oder in ein Gefühl, zusammenfließen. Jede einzelne Sinneswahrnehmung, jedes complexe Gefühl und jede Verbindung zwischen diesen subjectiven und objectiven Elementen des Bewusstseins ist in Wahrheit ein lebendiger Protest gegen dies nicht auf der Beobachtung, sondern auf einer logischen Construction mit Hülfe imaginärer Größen beruhende Schema. Jede Vor- stellung, jedes in irgend einem Moment das Bewusstsein erfüllende Total- gefühl besteht aus Elementen, aus Empfindungen und einfachen Ge- fühlen, wie sich uns bei der vorangegangenen Analyse der einzelnen Bewusstseinsvorgänge in der mannigfaltigsten Weise gezeigt hat. Jeder Versuch aber, auf diese Verbindungen den hergebrachten Associations- schematismus anzuwenden, scheitert. Dieser vermag weder den Process einer solchen Verbindung noch das eigenartige Product, das aus ihm ent- steht, verständlich zu machen. Er scheitert aber auch dem gesammten Zusammenhang derjenigen Bewusstseinsphänomene gegenüber, aus dem er angeblich abstrahirt sein soll. Wo findet sich denn bei jenen re- productiven Associationen einfacher Sinnesempfindungen oder räumlicher und zeitlicher Vorstellungen, die uns das vorige Capitel kennen lehrte, je etwas von den angeblichen vier oder zwei Associationsgesetzen ver- wirklicht? In der That, es ist nur eine verschwindende Zahl von Erscheinungen, auf welche die Associationslehre ihre sogenannten Gesetze ge- stützt hat, und sogar diese kleine Zahl hat sich erst deshalb hierzu bereit finden lassen, weil man zuvor die wirklichen Bewusstseinsvorgänge in Ab- stractionen umwandelte, die nirgends existiren, und die nun einer ein- dringenderen Analyse auch dieser beschränkten Gruppe von Phänomenen hindernd im Wege stehen. Denn ihr Zusammenhang mit den andern, fundamentaleren Associationsvorgängen steht eben in engster Beziehung zu jener fortwährend fließenden und vergänglichen Beschaffenheit der Er- innerungsbilder, die durch diese Abstractionen gewaltsam in ihr Gegentheil umgewandelt wird. Nun ist es an und für sich klar, dass die einzig mög- liche Ordnung in der Untersuchung der Associationsphänomene nicht eine solche sein kann, die von den complexen Vorgängen dieser Art zu den einfacheren, sondern die umgekehrt von den einfachsten, bei den Sinnes- wahrnehmungen und den Gefühlsverschmelzungen sich ereignenden Ver- bindungen psychischer Elemente allmählich zu jenen verwickeiteren Fällen überführt. Je mehr man aber dabei zugleich Bedacht darauf nimmt, die Uebergänge zu verfolgen, die solche verwickeitere mit relativ einfacheren Erscheinungen verknüpfen, und je mehr man der fließenden und ver- schwimmenden Natur der Erinnerungsbilder eingedenk bleibt, um so klarer stellt es sich heraus, dass es Verbindungen zwischen fertigen und nach ihrer Vereinigung im wesentlichen unverändert beharrenden Vor- stellungen, wie sie die Theorie der »Ideenassociation« annimmt, überhaupt nicht gibt, sondern dass die einzigen wirklichen Association s- phänomene die Associationen der psychischen Elemente sind, und dass die Producte dieser Associationen niemals in einer bloßen Addition dieser Elemente bestehen.
Hat der überlieferte Schematismus die Associationen auf ein dürftiges Grenzgebiet eingeengt, und dadurch den eigentlichen Zusammenhang und die eigenste Beschaffenheit dieser Phänomene gänzlich verkannt, so hat er aber anderseits den Associationsbegriff durch die aus der scholasti- schen Reflexionspsychologie überkommene alleinige Anerkennung der »Vorstellungen« als psychischer Objecte auf Erscheinungen ausgedehnt, denen er schlechthin nicht mehr adäquat ist, oder bei denen doch die Association, wenn wir diese in dem durch die einfachsten Fälle der Wahrnehmungs- und Gefühlsverbindungen nahegelegten Sinne festhalten. nur eine mitwirkende, nicht mehr die ausschließliche Rolle spielt. Eine solche Anwendung lag freilich der überlieferten Associationslehre nahe genug. Hatte man sich einmal in jene Abstraction eingelebt, nach der, um den Ausdruck Humes zu gebrauchen, das Bewusstsein nichts als ein »Bündel von Vorstellungen", sein soll, d. h. eine Reihe fertig ge- gebener, nur zufällig einmal durch den Eintritt irgend einer Neubildung unterbrochener Objecte, die kommen, gehen und sich verbinden, so war es beinahe eine selbstverständliche Forderung, nun auch den Begriff der Association auf alle Verbindungen, die zwischen diesen hin- und her- wandernden Objecten stattfinden könnten, auszudehnen, und höchstens, wo sich etwa neue, in das alte Schema nicht recht passende Formen vorfanden, weitere sogenannte »Associationsgesetze« zu statuiren. In der That ist das ein Standpunkt, der noch von vielen neueren Associations- theoretikern festgehalten wird. Man nimmt dann etwa unter- und über- ordnende, causal oder teleologisch verknüpfende Associationen u. s. w. an. Ist das Bewusstsein überhaupt nichts als ein Associationscomplex, so muss ja auf diesem Wege schließlich auch die ganze Logik, Ethik und Aesthetik psychologisch in eine Summe von Associationen aufgelöst wer- den können, wenn man nur eine zureichende Zahl von Associationsformen schafft, und wenn man lediglich dies als die Aufgabe der Psychologie an- sieht, dass jede Erscheinung in irgend einem fix und fertig bereitstehenden Schema untergebracht werde.
Dieses Unternehmen, den Ansprüchen der Wirklichkeit durch an- gemessene Erweiterungen und Specialisirungen des Associationsbegriffs gerecht zu werden, könnte nun vielleicht noch bis zu einem gewissen Grade berechtigt scheinen, wenn die Voraussetzung zutreffend wäre, auf die alle diese Versuche sich stützen: die Voraussetzung nämlich, Vorstellungen und ihre Verbindungen seien überhaupt das einzige Phänomen, mit dem Allgemeine Uebersicht der Formen psychischer Verbindung. e2i es die psychologische Beobachtung zu thun hat. Da jedoch diese Voraus- setzung thatsächlich falsch ist, wie eigentlich schon der Umstand beweist, dass wir in Wissenschaft oder Praxis gewissen Verbindungen einen wesent- lich andern Werth zuschreiben als andern, z. B. der Conception eines Kunstwerks oder eines logischen Gedankenzusammenhangs einen höhe- ren als einem zufälligen Gedächtnissphänomen, so liegt hierin bereits eingeschlossen, dass es neben den Vorstellungen und ihren Verbindungen noch andere Bewusstseinsinhalte gibt, die je nach den wechselnden Be- ziehungen, in denen sie mit jenen stehen, charakteristische Merkmale für die Beschaffenheit der einzelnen Vorgänge abgeben. Denn eben jener verschiedene Werth, den wir den Verbindungen unserer Vorstellungen bei- messen, kommt zunächst in der Form von Gefühlen zur Geltung, welche die Verbindungen unmittelbar begleiten, um dann nachträglich, indem sie zu Objecten reflexionsmäßiger Betrachtung werden, in »Werthurtheilen« ihren Ausdruck zu finden. Freilich geschieht auch das keineswegs aus- nahmslos, daher denn auch die verbreitete Substitution der Werthurtheile für die Werthgefühle psychologisch nicht gerechtfertigt ist. In der That lehrt nun die Beobachtung schon in viel einfacheren Fällen, dass begleitende Gefühle einen Vorstellungsprocess sehr verschieden gestalten können, der als solcher, wenn man bloß die Verbindung gegebener Vorstellungen ins Auge fasst, übereinstimmend erscheint. So kann es sich z. B. er- eignen, dass uns beim Anblick eines Gegenstandes ganz ohne unser Zu- thun, anscheinend zufällig, der Name einfällt, mit dem man denselben zu bezeichnen pflegt, eine Erinnerungsassociation nach dem bekannten typischen Schema. Es kann aber auch vorkommen, dass wir bei dem Anblick des Gegenstandes veranlasst werden, uns auf dessen Namen zu besinnen, und dass nun erst, nachdem dieser mit merklicher Anstrengung verbundene Act des Besinnens vorüber ist, der Name wirklich in das Be- wusstsein tritt. Vom Standpunkt des reinen Vorstellungsverlaufs, als bloße »Ideenassociationen« betrachtet, sind beide Verbindungen die gleichen. Dennoch weichen sie in Wirklichkeit weit von einander ab, und das nicht bloß deshalb, weil etwa der eine schneller, der andere langsamer vorüber- geht — dieser Unterschied kann unter Umständen völlig verschwinden — sondern weil die begleitenden Gefühlsprocesse von gänzlich verschiedener Beschaffenheit sind. Bei der zufälligen Erinnerung treten sie überhaupt zurück und bestehen vorwiegend in den den Vorstellungen selbst an- haftenden Gefühlsbetonungen; bei dem willkürlichen Besinnen entstehen jene Spannungs- und Lösungsgefühle in ihrer charakteristischen Aufein- anderfolge, die jeden Willensvorgang begleiten. Diese Gefühlsprocesse sind aber offenbar ebenso gut integrirende Bestandtheile des Gesammt- vorgangs wie die Vorstellungen und ihre Succession, und wer sie c?24 Psychische Verbindungen.
vernachlässigt, der bedient sich nicht einer erlaubten vereinfachenden Ab- straction, sondern er wirft Thatsachen zusammen, die höchstens theilweise übereinstimmen. Gerade von den begleitenden Gefühlsprocessen dürfen wir jedoch nach der ganzen Stellung, welche die Gefühle in unserem Seelenleben einnehmen, von vornherein vermuthen, dass sie für die Art des Zusammenhangs der Bewusstseinsvorgänge nicht weniger, ja unter Umständen wohl in viel höherem Grade kennzeichnend sind, als die ob- jectiven Inhalte der Vorstellungen.
Gehen wir von diesen Gesichtspunkten aus an das Studium der psychi- schen Verbindungen, so scheiden sich nun diese vor allem in zwei Formen, die in der Art des begleitenden Gefühlsverlaufs durchaus jenen typischen Formen der Apperception entsprechen, die wir oben als die active und die passive bezeichnet haben, und die in den beiden schematischen Verlaufsformen der Spannungscurven in Fig. 340 ihren Ausdruck rinden (S. 343). Nur ist hier zugleich daran zu erinnern, dass in dem Verlauf der passiven Apperception die Gefühlserregungen über- haupt wesentlich schwächer zu sein pflegen, so dass wir ein auf den vor- liegenden Fall direct anwendbares Verhältniss im allgemeinen erst ge- winnen, wenn wir uns die Ordinaten der Curve PA im Vergleich mit denen in AA wesentlich verkürzt denken. Dann entspricht der Verlauf PA einem Verhalten des Bewusstseins, bei dem sich die Associationen am reinsten, unbeeinfiusst von Momenten, die den nächstliegenden Asso- ciationsbedingungen fern liegen, abspielen. In diesem Zustand des pas- siven Hingegebenseins an die Eindrücke vollzieht sich namentlich auch am leichtesten jenes Spiel der Erinnerungsassociationen, das man ge- wöhnlich zum Ein und Alles der Association gemacht hat. Aber auch die ursprünglicheren und fundamentaleren Processe der associativen Verschmelzungen, Assimilationen und Complicationen, die wir unten kennen lernen werden, finden in solchen passiven, von Aufmerksamkeits- vorgängen relativ freien Zuständen des Bewusstseins ihre günstigste Stätte. Natürlich will das nicht sagen, dass die Associationen überhaupt nur in diesen Fällen zu finden, sondern bloß, dass sie hier am ehesten ungemischt zu beobachten sind, während sie sonst in der Regel nur Be- standtheile zusammengesetzter, unter verwickeiteren Associations- und Apperceptionsbedingungen stehender Verbindungsprocesse zu sein pflegen. Umgekehrt dagegen beobachten wir, dass, sobald sich die Erscheinungen unter den durch die Curve AA veranschaulichten Gefühlssymptomen der activen Apperception darbieten, zwar die associativen Elementarverbin- dungen ebenfalls vorhanden sind, dass aber doch gerade die complexeren Verbindungen, wie sie sich in dem Verlauf der.Erinnerungsbilder sowie in der Verknüpfung derselben mit directen Sinneswahrnehmungen zu erkennen Allgemeine Uebersicht der Formen psychischer Verbindung. c?c geben, eine von den Associationen bei passiver Apperception wesentlich verschiedene Gestalt gewinnen. Es ist dies jene Gestalt, die wir in ihren letzten Resultanten als Phantasie- oder Verstandesthätigkeit zu bezeichnen pflegen. Alle diese Functionen beruhen selbstverständlich auf Associa- tionen. Zugleich kommen aber bei ihnen zu den associativen Wirkungen offenbar noch weitere Bedingungen hinzu, die eben in den die active Apperception begleitenden Gefühlen ihren Ausdruck finden. Nach allem dem sind von vornherein die Associationen die einfacheren, die apperceptiven Verbindungen die zusammengesetzteren Processe, in die jedesmal vielfache, theils sich verbindende, theils einander wider- streitende Associationsmotive eingehen. Eben durch diese ihre Wechsel- wirkung resultirt dann ein Willens Vorgang, und die Associationen sind nunmehr zusammen mit den an sie gebundenen Gefühlen nichts anderes als die Motive dieses Willensvorganges. Dieses Verhältniss wird nur da- durch noch complicirt, dass fortwährend solche Apperceptionen und Asso- ciationen nicht bloß sich verbinden, indem die letzteren die Motivbestand- theile der ersteren werden, sondern dass auch ursprünglich apperceptive, d. h. unter der Theilnahme von Willensgefühlen zu stände gekommene Verbindungen, mechanisirt werden und auf diese Weise in reine Associationen übergehen können. Was wir Phantasie und Verstand nennen, das ist darum in Wahrheit ein fortwährendes Ineinandergreifen aller dieser Verbindungsprocesse.
Hiernach sind die Apperceptionsverbindungen in analogem Sinne Processe höherer Stufe gegenüber den Associationen, wie diese selbst gegenüber den Empfindungen und einfachen Gefühlen. Jede Apperceptions- verbindung lässt sich in Associationen zerlegen. Es gibt keine in ein verwickeltes Apperceptionsgebilde eingehende einfachere Verbindung, deren Bestandtheile nicht associirbar wären, und die nicht thatsächlich associirt würden. Aber so wenig ein Klanggebilde oder eine räumliche Vorstellung oder ein Totalgefühl eine bloße Addition seiner jedesmaligen Elemente ist, sondern eben eine gesetzmäßige Vereinigung derselben zu einem neuen Erzeugniss, gerade so wenig ist eine Apperceptionsverbindung durch die bloße Aufzählung der Associationen zu definiren, in die sie zerlegbar ist. Vielmehr ist auch sie ein neues Gebilde, dessen Charakter wesentlich durch die Beziehungen bestimmt wird, in denen die einzelnen in sie eingehenden associativen Processe zu einander stehen, und die sie zugleich zu andern apperceptiven Gebilden des gleichen Bewusstseins dar- bieten. Dieser Zusammenhang gewinnt seine entscheidende Bedeutung da- durch, dass jede genuine Apperceptionsverbindung den formalen Charak- ter einer inneren Willkürhandlung besitzt, als deren Motive Associatio- nen der mannigfaltigsten Art erscheinen. Wie bei jeder Willkürhandlung c?6 Psychische Verbindungen.
so sondert sich aus diesen Motiven ein herrschendes aus, das dann wieder die zu neuen Apperceptionsverbindungen zusammentretenden Associationen bestimmt. Hierin liegt der Grund für die Erscheinung, dass die Apperceptionsverbindungen in ungleich weiterem Umfang als die Associationen in Connex treten mit der gesammten Vergangenheit und Anlage des individuellen Bewusstseins, indem sie es eben sind, welche die zusammenhängende Willensentwicklung der vollkommeneren Bewusstseins- formen constituiren.
Es wird im Folgenden unsere Aufgabe sein, diese allgemeinen Ge- sichtspunkte an der Hand der einzelnen Verbindungsformen der Association wie der Apperception näher auszuführen. Einstweilen mag aber dieser Einzelbetrachtung eine schematische Uebersicht der Hauptformen beider Verbindungen vorangestellt werden: Associationen Apperceptive Verbindungen (Complexe Apperceptionen) Verschmelzungen Synthetische Apperceptionen Assimilationen Complicationen Analytische Apperceptionen Assimilative Erinnerungsassociationen Successive Erinnerungsassociationen Synthetisch -analytische Apperceptionsprocesse Apperceptiv-associativer Gedankenverlauf Die Apperceptionsverbindungen bilden in diesem Schema, wie man sieht, eine logische Ordnung. Die Associationen sind statt dessen ledig- lich nach dem Merkmal der Innigkeit der Verbindung und der Zusammen- setzung aus näheren oder ferneren Bestandtheilen, von den festeren zu den loseren Verbindungen übergehend, geordnet. Dieses abweichende Eintheilungsprincip ergibt sich unmittelbar aus dem Charakter der beiderlei Verbindungen, den wir mit einem kurzen andeutenden Ausdruck dahin zusammenfassen können, dass wir die Associationen als Vorstellungs- und Gefühlsverbindungen, die complexen Apperceptionen aber als Gedankenverbindungen aus Vorstellungs- und Gefühlsinhalten bezeichnen, wobei dann zugleich der psychologische Charakter der letzteren darin besteht, dass die Gedankenverbindungen complexe innere Willens- vorgänge sind.
2. Associationen.
a. Verschmelzungen.
Die fundamentalste Form der Association ist die associative Ver- schmelzung der Empfindungen. Da einfache Empfindungen in un- serm Bewusstsein nicht vorkommen, so ist jede wirkliche Vorstellung ein Associationen. 1-27 Verschmelzungsproduct von Empfindungen. Wir können zwei Unterformen dieser Verschmelzung unterscheiden: die intensive, bei der nur gleich- artige Empfindungen sich verbinden, und die extensive, die aus der Vereinigung ungleichartiger Empfindungen hervorgeht. Die erstere ist vorzugsweise bei den Gehörsvorstellungen und den Gefühlen, die letztere bei den Gesichts- und Tastvorstellungen wirksam. Allen diesen Ver- schmelzungen ist die eine Eigenschaft gemein, dass in dem Complex der mit einander verbundenen Elemente ein einziges, und zwar im allgemeinen das stärkste, die Herrschaft über alle andern gewinnt, so dass diese nur noch die Rolle modificirender Elemente übernehmen, deren selbständige Eigenschaften in dem Verschmelzungsproduct untergehen. So empfinden wir die Obertöne eines Klangs nicht als selbständige Töne, sondern es resultirt aus ihnen lediglich jene den stärkeren Grundton begleitende Eigenschaft, die wir die Klangfarbe nennen. So kommen uns ferner die Localzeichen der Netzhaut und die Bewegungsempfindungen des Auges nicht als solche zum Bewusstsein, sondern sie verleihen nur der Licht- empfindung, dem Bestandtheil der Netzhautempfindung, der mit dem ob- jectiven Reize veränderlich ist, diejenige Eigenschaft, vermöge deren wir die Empfindung auf einen bestimmten Ort im Räume beziehen. Aehnlich verschmelzen gleichzeitig vorhandene Gefühle zu einem Totalgefühl, dessen Hauptträger das dominirende Gefühl ist. Dieser Verlust der Selb- ständigkeit, der alle Elemente eines Verschmelzungsproductes mit Aus- nahme des herrschenden trifft, kann nicht ausschließlich in der geringen Stärke jener Elemente seinen Grund haben. Der nämliche Partialton, der in der Klangfärbung verschwindet, erträgt für sich allein appercipirt noch eine erhebliche Abschwächung, ohne uns zu entgehen. Ebenso lassen sich, wie wir sahen, die zurücktretenden Bestandtheile einer extensiven Vorstellung oder eines complexen Gefühls durch eigens darauf gerichtete Versuche in der Regel leicht nachweisen1.
Man hat dieses Zurücktreten gewisser Empfindungsbestandtheile speciell bei den zusammengesetzten Vorstellungen aus Zweckmäßigkeitsgründen zu erklären gesucht. Wir seien gewohnt, nur diejenigen Empfindungen zu beachten, die zu unserer objectiven Erkenntniss der Dinge etwas bei- tragen, und die hierzu dienlichen Elemente sollen wir wieder nur mit Rücksicht auf diesen Zweck uns zum Bewusstsein bringen2. Demnach sollen wir z. B. die Obertöne eines Klangs nur insoweit auffassen, als sie 2 Helmholtz, Lehre von den Tonempfindungen 2, S. 102 ff. In der 4. Aufl. (S. 106 ff., hat übrigens Helmholtz diese Stelle unterdrückt und sich damit begnügt, Erfahrung und Hebung als die für die Analyse der Wahrnehmungen maßgebenden Factoren hervorzu- heben.
528 Psychische Verbindungen.
uns die Klangfärbung eines bestimmten Instrumentes andeuten, oder die Localzeichen und Bewegungsempfindungen des Auges, insofern sie uns zur Orientirung im Raum verhelfen. Dass sich diese Ansicht in unlösbare Widersprüche verwickelt, ist schon von G. E. MÜLLER bemerkt worden1. Nach ihr müsste derjenige, der keinerlei Kenntniss musikalischer Instru- mente besitzt, statt der einheitlichen Klangfärbung wirklich die Summe der Obertöne vernehmen, und die Localzeichen und Bewegungsempfin- dungen müssten vor der vollkommeneren Ausbildung der Sinneswahrneh- mung deutlicher gewesen sein als später. Nun vervollkommnen sich aber unsere Wahrnehmungen gerade dadurch, dass wir die sämmtlichen Elemente derselben schärfer auffassen. Wer z. B. in der Unterscheidung der Obertöne geübt ist, erkennt leichter ein Instrument an seiner Klang- färbung als der Ungeübte. Der wahre Grund für das Zurücktreten ge- wisser Elemente eines Verschmelzungsproductes kann daher nicht in solchen teleologischen Motiven, sondern nur in den ursprünglichen Eigen- schaften des Bewusstseins selber liegen. In der That ist aber ein zu- reichender Grund jener Thatsache in der Eigenschaft der Apperception gegeben, sich auf einen bestimmten, eng begrenzten Inhalt des Bewusst- seins zu beschränken, der dann als eine einzelne Vorstellung aufgefasst wird. Wo hierzu noch von Seiten der äußeren Eindrücke die Bedingung hinzukommt, dass einer unter ihnen mit vorwaltender Stärke gegeben ist, da wird daher auch mit zwingender Gewalt dieser sich als der herrschende Bestandtheil des Productes ergeben. Die Verschmelzung selbst wird je- doch um so unlösbarer werden, je regelmäßiger die Eindrücke verbunden sind. Darum kann ein Klang leichter noch in seine Elemente zerlegt werden als eine extensive Gesichtsvorstellung; denn während im ersten Fall der Wechsel der Klangfärbung immerhin eine Veränderung der schwachen Elemente möglich macht, die in gewissen Fällen ihrem völligen Verschwinden nahe kommt, ist es unmöglich, dass jemals eine Licht- empfindung ohne Localzeichen, und ohne Bewegungsantriebe des Auges existire.
b. Assimilationen.
Als eine zweite Form simultaner Association unterscheiden wir die Assimilation. Sie findet dann statt, wenn durch ein neu in das Be- wusstsein eintretendes Gebilde frühere Elemente erneuert werden, so dass diese sich mit jenem zu einem einzigen simultanen Ganzen verbinden. Der associativen Verschmelzung ist dieser Vorgang insofern verwandt, als auch bei ihm die in die Verbindung- eineehenden Bestandtheile nicht als G. E. Müller, Zur Theorie der sinnlichen Aufmerksamkeit, S. 24 ff.
Associationen.
gesonderte unterschieden werden. Die Eigenthümlichkeit der Assimilation liegt aber darin, dass bei ihr die Elemente, die sich verbinden, einer Mehrheit ursprünglich selbständiger Vorstellungen oder Gefühle angehören. Am augenfälligsten tritt diese Bildungsweise bei den Vorstellungen dann hervor, wenn die assimilirenden Elemente durch Reproduction, die assi- milirten durch einen unmittelbaren Sinneseindruck entstehen. Es werden dann die Elemente von Erinnerungsbildern gewissermaßen in das äußere Object hineinverlegt, so dass, namentlich wenn das Object und die re- producirten Elemente erheblich von einander abweichen, die vollzogene Sinneswahrnehmung als eine Illusion erscheint, die uns über die wirkliche Beschaffenheit der Dinge täuscht. So erscheinen uns die rohen Pinsel- striche einer Theaterdecoration, die in den oberflächlichsten Umrissen das Bild einer Landschaft andeuten, aus der Ferne und bei Lampenlicht ge- sehen in der vollen Naturtreue der wirklichen Landschaft. Wir übersehen beim Lesen die meisten Druckfehler eines Buches, und manche entgehen sogar dem aufmerksamen Corrector. Der Hörer eines Vortrags ergänzt die mangelhaft gehörten Laute und bemerkt diese Hülfe in der Regel erst, wenn ihm ein Missverständniss begegnet. Auf diese Weise sind alle unsere Anschauungsvorstellungen innig verwebt mit Reproductionen. Der unmittelbare Eindruck liefert fast immer nur ein ungefähres Schema der Gegenstände, das wir dann mit reproductiven Elementen ausfüllen. In den so entstandenen Assimilationsproducten sind aber stets zugleich einzelne Elemente aus den sich verbindenden Vorstellungen eliminirt worden: zahlreiche Bestandtheile der Erinnerungsbilder werden durch den Sinnes- eindruck, und gewisse Bestandtheile des letzteren werden durch die Er- innerungselemente ausgelöscht. Die entstehende Vorstellung ist daher keiner ihrer Componenten gleich, aber sie ist jeder ähnlich. Hierdurch wird es möglich, dass in der Regel viele Componenten an dem Assimi- lationsproduct betheiligt sind, und dass daher nur in den einfachsten Fällen die Veränderungen, die ein Sinneseindruck durch den Assimi- lationsprocess erfährt, auf bestimmte Erinnerungsbilder zurückgeführt werden können.
Unter den Processen, die unsere Sinneswahrnehmung zusammen- setzen, gehört die große Mehrzahl derjenigen, die auf der associativen Ver- schmelzung beruhen, zugleich dem Gebiet der Assimilation an. So sind z. B. die Vorstellungen über Entfernung und wirkliche Größe der Ob- jecte, die Einflüsse der Perspective und Luftperspective auf sie zurückzu- führen1. Dabei beschränkt sie sich keineswegs auf die Ergänzung der sinnlichen Wahrnehmung durch ältere Vorstellungsresiduen, sondern sichtlich Wundt, Grundzüge. III. 5. Aufl. 34 530 Psychische Verbindungen.
können zugleich directe Elemente durch reproductive verdrängt werden, und nicht minder können die letzteren selbst ähnliche Wirkungen auf einander ausüben, so dass sich der ganze Assimilationsprocess aus man- nigfaltigen elementaren Wechselwirkungen ergänzender und verdrängen- der Art zusammensetzt. Schon der gewöhnliche Verlauf unserer Sinnes- wahrnehmungen bietet auf diese Weise Gelegenheit, das Stattfinden solcher Assimilationen aus ihren Endeffecten, den eintretenden Sinnes- täuschungen und Illusionen, nachzuweisen. Zur Ermittelung der ange- deuteten elementaren Componenten der Assimilationswirkungen bedarf es jedoch einer experimentellen Variation der Bedingungen, zu der hier in ganz besonderem Maße die früher bereits in anderm Zusammenhang ge- schilderten »umkehrbaren perspectivischen Täuschungen des Augenmaßes« sich eignen (Bd. 2, S. 545 ff.). Schon der Umstand, dass sie »umkehrbar« sind, weist auf irgend welche variable Bedingungen hin, während doch die perspectivische Auffassung der in der Ebene gezeichneten Figuren von vornherein die Annahme reproductiver Elemente, also eines Assimilations- processes, fordert. Nun sind, wie wir sahen, für die Beschaffenheit solcher perspectivischer Vorstellungen als directe Elemente neben dem optischen Eindruck die Richtung der Blickbewegung und der Augenstellung maßgebend. Denn alle umkehrbaren perspectivischen Täuschungen folgen der Regel: die Theile des Bildes, von denen die Blickbewegung ausgeht, erscheinen dem Beschauer näher als jene, nach denen hin die Blickbewegung erfolgt; und bei ruhendem Auge: die Grenzpunkte des Objectes, die der Blick fixirt, erscheinen näher als solche Punkte, die sich im indirecten Sehen befinden, sofern die letzteren nicht nach der Beschaffenheit der Zeichnung in gleicher Entfernung mit dem Fixirpunkte liegen müssen. (Vgl. Fig. 255 und die zu ihr gegebene Erläuterung Bd. 2,