SigPhi · Alfred Adler

Über den nervösen Charakter

German

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Damit sind wir zu jenen psychischen Erscheinungen vorgedrungen, deren Erörterung den Inhalt dieser Arbeit bilden soll, zum neurotischen Charakter. Es linden sich bei den Nervösen keine vollkommen neuen Charakterzüge, kein einziger Zug, der nicht auch beim Normalen nach- zuweisen wäre. Aber der neurotische Charakter ist auffallend und weiterreichend, wenngleich er zuweilen erst durch die Analyse dem Arzt und dem Patienten verständlich wird. Er ist ununterbrochen „sensibilisiert", wie ein Vorposten vorgeschoben, und stellt die Fühlung mit der Umgebung, mit der Zukunft her. Die Kenntnis dieser, wie empfindliche Fühler sich weit erstreckenden psychischen Bereit- schaften ermöglicht erst das Verständnis für den Kampf des Nervösen mit seiner Aufgabe, für seinen gereizten Aggressionstrieb, für seine Unruhe und für seine Ungeduld. Denn diese Fühler tasten alle Er- scheinungen der Umgebung ab und prüfen sie unaufhörlich auf ihre 8 Einleitung.

Vor- und Nachteile bezüglich des gesetzten Zweckes. Sie schaffen das verschärfte Messen und Vergleichen, wecken mittelst der in ihnen tätigen Aufmerksamkeit Furcht, Hoffnung, Zweifel, Ekel, Hass. Liebe, Erwartung aller Art und suchen die Psyche vor Überraschungen und vor einer Minderung des Personlichkeitsgefühls zu sichern. Sie stellen die periphersten motorischen Vorbereitungen vor, immer mobil, immer fertig, einer Herabsetzung der Person vorzubeugen. In ihnen wirken die Kräfte der äusseren und inneren Erfahrung, sie sind mit den Erinnerungsspuren schreckender und tröstender Erlebnisse vollgefüllt und haben das Gedächtnis an sie in Fertigkeiten umgewandelt. Kategorische Imperative zweiten Ranges, dienen sie nicht zu ihrer eigenen Durchsetzung, sondern letzter Linie, um die Persönlichkeit zu heben. Und sie versuchen dies, indem sie es ermöglichen, in der Unruhe und Unsicherheit des Lebens Leitlinien zu begründen, das Rechts und Links, das Oben und Unten, das Rechte und Unrechte zu schaffen und zu scheiden. Die verschärften Charakterzüge sind schon deutlich in der neurotischen Disposition der Kinderseele vorzufinden, wo sie zu Ärgernis, zu Sonderbarkeiten und Verschrobenheiten Anlass geben. Sie treten noch deutlicher hervor, wenn nach einer stärkeren Herabsetzung oder nach einem auftauchenden Widerspruch gegen den männlichen Protest die Sicherungstendenz weiterschreitet und gleichzeitig Symptome als neue wirksame Kunstgriffe ins Leben ruft. Sie sind vielfach nach Mustern und Beispielen gearbeitet und haben die Aufgabe, den Kampf um das Persönlichkeitsgefühl in jeder neuen Lage einzuleiten und siegreich zu gestalten. In ihrem Wirken ist der Anlass zur Affektsteigerung gelegen und zur Erniedrigung der Reizschwelle gegenüber dem Normalen. Es ist selbstverständlich, dass auch der neurotische Charakter wie der normale sich aus ursprünglich vorhandenem Material, aus psychischen Regungen und Erfahrungen der Organfunktionen aufbaut. Neurotisch werden alle diese an die Aussenwelt anknüpfenden psychischen Bereitschaften erst, wenn die Entscheidung droht, wenn innere Not die Sicherungs- tendenz steigert und diese die Charakterzüge wirksamer ausgestaltet und mobilisiert, wenn der fiktive Zweck des Lebens dogmatischer wirkt und die den Charakterzügen entsprechenden sekundären Leitlinien verstärkt. Dann beginnt die Hypostasierung des Charakters, seine Umwandlung aus einem Mittel zu einem Zweck führt zu seiner Verselbständigung, und eine Art von Heiligung verschafft ihm Unabänderlichkeit und Ewig- keitswert. Der neurotische Charakter ist unfähig, sich der Wirklichkeit anzupassen, denn er arbeitet auf ein unerfüllbares Ideal hin; er ist ein Produkt und Mittel der vorbauenden, von Misstrauen erfüllten Psyche, die seine Leitlinie verstärkt, um sich eines Minderwertigkeitsgefühls zu entledigen, ein Versuch, der infolge innerer Widersprüche oder an seiner Unwahrheit, an den Schranken der Kultur scheitern muss oder am Rechte der anderen. Wie die tastende Geste, wie die rückwärts gewandte Pose, wie die körperliche Haltung bei der Aggres- sion, wie die Mimik als Ausdrucksform und Mittel der Mit- teilung, so dienen die Charakterzüge, insbesondere die neurotischen, als psychische Mittel und Ausdrucksformen dazu, die Rechnung des Lebens einzuleiten, Stellung zu nehmen, im Schwanken des Seins einen fixen Punkt zu ge- winnen, um das sichernde Endziel, das Gefühl der Über- wertigkeit, zu erreichen oder nicht scheitern zu lassen.

Einleitung. 9 Somit haben wir auch den neurotischen Charakter als den Diener eines fiktiven Zweckes entlarvt und seine Abhängigkeit von einem Endziel festgestellt. Er ist nicht selbständig aus irgendwelchen biologischen oder konstitutionellen Urkräften emporgeschossen, sondern hat Richtung und Zug durch den kompensierenden überbau im seelischen Organ und durch seine schematische Leitlinie erhalten. Seine Aufpeitschung geschah unter dem Drucke der Unsicherheit, seine Neigung sich zu personi- fizieren ist der fragwürdige Erfolg der Sicherungstendenz. Die Linie des neurotischen Charakters hat durch die Zwecksetzung die Bestimmung erhalten, in die männliche Hauptleitlinie einzumünden, und so verrät uns jeder neurotische Charakterzug durch seine Richtung, dass er vom männlichen Protest durchflössen ist, der aus ihm ein unfehlbares Mittel zu machen sucht, um jede dauernde Erniedrigung aus dem Erleben auszuschalten.

Im praktischen Teil soll an einer Reihe von Fällen gezeigt werden, wie das neurotische Schema besondere psychopathologische Konstel- lationen hervorruft, und zwar durch das Erfassen der Erlebnisse mittelst des neurotischen Charakters, durch die neurotische Lebenstechnik.

I. Kapitel.

Ursprung und Entwickelung des Gefühls der Minderwertigkeit und dessen Folgen.

Die Feststellungen der „Organminderwertigkeitslehre"!) beschäftigen sich mit den Ursachen, mit dem Verhalten, mit dem Äusseren und der ge- änderten Arbeitsweise der minderwertigen Organe und führten mich unter anderem zu den Anschauungen über Kompensation durch das Zentralnervensystem, an die sich Erörterungen über die Psycho- genese anschlössen. Es hatte sich eine merkwürdige Beziehung zwischen Organminderwertigkeit und psychischer Überkompensation ergeben, so da?s ich eine fundamentale Anschauung gewann: die Empfindungen der Organminderwertigkeit werden für das Individuum zu einem dauernden Antrieb in der Entwickelung seiner Psyche. Für die physiologische Betrachtung ergibt sich daraus eine Verstärkung der Nervenbahnen nach Quantität und Qualität, wobei eine gleichzeitige ursprüngliche Minderwertigkeit dieser Bahnen ihre tektoni- schen und funktionellen Eigenheiten im Gesamtbilde zum Ausdruck bringen kann. Die psychische Seite dieser Kompensation und Über- kompensation kann nur durch psychologische Betrachtungen und Analyse erschlossen werden.

Nach den ausführlichen Schilderungen der Organminderwertig- keit— als Ätiologie der Neurose — in meinen früheren Arbeiten, insbesondere in der „Studie", im „Agressionsbetrieb"2), im „psychischen Hermaphroditismus" 2), in der „neurotischen Disposition"2) und in der „psychischen Behandlung der Trigeminusneuralgie"3) kann ich mich bei der gegenwärtigen Schilderung auf jene Punkte beschränken, die eine weitere Aufschliessung der Beziehungen zwischen Organminderwertigkeit und psychischer Kompensation bedeuten und für die Frage des neuro- tischen Charakters von Belang sind. Zusammenfassend hebe ich hervor, dass die von mir beschriebene Organniinderwertigkeit „das Unfertige an dieser Art von Organen, ihre oft nachweisbaren Entwickelungsstill- stände, den Mangel an Ausbildung in histologischer oder funktioneller Richtung, das funktionelle Versagen in der postfötalen Zeit, andererseits die Steigerung ihrer Wachstumstendenz bei Kompensations- und Korre- lationszwang, die häufige Erzielung funktioneller Mehrleistung sowie den fötalen Charakter von Organen und Organsystemen" in sich fasst. Es *) Adler, Studie über Minderwertigkeit von Organen. Verlag Urban und Schwarzenberg, Wien-Berlin 1907.

2) S. Adler und Furtmüller, „Heilen und Bilden". München 1914. IL Auflage in Vorbereitung.

3) In „Praxis und Theorie der Individualpsychologie", 1, e.

Ursprung und Entwickelung des Gefühls der Minderwertigkeit usw. 11 lässt sich in jedem Falle, — aus der Kinderbeobachtung und aus der Anamnese Erwachsener, — leicht erweisen, dass der Besitz deutlich minderwertiger Organe auf die Psyche des Kindes reflektiert und geeignet ist. die eigene Einschätzung geringer ausfallen zu lassen, die psychologische Unsicherheit des Kindes zu steigern; aber gerade von dieser geringeren Wertung aus entspinnt sich der Kampf um die Selbstbehauptung, der ungleich heftigere Formen annimmt als wir erwarten. Wenn das kompensierte minderwertige Organ quantitativ und qualitativ an Aktionsbreite zunimmt und aus sich selbst sowie aus dem ganzen Organismus Schutzmittel gewinnt, so holt das disponierte Kind in seinem Minderwertigkeitsgefühl aus seinem psy- chischen Können die oft auffälligen Mittel zu seiner WTert- gefühlsteigerung, unter denen man an hervorragender Stelle die neurotischen und psychotischen zu vermerken hat. Ideen über angeborene Minderwertigkeit, über Disposition und konstitutionelle Schwäche finden sich schon in den Anfängen der wissen- schaftlichen Medizin. Wenn wir an dieser Stelle von vielen namhaften Leistungen absehen, so geschiebt es, — trotzdem sie oft grundlegende Gesichtspunkte enthalten, — nur aus dem Grunde, weil sie den Zu- sammenhang mit organischen und mit psychischen Erkrankungen wohl behaupten, keineswegs aber erklären. Hierher gehören alle Anschauungen über Pathologie, die sich auf eine allgemeine Auffassung einer Degene- ration stützen. Stillers Lehre vom asthenischen Habitus geht viel weiter und versucht bereits ätiologische Beziehungen festzuhalten. Antons Kompensationslehre beschränkt sich allzusehr auf Korrelations- systeme innerhalb des Zentralnervensystems; doch haben er und sein geistreicher Schüler Otto Gross beachtenswerte Versuche unternommen, psychische Zustandsbilder auf dieser Basis dem Verständnis näher zu bringen. — Bouchards Bradytrophie, die von Ponfick, Escherich, Czerny, Moro und Strümpell beschriebene und als Krankheits- bereitschaft gedeutete exsudative Diathese, Combys infantiler Arthri- tismus, Kreibichs angioneurotische Diathese, Heubners Lymphatis- mus, Paltau fs Status thymico-lymphaticus. Escherichs Spasmophilie und Hess-Eppingers Vagotonie sind erfolgreiche Versuche der letzten Dezennien, Zustandsbilder mit angeborenen Minderwertigkeiten im Zu- sammenhang zu schildern1). Allen ist der Hinweis auf Heredität und infantilistische Charaktere gemeinsam. Aber obgleich die schwankenden Grenzen bei den beschriebenen Dispositionen von den Vertretern dieser Lehren selbst hervorgehoben werden, ist der Eindruck nicht von der Hand zu weisen, dass hervorstechende Typen erfasst sind, die sich einer grossen Gruppe, der der Minusvarianten, im Laufe der Zeit einordnen werden. Von ungeheurer Wichtigkeit für die Erkenntnis angeborener Minderwertigkeit und Krankheitsbereitschaft waren die Forschungen über die Drüsen mit innerer Sekretion, bei denen sich morphologische oder funktionelle Abweichungen ergaben, so betreffs der Schilddrüse, der Nebenschilddrüsen, der Keimdrüsen, des chromaffinen Systems, der Hypophyse. Von dem Standpunkt dieser Organminderwertigkeiten aus betrachtet ergaben sich die Überblicke auf das Gesamtbild leichter, und die Beziehungen zu Kompensation und Korrelation im Haushalt des ganzen Körpers traten deutlicher zutage.

J) Ebenso Bauer, Kretschmer u. a.

12 Ursprung und Entwickelung des Gefühls der Minderwertigkeit usw.

Unter den übrigen Autoren, die kein primum movens sondern ein Zusammen- und Aufeinanderwirken mehrfacher Organminderwertig- keiten zur Grundlage ihrer Anschauung genommen haben, ist vor allem Martius zu nennen. Ebenso erscheint in meiner Darlegung „über Minderwertigkeit von Organen (190?)" die Koordination der gleich- zeitigen Minderwertigkeiten in den Vordergrund gerückt. Die Tatsache ist nicht gering zu veranschlagen, „dass die gleichzeitig minderwertigen Organe wie in einem geheimen Bunde zueinander stehen". Auch Bartel hat seine Anschauungen über den Status thy mico-lympha- ticus, die eine erhebliche Bereicherung der Wissenschaft darstellen, bereits so weit ausgedehnt, dass ihre Grenzen die der Systeme anderer Autoren längst überkreuzen. Und Kyrie ist auf selbständigen Bahnen unter Anführung völlig neuer pathologischer Befunde zu dem gleichen Ergebnis gelangt wie ich, als ich auf Grund meiner Beobachtungen erklärte, dass die Koordination von Minderwertigkeiten des Sexual- apparates und anderer Organe, — oft nur wenig ausgeprägt, aber so häufig vorzufinden ist, „dass ich behaupten muss, es gibt keine Organ- minderwertigkeit ohne begleitende Minderwertigkeit des Sexualapparates".

Späterer Erörterungen wegen muss ich noch die Anschauung Freuds erwähnen, der die Bedeutung einer „sexuellen Konstitution" für die Neurose und Psychose hervorhebt und darunter eine nach Qualität und Quantität verschiedene Anordnung von sexuellen Partial- trieben versteht. Diese Auffassung entspricht bloss einem Postulat seiner sonstigen Anschauungen. Die Ausbildung perverser Triebe und ihre „missglückte Verdrängung" ins Unbewusste soll das Bild der Neu- rose ergeben und selbst ein primum movens für die neurotische Psyche darstellen. Es wird sich aus unseren Ausführungen ergeben, dass die Perversion *), sofern und soweit sie in der Neurose und Psychose zur Ausbildung gelangt, nicht von einer angeborenen Triebkraft, sondern durch einen fiktiven Endzweck konstituiert wird, und dass sich die Verdrängung als Nebenprodukt unter dem Druck des Persönlichkeits- gefühls ergibt. Was aber biologisch an einem abnormen sexuellen Verhalten in Betracht kommt, die grössere oder geringere Sensibilität, Erhöhung oder Verminderung der Reflexaktion, die funktionelle Wertig- keit sowie der kompensatorische psychische Überbau, führt direkt, wie ich in der „Studie" gezeigt habe, auf angeborene Minderwertigkeit des Sexualorgans zurück.

Über die Art der Krankheitsbereitschaft bei Organminderwertigkeit herrscht Einigkeit. Der von mir eingenommene Standpunkt („Studie" 1. c.) hebt mehr wie der anderer Autoren die Sicherung eines Aus- gleiches durch Kompensation hervor. „Mit der Loslösung vom mütterlichen Organismus beginnt für diese minderwertigen Organe und Organsysteme der Kampf mit der Aussenwelt, der notwendigerweise entbrennen muss und mit grösserer Heftigkeit einsetzt als bei normal entwickeltem Apparat. Diesen Kampf begleiten die höheren Krank- heits- und Sterbeziffern. Doch verleiht der fötale Charakter zugleich die erhöhte Möglichkeit der Kompensation und Überkompensation, steigert die Anpassungsfähigkeit an gewöhnliche und ungewöhnliche Wider- stände und sichert die Bildung von neuen und höheren Formen, von neuen und höheren Leistungen. So stellen die minderwertigen Organe J) Siehe „Das Problem der Homosexualität", E. Reinhardt, München 1917. 11. Auflage in Vorbereitung.

Ursprung und Entwickelung des Gefühls der Minderwertigkeit usw. 13 das unerschöpfliche Versuchsmaterial dar, durch dessen fortwährende Bearbeitung, Verwerfung, Verbesserung der Organismus mit geänderten Lebensbedingungen in Einklang zu kommen sucht. Ihre (gelegentliche) Überwertigkeit ist tief begründet in dem Zwange eines ständigen Trai- nings, in der den minderwertigen Organen oftmals anhaftenden Variabilität und grösseren Wachstumtendenz und in der durch die innere Aufmerk- samkeit und Konzentration erhöhten Ausbildung des zugehörigen nervösen und psychischen Komplexes. u Die Schäden der konstitutionellen Minderwertigkeit äussern sich in den mannigfachsten Erkrankungen und Krankheitsbereitschaften. Bald treten körperliche oder geistige Schwächezustände hervor, bald Übererregbarkeit der nervösen Bahnen, bald Plumpheit, Ungeschicklich- keit oder Frühreife. Em Heer von Kinderfehlern kooperiert mit der Krankheitsbereitschaft und schliesst sich, wie ich gezeigt habe, eng an die organische oder funktionelle Minderwertigkeit an. Strabismus, Brechungsanomalien des Sehorgans oder Lichtscheu mit ihren Folgen '), Hörstummheit, Stottern und andere Sprachfehler, Schwerhörigkeit, die organi>chen und psychischen Nachteile der adenoiden Vegetationen, die entwickelte Aprosexie, die häufigen Erkrankungen der Sinnesorgane, der Luft- und Nahrungswege, hervorstechende Hässlichkeit und Miss- bildungen, periphere Degenerationszeichen und Naevi, die tieferliegende Organminderwertigkeiten verraten können (Adler, Schmidt), Links- händigkeit, Hydrocephalus, Rachitis, Haltungsanomalien als Skoliose, runder Rücken, Genua vara oder valga, Pes varus oder valgus, länger dauernde Inkontinenz von Stuhl und Urin, Missbildung der Genitalien, Folgen der Kleinheit der Arterien (Virchow) und die zahlreichen weiteren Folgen der Minderwertigkeit von Drüsen mit innerer Sekretion, wie sie von Wagner- Jauregg, Pineles, Frankl-Hoch wart, Chvostek, Bartel, Escherich und anderen beschrieben wurden, lassen in ihrer ungeheuren Fülle, in der Variation ihrer Zusammenhänge den grossen Kreis der Krankheitserscheinungen erkennen, wie er sich durch das Verständnis der Organminderwertigkeit dem Arzte erschlossen hat. Insbesondere waren es Kinderärzte und Pathologen, die zuerst auf diese Zusammenhänge geachtet haben. Aber auch für die Neuro- logie und Psychiatrie ist die Betrachtung der „Degeneration" von immer grösserer Wichtigkeit geworden; von Morels Lehre der Degenerations- zeichen zieht sich die Fortschrittslinie bis zur Anschauung von den nervösen Erkrankungen auf der Grundlage der minderwertigen Konstitution.

Heben wir bloss die statistische Arbeit Thiemich-Birks und die Mitteilungen Potpeschniggs (zitiert nach Gott) hervor über die Schicksale von Kindern, die als Ein- oder Zweijährige wegen tetanoider Krampfzustände behandelt worden waren. Von diesen Kindern war nur ein spärlicher Bruchteil ganz gesund geworden. Meist ergaben sich später deutliche Zeichen körperlicher und geistiger Minderwertigkeit, psychopathische und neuropathische Züge. Als solche führen diese Autoren an: Infantilismus, Schielen, Schwerhörigkeit, Sprachfehler, Schwachsinn, Sprachstörungen, Pavor nocturnus, Somnambulismus, Enuresis, Reflexsteigerungen, Tics, Wutkrämpfe, Wegblei ben, Schreckhaftigkeit, Jähzorn, pathologische Lügenhaftigkeit, triebhaftes Weglaufen. Auch Gott und andere Autoren gelangten zu dem Schlüsse, dass bei spas- *) Siehe Mut seh mann, „Der andere Milton" 1920.

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mophilen Kindern eine Disposition zu schweren neuro- und psycho- pathischen Zuständen besteht. Czerny und andere heben hervor, dass der gleiche Zusammenhang bei magendarmkranken Kindern nach- zuweisen ist. Bartel konnte unter den Selbstmördern ein auffallendes Vorwiegen des Status thymico-lymphaticus, speziell Hypoplasie der Sexualorgane beobachten. Bezüglich der jugendlichen Selbstmörder habe ich, Netolitzky u. a. den Befund körperlicher Minderwertigkeit hervorgehoben. Frankl-Hochwart hat Aufregungszustände, Reiz- barkeit, halluzinatorische Verworrenheit bei Tetanie beschrieben. Fran- zösische Autoren (zitiert nach Pfaundler) schreiben dem pastösen, torpiden Habitus der Kinder Unlust, Trägheit, Schläfrigkeit, Zer- streutheit, Stumpfsinn, Phlegma zu, dem erethischen Unruhe, Lebhaftig- keit, Reizbarkeit, Frühreife, Stimmungsschwankungen, Affektivität, Un- verträglichkeit, sonderbares Wesen und einseitige Begabung (Degenerees superieurs). Pfaundler hebt das Beunruhigende, Lästige und Qualvolle hervor, von dem die konstitutionell minderwertigen Kinder infolge von Hautausschlägen, Koliken, Schlafstörungen und funktionellen Anomalien heimgesucht werden. Czerny, der auf den Zusammenhang von Darm- störungen der Kinder mit Neurosen aufmerksam gemacht hat, betont ganz besonders die Bedeutung der Psychotherapie bei Kindern, die im Verlauf konstitutioneller Erkrankungen nervös geworden sind. Ham- burger hat erst kürzlich den Charakter des Ehrgeizes bei nervösen Kindern hervorgehoben, Stransky den Zusammenhang von Myopathie und psychischen Erscheinungen.

Diese kurzen Hinweise geben uns einen Überblick über die Ver- suche der gegenwärtigen Forschungsrichtung, den Zusammenhang psy- chischer Anomalien im Kindesalter mit der konstitutionellen Minder- wertigkeit zu betonen und festzuhalten. Die erste umfassende Grund- anschauung über diesen Zusammenhang habe ich in der „Studie" ver- öffentlicht, wo ich darauf hinwies, wie ein besonderes Interesse und eine stete Aufmerksamkeit das minderwertige Organ zu behüten suche. Ich konnte in dieser und anderen Arbeiten darauf verweisen, wie die Minderwertigkeit eines Organs dauernd die Psyche beeinflusst, im Handeln und Denken, im Träumen, in der Berufswahl, in künstlerischen Neigungen und Fähigkeiten 1). Der Bestand eines minderwertigen Organs erfordert ein derartiges Training der zugehörigen Nervenbahnen und des psychischen Überbaues, dass letzterer kompen- satorisch befruchtet wird, falls die Kompensationsmöglichkeit gegeben ist. Dann aber müssen wir gewisse, dem Organ zugehörige Verknüp- fungen mit der Aussenwelt auch im psychischen Überbau ver- stärkt vorfinden. Dem ursprünglich minderwertigen Sehorgan ent- spricht eine verstärkte visuelle Psyche, ein minderwertiger Ernährungs- apparat wird die grössere psychische Leistungsfähigkeit in allen Er- nährungsbeziehungen zur Seite haben, Gourmandise, Erwerbseifer, und — auf dem Wege über das Geldäquivalent, — Sparsamkeit und Geiz werden verstärkt hervortreten. Die Leistungsfähigkeit des kompensierenden Zentralnervensystems wird sich durch qualifizierte Reflexe (Adler) und bedingte Reflexe (Bickel) äussern, durch empfindliche Re- J) Siehe auch Adler, Die Theorie der Organminderwertigkeit und ihre Be- deutung für Philosophie und Psychologie. Vortrag in der Philosophischen Gesell- schaft a. d. Universität zu Wien 1908 und J. Reich, Kunst und Auce, österreichische Rundschau 1908.

Ursprung und Entwickelung des Gefühls der Minderwertigkeit usw. 15 aktionen „und verstärkte Empfindungen. Der kompensierende psychische Überbau wird die psychischen Phänomene des Vorausahnens und Vorausdenkens und ihre wirkenden Faktoren wie Gedächtnis, In- tuition, Introspektion, Einfühlung, Aufmerksamkeit, Überempfindlichkeit, Interesse, kurz alle sichernden psychischen Kräfte in ver- stärktem Masse entfalten. Zu diesen Sicherungen gehören auch die Fixierung und Verstärkung der Charakterzüge, die im Chaos des Lebens brauchbare Leitlinien bilden und so die Unsicherheit verringern.

Der nervöse Mensch kommt aus dieser Sphäre der Unsicherheit und stand in der Kindheit unter dem Drucke seiner konstitutionellen Minder- wertigkeit. In den meisten Fällen gelingt dieser Nachweis leicht. In anderen Fällen benimmt sich der Patient so, als ob er minderwertig wäre. Immer aber baut sich sein Wollen und Denken über der Grundlage eines Gefühls der Minderwertigkeit auf. Dieses Gefühl ist stets als relativ zu verstehen, ist aus den Beziehungen zu seiner Umgebung erwachsen oder zu seinen Zielen. Stets ist ein Messen, ein Vergleichen mit anderen vorausgegangen, erst mit dem Vater, dem Stärksten in der Familie, zuweilen mit der Mutter, mit den Ge- schwistern, später mit jeder Person, die dem Patienten entgegentritt.

Bei näherer Einsicht erkennt man, dass jedes Kind, insbesondere aber das von Natur aus bedrängtere, eine scharfe Selbsteinschätzung vorgenommen hat. Das konstitutionell minderwertige Kind, dein wir in seelisch verzögerter geistiger Entwickelung gleichgestellt und zur Neurose gleichermassen disponiert das hässliche, das zu streng erzogene, das verhätschelte Kind an die Seite stellen können, sucht eifriger als ein gesundes Kind den vielen Übeln seiner Tage zu entkommen. Und bald sehnt es sich, auf eine ferne Zukunft hinaus das ihm vorschwebende Schicksal einer Niederlage im Leben zu bannen. Dazu braucht es ein Hilfsmittel, um im Schwanken der Tage, in der Unorientiertheit seines Seins ein festes Bild vor Augen zu haben. Es greift zu einer Hilfs- konstruktion. In seiner Selbsteinschätzung zieht es die Summe aller Übel, stellt sich selbst als unfähig, minderwertig, herabgesetzt, unsicher in Rechnung. Und um eine Leitlinie zu finden, nimmt es als zweiten fixen Punkt Vater oder Mutter, die es nun mit allen Kräften dieser Welt ausstattet. Und indem es für sein Denken und Handeln diese Leitlinie normiert, sich aus seiner Unsicherheit zu dem Range des all- mächtigen Vaters zu erheben, diesen zu übertreffen sucht, hat es sich bereits vom realen Boden mit einem grossen Schritt entfernt und hängt in den Maschen der Fiktion. — Solche Beobachtungen lassen sich auch bei normalen Kindern in abgeschwächter Form erheben. Auch sie wollen gross sein, stark sein, herrschen, „wie der Vater", und werden durch diesen Endzweck geleitet. Ihr Gebaren, ihre körperliche und geistige Haltung sind alle Augenblicke auf diesen Endzweck gerichtet, so dass man bereits eine imitierende Mimik, eine identische psychische Geste wahrnehmen kann. Das Bei- spiel wird der Wegweiser zum „männlichen" Ziele, solange nicht die „Männlichkeit" in Frage gestellt ist. Wird bei Mädchen das männliche Ziel denkunfähig, dann tritt ein Formenwandel der männlichen Leitlinie ein, es wird z. B. nur Macht, Wissen, Herrschaft angestrebt. Schliess- lich wird jedes Wollen ein Drang nach Kompensation, ein Ausgleich eines Minderwertigkeitsgefühls.

16 Ursprung und Entwicklung des Gefühls der Minderwertigkeit usw.

Auf eine spezielle psychische Leistung des Kindes muss noch hin- gewiesen werden, die sich vorher und während der Aufstellung der männlichen Leitlinie geltend macht. Man kann diese Erscheinung kaum besser erfassen, als mit der Annahme, dass die notwendigen Verweige- rungen der Organtriebbefriedigungen 'das Kind schon von der ersten Stunde seines extrauterinen Lebens an in eine feindliche, kämpferische Stellung zur Umgebung drängen. Daraus resultieren Anspannungen und Steigerungen organisch gegebener Fähigkeiten, — c'est la guerre! — wie ich sie in der Arbeit über den „Aggressionstrieb"1) beschrieben habe. In den zeitweiligen Entbehrungen und Unlustempfindungen der ersten Kinderjahre ist der Anetoss zu suchen, der zuerst eine Anzahl allgemeiner Charakterzüge eines Angreifers entwickelt. Bald aber lernt das Kind auch in seiner Schwäche und Hilflosigkeit, in seiner Angst und in seinen mannigfachen Unfähigkeiten Mittel schätzen, die ihm die Hilfe und Unterstützung seiner Angehörigen, ihr Interesse sichern. In seinem negativistischen Verhalten, in seinem Trotz und in seiner Unerziehbarkeit rindet es oft eine Befriedigung seines Machtbewusstseins und ist dadurch des quälenden Gefühls seiner Minderwertigkeit ledig geworden. Mit den Äusserungen seiner Schwäche und seiner Unterwerfung lenkt es die Sorge der Umgebung auf sich. Beide Hauptlinien des kindlichen Verhaltens, Trotz und Gehorsam2), garantieren dem Kinde eine Erhöhung seines Persönlichkeitsgefühls, helfen ihm, den Weg zum männlichen Endziel oder, wie wir vorweg- nehmend sagen wollen, zu einem Äquivalent desselben tastend einzu- schlagen. Bei konstitutionell minderwertigen Kindern wird das erwachende Persönlichkeitsgefühl stets herabgedrückt, ihre Selbsteinschätzung fällt geringer aus, weil ihre Befriedigungsmöglichkeit weitaus dürftiger ist. Man denke an die zahllosen Einschränkungen, Kuren, Schmerzen bei magendarmkranken Kindern, an die Verweichlichung und Verwöhnung der blassen, schwächlichen, an Minderwertigkeit des Atmungsapparates leidenden Kinder, an das Jucken und die Qualen bei Prurigo und anderen Exanthemen, an die vielen erniedrigenden Kindesfehler, an die Ansteckungsfurcht der Eltern solcher Kinder, die oft dahin führt, wohin auch die häufigen Störungen in der Erziehung, im Schulfortgang, und die Störrigkeit solcher Kinder öfters führen: zur Isolierung und zur Missliebigkeit bei Kameraden und innerhalb der Familie. In ähnlicher Weise schädigen das Selbstgefühl die rachitische Plumpheit, angeborene Fett- leibigkeit und geringere Grade von geistiger Zurückgebliebenheit. Meist hilft sich das Kind durch die Annahme einer Zurücksetzung, die es von den Eltern erfährt, was zuweilen durch die Ungunst seiner Position in der Kindesreihe, als erstes Kind, als zweites, als einziges Mäd- chen unter Knaben oder umgekehrt, erleichtert wird, wie sie besonders häufig bei späteren o.derdem j üngsten der Kinder anzutreffen ist, zuweilen je nach der individuellen Situation auch bei dem ersten.