dieser Richtung wünschens werth sein.
Die Untersuchung der Unterschiedsschwellen des Zeitsinns ist ver- möge der besonderen Bedingungen dieses Gebietes im wesentlichen auf zwei der früher (Bd. 1, S. 466 ff.) erörterten psychischen Maßmethoden, nämlich auf die Abstufungsmethoden der »Minimaländerungen« und der »mittleren Fehler« angewiesen. Die Methode der »richtigen und falschen Fälle« begegnet hier zwei sehr großen Schwierigkeiten. Erstens ist der sogenannte »Zeitsinn« kein Vorstellungsgebiet, auf dem sich die einzelnen der Schätzung unterworfenen Größen während längerer Zeit unverändert erhalten lassen, wie das bei den eigentlichen Empfindungsgrößen und auch noch bei den Raumvorstellungen des Auges annähernd zutrifft. Vielmehr liegt es in der Natur der Zeitvor- stellungen, dass die Bedingungen derselben fortwährenden Veränderungen unterworfen sind. Es ist daher kaum möglich, die zu einem einzelnen nu- merischen Resultat erforderlichen Fälle zu sammeln, ohne dass die zu mes- sende Größe selbst im Lauf der Versuche unberechenbare Veränderungen erfährt. Zweitens führt der bei der »r- und /-Methode« geforderte Wechsel der Zeitlagen bei den Zeitvorstellungen im allgemeinen wesentlich abweichende Bedingungen für die Entstehung der Vorstellungen mit sich, so dass die in beiden Zeitlagen ausgeführten Versuche nicht unmittelbar mit einander vergleichbar sind2. Auf die instrumenteilen Hülfsmittel zur Untersuchung dieser Unterschiedsschwelle soll, da sie wesentlich mit Rücksicht auf die »mittelbaren«, durch reproductive Vorgänge beeinflussten Zeitvorstellungen ausgebildet worden sind, erst bei den Reproductionserscheinungen (in Abschn. V, Cap. XVIII, 3) näher eingegangen werden.
1 Weyer, Philos. Stud. Bd. 14, 1898, S. 626 ff.
2 Vgl. hierzu F. Schümanns Zeitsinnversuche nach der r- und /-Methode, Zeitschr. f. Psychol. Bd. 4, 1892. S. iff., und E. Meumanns Kritische Bemerkungen zu denselben, Philos. Stud. Bd. 8, 1893, S. 456 ff.
4. Zeittäuschungen.
Unter dem Namen der »Zeittäuschungen« lassen sich alle diejenigen Veränderungen in der Auffassung von Zeitgrößen zusammenfassen, bei denen entweder verschiedene Zeitstrecken in einem von ihrem wirklichen abweichenden Größenverhältniss oder in einer der wirklichen entgegen- gesetzten Zeitfolge aufgefasst werden. Die Täuschungen der ersteren Art bezeichnen wir als »zeitliche Größentäuschungen«, die der zweiten als »Zeitverschiebungen«. Da es ein absolutes Zeitmaß ebenso wenig wie ein absolutes Raummaß in unserer Wahrnehmung gibt, so können sich beide Täuschungen wiederum nur auf das Verhältniss verschiedener Zeitwerthe zu einander beziehen. Weiterhin besteht dann aber eine gewisse allgemeine Analogie zwischen den früher (Bd. 2, S. 544) be- sprochenen Raum- und den Zeittäuschungen auch darin, dass die zeit- lichen Größentäuschungen mit den räumlichen Streckentäuschungen in Parallele gebracht werden können, während die Zeitverschiebungen inso- fern den Richtungstäuschungen verwandt erscheinen, als in beiden Fällen die einzelnen Eindrücke selbst, hier in ihrem Verhältniss zum umgeben- den Raum, dort in dem zum Gesammtablauf der Zeit verändert erscheinen. Dabei bewahrt aber natürlich jede der beiden Formen der Ordnung unserer Empfindungen ihre Eigenart, wie sich besonders bei den Zeitverschiebungen zeigt, die durchaus von jener Eigenschaft der Zeit beherrscht sind, die mathematisch ihre eindimensionale Natur genannt wird, wo- gegen den Richtungstäuschungen linearer Strecken im Raum die Mehr- dimensionalität des letzteren ihren Charakter verleiht. Da die räum- lichen Streckentäuschungen überall auf die Auffassung der Verhältnisse linearer Raumstrecken zurückführen, so treten demnach die Größen- täuschungen auf beiden Gebieten in eine viel nähere Analogie als die Richtungstäuschungen. Dazu kommt, dass bei den Zeittäuschungen jene Veränderungen, die bei der Vergleichung unmittelbarer und früher durch- lebter Zeiträume eintreten, von viel eingreifenderer Bedeutung sind als die entsprechenden Erscheinungen bei der Vergleichung directer und reproducirter Raumvorstellungen. Denn in Folge der fließenden Natur der Zeitvorstellungen gehen bei ihnen directe und reproducirte Eindrücke continuirlich in einander über. Wegen der hervorragenden Wichtigkeit des Zeitgedächtnisses für die Phänomene der successiven Association und Reproduction wird uns jedoch dieser Gegenstand erst bei der allgemeinen Erörterung der Reproductionserscheinungen (in Abschn. V) beschäf- tigen können. Hier beschränken wir uns daher auf die Betrachtung der beiden oben unterschiedenen Gruppen von Zeittäuschungen bei un- mittelbaren Zeitvorstellungen.
ca Zeitvorstellungen.
a. Größentäuschungen des Zeitsinns bei unmittelbaren Zeitvorstellungen.
Größentäuschungen des Zeitsinns können entweder darin zum Aus- druck kommen, dass von zwei oder mehr objectiv gleichen Zeitstrecken die einen größer aufgefasst werden als die andern, oder darin, dass Zeitstrecken, die objectiv verschieden sind, gleich oder in der ihrem objectiven Unterschied entgegengesetzten Richtung verschieden erscheinen. Alle diese Täuschungen fallen so lange in das Gebiet unmittelbarer Zeit- täuschungen, als vermöge der sonstigen Bedingungen und Eigenschaften derselben die verglichenen Zeitstrecken noch im Bewusstsein zusammen- gehalten werden können. Dies setzt naturgemäß voraus, dass die Zeit- strecken hinreichend kurz seien, und dass sie hinreichend schnell auf einander folgen. Wir werden später sehen, dass die Grenzen, bis zu denen diese Bedingung erfüllt ist, im allgemeinen leicht mittelst der für die Bestimmung des »Bewusstseinsumfanges« geltenden Kriterien fest- zustellen sind. (Abschn. V, Cap. XVIII.)
Innerhalb dieser Grenzen besitzen nun alle Täuschungen über die Größe von Zeitstrecken den Charakter von Geschwindigkeits- täuschungen. Denn die Bedingung zur Entstehung einer Geschwin- digkeitsvorstellung besteht eben darin, dass die successiven Eindrücke wenigstens in einem Theil ihres Verlaufs unmittelbar im Bewusstsein vereinigt werden. Sobald dagegen ein zweiter Eindruck kommt, nach- dem der vorangegangene schon aus dem Bewusstsein verschwunden ist, so verlieren wir jedes Geschwindigkeitsmaß für die Aufeinanderfolge. An sich können aber zur Erweckung solcher Geschwindigkeitsvorstel- lungen sowohl »reizerfüllte« wie »reizleere« Strecken in dem oben defi- nirten Sinne dienen. Ein Beispiel der ersten Art bietet die Aufeinander- folge der Klangvorstellungen einer Melodie, ein Beispiel der zweiten eine Reihe sich folgender Taktschläge, z. B. der Schläge des Metronoms oder der Hammerschläge des Taktirapparates (Fig. 313, S. 38). Wegen der scharfen Bestimmtheit, mit der bei reizfreien Intervallen die einzelnen Strecken gegen einander begrenzt sind, ist für die vorliegenden Zwecke die Taktirmethode vorzuziehen, wie ja überhaupt in diesem Fall die Zeitschätzung an und für sich schon viel genauer ist. Die unter dieser Bedingung zu beobachtenden Geschwindigkeitstäuschungen können dann wieder in zwei Gruppen geschieden werden: in die Täuschungen bei gleichförmig ablaufenden Eindrücken, und in diejenigen beim Inten- sitäts- oder Qualitätswechsel derselben.
Die Geschwindigkeitstäuschungen bei gleichförmig ablau- fenden Reizreihen sind in der Regel entweder mit Intensitätstäuschungen oder aber mit wirklichen Intensitätsunterschieden der Eindrücke ver- bunden. Zeittäuschungen mit gleichzeitigen Intensitätstäuschungen haben wir bereits bei den oben geschilderten Taktirversuchen kennen gelernt. Eine am Taktirapparat hergestellte Taktreihe ist nach Intensität der Taktschläge wie Größe der Intervalle vollkommen gleichförmig. Trotz- dem hören wir sie bei ungezwungener Auffassung in beiden Beziehungen ungleichförmig: im Wechsel betonter und unbetonter Taktschläge er- scheinen jene intensiver als diese, und jeder durch einen solchen Inten- sitätswechsel abgesonderte Takttheil scheint durch ein größeres Zeit- intervall von den andern ähnlichen Takttheilen getrennt zu sein. Wir hören also die gleichförmig ablaufende Reihe bei sinkendem Rhythmus in der Form: bei steigendem in der andern oder, wenn man dreigliedrig taktirt, in Formen wie: wo jedesmal der Verticalstrich ein scheinbar größeres Intervall bezeichnet. Entsprechend bilden sich dann bei dem Hineinhören complicirterer Takt- maße weitere Zeitunterschiede, indem, eine größere Taktgruppe jeweils durch ein längeres Intervall von der folgenden getrennt erscheint, als es die Untergruppen unter sich sind. Der 3/4- und der 4/4-Takt (S. 29) zeigen also z. B., wenn wir die verschiedene Länge der Pausen durch die Zahl der kleinen verticalen Zwischenstriche andeuten, folgenden Verlauf: Wie drei Grade der Hebung nicht überschritten werden können, so gibt es auch höchstens drei Grade scheinbarer Vergrößerung des Intervalls zwischen zwei Eindrücken: die kleinste Verlängerung fällt dabei zwischen die kleinsten Taktgruppen, die größte zwischen die ganzen Takte. Offen- bar ist es in allen diesen Fällen die Sonderung der Taktgruppe, die die entsprechende scheinbare Aenderung der Zeitintervalle nach sich zieht. Diejenige Gruppe von Eindrücken, die wir als ein Ganzes apper- cipiren, sondert sich auch zeitlich um so mehr von ihrer Umgebung, je mehr sie als rhythmische Einheit von der vorangehenden oder nach- folgenden Gruppe gesondert ist.
Dieser subjective Eindruck verschiedener Hebungen und Pausen verwandelt sich natürlich in dem Augenblick in ein objectives Inten- sität^- und Zeitverhältniss, sobald man eine solche rhythmische Reihe durch eigne Bewegungen, z. B. durch Taktschlagen mit dem Finger, nachzubilden sucht. Dabei zeigt sich aber noch außerdem, dass nicht bloß den Intervallen zwischen den Eindrücken, sondern auch diesen selbst verschiedene Zeitwerthe gegeben werden, indem der betontere Eindruck stets als der länger dauernde erscheint gegenüber dem minder betonten z. Ahmt man etwa die einfachen Dreitakte durch Taktschläge nach, die auf einer mit gleichförmiger Geschwindig- keit rotirenden Kymographiontrommel registrirt werden, so erhält man folgende Bilder: Sie zeigen zugleich, was sich übrigens leicht auch durch die subjective Beobachtung bestätigen lässt, dass schon hier die beiden gesenkten Takt- schläge ebenfalls an Intensität und Dauer verschieden sind. Genauer würden also beide Dreitakte durch -0-0-0- (sinkend) und -0-0-0- (steigend) wiederzugeben sein.
Wie die zusammenfassende Apperception eines Ganzen scheinbare Intensitäts- und Zeitunterschiede hervorbringt, die von uns bei selbst- thätiger Reproduction wieder in entsprechende objective Werthe über- tragen werden, so können nun auch umgekehrt solche eintreten, indem objective Unterschiede der Reize, die bloß intensiver oder qualitativer Art sind, zugleich scheinbare Zeitänderungen herbeiführen. Stellt man z. B.
ein Metronom auf, das in Intervallen von 0,3 — 0,5 See. seine regelmäßigen Taktschläge ausführt, und lässt man dann abwechselnd den Schall dieser Taktschläge bald frei, bald stark geschwächt durch einen Schalldämpfer auf das Ohr einwirken, so scheint sich das Tempo immer in dem Mo- ment zu beschleunigen, wo sich die Taktschläge verstärken, und zu verlangsamen, sobald sie schwächer gehört werden1. Die Erscheinung ist um so deutlicher, je mehr die Auffassung der schwachen Eindrücke mit einer merklichen Spannung der Aufmerksamkeit auf dieselben ver- bunden ist, und sie hört ganz auf oder kann sich sogar in ihr Gegen- theil umkehren, wenn die Aenderung des Schalles innerhalb höherer Werthe der Intensitätsscala geschieht. Die hierin hervortretende Be- deutung der wechselnden Spannung der Aufmerksamkeit wird durch die weitere Beobachtung bestätigt, dass solche scheinbare Geschwindigkeits- unterschiede auch bei gleich bleibender Schallstärke lediglich dadurch entstehen können, dass man abwechselnd die Aufmerksamkeit auf die Taktschläge richtet oder sie einem andern Object zuwendet. In dem Augenblick des Hinhörens auf die Taktschläge scheint sich dann die Geschwindigkeit zu verlangsamen. Mit dieser Erscheinung hängt wahr- scheinlich noch eine andere, nicht regelmäßig, aber bisweilen zu machende Beobachtung zusammen. Sie besteht darin, dass sich eine gleichförmige Reihe von Taktschlägen in ihrem Verlauf etwas zu beschleunigen scheint2. Vergleicht man daher eine kürzere und eine längere objeetiv vollkommen gleichförmige Reihe von Schlägen, die kurz nach einander dargeboten werden, so erscheint die längere Reihe immer zugleich als die schnellere. Da jede Reihe bei ihrem Beginn die Aufmerksamkeit am meisten auf sich zieht, so ist wohl auch hier die scheinbare Beschleunigung ein Phä- nomen, das den Nachlass der Aufmerksamkeitsspannung begleitet. Ebenso ist die leicht zu bestätigende Beobachtung, dass man eine durch Tak- tiren mit dem Finger hergestellte Taktreihe allmählich, ohne es zu merken, beschleunigt, offenbar eine Modification der gleichen Er- scheinung.
In der nämlichen Richtung bewegen sich die Veränderungen, die in der Schätzung eingetheilter und nicht eingetheilter Zeitstrecken je nach der Länge derselben eintreten3. Lässt man nach einander zwei durch einfache Taktschläge begrenzte Strecken von etwa 0,5 — 1,5 See. einwirken, von denen die eine reizfrei, die andere von mehreren in gleich- mäßigen Intervallen sich folgenden Schlägen erfüllt ist, so erscheint die 1 E. Meumann, Philos. Stud. Bd. 9, 1894, S. 269 ff. Nichols, Amer, Journ. of Psychol.
3 Meumann, ebend. S. 142 ff.
58 Zeitvorstellungen.
eingetheilte Zeit größer als die nicht eingetheilte, ganz wie eine einge- teilte Raumstrecke dem Tast- und Gesichtssinn im allgemeinen größer erscheint (Bd. 2, S. 463 u. 548). Aber bei dem Zeitsinn kehrt sich die Er- scheinung um, sobald man zu größeren, der Grenze der unmittelbaren Zeit- vorstellungen näher kommenden Zeitstrecken von 2 und mehr See. über- geht: jetzt erreicht man einen Punkt, wo die leere Strecke der reizerfüllten zuerst gleich und dann größer erscheint als diese. Dabei fällt die Um- kehtung der Täuschung sehr deutlich mit dem Punkt zusammen, wo die Erwartungsspannung bei der Auffassung der leeren Strecke eine größere Intensität gewinnt1. Die gleichen Täuschungen beobachtet man auch, wenn die Zeitstrecken durch Tast- und Lichteindrücke begrenzt und ausgefüllt werden. In beiden Fällen, und am meisten beim Tast- sinn, ist die Ueberschätzung der reizerfüllten Zeitstrecke sogar noch größer als bei Schallreizen. Wahrscheinlich hängt dies damit zusammen, dass überhaupt der Gehörssinn die relativ kürzesten Zeitauffassungen vermittelt. So schätzt man das Intervall zwischen zwei kurz nach ein- ander überspringenden elektrischen Funken größer, wenn man die Fun- ken bloß sieht, als wenn man sie zugleich hört. Ebenso ist dann aber wieder das directe dem indirecten Sehen in der Zeitauffassung überlegen. Die nämliche Funkenreihe erscheint daher, wie schon Czermak beobachtete,. im directen Sehen rascher als im indirecten2.
Wird ferner eine Reihe in gleichen Intervallen sich folgender Reize durch einen objeetiven Intensitäts- oder Qualitätswechsel einzelner Eindrücke verändert, so hat dies zunächst auf die Zeitauffassung den nämlichen Einfluss, wie die bloß subjeetive Betonung. Doch lassen sich hierbei leicht auch Bedingungen herstellen, die bei der bloß subjeetiven Rhythmisirung nicht leicht einzutreten pflegen. Wird z. B. innerhalb einer sonst gleichförmig ablaufenden Reihe nur ein einzelner Eindruck ausgezeichnet, so besteht die Wirkung in der Regel darin, dass das diesem Eindruck vorangehende Intervall verkürzt und das ihm folgende verlängert erscheint. Wenn wir die objeetive Verstärkung (im Unter- schied von dem die bloß subjeetive andeutenden Punkt) durch einen Accent, und das scheinbar verkürzte Intervall durch das Zeichen w, das verlängerte durch - andeuten, so verläuft also die Reihe, abgesehen 1 An dem oben (Fig. 313, S. 38) beschriebenen Taktirapparat sind links von den zu Taktirungen von wachsender Geschwindigkeit dienenden Stiftreihen Einrichtungen an- gebracht, welche diese beiden Fälle der Wirkung der Eintheilung der Zeitstrecken zeigen. An einem ersten Kreis beträgt die Zeit 1 See, an zwei weiteren je 22/3 See. Jede dieser Zeiten ist einmal ungetheilt, und einmal durch Zwischentakte in Intervalle von I/g See. getheilt. Bei der Strecke von 1 See. erscheint die Zeitstrecke durch die Eintheilung deut- lich verlängert, bei der Dauer von 22/3 See. ebenso deutlich verkürzt.
2 Meumann, ebend. S. 195 ff.
Zeittäuschungen. cq von den etwa nebenhergehenden subjectiven Betonungsunterschieden, foleendermaßen: I!! I I I!!
Noch deutlicher tritt die nämliche Erscheinung bei einer kleineren Zahl, besonders aber bei bloß drei Eindrücken hervor: lu lLi uu Die Täuschung besteht schon bei einer einzigen dieser Triolen, sie wird nur deutlicher, wenn man mehrere auf einander folgen lässt1. Man hat dann bei jedem Dreitakt die Vorstellung einer zuerst zu-, dann wieder abnehmenden Geschwindigkeit.
Eine bloße Modification dieser Täuschung, bei der aber die gegen- sätzliche Wirkung der auf- und absteigenden Betonung noch augenfälliger ist, zeigt sich, wenn man zwei aus je zwei Schlägen bestehende Takte in einem angemessenen Zwischenraum sich folgen lässt, und entweder die Schläge der ersten oder die der zweiten Gruppe stärker betont; dann wird das Intervall der starken Schläge relativ kleiner geschätzt, wenn es nachfolgt, größer, wenn es vorausgeht, nach dem Schema: Hier hat man bei der ersten Anordnung die deutliche Vorstellung einer beschleunigten Bewegung, während die andere den Eindruck einer sol- chen macht, die sofort mit großer Stärke einsetzt, um dann im weiteren Fortgang schwächer und zugleich schneller zu werden, so dass eine ähnliche Wirkung eintritt, wie man sie bei gleichen Taktschlägen be- obachtet, wenn sie der Aufmerksamkeit entschwinden: die Intervalle ver- kürzen sich. Diesem Unterschied der Bedingungen entspricht es wohl, dass auch die Zeitgrenzen, bis zu denen diese Täuschungen bemerkt 1 Für diese Versuche mit drei in gleichen oder auch beliebig verschiedenen Inter- vallen einander folgenden Reizen kann man sich des oben beschriebenen Zeitschwellen- apparates (S. 51, Fig. 314) bedienen. Stellt man an demselben z. B. drei Contacte so ein, dass der mittlere dem Durchtritt des Pendels durch die Gleichgewichtslage ent- spricht, während der erste und dritte gleich weit von demselben abstehen, so erhält man eine der gleichförmigen Triole entsprechende Folge von Stromstößen, deren jeder sich auf einen elektromagnetischen Schallhammer, wie in Fig. 313, S. 38, übertragen lässt. Durch die Verbindung der einzelnen Contacte mit Schallhämmern von verschiedener Schall- stärke oder durch Variirung des Abstandes der Contacte lassen sich dann die verschiede- nen Modifikationen dieser Versuche ausführen. Doch bedient man sich noch zweckmäßiger hierbei der später, bei der Erörterung der Erscheinungen des Bewusstseinsumfanges und der Zeitreproductionen (Abschn. V, Cap. XVIII, 1 und 3) zu beschreibenden »Zeitsinn- apparate«, die mannigfaltigere Abänderungen der Bedingungen sowie beliebige Wieder- holungen der Taktgruppen leichter zulassen.
60 Zeitvorstellungen.
werden, für beide Täuschungen abweichen, indem zwar beide nur bei kleinen Zeitintervallen, die erste aber doch innerhalb eines weiteren Spiel- raums beobachtet wird als die zweite: hier verschwindet nämlich der Unterschied schon bei etwa 0,55, dort erst bei 1,05 See. Die Vorstel- lung der zunehmenden Geschwindigkeit ist eben die uns geläufigere und daher auch innerhalb weiterer Grenzen associativ wirksamere. Der Ein- druck des Sinkens der Aufmerksamkeit, der in Folge der Abnahme der Schallstärke auf einen unterhalb der vorhandenen Adaptation liegenden Grad entsteht, schwindet aber, sobald ihr durch ein zureichendes Inter- vall zu einer neuen Anpassung Zeit gelassen wird.
Analoge Scheinänderungen der objeetiv gleichen Intervalle beob- achtet man, wenn der verstärkte Eindruck nicht in die Mitte, sondern an den Anfang oder an das Eftde der Triole verlegt wird. Nun folgt nämlich im ersten Falj dem voranstehenden intensiveren Schlag unmittel- bar eine längere Pause, wogegen sie im zweiten Fall dem zuletzt stehenden vorangeht, also: Der betonte Taktschlag bewirkt demnach auch hier jedesmal eine Ver- längerung des Intervalls: als Nachwirkung, wenn er die Gruppe beginnt, als Vorauswirkung, wenn er sie abschließt. Hält man diese Erschei- nungen mit denen zusammen, die bei der Rhythmisirung völlig gleich- förmig ablaufender Taktreihen entstehen, so ist die unmittelbare Beziehung zu der mehr oder minder energischen Apperception der verschiedenen Taktschläge unverkennbar. Wie sich bei der unwillkürlichen Rhyth- misirung der stärker gehobene, d. h. von der Aufmerksamkeit bevorzugte Eindruck nicht bloß durch scheinbar größere Intensität, sondern auch durch ein scheinbar größeres Zeitintervall von seiner Umgebung trennt, so ist das auch hier der Fall. In beiden Fällen aber hängt es von den besonderen Bedingungen der ablaufenden Eindrücke ab, an welcher Stelle, ob dem gehobenen Eindruck vorausgehend oder ihm nachfolgend, die größere Pause liegt. Die drei möglichen Fälle des Dreitakts zeigen die Unterschiede dieser Bedingungen sehr deutlich. Steht der betonte Taktschlag am Anfang, so äußert sich die stärkere Hebung in einer verlängerten Nachwirkung, ebenso in der Mitte der Gruppe. Bildet dagegen der gehobene Taktschlag den Schluss, so äußert sich dies in der einer stärkeren vorbereitenden Spannung der Aufmerksamkeit ent- sprechenden längeren Vorpause. ' Ihrem ganzen Charakter nach sind demnach diese Erscheinungen nur besondere, den speciellen Bedingungen angepasste Anwendungen der bei dem Hinhören auf eine gleichförmige Taktreihe sich aufdrängenden Thatsache, dass die energischere An- strengung der Apperception die Zeitvorstellungen relativ vergrößert, und dass ihr Sinken sie verkleinert. Zugleich tritt aber dabei deutlich auch noch die andere Thatsache hervor, dass jede so entstehende Zeit- verlängerung eines Intervalls mit einer entsprechenden Zeitverkürzung des ergänzenden, auf der entgegengesetzten Seite des gehobenen Takt- schlags gelegenen Intervalls verbunden ist. Der verlängernden Nachwir- kung entspricht also regelmäßig eine verkürzende Vorauswirkung, und umgekehrt.
Hiermit stimmen nun weiterhin auch diejenigen Erscheinungen überein, die man beobachtet, wenn statt des einen zwei Eindrücke in dem Drei- takt durch stärkere Intensität gehoben werden. Wieder sind hier drei Fälle möglich: entweder bilden die zwei Hebungen den Anfang oder den Schluss des Taktes, oder sie schließen den schwachen Takttheil ein. Danach gestalten sich in diesen drei Fällen die Erscheinungen folgender- maßen: Die intensivere Taktgruppe erscheint verlängert, die schwächere verkürzt; und wo zwei intensivere Taktschläge einen schwachen einschließen, da erscheint im allgemeinen der zweite betonte Schlag als der stärker be- tonte, und demnach die ihm vorangehende Pause als die relativ längere, so dass die beiden Gruppen die sich in der Vertheilung der Betonungen symmetrisch ergänzen, in der Lage des längeren Intervalls mit einander übereinstimmen.
Genau die gleichen Beziehungen ergeben sich endlich, wenn man, statt die Intervalle gleich zu machen und die Schallstärken zu ändern, umgekehrt die ersteren variirt und die letzteren constant lässt. Dann wirkt sowohl die vorangehende wie die nachfolgende längere Pause hebend auf den Eindruck, und es hängt von den besonderen Bedingungen der Vertheilung der Intervalle ab, welche dieser Wirkungen überwiegt, oder ob beide sich verstärken. Aehnlich wie schon bei dem objectiv gleichförmigen Dreitakt ~0~f~0~ (s. oben S. 56), beobachtet man aber hier stets zugleich zwei Grade der Hebung. Deuten wir die objectiv längeren Zeitintervalle zwischen den Taktschlägen durch größere Raum- strecken und die subjectiven Betonungen wieder durch Punkte an, so ergeben sich demnach, unter Hinzunahme der Betonungen bei gleichen Zwischenzeiten, folgende Hauptfälle: Der dritte Fall ist dem ersten ähnlich, der vierte bildet die Umkehrung des zweiten, doch erscheinen beidemal die Betonungen verstärkt, indem dort die längere Pause einen ihr folgenden Schlag gegenüber dem un- betonten Takttheil mehr hebt, hier über diesen hinaus auf den dritten Schlag einwirkt, der daher im letzten dieser Fälle durch gleichzeitige Vor- und Nachwirkung am stärksten gehoben ist. Aehnliche Fernewirkungen entstehen auch dann, wenn in zwei nach einander kommenden Gruppen die Intervallverhältnisse geändert werden. Dann können sich nämlich in der zweiten Gruppe unter der Nachwirkung der ersten die Betonungs- verhältnisse verschieden gestalten. So betonen wir: Hier werden also beide Gruppen zu einer Gesammtgruppe mit stei- gend-fallendem Rhythmus vereinigt. Für das Verständniss aller dieser Größentäuschungen bei unmittelbaren Zeitvorstellungen ist vor allem die bei kürzeren wie längeren Taktreihen sich aufdrängende Beobachtung maßgebend, dass es keine Aufeinanderfolge von Eindrücken gibt, die nicht irgendwie rhythmisch aufgefasst würde. Schon zwei oder drei Taktschläge, mögen letztere nun in gleichen oder ungleichen Intervallen einander folgen, bilden, auch wenn sie für sich allein stehen, ein rhyth- misches Ganzes, und dieser Eindruck wird nicht erst erzeugt, sondern nur verstärkt, wenn die gleiche Gruppe wiederholt wird. Nun spielt aber bei allen rhythmischen Vorstellungen die Spannung der Aufmerk- samkeit die herrschende Rolle. Sie ist hier wie überall wiederum in doppelter Weise wirksam: erstens als vorbereitende Spannung auf den kommenden Eindruck, und zweitens als Nachwirkung des voraus- gegangenen. Diese Wirkung übt an und für sich jeder irgendwie rhyth- misch eingeordnete Reiz aus. Sie wächst aber naturgemäß mit der Stärke desselben, sei diese nun eine objectiv gegebene oder bloß durch subjective Betonung, also durch die Aufmerksamkeit selbst erzeugte. Befindet sich irgendwo in einer Gruppe von Eindrücken ein in solcher