SigPhi · Wilhelm Wundt

Grundzüge der physiologischen Psychologie (3. Auflage)

German

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Dieses Princip hat jedoch, wie nicht übersehen werden darf, keines- wegs die Bedeutung einer allgemeinen Regel, auf die wir etwa einzelne Thatsachen oder Verbindungen von Thatsachen als ihre speciellen Fälle zurückführen könnten. Nichts ist daher verkehrter, als wenn man dasselbe mit einem empirischen Naturgesetz vergleicht, das eine Menge einzelner Gesetze oder Regelmäßigkeiten des Geschehens umfasst. Denn es ist keine Regel, die wir durch Verallgemeinerung aus einer Anzahl besonderer Regelmäßigkeiten des Geschehens gewinnen, sondern es ist eine Norm unseres Denkens, nach der wir das Gegebene ordnen, und die ihrer- Logische Grundlagen der Naturwissenschaft. 58 1 seits lediglich dies zur Voraussetzung- hat, dass sich unsere denkende Verknüpfung der Erscheinungen überall, welchem Gebiet diese auch an- gehören mögen, in Urtheilen und Schlussfolgerungen bethätigt. In der um- fassenderen dieser Denkfunctionen, dem Schlüsse, liegt aber als Einzel- function bereits die logische Thätigkeit vorgebildet, die nun das Princip des Erkenntnissgrundes auf die Gesammtheit der Erkenntnissinhalte über- trägt. Darum ist dieses Princip selbst kein Gesetz mit bestimmtem, wenn auch noch so abstractem Inhalt, sondern eine methodische Regel, der jede einzelne Gesetzmäßigkeit, die wir in irgend einem Erfahrungs- gebiet feststellen, zu folgen hat, und die zunächst für jedes einzelne, nach gewissen empirischen Kriterien zu sondernde Wissenschaftsgebiet, dann aber schließlich nicht minder für den Zusammenhang der verschiedenen Gebiete seine Geltung behauptet. Wenn für diesen weiteren Zusammen- hang die Auffindung positiver Verknüpfungen immer spärlicher wird und sich endlich auf wenige Regelmäßigkeiten von allgemeingültiger Bedeutung beschränkt, so pflegt gleichwohl auch hier die universelle Function des Erkenntnissprincips einen negativen Ausdruck darin zu finden, dass die einzelnen Verknüpfungen nach Gründen und Folgen, wo und wie sie auch ausgeführt werden mögen, niemals einander widersprechen dürfen. Wir bezeichnen diesen dem Princip des Erkenntnissgrundes vermöge seiner Allgemeingültigkeit beizuordnenden wichtigen Grundsatz als das Princip des widerspruchslosen Zusammenhangs unserer Erkenntnisse. Dasselbe sagt zunächst wiederum nicht aus, dass alle Erkenntnisse that- sächlich in einen logischen Zusammenhang gebracht werden müssen; aber es negirt die Annahme solcher Verknüpfungen auf irgend einem Gebiete, die den anderweitig festgestellten Beziehungen von Gründen und Folgen widerstreiten. In diesem Sinne hat das Princip des auszuschließenden Widerspruchs einerseits für die sämmtlichen Einzelwissenschaften die wichtige praktische Bedeutung, dass ihre Ergebnisse mit einander vereinbar sein müssen. Anderseits aber liegt in ihm die Forderung einer allge- meineren wissenschaftlichen Betrachtung, die sich die Aufsuchung der Wege angelegen sein lässt, auf denen die Ausgleichung anscheinender Widersprüche zwischen den einzelnen Forschungsgebieten und dadurch schließlich die Gewinnung eines widerspruchslosen Wissenschaftssystems innerhalb der gegebenen Periode der Erkenntnissentwicklung möglich er- scheint.

Der nämliche Gesichtspunkt logischer Verknüpfung, dem das Princip des Erkenntnissgrundes seinen allgemeinsten Ausdruck gibt, ist nun aber auch für die besonderen Gestaltungen maßgebend, in denen uns dieses Princip innerhalb der einzelnen Erfahrungsgebiete entgegentritt. Solche 682 Naturwissenschaftliche Vorbegriffe der Psychologie.

zu einander gehörige Unterformen des genannten Princips sind die cau- sale und die teleologische Verknüpfung der Erscheinungen.

b. Das Causalprincip.

Nach dem Princip der Causalität soll jede Thatsache der Er- fahrung andern, von ihr unabhängigen Thatsachen in solcher Weise zu- geordnet sein, dass, wenn diese gegeben sind, auch die erstere gegeben sein muss, falls nicht weitere, gleichfalls der causalen Beurtheilung unter- worfene Bedingungen diesen Erfolg aufheben. Da nach dieser Definition von einem Causalverhältniss nur dann die Rede sein kann, wenn irgend eine Veränderung in dem gegebenen Zustand der Dinge erfolgt, so ergibt sich von selbst, dass sowohl diejenigen Thatsachen, die wir bei dieser Verknüpfung als Ursachen, wie die andern, die wir als Wir- kungen bezeichnen, beide den Charakter von Ereignissen besitzen müssen. Beharrende Objecte können allenfalls die Träger der Verände- rungen sein, auf die wir das Causalprincip anwenden, Ursachen und Wirkungen können aber immer nur die Veränderungen selbst sein, da ohne diese niemals die Frage nach einer causalen Verknüpfung der Er- scheinungen entstehen würde. Hieraus entspringt zugleich die allen Causal Verhältnissen zukommende zeitliche Form der Verknüpfung, nach welcher das ursächliche Geschehen dem von ihm bewirkten in dem Sinne vorausgeht, dass das erstere begonnen haben muss, ehe das letztere an- fängt. Da übrigens je nach den besonderen Umständen dieses Zeitintervall zwischen dem Beginn des ursächlichen und dem des bewirkten Ge- schehens beliebig klein sein kann, so wird dadurch nicht ausgeschlossen, dass in unserer Wahrnehmung die causal verbundenen Ereignisse voll- ständig sich decken können.

Liegt es in dem Wesen des Causalprincips, dass es sich nie auf ein bleibendes Sein, sondern immer nur auf Veränderungen bezieht, so umfasst es dagegen unumschränkt alle Arten von Veränderungen, die sich in der gegebenen Wirklichkeit' ereignen mögen. Es würde daher voll- kommen willkürlich sein, wenn man es nur auf irgend eine einzelne Kate- gorie von Ereignissen, wie z. B. auf die Veränderungen in der äußeren Na- tur, beziehen und dagegen andere, wie z. B. die Vorgänge unseres eigenen Bewusstseins oder die der Geschichte, oder wenn man irgend einen Theii der Naturerscheinungen oder der psychologischen und geschichtlichen Vorgänge davon ausnehmen wollte. Dem widerspricht auch durchaus der thatsächliche Gebrauch, den die Wissenschaft von diesem Princip macht, da der Psychologe und der Historiker gerade so gut wie der Physiologe schließlich die Erscheinungen seines Gebietes causal zu ver- knüpfen sucht. Auch bildet natürlich die größere oder geringere Logische Grundlagen der Naturwissenschaft.

Vollständigkeit, mit der dies gelingen mag, keine Instanz gegen die Gültig- keit der Causalbetrachtung, da in Wahrheit eine lückenlose Durchführung derselben nirgends möglich ist. Eben wegen dieser Allgemeinheit der Erfahrungsinhalte, auf die das Princip angewandt wird, ist es aber auch nicht gestattet, in dasselbe speciellere Voraussetzungen mit aufzunehmen, die irgend einem Einzelgebiet seiner Anwendungen entlehnt sind. Solches ist z. B. geschehen, wenn man als den exacten Inhalt des »Causalgesetzes« die quantitative Aequivalenz von Ursache und Wirkung bezeichnete, oder wenn man, was nur eine andere Wendung des gleichen Gedankens ist, jenes »Gesetz« als eine von der modernen Wissenschaft überwundene Gedankenbildung betrachtete, an deren Stelle nunmehr die Gesammtheit der einzelnen Naturgesetze oder eventuell das allgemeinste derselben, wie z. B. das Gesetz der »Constanz der Energie bei ihren Verwandlungen«, zu treten habe.

Indem man sich bei dieser Bestreitung des Causalprincips mit Vor- liebe des Ausdrucks »Causalgesetz« bedient, verräth sich in diesem Ausdruck schon die Quelle des Missverständnisses, aus dem jene Einwürfe geflossen sind. Man erblickt nämlich hier in dem Causalprincip ein Ge- setz, das seinem Wesen nach von andern sogenannten Naturgesetzen, z. B. von dem Gravitationsgesetz, nicht oder höchstens durch seine größere Allgemeinheit verschieden sei. In Wahrheit ist aber das Causal- princip ebenso wenig ein Gesetz, aus dem man andere speciellere Gesetze ableiten könnte, wie es eine Verallgemeinerung aus der Erfahrung ist, die wir durch die Zusammenfassung einer Menge einzelner Regelmäßigkeiten in einen allgemeinen Ausdruck gewinnen. Weder seine Entstehung noch seine Anwendung entspricht dieser, einer fehlerhaften Analogie entstam- menden Auffassung. Seine Entstehung zeigt, dass es früher da war als die einzelnen Regelmäßigkeiten, aus denen es angeblich abstrahirt sein soll; und seine fortwährende Anwendung beweist, dass es überall dem Verlauf des Geschehens als eine Forderung entgegengebracht wird, nicht, oder doch immer erst secundär und in der Form einer Einkleidung in einzelne, concrete Gesetze, eine Folgerung aus der Verkettung der Er- eignisse selbst ist.

Nun kann eine solche allen einzelnen Anwendungen vorangehende Forderung nur den Charakter eines logischen Postulates haben, die wir allen Erfahrungsinhalten entgegenbringen, wie diese auch beschaffen sind, und welchen Formen der Causalbeziehung sie demnach gehorchen mögen. Damit soll natürlich nicht gesagt sein, dass dieses Postulat thatsächlich jeder Erfahrung als eine von dieser irgendwie loszulösende abstracte Denkform vorausgehe, sondern nur dies, dass, sobald uns Erfahrungs- inhalte gegeben werden, auch jene logische Verknüpfung derselben 684 Naturwissenschaftliche Vorbegriffe der Psychologie.

beginnt, die sich in der causalen Ordnung des Geschehens bethätigt. Das Causalprincip entsteht demnach in keiner andern Weise, als in der die logischen Normen unseres Denkens überhaupt entstehen: in der An- wendung auf einen gegebenen Inhalt, der selbst durchweg jenen Normen sich fügt, daher denn auch andere als diese logischen Normen der Verknüpfung für uns undenkbar sind. Hieraus ergibt sich nun zu- gleich ohne weiteres, dass das Causalprincip selbst nichts anderes ist als die Form, die das allgemeinste Princip logischer Verknüpfung, das Princip des Erkenntnissgrundes, in der Anwendung auf gegebene Er- fahrungsinhalte annimmt. Legen wir ausschließlich Gewicht auf die logischen Beziehungen, in die solche Inhalte zu einander gebracht werden, so bezeichnen wir die Glieder dieser Beziehungen als Gründe und Folgen. Kommt es uns darauf an, die thatsächliche empirische Beschaffenheit der so verbundenen Inhalte hervorzuheben, so bezeichnen wir die nämlichen Glieder als Ursachen und Wirkungen. Da man nach rein logischen Beziehungen auch abstracte Begriffsgebilde ordnen kann, die auf jede empirische Anwendung verzichten, wie dies in der reinen Mathematik geschieht, so hat das Princip des Erkenntnissgrundes einen weiteren Umfang als das Causalprincip. Darin liegt die Quelle aller der Missverständnisse, die in beiden völlig abweichende Principien erblicken, indem sie das erste nach Ursprung wie Anwendung als ein logisches, das zweite aber in beiden Beziehungen als ein empirisches auf- fassen. Umgekehrt liegt dagegen in der falschen Aufhebung ihres Unter- schieds die Quelle jener Irrungen der rationalistischen Philosophie, welche, ratio und causa einander gleichsetzend, an die Möglichkeit einer rein logischen, die Erfahrungsinhalte erst nachträglich aufnehmenden Deduction der Wirklichkeit glaubt. In Wahrheit ist das Causalprincip weder ein rein empirisches noch ein rein logisches Princip, sondern es ist beides zugleich: logisch in seinem Ursprung, ist es ganz und gar empirisch in seinen Anwendungen. Denn es ist eben nichts anderes als das Princip des Erkenntnissgrundes selbst angewandt auf Erfah- rungsinhalte. Dass wir diese causal verknüpfen, ist eine Forderung, die wir an und für sich jeder Erfahrung entgegenbringen; wie sie aber verknüpft werden müssen, darüber kann nur die Erfahrung selbst Auf- schluss geben. Hieraus ergibt sich ebensowohl die absolute Allgemeingültigkeit des Causalprincips, wie die Unmöglichkeit, demselben irgend eine einzelne, einem bestimmten Gebiet empirischer Thatsachen ent- nommene Gesetzmäßigkeit zu substituiren. In welchem Umfange das Gravitationsgesetz oder der Satz der Erhaltung der Energie oder die Gesammtheit der sogenannten mechanischen. Gesetze gültig sei, alles das ist eine empirische Frage, über die das Causalprincip als solches nichts Logische Grundlagen der Naturwissenschaft. 685 aussagt. Aber dass für allen und jeden Inhalt der Erfahrung das Causal- princip selbst gilt, das ist ein nicht zu bestreitendes Postulat der Wissen- schaft, weil es ein logisches Postulat ist, dass wir das Gegebene, wie es auch beschaffen sei, nach Grund und Folge verknüpfen.

c. Das Zweckprincip.

Indem das Causalprincip lediglich die Anwendung eines nicht aufzu- hebenden logischen Princips auf jeden gegebenen Inhalt ist, schließt nun aber dies neben der absoluten Allgemeingültigkeit der Causalität noch eine andere Eigenschaft, nämlich die der allezeit möglichen logischen Umkehrung derselben, in sich. Das Princip des Erkenntnissgrundes bewährt sich nämlich auch in dem Sinne als eine Erweiterung der logischen Norm des Schließens, dass es, wie der Schluss, neben der progressiven eine regressive Ordnung der zu verknüpfenden Glieder zulässt. Der fortschreitenden Bewegung des Denkens vom Grund zur Folge steht die rückwärts schreitende von der Folge zum Grund gegen- über. Es ist kein neues Princip, welches die letztere Verknüpfung be- herrscht, sondern diese ist vermöge der den Begriffen von Grund und Folge zukommenden Merkmale nur eine andere Form des gleichen Prin- cips, wie sich dies darin bewährt, dass an sich jede logische Verknüpfung ebensowohl in der einen wie in der andern Form dargestellt werden kann. Natürlich schließt das nicht aus, dass in gewissen Fällen die progressive und in andern die regressive Verknüpfung die näher liegende ist, und dass man, wo beide Formen gleich anwendbar sind, die erste, die vom Grund zur Folge fortschreitende, vorzuziehen pflegt. Doch so bedeutsam auch dieser Unterschied der Anwendung sein mag, so wird dadurch die Thatsache nicht aufgehoben, dass es ein und dasselbe logi- sche Princip ist, das beiden Formen der Verknüpfung zu Grunde liegt, und dass eben darum jeder Erkenntnissinhalt in jeder dieser Formen dar- gestellt werden kann.

Bei dem allgemeineren logischen Princip hat nun dieser Zusammen- hang beider Formen der Verknüpfung nicht bloß in der gemeinsam ge- bliebenen Bezeichnung des Princips selbst, sondern auch in der üblichen Definition desselben seinen Ausdruck gefunden: »mit dem Grund ist die Folge gegeben, mit der Folge ist der Grund aufgehoben.« Dem gegen- über erscheint es aber als eine höchst bemerkenswerthe Thatsache, dass bei den Anwendungen dieses Princips auf gegebene Erfahrungsinhalte weder die gemeinsame Bezeichnung noch die Zusammenfassung der beiden Anwendungsformen in eine einheitliche Definition beibehalten wird, son- dern dass man hier die progressive und die regressive Verknüpfung selbst als verschiedene Principien zu betrachten pflegt. In keinem andern 586 Naturwissenschaftliche Vorbegriffe der Psychologie.

Sinne als in diesem nämlich wird dem Causalprincip, als der von den Ursachen zu den Wirkungen fortschreitenden Form der Verknüpfung, das Zweckprincip als ein solches gegenübergestellt, das umgekehrt von den Wirkungen zu den Ursachen oder, wie man sich statt dessen aus- zudrücken pflegt, von den Zwecken zu den Mitteln derselben zu- rückgeht.

Dass diese Doppelheit der Bezeichnung der weit verbreiteten Mei- nung, Causalität und Zweck seien wesentlich verschiedene, wenn nicht gar entgegengesetzte Principien der Interpretation, einen mächtigen Vor- schub geleistet hat, ist begreiflich. So unhaltbar nun aber augenschein- lich eine solche zwiespältige Auffassung angesichts des gemeinsamen Ur- sprungs beider aus dem logischen Princip des Erkenntnissgrundes auch ist, so darf man doch von vornherein vermuthen, dass jene unrecht- mäßige Scheidung nicht bloß in dem Verkennen dieses gemeinsamen logischen Ursprungs ihre Quelle hat, sondern dass ihr auch sachliche, in den abweichenden Bedingungen der empirischen Anwendung gelegene Gründe begünstigend entgegenkommen. In der That ist eine solche Ver- schiedenheit der Bedingungen schon in dem logischen Erkenntnissprincip selbst, dessen einander ergänzende Ausdrucksformen jene beiden empiri- schen Principien sind, deutlich vorgebildet. Wenn sich nämlich aus be- stimmten Prämissen eine Schlussfolgerung eindeutig ergibt, so dass aus jenen als dem Grund diese als die Folge mit unbedingter Gewissheit ent- steht, so liegt darin noch keineswegs, dass nun auch umgekehrt zu der gegebenen Folge die gleichen Prämissen als ihr nothwendiger Grund ge- hören, sondern es sind dazu immer noch weitere Bedingungen erforderlich, die auf mathematischem Gebiet wegen der hier meist ausführbaren Umwandlung aller Bedingungsurtheile in Gleichungen sehr häufig, auf empirischem aber im ganzen nur selten erfüllt sind. Im allgemeinen entspricht daher einer eindeutigen progressiven nicht ebenfalls eine eindeutige, sondern eine mehrdeutige regressive Form der Ver- knüpfung, so dass die zu einer gegebenen Folge gehörenden Prämissen innerhalb eines bestimmten, jedesmal von den logischen Formen der Zu- ordnung abhängigen Umfangs variiren können1. Mit diesem Verhältniss hängt es auf das engste zusammen, dass, sobald wir überhaupt im stände sind, Erkenntnissinhalte eindeutig zu verknüpfen, als Form der 1 Dies erhellt deutlich aus dem Verhältniss der Glieder des einfachen Schlusses, der naturgemäß das Grundschema für beliebig zusammengesetzte Formen logischer Ver- knüpfung abgibt. Aus a <^ b, b <^ c, oder aus a = b, b <^ c, oder aus a <^ b, b — c folgt (wenn wir hier mit dem Symbol <^ die vollständige logische Subsumtion ausdrücken) überall eindeutig a <^ c. Demnach ergeben sich aber zu der Folge a <^ c die Prämissen a <^ b, b <1 c, ferner a = b, b <^ c und a <^ b, b = c als mehrdeutige Lösungen der ge- stellten regressiven Aufgabe.

Logische Grundlagen der Naturwissenschaft. 587 Verknüpfung die progressive gewählt wird, weil nur bei ihr der not- wendige Zusammenhang der Gründe und Folgen unbestreitbar hervortritt, wogegen der gleiche Zusammenhang sich in einen bloß möglichen verwandeln kann, wenn wir die entgegengesetzte Form der Verknüpfung wählen. Umgekehrt dagegen wird im allgemeinen die regressive Form bevorzugt, falls in der That mehrere Lösungen eines in einem gegebenen Satze formulirten Problems möglich sind, und eventuell erst auf Grund einer nachträglichen Prüfung der verschiedenen denkbaren Prämissen eine eindeutige Lösung gefunden werden soll. Darum pflegt nun aber auch in dem Augenblick, wo eine solche gefunden, oder wo selbst nur eine der möglichen Prämissenreihen als die wahrscheinlichere dargethan ist, alsbald die regressive wieder mit der progressiven Entwicklung vertauscht zu werden. Zugleich ergibt sich aus dem hier unerlässlichen Verfahren zu- nächst probeweiser und dann allmählich endgültiger Umwandlung mehr- deutiger, regressiver in eindeutige, progressive Formen des Fortschritts die wichtige und logisch durchaus gerechtfertigte Rolle, die zunächst der provisorischen und dann in gewissen Grenzfällen der definitiven Hypo- these bei der logischen Verknüpfung gegebener Erkenntnissinhalte zu- kommt.

Aus diesen logischen Bedingungen erklären sich nun ohne weiteres die Eigenthümlichkeiten, durch die sich die beiden empirischen Anwen- dungen des Erkenntnissprincips, die Causal- und Zweckerklärung, unterscheiden. Zunächst und vor allen Dingen ist hier daran festzuhalten, dass beide, da sie keine einander ausschließenden Gegensätze, sondern einander ergänzende Verknüpfungsweisen der Erscheinungen sind, princi- piell auf jeden beliebigen, einer wissenschaftlichen Interpretation überhaupt zugänglichen Erfahrungsinhalt angewandt werden können. Ein sprechen- des Zeugniss hierfür bildet die meist übersehene Thatsache, dass gerade dasjenige Gebiet der Naturforschung, das man gewöhnlich in besonderem Maße der unbedingten Herrschaft der Causalität zuweist, die Mechanik, an teleologischen Principien überaus reich ist. Jene Formulirungen me- chanischer Sätze, die man mit den Namen Princip der Erhaltung der lebendigen Kräfte, der Erhaltung der Flächen, des kleinsten Zwangs u. s.w. bezeichnet hat, sind ihrem Wesen nach teleologisch. Das gleiche gilt von dem in der neueren Naturforschung eine so wichtige Rolle spielen- den Princip der Erhaltung der Energie. Bei der Aufstellung und An- wendung jener mechanischen Principien pflegt man allerdings causale und teleologische Betrachtungen, d. h. progressive und regressive Verknüpfungen, auf das engste zu verbinden. Dies ist aber an sich kein Zeugniss gegen den in dem unmittelbaren Inhalt der Sätze ausgesprochenen teleologi- schen Charakter, sondern nur dafür, dass eben Causalität und Teleolosäe 688 Naturwissenschaftliche Vorbegriffe der Psychologie.

zusammengehörige und, wo beide neben einander möglich, einander wirk- sam ergänzende Verknüpfungsformen der Erscheinungen sind.

Nun muss freilich beachtet werden, dass dieser in der Mechanik verwirklichte Fall einer gleichzeitigen Anwendung progressiver und re- gressiver Interpretation der Erscheinungen auf andern Gebieten in gleicher Vollständigkeit nicht wiederkehrt. Hier hat dann aber das teleologische Princip, das durch die principielle Vieldeutigkeit seiner Verknüpfungen so sehr hinter dem causalen zurücksteht, umgekehrt diesem gegenüber den Vortheil viel ausgedehnterer Anwendbarkeit. Es ist übrigens klar, dass dieser Vorzug mit jenem Mangel enge zusammenhängt. Denn eben der Umstand, dass die teleologische Verknüpfung im allgemeinen zu ge- gebenen Erscheinungen eine Mehrheit gleich möglicher Bedingungscom- plexe möglich macht, verleiht ihr einen ungleich weiteren Spielraum. Es ist nicht zu verkennen, dass schon auf physikalischem Gebiet hierauf das große Ansehen beruht, dessen sich das Princip der Erhaltung der Energie erfreut. Es scheint in der That, dass es eine andere, in ähnlichem Sinne alle Naturerscheinungen umfassende Gesetzmäßigkeit wie diese nicht gibt, und dass insbesondere unter den im eigentlichen Sinne causal formulir- baren Naturgesetzen keine solche zu finden ist. Es ist aber auch ein- leuchtend, dass das Energieprincip diese überall mögliche Anwendbarkeit die man als seine universelle Geltung zu bezeichnen pflegt, zu einem wesentlichen Theil dem Umstand verdankt, dass es ein teleologisches Princip ist, das als solches verschiedene Zuordnungen von Bedingungs- complexen zu einem gegebenen Erfolg möglich macht. Denn die That- sache, dass die Energie erhalten bleibt, lässt für die Art, wie sie erhalten bleibt, einen Spielraum von Möglichkeiten, den zwar die physikalische Forschung durch gewisse nähere Bedingungen einzuengen sucht, der aber doch immer noch groß genug ist, um zahlreiche Erscheinungen dem Energieprincip zu subsumiren, bei denen eine eindeutige causale Ver- knüpfung zur Zeit ausgeschlossen ist.

d. Causale und teleologische Auffassung der Lebenserscheinungen.

Dass die Lebenserscheinungen ein weiteres wichtiges Gebiet bilden, auf welchem die teleologische Betrachtung nicht nur die Vor- herrschaft behauptet, sondern auch vielfach, wenn man allzu unsichere Hypothesen vermeiden will, allein durchführbar ist, ergibt sich aus den- selben Bedingungen. Zunächst ist die Art und Weise, wie diese Er- scheinungen unter einander zusammenhängen, derjenigen nahe verwandt, die uns an den künstlichen Vorrichtungen entgegentritt, die zur Er- zielung bestimmter, für technische Zwecke nützlicher Transformationen der Energie erfunden sind, an den Maschinen. Einerseits ist daher die Logische Grundlagen der Naturwissenschaft. 68q nämliche Bevorzugung teleologischer Gesichtspunkte, die von solchen praktischen Anwendungen her auf die allgemeine Mechanik übergegangen ist, auch für die Organismen als »natürliche Maschinen«, wie sie so oft genannt worden sind, maßgebend. Anderseits aber hat sich gerade das allgemeinste teleologische Princip der Naturforschung, das der Erhaltung der Energie, auf physiologischem Gebiet ungemein fruchtbar erwiesen, in- sofern es auch solche Erscheinungen in einen verständlichen Zusammen- hang bringt, die einer eindeutigen causalen Interpretation bis jetzt unzu- gänglich sind.

Neben diesen allgemeinen Gesichtspunkten sind es jedoch drei be- sondere Gruppen von Erscheinungen, die in diesem Fall zu einer Zweck- betrachtung herausfordern, daher sie denn auch zu einer Zeit, als man an, die Anwendung des Energieprincips auf die Organismen noch nicht dachte, und zumeist gerade da, wo man der Bezeichnung derselben als »natürlicher Maschinen« nachdrücklich widersprach, die wesentlichen Grundlagen einer specifisch biologischen Teleologie gebildet haben. Diese drei Erscheinungen sind: die Selbsterhaltung des Organismus und seiner Theile durch den Stoffwechsel; die Vermehrung der Individuen auf dem Wege der Fortpflanzung; endlich die Veränderung der organischen Wesen bei ihrer individuellen und generellen Entwicklung. Es ist kein geringes Zeugniss für die gar nicht zu umgehende Anwendung teleologischer Gesichtspunkte bei der Beurtheilung dieser Erscheinungen, dass man auch da, wo man dieselben grundsätzlich verwarf und durch eine causale Inter- pretation zu ersetzen strebte, doch in Wahrheit der Teleologie nicht ent- rathen konnte, und oft genug unter neuen Namen, wie »Selbstregulation«, »Anpassung«, »Sieg des Vollkommeneren im Kampf ums Dasein« die alten Zweckbegriffe wiederum einführte. Nichts ist in dieser Hinsicht bezeichnender, als dass diejenige Theorie, die in der neueren Zeit den umfassendsten Versuch einer angeblich causalen Interpretation der organischen Entwick- lungsvorgänge gemacht hat, die DARWlN'sche Anpassungs- und Selections- theorie, in allen ihren positiven Bestandtheilen eine teleologische Theorie ist, während das causale Moment in ihr eigentlich sich auf jenes unbe- grenzte Spiel zufälliger Abänderungen beschränkt, das als die Vorbe- dingung einer zweckmäßigen Auslese vorausgesetzt wird. Indem man diese Abänderungen als »zufällige« betrachtet, wird aber offenbar eben damit eine positive Nachweisung causaler Bedingungen ausdrücklich ab- gelehnt.

Geschichtlich kommt nun dieser teleologische Charakter der Darayix- schen Theorie auch darin zum Ausdruck, dass sie in der Entwicklung der biologischen Grundanschauungen einen Wendepunkt bezeichnet, von dem an in dem Gesammtgebiet der organischen Naturwissenschaften Wuxdt, Grundziige. III. 5. Aufl. 41 6go Naturwissenschaftliche Vorbegriffe der Psychologie.