SigPhi · Wilhelm Wundt

Grundzüge der physiologischen Psychologie (3. Auflage)

German

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In A befinden sich die zu vergleichenden Zeiten gleichzeitig im Be- wusstsein: t und t' bilden also hier Theile eines einzigen unmittelbar gegebenen Vorstellungsganzen. Das Verhältniss dieser Theile ist dann ebenso gut Gegenstand einer unmittelbaren Vergieichung, wie etwa das Verhältniss der Theile einer eingetheilten Linie von mäßiger Aus- dehnung Gegenstand des unmittelbaren Augenmaßes ist. Eine Repro- duction kommt hier überhaupt nicht in Frage. In B ist dagegen die Normalzeit t aus dem Bewusstsein verschwunden, wenn die Vergleichs- zeit t' in dasselbe eintritt, während gleichwohl jede dieser Zeiten als ein Ganzes im Bewusstsein ist. Hier wirkt daher t' reproducirend auf t, und es findet nun eine durchaus ähnliche Vergieichung der beiden Zeiten statt, wie bei den linearen Vergleichsstrecken der oben (unter c) geschilderten Raumversuche. Die Versuche nach dem Schema B sind es deshalb, die das eigentliche Thema der Reproductionsversuche bilden; es ist das einzige, dessen Bedingungen mit den allgemeinen dieses Problems über- einstimmen. Gleichwohl wird auch der Fall des Schemas C nicht ganz übergangen werden können. Denn vermöge der oben berührten eigen- artigen Verhältnisse der Zeitvorstellungen geht der Fall B unmittelbar in den Fall C über, sobald man die Größe der Normalzeit über eine gewisse Grenze verlängert. Wird nämlich in Folge dessen t so groß, dass der erste diese Strecke begrenzende Eindruck schon aus dem Bewusstsein verschwunden ist, wenn der zweite in dieses eintritt, so ist die Normal- zeit keine einheitliche Vorstellung mehr, sondern sie enthält schon bei dem zweiten Eindruck einen Reproductionsact des ersten, an den zugleich eine unbestimmte Vorstellung der Zwischenzeit zwischen beiden geknüpft ist. Nach dieser unbestimmten Vorstellung richtet sich nun die Auffas- sung der Vergleichszeit. Zunächst sind wir dabei geneigt, diese immer noch als ein simultan im Bewusstsein gegebenes Ganzes aufzufassen, auch wenn die Normalzeit dies längst nicht mehr ist. Diesen sehr häufigen Fall re- präsentirt das Schema C. Ueberschreitet aber, wie es namentlich bei den Reproductionsversuchen vorkommen kann, die Vergleichszeit ebenfalls den Umfang des Bewusstseins, so löst der zweite Eindruck derselben zu- nächst eine Reproduction ihres ersten- und damit eine unbestimmte Vor- stellung ihrer Größe aus, neben der sich jene unbestimmte Vorstellung Verlauf reproducirter Vorstellungen. ^ge der Normalzeit gleichfalls erneuert. Demnach versagt hier die Vergleichung der beiden Zeiten t und f entweder völlig, oder, wo sie stattfindet, da ist sie doch eine sehr unsichere, bei der nicht mehr die Zeiten selbst, sondern secundäre Momente, namentlich die in den Zwischenzeiten statt- findenden Eindrücke und die Spannungsverhältnisse der Aufmerksam- keit, die entscheidende Rolle spielen. Obgleich daher dieser Fall C eine exacte Untersuchung ausschließt, so dürfen doch die hier gewonnenen Ergebnisse nicht ganz vernachlässigt werden, theils weil, wie bemerkt, B in C oft ohne sicher zu bestimmende Grenze übergeht, theils weil gerade die dabei hervortretenden secundären Bedingungen der Ver- gleichung ein gewisses selbständiges Interesse beanspruchen. Uebrigens lassen sich auch die für das Reproductionsproblem hauptsächlich maß- gebenden Versuche nach dem Typus B von den unmittelbaren Zeit- vergleichungen A nicht völlig sondern, weil bei der Vergrößerung der Intervalle zwischen t und t' wieder der eine dieser Fälle stetig in den andern übergeht.

Geben wir demnach zunächst dem Problem seine allgemeinste Fassung, die alle drei Typen der Zeitvergleichung, die eventuell in einer einzigen Reihe von Versuchen in einander übergehen, einschließt, so bieten sich zur Beantwortung der oben gestellten Fragen vor allem zwei der psy- chischen Maßmethoden als die geeigneten dar: die Methode der Minimal- änderungen, und die der mittleren Fehler. Beide unterscheiden sich auch in ihrer Anwendung auf den vorliegenden Fall dadurch, dass bei der Minimalmethode zunächst die Unterschiedsschwellen, und aus der Differenz der letzteren bei Normal- und Vergleichszeit die Werthe der Schätzungsdifferenz zl = t' — t bestimmt werden. Aus der Unterschieds- schwelle ergibt sich dann die Reproductionsschärfe unter den ge- gebenen Bedingungen, aus der Schätzungsdifferenz der Betrag der Zeit- täuschung (der vergrößernden oder verkleinernden Wirkung), welche die Reproduction erzeugt. Bei der Methode der mittleren Fehler wird der gleiche Werth durch den constanten Fehler C gemessen, der einer größeren Anzahl von Versuchen entspricht, während der mittlere variable Fehler in diesem Fall wieder der Reproductionsschärfe reciprok ist. In den äußeren Versuchsbedingungen bringen beide Methoden noch den Unterschied mit sich, dass bei der ersten Beobachter und Experimentator verschiedene Personen sein müssen, indess bei der Fehlermethode der Beobachter selbst die einer gegebenen Normalzeit gleich erscheinende Vergleichszeit durch ein geeignetes Verfahren herstellen kann. Uebrigens bleiben wegen der früher (S. 48, 91 f.) erörterten Eigenschaften dauernder Eindrücke und momentaner mit reizfreien Intervallen die letzteren hier allein verwendbar. Bei den ersteren ist die reproductive Zeitschätzung 4QÖ Bewusstsein und Vovstellungsverlauf.

allzu unsicher. Auch ist natürlich stets sorgfältig darauf zu achten, dass alle außerhalb der Reproductionsbedingungen liegenden Einflüsse auf die Zeitvorstellungen constant erhalten werden, dass also insbesondere die die reizfreien Strecken begrenzenden Eindrücke, z. B. die Schläge eines elektromagnetischen Hammers, möglichst momentan und völlig gleich- förmig seien.

Dies vorausgesetzt lassen sich nun die Beobachtungen wieder in doppelter Weise ausführen. Man kann nämlich i) die Vergleichszeit der variablen Normalzeit ohne irgend ein Intervall zwischen beiden folgen lassen (Schema I); oder man kann 2) zwischen der variablen Normal- und Vergleichszeit ein Intervall von constanter Länge einschalten (Schema II), oder man kann endlich 3) zwischen der variablen Normal- und Vergleichs- zeit auch noch eine variable Zwischenzeit einschalten (Schema III). Bei der Versuchsweise I kommt die Reproduction nur als Function der Größe der Normalzeit A7, an der die Vergleichszeit V gemessen wird, zur Untersuchung; der etwaige Einfluss eines Zwischenintervalls fällt hinweg, denn dieses bleibt immer gleich null. Im Falle II wird bei der Ver- gleichung von N und V der Einfluss der Zwischenzeit Z constant er- halten. Im Falle III wird auch Z variirt, so dass dieser Fall eigentlich erst das ganze Reproductionsproblem verwirklicht. Bei der Versuchsweise I macht sich leicht die Neigung geltend, die beiden Zeitstrecken N und V als Takttheile aufzufassen, und demnach einzelne Eindrücke stärker zu be- tonen, was natürlich als störendes Moment auf die Zeitauffassung wirken kann und daher möglichst zu vermeiden ist. Bei der Versuchsform II, variable Normal- und constante Zwischenzeit, wird ferner am zweck- mäßigsten wieder ein solches Intervall Z gewählt, das zwischen dem zu klein und zu groß die günstigste Mitte hält. Der Spielraum dieser günstigsten Zeit liegt nach den Versuchen von MEUMANN zwischen 1 und 2 Secunden. Unter 1 Secunde versagt die zur Auffassung des neuen Intervalls erforderliche Spannung der Aufmerksamkeit. Schon bei 3 Se- cunden dagegen machen sich die Oscillationen derselben in hohem Grade geltend. Die so sich ergebende mittlere Zeit von etwa 1 z/2 Secunde entspricht aber genau derjenigen Zeitgröße, die sich auch bei den Re- actionsversuchen als die für das Intervall zwischen Signal und Eindruck günstigste erwies. (Vgl. oben S. 434.)

Unter den drei oben durch die Schemata I, II und III veranschau- lichten Versuchsweisen sind bis jetzt hauptsächlich die beiden ersten, I und II, angewandt worden, während nach dem dem Reproductions- Verlauf reproducirter Vorstellungen. 407 problem direct entsprechenden Schema III nur wenige Versuche vorliegen, die sich hauptsächlich auf sehr große Intervalle beziehen. Doch fällt dieser Mangel gerade bei relativ kleineren Zeiten deshalb weniger ins Gewicht, weil hier die stetige Veränderung der Normalzeit selbst schon eine die Reproduction bedingende Zeitvariation ist, die höchst wahr- scheinlich gerade bei solchen kleineren Zeiten ähnlich wirkt wie die Veränderung der Zwischenzeit. Anderseits führt die Einschaltung einer solchen variabeln Zwischenzeit complicirende Bedingungen mit sich, da sie als selbständige Zeitvorstellung die Auffassung der Vergleichszeit beein- flusst, eine Wirkung, die durch das Verschwinden oder die Constant- erhaltung der Zwischenzeit nahezu eliminirt werden kann. Nach wel- chem der Schemata I, II oder III übrigens auch die Beobachtungen ausgeführt sein mögen, so bleiben es immer zweierlei Werthe, die aus ihnen abzuleiten sind, und deren jeder ein selbständiges Interesse be- ansprucht. Der erste dieser Werthe ist die Größe der Unterschieds- empfindlichkeit, der zweite der Unterschied zwischen Normal- und Vergleichszeit.

Lässt man nun die Größe der Normalzeit in einer großen Zahl von Versuchen derart wachsen, dass man zu jedem einzelnen Werthe derselben eine zur Bestimmung der Unterschiedsschwellen oder der reinen variabeln Fehler zureichende Zahl von Beobachtungen gewinnt, und erhält man die übrigen Bedingungen, insbesondere auch die Zwischenzeit, constant (Schema I oder II), so findet sich, wie die Versuche von Mehner1 und Glass2 lehren, dass bei Zeiten von 0,7 — 12* die Unterschiedsschwelle mit der Vergrößerung der Zeiten zunimmt, so aber, dass ihr relativer dt Werth —, abgesehen von den größten Zeiten, annähernd constant bleibt. Zwischen den Grenzen 0,7 — 9/ stellt sich auf diese Weise eine ziemlich vollständige Uebereinstimmung mit dem WEBER'schen Gesetze heraus (Bd. 1, S. 493), und zugleich macht es die Gültigkeit des Gesetzes für die größeren Zeitwerthe bis zu 9* wahrscheinlich, dass der Uebergang von der unmittelbaren zur mittelbaren Zeitvergleichung auf diesen Gang ohne wesentlichen Einfluss ist. Immerhin dürfte der von etwa 4/ an zumeist zu beobachtende größere Spielraum der mittleren Variationen einen Ueber- gang zu einer abweichenden Beobachtungsweise andeuten. Selbst für Zeitgrößen, die jedenfalls sehr weit über das Gebiet unmittelbarer Zeit- schätzung hinausreichen, fanden übrigens mehrere Beobachter immer noch eine ungefähre Uebereinstimmung mit dem WEBER'schen Gesetze: so Wundt, Grundzüge. III. 5. Aufl. ^2 4q8 Bewusstsein und Vorstellungs verlauf.

S. THORKELSON1 bei Zeitstrecken von 1,5 bis zu 12% und M. ElJNER2 sogar bei solchen von 30 bis 420* = 0,5 bis 4 Minuten. Zugleich übten aber bei diesen großen Zeiten Uebung und Ermüdung zunehmende Wir- kungen aus: durch jene wurde die Unterschiedsempfindlichkeit vergrößert, durch diese herabgesetzt3. Da sich das WEBER'sche Gesetz durch eine logarithmische Function darstellen lässt, so wird man in dem geschilder- ten Verhalten der Unterschiedsschwelle wohl eine Uebereinstimmung mit den Reproductionsgesetzen von Empfindungen und einfachen räumlichen Vorstellungen erblicken dürfen, bei denen sich, wie wir oben sahen, eben- falls ein annähernd logarithmisches Verhältniss herausstellt. Doch ist nicht zu übersehen, dass es an zureichenden Versuchen mit Variationen der Zwischenzeit (Schema C), die eigentlich erst direct mit jenen andern Beobachtungen vergleichbar sein würden, vorläufig noch fehlt.

Wie der allgemeine Verlauf der Reproductionsfunction in der an- nähernden Gültigkeit des WEBER'schen Gesetzes für die Zeitvorstellungen, so finden nun auch die dort beobachteten Schwankungen der Schätzungsdifferenz und des constanten Fehlers ihre Ana- loga in Schwankungen der Zeitschätzung, die besonders in diesem Fall innerhalb gewisser Grenzen einen periodischen Verlauf darbieten. Zu- nächst zeigt nämlich der Gang jener Werthe /l oder C, dass regelmäßig kleine Zeiten überschätzt, größere aber unterschätzt werden, indem z/ und C dort positive, hier negative Werthe annehmen. Zwischen beiden Phasen liegt ein Indifferenzwerth, bei welchem J = 0 und C == 0, also die Vergleichszeit der Normalzeit durchschnittlich gleich ist. Es ist möglich, aber durchaus nicht nothwendig, dass dieser Nullwerth mit dem Punkte der größten Unterschiedsempfindlichkeit zusammenfällt. Nach den Untersuchungen von MEUMANN, mit denen in dieser Beziehung auch die freilich über eine allzu geringe Anzahl von Zeitwerthen sich er- streckenden Versuche F. Schumanns zusammentreffen, liegt jener In- differenzpunkt bei 0,5 — 0,6*. Wenn frühere Beobachter, wie KOLLERT4, ESTEL5, Mehner u. a., etwas größere Zeiten von 0,7* und darüber fan- den, so beruht dies wahrscheinlich nicht auf individuellen Unterschieden, sondern darauf, dass bei diesen Beobachtern der Indifferenzpunkt noch diesseits der kleinsten von ihnen untersuchten Zeiten lag6. Nach den 1 Thorkelson, Undersogelse of Tidssansen, 1883.

2 M. Eijner, Experimentelle Studien über den Zeitsinn, Diss. Dorpat, 1889.

3 Eijner, a. a. O. S. 30 ff. Aehnlich der Ermüdung wirkt, wie Kraepelin fand, der Alkohol, wobei zugleich ein starkes subjectives Ermüdungsgefühl die Wirkung begleitet. Umgekehrt verhielt sich der Thee. (Kraepelin, Ueber die Beeinflussung einfacher psy- chischer Vorgänge u. s. w., S. 96, 144 ff.)

6 Noch mehr gilt dies von den Versuchen VlERORDTs, der übrigens das Verdienst Verlauf reproducirter Vorstellungen.

Beobachtungen von Estel, Mehner und Glass nimmt nun aber bei den über dem Indifferenzpunkt gelegenen Zeitwerthen der Betrag der Schätzungs- differenz nicht continuirlich in seinem negativen Werthe zu, sondern er bewegt sich in periodischen Schwankungen auf und ab, und zwar derart, dass bei Zeitgrößen, die Multipla des Indifferenzwerthes sind, die Schätzungsdifferenz jedesmal wieder auf ein relatives Minimum herabsinkt.

F'g- 373. Gang des constanten Fehlers bei reproductiven Zeitvergleichungen.

Die Fig. 373 veranschaulicht dies an dem Gang des constanten Fehlers nach den nach der Methode der mittleren Fehler ausgeführten Versuchen von Glass1.

Bei der Beurtheilung dieser Ergebnisse wird vor allem der Unter- schied unmittelbarer und mittelbarer Zeitvergleichung bei den verschieden großen Zeiten in Erwägung zu ziehen sein. Offenbar fallen nämlich die hat, zuerst auf die Existenz jenes Indifferenzpunktes hingewiesen zu haben, und bei dem derselbe für den Gehörssinn bei 1,5 — 3,5, für den Tastsinn bei 2,2 — 2,5* lag.

1 Da diese Versuche erst bei 0,75 * beginnen, so lassen sie nicht entscheiden, ob nicht bei diesem Punkte oder noch unter demselben ein erster Indifferenzwerth liegt. Die Minima des constanten Fehlers sind bei Glass sämmtlich Multipla von 1,25*] nämlich 2>5> 3,75, 5, 6,25, 7,5, 8,75. Mehner fand nur bei annähernd ungeradzahligen Vielfachen der Zeit 0,7 meistens bis auf 0 zurückgehende Minimal werthe von ~l '. Die Versuche Mehners sind jedoch insofern kritischen Einwürfen ausgesetzt, als dieser Beobachter seine Versuche allzu sehr auf gewisse Zeitwerthe concentrirte und dadurch vielleicht bestimmten Beobachtungsgewohnheiten einen unbeabsichtigten Einfiuss einräumte.

cqq Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.

Schwankungen wesentlich in den Beneich der mittelbaren Zeit- schätzungen, und sie scheinen am ausgeprägtesten bei solchen mittel- baren Schätzungen zweiter Art (Typus C S. 494) zu sein, die das Ge- biet derer erster Art nicht allzu weit überschreiten. Die Selbstbeobach- tung weist hier, zusammen mit unseren sonstigen Erfahrungen über den Ursprung der Zeitvorstellungen (Cap. XV), direct auf die regelmäßig periodischen Schwankungen der Aufmerksamkeit als die Quelle dieses Phänomens hin.

Aller Wahrscheinlichkeit nach greifen nämlich hier die Aufmerksam- keitsspannungen derart in den Verlauf der Zeitvorstellungen ein, dass immer mehrere Spannungsperioden, deren jede einzelne noch als Ganzes im Bewusstsein zusammenzufassen ist, successiv an einander gereiht wer- den, um ein größeres, zwar nicht mehr unmittelbar überschaubares, aber doch durch die Verbindung seiner Glieder einheitlich erscheinendes Ganzes zu bilden. Nimmt man dies an, so erscheint die mittelbare Zeitschätzung zweiter Art als eine directe Fortsetzung derjenigen erster Art, und es erklärt sich dann ohne weiteres nicht nur das Gleichbleiben der relativen Unterschiedsschwelle, sondern es wird nun auch jener von der Größe der Indifferenzzeit abhängige periodische Gang der Schätzungs- dififerenz vollkommen verständlich. Der Uebertragung der bei der ersten Art mittelbarer Vergleichung zur Wirkung kommenden Bedingungen auf diese größeren, nicht mehr im Bewusstsein zusammenzuhaltenden Zeit- strecken lässt es endlich auch verstehen, dass sich viele Beobachter des Uebergangs der einen Art in die andere gar nicht bewusst werden. Hier- nach steht die ganze Erscheinung im engsten Zusammenhang mit der allgemeinen Eigenschaft der Apperception, größere oder verwickeitere Verbindungen zeitlicher Vorstellungen rhythmisch zu gliedern. Der Punkt des Uebergangs der ersten in die zweite Art mittelbarer Zeitschätzung lässt sich aber freilich aus den vorliegenden Beobachtungen noch nicht mit Sicherheit bestimmen. Nach den Ermittelungen über den Bewusst- seinsumfang würde eine Zeit von etwa 4* als Grenzwerth zwischen beiden Schätzungsarten zu vermuthen sein. Damit stimmt auch überein, dass MEUMANN bei einem Zeitwerth von 3 — 4* bereits eine Neigung die Zeit- strecken zu gliedern wahrnahm.

Versuche über die Genauigkeit der Zeitschätzung wurden zuerst nach ver- schiedenen Methoden von Vierordt und Mach ausgeführt. Vierordt wandte zur Hervorbringung der Zeiteindrücke die Pendelschläge eines Metronoms an1.

1 Eine Uebersicht über die Geschichte der Lehre vom Zeitsinn bis auf die neuere Zeit (mit einigen eigenen Beobachtungen über den Einfiuss der Aufmerksamkeit und über subjective Täuschungen des Zeitsinns) gibt H. Nichols, Amer. Journ. of Psychology, vol. 3, Verlauf reproducirter Vorstellungen. cOI Die geschätzte Zeit wurde in einer Reihe von Versuchen so gemessen, dass der Beobachter durch Fingerbewegungen, die auf einem rotirenden Cylinder aufgezeichnet wurden, den nämlichen Takt nachzuahmen suchte. Es wurde dann die Größe des hierbei begangenen mittleren Fehlers bestimmt. In einer andern Versuchsreihe wurden zwei successive Schlagfolgen eines Metronoms mit einander verglichen, und dabei nach einem der Methode der richtigen und falschen Fälle ähnlichen Verfahren die Unterschiedsempfindlichkeit für ver- schiedene Zeitgrößen ermittelt. Mach legte dagegen seinen Versuchen die Methode der eben merklichen Unterschiede zu Grunde. Für größere Zeit- räume wurde nach jedem 10., n., 12...Schlag einer Taschenuhr ein Signal mit einem Hämmerchen gegeben und geprüft, wie groß der Unterschied zweier vor und nach einem mittleren Hammerschlag gelegenen Intervalle ge- macht werden konnte, um eben merklich zu werden. Für kleinere Zeiträume Heß Mach zwei Schalleindrücke, deren Dauer variirt wurde, unmittelbar auf einander folgen1. Die nach diesen verschiedenen Methoden gewonnenen Re- sultate stehen sehr wenig mit einander in Uebereinstimmung. So fand Vier- ordt nach seiner ersten Methode den Punkt der Indifferenz bei einem Inter- vall von 1,5 — 3,5*. Auf viel kleinere Werthe lassen die nach der zweiten Methode von Vierordt und Hoering ausgeführten Versuche schließen2. Ebenso nimmt Mach schon bei 0,37 * den Punkt der Gleichschätzung an. Dabei ist jedoch zu bemerken, dass Machs Versuche nach seiner zweiten Methode nicht direct mit denjenigen Vierordts und anderer Beobachter verglichen werden können, weil er nicht die Dauer zweier Intervalle, sondern zweier unmittelbar auf einander folgender Schalleindrücke verglich. Zu den Versuchen Kollerts dienten zwei zuvor genau graduirte Metronome. Vor jedem Versuch wurden dieselben gleich eingestellt und ihr gleicher Gang daran geprüft, ob ihre Schläge etwa 20* lang coincidirten. Am oberen Ende der Pendelstange eines jeden Metronoms war ein keiner Anker angebracht, der von einem Elektro- magneten, so lange dessen Strom geschlossen blieb, in der Stellung äußerster Excursion festgehalten wurde. (Vgl. Fig. 345, S. 361.) Der aufzeichnende Beobachter ließ durch nach einander erfolgendes Oeffnen und Schließen des einen Elektromagnetstroms zuerst das erste oder Normalmetronom, dessen Schwingungsdauer während der ganzen Versuchsreihe constant blieb, einen Hin- und Hergang machen, wobei zwei Pendelschläge erfolgten; in dem Moment wo dasselbe wieder an seinem Elektromagnet anlangte, wurde der zweite Strom ebenso geöffnet und wieder geschlossen, so dass sofort nach einer der Normalzeit annähernd gleichen Zwischenzeit der erste Schlag des zweiten oder Vergleichsmetronoms einfiel. Von der Gleichheitsstellung aus- gehend wurde dann die Schwingungsdauer des Vergleichsmetronoms zuerst bis zum eben übermerklichen verlängert und dann wieder bis zur eben ein- tretenden scheinbaren Gleichheit verkürzt: ebenso wurde nach der andern Seite die Schwingung bis zum eben übermerklichen verkürzt und dann bis zu scheinbarer Gleichheit verlängert. Auf diese Weise wurden nach den Bd. 1, S. 476 ff. erörterten Regeln die Unterschiedsempfindlichkeit und die Schätzungs- differenz bei verschiedenen Normalzeiten bestimmt. In den Versuchen von 1 Mach, Wiener Sitzungsber. Bd. 51, 2, 1865.

2 Hoering, Versuche über das Unterscheidungsvermögen des Hörsinns für Zeit- größen, Diss. Tübingen, 1864. Vierordt, Der Zeitsinn, 1868, S. 62 ff.

Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.

Estel, Mehner und Glass wurde statt der Metronomvorrichtung ein eigens construirter Zeitsinnapparat angewandt, den die Fig. 374 in seiner neueren verbesserten Construction darstellt. Er besteht aus einem metallischen Dreh- rad i?, das durch ein Uhrwerk U in gleichförmige Rotation versetzt wird. Durch Windflügel sowie durch die Schwere des angehängten Gewichts kann die Geschwindigkeit der Drehung innerhalb ziemlich weiter Grenzen variirt Fig. 374. Zeitsinnapparat.

werden, während doch die Bewegung eine ausreichend constante bleibt. Mit- telst eines in das Kronrad eingreifenden Hebels h kann das Uhrwerk in jedem Augenblick arretirt werden. An dem Drehrad befindet sich ein metallischer Stift d, der sich frei auf einer Kreistheilung bewegt, die auf einem fest an den Ti'sch des Uhrwerks angeschraubten Metallring angebracht ist. An diesem Metallring können mehrere Auslösungsappärate A, B, C in jeder Stel- lung festgeschraubt werden. Die Fig. 375 zeigt einen solchen Auslöser im Verlauf reproducirter Vorstellungen.

Grundriss. Er ist im wesentlichen eine durch eine Hartgummiunterlage isolirte Contactvorrichtung. Diese besteht zunächst aus einem mit einem federnden Excentrikhebel /, <?, c verbundenen Platincontact bei c, dessen Einstellung durch die Doppelschraube r2 regulirt wird. Der Contact kann durch An- stoßen des Stiftes d an den über der Theilung stehenden und zugleich als Zeiger für die Ein- stellung des Auslösers dienenden Messingfortsatz f mittelst der Wirkung der Feder t momentan und ohne merklichen Widerstand gelöst werden, wodurch der Hebel in die punktirt angedeutete Stellung /V übergeht. Die Feder t ist durch die von der Klemme kz durch ein isolirendes Zwischenstück getrennte Schraube 0 fixirt, und es kann ihr durch die ebenso von kx isolirte Schraube rz die wünschenswerthe Spannung gegeben werden. Der Auslöser kann sowohl zur Oeffnung eines zuvor geschlossenen Stroms, wie zu einer kurz dauernden Schließung mit darauf folgender Oeffnung verwendet werden. Im ersten Fall leitet man (bei +) den Strom in die Klemme kz ein, und (bei — ) aus der Klemme k^ wieder aus: dann wird bei der Lösung des Contacts c der geschlossene Strom geöffnet, ebenso wie vorhin den Strom bei kz ein, aber durch die Klemme k3 des Rotationsapparates (Fig. 374) aus. Dann wird im Moment der Berührung des Stiftes d mit dem Fortsatz f der Strom geschlossen, aber sofort durch das Zurückspringen des Excentrikhebels f c in die Lage f' c wieder geöffnet. Die erste Einrichtung mit bloßem Oeffnungscontact ist bei solchen Versuchen an- zuwenden, bei denen Licht- oder Hautreize, die durch Oeffnungsinductions- schläge ausgelöst werden, als Zeitmarken in Verwendung kommen. Für die Fig. 375. Contactvorrichtung.

Im zweiten Fall leitet man Versuche mit momentanen Schalleindrücken bedient man sich dagegen der zweiten Anordnung, wobei zugleich der in Fig. 376 dargestellte elektro- magnetische Schallhammer benützt wird. Er besteht aus einem an einem stählernen Stiel angeschraubten Eisenhammer ZT, zwischen dem und dem unter ihm befindlichen, auf dem Holztisch des Apparates festgeschraubten Bewusstsein und Vorstellunesverlauf.

eisernen Ambos A ein kleiner Zwischenraum bleibt. Der Stiel des Ham- mers ist um eine auf dem Stativ S befindliche Achse drehbar. Nahe vor seinem Drehpunkt trägt er einen gegen die Eisenkerne des Elektromagneten E beweglichen Anker. Zur Regulirung der Entfernung zwischen H und A, von der die Stärke des Schalls abhängt, dient die durch eine Schraube verstell- bare Feder / am Ende des Hebels, sowie der über H angebrachte Dämpfer d. Dieser besteht aus einem mit einem Wattepolster versehenen queren Messing- fortsatz, der durch eine Schraubenvorrichtung an einem Stativ in jeder belie- bigen Stellung fixirt werden kann. Zugleich werden durch 'das Wattepolster, sowie durch an beiden Hebelarmen angebrachte Wattehüllen die Schwingungen des Hammers sofort gehemmt, so dass bei seiner Bewegung gegen den Ambos nur ein einmaliger, momentaner Schall entsteht. Die Schrauben i und 2 dienen zur Ein- und Ausführung des von den Auslösern A, £, C des Zeitsinn- apparats kommenden Elektromagnetstroms. Indem bei der zweiten der oben erwähnten Anordnungen der Auslöser dieser Strom während einer kurzen Zeit geschlossen und dann wieder geöffnet wird, erfolgt während eines Vorbeigangs des Stiftes d an einem Fortsatz f eine einmalige Hin- und Herbewegung von H gegen A in Folge der kurz dauernden Anziehung des Ankers durch den Elektromagnet E. Die übrigen an dem elektromagnetischen Schallhammer in Fig. 376 angebrachten Stromverbindungen lassen verschiedene Modificationen der Anwendung dieses Apparates zu, die jedoch für die Zeitsinnversuche un- wesentlich sind J. Wird das Uhrwerk des Zeitsinnapparats mittelst der Wind- flügel so regulirt, dass die Umdrehungszeit genau 36* beträgt, so entspricht der Bewegung des Rades um einen Grad des Theilkreises eine Zeit von o, is; ein Abstand von 10« Graden zwischen den Zeigern/ zweier Auslöser bringt also ein Intervall von n Secunden Dauer hervor. Um zwei durch eine Zwischenzeit getrennte Zeitstrecken zu vergleichen, benützt man demnach vier in den entsprechenden Distanzen angebrachte Auslöser, von denen die zwei ersten, in ihrer Stellung constant bleibenden die Normalzeit, die zwei letzten, in ihrem Abstand veränderlichen die Vergleichszeit markiren. Führt man Versuche über die Eintheilung einer einzigen Zeitstrecke aus, so benutzt man bloß drei Auslöser, wie das in Fig. 374 dargestellt ist, wobei dann je nach