suchung völlig- zerfließende Begriff in sich schließt.. Gibt, es für den Complexe intellectuelle Functionen. eg?
Standpunkt der wissenschaftlichen Psychologie kein Gedächtniss, keinen Verstand und keine Phantasie, sondern eben nur gewisse elementare psychische Vorgänge und ihre Zusammenhänge, die man in ziemlich willkürlicher Unterscheidung unter jenen Namen zusammenfasst, so gibt es natürlich noch weniger eine »Intelligenz« oder »intellectuelle Functionen« als einen einheitlichen, irgend einem fest abzugrenzenden Thatbestand entsprechenden Begriff. Dennoch bleiben gewisse Fälle, wo es nützlich ist, sich, wenn auch in einem durch die psychologische Betrachtungs- weise veränderten Sinne, jener Begriffe aus dem alten Inventar der Ver- mögenspsychologie zu bedienen. Diese Fälle ergeben sich da, wo uns complexe, aus sehr verschiedenen Bestandtheilen gemischte Phänomene entgegentreten, die wegen der Regelmäßigkeit ihrer Verbindung vor allem auch aus praktischen Gründen eine Berücksichtigung erheischen, oder wo uns das individuelle Bewusstsein bestimmte Richtungen der Anlage und Bildung darbietet, und wo nun die Regelmäßigkeit der Verbindung wiederum zur Analyse solcher complexer geistiger Anlagen herausfordert. In allen diesen Fällen ist es aber natürlich die Aufgabe der psychologischen Unter- suchung, nicht bei den so gebildeten Generalbegriffen stehen zu bleiben, sondern sie wo möglich auf ihre einfachen Factoren zurückzuführen.
Selbstverständlich ist nun das Gebiet dieser »complexen intellectuellen Functionen« beinahe unbegrenzt; und die Beantwortung der hier sich auf- drängenden Fragen führt zugleich so sehr in das Gebiet der praktischen, namentlich der pädagogischen, charakterologischen und pathologischen Anwendungen der Psychologie hinüber, dass wir uns hier auf einige für das normale Seelenleben besonders wichtige Hauptfälle beschränken müs- sen. Als solche seien zunächst die Gedächtnissleistungen, dann die Thätigkeiten des Lesens und Schreibens hervorgehoben, woran sich endlich noch die Erörterung einiger allgemeiner Erfahrungen über die psychischen Begleiterscheinungen und Wirkungen geistiger Arbeit über- haupt anschließen soll.
a. Gedächtnissleistungen.
Unter dem »Gedächtniss« versteht die Sprache die Fähigkeit, irgend welche Eindrücke, die auf das Bewusstsein eingewirkt haben, für späteren Gebrauch zu bewahren. Den Act, in welchem das im Gedächtniss Be- wahrte wieder verfügbar wird, bezeichnet sie als den der »Erinnerung«. Diejenigen Handlungen, durch die gewisse Eindrücke in solcher Weise planmäßig dargeboten werden, dass sie der Erinnerung leicht zur Ver- fügung stehen, nennt man »Erlernen« oder »Memoriren«. Alle diese Ausdrücke sind dem populären Sprachgebrauch entnommen, und sie be- zeichnen daher keine einfachen, sondern im allgemeinen sehr complexe.
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namentlich aber aus Associations- und Apperceptionsvorgängen mannigfach gemischte Thatsachen. Dies gilt vor allem schon von dem Gedächtniss selbst, welcher Begriff in erster Linie die durch Association vermittelte Reproduction früher dagewesener psychischer Bewusstseinsinhalte voraus- setzt, außerdem aber nicht bloß in der populären Anwendung, sondern auch in den psychologischen »Gedächtnissversuchen« durchweg auf die eine solche Reproduction vermittelnden apperceptiven Functionen und auf die Erleichterungen oder Erschwerungen Rücksicht nimmt, die durch sie für die Reproductionsvorgänge entstehen. Dieser complexe Charakter des Gedächtnissbegriffs und seiner Verwendungen kommt schon darin zum Ausdruck, dass sowohl die Beurtheilung der Gedächtnissleistungen im ge- wöhnlichen Leben, wie die planmäßige Untersuchung ihrer Bedingungen von Seiten der Psychologen überall das Zusammenwirken der associativen Momente mit Vorgängen der Aufmerksamkeit voraussetzt, und meist sogar mit einer willkürlichen Regulirung der Bedingungen der Aneignung der vom Gedächtniss festzuhaltenden Eindrücke verbunden ist. Hierfür ist der Um- stand bezeichnend, dass alle näheren Bestimmungen über die Eigenschaf- ten des Gedächtnisses, mögen sie nun, wie im praktischen Leben, auf Grund ungefährer Erfahrungen, oder, wie im psychologischen Experiment, mittelst einer planmäßigen qualitativen und quantitativen Variirung der Be- dingungen unternommen werden, immer die nach irgend einem Maßstabe geschätzte »Gedächtnissleistung« zur Beurtheilung benutzen. Dies ist aber natürlich nur möglich, wenn von vornherein. die Frage dahin gestellt wird, wie groß unter verschiedenen Bedingungen die Leistungen seien, und welche fördernde oder hemmende Momente bei denselben mitwirken. Es ist klar, dass zu diesen Momenten vor allem andern die apperceptiven Functionen gehören, wie bei dem Versuch, Experimente über Gedächtniss- leistungen anzustellen, sofort die Thatsache lehrt, dass brauchbare Ver- suche solcher Art überhaupt unmöglich sind, wenn man nicht constante Bedingungen der Aufmerksamkeit festhält. Auch bestätigt dies die weitere Thatsache, dass »Lernversuche« sich immer als das nächste Mittel zur Prüfung der Gedächtnissleistungen darbieten. Denn alles Erlernen ist ja ein willkürlicher und mehr oder minder planmäßiger Vorgang, bei dem selbstverständlich die fortwährend eingreifende Regulirung durch den Willen und die Rücksicht auf einen festgehaltenen Zweck für den Erfolg der Ver- suche entscheidend ist. Es ist daher nicht im mindesten zutreffend, wenn man, wie es vielfach auch bei Gedächtnissversuchen geschieht, alle diese Momente als bloße äußere Hülfsmittel behandelt, die über die Associations- und Reproductionsfähigkeit unter verschiedenen Verhältnissen Rechen- schaft geben. Vielmehr gehören eben jene Apperceptionsbedingungen zu den fundamentalen Factoren der Gedächtnissleistunsren selbst. In dieser Complexe intellectuelle Functionen. egs.
Beziehung unterscheiden sich deshalb die diese Leistungen prüfenden Ge- dächtnissversuche sehr wesentlich von den früher (S. 476 ff.) geschilderten einfachen Reproductionsversuchen, mit denen sie oft zusammengeworfen werden. Natürlich ist auch bei diesen eine Ausschaltung der Aufmerksam- keit nicht möglich, und sie würde, wenn sie möglich wäre, unzulässig sein, weil es gerade hier auf eine hinreichend constante und genaue Anpassung der Apperception an den Eindruck ankommt. Aber die Anpassung be- schränkt sich in diesem Fall auf die beiden Momente des primären Ein- drucks und des Vergleichseindrucks; und die Function, die zur unmittel- baren Untersuchung steht, die Abhängigkeit der Wiedererkennung von der verflossenen Zeit, ist gerade an diese durch die Constanterhaltung der Aufmerksamkeit in beiden Momenten ermöglichte relative Elimination ihres Einflusses gebunden. Ein sprechender Beleg hierfür ist die Beobachtung, dass die Gesetzmäßigkeit der dabei untersuchten zeitlichen Function um so ungestörter zu Tage tritt, je freier die Zwischenzeit von der Aufmerk- samkeit auf den ersten Eindruck und sein Erinnerungsbild gehalten wird (S. 484, 490). Dagegen kann das Grundschema der Gedächtnissversuche, der »Lernversuch«, zwar in mannigfacher Weise variirt, aber es muss doch stets in dem Sinne festgehalten werden, dass die planmäßige Anstrengung der Aufmerksamkeit den ganzen Vorgang- begleitet.
b. Methodik und allgemeine Ergebnisse der Lernversuche.
Der Lernversuch hat nun auch darin der Gedächtnissuntersuchung" seinen Stempel aufgedrückt,, dass die verbreitetsten Objecte des Lernens im praktischen Leben, Laute, Wörter oder Sätze, bis jetzt fast aus- schließlich das Material für diese Untersuchung gebildet haben. Sie bieten in der That den Vortheil, dass sich unter ihnen die verschiedensten Fälle vorfinden, die für die Frage der Gedächtnissleistung von Interesse sind, nämlich: 1) sinnlose Silben als Repräsentanten solcher Eindrücke, die möglichst aller associativen und apperceptiven Beziehungen entbehren, 2) Wörter, die leicht associirbar sind und darum für die Reproduction gegenüber dem vorigen Fall wesentlich erleichternde Bedingungen dar- bieten, 3) einzelne Sätze, die, unter sich isolirt, zwar der Einordnung in einen umfassenderen Vorstellungszusammenhang entbehren, aber durch die apperceptive und associative Verbindung der Worte unter sich die Reproduction erleichtern, und endlich 4) größere Satzzusammen- hänge, bei denen nothwendig die apperceptive Einheit des Ganzen von vorherrschender^Bedeutung wird, indess zugleich die einzelnen associativen Verbände hülfreich mitwirken.
Die Methoden, nach denen in jedem dieser vier Fälle die rg6 Psychische Verbindungen.
Gedächtnissleistungen geprüft werden können, sind im wesentlichen über- einstimmender Art. Man kann nämlich zunächst, gleiche Aufmerksam- keitsspannung und gleiche Geschwindigkeit in der Aufeinanderfolge der Eindrücke vorausgesetzt: i) die Zahl von Lauten oder von Worten gleicher Größe zu bestimmen suchen, die bei einmaliger Einwirkung sofort repro- ducirbar sind, oder 2) diejenige Zahl von Wiederholungen der Eindrücke, die bei einer beliebig großen Zahl von Elementen nöthig ist, um eine richtige Reproduction zu ermöglichen, oder man kann 3) den Einfluss untersuchen, den die verschiedenen Bedingungen dieser Wiederholungen ausüben, z. B. die Geschwindigkeit in der Aufeinanderfolge der Glieder einer Reihe, die Intervalle zwischen den einzelnen Wiederholungen, die früheren und die späteren Wiederholungen in ihrem Verhältnisse zu einan- der. Daran schließen sich 4) die Wirkungen, welche die in einer Reihe gegebenen Verbindungen auf die Einprägung einer andern Reihe ausüben, die nur einzelne dieser Verbindungen oder nur gewisse Elemente der- selben enthält, und endlich 5) die Einflüsse begleitender Nebenumstände, wie z. B. des Ortes, an dem ein Lautsymbol im Gesichtsbild dargeboten wurde, seiner Umgebung, Farbe u. dergl. Auch die willkürlich eingeführ- ten Ablenkungen der Aufmerksamkeit durch Nebenreize, die einzige Methode, durch die man bis dahin dem wichtigen Einfluss des Grades der Aufmerksamkeit auf die Vorgänge des Einprägens näher zu treten suchte, lassen sich zu diesen Nebenbedingungen zählen. Natürlich sind dann innerhalb dieser verschiedenen Fälle noch mannigfache Variationen möglich, die aber bisher nur theilweise durchgeführt worden sind.
Geht schon aus diesen allgemeinen Aufgaben, die sich die Gedächt- nissuntersuchung gestellt hat, deutlich hervor, dass es sich bei allen Ge- dächtnissleistungen um complexe Phänomene des associativ-apperceptiven Vorstellungsverlaufs und Gedankenzusammenhangs handelt, so wird das nun ohne weiteres bestätigt, wenn man die einzelnen so gewonnenen Er- gebnisse ins Auge fasst. Hier tritt einerseits der complexe Charakter der Erscheinungen, anderseits aber zugleich der Antheil, den die verschiedenen Functionsrichtungen nehmen, meist klar Tage. Mit dem Bericht über die ermittelten Thatsachen lässt sich daher unmittelbar auch deren Interpreta- tion auf Grund der in den vorangegangenen Capiteln erörterten Erschei- nungen verbinden. Das Wesentliche dieser Ergebnisse ist in folgenden Sätzen zusammenzufassen.
- 1) Lässt man sinnloses, also aller Apperceptions- und Associations- beziehungen entbehrendes Material (sinnlose Silben) in der für die leichte Apperception successiver Eindrücke günstigsten Geschwindigkeit einwirken, so können nach einmaliger Darbietung 6 — 7 unabhängige Laute un- mittelbar fehlerlos reproducirt werden; jedes weitere Element macht die Complexe intellectuelle Functionen. egy Reproduction unsicher1. Lässt man dagegen begrifflich zusammengehörige Reihen, Sätze, einwirken, so bilden 15 — 18 Einzelworte die Grenze, bis zu der eine solche unmittelbare Wiederholung fehlerlos möglich ist2. Unter diesen. Werthen entspricht nun der erste sehr genau dem Umfang der Apperception, der zweite annähernd dem Umfang des Bewusstseins für- successive, in der einfachsten Weise rhythmisch verbundene Eindrücke. Man kann also die mitgetheilten numerischen Ergebnisse für diesen Grenzfall einer Gedächtnissleistung dahin interpretiren: Sicher für die unmittelbare Reproduction behalten werden regelmäßig so viel von einander isolirte Eindrücke, als innerhalb des Focus der Aufmerksamkeit bei raschem successivem Verlauf noch zu einer Einheit vereinigt werden können; von unter einander verbundenen Eindrücken aber so viele, als im allgemeinen Umfang des Bewusstseins unter den gleichen Bedingungen als Gesammt- vorstellung zusammen bestehen können. (Vgl. Cap. XVIII, S. 351 ff.)
2) Werden Reihen von Eindrücken in mehrfacher Wiederholung ge- boten, so steigt dadurch sowohl bei den isolirten wie bei den apperceptiv verbundenen Reihen mit der Zahl der Wiederholungen der Umfang des Behaltenen.» Es sind aber, um einen und denselben Umfang zu gewinnen, bei isolirten Wörtern viel mehr Wiederholungen erforderlich als bei zu- sammenhängenden Sätzen, und bei sinnlosen Lauten wieder mehr als bei Wörtern. So fand EbbinghaüS für die mit der Wiederholung steigende Zahl sinnloser Silben folgende Progression: Sinnlose Verse wurden dagegen 8 — 10 mal schneller gelernt als sinnlose Silben. Von den letzteren bedurften 70 bis 80 ungefähr eine 70 — 80 malige Wiederholung, Verse von gleichem Umfang nur eine 7 — 8 malige3...3) In einer Reihe von Eindrücken besitzen im allgemeinen die einzelnen }e nach i Bedeutung, Betonung oder apperceptiver Verbindung mit andern der gleichen oder einer vorangegangenen Reihe einen abweichenden Ge- dächtnisswerth. Allgemein gilt in dieser Beziehung, dass betonte Laute leichter haften als unbetonte, solche, die die Hauptvorstellungen eines Gedankenzusammenhangs tragen, leichter als bloße Hülfswörter, endlich rhythmische Gruppen, namentlich einfachere, wie Trochäen oder 1 Ebbinghaus, Ueber das Gedächtniss, 1885, S. 64.
2 Binet et Henri, La memoire des phrases, Armee psychol. t. 1, 1895, p. 30. In einer Durchschnittsberechnung, bei der jedoch die Aufmerksamkeitsbedingungen für isolirte Gebilde in den an Schulkindern angestellten Versuchen wohl den bei Sätzen obwaltenden nicht äquivalent waren, schätzen Binet und Henri das Verhältniss der Erhaltungsfähigkeit isolirter und der zu Sätzen verbundener Wörter annähernd auf 1: 25.
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Jamben, leichter als arrhythmische1. In allen diesen Thatsachen spricht sich das Zusammenwirken associativer und apperceptiver Momente deutlich aus. Jeder Eindruck begründet eine um so stärkere Disposition zu seiner Wiedererneuerung, je mehr er selbst apperceptiv gehoben ist, und er überträgt dann diese Disposition in einem mit der Entfernung abnehmenden Grade auf die mit ihm verbundenen minder gehobenen Elemente. Eine solche apperceptive Hebung kann aber entweder schon durch die bloße Betonung geschehen, oder, wie bei Assonanz und Reim, durch qualitative Assimilationshülfen, oder endlich durch den Begriffsinhalt der Vorstellungen. 4) Der begünstigende Einfluss, den die Wiederholung einer einzu- prägenden Reihe von Eindrücken auf die Reproduction ausübt, ist bei gleicher Zahl von Wiederholungen und sonst gleichen Bedingungen der Aufmerksamkeit von der Art der Wiederholung, insbesondere also von der zwischen den Wiederholungen gelegenen Zeit, der Geschwindig- keit jeder einzelnen, der ungetheilt oder stückweise vorgenommenen Wiederholung u. s. w. in hohem Grade abhängig. In einer Anzahl von Wiederholungen derselben Reihe sind nämlich die früheren die wirksameren, und unter sonst gleichen Bedingungen klingt eine früher eingeprägte Gruppe langsamer ab als eine später eingeprägte. Als EBBINGHAUS Reihen von Wörtern erlernt hatte, um sie dann, nachdem sie theilweise oder ganz vergessen worden waren, nach verschiedenen Zeitzwischen- räumen wieder zu lernen, ergaben sich nach den in Stunden gemessenen Zwischenzeiten t folgende Werthe d für die Differenz zwischen der zum ersten und zum zweiten Lernen erforderlichen Zeit: Während also im Verlauf der ersten Stunde schon über die Hälfte des Eingeprägten erloschen war, erfolgte in dem Zeitraum zwischen dem 2. und dem 3 1. Tage nur noch eine sehr geringe Veränderung. Die Ab- hängigkeit, in der hierbei die Treue der Reproduction einer Reihe von der seit ihrer Einprägung verflossenen Zeit steht, scheint sich wiederum, ähnlich wie bei der Reproduction einfacher Eindrücke (S. 485), einer logarithmischen Gesetzmäßigkeit zu nähern2. Dementsprechend wird auch 1 Ebbinghaus, a. a. O. S. 68 f. Einet et Henri, a. a. O. p. 32. (Einfluss der domi- nirenden Wörter.) Müller und Schumann, Zeitschr. f. Psychologie, Bd. 6, 1894, S. 113 ff. M. Smith, Rhythmus und Arbeit, Philos. Stud. Bd. 16, 1900, S. 197 ff. E. Meumann, Ex- perimente über Oekonomie und Technik des Auswendiglernens, Schweizer Lehrerzeitung, b k binghaus annähernd die Formel zutreffend: -^- =, wo b das Behaltene, v das v (log t)c ' Complexe intellectuelle Functionen. cöq eine ältere Gruppe bei gleicher Wiederholungszahl sicherer und fester eingeprägt als eine erst vor kürzerer Zeit gebildete1. In das gleiche Gebiet gehört ferner die Beobachtung, dass ein continuirlicher Gedanken- zusammenhang zur Einprägung eine kleinere Wiederholungszahl nöthig hat, wenn er bei nicht allzu großem Umfang als Ganzes, als wenn er in einzelnen Bruchstücken eingeprägt wird; ja in geringem Grade und bei beschränkterem Umfang scheint das nämliche sogar für sinnlose Lautreihen zu gelten. Endlich übt eine größere Geschwindigkeit im Ablauf der Wiederholungsreihen, sobald diese im allgemeinen schon bekannt sind und keine besondere intellectuelle Arbeit zu ihrem Verstehen erfordern, innerhalb gewisser Grenzen einen verkürzenden Einfluss auf die Zeit der Einprägung aus2. Alle diese Beobachtungen erklären sich unschwer aus den früher erörterten Eigenschaften der Aufmerksamkeit in ihrer Ver- bindung mit den elementaren Bedingungen der Assimilation und Repro- duction. So findet die allmähliche Abnahme des Effects der Wieder- holungen ihre Illustration in der bekannten Erfahrung, dass das Neue die Aufmerksamkeit mehr fesselt als das Gewohnte, gegen das sie sich bald abstumpft. Auch subjectiv bemerkt man daher bei solchen Lernversuchen, unabhängig von der eigentlichen Ermüdung, eine Abnahme der Aufmerksamkeitsspannung. Daneben wird dann freilich der Umstand mit- wirken, dass an sich die Disposition zur Reproduction mit zunehmender Wiederholung relativ immer weniger gesteigert wird. Doch spielt dieser Einfluss wahrscheinlich nur eine nebensächliche Rolle. Hierfür spricht die günstigere Wirkung der Wiederholungen, wenn zwischen je zwei derselben eine größere Pause liegt. Nicht minder bezeichnend ist überdies die Thatsache, dass ein apperceptiver Gedankenzusammenhang von bekannter Beschaffenheit leichter bei schnellem als bei langsamem Durchlaufen, und dass er leichter bei totalen als bei partiellen Wiederholungen angeeignet wird. Der ganze Complex dieser Erscheinungen würde unverständlich bleiben, wenn man bloß die bekannten Annahmen über die Ausbildung von »Spuren« zu Hülfe nehmen wollte. Er erklärt sich aber sofort aus den zu den Dispositionen, die freilich nicht fehlen können, hinzukommen- den apperceptiven Functionen. Für die Ausbildung von »Spuren« könnte Vergessene, i die Zwischenzeit zwischen Einprägung und Reproduction, k und c Constanten bedeuten (ebend. S. 105 f.). Auch die Streuungsverhältnisse der Fehlercurven scheinen interessante Erscheinungen zu bieten (ebend. S. 55 ff.). Doch bedürfen sie noch, da für diese Fälle offenbar das GAUSS'sche Fehlergesetz nicht zutrifft, einer genaueren Unter- suchung, wo möglich an einem nach exacterer Methode gewonnenen Material, auf Grund der Principien der Collectivmaßlehre.
1 A. Jost, Zeitschr. für Psychol. Bd. 14, 1897, S. 436 ff. Müller und Pilzecker, ebend. Ergänzungsband 1, 1900, S. 24 ff.
2 Lottie Steffens, Zeitschr. für Psychol. Bd. 22, 1900, S. 321 ff. Meumann, a. a. O.
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es ja gleichgültig sein, ob die sie erzeugenden Eindrücke rasch oder langsam, in einer Gesammtreihe oder in einzelnen Bruchstücken wiederholt werden. Mit der Apperception verhält es sich anders. Hier liefern die Versuche nur eine Bestätigung der alten Erfahrung, dass die Aufmerk- samkeit durch das Neue, und demnach auch durch das vor längerer Zeit Dagewesene, mehr erregt wird als durch das kurz zuvor erst Wahrge- nommene. Dass ein rascherer Verlauf einer Reihe von Eindrücken mit einer stärkeren Spannung verbunden ist, verräth sich überdies deutlich an den begleitenden Gefühlen und Affecten.
5) Werden in mehreren zu verschiedenen Zeiten einwirkenden Reihen von Eindrücken einzelne jedesmal in abweichenden Verbindungen wieder- holt, so zeigt jeder Eindruck, namentlich wenn er gleichzeitig betont, z. B. rhythmisch gehoben ist, die Tendenz, die vorher mit ihm verbundenen Eindrücke ins Bewusstsein zu heben. Dabei wirkt aber dieser Einfiuss hauptsächlich in vorwärts gerichtetem, weit weniger in rückläufigem Sinne: von drei successiven Eindrücken <?, b, c hebt also bei der Wieder- holung b leichter c als a ins Bewusstsein, und die Folge b a stellt sich im allgemeinen überhaupt nur dann ein, wenn ein nachfolgender Ein- druck c fehlt oder durch compensirende Reproductionswirkungen anderer Elemente aufgehoben wird. Stehen endlich einem und demselben Ein- druck bei seiner Wiederholung mehrere solche Reproductionstendenzen gegenüber, indem auf das Glied a einer neuen Reihe die beiden Ver- bindungen a b und a c wirken, so treten dadurch Hemmungsphänomene ein, die sich zunächst durch eine Verzögerung, zuweilen auch direct durch einen im Bewusstsein wahrnehmbaren Widerstreit der Reproductionen b und c verrathen. Aehnliche Wirkungen machen sich geltend, wenn sonstige Verschiebungen oder Vermischungen der Glieder vorkommen. Dabei zeigt sich stets, dass irgend ein einzelnes Glied nicht bloß mit dem ihm nächsten, sondern dass es über irgend welche Zwischenglieder hinaus auch mit andern Gliedern der gleichen Reihe associativ verbunden ist und daher, sobald günstige Bedingungen hinzutreten, diese ins Be- wusstsein heben kann. Solche Bedingungen sind auch hier stärkere Be- tonung, häufigere Wiederholung, oder aber begleitende räumliche Vor- stellungen und sonstige auszeichnende Merkmale1. Augenscheinlich sind alle diese Förderungen und Hemmungen durch geänderte Combination und Reihenfolge der Eindrücke wiederum complicirte Wirkungen, bei denen aber in Folge der speciellen hier eingeführten Versuchsbedingungen die rein associativen Momente überwiegen, die sich im einzelnen Fall je nach den besonderen Verhältnissen bald unterstützen bald hemmen, während Complexe intellektuelle Functionen. egj auf den Endeffect doch die Richtung der Aufmerksamkeit stets den ent- scheidenden Einfluss ausübt, was sich vor allem in der vorwaltenden Wirkung der einzelnen bei ihrer ersten Einwirkung apperceptiv gehobenen oder der einem gegebenen apperceptiven Ganzen sich einordnenden Ein- drücke ausspricht.
6) Wie bei den soeben geschilderten Beobachtungen die Asso- ciationen die Angriffspunkte für die willkürliche Variation der Be- dingungen bildeten, so kann in einer letzten Gruppe die Apperception der Eindrücke der directe Angriffspunkt experimenteller Beeinflussung sein. Eine solche Beeinflussung kann aber wieder in doppelter Weise stattfinden: in der Form der Ablenkung der Aufmerksamkeit während der Einwir- kung eines bestimmten Gedächtnissstoffes, oder in der Form der Beschäf- tigung derselben mit einem andern, fern liegenden Gegenstand nach der Einwirkung, in der zwischen den Eindrücken und ihrer Reproduction ge- legenen Zeit. Das erstere Verfahren kann man kurz als das der Ab- lenkungs-, das letztere als das der Zerstreuungsversuche bezeichnen. Die Ablenkungsversuche zeigen durchweg eine sehr starke, augenschein- lich mit der Intensität der ablenkenden Reize und ihrer apperceptiven Wirkung wachsende Abnahme der Gedächtnissleistungen1. Eine ähnliche und zum Theil noch beträchtlichere Herabsetzung erzeugen medicamen- töse Stoffe, welche die Auffassung der Eindrücke schädigen, wie z. B. der Alkohol. »Auffassungsfähigkeit« und »Merkfähigkeit« scheinen also durch- weg einander parallel zu gehen2, — eine Beziehung, die wahrscheinlich auch für die meisten Abweichungen vom psychischen Normalzustand, z. B.
für die Auffassungs- und Merkfähigkeit der Maniakalischen oder der Im- becillen, Platz greift, gleichwohl aber als eine allgemeingültige nicht hin- gestellt werden darf, da z. B. im Hungerzustand die Auffassungsfähigkeit nicht merklich beeinfiusst wird, während die Gedächtnissleistungen in fort- schreitendem Maße abnehmen3. Geringgradiger als die ablenkenden gleichzeitiger Reize sind die zerstreuenden Wirkungen, die solche Ein- drücke ausüben, welche die Aufmerksamkeit in der Zwischenzeit zwischen der ersten Einprägung und ihrer Wiederholung beschäftigen. Immerhin bilden auch diese Wirkungen einen charakteristischen Gegensatz zu der günstigen Wirkung, die solche Zwischenreize auf die einfachen Repro- ductionserscheinungen äußern (S. 484 ff.)4.
1 R.Vogt, Ueber Ablenkbarkeit und Gewöhnungsfähigkeit, Kraepelins Psychol. Arbeiten, Bd. 3, 1901, S. 125 ff. J. FlNZl, Ueber Auffassungsfähigkeit und Merkfähigkeit, ebend. S. 343 ff.
2 E. Rüdin, Auffassungs- und Merkfähigkeit unter Alkoholwirkung, ebend. Bd. 4, 3 W. Weygandt, Ueber die Beeinflussung geistiger Leistungen durch Hungern, ebend.
4 Münsterberg and Bigham, Psychol. Rev. vol. 1, 1894, p. 34 ff. Auch Ablenkungscq2 Psychische Verbindungen.
c. Typische Unterschiede der Gedächtnissleistu'ngen.