SigPhi · Alfred Adler

Über den nervösen Charakter

German

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So geschah es auch, dass er, um eine einheitliche Haltung zu gewinnen, in gleicher Weise die Herabsetzung des Mannes anstrebte. Schon bei seiner Jagd auf verheiratete Frauen kam dies zum klaren Ausdruck, I. Kapitel. Geiz, Misstrauen, Neid, Grausamkeit usw. 75 und es befriedigte ihn die Bestürzung und Enttäuschung der verführten Frauen, die Schimpfworte, die er ihnen nachträglich gab, nicht weniger als die Genugtuung, sich wieder einmal als der Stärkere gegenüber den Ehe- gatten gezeigt zu haben. Dies wurde nachgerade zum Inhalt seines Lebens, die Formverwandlung, in der sich seine ursprüngliche Fiktion, der Männ- lichste zu werden, annähernd erfüllt hatte. Nur die Furcht vorder Frau, die ihn ursprünglich, gleichgerichtet mit der Empfindung seiner eigenen Weiblichkeit, zu seinem übertriebenen männlichen Protest gebracht hatte, fand sich wieder in der übergrossen Sicherung vor der Überlegen- heit der Frau, und Hess ihn als Schutzdamm'seiri Misstrauen und seinen Geiz, die beide trefflich argumentieren konnten, masslos verstärken. Von dieser Sicherungstendenz fortgerissen fixierte er zudem noch die psychische Impotenz, die er bei seinen ersten Versuchen kennen gelernt hatte. Ein Dienstmädchen, das er als Jüngling verführen wollte, leistete ihm Widerstand. Er war damals unerfahren und hielt sich für impotent. Später, als er gelehriger geworden war, empfand er seine Unerfahrenheit so, als ob das Weib für ihn ein Rätsel, unergründbar sei. In der ursprünglichen Impotenz aber, die nur der psychische Ausdruck seiner Gegengründe war, und in seiner Ratlosigkeit der Frau gegen- über fand er die neurotischen Umwege, sich einer endgültigen Nieder- lage, einer Entscheidung zu Ungunsten seiner Männlichkeit zu entziehen. Das Messen mit anderen Männern setzte nun verstärkt ein. Er ertappte sich beispielsweise in einer psychischen Situation, wo er mit einer Gesell- schaft bei Tische sitzend, bereits lauerte, bevor noch jemand ein Wort gesprochen hatte, was er entgegnen sollte, wie er dem Sprechenden unrecht geben könnte. Sprach er über ein Buch, über ein Theaterstück, eine Gesellschaft, über einen Ort, so drang stets eine herabsetzende Kritik in schärfster Form durch. Und so war es auch zu erwarten, dass er in jeder ärztlichen Behandlung nach einer kurzen Einleitung die Charakter- züge des Misstrauens, des Geizes, der Entwertung, oft kunstvoll in- einander verschlungen, zum Ausdruck brachte. Seine festgefrorene psychi- sche Geste, seine Attitüde waren der Angriff, die Herabsetzung des anderen, und sie mussten bei näherer Betrachtung zum Vorschein kommen. Dazu kam noch ein verschärfendes Moment. Seine Absicht, wenn er den Arzt aufsuchte, konnte ja nicht sein, pure et simple von seiner Impotenz befreit zu werden, da er dadurch in das Chaos seiner Befürchtungen gestürzt worden wäre. Er wollte vielmehr den Be- weis seiner Unheilbarkeit oder einen Weg finden, auf dem er ohne Furcht vor einer Niederlage potent sein konnte. Um zum ersten Ziel zu gelangen, war die Entwertung des ärztlichen Könnens Vorbedingung. Den Weg zur Heilung aber konnte er nur finden, wenn er die Furcht vor der Frau bis zu ihren irrtümlichen Quellen zurückverfolgt hatte, bis zum kindlichen Gefühle seiner Un- männlichkeit, in dem sich das Gefühl seiner Minderwertigkeit konkreti- siert hatte. Einer seiner Träume aus der Zeit vor Beendigung der Behandlung zeigte diesen Sachverhalt sehr genau. Ich muss vorher kurz bemerken, dass ich den Traum als die Spiegelung eines abstra- hierenden, simplifizierenden Versuches auffasse, aus einer mit einer Niederlage drohenden Situation durch Voraus- denken und Ausprobung der Schwierigkeiten an einen dem Patienten eigentümlichen Schema einen sichernden Aus- weg für das Persönlichkeitsgefühl zu finden. Deshalb wird 76 I. Kapitel. Geiz, Misstrauen, Neid, Grausamkeit usw.

sich auch in jedem Traume das signifikante Schema der gegensätzlichen Apperzeptionsweise: „Männlich-weiblich" und „oben-unten" als jedem Menschen ursprünglich anhaftend, beim Nervösen aber verstärkt, wieder finden. Die zutage tretenden Einfälle und Erinnerungen müssen erst in dieses Schema eingereiht werden, um den Sinn des Traumes zu ergeben, der nicht, — oder nicht prinzipiell, — einen infantilen Wunsch zu erfüllen hat, dessen Aufgabe es vielmehr ist, einleitende Versuche zu begleiten, die unter Reduktion auf ein kleineres Mass das Soll und Haben des Patienten in dessen neurotischer Art zugunsten des Persön- lichkeitsgefühls zur Verrechnung bringen. Der Traum lautete: „Ich handle mit alten Sachen in Wien oder in Deutschland oder in Frankreich. Ich muss aber neue Sachen kaufen und sie abwaschen, weil dies dann billiger kommt. Dann sind es wieder alte Sachen."

Die neuen Sachen bedeuten eine neue Potenz im Gegensatz zu den „alten Sachen", zu seiner Impotenz, die noch niemand in allen Ländern geheilt hatte. Hier schimmert der Gedanke an ein neues Leben, an die Möglichkeit einer Erlangung der Potenz durch. Die Worte, „weil dies dann billiger kommt", decken oben klargelegte Gedankengänge, seine Furcht vor Geldausgaben im Falle seiner Potenz. Dieser Gedanke ist aber nur in einem Falle haltbar, wTenn nämlich der Patient von der Überzeugung durchtränkt ist, er sei masslos in seinem Liebesdrang, kenne keine Grenzen und jage sinnlos den Frauen nach. Die entsprechende Über- zeugung nun holt er sich tendenziös aus Erinnerungen der Kindheit, der Pubertät und des Mannesalters. Dabei hilft er auch der Gestaltung seiner kindlichen Inzesterinnerungen nach und bringt sie wie jeder Nervöse, wenn sie ihm taugen, in die Form, als ob er die Mutter oder die Schwestern in sexueller Absicht begehrt hätte. Das heisst, er arbeitet mit einer aus dem Endzweck abgeleiteten Fiktion, um sich zu sichern, ähnlich wie Sophokles die Odipussage formt und aus- gestaltet, um die heiligen Gebote der Götter zu festigen. Gleichzeitig drückt sich sein Begehren nach Unterjochung der Mutter und der Schwestern im Sexualjargon aus. Unser Patient ist ein williges Opfer seines mangelhaften Verständnisses für Dialektik, für die Gegensätzlichkeit des primitiveren Denkens geworden. Der leitende Gedanke seines Persön- lichkeitsideals: ich darf Blutsverwandte nicht begehren, — enthält dialek- tisch den Gegengedanken von der Möglichkeit eines Inzests. Da der Ner- vöse sich sichern will, hält er sich an den Gegengedanken, spielt mit ihm, unterstreicht ihn und verwendet ihn in der Neurose wie alle erschreckenden Erinnerungen, die ihm für seine Sicherung nützlich erscheinen. Im Leben unseres Patienten und aller Nervösen hat es noch viel mehr Erlebnisse gegeben, die ihnen die Überzeugung hätten beibringen können, dass sie frei von Inzestregungen, dass sie überhaupt immer äusserst massvoll, vorsichtig und zaghaft waren. Da er sich aber sichern will, stossen sein Gedächtnis und seine neurotische, fälschende Apperzeptionsweise diese Züge tendenziös von sich. Er hat viel mehr Eindrücke davon, dass er die Mutter und die Schwestern nicht begehrte, — er kann sie aber zur Sicherung nicht verwenden. So bleibt ihm bloss eine Erinnerungsspur an ein vorbereitendes, spielerisches Unterfangen, und weil ihm dies als Warnung dienen kann, macht er daraus einen Popanz, mit dem er sich erschreckt. Er will „abwaschen" d. h. sich frei davon machen. Genau in der gleichen Weise entstehen die neurotische Angst, die Platzangst, Hypochondrie, Pessi- I. Kapitel. Geiz, Misstrauen, Neid, Grausamkeit usw. 11 mismus und Zweifelsucht, indem die Patienten bloss die zur Sicherung dienenden Eindrücke und Erlebnisse heranziehen, die ihre Affektlage verstärken, und die übrigen, speziell die entgegengesetzten, entwerten. Die Fähigkeit der Sophisten, von jedem Ding „in utramque partem dicere", hat auch der Nervöse und der Psychotische, und sie verwenden sie je nach Bedarf.

Die scharf zugeschliifenen, tendenziös verstärkten Bereitschaften des Nervösen und die ihnen beigeordneten neurotischen Charakterzüge bringen es mit sich, dass jede neue Situation verwirrend wirkt. (Lombrosos Misoneismus.) Am meisten fürchtet unser Patient die ihm unbekannte Situation der Sexualbefriedigung, weil er sich in dieser vorausempfundenen Situation, — aus Sicherungsgründen, — als den unter- liegenden Teil gesetzt hat. Nun stellt diese Furcht, die als Furcht vor der Impotenz empfunden wird, eine weitere Sicherung dar gegen die Möglichkeit, von der Frau gefesselt, festgehalten, betrogen zu werden, ihr nicht gewachsen zu sein, gegen eine Rolle, die seinem männlichen Ideal widerspricht, und die er deshalb als weiblich wertet. Aus harm- losen, ubiquitären Zügen der Selbstsucht, des Geizes und der Sparsam- keit arrangiert er eine tiefgreifende, scheinbar immanente, in Wirk- lichkeit fiktive Leitlinie des Geizes, weil ihn diese am besten zu behüten scheint. Bekommt er, wie im Traume, was er schon in der Kindheit gewünscht, neue Genitalien, eine gesunde Potenz, dann muss er sich dagegen wehren. Und er greift zu einem Mittel, das er schon lange kennt, das ihm oft schon vergebens empfohlen wurde, zunächst immer aber seine Erektionen abschwächte, statt sie zu stärken, zu kalten Waschungen. Dieser in seiner Erfahrung mangelhaften Kur setzt er meine Behandlung gleich. Die Kur soll das Gegenteil von dem be- wirken, was sie anstrebt, und der Arzt soll ebensowenig einen Erfolg erzielen wie die früheren Ärzte. So zeigt der Traum dem Patienten den Ausweg, sich vor der Heilung zu schützen, um dem Arzte überlegen zu sein. „Dann sind es wieder alte Sachen."

In anderen Fällen von psychischer Impotenz gelingt die Heilung leicht und, wie wir wissen, mit den verschiedensten Mitteln. Oft handelt es sich nämlich um nervöse Patienten, die schon durch ihren Gang zum Arzt zu verstehen geben, dass sie geneigt wären, diese Art von Sicherung aufzulassen. Nun helfen Medikamente, Kühlsonden, Elektri- zität, hydropathische Kuren und insbesondere jede Art von Suggestion, auch die durch eine unsinnige Analyse. Es genügt dann zuweilen die Autorität des ärztlichen Wortes, damit bestimmte Bedenken fallen. In den schweren Fällen ist eine Umwandlung der auf Sicherung allzu stark bedachten Psyche nötig und die Einführung des Patienten in die Ge- meinschaft, die er durch die Impotenz zu untergraben sucht.

Das Alter treibt oft den Neid und Geiz stark hervor. Psychologisch ist dies nicht schwer zu begreifen. Wie schön auch Dichter und Philosophen die Zeit des Alters auszuschmücken versuchen, nur den erlesenen Geistern dürfte es gegeben sein, ihr Gleichgewicht zu bewahren, wenn sie die Pforte, die zum Tode führt, aus der Ferne 78 I. Kapitel. Geiz, Misstrauen, Neid, Grausamkeit usw.

auftauchen sehen. Und die Entbehrungen und Einschränkungen, die natürlicherweise das Alter mit sich bringt, die fühlbare Überlegenheit jüngerer Menschen, Angehöriger, wie sie oft in harmloser Weise oder harmlos scheinend zu Zurücksetzung älterer Personen Anlass gibt, werden fast immer zur Herabdrückung des Persönlichkeitsgefühls führen. Die sonnige Bereitschaft Goethes, im „Vater Kronos" erquickend zum Ausdruck gebracht, ist wohl für die meisten Menschen eine unerreichbare Illusion, und glücklich sind die zu preisen, die ohne schwere Beeinträchtigung des Gemütes den Verlust ihrer besten Zeit überdauern.

Nach unseren Voraussetzungen ergibt sich folgerichtig, dass die Zeit des Alterns wie eine dauernde Herabsetzung ein starkes Minder- wertigkeitsgefühl auslöst. Insbesondere werden alle darunter leiden, bei denen neurotische Disposition vorliegt. Zuweilen bringt das Alter erst, das Klimakterium bei Frauen, Gefühle der Insuffizienz geistiger oder psychischer Art, Anzeichen von Impotenz, Auflösung der Familie, Ver- heiratung eines Sohnes oder einer Tochter, auch Geldverluste oder Enthebungen von Ämtern und Würden den Zusammenbruch. Meist finden sich in der Vorgeschichte schon Spuren oder Ausbrüche neuro- tischer Erscheinungen. Das Alter mit seinen Einbussen wirkt wie andere Herabsetzungen des Persönlichkeitsgefühls. Der gereizte Aggressions- trieb sucht andere Wege, um eine Ausgleichung herbeizuführen, andere Wege, die leider in diesen Fällen nicht leicht zu haben sind. Leichter wäre der Verzicht, wenn gleichmässig mit dem Sinken körperlicher und geistiger Kraft das Empfindungsleben sich einengte. So kommt es selten. Und um den Ersatz zu finden, peitscht der durch Unsicherheit gereizte Aggressionstrieb alle Regungen des Begehrens noch einmal auf. Das allgemeine Urteil stemmt sich diesen Versuchen oft allzusehr ent- gegen. Die Haltung, das Leben, das Begehren, die Kleidung, die Arbeit, die Leistungen alternder Personen unterliegen in zu hohem Masse der Kritik. Wer zur Neurose geeignet ist, wird diese Kritik leicht als Sperrung empfinden, und wird dort schon zurückschrecken, wo noch Befriedigungsmöglichkeiten bestehen. Er wird sich zur Unterwerfung nötigen, wird seine Gefühle und Wünsche morden wollen, ohne mit ihnen fertig zu werden. Ja heftiger noch lodern diese auf, wenn ohne Ausgleich ein Verzicht erzwungen wird. So kommt es, dass die aktiven feindlichen Charakterziige hervortreten, dass Neid, Missgunst, Geiz, Herrschsucht, sadistische Regungen aller Art Verstärkungen erfahren, und, nie befriedigt, eine Ruhelosigkeit erzeugen, die ununterbrochen auf Abhilfe, auf Ersatzmöglichkeiten, auf Sicherungen dringt. „Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück \u Denn die reale Position alternder Personen ist in unserer Gesellschaft schwer bedroht, da der Wert der Arbeit fast ausschlaggebend für die Schätzung der Persönlichkeit ist. Der Schein der Macht aber, das Prestige, ist das Brot des Neuro tikers. Auch Selbstmord als letzten Ausdruck des männlichen Protests im Alter haben wir schon erlebt. Häufig findet sich Melancholie als Racheakt.

Stärker noch als bei Männern wirkt der Eintritt des Alters bei Frauen. Schon die Bedeutung des Klimakteriums wird meist phan- tastisch übertrieben. Aber für die Frau war Jugend und Schönheit Macht, und dies mehr als beim Manne. Ihre Reize konnten ihr Herr- schaft geben, Siege und Triumphe, wonach die neurotische Gier unaus- I. Kapitel. Geiz, Misstrauen, Neid, Grausamkeit usw. 79 gesetzt verlangte. Das Alter trifft sie wie ein Makel. Dabei sinkt ihr Wert stärker als der des alternden Mannes, und die herrschende Mentalität ist der alternden Frau gegenüber geradezu feindselig zu nennen. Dieser bedauerliche Zug stammt aus der uns bekannten Ent- wertungstendenz des Mannes gegenüber der Frau,- kooperiert mit dem psychischen Niederschlag aus unserem gesellschaftlichen Erleben, und bis zum Grab während zeigt sich dieser neurotische Spross unversöhnlich und unausrottbar. Bewusst und unbewusst, oft durch die Natur der Verhältnisse unüberwindlich, drückt die herabsetzende Tendenz derer, die das Recht zum Leben haben, auf das Persönlichkeitsgefühl alternder Frauen. Kindesliebe und Ehrfurcht vor dem Alter als Hilfsmethoden und leitende Gesichtspunkte des Gemeinschaitsgefühls im Umgang der Menschen leisten oft nur das Mindestmass und können dem aufge- peitschen Wollen von Menschen, denen die Kraft schwindet, nie genügen. Da setzt der neurotische Zug zur Verstärkung der Leitlinien ein. „Ich bin verkürzt, ich habe zu wenig vom Leben gehabt, ich werde nichts mehr erreichen", das hört man aus den Klagen alternder Neurotiker regelmässig heraus, und sie vertiefen diese Art, das Leben zu betrachten, so sehr, dass sie misstrauisch und argwöhnisch einem oft widerlichen Egoismus verfallen, wie er bei ihnen früher nie so deutlich, geworden ist. Dann aber werden die Unentschlossenheit und der Zweifel stabilisiert. „Handle so, als ob du doch noch zur Geltung gelangen müsstest", so ungefähr hebt sich eine andere Leitlinie aus der Psyche ab, und damit steigt nun die neurotische Verschärfung der Gier, und die geizigen, neidigen, herrschsüchtigen Regungen treten gewaltig in den Vorder- grund, fast stets aber gehemmt durch die erstgenannten Leitlinien, gemäss welcher die Patienten vor jedem Begehren und Beginnen zu- zurückschrecken. So liegen förmlich unter einer Decke, mühevoll dem Bewusstsein entrissen, die Regungen, welche andauernd Unzufriedenheit, Ungeduld, Misstrauen unterhalten, und lenken die Aufmerksamkeit unausgesetzt auf das Unerreichte und oft Unerreichbare. Recht häufig wird dieses im Bereich des Erotischen gesucht, oder das Sexuelle wird als Symbol des unerreichbaren Zieles aufgerichtet. In letzterem Falle, zu dessen Gelingen die grosse Eignung des sexuellen Symbols einerseits beiträgt, ferner aber auch der Umstand, dass der Beweis einer sexuellen Unbefriedigung jedem wohl gelingen dürfte, worauf es schliesslich ankommt, wird das ganze Wollen sexualisiert. Es ist leicht zu verstehen, dass diese Personen auf der Grundlage einer sexuellen Analogie apperzipieren. Aber es muss der Fehler ver- mieden werden, die sexuelle Fiktion, sozusagen einen Modus dicendi oder einen sexuellen Jargon für ein ursprüngliches Empfinden zu nehmen. Im theoretischen Teil habe ich auseinandergesetzt, warum beim Neurotiker die sexuelle Leitlinie so deutlich hervortritt: 1. weil sie wie alle Leitlinien beim Neurotiker erheblich verstärkt und sozu- sagen real empfunden wird, während sie nur arrangiert wurde, um als sichernde Richtlinie zu wirken, 2. weil sie in die Richtung des männn- lichen Protestes führt. So kommt es, dass jedes Begehren der alternden Nervösen nicht bloss von ihr, sondern bei einiger Bemühung auch vom Arzte auf eine sexuelle Analogie bezogen werden kann. Auch dass der Arzt das immanente Bedürfnis des Neurotikers nach einer sichern- den Analogie durch voreilige Darbietung der sexuellen Leitlinie im Stile der Freud' sehen Schule befriedigen kann, geht aus dieser Betrachtung 80 I. Kapitel. Geiz, Misstrauen, Neid, Grausamkeit usw.

unzweifelhaft hervor. Ein Gewinn ist dies insolange nicht, als es nicht gelingt, den Patienten von seiner Fiktion loszulösen, was erst möglich ist, wenn er sicherer geworden ist und seine scheinbar libidinöse Regung als fälschende Fiktion erkennt.

Eine solche Fiktion ist beispielsweise das von früheren Autoren, von Freud und von Kurt Mendel beschriebene Klimakterium des Mannes. Das Klimakterium der Frau wirkt psychisch unbe- kümmert um Stoffwechselvorgänge durch die Steigerung des Minder- wertigkeitsgefühls. Gleichzeitige Stoffwechselstörungen können bloss den neurotischen Aspekt verändern oder verstärken, sobald sie sich spezifisch, durch Verstärkung der Unsicherheit fühlbar machen. Die Basedow- neurose bei klimakterischen Frauen gibt ein solches gemischtes und verstärktes Bild. Die Neurose des „männlichen Klimakteriums" ist eben- falls nur mittelbar durch die Genitalatrophie beeinfiusst, kann aber eine Verstärkung erfahren durch die verschärfende Abstraktion: ich bin kein Mann mehr, ich bin ein Weibl — Da von diesem ideologischen Standpunkt aus die männliche Richtungslinie mit Aufmerksamkeit und arrangierten Erregungen verstärkt, hypostasiert wird, kommen die wunderlichen Erscheinungen des Johannistriebs zustande, für deren häufigen Bestand bei Frauen sich Karin Michaelis im „Gefährlichen Alter* mit Recht eingesetzt hat. Nur dass die sexuelle Richtlinie nicht die ausschliessliche oder gar die grundlegende ist, etwa wie sie eine biologische Betrachtungsweise zu erledigen versucht, sondern sie muss als eine Ausdrucksform, die andern Formen des Begehrens gleichgeordnet ist, betrachtet werden, wenn man den Tatsachen gerecht werden will. Eine ältere Witwe rächte sich durch offen betriebene Liebesabenteuer mit jüngeren, von ihr bezahlten Männern an ihren Kindern, weil diese sie aus ihrer Hauswirtschaft gedrängt hatten. Ein alternder Mann zeigte jahrelange Schlaflosigkeit, die eine Verurteilung von Frau und Kind enthielt, beiden ihre Lieblosigkeit zum Vorwurf machte und gleichzeitig Sexualfreiheit zu erfordern schien, durch die der Schlaf nach einem lächerlichen Vorurteil wiederkommen sollte. Gleichzeitig verhinderte die Müdigkeit und kontinuierliche Entkräftung jede erotische Regung.

Die klimakterische Neurose zeigt uns demnach ein anderes Gesicht der durch den männlichen Protest bedingten Neurose, und die in ihr nachweisbaren Charakterzüge, — sekundäre Leitlinien, die in die Haupt- linie einzumünden bestimmt sind, — gleichen den uns bekannten Hypo- stasierungen. Ich habe nie einen Fall gesehen, bei dem die Neurose erst im Klimakterium ausgebrochen wäre. Und es ist ja auch nach unseren Voraussetzungen zu erwarten, dass die „klimakterische* Neurose schon früher gelegentlich ihr Gesicht gezeigt hat. Manchmal in massiger Weise, wenn die Gunst der Verhältnisse oder kulturelle Betätigungen durch teilweise Befriedigung des Machtkitzels den Ausbruch mildern konnten. Meist findet man eine seit Jahren währende Steigerung, ein Weitergreifen der neurotischen Symptome, das von vorneherein eine notwendig gewordene Verschärfung der Sicherungstendenz erraten lässt. Ein Beispiel wäre die Transformation von Kopfschmerzen und gelegent- licher Migräne in Trigeminusneuralgie. Oder die Steigerung der neu- rotischen Vorsicht in Angst, gelegentlich durch Eskomptierung eines zu erwartenden Unheils in Melancholie. Für diese 3 Stufen der Sicherung ist das im theoretischen Teil angedeutete Schema in Anspruch zu nehmen: I. Kapitel. Geiz, Misstrauen, Neid, Grausamkeit usw. 81 Vorsicht: z. B. als ob ich mein Geld verlieren könnte, „unten" sein könnte.

Angst: als ob ich mein Geld verlieren werde, unten sein werde.

Melancholie: als ob ich mein Geld verloren hätte, unten wäre1). Mit andern Worten, je stärker das Gefühl der Unsicherheit, um so mehr wird unter steigender Abstraktion von der Realität die Fiktion verstärkt und dem Dogma genähert. Und der Patient nährt und fingiert in sich alles, was ihn näher an seine Leitlinie heranbringt. Die Realität wird dabei in verschiedenem Grade entwertet, und die korrigierenden, der Gemeinschaft angepassten Bahnen erweisen sich immer mehr als insuffizient.

Nicht selten sieht man Fälle, bei denen in den uns bekannten pathogenen Zeiten neurotische Erscheinungen, wie im Experiment, zutage getreten sind. Kisch und andere haben auf die anamnestische Tatsache der neurotischen Beschwerden beim Eintritt der Menstruation hingewiesen. Häutiger findet man in der Vorgeschichte nervöse Molimina menstrualia oder Neurosen vor der Verehelichung, im Puerperium oder kontinuierlich.

Nach diesen Erörterungen dürfen wir wohl die geschilderten Leit- linien einmünden lassen in die Hauptleitlinie des Neurotikers. Die Neurose alternder Personen ist nur ein anderes Gesicht, ein adaptierter, psychischer Überbau, errichtet über der einen elementaren Richtungs- linie: ich will ein Mann sein. Und diese Richtungslinie, die direkt zum Scheitern verurteilt wäre, bedient sich der verschiedensten Ver- kleidungen, ohne je eine befriedigende zu finden. Oft ist der Eindruck der einer grossen Ratlosigkeit, einer Resignation, als ob die Patienten sagen wollten, sie wüssten nicht, wie sie es anstellen sollen. In alle Pläne mengt sich der Zweifel, das Schwanken verlässt sie nicht, daneben aber sieht man übertriebene Darbietungen, als ob die Patienten sich beweisen wollten, dass sie zu alt, dass sie noch jung sind. Die Tendenz ist, Macht, Einfluss, Geltung zu gewinnen. Aber das Gefühl, Unerreichbares zu v/ollen, verlässt sie nicht. In den Träumen findet man regelmässig den Versuch, in irgend einer Weise dem männlichen Protest zum Durchbruch zu verhelfen, jung zu sein, immer aber auch, zuweilen gut verhüllt, ein Mann zu sein. Meist äussern sie bewusst, dass sie den alternden Mann für bevorzugt halten. Auch die Charakter- züge, diese Leitlinien zweiter Ordnung, zeigen die Wirkung der Sicherungstendenz. Pedanterie, Geiz, Neid, Herrschsucht, Gefall- sucht setzen sich oft in der verstecktesten Weise durch. Angst findet sich häufig; sie dient oft dem Beweise, dass man nicht allein sein könne. Und vollends die neurotischen Symptome zwingen das ganze Haus in den Bann des Patienten. Oft wird in mehr oder minder zaghafter, versteckter Weise ein Wunsch zu realisieren versucht, als ob dann der männliche Triumph gesichert wäre. Häufig ist der Wunsch nach einer Ehescheidung, nach einer Übersiedlung in die Grossstadt, nach einer Demütigung der Schwiegersöhne oder Schwiegertöchter, als ob dann Beruhigung zu erwarten wäre. Schwierigkeiten beim Essen, beim Stuhl, Bruchstücke aus phantasierten Schwangerschaften und Geburten sind nicht selten. Dazu wird Vergesslichkeit, Zittern, dann und wann auch ein traumatischer Unfall arrangiert, um sich und andern das ') Siehe „Melancholie und Paranoia" in „Praxis und Theorie der Individual- psychologie" 1. c.

Adler, Nervöser Charakter. 3. Aufl. G 82 I. Kapitel. Geiz, Misstrauen, Neid, Grausamkeit usw.

Bild steigender Hilflosigkeit vor Augen zu führen. Klagen kehren immer wieder, alle unangenehmen Zufälle gelangen zu besonderer Bedeutung, und der Sinn ist stets auf kommendes Unheil gerichtet. Die demon- strative Hervorhebung des Leidens und die zögernde Attitüde dienen einerseits der Fesselung des gesellschaftlichen Kreises, andererseits der Einleitung des Rückzugs bei peinlichen Erwartungen einer Herabsetzung. Psychologisch lässt sich feststellen, dass auch das Klagen als eine Art der Revolte, als männlicher Protest gegen Minderwertigkeitsgefühle empfunden wird und schwer entbehrlich ist: es soll die anderen schwach, weich machen.