Die Behandlung bietet recht erhebliche Schwierigkeiten, da die Erziehung zur Selbständigkeit und zur Ausdauer im Alter schwieriger und lohnende Aussichten nicht leicht plausibel gemacht werden können. Wie immer wird auch die Person des Psychotherapeuten und sein wirk- licher oder möglicher Erfolg zur Anspornung des Neides verwendet, und Besserungen wirken oft deshalb allein als Anreiz zur Ver- schlimmerung. Auch die leicht zu erzielende Autorität wirkt störend auf das Gleichgewicht der Patienten, die sich in ihrem ganzen Leben nicht einfügen oder gar unterordnen konnten. Als ultimum refugium empfiehlt sich in schweren Fällen die Selbstaufopferung des Arztes nach gründlicher Analyse des Falles, so dass man den Schein eines Misslingens der Kur auf sich zu nehmen hat und einer anderen Methode und einem anderen Arzt die Lorbeeren zuweist. In einigen meiner Fälle hat sich dieser Kunstgriff bewährt. Meist ergaben sich selbst in diesen Fällen nach der Kur noch weitgehende Besserungen und grosse Intervalle, zuweilen völlige Heilungen, scheinbar spontan.
Eine meiner Patientinnen, eine 56 jährige Frau, war seit 18 Jahren an Angstzuständen, Schwindel, Üblichkeit, Bauchschmerzen und schwerer Obstipation erkrankt. Einen grossen Teil dieser Zeit hatte sie im Bette oder auf einer Ottomane liegend zugebracht, besonders als sich vor acht Jahren heftige Schmerzen im Kreuz und an den Beinen hinzu- gesellt hatten. Die Patientin war vorher eine rüstige Frau gewesen, hatte aber um das 16. Lebensjahr, angeblich monatelang, an einem Ge- lenkrheumatismus gelitten. Ihr gegenwärtiger Zustand erwies sich als psychogen, da entsprechende organische Veränderungen fehlten, und die von mir hervorgehobenen sichernden Charakterzüge1) leicht nach- zuweisen waren. Den Ratschlag eines namhaften Gynäkologen, wegen perimetritischer Verwachsungen eine Exstirpatio uteri vorzunehmen, Hess ich unberücksichtigt, seit ich aus anderen Fällen gelernt hatte, die ursächliche Bedeutung solcher Schrumpfungsvorgänge (Freund) für die Neurose als mittelbar, über die Psyche wirkend zu verstehen. Ver- änderungen an den Genitalien, Hemmungserscheinungen, Missbildungen sowie Erkrankungen finden sich häufig bei neurotischen Kranken. Und Bossi hat sicherlich recht, wenn er, wie ich es bereits früher getan habe (Studie 1907) auf diesem Zusammenhang besteht. Der Zusammenhang liegt aber entweder in der Vermittelung eines speziellen Minderwertigkeits- gefühls, das bei neurotischer Disposition zum Ausbruch der Neurose Veranlassung gibt, oder die aus anderen Ursachen ausgebrochene Neurose J) Deren differentialdiagnostische Bedeutung über jeden Zweifel erhaben ist. Bloss die Gleichzeitigkeit einer organischen Affektion ist noch regelmässig zu erwägen.
I. Kapitel. Geiz, Misstrauen, Neid, Grausamkeit usw. 83 bedarf eines sichernden Hinweises auf eine organische Veränderung, um den gesetzten Zweck des männlichen Protestes in die Wege zu leiten. Die sexuelle Minderwertigkeit erschüttert ursprünglich die Gesamtwertigkeit des Individuums und wird sekundär sozusagen zum Vehikel, was besonders dann in die Augen springt, wenn geringfügige Veränderungen oder gar eingebildete, fiktive, wie vermeintlicher Verlust der Klitoris, Vergrösserung der Labia minora, Feuchtwerden der Öffnung, sagenhafte Merkmale der Masturbation usw. oder Behaarungsanomalien, Phimose, paraurethrale Gänge und asymmetrische Haltung des Penis, der Testiculi, Kryptorchismus zum Anlass und Symbol des Minderwertig- keitsgefühls genommen werden.
Die Erkrankung begann mit einem Schmerz im Abdomen, der sich während einer Tennispartie einstellte. Ein Jahr vorher war ihr eine Tochter gestorben, und ihr Mann, ein grosser Kinderfreund, wünschte sich noch weitere Kinder. Patientin, die seit frühester Jugend immer ihr weibliches Los beklagt hatte, war durchaus nicht geneigt, diesen Wunsch zu erfüllen. Der Schmerz, — wohl infolge einer Zerrung ent- standen, — gab ihrem undeutlich bewussten Widerstand neue Nahrung: sie konnte seither keinen Druck auf dem Bauch vertragen, ihr Bauch wurde für sie eine heikle Partie, und durch weiteres Arrange- ment von Schlaflosigkeit und Üblichkeiten, letztere als Memento einer Schwangerschaft, brachte sie es dahin, dass ihr Mann auf Anraten der Arzte den Geschlechtsverkehr aufgab und ein abgesondertes Schlaf- zimmer bezog.
Schon die Mitteilung, ihren Gelenksrheumatismus betreffend, war charakteristisch. Sie gab der bereits verstorbenen Mutter alle Schuld. Diese hatte sie im Elternhaus gezwungen zu waschen und zu bügeln, hatte sie stets den anderen Geschwistern, Brüdern gegenüber zurück- gesetzt und war in späteren Jahren noch ebenso hartherzig gegen sie verfahren. Der Geiz der alternden Frau hat sie in manche Schwierig- keit gebracht. Ihre Leiden aber glaubte sie alle vom Vater ererbt zu haben, so dass auch dieser sein Teil Schuld abbekam.
Derartige Vorwürfe gegen die Eltern weisen nach meiner Erfahrung regelmässig auf einen anderen Vorwurf hin, den das Kind seinen Eltern heimlich zu machen pflegt, wenn es sich nicht genug oder gar nicht männlich findet. Solche Vorwürfe werden späterhin abstrakt, wie ich es auch bezüglich des Schuldgefühls (s. über neurotische Dis- position in n Heilen und Bilden" 1. c.) gezeigt habe, und kommen sozu- sagen als Schalen zur Verwendung, die sich mit anderem Inhalt füllen. Dann heisst es, die Eltern wären nicht genug zärtlich gewesen oder hätten das Kind verhätschelt oder hätten nicht genug acht ge- geben usw. Kurz wir beobachten bei diesen Formulierungen einer Stellung zu den Eltern und später zur Welt einen Formenwandel, wie er für Leitlinien, die einen praktischen Zweck verfolgen, nötig ist, und wir sehen oft ein anderes Gesicht, das auf die aktuelle Situation zu- geschnitten ist. Es ist der Weg zurückzuverfolgen, den die Formen- wandlung durchgemacht hat. Dabei bedient sich unsere Methode des Mittels der Reduktion, der Simplifikation (Nietzsche), der Abstraktion1). Neben der Formen Wandlung spielt eine grosse Rolle die Verstärkung *) Im Gegensatz dazu ist Freud 's Methode eine nach dem Schema der Erotik analogisierende.
6* 84 I. Kapitel. Geiz, Misstrauen, Neid, Grausamkeit usw.
oder Abschwächung der leitenden Fiktion. Je unsicherer sich der Patient fühlt, um so mehr drängt ihn eine unbewusste Tendenz dazu, seine Leit- idee zu grösserer Intensität zu bringen, sich von ihr abhängig zu machen. Ich folge hier gerne der geistreichen Anschauung Vaihingers, der zur Geschichte der Ideen geltend macht, dass sie historisch betrachtet eine Neigung zeigen, aus einer Fiktion (einer unwahren, aber praktisch wert- vollen Hilfskonstruktion) zu Hypothesen und später zu Dogmen zu werden. Dieser Intensitätswandel charakterisiert im allgemeinen in der Individualpsychologie das Denken des Normalen (Fiktion als Kunst- griff), des Neurotikers (Versuch, die Fiktion zu realisieren) und des Psychotikers (unvollständiger aber sichernder Anthropomorphismus und Realisierung der Fiktion: Dogmatisierung). — Die stärkste innere Not sucht den Ausgleich durch Stärkung der sichernden Leitlinien. Des- halb wird man regelmässig Äquivalente der neurotischen und psychotischen Leitlinien und Charaktere beim Normalen finden, die hier jeweils korri- giert werden können, um widerspruchslos an die Wirklichkeit ange- nähert zu werden. Reduzieren wir die entblössten Leitlinien dieser Patientin und erlösen wir sie aus Formen- und Intensitätswandel, indem wir sie statt der später entwickelten Leitlinien in ihrer Grundform einsetzen, so lautet diese: ich bin ein Weib und will ein Mann sein! Der normale Mensch richtet sich auch zeitlebens nach dieser Formel. Sie verhilft ihm, sich unserer männlichen Kultur anzugliedern, ja sie verleiht dieser einen steten Antrieb zur „Vermännlichung". Aber sie ist bloss zur Berechnung da, etwa wie eine Hilislinie bei einer geo- metrischen Konstruktion. Ist das Resultat, das höhere, männlich ge- wertete Niveau erreicht, so „fällt sie aus der Rechnung". (Vaihingen) Bezüglich des Mythus, einer Leitlinie des Volkes, beklagt Nietzsche „seine Umwandlung ins Märchen und fordert seine Umwandlung ins Männliche". — Der Neurotiker unterstreicht diese Fiktion, nimmt sie all zu wörtlich und versucht ihre Realisierung zu erzwingen. Ihm ist nicht die Einfügung der Zweck, sondern die Geltendmachung seines männlichen Prestiges, was zumeist in der über- spannten Form unerreichbar oder durch innere Widersprüche im männ- lichen Protest, durch die Furcht vor einer drohenden Niederlage ge- hindert ist, ohne dass der Patient die Bedeutung oder Tragweite seiner grossenteils unbewussten Fiktion erkennt. Aber auch ihn hindert das grössere Unsicherheits- und oft unbewusste Minderwertigkeitsgefühl an der richtigen Einschätzung seiner Fiktion. Der Psychotiker benimmt sich so, als ob seine Fiktion eine Wahrheit wäre. Er handelt unter der stärksten Nötigung und rettet sich zu seinem selbstgeschaffenen Gott, den er als wirklich empfindet. Und so empfindet er sich zugleich als Weib und als gesicherter Übermann, letzteres in der Reaktion des übertriebenen männlichen Protestes. Die scheinbare Spaltung der Per- sönlichkeit entspricht dem psychischen Hermaphroditismus, der Formen- wandel ist ein mannigfacher, drückt sich beispielsweise in der Ver- einigung von Verfolgungs- und Grössenideen, von Depression und Manie aus, während die Fixierung des Wahns als Selbstschutz durch rela- tive Insuffizienz oder als absolute Schwäche der korrigierenden Bahnen erleichtert wird. Hebt man in der Freud sehen Gleichung der Demen- tia praecox (Jahrbuch Bleuler-Freud 1911) die überflüssigerweise hineingetragene Sexualisierung auf, kürzt man sie auf beiden Seiten um den überflüssigen Faktor der Libido, so kommt unsere viel tiefer liegende I. Kapitel. Geiz, Misstrauen, Neid, Grausamkeit usw. 85 Formel des psychischen Hermaphroditismus mit männlichem Protest zum Vorschein, gegen die Freud in seiner Arbeit, ihre wahre Bedeutung verkennend, polemisiert.
Um auf unsere Krankheitsgeschichte zurückzukommen, sei noch er- wähnt, dass die Patientin in dem Gefühle ihrer Verkürztheit verschiedene Formen des männlichen Protestes bevorzugte. So brachte sie es nicht über sich, tolerant gegen Leistungen der Männer zu sein. Sie konnte da recht scharf Kritik üben, besonders „wenn sich einer überheben wollte". In diesen Fällen trifft es sich nicht selten, dass gerade Arzte mit selbstsicherem Auftreten, wie es vielen zur Krankenbehandlung nötig erscheint, von ihr mit neurotischer Heftigkeit und ebensolchen Mitteln bekämpft wurden. Freilich leitete sie dabei noch eine Art Instinkt, der ihr die Einfügung in ärztliche Gebote aus Rücksicht auf den Zweck ihrer Krankheit verbot. Aber es kam zuweilen so weit, dass eine harmlose ärztliche Einflussnah me mit Erbrechen und Üblich- lichkeiten beantwortet wurde, wobei Patientin nie verabsäumte, auf den „fehlerhaften" Eingriff des Arztes hinzuweisen. Man darf bei dieser Art von Erscheinungen die Ruhe nicht verlieren, muss vielmehr darauf hinweisen, dass diese Reaktion ein Teil des Ganzen, eine Formver- wandlung des ursprünglichen Neides gegenüber dem Manne, später gegenüber dem vermeintlich Überlegenen vorstellt.
Dabei machte die Patientin von gewissen Privilegien ihrer Krank- heit einen ausgedehnten Gebrauch. Vor allem konnte sie sich allen gesellschaftlichen Verpflichtungen, die ihr die Rolle als Hausfrau und als hervorragende Persönlichkeit einer Provinzstadt auferlegte, so- weit entziehen, als sie nur wollte. Sie empfing wohl Besuche, denen sie ihr Leid klagte, erwiderte aber nur in Ausnahmefällen und sicherte sich so, wie es regelmässig bei Nervösen geschieht, eine bevorzugte, privilegierte Stellung. Nebenbei war es ihr dadurch ermöglicht, Ver- gleichen und Musterungen, in unserem Sinne also Prüfungen, auszu- weichen, wozu gesellschaftliche Veranstaltungsn in der Regel Anlass geben *). In den letzten Jahren schreckte sie ausserdem noch der Ge- danke, dass sie infolge ihres zunehmenden Alters der Möglichkeit einer Wirkung auf Männer beraubt war. Eine Freundin zeigte ihr in nächster Nähe, wie lächerlich jugendliches Gebaren einer alternden Frau von der Gesellschaft empfunden wird. Und so entschloss sie sich, in ihrer Tracht mit besonderer Schärfe auf ihr Alter hinzuweisen, wobei der herbe Gedanke an die Oberfläche des Bewusstseins drang, dass ein Mann in ihren Jahren durchaus noch nicht in die Ecke gestellt sei.
Es war seit jeher von ihr mit Bitterkeit empfunden worden, dass sie ihr Leben in einer Provinzstadt zubringen musste. Instinktiv drängte sie in mancherlei Weise auf eine Übersiedelung nach Wien. Doch war eine solche im offenen Kampf gegen den um viele Jahre älteren Gatten nicht zu erreichen, weil dessen unversiegbare Liebenswürdigkeit und Nachgiebigkeit in allen anderen Punkten sie entwaffnete. Sie verfeindete sich aufs heftigste mit ihrem Bruder und arrangierte eine unglaubliche Angst vor einem Zusammentreffen mit ihm in dem kleinen Städtchen. Als dies nicht genügte, stellte sich eine unüberwindliche Schlaflosig- keit ein, als deren Hauptursache sie das nächtliche Wagengerassel vor den Fenstern ihres Schlafzimmers beschuldigte. So erzwang sie eine x) Sie war „enthoben", würde man in der gegenwärtigen Zeit sagen.
86 I. Kapitel. Geiz, Misstrauen, Neid, Grausamkeit usw.
zeitweilige Übersiedelung nach Wien, bezog in der Nähe der Woh- nung ihrer Tochter ein Heim, dessen himmlische Ruhe sie immer hervorhob, wo sie auch ihren Schlaf wiederfand.
Seit ihre Tochter in Wien wohnte, war ihr die kleine Provinz- stadt immer mehr verhasst geworden. Die Analyse ergab in Überein- stimmung mit den anderen Richtungslinien, dass sie die Tochter um ihren Vorrang, zu dem sich auch ein Adelsprädikat gesellte, heftig be- neidete. Auch sie wollte in Wien wohnen und hätte dieses Vorhaben längst ausgeführt, wenn ihr nicht in Wien eine neue Gefahr gedroht hätte, und zwar die Ausgaben der Tochter aus eigenen Mitteln decken zu müssen.
Die Rivalität mit der in Wien wohnenden Tochter lag völlig im Unbewussten und deckte eine kindliche Richtungslinie: die ver- zärtelte ältere Schwester übertreffen zu wollen. Auch diese Richtungslinie erwies sich als Äquivalent der grundlegenden, die dahin ging, die grössere Geltung zu haben, an Stelle des Bruders zu sein.
Durch die starken Geldausgaben, zu denen sie in Wien genötigt war, kam ein Widerspruch in ihren männlichen Protest. Der Xeurotiker mit seinem peinigenden Gefühle der Verkürztheit lässt sich ungestraft nichts nehmen. Er empfindet eine weitere Verkürzung als Verminderung seines Persönlichkeitsgefühls und gemäss seiner Leit- linie so, als ob dies eine Kastration, eine Verweiblichung, eine Vergewaltigung wäre, zuweilen auch im Bilde einer Seh wanger- schaft oder einer Geburt1). In unserem Falle traten besonders die analogischen Empfindungen einer Schwangerschaft zutage. Üblichkeiten, Bauchkrämpfe und Zwangsgedanken einer bestehenden Gravidität machten sich geltend 2), Schmerzen in den Beinen stellten eine Phlegmasia alba dolens vor, während eine hartnäckige Obstipation in der „Anal spräche*' ihre „Krankheitsle^itimation" ausmachte. Sie selbst und ihre Umgebung mussten sich ständig um ihren Stuhl bekümmern. Der ständige Aus- druck des Leidens und die Präokkupation mit ihm wurde so fest be- gründet.
Ein tieferes Verständnis der Neurosenausdrucksweise scheint mir unmöglich ohne Kenntnis des von mir aufgedeckten „Organjargons" 3). Die Folklore kennt diese Tatsache in den Äusserungen der Volkssprache und Volkssitten. Freud hat diesen Jargon missverstanden und hat aus dessen Bildern den Grundpfeiler der Libidolehre, die Theorie der erogenen Zonen geschaffen. Besonders seine Arbeit über den „Analcharakter und Analerotik"' ist voll von gequälter und abgemarterter Phantasie. Der springende Punkt ist die relative Minderwertigkeit bestimmter Organe, das Verhalten der Umgebung zu deren Äusserungen sowie der Gesamteindruck von beiden in der Seele des Kindes. Neurotisch dispo- nierte Kinder werden die ihrem protestierenden Persönlich- ') Das heisst: die Denkoperation geschieht nicht entlang dem Realen, sondern gerät auf Analogien und Symbole, deren fälschende Affektbegleitung die Angriffs- bereitschaft des Nervösen steigert. Letzteres aber entspricht der unbewussten, leitenden „opinio". Die Verbildlichung, das Symbol, die Analogie stehen als,, Multi- plikator" im Dienste der Aggression, zu der das Persönlichkeitsideal den Nervösen zwingt. Die B'rau als Sphynx, der Mann als Mörder usw.
2) Bei einer „Laktationspsychose" sah ich eine naturgetreu gespielte Geburts- phantasie im Dämmerzustand. Seit der Ehe bestand eine tiefe Abneigung gegen das Gebären.
I. Kapitel. Geiz, Misstrauen, Neid, Grausamkeit usw. 87 keitsgefühl entstammenden Charakterzüge wie Trotz, ge- steigertes Zärtlichkeitsbedürfnis, übertriebene Reinlichkeit, Pedanterie, Ängstlichkeit, Ehrgeiz, Neid, Rachsucht usw. mit geeigneten Äusserungen ihrer Organminderwertigkeit, insbesondere mit Kinderfehlern zu ver- binden trachten, um sich eine besonders wirksame Repräsentation zu verleihen. Einer meiner psychogenen Epileptiker hatte zur Verstärkung seines männlichen Protestes ein solches „Junktim", — eine Ver- schränkung, — in Amvendung gebracht, indem er zumeist seinen Anfällen eine Obstipation vorausgehen Hess, um bange Ahnungen bei seinen Angehörigen zu erwecken und sich so in Fällen von Herabsetzung in Erinnerung zu bringen. Gegen Ende der Säuglingszeit kann der Trotz und der kindliche Negativismus schon deutlich entwickelt sein. Eine Verbindung derselben mit Stuhl-, Urin.- und Essanomalien ergibt dann die verstärkte Resonanz. „Das Kind, das sich weigert, seinen Stuhl abzusetzen", bezieht seinen Lusterwerb nicht aus einer Reizung des Afters durch zurückgehaltene Kotmassen, sondern aus seinem befrie- digten Trotz, der sich dieses unhonorigen Mittels bedient, kann aber gelegentlich bis in spätere Jahre, bis zur Heilung von seinem Trotz den Afterempfindungen die Lustqualität andichten. Von einer Mutter eines nahezu 2jährigen Mädchens, das noch an Bettnässen litt und die Zeichen des verstärkten Trotzes, negativistische und überaus selbständige Züge zeigte, vernahm ich als oftmals beobachtete Tatsache, dass das aus dem Schlafe geweckte Kind noch schlaftrunken seine Notdurft verrichtete, wenn es aber vollständig erwacht war, dies verweigerte. Erwachte es gegen Ende seiner Verrichtung gänzlich, so warf es den Topf um und heulte längere Zeit aus Wut über die Überrumpelung; blieb es schlaftrunken, so schlief es dann ruhig weiter. Ein 17 monat- liches Mädchen äusserte regelmässig und fälschlich Stuhldrang, wenn es die Mutter aus dem Nebenzimmer herbeirufen wollte. So lässt sich in allen Fällen zeigen, dass das Eigengefühl des Kindes in der frühesten Zeit sich in einem offenen und latenten Gegensatz zur Umgebung be- findet, dass es kämpfend und erobernd im weitesten Sinne auftritt, bis es schliesslich alle diese aggressiven Regungen (S. der „Aggressions- trieb im Leben und in der Neurose", in „Heilen und Bilden" 1. c.) einheitlich summiert, sie zum männlichen Protest ausgestaltet und diesen in Gegensatz stellt zu den Regungen der Weichheit, der Unterwerfung und der Schwäche, sowie zu den Erscheinungen der Minderwertigkeit, welche es insgesamt als weibliche Symptome empfindet und bekämpft. Nur dass zuweilen Verschränkungen zustande kommen, bei denen der männliche Protest weibliche Symptome unterstreicht, um sie für sich zum Schreckpopanz zu verwerten, oder dass er weibliche Symptome trotzig oder feige fixiert und so hermaphroditischen Bildungen Eingang verschafft, die gleichwohl in der Richtung des männ- lichen Protestes wirken. Z. B. Tränen, Krankheit, Simulation und Über- treibung, Kinderfehler. Die übergeordnete, kämpferische Leitlinie: ich will ein Mann sein, — zieht dann alle brauchbaren, feindseligen körperlichen Symptome in ihren Bereich, unter diesen vor allen die Minderwertigkeits- erscheinungen, auf welche die eigene Aufmerksamkeit und die der Um- gebung vorwiegend gerichtet ist. So kommt es, dass dann der männliche Protest sich einer Organsprache bedient, um sich zum Ausdruck zu bringen. Ein schönes Beispiel, das in neurotischen Phantasien häufig wiederkehrt, ist die Jugendphantasie Leonardo da Vincis: ein Geier 88 I. Kapitel. Geiz, Misstrauen, Neid, Grausamkeit usw.
stösst ihm den Schwanz wiederholt in den Mund. Diese Phantasie bringt die psychische Konstellation des Künstlers auf die knappste Abstraktion. Mundphantasien lassen sich regelmässig auf Minderwertigkeitserschei- nungen des kindlichen Ernährungstraktes zurückführen. Eine Frucht dieser gerichteten Aufmerksamkeit sind wohl die Ansätze Leonardos zu einer Ernährungswissenschaft gewesen. Der Schwanz des Geiers ist Phallus- symbolik. Die Summierung dieser beiden Linien ergibt den charak- teristischen Grundgedanken: ich werde das Schicksal einer Frau erleben. Aber schon die straffe Fassung zu einer symbolischen Leitlinie macht uns aufmerksam, dass diese und ähnliche Gedanken- gänge keinen psychischen Abschluss bedeuten, sondern nach dem Drange unserer männlichen Kultur zu einem verstärkten Antrieb in der ent- gegengesetzten Richtung werden, zu einer Überkompensation nach der männlichen Seite führen müssen, wo sie die männliche Leitlinie um so schärfer herausarbeiten: „ deshalb muss ich so handeln, als ob ich ein voller Mann wäre". Dass diese beiden Leitlinien sich gegeneinander widerspruchsvoll verhalten, abgesehen von der Tatsache, dass jede einzelne, wie natürlich, mit der Realität in Widerspruch gerät, soferne sie „wört- lich" genommen wird und nicht bloss als praktisch nützlich und korrigierbar, habe ich bereits in der Arbeit über „psychischen Hermaphroditismus im Leben und in der Neurose" (in „Heilen und Bilden" 1. c.) hervorgehoben. Dieser Widerspruch spiegelt sich im Zweifel, in der Unentschlossenheit und in der Furcht vor der Entschei- dung, deren Analyse ungefähr den einfachen Tatbestand wiedergibt, dass in früher Kindheit eine Unsicherh ei t bezüglich der zu- künftigen Geschlechtsrolle bestand, in deren psychischem Über- bau alle späteren Wahrnehmungen, Empfindungen und Regungen in gewissem Sinne als zweifelhaft gruppiert werden: ich weiss nicht, bin ich ein Mann oder eine Frau (S. „Disposition zur Neurose" in „Heilen und Bilden" I. c).
Unsere Patientin drückt in der „Analsprache" den Gedanken aus, dass sie eine Öffnung verschliessen müsse. Ein deutlich weiblicher Gedanke. Man stelle sich in Frauenkleidung eine Anzahl von Männern und Frauen in einem Saal vor, in den plötzlich eine Maus gelassen wird. Die Frauen werden sich sofort als solche verraten, indem sie die Kleider eng um die Beine ziehen werden, als ob sie der Maus den Eintritt verwehren wollten. Ebenso verrät die Furcht vor Löchern, vor dem Ge- bissen-, Gestochenwerden, Gedanken von Verfolgung durch Männer, durch Stiere, vor der Rückenlage, nach rechts, nach rückwärts gezogen zu werden, gedrückt zu werden, Fallen und Ahnlichem, die weibliche, schreckende Leitlinie, auf die in der Regel mit der sichernden Angst reagiert wird1). Die Obstipation als neurotisches Symptom leitet sich aus einer angeborenen Darmminderwertigkeit ab, die unter Gedankengängen von Geburt und Geschlechtsverkehr zu nervösem Sphinkterverschluss hinüber- leiten kann. In der Tat litt Patientin in der Kindheit an Darmkatarrhen und gelegentlicher Incontinentia alvi, später an Obstipation und einer Fistula vaginalis ani. Dass die Obstipation unter der Herrschaft eines leitenden Gedankens über Verschluss der Höhlungen stand, geht auch ') Der gleiche männliche Protest führt in der Neurose zu Trismus, Blepharo- spasmus, Vaginismus, Sphinkterkrampf, Globus und Stimmritzenkrampf, die des weiteren als „Präokkupation" zur Enthebung von bestimmten Forderungen des Lebens Veranlassung geben.
I. Kapitel. Geiz, Misstrauen, Neid. Grausamkeit usw. 89 aus der Tatsache hervor, dass Patientin nach ihrer Hochzeit längere Zeit an Vaginismus litt. Die Obstipation der nunmehr alternden Frau drückt anal die gleiche Willensrichtung aus wie ihr ehemaliger Vaginismus: ich will keine Frau, ich will ein Mann sein! An die Ober- fläche dringt nur der Protestgedanke: „ich will die Frage meines Lebens nicht lösen \u Ich muss aus praktischen und theoretischen Gründen hier stark aus dem Rahmen einer Darstellung des Charakters herausgreifen, wie man ja überhaupt bei der Erörterung psychologischer Fragen das Ganze der Psyche heranzuziehen gezwungen ist. Ausserdem bietet dieser bis ins feinste Detail analysierte Fall so klare Einsichten, wie sie in anderen Fällen oft verhindert werden, weil nicht selten die Abhängigkeit vom Arzt oder von äusseren Verhältnissen Heilung oder Abbruch der Kur eintreten lässt, bevor das Schema, nach welchem der Patient seine Neurose gestaltet hat, völlig enthüllt ist. Und so will ich denn versuchen, bei diesem Fall das Schema, ein weit verzweigtes Sicherungsnetz gegen die Rolle der Frau, darzustellen, indem ich alle ihre Symptome diesem gewonnenen Schema einordne und die Wächter gegenüber der Aussenwelt, die Charakterzüge in synthetischem Zusammen- hange damit nachweise.
An dieses Schema (Seite 90) legte Patientin alle ihre Erlebnisse an, und wenn sie irgendwie passten, wozu bei symbolischer und mit tendenziöser Aufmerksamkeit überladener Apperzeption im Leben jedes Menschen genügend Anlass vorhanden ist, reagierte sie mit den entsprechenden Krankheitserscheinungen. Die sichernden Charakterzüge waren wie Vor- posten weit vorgeschoben, standen stets bereit abzuwehren, klärten die Situationen im Sinne der Leitgedanken auf und holten gegebenenfalls die Unterstützung aus der Summe der passenden Symptome. Ihre selbständigen Äusserungen waren stark gehemmt durch das zarte, verständnisvolle Be- tragen des Gatten und durch wohlwollende, gemeinsinnige Leitgedanken der Patientin. So kam es, dass das Grundschema: ich bin nur ein Weib! — seine Wirkung aus tendenziös gebliebenen Eindrücken der weiblichen Rolle schöpfte, wobei der unbewusste Mechanismus der männlichen Leit- gedanken das sichernde Memento abgab. Die gesunde Frau unterscheidet sich durch bewussteres Verhalten zur weiblichen Rolle, durch zweckmässige Einfügung und durch korrigierende Annäherung des Schemas an die Realität. Die Psychose brächte eine Verstärkung des fiktiven Schemas zu Sicherungszwecken und eine unlogische Haltung innerhalb des Schemas zum Vorschein; eine solche Patientin würde sich etwa betragen,