielle Reaction fordert daher schon in Bezug auf dieses äußerlichste Hülfsmittel die größte Einübung. So lange eine solche nicht erreicht ist, müssen nun die Zeitunterschiede zwischen den beiden entgegengesetzten Reactionsformen nothwendig zu groß ausfallen; und hieraus lässt sich noch ein weiterer, für die Beurtheilung der psychophysischen Vorgänge selbst wichtiger Schluss ziehen. Offenbar nämlich wird man den wirklichen Unter- schieden der Vorgänge dann am nächsten kommen, wenn die Einübung auf die sensorielle Reaction so weit gelangt ist, dass sich Eintritt und Ver- lauf der äußeren Reactionsbewegung nicht mehr merklich von den bei der muskulären obwaltenden Bedingungen unterscheiden. Dass sich die Ver- hältnisse dieser Grenze der Gleichheit in hohem Grade nähern und sie zu- letzt erreichen können, scheint in der That auch die Selbstbeobachtung zu lehren. Mit wachsender Reactionsübung werden nämlich jene äußeren Bedingungen fortan gleichförmiger, wie immer sonst die Aufmerksamkeits- bedingungen wechseln, bis schließlich ein Unterschied in diesem letzten Glied des ganzen Vorgangs nicht mehr zu bemerken ist. Erwägt man nun weiterhin, dass. sich bei vollkommener Einübung der muskulären Reactionsweise die Aufeinanderfolge psychischer Acte in der Selbstbe- obachtung insofern umkehrt, als mit der Perception des Eindrucks auch 420 Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.

schon die impulsive Apperception der Reactionsbewegung ausgelöst wird, während die deutliche Apperception des Eindrucks selbst erst nachfolgt, so wird man annehmen dürfen, dass die im Fall maximaler Uebung bei beiden Reactionsweisen übrig bleibenden Unterschiede die Zeit zweier suc- cessiver Apperceptionsacte von einfachster Beschaffenheit repräsentiren: nämlich erstens die der reproductiven Apperception eines einfachen und zuvor bekannten Eindrucks, und zweitens die der impulsiven Apperception einer vorausbestimmten Bewegung oder des sogenannten Willensimpulses. Diese Zeit eines Apperceptionswechsels würde demnach für Schalleindrücke günstigen Falls 20 — 30^ betragen, während sie bei Lichtreizen wohl in Folge der weniger ausgebildeten Coordination zwischen Gesichts- und Tastsinn wahrscheinlich etwas größere Werthe beansprucht.

Hiermit erhebt sich aber zugleich die weitere Frage, welche Be- deutung der bei den meisten Individuen ihren durchschnittlichen Zeit- werthen nach zwischen den beiden extremen Reactionsformen liegenden natürlichen Reactionsweise zuzuschreiben sei. Hier ist, wie schon oben bemerkt, von vornherein eine doppelte Interpretation möglich: entweder ist dieselbe wirklich ein mittleres Verhalten, das weder der einen noch der andern jener Formen zugezählt werden darf, oder sie entsteht durch ein unregelmäßiges Schwanken zwischen den beiden genuinen Reactions- formen, also dadurch, dass sich die letzteren mehr oder weniger über- decken. Für diese zweite Auffassung spricht offenbar schon der Umstand, dass in manchen Fällen diese natürliche Reactionsweise von Anfang an entweder mit der muskulären oder aber auch mit der sensoriellen ganz oder fast ganz sich deckt, Fälle, in denen dann regelmäßig zugleich die Einübung auf die entgegengesetzte Reactionsweise erschwert ist, wäh- rend eine beliebige zwiespältige Einübung natürlich viel leichter von statten geht, wenn die natürliche Reaction von vornherein in einem Wechsel zwischen den beiden andern Formen besteht. In der That ergibt sich nun ein zwingender Beweis für diese Vermuthung aus dem Verlauf der » Streuungscurven «, die man erhält, wenn die Einzelbeobachtungen nach ihren Häüfigkeitswerthen geordnet werden. Ver- gleicht man jetzt diese Curven in den drei Fällen der natürlichen, jeder Einübung auf eine besondere Aufmerksamkeitsrichtung vorausgehenden, der muskulären und der sensoriellen Reactionsweise, so gewinnt man, wie namentlich die Versuche Bergemanns über Schallreactionen zeigen, ein überaus sprechendes Bild. Dies veranschaulichen die beiden Curven- systeme in Fig. 366 und 367, von denen das erste von einem Beobachter mit ausgeprägter Neigung zu muskulärer, das zweite von einem solchen mit entschiedener Tendenz zu sensorieller Reaction herrührt. In jeder dieser Figuren ist A die Häufigkeitscurve bei »natürlicher« Reaction, Verlauf der directen Sinnesvorstellungen.

B die bei muskulärer, C die bei sensorieller Einübung-. Bei dem Be- obachter I (Fig. 366) fällt das Maximum ganz mit der regelmäßigen muskulären Reactionsdauer (iooa) zusammen; in der secundären Er- hebung zwischen 120 und i30a machen sich nur gelegentliche Anwand- lungen einer sensoriellen Reaction bemerkbar. Diese verschwinden nun fast ganz in Folge der planmäßigen Einübung auf die muskuläre (B), und A B C Fig. 366. Streuungscurven der Reactionen eines vorwiegend muskulär reagirenden Beob- achters (I): A natürliche Reaction (205 Versuche), B Einübung auf muskuläre (291 V.), C auf sensorielle Reaction (590 V.).

A B Fig- 367. Streuungscurven der Reactionen eines vorwiegend sensoriell reagirenden Beob- achters (II): A natürliche Reaction (150 Versuche), B Einübung auf muskuläre (374 V.), C auf sensorielle Reaction (1138 V.).

zugleich verdichtet sich die Curve stärker um den Maximalwerth von iooa. Umgekehrt verhält es sich bei der absichtlichen Einübung auf die sensorielle Reactionsweise, was in diesem Fall überdies einer weit längeren Zeit bedurfte (C). Auch hier bleibt das Maximum von 112er allerdings unter den gewöhnlichen sensoriellen Werthen. Aber es ist doch deutlich gegen diese verschoben, und eine große Zahl zurückbleibender rein mus- kulärer Reactionen von iooa gestaltet die ganze Curve zu einer deutlich A.22 Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.

zweigipfligen. Ein davon sehr verschiedenes Bild bieten dagegen die entsprechenden drei Curven des von vornherein zu sensorieller Reaction tendirenden Beobachters II (Fig. 367). Die Curve A hat hier, abgesehen von zahlreichen kleineren Erhebungen, zwei Maxima, von denen das eine bei io8a offenbar der muskulären, das andere bei 128er der sensoriellen Reactionsweise entspricht. Das letztere zeigt sich aber darin bevorzugt, dass es nur den letzten Anstieg einer schon bei 120er beginnenden breiteren Erhebung bildet. Die »natürliche« Curve enthält also hier offen- bar, sich überdeckend, die beiden Reactionsformen, nur dass die sensorielle bedeutend überwiegt. Die Curve B zeigt dann die Veränderung dieses Verlaufs nach begonnener, aber noch keineswegs abgeschlossener musku- lärer Einübung, die bei diesem Beobachter erschwert ist. Das Maximum fällt immer noch in die Region der sensoriellen Reactionen (i20a), aber die Curve ist deutlicher zweigipfelig geworden, indem durch die Uebung der breite Spielraum der sensoriellen Reactionen abnahm. Bei weiterer Fortführung der Versuche würde sich, wie man mit Sicherheit annehmen darf, schließlich das Verhältniss der beiden Gipfel umgekehrt haben: der höchste würde auf die kleinere, der niedrigere auf die größere Zeit fallen.

(Vgl. das unten in Fig. 368 folgende Beispiel eines umgekehrten Uebungs- verlaufs.) Die Curve C zeigt schließlich die vollendete sensorielle Ein- übung: die seeundären Gipfel sind fast völlig verschwunden, eine leise Andeutung bei 102er weist noch auf vereinzelte muskuläre, der Verlauf rechts auf etwas verzögerte sensorielle Reactionen hin. Im ganzen sind aber diese seeundären Gipfel so unbedeutend, dass sie bei der Wahl einer nur wenig größeren Abscisseneinheit (z. B. 6 statt 4er) ganz verschwinden würden \ 1 Naturgemäß treten in den Häufigkeitscurven um so mehr einzelne, den gesammten Gang störende Zacken hervor, je kleiner man die bestimmten Zeitwerthen entsprechenden Abscisseneinheiten nimmt. Umgekehrt werden die seeundären Erhebungen um so mehr nivellirt, je großer jene Einheiten werden. Es ist daher wichtig, eine Abscisseneinheit zu wählen, die zwischen solchen Extremen die Mitte hält, was entweder durch probe- weises Zeichnen mehrerer identischer " Curven mit verschiedenen Einheiten oder durch Rechnung geschehen kann, indem man die Einheit der Größe des zufälligen Fehlers gleich macht. In diesem Fall werden nämlich zwar die rein zufälligen Ausbiegungen der Curven, aber keine der irgendwie bedeutsamen verschwinden. Für die Curven Berge- MANNs ergab sich der Werth von 4° als angemessene Einheit. Alechsieff legte seinen Curven eine größere Einheit von 10 a zu Grunde. Diese ist aber, trotz der bedeutende- ren Größe der zufälligen Fehler bei den Lichtversuchen, entschieden zu groß, und es ist hierauf wohl zurückzuführen, dass bei Alechsieff in den Curven der »natürlichen« Re- actionen die zweigipfelige Beschaffenheit verschwindet. Zu beachten ist ferner, dass die Ordinaten der Häufigkeitscurven stets auf die gleiche Versuchszahl reducirt werden müssen, um die Curven vergleichbar zu machen. Bei den obigen von Bergemann entworfe- nen Curven wurde hierzu die Zahl 150 gewählt, um dieselben auch mit den Curven Alechsieffs vergleichbar zu machen, der seine Versuche in Gruppen von 150 anstellte. Wenn also z. B. in Wirklichkeit 1000 Versuche vorlagen, so wurde jede Versuchszahl für einen bestimmten Zeitwerth mit dem Quotienten 150/1000 multiplicirt.

Verlauf der directen Sinnesvorstelhmgen.

Man ersieht hieraus, dass der Verlauf, den die Einübung auf eine be- stimmte Reactionsform bis zu einem bestimmten Zeitpunkte genommen hat, bei einer einigermaßen zureichenden Zahl von Versuchen stets auch auf den weiteren Verlauf schließen lässt, den sie bei fortgesetzter Uebung in der gleichen Richtung nehmen wird. Dies zeigt sich deutlich, wenn man die sämmtlichen Reactionen, die, von der natürlichen ausgehend, bis zur Erzielung einer von ihr abweichenden extremen Form ausgeführt worden sind, in auf einander folgende Gruppen sondert, und dann die Streuungscurven in der Weise construirt, dass sie, immer vom Anfang der ganzen Reihe beginnend, successiv mehr und mehr Gruppen um- fassen. In dieser Weise sind die in Fig. 368 dargestellten Curven als AB CD Uebergangsglieder der in Fig. 366 gegebenen Curven A und C des Be- obachters I gewonnen worden. Die ganze Reihe von 590 Versuchen wurde in 10 auf einander folgende Gruppen getheilt. Die Curven A bis D entsprechen vier so gewonnenen Abtheilungen, nämlich A der 1. bis 3., B der 1. bis 5., C der 1. bis 6., und endlich D der 1. bis 8. Gruppe. Wie man sieht, bilden diese Streuungscurven annähernd stetige Uebergänge zwischen den Curven A und C der Fig. 366. Im Stadium A der neuen Figur macht sich der Einfluss der veränderten Aufmerksam- keitsrichtung erst durch eine etwas stärkere Erhebung in der Gegend der sensoriellen Reactionen geltend. In B hat sich dieser zweite Gipfel be- reits zu viel bedeutenderer Höhe erhoben. In C ist er nahezu gleich hoch mit dem ersten geworden, und in D übertrifft er ihn bereits beträcht- lich und kommt der. aus der Gesammtheit der Gruppen gewonnenen Höhe [C, Fig. 366) schon sehr nahe. Die Sonderung der zwei den beiden Reactionstypen entsprechenden Gipfel der Curve tritt sogar in der A.2A Bewusstsein und Vorstellungs verlauf.

Schlusscurve (C, Fig. 366) noch mehr hervor, als in diesem kurz vorher- gehenden Stadium, indem der letzte Uebungserfolg nicht sowohl darin bestand, die Anzahl einzelner sensorieller Reactionen zu vermehren, als darin, die beiden typischen Formen schärfer zu sondern, was sich in der tieferen Senkung zwischen den beiden Gipfeln ausspricht. Aus diesem Verlauf geht hervor, dass die Streuungscurve bei einseitiger Einübung auf einen bestimmten Reactionstypus allmählich einer Form zustrebt, bei der das jenem Typus entsprechende Maximum allein übrig bleibt, während in jedem vorausgehenden Stadium zwei Maxima zu bemerken sind, von denen das eine der muskulären, das andere der sensoriellen Reactions- form entspricht. Je weniger in der ursprünglichen, natürlichen Reaction bereits eine bestimmte Tendenz ausgeprägt ist, um so deutlicher treten schon in ihr diese beiden ausgezeichneten Punkte hervor. Demnach bietet in diesem Fall die Streuungscurve das Mittel, ohne specifische Aus- bildung der beiden einseitigen Reactionsweisen die Zeitwerthe dieser zu bestimmen. Denn diese können als zusammenfallend mit jenen beiden Gipfelpunkten der normalen Streuungscurve angesehen werden. Ist da- gegen von Anfang an, wie das besonders in Bezug auf die muskuläre Form vorkommen kann, eine bestimmte Reactionstendenz so überwiegend, dass der der entgegengesetzten entsprechende Gipfel unsicher wird, wie z. B. in Fig. 366 A, so genügt eine verhältnissmäßig kurze Einübung auf die entgegengesetzte Form, um die beiden Gipfel gesondert hervortreten zu lassen (Fig. 366 C). Auch fallen die für diese Gipfelpunkte gewonnenen numerischen Zeitwerthe in diesen Fällen bereits vollständig oder mindestens mit sehr großer Annäherung mit den durch vollkommene einseitige Ein- übung gewonnenen Werthen zusammen. Kann auf diese Weise die Ent- werfung einer Streuungscurve die gesonderte Ausführung von Versuchen nach verschiedenem Typus ersparen, so bleibt aber gleichwohl die Samm- lung einer großen Zahl von Beobachtungen ein unerlässliches Erforder- niss. Denn diese entspringt hier nicht bloß objectiv aus der in dem so- genannten »Princip der großen Zahl« enthaltenen Regel der Elimination zufälliger Schwankungen, sondern sie ist auch subjectiv durch die allge- meinen Verhältnisse der Functionsübung geboten. Vermöge dieser bedarf nämlich selbst eine verhältnissmäßig einfache Function, wie die der Aus- führung einer Fingerbewegung, einer wo möglich bis zu einer bestimmten Maximalgrenze gesteigerten Wiederholung, um völlige Gleichmäßig- keit zu erreichen. Die Function, die so bis zu automatischer Sicherheit eingeübt sein muss, ist aber in diesem Fall eben die Bewegung der reagirenden Hand. Gegenüber ihren Schwankungen verschwinden im allgemeinen die der psychophysischen Acte selbst, weil diese fast ganz in den Variationen zwischen den zwei typischen Reactionsweisen bestehen, Verlauf der directen Sinnesvorstelkmgen. 42 S also bei der Benutzung einer Streuungscurve zwar auf die Annäherung an die eine oder andere Reactionsform, nicht aber auf die Bestimmung der beiden Gipfelpunkte der Curve einen wesentlichen Einfluss gewinnen.

Geht man nun bei solchen Versuchen von der natürlichen Reaction aus, um diese durch einseitige Einübung der Aufmerksamkeitsrichtung zuerst in die eine und dann in die andere typische Form überzuführen, so ergibt sich, dass diese verschiedenen Einübungen keineswegs gleich leicht gelingen, und dass auf sie die vorausgehende Apperceptionsrichtung von entscheidendem Einflüsse ist. Aus einer annähernd neutralen, die beiden Gipfelpunkte ungefähr gleich deutlich darbietenden Bewusstseins- lage ist im allgemeinen der Uebergang in die muskuläre Form leichter als in die sensorielle; und wenn sensorielle Einübung vorangegangen ist, so kann sie in der Regel ohne Schwierigkeit durch eine muskuläre ver- drängt werden, während ein einmal erworbener muskulärer Reactionstypus viel schwerer in den sensoriellen zurückzuverwandeln ist. Dies spricht sich auch darin aus, dass bei Personen, deren natürliche Reaction von Anfang an eine stark muskuläre Tendenz hat, die Einübung auf die sensorielle fruchtlos bleiben kann, während das umgekehrte wohl nicht vorkommt. Dieser Vorzug, den die muskuläre Reactionsweise bei den Uebungsvor- gängen genießt, spricht sich ferner sehr deutlich in der zusammengedräng- ten und streng symmetrischen Gestalt der Streuungscurve und in dem kleinen Werth der mittleren Variation aus, wie die Vergleichung der Curven B und C in Fig. 366 und 367, oder auch in beiden die der natürlichen Reactionscurve A bei vorwiegend muskulärer (Fig. 366) und bei sensorieller Tendenz (Fig. 367) lehrt. Diese Ergebnisse sind nach den oben (S. 256 fr.) über die natürliche Entwicklung der Willenshandlungen gemachten Be- merkungen ohne weiteres verständlich. Sie bilden in der That die un- mittelbaren Belege für jenen Uebergang der Willkür- in Triebbewegungen und schließlich dieser in Reflexe, die bei jeder Automatisirung einer mehr oder minder zusammengesetzten Willenshandlung stattfindet. Um eine solche Automatisirung handelt es sich aber stets bei dem Uebergang der sensoriellen in die muskuläre Reaction, während der umgekehrte Uebungs- vorgang vielmehr der Lösung einer bereits automatisch gewordenen Ver- bindung gleichkommt.

Hinsichtlich der physischen oder psychophysischen Functionen, die in die Reactionsvorgänge eingehen, liefern schließlich die Beobachtungen über die einfache Reaction das wichtige Ergebniss, dass jene Functionen selbst, das heißt die bei der muskulären stattfindende directe Ueber- tragung der centralen Sinneserregung in eine motorische Innervation, und der bei der sensoriellen zu beobachtende Wechsel zwischen Apper- ception des Eindrucks und Willensimpuls, bei Sinnesreizen von mittlerer A2Ö Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.

Stärke und gleicher Empfindungsqualität irgend erhebliche individuelle Unterschiede nicht zeigen, dass sie also aller Wahrscheinlichkeit nach Constanten der menschlichen Gattung sind, etwa in analogem Sinne, wie solches von der Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Nerven- erregung, der Dauer der normalen Reflexe bei gleichen Leitungsbedingungen vorausgesetzt werden darf. Wo, wie zumeist in den älteren Versuchen, große und nicht weiter erklärbare individuelle Differenzen gefunden wurden, da hat dies theils in der Verschiedenheit der beiden Reactions- typen und ihrer Vermischung, wo eben die fundamentalen psychophysi- schen Functionen selbst abweichende sind, theils aber und vornehmlich in der verschiedenen Gewohnheit und Einübung der äußeren Reactions- bewegungen ihren Grund. Insoweit das erstere der Fall ist, bestätigen solche Unterschiede, sobald sie mittelst der Construction der Streuungs- curven auf ihre Factoren zurückgeführt werden, lediglich jene Constanz der elementaren Functionen. Insoweit das letztere Moment, Differenzen in den äußeren Reactionsgewohnheiten, sich einmischt, sind aber selbst- verständlich die gefundenen Abweichungen physiologisch wie psycho- logisch werthlos. Es bleiben so nur zwei Unterschiede übrig, die mit Wahrscheinlichkeit wenigstens theilweise auf psychophysische Bedingungen zurückgeführt wTerden können, wobei sich diese freilich zugleich so sehr mit rein physiologischen Momenten vermischen, dass an eine Sonderung jener Bedingungen vorläufig nicht zu denken ist. Der eine dieser Unterschiede betrifft die verschiedenen Sinnesgebiete, vor allem die erheblich verlängerte Reactionszeit bei Licht- gegenüber Schalleindrücken; der andere betrifft die Veränderung der Reactionsdauer mit der Stärke der Reize, welche letztere allgemein darin besteht, dass bei sehr schwachen Eindrücken die Reactionsdauer merklich verlängert ist, dann aber bei wachsendem Reiz bald eine constant bleibende Höhe erreicht, um erst bei den stärksten Reizen, unter dem Einfluss des erregten Affects, meist wieder plötzlich zuzunehmen. Auch dieser Verlauf ist wenigstens in seinem ersten, regelmäßigeren Bestandtheil, der anfänglichen Abnahme der Re- actionszeit, wahrscheinlich sowohl physiologisch wie psychophysisch be- dingt: das erstere, insofern die Fortpflanzungsdauer in den Leitungs- bahnen in ähnlichem Sinne mit der Reizstärke zunimmt; das letztere, weil auch nach sonstigen Erfahrungen die Spannung der Aufmerksamkeit auf sehr schwache Reize einer längeren Zeit bedarf. Uebrigens scheinen diese Verhältnisse ebenfalls von allgemeingültiger Art zu sein, ohne nennenswerthe Beeinflussung durch irgend welche psychologisch bedeut- same individuelle Unterschiede.

Verlauf der directen Sinnesvorstellungen. 42 7 Von manchen Beobachtern ist, im Gegensatze zu den obigen Ausführun- gen, den Reactionsversuchen wesentlich die Deutung gegeben worden, dass in ihnen individuelle Unterschiede zu Tage treten, die irgendwie mit dem psychophysischen Gesammthabitus der Versuchspersonen in Zusammenhang stünden. Insbesondere wurden die Unterschiede der »sensoriellen« und der »muskulären« Reaction lediglich auf solche quantitative Zeitunterschiede der psychophysischen Vorgänge bei verschiedenen Individuen bezogen. Im einen Fall sollten also die psychischen Functionen im allgemeinen leicht und schnell, im andern schwerfällig und träge von statten gehen. Dieser von M. Baldwin1 aufgestellten »Typentheorie« wurde von mehreren Beobachtern zugestimmt2, von andern widersprochen3. Zweifellos liegt ihr insofern eine gewisse Wahr- heit zu Grunde, als die »natürliche« Reaction eines Beobachters in der Regel entweder mehr dem muskulären oder mehr dem sensoriellen Typus zuneigt. Weder sind aber damit die wirklichen psychologischen Unterschiede dieser Formen noch die Uebergänge erklärt, die von der einen zur andern nament- lich durch besondere Einübung stattfinden können. Die Eigenschaften der unter den geeigneten Vorbedingungen gewonnenen Streuungscurven geben dagegen über diese Verhältnisse vollkommen befriedigende Rechenschaft. Es kann darum wohl unterlassen werden, hier auf die Speculationen einzugehen, die einzelne Psychologen theils auf Grund von Versuchen, die in unzureichen- der Zahl oder unter complicirenden Nebenbedingungen ausgeführt wurden4, theils ohne eigene Beobachtungen über die Ursachen der Reactionsformen angestellt haben5. Geht man davon aus, dass die sensorielle Reaction ein vollständig ablaufender Willensvorgang mit seinem Uebergang in eine äußere Handlung ist, während die extrem muskuläre einen bloßen Reflex darstellt, bei dem die psychischen Glieder erst nachträglich oder mindestens gleich- 2 Farcand, Cattell, ebend. vol. 4, 1897, p. 297. Hill, Amer. Journ. of Psychol. vol. 6, 1894, p. 242. Flournoy, Ann. des sciences phys. et nat. (Geneve), 1896, t. 27, 4 So soll nach Münsterberg bei manchen Individuen die muskuläre Reaction länger sein als die sensorielle; es sollen bei jener so gut wie bei dieser zusammengesetzte (Er- kennungs-, Wahl-Reactionen) möglich sein (Beiträge zur exp. Psychol. Bd. 1, S. 72). Vgl. dazu Götz Martius, Philos. Stud. Bd. 6, 1891, S. 169 ff.