Vorwort zur I. Auflage.
Nachdem ich in der „Studie über Minderwertigkeit von Organen" (1907) den Versuch gemacht hatte, den Aufbau und die Tektonik der Organe im Zusammenhang mit ihrer genetischen Grundlage, mit ihrer Leistungsfähigkeit und ihrem Schicksal zu betrachten, ging ich, — gleichermassen gestützt auf vorliegende Befunde wie auf meine eigenen Erfahrungen, daran, dieselbe Methode der Betrachtung in der Patho- psychologie durchzuführen. In der vorliegenden Arbeit sind die haupt- sächlichsten Ergebnisse meiner vergleichenden, individualpsycho- logischen Studien über die Neurosen niedergelegt.
Wie in der Organminderwertigkeitslehre ist in der vergleichenden Individualpsychologie die empirische Grundlage dazu benützt, ein fiktives Mass der Norm aufzustellen, um Grade der Abweichung daran messen und vergleichen zu können. In beiden Wissensgebieten rechnet die vergleichende Forschung mit der Herkunft des Phänomens, misst daran die Gegenwart und sucht die Linie der Zukunft aus ihnen abzuleiten. Diese Betrachtungsweise führt uns dahin, den Zwang der Entwicklung und die pathologische Ausgestaltung als das Ergebnis eines Kampfes anzusehen, der im Gebiet des Organischen um die Gleichgewichtserhaltung, um Leistungsfähigkeit und Domestikation ent- brennt; die gleiche Kampfbereitschaft in der Psyche steht unter der Leitung einer fiktiven Persönlichkeitsidee, deren Wirksamkeit bis zum Aufbau des nervösen Charakters und der nervösen Symptome reicht. Wird so im Organischen „das Individuum eine einheitliche Gemeinschaft, in der alle Teile zu einem gleichartigen Zweck zusammen- wirken" (Virchow), — — bauen sich die mannigfachen Fähigkeiten und Regungen des Organismus zu einer planvoll gerichteten, einheitlichen Persönlichkeit aus, dann können wir jede einzelne Lebenserscheinung derart erfassen, als ob in ihr Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft samt einer übergeordneten, leitenden Idee in Spuren vorhanden wären.
Auf diesem Wege hat sich dem Autor dieses Buch ergeben, dass jeder kleinste Zug des Seelenlebens von einer planvollen Dynamik durch- flössen ist. Die vergleichende Individualpsychose erblickt in jedem psychischen Geschehen den Abdruck, sozusagen ein Symbol des ein- heitlich gerichteten Lebensplanes, der in der Psychologie der Neurosen und Psychosen nur deutlicher zutage tritt.
Die Ergebnisse einer derartigen Untersuchung am neurotischen Charakter sollen Zeugnis ablegen für" Wert und Anwendbarkeit unserer Methode der vergleichenden Iudividualpsychologie bezüglich der Probleme des Seelenlebens.
Wien, im Februar des Jahres 1912.
Der Autor.
Vorwort zur IL Auflage, Die philosophische Gesamtanschauung von der menschlichen Seele, mit der ich den nervösen Charakter durchleuchtete, ist für mich und einen grossen Kreis von Bekennern Weltanschauung und Menschen- kenntnis geworden, der gegenüber jede andere Betrachtung des seelischen Geschehens unrichtig oder lückenhaft erscheint.
Zwischen den beiden Auflagen dieses Buches liegt der Weltkrieg mit seinen Fortsetzungen, liegt die furchtbarste Massenneurose, zu der sich unsere neurotisch-kranke Kultur, zerfressen von ihrem Machtstreben und ihrer Prestigepolitik, (2£Jsctn4ossen hat. Der entsetzliche Gang der Zeit- ereignisse bestätigt schaurig die schlichten Gedankengänge dieses Buches.
Und er entschleiert sich als das dämonische Werk der allgemein entfesselten Herrschsucht, die das unsterbliche Gemeinschaftsgefühl der Menschheit drosselt oder listig missbraucht.
Unsere Individualpsychologie ist weit über den toten Punkt be- schreibender Seelenkunde hinaus. In unserem Sinne einen Menschen schauen und erkennen heisst: ihn den Verirrungen seines wunden, auf- gepeitschten, aber ohnmächtigen Gottähnlichkeitsstrebens entreissen und der unerschütterlichen Logik des menschlichen Zusammenlebens geneigt machen, dem Gemeinschaftsgefühl.
Der Ausbau meiner Lehre hat einige Klarstellungen und Ergän- zungen im vorliegenden Bande nötig gemacht. Aus dem gleichen Grunde soll in kurzer Zeit ein zweiter Band1) erscheinen, der ausser wichtigen Vorarbeiten einige notwendige Ergänzungen und neue Arbeiten ent- halten wird.
Ein Rückblick auf die Entwickelung meiner Individualpsychologie ergibt den ununterbrochenen Ausbau einer Seelenforschung auf drei in- einandergreifenden Ebenen: dem kindlichen Minderwertigkeitsge- fühl entspriesst ein gereiztes Streben nach Macht, das an den Forderungen der Gemeinschaft und an den Mahnungen des physiologisch und sozial begründeten Gemeinschaftsgefühls seine Schranken findet und in die Irre geht. Dem oft sinnlosen Geschwätz von Frei- beutern und Geschichtenschreibern ist vielleicht durch diesen leicht fass- lichen Hinweis eine hilfreiche Hand geboten.
Der ernste Leser wird, hoffe ich, mit mir bis zu dem Aussichts- punkt gelangen, der uns ermöglicht, jede Menschenseele im einheitlichen Fortschreiten nach einem Ziel der Überlegenheit zu erblicken, so dass Bewegungen, Charakterzüge und Symptome unweigerlich über sich hinaus- weisen. Die gewonnenen Erkenntnisse werden ihn dann freilich mit einer Lebensaufgabe belasten: voranzugehen bei dem Abbau des Strebens nach Macht und bei der Erziehung zur Gemein- schaft.
Wien, im Mai 1919.
Dr. Alfred Adler.
*) Unterdess erschienen: „Praxis und Theorie der Individualpsychologie". Dieser Verlag 1920.
Vorwort zur TTL Auflage.
Es ist vielleicht nicht überflüssig, darauf hinzuweisen, dass unsere individualpsychologischen Anschauungen, die in diesem Buche zum ersten Male auseinandergesetzt wurden, eine zwangsläufige Gebundenheit an ein organisches Substrat ablehnen.
Unsere Feststellungen lassen vielmehr erkennen, dass die seelische Entwicklung eines Menschen und deren Fehlschlage, auch die Neurosen und Psychosen, aus seiner Stellungnahme zur absoluten Logik des menschlichen Zusammenlebens stammen. Der Grad seiner Verfehlung — die mangelhafte Verwachsenheit mit den kosmischen und sozialen Er- fordernissen — liegen allen seelischen Störungen zugrunde und bedingen ihr Ausmass. Der Nervöse lebt und müht sich ab für eine Welt, die nicht die unsere ist. Sein Widerspruch gegen die absolute Wahrheit.
ist grösser als der unsere.
Zu diesem Widerspruch gelangt er weder durch eine zellulare Struktur seines Gehirnes noch durch humorale Einflüsse, sondern durch ein in einer schwierigen Position der Kindheit erworbenes Minder- wertigkeitsgefühl. Von da an beeinflusst die grössere Neigung für allseits bereit liegende Irrtümer dauernd die seelische Entwicklung. Wir leugnen die organische Disposition zur Neurose, aber wir haben deutlicher wie alle anderen Autoren den Beitrag der Organ minder Wertig- keit zur Schaffung einer seelischen Position, die Vor- schubleistung körperlicher Schwäche zur Herstellung eines Minderwertigkeitsgefühls uachge wiesen.
Unsere Individualpsychologie lehrt das menschliche Seelenleben als versuchte Stellungnahme zu den Forderungen des sozialen Lebens begreifen. Die Stellungnahme in der Neurose und Psychose ist, stark in die Irre gegangen. Die Annahme einer besonderen Form an- geborener Sexuallibido als eines zwingenden oder gar ausschliesslichen Faktors der seelischen Entwicklung finden wir nirgends bestätigt, die „Erhaltung der psychischen Energie" erscheint uns als ein frommer Wunsch der Autoren, dem wir uns gerne anschliessen.
Die kritische Stellungnahme zu den Anschauungen Freuds und Kr et schmers, die in dieser Auflage schärfer zum Ausdruck kommt, erklärt sich aus der grossen Bedeutung dieser Autoren für die Ent- wicklung der Neurosenpsychologie. Soweit ich es vermochte, versuchte ich auch allen anderen Autoren, die Selbständiges schufen, gerecht zu werden.
VIII Vorwort.
Die Verpflichtung zur Offenheit bedrängt mich anlässlich der Herausgabe der III. Auflage dieses Buches in quälendster Weise. So will ich denn ein Geständnis machen, das mir sicherlich dauernd die Zuneigung meiner Leser rauben wird. Nach einem eingehenden ab- lehnenden Gutachten des Herrn Hofrats Wag>ner- Jauregg über vor- liegendes Buch wurde meine Bewerbung um Habilitierung an der Uni- versität vom Wiener Professorenkollegium abgelehnt.
Durch diesen Ratschluss war ich bisher verhindert, öffentliche Vorlesungen für Studenten und Arzte abzuhalten. Der Wissende ver- steht, wie schwierig die heute doch gelungene Verbreitung meiner An- schauungen geworden ist. Vielleicht hat da folgender Umstand ein wenig mitgeholfen: Die Anschauungen unserer Individualpsychologie verlangen den bedingungslosen Abbau des Machtstrebens und die Entfaltung des Ge- meinschaftsgefühls. Ihre Losung ist der Mitmensch, die mitmensch- liche Stellungnahme zu den immanenten Forderungen der menschlichen Gesellschaft.
Vielleicht gibt es ehrwürdigere Lehren einer älteren Schulwissen- schaft. Vielleicht neuere ausgeklügeltere. Sicherlich aber keine, die der Allgemeinheit grösseren Nutzen brächten.
Dr. Alfred Adler.
Inhaltsverzeichnis.
< Seite Vorwort VII Theoretischer Teil 1 Einleitung 3 I. Kapitel. Ursprung und Entwickelang des Gefühls der Minderwertig- keit und dessen Folgen 10 II. Kapitel. Die psychische Kompensation und ihre Vorbereitung.. 26 III. Kapitel. Die verstärkte Fiktion als leitende Idee in der Neurose. 33 Praktischer Teil 65 I. Kapitel. Geiz. — Misstrauen. — Neid. — Grausamkeit. — Herab- setzende Kritik des Nervösen. — Neurotische Apperzeption. — Altersneurosen. — Formen- und Intensitätswandel der Fiktion. — Organjargon 67 II. Kapitel. Neurotische Grenzerweiterung durch Askese, Liebe, Reise- wut, Verbrechen. — Simulation und Neurose. — Minderwertigkeits- gefühl des weiblichen Geschlechts. — Zweck des Ideals. — Zweifel als Ausdruck des psychischen Hermaphroditismus. — Masturbation und Neurose. — Der „ Inzestkomplex" als Symbol der Herrschsucht.
— Das Wesen des Wahns 100 III. Kapitel. Nervöse Prinzipien. — Mitleid, Koketterie, Narzissismus.
— Psychischer Hermaphroditismus. — Halluzinatorische Sicherung.
— Tugend, Gewissen, Pedanterie, Wahrheitsfanatismus 118 IV. Kapitel. Entwertungstendenz — Trotz und Wildheit. — Sexual- beziehungen des Nervösen als Gleichnis. — Symbolische Ent- mannung. — Gefühl der Verkürztheit. — Der Lebensplan der Mann- gleichheit. — Simulation und Neurose. — Ersatz der Männlichkeit.
- Ungeduld, Unzufriedenheit und Verschlossenheit 133 V. Kapitel. Grausamkeit. — Gewissen. — Perversion und Neurose.. 152 VI. Kapitel. Oben — Unten. — Berufswahl. — Mondsucht. — Gegen- sätzlichkeit des Denkens. — Erhöhung der Persönlichkeit durch Entwertung Anderer. — Eifersucht. — Neurotische Hilfeleistung. — Autorität. — Denken in Gegensätzen und männlicher Protest. — Zögernde Attitüde und Ehe. — Die Attitüde nach aufwärts als Symbol des Lebens. — Masturbationszwang. — Nervöser Wissens- VII. Kapitel. Pünktlichkeit. — Der Erste sein wollen. — Homosexualität und Perversion als Symbol. — Schamhaftigkeit und Exhibition. — Treue und Untreue. — Eifersucht 169 VIII. Kapitel. Furcht vor dem Partner. — Das Ideal in der Neurose. — Schlaflosigkeit und Schlafzwang. — Neurotischer Vergleich von Mann und Frau. — Formen der Furcht vor der Frau 179 IX. Kapitel. Selbstvorwürfe, Selbstquälerei, Bussfertigkeit und Askese.
— Flaggellation. — Neurosen bei Kindern. — Selbstmord und Selbstmordideen 192 X. Kapitel. Familiensinn des Nervösen. — Trotz und Gehorsam. — Schweigsamkeit und Geschwätzigkeit. — Die Umkehrungstendenz. — Ersatz eines Charakterzugs durch Sicherungen, Massnahmen, Beruf und Ideal 204 Schluss 209 Zitierte Schriften des Autors 211 Theoretischer Teil.
Adler, Nervöser Charakter. 3. Aufl.
Einleitung.
„Omnia ex opinione suspensa sunt; non ainbi- tio tantum ad illam respicit et luxuria et avaritia Ad opinionem riolemue. Tarn miser est quisque, qu«m credidit!u Seneca. Epist. 78, 13.
Die Untersuchung des neurotischen Charakters ist ein wesentlicher Teil der Neurosenpsychologie. Wie alle psychischen Erscheinungen ist er nur im Zusammenhang mit dem ganzen seelischen Leben zu erfassen. Eine flüchtige Kenntnis der Neurosen genügt, um das Besondere daran herauszufinden. Und alle Autoren, die dem Problem der Nervosität nachgegangen sind, haben mit besonderem Interesse gewisse Charakter- züge ins Auge gefasst. Das Urteil war ein allgemeines, dass der Neu- rotiker eine Reihe scharf hervortretender Charakterzüge bietet, die das Mass des Normalen überschreiten. Die grosse Empfindlichkeit, die Reiz- barkeit, die reizbare Schwäche, die Suggestibilität, der Egoismus, der Hang zum Phantastischen, die Entfremdung von der Wirklichkeit, aber auch speziellere Züge, wie Herrschsucht, Bösartigkeit, opfervolle Güte, kokettes Wesen, Feigheit und Ängstlichkeit, Zerstreutheit figurieren in den meisten Krankengeschichten, und man müsste alle gründlichen Autoren namhaft machen, um ihren Beitrag zu bestätigen. Von den Neueren ist insbesondere Jan et zu nennen, der die Traditionen der berühmten französischen Schule fortführt und namhafte scharfsinnige Analysen zu- tage gefördert hat. Insbesondere seine Betonung des „sentiment d'in- completude" des Neurotikers stimmt so sehr mit den von mir erhobenen Befunden überein, dass ich in meinen Arbeiten eine Erweiterung dieser wichtigsten Grundtatsache aus dem Seelenleben des Neurotikers erblicken darf. Meine Feststellungen über die Einheit der Persönlichkeit bedeuten dazu einen dauernden psychologischen Gewinn, der die Rätsel des double vie, der Polarität, der Ambivalenz (Bleuler) gelöst hat.
Wo immer man mit der Analyse psychogener Krankheitszustände einsetzt, drängt sich nach kürzester Beobachtung ein- und dieselbe Er- scheinung vor: dass das ganze Bild der Neurose ebenso wie alle ihre Symptome von einem fingierten Endzweck aus beeinflusst. ja entworfen sind. Dieser Endzweck hat also eine bildende, richtunggebende, arrangierende Kraft. Er lässt sich auch aus der Richtung und dem „Sinn" der krankhaften Erscheinungen verstehen, und versucht man auf diese Annahme zu verzichten, so bleibt eine ver- wirrende Fülle von Regungen, Trieben, Komponenten, Schwächen und Anomalien, die das Dunkel der Neurose für die einen so abstossend gemacht haben, während andere in ihm kühne Entdeckungsfahrten unter- nahmen. Hält man dagegen an diesem hinter den Erscheinungen wirk- 1* 4 Einleitung.
samen Endzweck als an einer kausalen Finalität (W. Stern) fest, so erhellt sich das sonst dunkle seelische Getriebe, und man liest wie in einem offenen Buche.
Pierre Jan et war dieser Auffassung sicherlich nahe, wie aus einzelnen seiner klassischen Schilderungen über den „Geisteszustand der Hysterischen" 1894 ') hervorgeht. Er hat sich aber einer eingehenden Darstellung entschlagen. Er betont ausdrücklich: „Ich habe bis jetzt nur allgemeine und einfache Züge des Charakters beschrieben, die durch ihre Verbindungen und unter dem Einflüsse bestimmter äusserer Umstände Haltungen und Handlungen eigentümlicher Art in allen Formen erzeugen können. Es ist hier unstatthaft, auf diese Beschreibung näher ein- zugehen, da dieselbe mit einem Sittenromane grössere Ähnlichkeit aufweisen würde als mit einer klinischen Arbeit." Mit dieser Stellung- nahme, der er bis zu seinen letzten Werken treu geblieben ist, hat dieser Autor, trotz seines klaren Verständnisses für den Zusammenhang von Neurosenpsychologie und Moralphilosophie den Weg zur Synthese verfehlt.
Josef Breuer, ein genauer Kenner der deutschen Philosophie, „hat den glitzernden Stein gefunden, der am Wege lag". Er lenkte die Aufmerksamkeit auf den „Sinn" des Symptoms und wollte Her- kunft und Zweck desselben bei dem Einzigen, der darauf antworten konnte, beim Patienten erfragen. Damit hat dieser Autor eine Methode begründet, die historisch und genetisch individualpsychologische Er- scheinungen aufklären will, unter Zuhilfenahme einer vorläufigen Vor- aussetzung, der einer Determination psychischer Erscheinungen./' Wie diese Methode von Siegmund Freud erweitert und ausgebildet ^urde, woran sich eine Unzahl von Problemstellungen und versuchten und wieder fallen gelassenen Lösungen knüpften,/ gehört der Gegenwartsgeschichte an und ist ebenso auf Anerkennung wie auf Widerspruch gestossen. Weniger einer kritischen Neigung folgend, als um den eigenen Stand- punkt hervorzuheben, mag es mir gestattet sein, aus den fruchtbaren und wertvollen Leistungen Freuds vor allem drei seiner fundamentalen Anschauungen als irrtümlich abzusondern, da sie den Fortschritt im Verständnis der Neurose zu versperren drohen. Der erste Einwand betrifft die Auffassung der Libido als treibender Kraft für das Geschehen in der Neurose. Gerade die Neurose zeigt deutlicher als das normale psychische Verhalten, wie durch die neurotische Zwecksetzung das Gefühl der Lust, die Abtönung derselben und ihre Stärke in die Richtung dieses Zweckes gezwungen werden, so dass der Neurotiker eigentlich nur mit seiner sozusagen gesunden psychischen Kraft der Lockung des Lusterwerbs folgen kann, während für den neurotischen Anteil „höhere" Ziele gelten. Übersetzt man aber „libido" mit dem mehrdeutigen Begriff „Liebe", dann lässt sich durch eine geschickte Verwaltung und Zerdehnung dieser Worte alles kosmische Geschehen mit ihnen — nicht erklären, aber umschreiben. Durch diese Umschreibung wird bei vielen der Eindruck erweckt, dass es in allen menschlichen Regungen von „ libido" wimmelt, während in Wirklichkeit der glückliche Finder nur herauszieht, was er vorher hineingesteckt hat. Die letzten Interpretationen machen den Eindruck, als ob sich die Freudsche Libidolehre mit rasender Schnelligkeit auf unseren Standpunkt des Ge- *) übersetzt von Dr. Max Kahane.
Einleitung. 5 meinschaftsgefühls und des Strebens nach einem Persönlichkeitsideal (;,Ich-Idealu) hin bewege, was im Interesse eines wachsenden Verständ- nisses sehr zu begrüssen wäre.
Als diese neurotische Zwecksetzung hat sich uns die Erhöhung des Persönlichkeitsgefühls ergeben, dessen einfachste Formel im übertriebenen „männlichen Protest" zu erkennen ist. Diese Formel: „ich will ein ganzer Mann sein!" ist die leitende Fiktion, sozusagen die „fundamentale Apperzeption" (Avenarius) in jeder Neurose, für die sie in höherem Grade als für die normale Psyche Wirklichkeitswerte beansprucht. Und diesem Leitgedanken ordnen sich auch Libido, Sexual- trieb und Perversionsneigung, wo immer sie hergekommen sein mögen, ein. Nietzsches „Wille zur Macht" und „Wille zum Schein" umfassen vieles von unserer Auffassung, die sich wieder in manchen Punkten mit Anschauungen Feres und älterer Autoren berührt, nach welchen das Gefühl der Lust in einem Machtgefühl, die der Unlust in einem Gefühle der Ohnmacht wurzelt. — Ein zweiter Einwand trifft Freuds Grundanschauung von der sexuellen Ätiologie der Neurosen, einer Anschauung, der sich vorher schon Pierre Janet bedenklich nahe befand, als er (1. c.) die Frage aufwarf: „Sollte etwa die Geschlechts- empfindung der Mittelpunkt sein, um welchen herum die anderen psycho- logischen Synthesen sich aufbauen?" Die Verwendbarkeit des sexuellen Bildes täuscht vielen, insbesondere dem Neurotiker eine Identität vor.
Bei Mystikern, so bei Bader, finden sich häufig solche irreführende Einkleidungen. Auch die Sprache mit ihrer Neigung zur Bildsamkeit legt dem harmlosen Forscher bedenkliche Fallen. Sie darf den Psycho- logen nicht täuschen. Der sexuelle Inhalt in den neurotischen Phäno- menen stammt vorwiegend aus dem ideellen Gegensatz „Männlich- Weiblich", und ist durch Formenwandel aus dem männlichen Protest entstanden. Der sexuelle Antrieb in der Phantasie und im Leben des Neurotikers richtet sich nach der männlichen Zwecksetzung, ist eigentlich kein Trieb, sondern ein Zwang. Das ganze Bild der Sexualneurose ist ein Gleichnis, in dem sich die Distanz des Patienten von seinem fiktiven männlichen Endziel, und wie er sie zu überwinden oder zu verewigen1) sucht, spiegelt. Sonderbar, dass Freud, ein feiner Kenner des Symbolischen im Leben, nicht imstande war, das Symbolische in der sexuellen Apperzeption auf- zulösen, das Sexuelle als Jargon, als Modus dicendi zu erkennen. Aber wir können dies verstehen, wenn wir den dritten Grundirrtum ins\ Auge fassen, seine Annahme, als stünde der Neurotiker unter dem Zwange infantiler Wünsche, vor allem des Inzestwunsches, die allnächtlich (Traumtheorie) aufleben, ebenso auch bei bestimmten Anlässen in der Wirklichkeit. In Wirklichkeit stehen alle infantilen Wünsche selbst schon unter dem Zwange des fiktiven Endziels, tragen meist selbst den Charakter eines leitenden aber eingeordneten Gedankens und eignen sich aus denkökonomischen Gründen sehr gut zu Rechnungssymbolen. Ein krankes Mädchen, das sich im Gefühle besonderer Unsicherheit während der ganzen Kindheit an den Vater anlehnt, dabei der Mutter überlegen sein will, kann diese psychische Konstellation gelegentlich in das „Inzestgleichnis" fassen, als ob es die Frau des Vaters sein wollte. Dabei ist der Endzweck schon gegeben und wirksam: ihre Unsicherheit lässt sich nur bannen, wenn sie beim Vater ist. Ihre wachsende psychox) Siehe Adler, „Praxis und Theorie der Individualpsychologie". J. F. Berg- mann, München 1920, im „Problem der Distanz".
6 Einleitung.
motorische Intelligenz, ihr unbewusst wirkendes Gedächtnis be- antwortet alle Empfindungen der Unsicherheit mit der gleichen Aggres- sion: mit der vorbereitenden Einstellung, zum Vater zu flüchten, als ob sie seine Frau wäre. Dort hat sie jenes als Zweck gesetzte höhere Persönlichkeitsgefühl, das sie dem mäfhnlichen Ideal der Kindheit ent- lehnt hat, die Überkompensation ihres Minderwertigkeitsgefühls. Sie handelt dann symbolisch, wenn sie vor einer Liebeswerbung oder vor der Ehe erschrickt, soferne sie mit neuen Herabsetzungen ihres Persön- lichkeitsgefühles drohen, soferne sie grössere Schwierigkeiten findet als beim Vater, und ihre Bereitschaftsstellung richtet sich zweck- mässig gegen ein weibliches Schicksal, lässt sie Sicherheit suchen, wo sie die>e immer gefunden hat, beim Vater. Sie wendet einen Kunst- griff an, handelt nach einer unsinnigen Fiktion, kann aber damit ihren ^NjZweck, der Frauenrolle auszuweichen, sicher erreichen. \je grösser ihr Gefühl der Unsicherheit, um so stärker klammert sich dieses Mädchen an ihre Fiktion, versucht sie fast wörtlich zu nehmen, und da das menschliche Denken der symbolischen Abstraktion hold ist, gelingt es zuweilen der Patientin und mit einiger Mühe immer auch dem Analytiker, das Streben der Neurotiker: sich zu sichern, in das symbolische Bild der Inzestregung einzufangen, eine Überlegenheit zu haben wie beim Vater. Freud hat in diesem auf einen Zweck gerichteten Vorgang eine Wiederbelebung infantiler Wünsche erblicken müssen, weil er letztere als treibende Kräfte angesetzt hatte. Wir erkennen in dieser infantilen Arbeitsweise, in der ausgedehnten Anwendung von sichernden Hilfskonstruktionen, als die wir die neurotische Fiktion anzu- sehen haben, in dieser allseitigen, weit zurückreichenden motorischen Vorbereitung, in der starken Abstraktions- und Symbolisierungstendenz die zweckmässigen Mittel des Neurotikers, der zu seiner Sicherheit gelangen will, zur Erhöhung seines Persönlichkeitsgefühls, zum männlichen Protest. Die Neurose zeigt uns die Ausführung irrtümlicher Vorsätze. Jedes Denken und Handeln lässt sich nach rückwärts bis zu kindlichen Erfahrungen verfolgen. Im Punkte der Freudschen „Regression" unterscheidet sich demnach der seelisch Kranke in nichts vom Gesunden. Nur dass er auf zu weit gehenden Irrtümern aufgebaut hat, dass er eine schlechte Stellung zum Leben eingenommen hat, ergibt den Unterschied. Die „Regression" aber ist der Normalfall des Denkens und Handelns.
Knüpfen wir an diese kritischen Bemerkungen die Frage an, wie die neurotischen Erscheinungen zustande gekommen sind, warum der Patient ein Mann sein will, und fortwährend Beweise seiner Überlegenheit zu er- bringen sucht, woher er das stärkere Bedürfnis nach Persönlichkeitsgefühl hat, warum er solche Aufwendungen macht, um zur Sicherung zu gelangen, kurz die Frage nach dem letzten Grund dieser Kunstgriffe der neurotischen Psyche, so lässt sich erraten, was jede Untersuchung ergibt: am An- fang der Entwicklung zur Neurose steht drohend das Ge- fühl der Unsicherheit und Minderwertigkeit und verlangt mit Macht eine leitende, sichernde, beruhigende Zweck- setzung, um das Leben erträglich zu machen. Was wir das Wesen der Neurose nennen, besteht aus dem ver- mehrten Aufwand der verfügbaren psychischen Mittel. Unter diesen ragen besonders hervor: Hilfskonstruktionen und Schablonen im Denken. Handeln und Wollen.
Einleitung. 7 Es ist klar, dass eine derartige, zum Zweck der Persönlichkeits- erhöhung in besonderer Anspannung befindliche Psyche sich auch, abge- sehen von eindeutigen nervösen Symptomen, durch eine nachweisbare Erschwerung der Einfügung in die Gesellschaft auffällig machen wird./ Das Gefühl des schwachen Punktes beherrscht den Nervösen so sehr, dass er, ohne es zu merken, den schützenden Überbau mit An- spannung aller Kräfte bewerkstelligt. Dabei schärft sich seine Emp- findlichkeit, er lernt auf Zusammenhänge achten, die anderen noch entgehen, er übertreibt seine Vorsicht, fängt am Beginne einer Tat oder eines Erleidens alle möglichen Folgen vorauszuahnen an, er versucht weiter zu hören, weiter zu sehen, wird kleinlich, unersätt- lich, sparsam, sucht die Grenzen seines Einflusses und seiner Macht immer weiter über Zeit und Raum zu spannen, — und verliert dabei die Unbefangenheit und Gemütsruhe, die erst die psychische Gesundheit und Tatkraft verbürgen.. Immer mehr steigert sich sein Misstrauen/ gegen sich und gegen die andern, sein Neid, sein boshaftes' Wesen, aggressive und grausame Neigungen nehmen überhand, die ihm das Übergewicht gegenüber seiner Umgebung verschaffen sollen, oder er versucht durch vermehrten Gehorsam, durch Unterwerfung und Demut, die nicht selten in masochistische Züge ausarten, den andern zu fesseln, zu erobern; beides also, erhöhte Aktivität wie vermehrte Passivität, sind Kunstgriffe, die vom fiktiven Zweck der Machterhöhung, des „ Obensein wollens", des männlichen Protestes aus eingeleitet werden.
Kretschmer hat vor kurzem als schizothymen Formenkreis seelische Bilder beschrieben, die vollständig den von mir gezeichneten gleichen, so sehr, dass er selbst an einer Stelle gütig bemerkt, solche Typen seien gelegentlich als Erscheinungen des „nervösen" Charakters geschildert worden. Wer meine hier niedergelegten Befunde über Organ- minderwertigkeit kennt, wird unschwer in seinen schizothymen Typen das Identische erkennen. Seiner weiteren, insbesondere der physiogno- mischen Befunde können wir uns nur freuen. Bestätigen sie sich, dann wird man grossenteils die angeborene Organminderwertigkeit den Pa- tienten vom Gesicht ablesen können. Der Kraepelinsche Pessimismus freilich, der Kretschmer wie die zeitgenössische Psychiatrie lähmt, hindert auch diesen Autor, die Erziehbarkeit des organisch Minder- wertigen zu verstehen.