SigPhi · Wilhelm Wundt

Grundzüge der physiologischen Psychologie (3. Auflage)

German

Page 9 of 89

c Lässt man statt des Schalls andere annähernd momentane Sinnesreize, z. B. Druck- oder elektrische Hautreize einwirken, so erfahren diese Zeit- verschiebungen keine irgend merklichen Aenderungen. Dagegen treten solche um so augenfälliger hervor, wenn die Erscheinung dadurch com- plicirt wird, dass man eine Mehrheit disparater Eindrücke in die stetig ablaufenden Gesichtsvorstellungen einschaltet2. Der einfachste und zugleich lehrreichste Fall letzterer Art ist hier wiederum der, wo diese weiteren Reize sämmtlich in einem und demselben Zeitmoment einwirken. Tritt auf diese Weise zu dem Schall- ein gleichzeitisfer Tasteindruck, so 1 Weitere Versuche an mehreren Beobachtern mit im wesentlichen übereinstimmen- den, nur individuell etwas variirenden Resultaten vgl. bei Chr. D. Pflaum, Philos. Stud.

2 W. von Tchisch, Philos. Stud. Bd. 2, '1885, S. 603 ff.

werden diese beiden momentanen Reize in der Regel simultan auf- gefasst; die Zeitverschiebung nimmt aber nun im Vergleich mit der einfachen Complication ab, wenn sie auch im allgemeinen noch vor- wiegend negativ bleibt. Lässt man ferner statt der disparaten sehr ver- schiedene Reize innerhalb eines und desselben Sinnesgebiets einwirken, auf die man gleichzeitig die Aufmerksamkeit richtet, so verhalten sich solche annähernd ähnlich wie disparate Reize. Man erhält also eine ähn- liche Verminderung der Zeitverschiebung, wenn man statt eines Schall- und Tastreizes zwei qualitativ sehr verschiedene Schallreize, z. B. einen Glockenton und einen Hammerschlag, oder ebensolche Tastreize, z. B. einen Druck- und einen elektrischen Hautreiz, verbindet. Diese Thatsache macht es leicht, die Zusammensetzung der Complication noch weiter zu steigern. Fügt man so zu den vorigen noch einen dritten ungleich- artigen Eindruck, etwa zu dem Schall- und Druckreiz einen elektrischen Hautreiz, so schlägt nun die Zeitverschiebung regelmäßig in positive Werthe um, und die Größe der letzteren wird noch weiter vermehrt, wenn man zu einer Complication vierten Grades (mittels eines zweiten ungleichartigen Schallreizes) übergeht. Zugleich zeigt sich aber, dass sich die verschiedenen Reize eines und desselben Sinnesgebiets wieder abweichend verhalten, je nachdem sie Bedingungen mit sich führen, die eine Association der einzelnen Eindrücke in eine einzige Vorstellung ver- anlassen können, oder aber andere, die einer solchen im Wege stehen. Am leichtesten lassen sich diese verschiedenen Verhältnisse bei Tast- eindrücken herstellen. Reizt man nämlich benachbarte Stellen der Haut, so werden die Eindrücke zu einer räumlichen Vorstellung vereinigt; reizt man aber ganz verschiedene Theile, z. B. Hand und Fuß, Arm und Bein u. s. w., so verhalten sich die Eindrücke ganz wie disparate Sinnes- reize. Auch im ersten dieser Fälle erfolgt nun bei der Hinzufügung des zweiten Eindrucks zu der primären Complication eine Abnahme der Zeitverschiebung, und diese wird noch größer bei einem dritten und vierten Eindruck; aber quantitativ ist die Veränderung viel geringer als im zweiten Falle, so dass selbst bei drei zur primären Complication hin- zugekommenen, zu einer Gesammtvorstellung associirten Eindrücken die Zeitverschiebung vorwiegend negativ bleibt. Beide Formen der Zusammensetzung lassen sich nun aber auch in beliebiger Weise mit einander com- biniren. In solchen Fällen ergibt sich dann der resultirende Einfluss im allgemeinen aus einer Addition der einzelnen Wirkungen, welche die zu- sammenwirkenden Complicationen und gleichartigen Associationen für sich hervorgebracht haben würden. Die Fig. 317 zeigt diese Verhältnisse an drei Beispielen. Dieselbe bezieht sich auf Versuche am Complications- pendel, jedoch ohne merkliche Geschwindigkeitsänderung: die Eindrücke 74 Zeitvorstellungen.

fielen also annähernd mit der Nullstellung des Zeigers zusammen. Die negativen Zeitverschiebungen sind durch negative, die positiven durch positive Ordinaten zur Abscissenlinie XY dargestellt, die Zeitwerthe in Zehntausendtheilen einer See. als Mittelwerthe aus den drei benutzten Geschwindigkeiten (5,69 — 7,25 — 10,30) beigefügt. Die Curve a ent- spricht einer Reihe reiner Complicationen bis zu 4 Eindrücken: bei 1 liegt die Zeitverschiebung der primären Complication, bei 2, 3 und 4 sind die entsprechenden Werthe einer doppelten, einer drei- und vierfachen aufgetragen. Die Curve b entspricht einem successiven Hinzutritt von drei Fig. 317. Veränderung der Zeitverschiebungen durch mehrfache Complicationen und gleichartige Associationen.

gleichartigen Associationen (bei 2, 3 und 4) zur primären Compli- cation (1). Endlich die CmVe c gibt eine Versuchsreihe, in der zur primären Complication zuerst eine gleichartige Association hinzutrat (2;, worauf sich dann drei weitere Complicationen (3, 4, 5) anschlössen. Aus dieser Darstellung erhellt unmittelbar der stärkere Einfluss, den die eigent- liche Complication im Vergleich mit den gleichartigen Associationen aus- übt, und zugleich die allmähliche Verminderung der Wirkung in beiden Fällen mit der Vermehrung der Zahl neuer Eindrücke.

Die psychologische Interpretation aller dieser an den Complications- apparaten zu beobachtenden Erscheinungen ergibt sich ohne Schwierigkeit, wenn man sich die Wirkungen vor Augen hält, die bei der Bestimmung der sogenannten »Zeitschwellen disparater Sinnesreize; der Einfluss der Aufmerksamkeit ausübt (S. 66). Der Eindruck, auf den die Aufmerksam- keit gerichtet ist, wird stets auch zeitlich bevorzugt. Unter sonst gleichen Bedingungen sind aber Schalleindrücke nicht bloß durch die kürzere Zeit der psychologischen Erregung, sondern auch durch die günstigere Dis- position der Aufmerksamkeit den andern Sinnesreizen, und am meisten den Gesichtsreizen überlegen. Nun machen sich diese allgemeinen Be- dingungen bei den Complicationsversuchen mit der Modification geltend, dass die auf einen bestimmten, im allgemeinen bereits vorher bekannten Zeitpunkt gerichtete Erwartung hinzutritt. Denn zwei wesentliche Be- dingungen dieser Versuche bestehen darin, dass man erst auf Grund mehrerer Vorübergänge des Zeigers eine bestimmte Vorstellung von dem Ort des hinzukommenden Eindrucks gewinnt, und dass man sich un- befangen, ohne willkürliche Bevorzugung eines bestimmten Eindrucks der Erscheinung hingibt, so also, dass die Aufmerksamkeit durch die Ein- drücke gelenkt, nicht umgekehrt die Eindrücke durch eine der Aufmerk- samkeit willkürlich ertheilte Richtung beeinflusst werden1. Nun kann an und für sich die Association des hinzutretenden Eindrucks mit irgend einem in der stetigen Reihe der Gesichtsbilder innerhalb ziemlich weiter Grenzen schwanken, da die Apperception eines Reizes stets eine gewisse Zeit braucht, und diese Zeit, wie schon die Versuche über die »Zeitschwellen disparater Reize« zeigen, von der Spannung der Aufmerksamkeit abhängt. Diese letztere Abhängigkeit steigert sich nun in ganz besonderem Maße bei erwarteten und vollends bei regelmäßig sich wiederholenden, also für einen bestimmten Zeitpunkt erwarteten Eindrücken. Da außerdem aber der Gehörs- und bis zu einem gewissen Grade auch der Tastsinn durch die günstigere Disposition der Aufmerksamkeit bevorzugt ist, so ergibt sich hieraus ohne weiteres die allgemein zu beobachtende Tendenz zu negativen Zeitverschiebungen. Diese sind natürlich nicht so aufzufassen, als wenn man einen Reiz wahrnehme, noch ehe er wirklich stattfindet; sondern in eine Reihe von Gesichtseindrücken, die im Bewusstsein die simultane, aber stetig fließende Vorstellung eines Zeitverlaufs bilden, tritt ein momentaner Schall- oder Tasteindruck ein, der als solcher nur mit irgend einem einzelnen Punkt dieser Zeitvorstellung assoeiirt werden kann: mit welchem, dies hängt lediglich von den Bedingungen theils des 1 Allerdings folgen auch dann, wenn nicht in dieser Weise »naiv«, sondern irgend- wie »reflectirend« beobachtet wird, die Erscheinungen einer mit der ersteren Methode in den allgemeinsten Zügen übereinstimmenden Regelmäßigkeit. Doch documentiren sich da- bei solche »reflectirende« Versuche durch manche Abweichungen als gestörte, und sie sind theils darum theils nach den allgemeinen Regeln psychologischer Beobachtung für das Studium der Erscheinungen jedenfalls wenig geeignet. Vgl. hierüber Geiger, a. a. O.

y6 Zeitvorstellungen.

Eindrucks selbst, theils seiner Apperception ab. Je mehr die Aufmerk- samkeit auf ihn gespannt ist, um so mehr wird er an den Anfang der ihm zugeordneten Zeitstrecke des Gesichtssinnes verschoben, je mehr jene Spannung erschwert ist oder aus irgend welchen Ursachen abnimmt, um so mehr rückt er gegen das Ende derselben. Nun wird die Spannung der Aufmerksamkeit vor allem durch die zunehmende Geschwindigkeit der gesehenen Bewegung erschwert: mit ihr nimmt daher die negative Verschiebung ab und geht schließlich in ihr Gegentheil über. Anderseits besteht bei einer stetig veränderlichen Geschwindigkeit die Neigung, den Eindruck mit einem der deutlicheren Gesichtsbilder zu associiren; deutlicher sind aber immer die Stellen, bei denen sich der Zeiger langsamer bewegt: sie liegen bei zunehmender Geschwindigkeit am Anfang, bei abnehmender am Ende der Zeitstrecke, daher dort die Neigung zu negativen, hier die zu positiven Verschiebungen. Einen analogen Einfluss übt außerdem die von der Bewegungsrichtung abhängige Energie der Blickbewegung: je schwerer diese dem Gesichtsreiz folgt, um so eher tritt negative, im um- gekehrten Fall positive Verschiebung ein. Hier hängen dann auch diese Einflüsse eng mit dem willkürlich angebrachter auszeichnender Merkmale zusammen, die überall die Tendenz einer Verbindung des hinzutretenden Eindrucks mit ihnen herbeiführen. Von entgegengesetzter Art sind da- gegen die Wandlungen der Aufmerksamkeit dann, wenn durch häufige Wiederholung der Beobachtungen bei gleicher Geschwindigkeit eine Ein- übung der Associationen eintritt. Eine solche ist hier wie überall mit einem Nachlass der Aufmerksamkeitsspannung auf den erwarteten Ein- druck und zugleich mit größerer Sicherheit der stattfindenden Associatio- nen verbunden: so erklärt sich die starke Abnahme der Zeitverschiebungen unter den an der Complicationsuhr obwaltenden gleichförmigen Bedin- gungen, sowie ihre Tendenz, allmählich von der negativen auf die positive Seite überzugehen.

Innerhalb der durch den Umfang unserer simultanen Zeitvorstellungen und durch die Genauigkeit derselben bestimmten Grenzen variabler Zu- ordnung der Eindrücke ist demnach das scheinbare Zusammenfallen der letzteren überhaupt nicht von ihrem wirklichen Zusammenfallen, son- dern einzig und allein von dem Spannungswachsthum der Aufmerk- samkeit abhängig. Dieses Spannungswachsthum wird aber durch die Geschwindigkeit bestimmt, mit der sowohl die complicirenden Reize wie die Gesichtszeichen auf einander folgen. Bei einer bestimmten Geschwin- digkeit der ersteren kann sich die Anpassung der Aufmerksamkeit gerade von einem Eindruck zum andern vollenden: hier ist daher die Zeit- verschiebung durchschnittlich null. Bei größerer ist die Anpassung noch nicht vollendet, bei den gewöhnlichen mäßigeren Geschwindigkeitsgraden dagegen ist sie früher vollendet: daher dort die positive, hier die negative Zeitverschiebung. Außerdem ist die Anpassungsgeschwindigkeit aber auch von der Succession der Gesichtsvorstellungen abhängig. Sie ist größer, wenn diese rascher, kleiner, wenn sie langsamer einander folgen, weil unwillkürlich der Spannungswechsel von der Succession der ablaufenden Vorstellungsreihe bestimmt wird: daher die größte negative Zeitverschie- bung bei verhältnissmäßig langsamer Succession sowohl der Gesichtsbilder wie der hinzutretenden Reize. Tritt nun ferner zu dem ersten ein zweiter disparater Eindruck, so wird dadurch die Spannung der Aufmerksamkeit erschwert, und sie bedarf daher einer längeren Zeit als bei bloß einem Eindruck. Hieraus erklärt sich unmittelbar die eintretende Abnahme der negativen Zeitverschiebungen. Diese Abnahme wird dann naturgemäß noch größer bei drei- oder gar vierfacher Complication; zugleich lehrt aber der Versuch, dass die relative Erschwerung, die jeder neue Eindruck hinzufügt, verhältnissmäßig immer kleiner wird. Dem geht offenbar die leicht zu bestätigende Erscheinung parallel, dass die complicirte Vor- stellung fortwährend an Klarheit abnimmt, indem die disparaten Eindrücke allmählich sich merklich stören. Man wird daher annehmen dürfen, dass jene relative Verminderung von der Abnahme der für jeden einzelnen Eindruck disponibeln Spannung herrührt, indess die Gesammtspannung bis zu vier Eindrücken zunimmt, hier aber auch, wie der Verlauf der Curven a und c in Fig. 317 lehrt, schon der Grenze nahe zu sein scheint, die sie überhaupt erreichen kann. Besteht dagegen die Vermeh- rung der Eindrücke in einer Hinzufügung gleichartiger Reize, so wird hierdurch der Aufmerksamkeit ein weit geringeres Wachsthum ihrer Span- nung zugemuthet, da es verhältnissmäßig leichter ist, eine Vielheit solcher Eindrücke in eine einzige Vorstellung zusammenzufassen. So erklärt sich die geringere Abnahme der Zeit Verschiebung im letzteren Falle. Nimmt man demnach die primäre Complication (1 Fig. 317) zum Ausgangspunkt, so lassen sich nach den in den anderen Fällen eintretenden Veränderungen die Erschwerungen der Apperception ermessen, die mit der Zusam- mensetzung der Eindrücke durch steigende Complication oder gleichartige Association eintreten. Nimmt man an, dass bei gleich bleibender Ge- schwindigkeit der Gesichtseindrücke und der Intervalle des hinzutretenden Reizes die Spannung der Aufmerksamkeit in allen Fällen im gleichen Zeitmoment zu wachsen beginne, so können dann jene Differenzen un- mittelbar als Verzögerungswerthe der Aufmerksamkeit oder auch, mit Rücksicht auf den hinzutretenden Eindruck, als Zeitwerthe für die Ver- bindung des neuen Eindrucks mit der primären Complication angesehen werden. Wenn also z. B. die bei der letzteren vorhandene negative Zeitverschiebung in einer Versuchsreihe um 55,7er (1 0 = 0,001 See.)

78 Zeitvorstellungen.

abnimmt, sobald ein zweiter disparater Eindruck hinzukommt, so werden wir diese 55,7 ^ als die Zeit ansehen dürfen, welche die zur primären hinzutretende erste Complication zu ihrem Vollzug bedarf. Auf diese Weise ergeben sich aus den durch die obigen Curven dargestellten Mit- telzahlen die Zeiten: der ersten Complication einer einfachen Vorstellung (Curve ä) 55,7 der ersten gleichartigen Association einer einfachen Vorstellung (Curve b) 27,7 der ersten Complication einer zusammengesetzten Vorstellung (Curve c) 41,6 Mit den Bedingungen der primären Complication eines Schalleindrucks mit einer Gesichtsreihe stimmen im wesentlichen auch die der astronomi- schen Zeitbestimmungen nach der sogenannten Auge- und Ohr-Me- thode überein. Bei dieser Methode bedient sich der Astronom eines um eine Horizontalachse im Verticalkreis des Meridians drehbaren Fernrohrs, des Passageinstruments. Zur Orientirung im Gesichtsfelde dient ein in der ge- meinsamen Focalebene der Objectiv- und Ocularlinse ausgespanntes Faden- netz, das gewöhnlich aus 2 Horizontalfäden und aus 5, 7 oder mehr Vertical- fäden besteht. Das Fernrohr wird so aufgestellt, dass der mittlere Verticalfaden genau mit dem Meridiane zusammenfällt. Einige Zeit, ehe der Stern diesen Faden erreicht, sieht man nach der Uhr und zählt dann, wäh- rend man durch das Fernrohr blickt, nach den Schlägen der Uhr die Secunden weiter fort. Da nun der Stern, namentlich wenn er eine größere Geschwin- digkeit besitzt1, selten mit dem Secundenschlag durch den Me- ridian treten wird, so muss sich der Beobachter, um auch noch die Bruchtheile einer Secunde bestimmen zu können, den Ort des Sterns bei dem letzten Se- cundenschlag vor dem Durch- tritt und bei dem ersten Secundenschlag nach dem Durchtritt durch den Mittelfaden des Fernrohrs merken und dann die Zeit nach dem durchmessenen Fig. 318. Schema der astronomischen Duichgangs- beobachtungen bei der Auge- und Ohrmethode.

1 Dies ist immer der Fall, weil man die Methode, so wie sie oben beschrieben ist, nur bei solchen Sternen anzuwenden pflegt, die nicht allzufern vom Himmelsäquator liegen. Bei dem Polarstern ist die Beobachtungsweise eine andere, worauf wir hier nicht näher eingehen können, da dieselbe für die vorliegende Frage ohne Interesse ist. Vgl. darüber Peters, Astronomische Nachrichten, Bd. 49, S. 16.

Zeittäuschungen. 7q Raum eintheilen. Gesetzt z. B. man habe 20 Secunden gezählt, bei der 21.Se- cunde befinde sich der Stern im Abstand ac} bei der 22. im Abstand bc von dem Mittelfaden c (Fig. 318), und es verhalten sich ac: bc wie 1:2, so muss, da die ganze Distanz ab in einer Secunde durchlaufen wurde, der Stern den Mittelfaden c bei 2iI//3 See. Uhrzeit passirt haben. Offenbar sind nun die Verhältnisse bei diesen Beobachtungen ganz ähnliche wie bei unsern Versuchen. Die Bewegung des Sterns vor den Verticalfäden des Fernrohrs gleicht der Vorbeibewegung des Zeigers vor der Scala. Es wird also auch hier eine Zeitverschiebung erwartet werden können, die bei größeren Ge - schwindigkeiten leichter im positiven Sinne, im entgegengesetzten Fall leichter im negativen stattfinden wird. Die Beobachtungen der Astronomen geben keine Möglichkeit, die absolute Größe dieser Zeitverschiebung zu bestimmen. Aber die Existenz derselben verräth sich darin, dass, nachdem alle sonstigen Fehler der Beobachtung eliminirt sind, stets zwischen den Zeitbestimmungen je zweier Beobachter eine persönliche Differenz bleibt. Sie beläuft sich in vielen Fällen nur auf Zehn- oder Hunderttheile einer Secunde, in andern kann sie eine volle Secunde und darüber betragen. Es ist wohl kaum zu bezweifeln, dass bei den kleineren persönlichen Gleichungen die Zeitverschie- bungen der zwei Beobachter im selben Sinne stattfinden und nur von ver- schiedener Größe sind; bei größeren persönlichen Gleichungen werden da- gegen auch Unterschiede in der Richtung der Zeitverschiebung zu erwarten sein. Dabei kommt überdies in Betracht, dass bei jeder Durchgangsbestim- mung eine doppelte Lagebestimmung des Sterns stattfindet, daher die indivi- duellen Unterschiede der Zeitverschiebung sich verdoppeln müssen1. Hieraus erklärt es sich, dass die persönliche Gleichung meistens größer ist, als man nach den unter einfacheren Bedingungen erhaltenen Zeitwerthen der obigen Complicationsversuche erwarten würde. Die Vergleich ung der Differenzen einzelner Beobachter, die in mehreren Fällen durch viele Jahre hindurch fortgesetzt wurde, zeigt außerdem, dass dieselben keineswegs constant sind. Offenbar stehen also die individuellen Bedingungen der Aufmerksamkeit nicht stille, sondern sie sind theils unregelmäßigeren Schwankungen, theils aber auch länger dauernden stetigen Veränderungen unterworfen. So erfuhr z. B.

die persönliche Gleichung zwischen den Astronomen Main und Robertson vom Jahre 1840 bis 1853 folgende Veränderungen: M—R M—R 49 5o 5i 52 53 1 Argelander bemerkte ferner in einer an die erste Mittheilung meiner Versuche auf der Naturforscherversammlung zu Speyer sich anschließenden Debatte, dass bei der Beobachtung des Sterns nach dem Durchgang durch den Mittelfaden die Aufmerksamkeit erschöpft sei, weshalb man hier den Stern beim Secundenschlag zuweilen an zwei Orten zu sehen glaube, deren Zeitdistanz 0,1 — 0,15-* betragen könne. (Tageblatt der Natur- forscherversammlung zu Speyer, 1861, S. 25.)

80 Zeitvorstellungen.

Es ist augenscheinlich, dass hier, von einer sehr kleinen Schwankung (zwi- schen 1843 und 45) abgesehen, die persönliche Gleichung in einer stetigen Zunahme in positivem Sinne begriffen ist, so dass die ganze Veränderung innerhalb der 13 Jahre 0,85* erreicht. Innerhalb eines einzigen Tages be- obachteten Wolfers und Nehus Differenzen bis zum Betrag von o,22jI. Um die absolute Größe des von einzelnen Beobachtern begangenen Fehlers zu bestimmen, sind dann bereits im astronomischen Interesse Versuche ausgeführt worden. J. Hartmann und N. C. Wolff ließen einen künstlichen Stern durch den mittleren Verticalfaden des Fernrohrs passiren und verglichen die nach Secundenschlägen geschätzte mit der wirklichen Zeit des Durchtritts2. Wolff fand so bei sich selbst während mehrerer Monate eine durchschnitt- lich um o,ios verfrühte Auffassung der Durchgangszeit. Größe und Richtung dieses Fehlers wurden nicht geändert, wenn nicht Schalleindrücke, sondern in gleichen Intervallen folgende Lichtsignale die Zeitmomente angaben. Wurde die Geschwindigkeit der Bewegung vergrößert, so verspätete sich die Auffas- sung etwas, was mit den oben erhaltenen Resultaten übereinstimmt. Ebenso erklärt sich aus dem oben ermittelten Einfluss der Geschwindigkeit die schon von Bessel beobachtete Erscheinung, dass sich die persönliche Differenz bedeutend vermindert, wenn man eine Uhr, die ganze. Secunden schlägt, mit einer solchen vertauscht, die halbe angibt. Endlich wird die allgemein von den Astronomen gemachte Wahrnehmung, dass bei der Beobachtung plötz- licher Erscheinungen alle persönlichen Differenzen kleiner sind3, zum Theil darauf zurückzuführen sein, dass in diesem Fall nur noch eine positive Zeit- verschiebung stattfinden kann, während die größten Werthe der Differenz dann entstehen müssen, wenn bei dem einen Beobachter eine positive, bei dem andern eine negative Verschiebung existirt.

Für psychologische Zwecke, bei denen es darauf ankommt, die Abhängig- keit der Zeitverschiebungen von den verschiedenen äußeren Bedingungen zu ermitteln, sind vor allem solche Verfahrungsweisen zu wählen, bei denen man leicht die Geschwindigkeit der Eindrücke variiren sowie eventuell auch zu- und abnehmende Geschwindigkeiten herstellen kann. Diese Bedingungen er- füllt der Pendelapparat für Complicationsversuche, und für gleich- förmige Geschwindigkeiten, die zugleich in erheblich weiteren Grenzen variirt werden können, die oben erwähnte Complicationsuhr. Da bei beiden Apparaten die Einrichtungen für die Auslösung der complicirenden Reize übereinstimmen, so beschränken wir uns hier auf die Beschreibung des im ganzen einfacher gebauten Pendelapparats4. Derselbe ist im wesentlichen eine Pendeluhr mit veränderlicher Pendellänge. Auf einem Fußbrett, das durch drei Stellschrauben und mit Hülfe eines an dem Faden g hängenden 1 Peters, Astronomische Nachrichten, Bd. 49, S. 20.

2 J. Hartmann, Grunerts Archiv f. Mathematik u. Physik, Bd. 31, 1858, S. 1 f. N. C. Wolff, Recherches sur l'equation personnelle. (Ann. de l'observatoire de Paris, t. 8, 1865. Im Auszug in der Vierteljahrsschr. der Astronom. Gesellsch. Bd. 1, S. 236 f.)

4 Die von dem Mechaniker E. Zimmermann gebaute neue Complicationsuhr, die ein auf Mattglas angebrachtes Zifferblatt von 20 cm Radius besitzt, das elektrisch erleuchtet werden kann, lässt sich übrigens ebensowohl zu exacten Versuchen wie zur Demonstration der Complicationserscheinungen verwenden.

Lothes nivellirt wird, befindet sich eine hölzerne Säule M von 120 cm Höhe. Der obere Theil derselben samt den damit zusammenhängenden wesentlichen Theilen ist in Fig. 319. abgebildet. Auf dem obern Ende der Säule M sitzt eine Messingplatte m fest, auf die hinten der Scalenhalter n und vorn das Zeigervverk festgeschraubt ist. Der erstere hat zwei divergirende Arme 0 0, an deren oberem Ende zwei auf der Fläche der Arme senkrechte Säulchen aufsitzen, welche die Scale S tragen. Der Radius der Scale und des Zeigers beträgt 17 cm. Am rechten Arm 0 des Halters befindet sich eine kleine Messinghülse h} in der die Glocke G vermittelst ihres Stiels b festsitzt. Die- sen kann man samt der Glocke in der Hülse emporschieben und durch An- ziehen der Schraube s feststellen. Es geschieht dies, falls man, wie z. B. in Tastversuchen, das Anschlagen der Glocke bei den Bewegungen des Uhr- werks und des Hebels vermeiden will. Die Drehungsachse des Zeigers Z ist mit einem kleinen Zahnrad y versehen, und der Zeiger kann an dieser Achse in jeder beliebigen Lage festgestellt werden. Außer den eben beschriebenen Theilen trägt die Messingplatte m auf der rechten Seite das Lager für die gemeinsame Achse des Schallhammers q und des Hebels H, die beide dicht neben einander auf der Drehungsachse befestigt sind. In das obere Ende von q ist ein Knopf eingeschraubt, der bei einer bestimmten Stellung der Hebelachse auf die Glocke G aufschlägt. Der Hebel H besteht aus einem linken längeren und einem rechten kürzeren Arm. Am Ende des letzteren befindet sich ein Schraubengang, auf dem der Knopf / hin- und hergeschraubt werden kann, um die Last auf beiden Seiten zweckmäßig zu vertheilen. Am Ende des linken Arms befindet sich der Tasthammer v, der mit einem elfen- beinernen Knopfe versehen ist. Zu diesem für die Tastversuche bestimmten Theil des Apparats gehört außerdem das an der Säule befestigte Tischchen T, das ein auf drei Messingfüßen stehendes kleineres rundes Tischchen T' trägt. Dieses hat in der Mitte, dem Tasthammer v gegenüber, eine runde Oeffnung, in die das Elfenbeinplättchen / eingeschraubt werden kann. Auf seiner untern Fläche ist das letztere, um den Stoß von v abzuschwächen, mit Leder überzogen. Das Tischchen T ist der Oeffnung T' gegenüber von der Schraube k durchbohrt, auf deren oberem Ende v aufruht, wenn das Uhrwerk stillesteht. Durch Auf- oder Niederschrauben der Schraube k und der Platte / kann die Schwingungsweite von v und damit auch des Hebels H verändert werden. Auf dem Hebel H und dem Tischchen T werden end- lich noch die elektrischen Unterbrecher angebracht, die für die zusammen- gesetzteren Complicationsversuche erforderlich sind. In der Fig. 319 ist ein solcher Unterbrecher (u) sichtbar. Derselbe besteht in zwei auf T befestigten Quecksilbernäpfchen aus Hartgummi und einer kleinen Platingabel, die in einer auf H verschiebbaren Elfenbeinhülse fixirt wird. Die beiden Queck- silbernäpfchen sind in den Stromeskreis aufgenommen, dessen Unterbrechung die Auslösung bestimmter Reizeffecte (elektrischer Hautreize, Geräusche u. dgl.) bewirkt. Die Unterbrechung geschieht, wenn der Hebel H gehoben wird, in einem durch die Höher- oder Tieferstellung der Platingabel beliebig zu fixi- renden Momente. An der vorderen Seite der Säule M1 etwas nach unten von der Messingplatte m, ist das Uhrgehäuse U angebracht. Dasselbe ent- hält ein einfaches Pendeluhrwerk, das nur hinsichtlich der Einrichtung des